Anterhaltungsblatt des Alr. 138. Dienstag, den 21. Juli. 1903 IlBachdruck verbotene t°) I�IafLa. Koman aus dem moderne« Sizilien von Emil R a S m ü s s e n. � Sie hatten wie gewöhnlich Pläne gemacht, Pinna zu foppen, der, wie man wußte, die heutige Pacht bei Carmela 0U verbringen gedachte; man mußte die armseligen Freuden, die die Stadt bot, ausnützen. Es hatte sie argwöhnisch gemacht, daß der begehrliche Neapolitaner, der sonst seinem Magen über das Notwendige hinaus nichts gönnte, sich heute erlaubt hatte, Boens mit drei Spiegeleiern zum Frühstück zu speisen— natürlich abgesehen von den Herrlichkeiten, die„Gellias" Wirt für die vereinbarten dreiundvierzig Lire monatlich zu servieren in der Lage war. Abends datte er eine Zabaione(Eierpunsch) von drei Dottern bestellt. Es war klar, daß er sich zu irgend- einem heimlichen Waffengang oder einer Kraftprobe stärkte, und als man erst auf der Spur war, kam man bald auf den Zusammenhang. Als Pinna sich um acht Uhr von den Kameraden bei Nomeres verabschiedete— er schützte Zahnschmerzen vor t- wußten nicht bloß sie, sondern die halbe Stadt, daß er Carmela für die ganze Nacht gekauft hatte. Der Vorschlag, ihn in seinem Vergnügen zu stören, wurde denn auch mit allgemeiner Begeisterung aufgenommen. Denn war auch Pinna in feiner Einfalt ein ganz gutmütiger Mensch, so war er doch Neapolitaner, ein wahrer Capitar, Fracassa an Selbstvcrgötterung, der seine eigene breit- schulterige, brünette Schönheit anbetete und sich für unwider- stehlich hielt. In allen Fragen zeigte er ein überlegenes Besserwissen: es gab kein Ding unter der Sonne, über das er nicht seine Supcrklugheit auskramte. Darum wurden die Kameraden nicht müde, ihn einzuseifen, ohne daß es ihm selbst je einfiel, sich für den Gefoppten zu halten; er fühlte sich nur geschmeichelt durch die große Aufmerksamkeit, die man seiner Person schenkte. Auf dem Korso traf die kleine Schar den Ingenieur, der spazieren ging und sich mitziehen ließ. Carmela pflegte nicht zu öffnen, wenn sie nächtliche Feste gab; zum Glück aber fand man den allgegenwärtigen Pcnnfo vor der Diire. Er ließ die ganze Gesellschaft ein. Das Haus hatte etwas Arabisches an sich. Durch einen langen engen Gang kam man in einen kleinen Hof, aus welchen drei kleine schmutzige Zimmer mündeten. Hinter dem Zimmer zur Linken lag im Hintergrunde das Allerheiligste. die einzige ordentliche Stube des Hauses, ein luftiges Zimmer, dessen Fenster auf irgendeine kleine Seitengasse gingen. Die Gchellschaft nahm in dem kleinen dunkeln Raum rechts im Hofe Platz, welcher als Wartezimmer oder Empfanassalon diente, eine Art zwangloser Salon, in welchem sich die Kunden fast jeden Abend versammelten. Angelo schlug vor, man sollte sogleich einbrechen und eine Art Kriegstanz um das überraschte Paar, Mars und Venus, tanzen. Belcaro dagegen fand diesen Plair banal. Pinna sollte langsam mit Hilfe der Langeweile aus seinem Fuchsloch geräuchert werden. Pamfo, der vor Entzücken tanzte, lockte Carmela heraus, »ind als sie erst in dem fröhlichen Haufen war, nahm man sie gefangen und verschloß die Türe. Carmela war ein schönes Bauernmädchen von junonischen Formen. Einfältig, aber im Besitz eines gemütlichen, guten Bauernhumors, wirkte sie angenehm durch eine gewisse provinzielle Geradheit und bäuerliche Natürlichkeit, die die Dinge zwar derb anpackte, jedoch nie in Roheit ausartete. Wenn sie häusig sündigte, so beichtete sie auch nicht seltener, und über ihrem Kopfkisien brannte eine ewige Lampe für die heilige Anna, vor der sie sich mitunter mit der tiefsten Jnbrurrst auf die Knie warf. Als Carmela einsah, daß kein Pardon gegeben wurde. war sie rasch mit bei dem Spaß. Pamfo wurde nach Wein ausqesandt; mit gefüllten Gläsern und gepfefferten Ge- schichten verkürzte man sich die Zeit und wartet� gespannt, wie Pinna sich in feiner Einsamkeit gebärden würde. Allein die Stunden verstrichen, ohne daß er ein Lebens- zeichen von sich gab. Endlich schlich Belcaro auf Socken hinein, um durch das Schlüsselloch zu gucken. Der heiligen Anna Lampe brannte weiter, aber das Bett war leer. Die ganze Gesellschaft eilte herbei. Die Türe war von innen versperrt. Pinna war ausnahmsweise einmal der Klügere gewesen. Ohne den Schimpf abzuwarten, hatte er den Venus- tempel versperrt, den Schlüssel zu sich gesteckt und war durch das Fenster hinausgesprungen. Der Göttin blieb nur die Wahl, die Türe zu sprengen oder im Hundeloch zu schlafen. Ein wenig beschämt trabten die Freunde heimwärts, trennten sich auf dem Korso und gingen jeder nach Hause. Angelo begleitete den Ingenieur. Ohne daß sie& wußten, folgte Pamfo ihnen in einiger Entfernung. Schwer mid stumm stampften sie die kleine Steintreppe zur Piazetta hinauf und reichten einander die Hand zum Abschied. In diesem Augenblick erscholl ein durchdringender Todesschrei aus Calogeros Stube. Zugleich wurde die Türe aufgercfsen, und in dem Lichtschein, der herausdrang, sahen sie Calogero, mit einem Messer bewaffnet, der wahnwitzig schreienden Rusidda nachsetzen. Lo Forre sprang hervor, um Calogero zu packen, der, sowie er die beiden Männer gewahrte, über die Gaste abbog, mußte sich jedoch Angelos erwehren, der als echter Sizilianer ihn hindern wollte, den Mörder zu verfolgen. Einen Augenblick zeigte sich Pamfo, aber als er Angelo in das Haus gehen und hinter sich abrieKeln sah, verschwand auch er eiligst in den dunkeln Gäßchen. Auf dem Platze war Nusidda allein zurückgeblieben, kreischend wie eine Wahnsinnige: im Laufe weniger Minuten aber gab es schreiende Weiber in allen Fenstern, auf allen Altanen, und eine wahre Kanonade wurde von den Männern eröffnet, die ihre Nevolver in die Luft abschössen, um endlich die Polizei herbeizurufen. Calogero hatte einen Vorsprung bekommen, aber Lo Forte holte ihn ein und hielt ihn fest, bis der starke wütende Bauer den Augenblick ersah, ihm das Messer in den rechten Arm zu jagen und zu entkommen. Als Lo Forte mit blutüberströmtem Arm auf den Platz zurückkam, gab es hier ein Menschengewimmel, zumeist Weiber, die laut jammerten und heulten. In dem Stall, der Calogeros einzige Stube war, standen zwei Karabiniere(Gendarmen) über das Bett gelehnt, wo sein Weib in den letzten Zuckungen lag, eine breite Messerwunde in der Brust. Da zeigte Gräfin Lucia sich mitten in der Menge und nahm Rusidda, die heiser zischte und vor Schluchzen fast erstickte, mit sich fort. Die Karabiniere blieben als Wache bei der Leiche zurück, während der Platz sich allmählich wieder leerte. Eine Stunde darauf war es so öde und still, als sei nichts passiert. Es war ja nur ein Alltagsereign� Nur Angelo wachte noch. Auf seinem Tische fand er einen Brief von Lidda. Sie hatte geweint, seit er sie verlassen hatte. Sie hatte eS bereut, sich vergangen zu haben. Er möge gleich nächsten Morgen zurückkommen, sie könnt nicht ohne ihn leben. 5. Der große Tag des Jahres war da: das lange vor» bereitete Fest für den Beschützer der Stadt, den schwarzen Heiligen Calogero, nach dem jeder zweite Bürger genannt war. so daß es zugleich in bieten Häusern Namensfeste gab. Den Abend zuvor war er in seinem Boote aus Afrika angesegelt gekommen. Das Festkomitee hatte dieses mit Blumen und Bändern geschmückt und es vom Empedocle» Hafen hcrausgesckleppt. In, Volke gab cS keinen, der daran zweifelte, daß just dies Calogeros Boot sei, und man war. überzeugt, daß, hätte man am Festabend nach uralter Sitte das Boot verbrannt, Calogero von seinem Vaterland ab- geschnitten und gezwungen gewesen tväre. zu bleiben, wenn sie ihm auch das Leben in Girgenti noch so sauer gemacht hätten. Alle Kirchsnglocken der Stadt läuteten; jedes Haus hatte sich nnt bunten Teppichen geschmückt, die auS den offenen Fenstern weit über die Mauern herabfielen. Die Altane des Korsos drohten unter dem Gewicht weiblicher Neugierde zusammenzubrechen. Unten auf d.'m Korso herrschte wimmelndes Leben. Alles, was sich von den steilen Seitenaassen berabbewcoen konnte ober herabzubringen war, war in seinen beston Kleidern erschienen und trotzte Stunde um Stunde dem Sonnenbrande, um einen Schimmer von der Prozession zu erhaschen.. � Endlich hörte man den Gesang wie em fernes Gemurmel, das allmählich festere Form annahm. Weit unten konnte man die Weiber auf den Altanen knien sehen: ein Zeichen, daß San Calogero nahe sei. Dann kamen die singenden Chorknaben, duftende Räucherschalen schwenkend. Ihnen folgten die verschiedenen religiösen Bruder- schaften: Bauern und Handwerker, in lange, verschieden- farbige Kittel gekleidet und zehnpfündige Wachskerzen in den Händen tragend. Zwei und zwei wanderten sie in einer langen Kette dahin, während die Ordner in einem stark her- vortretenden Gefühl ihrer ungeheuren Verantwortung hin und her fuhren und sorgfältig aufpaßten, daß man die rich- tige Entfernung voneinander innehielt. Ein anmutiges Zwischenspiel bildeten die Konsirman- kinnen in ihren weißen Brautkleidern mit Schleier und Kranz auf dem Haupte und großen Blumensträußen in den Händen. Sie wurden behütet von den ihnen folgenden Mönchen und den züchtigen Nonnen, die aussahen wie ans Tageslicht geratene Fledermäuse. Dagegen schienen die nun daherziehenden Priester voll- kommen gleichmütig. Sie waren die einzigen, deren Ge- sichter keine Spur eines Gefühles davon verrieten, daß etwas Großes und Heiliges sich eben durch die Stadt bewege. Unter einem roten Baldachin, der von vier Männern getragen wurde, ging der Bischof in seinem pfauenscheckigen Festgewand. Alle dauerte dieser uralte Mann, der in der sengenden Sonnenhitze viele Stunden lang unter der Last der schweren golddurchwirkten Gewänder umherziehen mußte. (Fortsetzung folgt.)? Huf der Slalz— in'Cirol. (Aus dem Tagebuch eines Handwcrksburschen.) „Der Adam hat die Lieb' erfunden, Der Noah den Wein, Und der David das Zitherspiel: S' müssen Tiroler gewesen sein!" So steht es zu lesen an den Wänden der Tiroler Wirtsstuben. Die lieben Leute können hier gut lustig sein, sie jodeln sich, über das trübe Wetter und die damit verbundene Mißstimmung hinweg. Das war ein toller Sonntag gestern. Früh, als ich in dem Städtchen Lienz aufstand, hatte es in Strömen geregnet. Wie ein rechter alter Brummbär zog sich der Tag die Nebeldecke übers Gesicht und nur unterhalb— bleiben wir im Bilde— staken die Füße heraus. Dies waren einige trostlos dreinschauende Weiden am Ufer der flinken Nienz, schroffe aufdringliche Tannenhänge, die im Tal herüber kamen und dann wieder gingen und hier und da ein wasserscheues Häuschen,— das sich vor dem Regen fürchtete wie ein Kind vor dem Bade und sich unter seinem großen, breiten Schindcldache zusammenkauerte,— als ich bis Toblach fuhr. Mit- tags heiterte das Wetter auf. Es war mir geglückt, in den letzten drei Regentagen immer eine Tagesstrecke zu fahren und doch dabei mein Geld in der Höhe von etwa sechs Kronen zu halten. Als ich in Toblach ausstieg, war eS sonniger Mittag; der schöne, breite Eingang des Pustertals lag vor mir. Die Straße war wie blank gescheuert und trocknete auf. In einem der großen Paläste, die sich unweit vom Bahnhof gruppieren, glaubte ich mein Mittagsmahl halten zu können, doch die Saison ist tot und die Hotels hatten Türen und Läden geschlossen,— in einem kleineren Landhaus bekam ich dann noch eine Klohsuppe. Entgegengesetzt, auf der anderen Seite des Bahnhofes, inmitten großer, ebener Wiesenflächcn liegt Toblach. Der spitze Kirchturm ragt hoch über die kleinen Häuser hinaus, die sich einträchtig rings im Kreise um ihn lagern. Auf dem Weg hinab nach Bruneck kündet mir eine Tafel, daß hier die Talmitte die Wasierscheide vom Schwarzen und Adriatischen Meer bildet. In der nächsten Ortschaft Ricderdorf will ich meinen durch die Fahrt etwas geschwächten Geldbeutel wieder auffrischen. Wie ich an einem Hause an der Straße, das verschlossen ist, durch die Fenster spähe, springt hinter mir der Gendarm vom Fahrrad. „Ich habe nach einem leercn Zimmer suchen wollen, lieber Herr," suche ich mich auszureden; da ich aber mein ganzes Inventar mit auf oem Rücken herumtrage, erscheint meine Aussage wenig glaub- würdig. Er geht in das nächste Haus, um sich dort zu erkundigen, ob»ck wohl gebettelt hätte. Blitzschnell überschaue ich die Situakidtt und die Folgen, die daraus erwachsen: per Schub nach der Grenze und schließlich noch etwas anderes! Dann das Werk eines Moments: über bis Straße, hinter der nächsten Hausecke verschwinden und laufen« laufen und laufen, um womöglich den schützenden Wald zu er« reichen. Die Angst beflügelt meine Schritte. Ueber eine a«, schlossene Bahnschranke klettere ich hinweg, ein Zug keucht mir unt Rücken. Plötzlich ein Donnern und Krachen, Kugeln schwirren an meinen Ohren vorüber; ich bin durch die Feuerlinie des Schützenstandes gelaufen; in der Ferne klingt mir der Leute unbändiges Lachen nach. Jetzt die Bahn entlang, gedeckt durch den Bahnhof und zwei eben eingefahrene Züge. Am zweiten Uebergang steht der Gendarni vor der geschlossenen Barriere und kann nicht hindurch-. Seine Augen funkeln vor Wut, während mir das Herz wieder freudiges schlägt. Nun suche ich soviel wie möglich ab von der Straße zui bleiben und bin so durch den Bahnstrang sowie den parallel mit ihm laufenden Fluß doppelt gedeckt. Ueber Wiesen und tiefo Bacheinschnitte, über aufgeweichte Felder geht meine Flucht, ehs ich es endlich wage, die Straße zu betreten. Der Schweiß ist min heiß auf die Stirn getreten, doch der Körper schüttelt sich vor Frost. Noch einmal täuschen sich meine Augen, ich sehe auf der Chauffeq einen Radfahrer heranrasen. Nun gibt es keine Rettung, kurz ge« faßt wate ich durch das zurzeit hochstehende und reißende Wasser der Rien. Hier kann er mit seinem Rad nicht herüber! Als ich mich umwende, fährt ein Bauernbursche und nicht der Gefürchtete vorüber, der über mein sonderliches Gebaren den Kopf schüttelt. So bin ich zwei Stunden gelaufen, bis WelSberg, das nächste Dorf, mir auch längst im Rücken liegt. Ich mutz mich ein wenig verschnaufen. Die Kleider sind halbwegs wieder getrocknet. nur die Stiefel find noch von der unfreiwilligen Kneippkur voller Wasser. Ich bin heilfroh, daß es noch so gut abgegangen ist. Meine Blicke gehen zurück in die Landschaft, die ich unter solch! eigenartigen Umständen durcheilte. Aller Kleinmut fällt mir bei ihrer Schönheit; es ist die entzückendste Stelle des PuftertalS. Hinter den grünen Tannenhängen heben sich scharf gegen den nächt- lichen Himmel die mit frischem Neuschnee bedeckten Zacken der Am-> pezzaner Dolomiten, ein rosa beleuchtetes Wölkchen schiebt sich da« hinter. Welsberg mit seinen roten Dächern hüllt sich in der Tal« höhe zum Schlafen ein. Einige Bauernhäuser, hoch in den Bergen versteckt, schlafen schon. Nur der weiße Unterbau leuchtet aus dem Dunkel. Abwärts sprudelt die Rienz in ihrem tiefen Bett, immer weiter, bis auch sie, die braunen Wiesen und die herbstlich roteN Ufer in nächtliche Schatten verschwinden., Da perlen mir leise ein paar dumme Tränen auS den DugeN, ich fühle das„Gehetztwerden" und Verlassensein meiner Armut; eS ist Nacht— ich habe noch kein Obdach.! Ein schmaler Fahrweg führt zu einem Bauernhaus hinab. In! der Küche treffe ich das Dirndl, das mir bereitwilligst eist Ouar- tier, natürlich nur im Stall, zusagt.—, Wie ich dann in der dunklen, warmen Stube sitze, kvandern meine Gedanken heimwärts zu den Sonntagabenden im Heimat- haus. Ich sehe, wie die liebe, gute Tante die blaugeblümten Kaffee- tasten auf den Tisch stellt, einen Kuchen dazu holt und als zweites Gedeck hinterher Schinken, Wurst und Butterbrot.— Einer nach dem andern der Familie tritt in die Stube, ich begrüße jeden mit einem herzlichen„Grüß Gott", aber sie nehmen keine Notiz von mir. Dann erst, nach einer Frage, gelingt es mir, eine Verbin-- dung herzustellen. Ich hole die Landkarten und AnsichtSpostkartesti aus dem Rucksack und erzähle ihnen von meinen Reisen, die mich zu> Fuß bis nach Rom führten. Rings um den Tisch gedrängt, üben meine Achseln hinweg lauschen sie den Wundern der ihnen unbe- kannten Welt. So habe ich sie gefangen und ich bin dabei in den Bereich der kleinen Lampe gekommen, die von der holzgetäfclten Decke herab über dem Tische hängt. Bei den Namen„Peterskirche" und„Papst" zittern sie. Ich erzähle ihnen von den Wölfen in Rons und den Gänsen, die einst das Kapital retteten. Allmählich ver. spüre ich leise Hunger, das eine Dirndl hat schon die Kartoffel« schüssel im Arm und lauscht ebenso blöd wie die andern. Nur der Großvater schläft lang ausgestreckt auf der Bank vor dem großen Ofen. Nach einer Weile spricht der Bauer:„Esten!" Unvermittelt darauf treten auch schon alle betend und singend um den Tisch, knapp, daß ich Zeit habe, mein Zeug zusammenzupacken. Ich mur- mele mit gefalteten Händen mit. Während des Betens wird das Essen aufgetragen und noch allerlei Obliegenheiten verrichtet, ohne daß dies stört. Als erster Gang: Pellkartoffeln mit Salz. Wir wischen den Löffel am Tifchhich ab und lecken die Kartoffelreste von den Fingern. Dann geht es gemeinsam an eine Schüssel mit Kloßbrühe. Als Nachspeise flache, tellerförmige Brote und süße Milch., Da plötzlich, ich putzte eben meinen Löffel blank, ging wieder das Beten an; ich muß als letzter an die Tür treten. Vor dem Muttergottesbild, welches, mit einigen Behren und verbleichten Papierrosen geschmückt, in rußigem Speckglanz, inmitten der Wand jenseits der Tür hängt, ist der Bauer auf die Knie gesunken. Die Weiber hutschcn betend an den Bänken ringS in der Stube herum. Ein religiöser Wahnsinn scheint die Leute nach meinen Begriffen erfaßt zu haben. Der Bauer in seiner weißen Schürze als Haus« Priester spricht lateinisch, die andern fallen bei gewissen Stellen mit ein. Ich bin gänzlich außer Fassung. Dann spricht der älteste Bube das erlösende Wort für mich:„Schlafcnacben!" Er »Mknk mil den Patz&B, der Bauer unterbricht sein Pricstcramt Und fordert die Ttreichholzer; ich werde in den Stall geführt. I£S war eine böse Nacht. Wenn mich die Flöhe im Stall nicht bissen, so träumte ich stetig von dem Gendarm, her mich auf der tollsten Flucht immer einholte. �'?. dl. IMUncbemr Ausstellungen. Von Ernst Schur. I. Sezession und Glaspalast. München hat fich in diesem Jahre sehr anstrengen müssen. Die Raumkunst- und Kunstgewerbeausstellung. Sezession. Glaspalast. DaS nimmt die zur Verfügung stehenden Kräfte gehörig in Anspruch. Namentlich wenn das Cliquenwesen blüht und nur die Mitglieder einer bestimmten Gruppe zugelassen werden. Denn der Eindruck ist nicht so imponierend, wie er bei solcher Kraftanstrengung sein müßte. Man hat des öfteren die Empfindung, daß die Pose die Leistung ersetzt und das Programm größer war als das Können. Nichts destoweniger ist die Kritik meist geblendet, und die Lobreden der Kritiker begannen schon prompt, alS auf der Ausstellung München 1908 noch gar nichts zu sehen war. Doch davon später. Beginnen wir mit der Sezession, die am ehesten Münchener Charakter, und zwar fortschrittlichen zeigt. Eine geschlossene Gruppe von Künstlern, die nicht mehr überraschen, aber zufriedenstellen. Diesmal überraschen sie. Und zwar überraschen sie durch Zahmheit und Mattheit. So langweilig war die Sezession noch nie. Stofflich eine offenkundige Verlegenheit. Immer die gleichen, zu Tode gehetzten Sujets. Der Mangel an Keckheit und Wagemut ist offenkundtg. Die Talente fehlen. Die Erneuerung fehlt. Man ist verlegen. Und so sagt man sich, daß hier wohl immer Mode- richtungen den Ausschlag geben. Man malte grau, dann tonig. dann spachtelig usw. Uno nun ist keine neue Mode da. Stillstand. Man wurstelt weiter und sucht die Verlegenheit zu verbergen. Im Anfang war Stuck. So heißt eS in München. Man kann in München in seinen Leistungen immer mehr herunterkommen, und doch behält man, dank einer eigentümlichen Konstellation der Um- stände, einem gefüllten Beutel und einer draufgängerischen, renom- mistischen Pose(auch der Einfluß der Frauen ist von hoher Bedeutung), sein Ansehen. Diesmal kommt Stuck& la Velasqucz. Er malt Kinder von einem Kindermaskenfest in spanischen Kostümen, so steif, so grell bunt und teilweise so schlecht gezeichnet, daß die Entgleisung dieses Geschmacks und die Hohlheit des Könnens, die durch Kopieren und Uebertreiben der eigenen Manier zu überdecken gesucht wird, kaum zu übersehen ist. Eine andere Größe ist U h d e. dessen großes Bild„im Atelier" viel zu umfangreich ge- raten ist und daher viel leere Stellen aufweist. Am liebsten schnitte man das kleine Kind, das im Hintergrund steht, dessen Kopf mit dem blonden, lockigen Haar fein und leicht gemalt ist, auS dem Bilde heraus, es wurde sich allein besser machen. H e r t e r i ch erscheint mit großen Deckenmalereien, die künstlich in einem alten Charakter gehalten find, während man doch gerade auf diesem Gebiet nach neuen Taten ausschaut, die, nach all den vielen vorausgegangenen Versuchen, wirklich nicht zu schwierig wären. Die Biedermercrnote ist diesen Schöpfungen aufgeprägt, und man denkt gar zu sehr an die üblichen Dcckenbilder m alten Schlössern. Hinzu kommt noch, daß den Farben künstlich ein alter Ton gegeben wird, so daß die Malereien etwa aussehen wie alte Gobelins. Doch machen sich die Skizzen immer noch besser als die ausgeführten Deckenbilder, die im Saal des Hauptrestaurants zu sehen sind, wo man feststellt, daß sie jeder Raumwirkung entbehren. Unter diesen Umständen schätzt man Zügel als einen aufrichtigen, selbständigen KünsUer und empfindet bei dem Tierbild.Kühe auf der Weide" eine gewisse Monumentalität des Lichts und der Farben. Auch die L a n d s ch a f t, die sonst immer gute Vertreter hatte, läßt zu wünschen übrig. Die jungen Kräfte treten hier nicht auf, sie find in der FrühjahrSauSsiellung zu sehen, und so macht sich auch hier eine allgemeine Mattigkeit und Gleichgültigkeit bemerkbar. Die Frische ist verloren gegangen, dagegen bemüht man sich, künstliche Posen anzunehmen. Man will primitiv sein, die einen malen wie die Japaner, andere wie alte Deutsche. Auch im Porträt ist nichts Neues zu bemerken. Kein neuer Charakter. Man sucht die Engländer nachzuahmen und wird dabei noch oberflächlicher als fie. Man scheut sich vor jeder entschiedenen Note, oder vielmehr, man fühlt dazu keinen Anlaß in sich. Butler macht eine Ausnahme. Er stellt«ine alte Frau sitzend dar vor grauem Hintergrund und stimmt die Farben(ein stumpfes Grau überwiegt) sehr geschmackvoll und mit einer gewissen Großzügigkeit zueinander. Auch Samberger wäre noch zu erwähnen, der sich ein wenig aufgefrischt hat und in einigen charaktervollen Porträts beweist, daß er nicht so in Manier untergehen will wie seinerzeit Lenbach. Von jüngeren Künstlern sind zu erwähnen Landenberger, der eine hübsche kleine Landschaft ausstellt, einen Blick ins Tal. wo »nebrere Dörfer sichtbar werden und die Luft sehr weich gemalt ist' er hat auch mehrere Tierstillcben ausgestellt, Hühner, Geflügel, bis sich durch eine feine, graublaue Farbe auszeichnen. Auch Hummel zeigt sich wieder als ein Künstler von eigener selbständiger Art; er weiß graurosige, zartgrüne, mattviclette Töne zu einer aparten Harmonie zu vereinen, und nanrentlich ein Stilleben mit Gläsern auf prächtig schimmernder blauer Decke zeichnet sich durch seine silberige Schönheit aus. Etwas gewaltsam behandelt L a m m die Landschaft: er strebt zum Dekorativen hin und arbeitet wie mit blockartig gemeißelten Farbstücken. Diese wenigen Namen tvärcn zu nennen. Bei vielen anderen fragt man sich mit einer gewissen Verlegenheit, weshalb sie eigcnt- lich hier sind. In der Plastik sind es die Porträts, die als ernste Arbeiten auffallen. Sonst macht sich meist bei größeren Entwürfen eine Nach- ahmung Hildcbrandscher Auffassung bemerkbar, die nachgerade monoton wirkt. Neue Art zeigt sich in einigen holzgeschnitzten Arbeiten. Tierdarstcllungeir, deren breite, kräftige Behandlung dem Material sehr gut angepaßt ist. N o d i n hat einen großen schreitenden Torso ausgestellt, dessen vibrierende Körperlichkeit die Eigenart seines Könnens, das Einzelne zu beleben und das Große zu sehen, wieder beweist. Zwei liegende Akte fallen durch die schöne Weichheit der Behandlung auf; auch die Gesichter sind charaktervoll ausgeprägt; die Arbeit ist von B e r m a n n. Die graphische Ausstellung ist nicht mehr als ein Vcrlcgenheits« arrangement, das man mit anbringt, weil es nun einmal so üblich ist. Gerade in München, wo die Graphik eine so aufmerksame Pflege erfährt, berührt das doppelt eigentümlich. Auch das Ausland ist wenig imponierend vertreten. Man sieht von Naffavli einige kleinliche Landschaften, und mit großer Ueberraschung nimmt man tvahr, wie sehr der Schwede Zorn, der sonst so kräftige und markante Arbeiten lieferte, nachgelassen hat. Er ist zu einer unerträglich platten Manier gekommen, seine Farben» wähl entbehrt jeder Keckheit, sie ist konventionell geworden, und nur manchmal noch merkt man an Einzelheiten, wie z. B. an der Be- Handlung einer Hand, die alte Feinheit. Auch der Schwede Larson, dessen Werke sonst eine ftische Volkstümlichkeit atmeten, zeigt hier trockene und schcmatische Arbeiten, in denen die eigene Art zur Manier erstarrt ist. So macht sich im allgemeinen ein Niedergang bemerkbar. Man weiß anscheinend nicht, wem man folgen soll, wem man nachahinen soll. Man hat nicht mehr die alte Frische, das freudige Suchen, und für neue Jntensioncn fehlt die Zufuhr. Die modernen Franzosen haben hier noch nicht ihren Einzug gehalten, und so sind den Münchenern eine Fülle neuer Anregungen entgangen. Schramm- Zittau hat offenbar die Stadtbilder von Monet gesehen und malt nun Straßenszencn aus München, die aber jeder Poesie des Lichts und der Farben entbehren und gerade daS Beste vermissen lassen. was den Maler an solchem Motiv reizt, das Zuckende, Vibrierende. Flimmernde. In diesem Ensemble wirken die Verliner Künstler Verhältnis- mäßig gut. Die Landschaften von H ü b n e r zeichnen sich durch einen feinen, grauen Gesamtton aus. Und namentlich C o r i n t h wirkt hier frisch und elementar. Nur Leistikow liefert hier eine Landschaft mit einem sehr geschmacklosen, blaurosa getönten Wasser. Inhaltlich sowohl wie technisch macht sich eine allgemeine Ver- lcgenheit bemerkbar. Man nimmt Motive wieder auf, deren Süß» lichkeit man früher verabscheut hätte. Sonst hatte man, ging man durch diese Säle, das Gefühl der Kraft, jetzt hat man das kleinliche Empfinden, daß man nicht weiß, welcher Mode man folgen soll. Abgeschlossen scheint daS Wirken einer alten Generation, und der Platz für das Auskommen einer neuen ist anscheinend frei. Der Glaspalast mit seinen fünfzig Sälen, vollgepflastert mit einigen tausend Bildern, hat den einen Vorzug, daß man genau weiß, man braucht sich nur einen Saal anzusehen, den Saal der Scholle. Auch hier scheint eine Aenderung der Taktik vor sich gegangen zu sein. Man schließt sich in München schnell zusammen und kommt ebenso schnell zusammen. Was man Cliquenwesen nennt. Die Scholle aber war bisher immer noch etwas Neues in Münchener Kunstleben. So bedauert man, daß die Zahl der Künstler, die mitwn, sich stark vermindert hat. Es fehlen Feldbauer. Eichler, Georgi, Erler, vier der kräftigsten Künstler. Bleiben Münzer, Putz, Püttner. Zur Erklärung wird wohl der Umstand dienen müssen, daß die Ausstellung 1903 die Kräfte alle für sich in Anspruch genommen hat, was allerdings für die Sezession keins Entschuldigung ist. da diese Künstler an der Ausstellung nicht mit- gearbeitet haben. Was den allgemeinen Eindruck anlangt, so erlebt man zuerst eine Ueberraschung. Die Farbenanschanung hat sich geändert. Früher war alles weiß. hell, licht. Jetzt ist man dunkler, abgetönter und satter in der Farbe. Dies trifft namentlich zu bei Putz» der offenbar Manets Vorbild auf sich wirken läßt. Er hat zwar noch einen der üblichen liegenden Akte im Freien ausgestellt, der seine alte Art zeigt; das Porträt zweier Mädchen aber im Zimmer vor einem grünschwarzen Sofa in dunklem blauem Kleide zeigt im Arrangement einen strengeren Aufbau und berührt in der ruhig-großen Farbenioirkung des dunklen Blau und Grün sehr wohltuend, so daß man diese» Werk als eine besonders reise Schöpfung des Künstlers anspricht» MünzerS Art ist eine andere. Er ist weicher, nicht so keck. Mit Vorliebe stellt er die Farben gelb und grün zusammen, und die leichtverschwommene Art seiner Pmselführung, die doch auf den großen Eindruck ausgeht, ist für ihu charakteristisch. Er hat in dieser Manier Damenbildnisse gemalt, deren weiche Leuchtkraftivon ehrlichem Studium vor der Natur zeugt. Der dritte im Bunde ist Püttner, der sich diesmal am marlanteften heraushebt. Er zeigte sich früher stark von Trübner beeinflußt, hat sich aber von dieser Manier wieder ganz freigemacht und sucht auch sich in seiner Stoffwahl zu bereichern. Das Breit« stachige seiner früheren Malweise ist einer intimeren Anschauung gewichen. Ein eigentümlich grauer Ton, der von der Umgebung abweicht, gibt den Bildern eine feine Erscheinung, die im Wesen an PankokS Manier erinnert, härter und strenger wie die übrigen ist. Namentlich eine kleine Landschaft ist in dieser Beziehung sehr fein gesehen. xNachsrus verboten.) feuerfcbiffe. Das Interesse und das Verständnis für alles, was mit der Seeschiffahrt zusammenhängt, ist heute so verbreitet, daß auch jeder Binnenländer schon einmal von Feuerschiffen gehört hat. Wie der Rame sagt, sind es schwimmende Leuchttürme, Schiffe, die in See auf flachen Stellen oder in der Nähe der Küste liegen, um den Schiffer vor der Annäherung cm gefährliche Untiefen zu warnen oder ihm den Weg in den Hafen zu weisen. Es ist ein einsames Leben, das die Besatzung des Schiffes führt. Im Sommer, wenn die Tage lang und das Wetter gut, läßt es sich leichter ertragen. Da vertreibt man sich die dienstfreie Zeit mit Fischen und Seehundsjagd, und von Zeit zu Zeit kommt als willkommene Abwechselung ein Regierungsdampfer, der das Schiff außer mit neuem Proviant. Brennstoff und Wasser, auch mit Zeitungen und Post versorgt. Zudem bekommt jeder Mann der Besatzung im Sommer ein um den anderen Monat vier Wochen Urlaub. Abcr im Winter, wenn die Nacht kaum dem Tage weicht, wenn das Schiff in dem aufgeregten Meer stampft und rollt, so daß wochenlang das Proviantschiff vergebens sich zu nähern sucht, dann ist das Leben an Bord dieser Schiffe hart und entbehrungsreich, und oft schweift der Sinn des Feuerschiffmanncs dann nach dem kleinen Hause hinter dem Deich, wo Frau und Kinder bei jedem Windstoß an den Ernährer draußen auf See denken. Mit den Fortschritten der Schiffahrt haben sich die Ansprüche die Feuerschiffe bedeutend gesteigert, und ein Feuerschiff hat heutzutage eine viel mannigfaltigere Ausrüstung als der Name vermuten läßt. An Stelle der früheren einfachen Schiffe mit großen Lampen, deren Licht nur von Spiegeln zurückgeworfen tourde, find heutzutage eigens für ihren Zweck gebauke Fahrzeuge znit allen möglichen technischen Errungenschaften getreten. Bei Tage sieht man schon von weitem den rot gemalten Rumpf des Schiffes leuchten. Wenn man näher kommt, erkennt man seine schlanken gefälligen Linien, und steigt man cm Bord, so über« raschen uns die große Sauberkeit und Geräumigkeit des Schiffes, das bei einer Länge von 48 Metern etwa 7 Meter breit ist. In der Mitte erhebt sich ein schlanker eiserner Turm, der auf seiner Spitze, etwa IS Meter über dem Wasserspiegel, die Laterne trägt. die nachts dem Schiffer das Wcrrnungszeichen gibt. Da elektrisches Liebt zu hohe Betriebskosten erfordert, bedient man stch des Fett- gaslichtes. In das Schiff sind zwei große Gasbehälter eingebaut, die einen für 12 Monate reichenden Gasvorrat aufnehmen; durch eine Rohrleitung wird das Gas in die Laterne geführt, genau wie bei unserer Gasbeleuchtung an Land, nur daß die Feuer- schiffslaterue nicht so einfach und billig ist wie eine Straßen- latente, sondern Zehnt ausende kostet, da sie ein recht verwickeltes optisch-mechanisihes Kunstwerk ist: erstens wird das Licht durch sehr genau geschliffene Prismen, deren Herstellung sehr kostspielig ist, konzentriert und zweitens durch ein minutiös arbeiteudes Uhr- werk in bestimmten Zwischeuräume» verdunkelt. Mit dieser ab- wechselnden Verdunkelung hat es folgende Bewandtnis: Man unterscheidet feste Feuer und unterbrochen«; die festen brennen stets in gleicher Farbe und gleicher Stärke und weichen vornehmlich zur Bezeichnung von Hafeneinfahrten verwendet. Zur Warnung vor Untiefen dagegen nimmt man Feuer, welche in be. stimmten Zwischenräumen unterbrochen— verdunkeli— werden; g. 53. verschwindet das Feuer von Amrum Bank 10 Sekunden, leucktet dann 0£ Sekunden auf, verschwindet wieder und leuchtet 02 Sekunden, worauf der Turnus von vorn anfängt; Feuerschiff Elbe I zeigt alle 20 Sekunden einen Blink von 8 Sekunden, und da in den Seekarten und Feuerbüchern diese.Kennung' jedes Leuchtfeuers verzeichnet ist. kann der Seefahrer, wenn er ei» Feuer sichtet, feststellen, welches er vor sich hat. Neben den nächtlichen Lichtsignalen hat man auch schon in früheren Zeiten auf den Feuerschiffen bei Nebel Signale gegeben, und ebenso wie die Laternen vervollkommnet worden sind, sind es die Nebelwarnungen. Früher bediente man sich einfach� einer Handglocke, jetzt sind die Schiffe mit Druckluft- oder Dampfhörnern ausgerüstet, und die Ret. Isignale. die damit abgegeben werden, haben ebenso wie die Laternen ihre bestimmte.Kennung'. Elbe I z. B. gibt einen 9 Sekunden langen Ton mit der Sirene, dann folgt eine Pause von 12 Sekunden und dann ein V Sekunden langer Ton mit einem Dampfhorn; diese Signale werden nach einer Pause von 8V Sekunden in derselben Reihenfolge wiederholt. In der allerletzten Zeit hat man eine Erfindung gemacht, die Unterwasserglocke,-die auf der Tatsache beruht, daß da? SSasser den Scholl vorzüglich weiter leitet. Auf dem Feuerschiff Amrumbank geht durch den vorderen Teil des Schiffes ein runder Schacht, durch den bei Nebel eine große Glocke in das Wasser gelassen wird. Mittels Drucklust wird der Klöppel der Glocke unter Wasser bewegt, und die Töne, die er hervorbringt, pflanzen sich in der See nach allen Seiten fort. Nicht jedes Schiff kann freilich diese unterseeischen Töne vernehmen, sondern nur solche, die mit einem„Empfänger" ausgerüstet sind. Dieser besteht aus zwei Membranen, die auf beiden Seiten des Kiels, also unter Wasser, an der Außenhaut deS Schiffes befestigt sind und die unterseeischen Töne aufnehmen und durch ein Telephon auf die Kommandobrücke übertragen. Je nachdem der Kapitän am linken oder am rechten Telephon die Glockentöne vernimmt, weiß er, ob er das Feuerschiff, das er wegen des Nebels nicht sehen kann, zur Linken oder zur Rechken hat, und unsere großen Dampfer haben sich mittels dieser Unterwasserschallfignale bei Rebel ohne Unfall die ganze Nordsee, küste entlang gefühlt. Der Sicherung des Verkehrs im Nebel kann man auch eine andere Einrichtung nutzbar machen, mit der unsere Feuerschiffe, wenigstens die der Nordsee, feit mehreren Jahren ausgerüstet sind: die drahtlose Telegraphie. Während in der Kriegs- marine jedes größere Schiff mit Funksprucheinrichtung versehen ist, sind es von Handelsschiffen freilich nur wenige. Eines von diesen, der Schnelldampfer Kaiser Wilhelm II. des Norddeutschen Lloyd, hat im Juni auf der Rückreise von New Donk die Erfahrung gemacht, daß die drahtlose Telegraphie nicht nur zur Uebertragung von Rachrichten, fondern auch zur Orientierung bei Nebel geeignet ist. Als der Dampfer den englischen Kanal ansteuerte, herrschte dichter Nebel, so daß Scillh nicht zu sehen und nicht einmal seine Nebelstgnale zu hören waren. Ms der Kapitän nun bei der An- Näherung von Lizard auch das dortige Nebelfignal nicht hören konnte, fragte er durch Funkentelegraphie dort an, und erhielt den Bescheid, daß die Mareonistatron das Dampfpfeifensignal des Dampfers etwa 2 bis 3 Seemeilen südlich hörte. Der Kapitän teilte der Station mit, er würde dreimal mit der Dampfpfeife blasen, und bat ihm Bescheid zu geben, ob das Signal dort gehört worden wäre. Hierauf bat die Station, zwei Minuten zu warten und dann zu pfeifen. Nachdem dies geschehen war. teilte die Station durch Funkspruch mit, daß sie das Signal ganz deutlich cmerab vernommen habe. Hiernach konnte der Kapitän den Schiffsort bestimmen und Kurs auf Plymouth absetzen. Auf den deutschen Feuerschiffen wird durchweg das deutsche Telesunkeu« system verwendet; die Bedienung der Apparate liegt dem Kapitän und dem Steuermann ob, die sich in die schwierige und der See- Mannschaft doch ganz fernliegende Aufgabe gut hineingefunden haben. Eine grundlegende Neuerung, die die modernen Feuerschiffe gegenüber den älteren aufzuweisen haben, besteht darin, daß sie mit Dampfmaschinen zur Fortbewegung versehen find. Freilich find diese Maschinen nicht sehr stark— etwa 200 Pferdekräfte—, und der verhältnismäßig geringe Kohlenvorrat, den das Schiff fassen kann« reicht nicht für lange Reisen, aber die Maschine ist doch stark genug, daß sich daS Schiff mittels ihrer in den Hafen retten kann, wenn einmal der schwere Anker, an dem eZ liegt, bei starkem Sturm nickt halten sollte. Diese Gefahr ist allerdings in Anbetracht des starken Ankergeschirrs der Feuerschiffe nicht sehr groß. Man verwendet für Feuerschiffe nicht die gewöhnlichen Schiffsanker, sondern Anker von besonderer Form, die einem auf- gespannten Regenschirm oder einem Pilz ähneln. Die Ankerketten find sorgfältig geprüft und besonders schwer, und da ein Anker um so besser hält, je länger die Kette ist, so steckt ein Feuerschiff viel mehr Kette aus als andere vor Anker liegende Schiffe. Feuer- schiff Amrumbank liegt z. B. auf 13 Meter Wassertiefe, wo ein gewöhnliches Seeschiff höchstens 30 bis 40 Meter Ankerkette geben würde; dagegen steckt das Feuerschiff im Sommer 180, im Winter 300 Meter Kette, zumal eine lange Kette nicht nur den Vorteil hat, daß der Anker sicherer hält, sondern dazu beiträgt, daß das Schiff im Seegang weniger hart arbeitet. Dadurch, daß die Welle nicht nur das Schiff, sonderu auch die lange schwere Kette in die Höhe heben muß, wird das Stampfen gemäßigt; der Seemann sagt, die Kette federt. Große Gummipuffer, die an Deck in die Ankerkette eingeschaltet find, sorgen dafür, daß Rucke der Kette bei hartem Seegang gemildert werden. Ist es dem Feuerschiff nicht gelungen, durch seine Signale ein Schiff vor dem Verderben zu bewahren, so sucht es wenigstens die Mannschaft zu retten, und fast alle unsere Feuerschiffe sind zugleich Stationen der deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiff- brüchiger. Erst im vorigen Jahre find durch die Besatzung der Feuerschiffe Elbe II. Ill und IV 35 Menschen von gestrandeten Schiffen gerettet worden. Ohne davon Aufheben? zu machen, setzen die Feuerschifssleute ihr Leben aufs Spiel, um Mcnschenpflicht zu erfüllen. Dr. O. S. Berantw. Redakteur: Gevrg Davibsoh». Berlin.— Druck u. Berlaa: Vorwärts Buckdr. u. Verlagsanstalt Paul Singer& Co.. Berlin SW.