Hlnierhatiungsblatt des Dorwärts Nr. 139. Mittwoch, den 22. Juli. 1903 (Nachdruck derdolen.) is) Mafia. Roman aus dem modernen Sizilien von Emil R a s m u s s e n. Doch selbst der Bischof vermochte nur auf die Aufmcrk- samkeit eines Augenblicks Beschlag zu legen. Denn hinter ihm in der Nähe seines Baldachins thronte die Bildsäule des heiligen Calogeko und sammelte aller Blicke auf sich. Wegen der Ungunst der Zeiten hatte man seinen Kopf aus Eisen geschmiedet. Es war dies notwendig mit Rücksicht auf die Behandlung, die die Bauern ihm mitunter zuteil werden ließen, wenn er, ungerührt von ihren Bitten und freigebigen Spenden, unbarmherzig Trockenheit spen- dete. Da galt es einen solchen Schädel zu haben, um den Knüppeln standzuhalten, die einen Stier zu fällen imstande gewesen wären. Breitschultrige Bauern kauften ihre Seelen aus den: Fegefeuer frei, indem sie die schultern unter den zentner- schweren Heiligen stemmten. Während alles um sie her kniete, durften sia den Rücken aufrechthalten. Als zeitlichen Lohn empfingen sie nur einen Regen von Brod, das sie in der Lust auffingen und unter dein Henide auf der schweiß- triefenden Brust aufbewahrten. Jeden Augenblick mußte der Heilige am Wege inne- halten: denn vor seinen Augen wurden die Mirakel geübt, die mehr als alles andere seinen Ruhm begründet hatten: Calogero ist der Heiler der Bruchleidenden. Auf offener Gasse, in sengendem Sonnenbrand, wo der Staub gleich einer Mauer stand, gab man einen Knaben dem Messer eines Barbiers hin. Nonnen assistierten dem volkstümlichen Arzte: Priester standen dabei und übertäubten das Schreien des Kindes mit ihren Gesängen; die Eltern lagen auf den Knien und beteten. Die Operation war voll- führt: das Kind wurde fortgetragen, einem sicheren Tode entgegen. Aber das Volk jubelte: das Wunder war ge- schehen! Ter hochragende Heilige wurde weitergeschleppt, bis neue Opfer ihn aufhielten, die man. dem Messer des Wunderdoktors überlieferte. Um den Heiligen kreiste ein schwarzgekleideter magerer Herr wie ein Verbrecher um die Stätte seiner Missetat. Es war der Präfekt, der Repräsentant der Staatsgewalt, der es nicht wagte, die blutige Revolution heraufzubeschwören, die unfehlbar die Folge eines gegen tsiese altererbten Gräuel er- lasfcnen Gesetzes gewesen wäre. Bleich vor verbissenem Groll litt er wie ein Vater unter der Schmach des Sohnes. Jahr um Jahr konnte er die Zahl der Opfer vermindern: das war der ganze Respekt, den er für seine und seiner Zeit Humanität zu erzwingen vermag. Mitten unter dem Festtagsleben und Lärni kam der Wagenzug vom Bahnhof herangesaust.- Beim Tore stand schon das Volk wie eine Mauer. Die Kutscher sprangen ab und warfen die Zügel irgendeinem in der Nähe stehenden Jungen zu, um die ankommenden Gäste durch ausgestorbene Seitengassen in die verschiedenen Hotels zu führen und ihre Provision einzuheimsen. Unter den Neuangekommenen befand sich eine blutjunge Römerin, die der Kutscher Letterio geführt hatte, ein langer sommersprossiger Lümmel mit in die Augen niederhängcnden Stirnlockcn und dem liederlichen Aussehen eines Masiusu, der eine- Blume im Knopfloch trug und einen besonderen flotten Anstrich über all seine Schäbigkeit auszubreiten wußte. Das junge Mädchen war ganz entzückt von seiner vätcr- lichen Fürsorge und fühlte sich zum ersten Male sicher auf diesem berüchtigten Boden. Dieser junge Mann mit den weißen Zähnen und den funkelnden Augen war ja manierlich wie ein Graf. Er hätte sich sicher— wenn nötig— in den Rinnstein gelegt, um sich von ihr als Rinnsteinbrett ge- brauchen zu lassen. Ueber Steintreppcn auf und ab, diirch Gassen und Winkel ging es zum„Hotel Gellia". Alles war besetzt. Sie mußten weiter zum„Hotel Belvcdere". Hier lagen in jedem Zimmer bis zum Dachboden hinauf bis.nl fünf Gälte Auf dem Wege zu dem nächsten— nicht eben angesehenen Hotel— vertraute das junge Mädchen sich seinem Führer an. Sie sei gekommen, um Angelo del Chiaro zu sehen. Aber sie wünsche nicht in seinem Hause mit ihm zusammen- zutreffen. Letterio begriff die ganze Sache auf diese bloße An« deutung hin. „Vertrauen Sie mir! Ci penso io!"(dafür werde ich sorgen) sagte er mit seinem vertraulichen Lächeln. Er brachte das junge Mädchen ins Caf6 Romeres, fragte chevaleresk, was sie zu speisen wünsche, bestellte bei Ciccio ein pezzo dura(ein Eis), trank ein Glas Wermut, lüftete die Mütze, verbeugte sich und war fort. Sie saß und fühlte, wie es stille um sie wurde: wie alle sie anstarrten. Sie wagte kaum die großen unschuldigen Vogelaugen von dem Eisteller zu erheben. Von der Hitze bedrückt, nahm sie den Hut ab, legte ihn auf das Sammet- kissen und kämmte das glänzend schwarze Haar, das kurz- geschnitten in dichten Locken ihren Nacken umgab. Draußen auf der Straße sah sie bei einem flüchtigen Blick zwei Offiziere stehen und sie mit jenem frivolen Sklavenhändlerblick mustern, den sie von dem Korso in Ron» her so gut kannte. „Es ist ein Varietemädchen", meinte Kapitän Vigo. „Sieh nur das Haar!" „Hm? Mit diesen Augen und dieser Hautfarbe hat sie Kneipen. Nachtwachen und Schminke noch nicht kennen ge- lernt. Das ist ein kleines Familienmädchen." „Bist Tu toll? Sie reist ja allein." „Das kann man nicht wissen. „Jedenfalls sitzt sie allein im Cafe. Uebrigens werden wir das bald erfahren. Ich brenne darauf." Sie setzten sich ungeniert neben das junge Mädchen. „Ein schönes Fest, das heutige, nicht wahr, Fräulein?" fragte Vigo. „Ich habe nicht viel davon gesehen." „Sie haben vielleicht Bekannte in der Stadt, die Sie bo suchen wollen?" „Ich will mit Graf Angelo del Chiaro sprechen. Kennen Sie ihn?" „Er ist mein Freund. Ich bin täglicher Gast in» Hause Sie sind Römerin?" ■„Ich höre es am Dialekt. Sie haben verniutlich den jungen Grafen kennen gelernt, als er in Rom studierte?" „Er wohnte bei Mutter, als er aufs Lyceum ging. Sein Bruder auch— aber nun wohnt er nicht mehr bei uns." Mit dem Zutrauen eines Kindes und italienischer Offen- heit kramte sie ihr kleines Herz vor den fremden Herren aus; es waren ja Angelos Freunde. „Ist es wahr, daß er verlobt ist?" fragte sie bebenden Herzens. „Ja— mit Marchesina La Greca." „Ich hatte es gehört. Ich wollte es nur aus seinem eigenen Munde hören—" Ihre Mundwinkel begannen zu beben. Sie konnte kein Wort hervorbringen, und ihre Augen wurden blind vor Tränen. Nervös und ermüdet von der Reise, mußte sie nach« geben. Sie brach initten im Caf« in Tränen aus. Letterio hatte sich einstweilen bis zu dem Palast des Grafen durchgebohrt. Silvia erkundigte sich gründlich und lange, che sie die Neuigkeit derjenigen überbrachte, für die sie bestimmt war. Als Silvia eintrat, stand Gräfin Lucia bei der Türe ihres Zimmers und beobachtete durch das Schlüsselloch Ingenieur Lo Forte, der im Salon saß und mit Bionda Harfe spielte. Sie blickte auf, machte der Dienerin ein Zeichen, sich still zu Verhalten, und fuhr in ihrer Beschäfti« gung fort.... „Es ist eine junge schöne Römerin angekommen, die nach Graf Angelo geschickt hat," flüsterte Silvia.„Sie sitzt bei Romeres und wartet auf ihn." Die Gräfin schnellte empor wie eine Stahlfeder, starrts sie an und machte einige schluckende Bewegungen, ohne i* alcich Worte finden"U können. Hierauf zischte sie einen Strom von Fragen hervor, die sich überstürzten und auf die Silvia keine erschöpfende Ant- wort zu geben wußte. Letterio wurde hereingerufen und bewegte sich zwischen Heu Stühlen wie ein Weltmann. Er erhielt die Aufgabe, vor allem das junge Mädchen— Kurch Lüge oder Wahrheit, List oder Gewalt— zur Gräfin zu bringen und sodann Pamfo ausfindig zu machen, den die Gräfin im Laufe des Nachmittags unbedingt sprechen inußte. Letterio, der begriff, daß er hier an einer hochwichtigen Angelegenheit beteiligt wäre, machte mit geläufiger Zunge die Gräfin aufmerksam, welche bedeutende Rolle er bereits hisher gespielt hatte. „Was das Mädchen betrifft, vertrauen Sie mir! Ei penso io!" Mit langen Schritten verließ er das Zimmer. In der Türe verbeugte er sich mehrere Male. Zehn Minuten später führte er die zitternde verweinte Assunta in das Kabinett. „Hier sehen Sie Angelinas Mutter, die sich gesehnt hat, Die zu sehen." Mit diesen Worten stellte Letterio sie vor. - Gräfin Lucia stürmte ihr entgegen und hieß sie mit un- gestümen Liebkosungen willkommen. Letterio fühlte sein Ansehen wachsen und lvar tief vnt- täuscht, als die Gräfin ihn sich zurückziehen hieß. Aus dem Salon herein tönte ungestört das Harfenspiel. Die beiden da drinnen hatten nicht bemerkt, was sich im Ka- binett zutrug. Die Gräfin entfaltete den ganzen Charme, der ihr zu Gebote stand, wenn sie wollte. In wenigen Augenblicken befand Assunta sich in ihrem Zauberkreise und fühlte sich traulich wie daheim. Man bot ihr Speisen und Wein. Aber sie vermochte in dieser sizilianischen Hihe nicht zu essen, und erquickte sich bloß an einem Glas frischer Limonade. Da- gegen wollte sie sich gerne nach der Reise ein wenig waschen. Die Gräfin führte sie in ihr Schlafgemach. Während Assunta ihren Kleiderleib abnahm und sich zu waschen begann, nahm die Gräfin auf einem Puff Platz, sah ihr zu und sprach dabei unaufhörlich. „Angela hat schon längere Zeit auf Sie gewartet!" „Fa, aber er telegraphierte ja, ich sollte nicht kommen.,. Fch dachte, es sei vorbei, er habe sich verlobt." „Das ist längst vorüber. Es war nichts als eine flüchtige Verliebtheit. Er wird entzückt sein, Sie zu sehen, wenn er heute abend heimkommt." „O, wie glücklich sie mich machen!" Sie mußte zur Gräfin hin, sich an ihren Hals zu werfen. „Und ich Törin, die ich glaubte, ich müßte hierherreisen, um zu weinen, um zu sterben!" „Um glücklich zu werden, Kind.— Laß uns Du zu ein- ander sagen, willst Du? Du bist ja mm meine Tochter." Sie saß auf der Gräfin Schoß und liebkoste deren Gesicht, während Freudentränen ihr aus den Augen quollen. Plötzlich stand sie auf. „Es ist hier so entsetzlich heiß. Daheim pflege ich mich über den ganzen Körper zu ivaschen, wenn es heiß ist." „Aber kleide Dich doch aus, Kind. Es wird Dir nach der Reise wohl tun. Ich ziehe die Gardinen vor." Silvia trat ein und meldete, es sei ein Mann da, der mit der Gräfin zu sprechen wünsche. Sie entschuldigte sich für einen Augenblick und ging hinaus, um sich mit Pamfo zu besprechen, der dahcrgestürzt war, gespannt von Neugierde und Diensteifer. �Fortsetzung folgt.). (Nachdruck verboten.) Oer Oowkneckt. Humoreske von Reinhold Ortmann. Ter Geheime expedierende Sekretär und Kalkulator im Handelsministerium Adolf Brandstötter fühlte sich so glücklich, wie cS einem Menschen zukommt, der einen lange gehegten Herzens- Wunsch zur schönen Wirklichkeit werden sieht. Als ein mit Spree- wasser getaufter Sohn der norddeutschen Tiefebene, schwärmte Adolf Brandstötter von jeher für das Gebirge, daß er bis vor zwei Togen nur in den bescheidenen Miniaturausgaben der Märkischen Schweiz und der Rüdersdorfcr Äalkberge kennen gelernt hatte. Einen Sommer inmitten richtiger, mehr als hundert Meter hoher Berge zuzubringen, war seit Jahren die heiße Sehnsucht seiner Seele gewesen, und als ihm im Frühling dieses Jahres Frau Fortuna einen Lottcriegewinn von dreihundert Mark in den Schoß geworfen hatte, war es sofort beschlossene Sache gewesen, daß dies Geld nur zu einer Urlaubsreise ins bayerische Hochland verwendet werden dürfe. Denn das bayerische Hochland hatte es ihm nun einmal ganz besonders angetan, nicht sowohl um seiner schönen Berge als vor allem um seiner Bewohner willen. Adolf Brand- stötter hatte die sichere Empfindung, daß er unter ihnen wie unter guten Bekannten sein würde, denn er konnte dort ja nur Gestalten begegnen, die ihm aus den Geschichten von Maximilian Schmidt und Ganghofer sowie von den Gastspielen der„Schliersecr" und „Tegernseer" her vertrauter waren als die Passanten der Berliner Friedrichstraße. Der„Jager", der Wilderer, der allzeit rauf- lustige„Bua" mit der herausfordernden Spielhahnfedcr auf dem Lodenhut und den gemsledernen Kniehosen, vor allem aber das taufrische, jodelnde, schuhplattelnde und jederzeit zum„Busserln" aufgelegte„Dearndl"— sie alle hatten es ihm angetan mit ihrer urwüchsigen, biederen Natürlichkeit, ihrer von allen Schilderern des oberbaherischcn Volkslebens überschwenglich gepriesenen Herzensgüte und echten Liebenswürdigkeit. Das Herz mußte einem ja aufgehen im Verkehr mit diesen kernhaften, unverdorbenen Menschen! Und wenn er gar erst an das„Fenstcrln" dachte— an die holde Romantik poesiedurchtränkter Sommernächte in ein» samen Sennhütten auf hochgelegener Alm— oh, es war beinahe zu schön, um leibhaftige Wirklichkeit zu werden. Und doch war es nun Wirklichkeit geworden, insoweit wenigstens, als sich der Geheime expedierende Sekretär seit zwei Tagen mitten im bayerischen Gebirge befand, in einer der meist- besuchten Sommerfrischen, deren herrliche landschaftliche Schön- heit mit ihren Wäldern und Seen und trotzigen, schroff ansteigenden Bergen alle Erwartungen Adolf BrandstötterL weltenweit hinter sich ließ. Nur in bezug auf die Bevölkerung fühlte er sich einst- weilen noch nicht bollständig befriedigt. Die„Bua'm" schienen ihm nicht ganz so schneidig und die„Dcarndln" nicht ganz so taufrisch wie ihre herzgewinnenden Abbilder in den oberbaherischcn Romanen und Volksstücken. Die Biederkeit der Wirte und Geschäftsleute dünkte ihm nicht ohne eine kleine Beimischung von Schlauheit und Gewinnsucht, wie er sie bis dahin nur im kulturbeleckten Flach- lande für möglich gehalten hatte, und nach einer Gelegenheit zum „Fensterln" hatte er in diesen zwei Tagen durchaus vergeblich Um- schau gehalten. Aber von Entmutigung war er um dieser kleinen Enttäuschungen willen einstweilen noch sehr weit entfernt. Er war verständig genug, sich zu sagen, daß man die Vorzüge einer Bc- völkcrung nur da suchen dürfe, wo diese Bevölkerung noch nicht durch die allzeit innige Berührung mit fi-emden Elementen verdorben worden sei. Und deshalb begann er am dritten Tage Streifzüge in die weitere Umgebung zu unternehmen, fest über- zeugt, daß sich der verderbliche Einfluß jener fremden Elemente höchstens auf eine halbe Stunde im Umkreis der Sommerfrische erstrecken könne. Und siehe, sein Vertrauen wurde belohnt. Schon bei der ersten Wanderung stieß er auf einen faul am sonncnbeschicncncn Berghang Hingeräkelten, baumlangen Menschen, der seiner äußeren Erscheinung nach ohne weiteres als riesenstarker und dabei bis zum Zerschmelzen weichherziger Holzknecht in einem Repertoirstück der Schlicrscer hätte auftreten können. Er war braungebrannt wie ein Singhalese, trug einen wild aussehenden schwarzen Bart, eine verschlissene Joppe und noch verschlissenere Lederhosen, unter denen die gebräunten Knie nackt zum Vorschein kamen, Waden- stutzen, Nagelschuhe und alles, was sonst zu einer Jdcalgcstalt nach Adolf Brandstötters Sinne gehören mochte. Natürlich zögerte der Gehcimsckretär keinen Augenblick, von seiner glücklichen Entdeckung zu profitieren. „Grüß Gott, werter Bua!" redete er den Hingestreckten freundlich an.„Sie sind Ihres Standes Holzknecht— nicht wahr?" Ohne die kurze Jagdpfeife aus dem Munde zu nehmen, blinzelte der Angeredete mit herzgewinnender Schelmerei zu dem Frager auf. Seine Antwort aber bestand nur in einem be- stätigenden Kopfnicken. Und er nickte auch nur, als Brandstötter höflich um die Erlaubnis bat, sich ein wenig an seiner Seite niederlassen zu dürfen. „Sagen Sie mal, Bua, gibts hier herum keine Alm mit nied- lichen Sennerinnen?" eröffnete der Fremdling die Unterhaltung, Der Holzknecht aber schüttelte den Kopf. „Äa— dös grad nöt. Aber an Einödhof mit blitzsaubre Madeln. Da heroben liegt er." „Alle Wetter! Blitzsaubere Madeln sagen Sie?. Da kann man also fensterln?" „Warum denn dös nel? Wanns a Schneid ha'm, kimmens nur nach Dunkelwerden auffi!" „Großartig! Sie sind ja ein Prachtbua, verehrter Holzknccht! Wollen Sie eine Zigarre? Nein! Na, dann werde ich mich schon auf andere Art erkenntlich zeigen. Also heute abend? Aber Ae müssen mich hinführen, damit ich auch an das richtige Fenster komme. Ucbrigens, es ist doch nicht gefährlich?" „Ab na! Nöt, wann i aufpaß." „Aufpassen wollen Sie auch noch? Und da soll noch einer sagen, daß die Romandichter übertreiben. Sie sind ja eine Seele von einem Bua'm. Und da? Madel ist wirklich hübsch?" „Sauber, sag i." „Wie heißt'S denn?" .Ccnzi." »Famos— wie in meiner Lieblingsnovelle von Maximilian Schmidt. Also abgemacht! Wollen wir uns um neun Uhr hier treffen, Bua?" Der Holzknecht Nickte wieder. Und der Geheirnsefretär empfahl fich, um sich drunten in feinem Gasthof durch eine ausgiebige Abendmahlzeit für die bevorstehenden Abenteuer zu stärken. Punkt- lich zur verabredeten Stund«, war er wieder zur Stelle, und seine leise Befürchtung, daß es dem Holzknecht vielleicht nur darum zu tun gewesen sei, ihn zu hänseln, erwies sich als unbegründet. Der Biedere hatte ihn vielmehr schon erwartet, und ohne viel Worte zu machen, ging er vor ihm her, um ihm den Weg zum Einödhofe zu weisen. Das war nun freilich ein ganz verteufelter Weg, der den des Steigens ungewohnten Großstädter in der drückend schwülen Gewitterluft manchen Seufzer und ungezählte Schweißtropfen kostete. � Er war ganz außer Atem und seine Knie zitterten, als sie endlich auf der halben Berghöhe den Hof mit seinem stattlichen, Wohnhause vor sich liegen sahen. Ein Hund schlug dumpf bellend an, aber ein Zuruf des Holzknechts brachte ihn sofort zum Schwei- gen. Aus dem finster geballten Gewölk aber, das den abendlichen Himmel bedeckte, fielen bereits die ersten schweren Tropfen. Herrn Adolf Brandstötter war's nicht mehr ganz behaglich zu Sinn, und wenn er sich nicht vor seinem hochherzigen Führer geschämt hätte, würde er von dem romantischen Abenteuer vielleicht lieber Abstand genommen haben. Aber dazu warS jetzt zu spät; denn der baumstarke Holzknecht schleppte bereits eine lange Leiter heran, die er vorsichtig an eines der merkwürdig kleinen Fenster des oberen Stockwerks anlegte. „Da droben schlaft d' Cenzi", flüsterte er.„Nu kcaxeln's halt eniffi und pochen's an." Mit größter Behutsamkeit klomm Adolf Brandstötter Sprosse für Sprosse empor, und obwohl ihm das Herz bor Bangigkeit schier zum Zerspringen klopfte, pochte er doch zuletzt mutig an das ge- schlosscne dunkle Fenster. »A bißl was stärker?" mahnte der treue Wächter,„'s schlaft halt fest, die Cenzi. Und wann's nöt aufwacht, so tun's nur das Fenstcrl auf!" Da auch das stärkere Klopfen vergeblich blieb, leistete der Sekretär mit Todesverachtung diesem Rate Folge, stieß das leicht nachgebende Fensterch5n auf und steckte den Kopf hinein. Eine erstickend warme, dumpfige Luft schlug ihm entgegen, und als er in zärtlich schmeichelndem Tone den Namen der gesuchten Cenzi rief, antwortete ihm aus finsterer Tiefe ein Laut, den er unter anderen Umständen für den verträumten Seufzer einer schlafenden Kuh gehalten haben würde. Er neigte sich weiter vor, und als .seine Augen sich ein wenig an die Dunkelheit gewöhnt hatten, mußte er zu seiner grenzenlosen Enttäuschung inne werden, daß es in Wirklichkeit nichts anderes als ein Kuhstall war, in den er da aus schwindelnder Höhe hinabblicktc. Wütend zog er den Kopf zurück, um seinen tückischen Führer zur Rede zu stellen; aber im Lichte eines eben grell aufzuckenden Blitzstrahles mußte er die weitere fürchterliche Entdeckung machen, daß der Holzknecht ver- schwunden war und daß statt seiner ein mächtiger Bernhardiner am Fuße der Leiter Posta gefaßt hatte, mit unheimlich drohendem Geknurr zu dem nächtlichen Eindringling emporschaucnd. Eine Minute später brach der Platzregen los, und unter Donner und Blitz, vor Nässe, Kälte und Herzensangst am ganzen Leibe zitternd, verbrachte Adolf Brandstötter die fürchterlichste Stunde seines Lebens. Er wagte um des Hundes willän ebenso- wenig seinen exponierten Standpunkt zu verlassen, als er um Hilfe zu rufen wagte. Aber als das Gewitter sich verzogen hatte, als ihm die Aussicht winkte, die ganze, jetzt bitterkalt gewordene Nacht in seinen durchnäßten Kleidern hier oben zu verbringen, da siegte der Trieb der Selbsterhaltung über die Furcht vor einer Tracht Prügel und er begann zu rufen. Noch zehn bange Minuten vergingen, dann zeigte sich eine menschliche Gestalt im langen Schlafrock. „Wer ruft da?" fragte im schönsten nordischen Hochdeutsch eine sonore Stimme.„Was machen Sie denn da oben auf der Leiter, Verehrtestcr?" „Gott sei Lob und Dank— ein Landsmann!" brach es aus Adolf Brandstötters Herzen.„Möchten Sie nicht so gut sein, den Hund zu rufen, verehrter Herr, damit ich hinunter kann?" „Barry, hierher! Aber wie ist mir denn? Die Stimme sollt ich doch kennen. Sind Sie's wirklich, Herr Brandstötter?" „Freilich bin ich's. Aber mit wem Hab' ich das Vergnügen?" „Ja, erkennen Sie mich denn nicht? Ich bin der Schauspieler Caspary. Hatte doch an Ihrem Stammtisch wiederholt das Ver- gnügen. Aber ich habe mir freilich in den Ferien den Bart wachsen lassen— da mochte es Ihnen wohl schwer werden, mich hier bei der schlechten Beleuchtung gleich zu erkennen." Als Brandstötter mit Hilfe des menschenfreundlichen Schau- spiclers glücklich wieder auf den soliden Erdboden gelangt war, erfuhr er, daß Caspary alljährlich hier auf dem Änödhofe in ncrvenstählender Einsamkeit seine Ferien zu verbringen Pflege, und er machte gleichzeitig die Wahrnehmung, daß der Künstler eine verzweifelte Aehnlichkcit mit dem freundlichen Holzknecht habe. Aber behielt diese Wahrnehmung hübsch für sich. Uno nachdem er noch erfahren hatte, daß man auf einem sehr kurzen und bequemen Wege von hier in das Dorf hinabgelangcn könne, machte er sich nach kurzer und etwas kühler Danlsaguug cilenoeu Fußes davon. „Gefensterlt" aber hat der Herr Geheimsekretär nie wieder, und seinen Urlaub verbringt cr jetzt immer in der Märkischen Schweiz. Geograpkifcbe und kulturelle Streifziige durch die Biszeit t Wenn wir von der Eiszeit reden, so meinen wir damit einen Abschnitt der älteren Diluvialzeit(wörtlich:„Ueberschlvemmungs« zeit", die der heutigen Erdperiode unmittelbar vorangehende), in den die größte Verbreitung der Gletscher fällt. Sie hängt aufs engste mit klimatischen Verhältnissen zusammen. Während vor noch nicht langer Zeit die Jünger der Klimakunde oder vielmehr der Geologie annahmen, daß in den ältesten Perioden der Erdgeschichte leine klimatischen Unterschiede existierten, wenigstens bis zur Kreidezeit nicht, und daß während der Kreideperiode und dem Tertiär höhere Mitteltemperaturen herrschten als jetzt, haben wissenschaftliche For» schungen in neuerer Zeit den Nachweis geliefert, daß während der älteren DUuvialzeit zweifellos viele Orte eine niedrigere Mittel« temperatur hatten als heute. Welches ist nun der Charakter dieser Epoche, deren Dauer von den verschiedenen Forschern sehr verschieden augegeben wird, von den einen für das Rhonegebiet auf 12- bis 16 000 Jahre, für Nordamerika auf 16 000, von anderen auf 20 000 Jahre. Im großen und ganzen läßt sich als Charakter der Diluvial-Eiszeit zusammen- fassen: das Vorrücken von Eisindsien von den Polen nach dem Aeguator hin, von den Bergen in die Ebenen! Mächtige Gletscher hingen an den Wänden unserer Hochgebirge herab, gewaltige Eis- tafeln schoben sich in Europa bis an den Rand der deutschen Mittelgebirge, in Nordamerika bis weit in das Talgebict des Mississippi vor. Gehen wir nunmehr zur diluvialen Gletscherverbreitung, aAo zu der geographischen Seite unsere? Themas über, so ergibt sich. ce Tatsache, daß wir die Gletscher zum Teil da zu suchen haben' wo sie auch beute, in engeren Grenzen freilich, zuhause sind. I» un« gemein fesselnder und übersichtlicher Weise hat Anlel in einer längeren Studie über die Eiszeit unter sorgfältiger Benutzung eines umfangreichen Materials die überaus schwierige Frage bel'ndelt. Wir folgten seinen Ausführungen, sie hier und da durch uns not- wendig erscheinende Erklärungen ergänzend. Die Diludialg�ischer fanden ficki in Europa zum Teil in den Ländern, in denen wir sie auch heute noch finden, in dem Alpengebiet, das Haupt- sächlich die Kenntnisse der Merkmale der Eiszeit lieferte, in den Pyrenäen, den skandinavischen Gebirgen, zum Teil aber auch in Gegenden, in denen sie zurzeit fehlen: in den höheren Mittelgebirgen(Cevenncn, Vogesen, Schwarzlvald, Böhmertvald, Karpathen) und den Flachländern(ger- manische Tiesebene, osteuropäisches Flachland). Es will scheinen, als sei die diluviale Vergletscherung nur eine Steigerung des heutigen Vorganges, als feien die Faktoren, die gegenwärtig zur Gletscher- bildung sichren(entsprechender Kältegrad, Niederschläge), damals in verstärktem Maße wirksam gewesen. Lange hat eS gedauert, bis die Wissenschaft zu dieser Erkenntnis kam. Es ist vor allem, wie bemerkt, das nach und nach sich erweiternde und vertiefende Studium der Gletscher in der Alpenwelt, das den richtigen Weg gebahnt hat. Geheimnisvoll erschienen die erratischen Blocke der Gebirge und Ebenen. Dort konnte nicht ihre Heimat sein, wo man sie fand. aber wer hatte sie gebracht? Welche Kraft war imstande, nor- wegische Granitblöcke nach Norddcntschland zu verpflanzen? Di» wirren Anschauungen, die über die klimatischen Verbältnisse der Vorzeit gang und gäbe waren, das verhältnismäßig geringe Maß paläontolo« gischen*) Wissens, die ungenügende Erforschung der Gletscher der Gegen» ivart und ihrer meteorologischen Werdebedingungen, die Neigung, hinter merkwürdigen Erscheinungen auch wunderbare Ursachen' zu suchen: alles dies war naturgemäß wenig dazu angetan, Licht in das eis- zeitliche Dunkel zu bringen. Die ivissenschastliche Erkenntnis schreitet räumlich und zeillich nur langsam vorwärts, vom Nahen zum Fernen, von der Erscheinung zum Gesetz, der Form zum Inhalt. Auch der EnttvickclunaSgedanke hat sich allmählich Bahn gebrochen. Wie gem lvar man sonst bereit, in die Lücken der Wissenschaft Katastrophen der Natur zu schieben. Gewaltige Wasserfluten sollten, den Gesetzen der Schwerkraft entgegen, die fremden Blöcke herang-so.>enmrt haben. Unhaltbare Ansicht! Aber gerade die fruchtbare Ci; sicher« theorie, bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts von Playfair für die Schweiz vorsiindet, von Venetz, Bernhardt, Charpentier unterstützt, von Lyell mit der Drifttheorie bekän>pst, erlangt« erst in neuerer Zeit durch Torell allgemeine Anerkennuag. Von(Skandinavien, Finnland, den baltischen Provinzen, über die seichte, eiserfiillte Ostsee und Nordsee hinweg, drangen die Gletschermassen nach Silben und Süd- Westen vor, bedeckten Norddeutschland und einen Teil der russischen Tiefebene bis an den Dnjepr und die obere Kolga und lagerten in diesen Gebieten als Grund- und Endmoränen, zertrümmertes und zerriebenes Gesteinmatcrial ab. Ebenso kamen van de» Alpen Eis- ströme herunter, erfüllten die Täler und einen breiten Gürtel der *) Paläontologie— Lehre von den Lebewesen früherer Ertz« Perioden alpinen Vorlande. Die peirographische") Uniersnchung der Geschiebe hat Heimat und Weg der Gletscher ziemlich genau nachgewiesen. Dazu macht eS ihre geologische Tätigkeit möglich, das Verbreitungs- gebiet des diluvialen Eises zu bestimmen. Moränenbildung, Erosionstätigkeit,**) höckcrartig abgerundete Hügellandschaftcn, ge- schrammte und abgeschliffene Felsen, das sind die charakteristischen Kennzeichen ehemaligen Gletschervorkommens. In den Alpen war die EntWickelung der Gletscher nach Norden und Westen weit bedeutender als nach Süden und Osten. Die Tal- furchen der Rhone, des Rheins und Inns, wohl minder tief als heute, boten riesigen Gletschern den Weg bis weithin in die Vor- alpen. Im Süden dagegen wagten sich die aus den Tälern der linken Po-Zuflüsse herabsteigenden Gletscherzungen nicht in die lom- bardische Ebene hinaus. Tie gröffere Sommerwärme und die geringeren Niederschläge hemmten ani inneren Rande der Alpen die Ausdehnung der Gletscher ebenso, wie in den Ostalpen der konti- nentalere Charakter des Klimas. Der Verlauf der Schneelinie kann uns über diese Tatsachen belehren. Die liegt in den Nordalpen bei 2700 Meter Höhe, am südlichen Abfall bei 2800 Meter, in den Wcstalpen unter 46 Grad nördlicher Breite bei 2766 Meter, in den Ostalpen unter derselben Breite bei 2866 Meter. Die gleiche Erscheinung haben wir in Norwegen. Unter 66 Grad nörd- lichcr Breite liegt die Linie deS ewigen Schnees an der Küste bei 1366 Meter, im Inland bei 1686. Meter. Doch steigen die Gletscher weit unter die Schneelinie herab. Diese vermag die Sonne jeden Sommer auf ein bestimmtes Gebiet zu beschränken; gegen das Gletschereis ist ihre Kraft um so ohnmächtiger, je gewaltiger dessen EntWickelung, je bedeutender die Zufuhr aus den höheren Firn- regionen ist. Der Rhonegletscher erfüllte in der Eiszeit den Genfer See, schob sich vor bis an den Iura, wo er sich staute und in zwei Aeste auseinanderging. Der eine erstreckte sich nach Südwesten bis in die Gegend voii Lyon, der andere nach Nordosten bis nach Aarau. Kleinere Gletscher kamen aus den Tälern der Reust, Aar und Liuth. Der Nheingletscher dehnte sich über den Bodensee aus bis weit nach Schwaben hinein. Auf der bayerischen Hochebene schoben sich die Gletscher vor bis in die Nähe von München. Die Ostalpen ent- sandten Eisströme in die Täler der EnnS und Drau. Untersuchungen im Kanton Zürich', St. Gallen und anderen Orten haben unzweideutig gezeigt, dast die Gletscher nach einer Periode weiterer Verbreitung sich zurückzogen, um dann von neuem vorzudringen. Man nennt diese Periode die Jnterglazialperiode, d. h. Zeiten des Abschmclzens, des zeitweiligen Gletscherrückganges. Die neuere Wissenschaft nimmt für das norddeutsche Tiefland sogar drei Perioden der Vereisung an, getrennt durch zwei interglaziale Perioden. Der Ausgangspunkt der alpinen Gletscher war ein mächtiges Gebirge. Die vom Eis bedeckte Zone rings um dieses war verhältnismästig klein. Die südliche Lage gestattete keine kon- tinentale Verbreitung. Darum blieb Italien vor einer Vcrgletsche- rung bewahrt, darum auch daS südliche Frankreich und nördliche Spanien vor einer Vereisung durch die Pyrenäengletscher gesichert. Anders liegen die Verhältnisse im Norden. Hier nahm umgekehrt der Entstehungsherd der EiSmassen im Verhältnis zum VerbreilungS- Siebiet einen beschränkten Raum ein. Skadienartig strahlten von dem kandinavischen Hochlande die Gletscher herab, vereinigten sich mit den finnisch-baltischcn und bedeckten einen grosten Teil des nördlichen und mittleren Europa. Auch hier trat eine Jnterglazialzeit ein, während welcher Norddeutschland und Südschweden eisfrei wurden. Bis zum britischen Jnselreiche, daS durch eigene Gletscher bis auf den Südrand vereist war, ivanderte das nordische Binneneis, ja Nordenskjöld nimmt an, dast daS Meer zwischen Grönland, Spitz- bergen und Island im Eise starrte. Eine Fläche, gröstcr als halb Europa, lag unter Eis vergraben; seine Mächtigkeit über der Ostsee wird aus 1666 Meter geschätzt. Auch das Mittclmeergebict war nicht frei von glazialen Er- scheinungen. Ob der Libanon Gletscher trug, ist noch nicht aus- gemacht, aber sehr wahrscheinlich. Bei Palermo wurden diluviale Ablagerungen mit Resten einer nordischen Fauna gefunden. In Spanien waren die Sierra Nevada, Sierra Morena, das Cantabrische Gebirge mit Gletschern bedeckt, die jedoch eine geringere Rolle spielten. Auch unsere Mittelgcbirgsgletscher waren dürstig. teils fehlte die Höhe, teils loar das Klima zu kontinental. Unser Nachbarkontincnt Asien hatte Gletscher von Bedeutung nur im Hinialaya, Karakorum, Kuen-Lun, Thianschan. Zu groster Ver- breitung kam es nicht; Hindostan. Tibet, das Tarimbecken blieben frei. Es waren eben die Bedingungen der Gletscherbildung nicht so günstig wie in Europa. Heute liegt die Schneelinie im Himalaya unter 36 Grad nördlicher Breite im Nordosten bei 5676 Metern, im Südwesten bei 4946 Metern �Niederschläge I). Ganz Nordasie», das seine Niederschläge vorwiegend im Sommer empfängt, war gletschcrfrei. An Abkühlung fehlt eS auch heute nicht in den Ländern des Kältepols, viel weniger in der Eiszeit, aber es mangelte an Schnee. Für die Nordkontinente der alten Welt galt und gilt das Gesetz, dast die Niederschläge abnehmen von Westen nach Osten, entsprechend der Entfernung vom Feuchtigkeit spendenden Ozean; ferner dast ihre jahreszeitliche Verteilung eine andere wird, ') Petrographie— Gesteinlehre. **) Erosion= Abtragung durch das Eis deS MeereS oder der Gletscher sowie den Wind, auch wohl Auswaschung durch fliestendes Gewässer. die jahreszeitlichen Gegensätze sich verschärfen, die Winter kälter und die Sommer wärmer werden. Damit im engsten Zusammenhang steht die Abnahme des Gletscherphänomens nach Osten hin. Als Ersatz haben wir in Nordasien das B o d e n e i s, unterirdische Gletscher gleichsam, im Sommer nur oberflächlich auftauend. Südlich vom Baikalsee steigt es bis in die Breite von Mailand herab. Oestlich von diesem See will man Spuren ehemaliger Vergletscherung gefunden haben. Ob in Afrika das Kapland diluviale Gletscher gehabt hat. ist nicht erwiesen. Zweifellos diluvialen Charakters ist aber der gröstere Wasserreichtum der Sahara. Hier kam eS nicht zu festen Nieder- schlügen von irgendwelcher Dauer, aber ein Ueberschust an Fcuchtig- keit— darauf weisen die heute trockenen Wasserwege hin— innst vorhanden gewesen sein. In Nordamerika breiteten sich die grönländischen Gletscher weit- hin über die nördlichen Zweidrittel des Landes aus; nur der arktische Rand von Alaska blieb frei. Am atlantischen Saum erreichten die EiSmassen etwa die Breite von Neapel, senkten sich im Tale des Mississippi herab bis zur Breite von Athen und wichen nach Westen gegen die Rocky Mountains bis in die Breite von Frankfurt zurück. Dieses Gebirge vereiste, ebenso das vom Stillen Ozean gc- speiste Kaskadengebirge und die südliche Sierra Nevada. Das groste, heute von der Zentral-Pacific-Bahn durchschnittene Becken hatte in der Eiszeit ähnliche Verhältnisse wie die Sahara, reichere Nieder- schlüge und Seenbildung. Die Untersuchimg der Seenablagerung haben zu dem überraschenden Resultat geführt, dast sie zweimal ein Maximum der Ausdehnung zeigen, entsprechend dem doppelten Vor- stost und Rückgang der Gletscher. In Südamerika trugen Gleffcher die Sierra Nebada de Santa Marta(11 Grad n. B.), vielleicht auch die Anden von Mcrida in Venezuela, Gebiete, die nicderschlagsreicher sind als die höheren Anden von Columbia, Ecuador und Peru. Auf der südlichen Halb- kugel waren oder sind vergletschert Chile, Patagonien, Feuerland, die reichliche Nahrung vom benachbarten Ozean empfangen. In Australien haben ivir Eisspuren in den Südostalpen; Neuseeland hat auf der südlichen Insel beträchtliche Gletscher, die zur Eiszeit die ganze Insel bedecklen. Die verschiedenen, ehenials und heute vergletscherten Gebiete zeigen unverkennbar gemeinsame Züge. Die Heimat und das Verbreitungsgebiet der Gletscher ist in Ländern zu suchen mit gleichmästigem Klima, reichen Niederschlägen, genügender Höhenlage oder Entfernung vom Gleicher(Aeguator). kleines Feuilleton. Aus dem Tierlebe». Massenwanderungen von Raupen undSch metter- l i n g e n. DaS massenhafte Auftreten von fliegenden und kriechenden Insekten wird meist durch abnoriu günstige klimatische und metcoro- logische Verhältnisse hervorgerufen; doch sind daneben auch andere, in den physiologischen Lebensbedingungen der Tiere wurzelnde Faktoren, wie Nahrungsbedürfnis, Eiablage und ähnliches, in Bc- tracht zu ziehen. Eine Reihe von Beobachtungen besonders inter- essanter Fälle stellt Julius Stephan in der Zeitschrift„Natur und Offenbarung" zusammen. Die Raupen des Kohlweistlings unter- nehmen bisweilen in solchen Masse» Wanderungen auf den Bahn- gleisen, dast die Eisenbahnzüge uicht vom Fleck kommen, da die Räder in der Masse der zerquetschten Raupen die Reibung verlieren und sich drehen ohne anzugreifen. Im Jahre 1961 zeigten sich derartige Raupenzüge in der nächsten Nähe von Berlin, die mit gröstter Beharrlichkeit dem Eisen der Schienensttänge entlang wanderten und immer von den einhcrbrausendcu Zügen zu Tausenden und Abertausenden dahsngerafft wurden. Aehnliche Züge treten bei den Raupen sehr vieler anderer Schmetterlinge auf und werden wohl in allen Fällen durch das Aufsuchen frischer Nahrung bedingt. Wenn die ursprünglichen Futtcrplätze nicht mehr ausreichen, setzen sich die Tiere in Bewegung. Von besonderem Interesse ist die Frage, in welcher Weise sich die Richtung ihrer Züge bestimmt. Merkwürdigerweise zeigen alle Beobachtungen, dast die Raupen sich ohne Zaudern auf die nächste Nnhrungsquelle zu be- wegen. Es sind Fälle bekannt, wo das Ziel über eine Meile vom Ausgangspunkt entfernt lag, so dast man ein austcrordentkich feines Witteruiigsvennögen anzunehmen gezwungen ist. Im allgemeinen gehören die ivandernden Raupenarten zu den allerschlimmstcn Schädlingen. Es ist ein Glück zu nennen, dast Epidemien ihrer un- geheuren' Verbreitung entgegenwirken. Auch das Auftreten und die Flüge von grosten Schmetterlings- schwärmen ist nicht allzu selten. Selbst minder häufige Arten wie der Schwalbenschwanz treten manchmal in Massen auf. Weit auf- fallender als bei uns ist das Erscheinen von SchmettcrlingSschwärnien in überseeischen Ländern. Eine dort vorkommende gelbe Nachtfalter- ort bedeckt im Frühjahr buchstäblich die Felsen der Bugong-Berge und wird nicht allein von den Vögeln, sondern auch von den Ein- geborenen in Mengen verspeist. In Algier wird das Ordensband bisweilen milliardcnweise angetroffen. Desgleichen wurden in Aden die Noctuen(Eulen) zu Zeiten in Massen beobachtet. Besonders grost- artig entwickelt sich der schwarmweise Zusammenschlust von Schmetterlingen in den Aequatorialgegenden, wo die Farbenpracht der Tiere den Massenflug zu einem überaus schönen Schau- spiel niacht. Verantw. Redakteur; Georg Duvidstw» Berlm— Druck u Verla»; Vorwärts Buckdr. u. Verlaosanstalt Bau! Sinocr& Co.. Berlin SW.