Anterhattungsblatt des Vorwärts Nr. 140. Donnerstag, den 23. Juli. 1903 �Nachdruck verboten.) Roman aus dem Mod einen Sizilien von Emil Rasmussen. Assunta entkleidete sich indessen und badete ihren Körper, ohne sich abzutrocknen. Darauf begann sie neugierig im Zimmer umherzuwandern, mit den Füßen behaglich die Kälte der blauen Fajencefliesen aufsaugend und die Kühlung genießend, die die Luft um ihre nasse Haut legte. Unten hörte sie ein Weib schluchzen. Sie blieb einen Augenblick stehen und lauschte. Die Gräfin kam noch immer nicht. Sie setzte sich auf den ägyptischen Divan, der schräg in dem großen Zimmer aufgestellt war. War es möglich, daß Angela ihrethalben die Marchs- sina aufgegeben hatte, daß er sie liebte, ihrer harrte! Ach wäre er bloß hier, daß sie es aus feinem eigenen Munde hören könnte! Waruin mußte sie so kommen, gegen seinen Willen, ihn überrunipelnd?. W? sie doch als seine Verlobte hätte kommen können! Sie ging ans Fenster und blickte durch die Holzjalousien hinab auf die kleine Piazzetta. Alle Türen waren versperrt. Kein Mensch zu sehen. Das Schluchzen da unten wollte nicht aufhören. Wo- ruber d i e nur so verzweifelt war? Sie warf einen zögernden, zufriedenen Blick auf sich selbst, als sie an dem großen Spiegel vorbeiging, und setzte sich wieder auf den Divan. Eine traurige Stimmung begann sich ihrer zu bemäch- Ligen. Sie fühlte eine Unruhe in ihrem Herzen, die sich nicht bekämpfen ließ. Da kam die Gräfin zurück, zerstreute die Wolken mit ihrem strahlenden Lächeln und setzte sich neben sie. Sie musterte den jungen weißen Körper und sah zufrieden, wie das Blut alle Formen rundete und spannte. „Wer schluchzt da unten so?" „Ein junges Bauernmädchen, Rusidda. Ihre Mutter ist gestorben." „Die Arme!" „Das ist die Ordnung der Nawr.— Aber willst Du nicht ein wenig ruhen? Ich ruhe des Nachmittags auch. Dann speisen wir zusammen hier, wir beide allein. Du brauchst nicht mit all den Fremden zusammenzutreffen— und heute Abend siehst Du Angclo. Komm, Du kannst nach der Reise ein wenig Ruhe brauchen. Leg Dich aufs Bett. Du siehst, es ist breit genug für uns beide. Die Gräfin zog die dunklen Gardinen ganz vor. Halb- dunkel fiel über das Gemach. „Nimm die Decke, wenn Du willst." „In dieser Hitze? Ich liege sonst ganz nackt auf dem Bette." „Ich auch." „Aber es ist vielleicht nicht passend." „Unsinn, Kind! Wir beide!" Die Gräfin entkleidete sich und wusch sich mit einem großen Schwamm: dann legte sie sich zu Assunta, ein wenig atemlos, während das junge Mädchen mit dem Beobachtungs- vermögen eines Kindes jeder Bewegung folgte. Einen Augen- blick lagen beide stumm. „Erzählst Du mir nichts von Angelo?" begann die Gräfin.„Ist er süß?" „Er ist so, daß ich entweder mit ihm leben oder ohne ihn sterben muß. Darum kam ich." „Und wenn er nun verlobt wäre?" „So würde ich hier unten sterben." Die Gräfin ging leicht über die Antwort hinweg und fragte rasch: „Hast Du ihm angehört?' Assunta schwieg. „Wie kam es? T>« weißt, mir kannst Du alles ver- trauen. Wie kam es?" „Wie es kam?— O— das war an einem Abend. Du weißt, wir wohnten in Via Gregoriana. Ich hatte ihm ver- kprochen, beim Tor zu warten, nachdem Mutter zu Bett ae- gangen. Er kam von draußen. Wir gingen zum Monte Pincio hinauf. Die Gittertüre war längst versperrt. Wir gingen unter den Steineichen vor der französischen Akademie auf und ab. Es war im vorigen Frühling. Der Mond schien. Wir sprachen nicht sehr viel. Zuletzt setzten wir uns auf die Steinbrüstung über der spanischen Treppe. Wir sprachen zuerst von den Laternen in Via Condotti. Aber mit einem Male küßte er mich— und ich küßte ihn— und er sagte, er könne nicht ohne mich leben. Dann wollte er heim. Aber ich bat ihn, wir möchten noch lange, lange umhergehen. Es waren gar keine Menschen da und alles so still, so still! Als wir dann heimkamen, nahm er mich mit auf seine Stube— und so kam es." Gräfin Lucia lag niit halboffenen Augen und hielt Assuntas Hand in der ihren. Nun begann sie zu fragen. In die geheimste Kammer wollte sie dringen. Und das Kind antwortete. Ließ sich Schritt für Schritt weiter drängen. Lieferte die geringste Einzelheit aus, wie sie in ihrem Sinn eingebrannt stand. Sowie die Gräfin Rusidda ausgeforscht, so forschte sie nun in Assunta. Nun kannte sie ihren Jungen in den verborgensten Äeußerungen seines Wesens. Und das befriedigte sie.... Eine halbe Stunde später stand der Tisch im Schlaf» ziinmer gedeckt. Die Gräfin speiste allein mit ihrem jungen Gast. Während des Speisens gab sie Assunta Bescheid über das Programm des Abends. „Wir haben das Haus voll von Gästen", sagte sie.„Auch alle Hotels sind voll. Sie haben in den leeren Gefängnis- zellen Gastzimmer einrichten müssen. Ich habe auch für Dich ein Zimmer bestellt. Dorthin wird Angelo heute abend kommen und Dich treffen. Ihr habt natürlich das und jenes miteinander zu sprechen und nichts dagegen, ein wenig allein zu sein?" „Aber geht das an?" „Es ist ja früher auch gegangen. Und niemand soll es erfahren. Nicht einmal sein Vater soll es wissen. Wir Frauen verstehen uns besser auf die Wünsche der jungen Leute!" „Du bist so gut!" Assunta fühlte sich ein wenig schwer, aber sie ließ sich verleiten, den Wein zu kosten und wurde mutwillig wie ein Kätzchen. Nach Tische wurde Kaffee eingeschenkt, und zwei Lehn- stühle wurden hereingebracht. Die Gräfin fragte und fragte. Bald gab es keine Falte in Assuntas Herzchen, die sie nicht bloßgelegt hatte. Es war Dämmerung, als Pamfo in das Schlafzimmer geführt wurde. Die Gräfin mußte beim Anblick des aufgeputzten Gau» ners selbst lächeln. Er trug wieder einen von den abgelegten Anzügen des Grafen, der an der wenig martialischen Figur des Trägers da und dort ein wenig schlotterte. Die Gräfin stellte vor:„Herr Tardini, der Dich zu dem improvisierten Hotel bringen wird. Herr Tardini ist ein guter Freund unseres Hauses." Pamfo verbeugte sich tief und rankte sich wieder empor, um die Falten seines Anzuges nach Möglichkeit auszufüllen. Assunta küßte die Gräfin zum Abschied und folgte Pamfo fröhlich hinab. Unten auf dem Korso hielt ein geschlossener Wagen, in den sie einstiegen. Sie mußten Schritt für Schritt fahren. Auf der Straße gab es immer noch Gedränge und Lärm, Schreien und Singen: die Bauern strömten hinaus gegen die Piazza bell' indipendenza. Alle Häuser waren illuminiert, der Play selbst aber war ein einziges Lichtmecr, und die anstoßende Anlage, Villa Garibaldi, am Alltag öde und verlassen, war heute ein strahlender Feengarten, der alles an sich lockte. Die ganze Stadt war auf den Beinen. Selbst junge Mäd» chen, die alle anderen dreihundertvierundsechzig Tage des Jahres eingesperrt in ihrer Stube saßen, durften an diesem Abend ihre hübschen Gesichter zeigen— den Vater unter Sem «inen und die Mutter unter dem anderen Arm. Assunta verschlang mit den Augen, was sie von diesem Fest, von dem Angelo ihr so oft abenteuerliche Schilderungen gegeben hatte, zu sehen vermochte. Vor dem großen, düsteren Gefängnis stiegen sie aus. gter Direktor stand da und grüßte. „Gehen Sie nur!" sagte er kurz.„Es ist in Ordnung." Er folgte Assunta mit den Augen und schüttelte bitter den Kopf. „Hier ist es unheimlich I" sagte Assunta „Man vergißt es, wenn man drinnen ist," meinte Pamfo. Einen Augenblick danach begegneten sie auf dem Gange bier Carabinieri, die einen großen bleichen Mann in Hand- eisen zwischen sich hatten. „Calogero! Armer Unglücklicher!" sagte Pamfo und blieb stehen, während Assunta unwillkürlich seinen Arm nahm und sich an ihn schmiegte. Calogero sah Pamfo an, ohne ein Wort zu sprechen, aber bei diesem Blick kribbelte es jenem kalt über den Rücken hinab. Ein Schließer stand bei Assuntas Zelle, gab Pamfo den (Schlüssel und verschwand. Das Unbehagen des düsteren Gefängnisraumes legte sich der Eintretenden auf die Brust. Ein Eisenbett war herein- gestellt worden. Sonst war nichts geschehen, um den Cha- xakter eines Gefängnisses zu mildern. «Kommt Angelo bald:" fragte Assunta sogleiH, .(Fortsetzung folgt.)] (Nachdruck verboten.) Huf dem JMecre. Von Vicente BlaSco Jbasnez. Autorisierte Uebersctzung von Albert Cronau. Um zwei Uhr morgens klopfte man an die Tür der Hütte und rief:„Antonio, Antonio!", Ivorauf Antonio sofort vom Bett auf- sprang. Es war sein Kamerad, sein Genosse beim Fischfang, der ihm Bescheid gab, er müsse nun in See gehen. Er hatte in der Nacht wenig geschlafen. Um elf Uhr hatte er noch mit seinem armen Weibe Rufina geplaudert, die sich unruhig im Bett hin und her wälzte und ihm von den Geschäften sprach. Schlimmer hätte es nicht sein können! Das war ein Sommer! Im vorigen waren die Thunfische in unabsehbaren Scharen durchs Mittelländische Meer gezogen. Auch am schlechtesten Tage tötete man zwei- bis dreihundert Arroben,*) das Geld zirkulierte wie ein wahrer Gottessegen, und Leute, wie Antonio, die sich gut hielten und ihre kleinen Ersparnisse machten, konnten sich vom ein- fachen Schiffer emporarbeiten und sich eine Barke kaufen, um für eigene Rechmmg zu fischen. Der kleine Hafen war voll. Eine wirkliche Flotte hielt ihn alle Abende beseht, und man hatte kaum Raum, sich zu bewegen; aber mit der Vermehrung der Barken hatte sich auch eine schlimme Ver- Minderung des Fischfanges eingestellt. Man zog mit den Netzen nur SeegraS oder kleine Fische heraus, minderwertige Ware, die in der Pfanne zergeht. Die Thunfische hatten diesen Sommer einen anderen Weg genommen, und niemandem gelang es, einen auf seine Barke zu ziehen. Rufina war von diesem Stand der Dinge ganz erschrocken. Es war kein Geld im Hause, sie hatten beim Bäcker und im Laden Schulden, und Herr Tomas, ein Schiffseigentümer, der sich von den Geschäften zurückgezogen hatte und infolge seiner Wuchergeschäfte Herr des Ortes geworden war, verlangte sein Geld samt den Zinsen zurück. Fünfzig Duros hatte er ihnen zur Vollendung der schlanken, schnell segelnden Barke geliehen, die alle ihre Ersparnisse verschlang. Während Antonio sich ankleidete, weckte er seinen Sohn, einen Schiffsjungen von neun Jahren, der ihn beim Fischfang begleitete und wle em Mann arbeitete. „Vielleicht habt Ihr heute mehr Glück," murmelte die Alte vom Bett aus.„In der Küche findet Ihr den Korb mit dem Mundvorrat. Gestern wollte man mir im Laden nicht mehr borgen. Herrgott, was ist das für ein hundsgemeines Gewerbe"! „Schweig, Frau, das Meer ist schlecht, aber Gott wird schon weiter helfen! Gerade gestern sahen einige einen Thunfisch, der rasch dahinschwamm, ein alter, den sie auf mehr als D) Arroben schätzten. Denke Dir, wenn wir den fingen... das gäbe wenig- stens sechzig Duros!" Während der Fischer sich fertig machte, dachte er an diesen großen Fisch, an diesen Einzelgänger, der sich von seinem Zuge ge- trennt hatte und durch die Macht de» Gewohnheit zu denselben Ge- wäffern wie im vorigen Jahr zurückgekehrt war. Spanisches Gewicht--- 10 �ilo. Antonio stand schon zur Abfahrt bereit, mit dem Ernst und dem befriedigten Gefühl eines Mannes, der sich in einem Alter, in dem andere noch spielen, selbst sein Brot verdiente. Auf der Schulter trug er den Korb mit dem Mundvorrat und in der Hand einen mit den Lieblingsfischen der Thunfische, dem besten Köder, um sie an» zulocken. Bater und Sohn gingen aus der Hütte und am Strand entlang. bis sie zum Hafendamm der Fischer kamen. Der Gefährte erwartete sie in der Barke und brachte inzwischen das Segel in Ordnung. Die Flottille bewegte sich in der Dunkelheit fort, wobei ihr Pfahlwerk von Masten hin und her schwankte. Die schwarzen Schatten der Schiffsmannschaft huschten darüber hinweg, das Still- schweigen wurde von den Masten, die aufs Deck fielen, dem Knarren der Rollen unterbrochen, und die Taue und Segel waren in der Dunkelheit wie ungeheure Laken ausgebreitet. Der Ort erstreckte bis ganz nahe ans Wasser seine geraden, mit weißen Häuschen eingefaßten Straßen, worin für einige Zeit die Sommerfrischler Wohnung genommen hatten, alle jene Familien, die aus dem Jnlande gekommen waren, um das Meer aufzusuchen. Beim Hafendamm war ein großes Haus, dessen Fenster wie glühende Oefen leuchteten und Streifen Lichtes auf das unruhige Wasser fallen ließen. Es war das Kasino. Antonio warf einen haßerfüllten Blick darauf. Wie die Leute dadrinnen doch die Nacht durchschwärmten I Sie verspielten wohl ihr Geld I Wenn die früh aufstehen sollten, um ihr Brot zu verdienen! „Hißt auf! Viele sind vor uns I" Der Gefährte und Antonnico zogen an den Tauen und lang- sam stieg das lateinische Segel in die Höhe, und begann zu zittern, als es vom Winde gekrümmt wurde. Die Barke glitt erst auf der ruhigen Oberfläche der Bucht sanft dahin, dann wogte das Wasser hin und her, und sie begann heftig zu schwanken; sie waren außerhalb der Landspitzen im offenen Meer. Vor ihnen lag die dunkle Unendlichkeit, worin die Sterne funkelten und auf allen Seiten waren auf dem Meere Barken und wiederum Barken, die sich wie scharfspitzige Geisterschiffe. die über die Wogen glitten, entfernten. Der Gefährte sah zum Horizont hinauf: „Antonio, der Wind dreht sich l" „Ich habe es schon bemerkt." „Wir werden eine schwere See haben." „Ich weiß es wohl, aber nur hinein! Wir wollen uns von all' diesen, die hier herumkreuzen, entfernen." Dabei ging die Barke statt hinter den andern her, die den Weg auf die Küste zu nahmen, mit dem Bug ins Meer hinein. Es fing an zu tagen. Die rote, wie eine ungeheuere Oblate aussehende Sonne warf ein Feuerdreieck aufs Meer und das Wasser brauste, als ob es einen Brand reflektierte. Antonio ergriff das Steuer, der Kamerad war beim Mast und der kleine am Bug sah forschend aufs Meer hinaus. Vom Heck und den Seiten der Barke hingen Haarfäden herab, woran die Köder im Waffer dahinglitten. Dann und wann ein Ruck— und ein Fisch war oben, der hin und her sprang und wie lebendiges Zinn glänzte. Aber es waren nur kleine Stücke— nichts. So gingen die Stunden dahin; die Barke glitt immer vorwärts, neigte sich bald über die Wellen und sprang dann wieder in die Höhe, so daß sie ihren roten Rumpf zeigte. Es war heiß, und der kleine Antonnico glitt die Luke hinab, um aus der Wassertonne zu trinken, die in dem engen Schiffs- räum stand. Um zehn Uhr hatten sie das Land aus dem Gesicht verloren; sie sahen nur vom Heck der Barke aus die fernen Segel der anderen Böte wie Flossen von weißen Fischen. „Aber, Antonio!" rief der Gefährte aus.„Gehen wir denn nach Oran? Wenn doch keine Fische zum Vorschein kommen wollen, ist es ebenso gut hier, wie weiter'raus!" Antonio wandte das Segel und die Barke begann hin und her zu schwanken, ging aber nicht in der Richtung aufs Land. „Jetzt wollen wir einen Bissen essen," sagte er heiter.„Bring 'mal den Korb her, Freund! Die Fische werden schon kommen, wenn sie wollen." Für jeden gab es ein großes Stück Brot und eine rohe Zwiebel, die mit Faustschlägen aus dein Rand des Schiffes zerstoßen wurde. Der Wind wehte stark, und die Barke schwankte auf den breiten, hohen Wogen heftig hin und her. „Sieh da," schrie Antonio vom Heck des Schiffes aus,„ein großer Fisch— und w i e groß! Ein Thunfisch I" Die Zwiebeln und das Brot rollten vom Heck herunter, und die beiden Männer erschienen am Rand des Fahrzeuges. Jawohl, es war ein Thunfisch, aber ein ungeheuer großer,, dick- bäuchiger, mächttger, der seinen Samttücken fast mit dem Waffer gleich dahingleiten ließ, vielleicht der Einzelgänger, wovon die Fischer soviel sprachen. Er schwamm mächtig dahin, wobei er seinen kräftigen Schwanz leicht einzog; er ging von der einen Seite des Schiffes nach der anderen, kam den Leuten bald aus dem Geficht und kam dann einen Augenblick wieder zum Vorschein. Antonio wurde vor Erregung rot und warf eiligst das Tau mit einem fingerdicken Angelhaken ins Meer. Das Wasser wurde unruhig, und die Barke bewegte sich, als ob jemand mit kolossaler Stärke an ihr zöge, sie in ihrem Laufe auf- hielte und sie umzuschlagen versuchte. Das Deck schwankte, als ob es unter den Fützen der Schiffsmannschaft weggezogen würde, und der Mast krachte infolge des geschwellten Segels, aber bald lieb das Hindernis nach, und die Barke, die einen Sprung machte, konnte ihren Lauf fortsetzen. Das vorher straffe, gespannte Tau hing nun wieder schlaff und kraftlos herab. Man zog es herauf, und der Angelhaken kam an die Oberfläche; er war aber trotz seiner Dicke jetzt zerbrochen und mitten- durch gespalten. Der Gefährte schüttelte traurig den Kopf. .Antonio, dieses Tier kann mehr als wir. Mag es fortziehen! Wir können Gott danken, daß die Angel zerbrochen ist. Es hätte wenig gefehlt, und wir wären untergegangen." .Wir sollten es lassen?" schrie der Herr.„Ein Teufelsstück I Weißt Du, was das wert ist? Es ist keine Zeit zu Bedenken oder Furcht. Auf ihn, auf ihn!" Er ließ die Barke wenden und kehrte zu demselben Gewäffer zurück, wo die Begegnung stattgefunden hatte. Er setzte nun einen neuen, sehr großen Angelhaken ein, woran er verschiedene Köder aufspießte, und ohne das Steuer loszulaffen, ergriff er einen spitzen Bootshaken. Er wollte diesem dummen, kräftigen Tier schon einen sausten Schlag damit geben, wenn es in seinen Bereich käme! (Schluß folgt.) Geograpkifcke und kulturelle Streifzüge durch die Siszeit. �-■■- iL v Mag auch eine große Anzahl verschiedener Umstände dazu bei« getragen haben, den Menschen aus seinem urzeitlichen Natur- zustande herauszuheben, so ist doch das wesentlichste Moment die Veränderung der Daseinsbedingungen. Das ist von jeher so ge- Wesen und auch heute noch so. Wo der Kampf ums Dasein allzu hart ist, muß der Mensch seinen Sinn, seinen Verstand, seine ganze Tätigkeit lediglich auf die Befriedigung des Nahrungstriebes richten. Mit der besseren Lebenshaltung steigt, vielleicht manchem unbewußt und unbemerkt, auch der Sinn und die Empfänglichkeit für die idealeren Güter des Daseins. Eine höhere Kultur ist nicht möglich, wenn der Mensch nur die rauhe Seite des Lebens kennen lernt. Daher auch der berechtigte Wunsch und das natürliche Streben des Menschen, die Dascinsbcdingungen zu seinen Gunsten zu verändern. Nichts aber ist so sehr imstande, diesen Daseins- bcdingungen eine günstige Wendung zu geben, als klimatische Ein- flüsse. Sagt doch schon Humboldt in seinen„Ansichten der Natur": „Wenn auch der Anfang der Kultur nicht durch physische Einflüsse allein bestimmt wird, so hängt doch deren Richtung, so hängen Volkscharakter, düstere oder heitere Stimmung der Menschheit großenteils von klimatischen Verhältnissen ab. So gewiß der Be- wohner des Festlandes an Lebensweise und Charakter ein anderer ist als der Insulaner, der Sohn der Berge verschieden von dem Nachbar, der in Tal und Ebene lebt, der urwaldbewohncnde „Wilde" sich unterscheidet von der schweifenden Rothaut: so sicher haben klimatische Bedingungen an der Differenzierung des Menschengeschlechtes hervorragenden Anteil gehabt. Einheit der Art! Unendliche Mannigfaltigkeit in Gestalt, Farbe, Sprache, Sitte! Verhältnismäßig spät, soweit gegenwärtig unsere Kenntnis reicht, ist der Mensch Bewohner dieser Erde geworden. Unter einem glücklichen Himmel hat er die Tage der Kindheit verbracht. Reich- liche Nahrung stand ihm zu Gebote. Nichts vermissend, nichts ver» langend, lebte er dahin. Nicht katastrophenartige Ereignisse dürften ihn aus seinem Paradiese vertrieben haben, auch keine planvolle Auswanderung hat ihn geleitet: allmähliche Wandlung des Klimas zerstreute die urmenschliche Gesellschaft. Der Himmel, unter dem unsere frühen Ahnen wohnten, kannte jedenfalls keine großen Gegensätze: gleichmäßige Wärme und Feuchtigkeit, ein ewiges Blühen und Reifen der Natur. Nur die rhythmische Folge von Tag und Nacht brachte ein wenig Wechsel in das stete Einerlei. Da fehlten natürlich alle Bedingungen des Fortschrittes, alle Vor- aussetzungen einer geistigen Kultur. Wo der Urmensch gesessen auf Erden, wann zuerst Abkommen von ihm nach Europa*) ge- wandert sind, wissen wir nicht. Nur das bestätigen die paläon- tologischen Funde, daß zur Eiszeit der Mensch in Mitteleuropa der Genosse der großen Dickhäuter und Raubtiere war. Der Hereinbruch der Eiszeit war für die Lebewelt von ein- schneidendster Bedeutung. Pflanzen und Tiere änderten die Lebensweise, wanderten ans oder starben. Neue Formen und Trachten kamen von Norden herab, kräftige Gestalten, zum Streite herausfordernd. Enger und enger wurde der Raum, den die Gletscher freiließen, heftiger entbrannte der Kampf ums Dasein. Jetzt galt es, die Sinne zu schärfen, die Faust zu rüsten zum Ringen mit der kargenden Natur. Die segensreiche Kraft des Feuers trat in ihr Recht, die ersten Erfindungen wurden im Drange der Not gemacht, Waffen, Geräte, Werkzeuge, Gewänder verfertigt. Der durch die Verhältnisse bedingte Uebcrgang von der *) Manche halten-sogar Mitteleuropa für den Ursprungsort der Menschheit Pflanzen- zur Fleischnahrung veränderte Gebiß, Muskulatur und' Nervensubstanz. Neue Vorstellungskreise traten auf, die alten er- wetterten sich. Die Sprache wurde reicher, die erhöhte Tätigkeit hatte eine Vermehrung der Verbalwurzcln zur Folge. Raum und Zeit gewannen tiefere Bedeutung. Die Schwierigkeit des jagd- mäßigen Erwerbes des Unterhaltes gab vielleicht die Anregung zur Zähmung von Haustieren. So lebte der Eiszeitmensch, umgeben von einer düsteren Natur» mitten in Gefahren, rüstig um sein Leben ringend. Fragen wir nach seinem Charakter, so werden wir in ihm nicht jenen mürrisch- traurigen Einsiedler erwarten dürfen, dessen Bildung unserer Auf» fassung von seinem grenzenlos armseligen Zustande entspräche- Wir werden ihn vielmehr in dieser Hinsicht dem Grönländer früherer Zeiten vergleichen können. Dieser hat für seine Lebens- erhaltung ein großes Maß von Fürsorge aufzuwenden. Allein dieses ist ihm nun einmal geläufig geworden und genügt ihm in der eigentümlichen Beschränkung» in der er lebt. Er sucht keine neuen Wege darüber hinaus, sondern ist mit seiner Lcbcnsaus- rüstung zufrieden. Thlor stellt den europäischen Eiszeitmenschen dem Eskimo der Hudsonsbai von heute an die Seite, der wie jener von der Jagd des Rentieres lebt und trotz der natürlicken Be- schränktheit seiner Erwerbsmittel zu einer für seine Verhältnisse kaum noch zu erhöhenden Lebensfürsorge fortgeschritten ist und dabei mit Vorliebe seine oft lange Zeit brachgelegte Tatlust in gleicher Weise und mit gleichem Geschick beschäftigt. Für eine höhere Kultur war nun freilich in den Ländern de« Gletscher kein Raum. Die ewige Sorge um des Lebens Nahrung und Notdurft verbot jede weitere Tätigkeit, und wenn, wie die Ein� ritzungen von Tiergestalten auf Knochenstücken zeigen, noch Zeit blieb zu künstlerischen Versuchen, so bekunden Material und Zeich» nung, in welcher Richtung sich die Gedanken bewegten. Hungep und Liebe waren die Pole, um die sich das Interesse drehte. Nie» mals konnte sich hier die Kulturmenschwerdung vollziehen; das mußte in glücklicheren Breiten geschehen, in Gegenden, gleich weit vom lachenden Ueberfluß wie vom lähmenden Mangel. Die Klimaänderung, die bereits während der Tertiärzeit zulj Erscheinung kam, dann in der Eiszeit mit Nachdruck sich geltend machte, hatte eine Wanderung der Isothermen") gegen den Aequator hin, eine Verschiebung der Wärmezonen zur Folge, dies für die Pflanzen- und Tierwelt vielfach Vernichtung brachte, für; den die heimatliche Scholle liebenden Menschen aber zumeist die! Veranlassung wurde, im Widerstreit mit den veränderten Be� dingungen die geistigen Waffen zu schärfen, sich auf eine höhere Stufe des Seins zu erheben, sich zum Herrn der Natur zu machen. „Wir glauben nicht fehlzugehen", sagt Ankcl,„wenn wir dies günstigsten Lebensbedingungen während der Eiszeit zwischen den Wendekreisen suchen. Nicht in dem ruhelosen Ringen um Speise und Trank, schützendes Obdach und wärmendes Gewand wurde hier die menschliche Tätigkeit erschöpft; es blieb auch Zeit, edlere Bedürfnisse zu befriedigen. Wenn es trotzdem in diesen Breiteft zu keiner denkmalbczeugten Kultur gekommen ist, so haben wir die Gründe ebenfalls auf klimatischem Gebiet zu suchen. Die Zeit- die der äquatorialen Menschheit zu ihrer EntWickelung vergönnt war, war zu kurz, als daß dieselbe weit über die Anfänge hinaus- gekommen wäre. Das organische Werden vollzieht sich eben lang» sam nach immanenten Gesetzen. Zu früh ging die Eiszeit zu Ende, zu früh sandte die Tropensonne ihre senkrechten Strahlen herab. Jetzt vollzog sich eine umgekehrte Verschiebung der Isothermen nach den Polen hin, m?t ihr eine Wanderung der Kultur. Der heilsame Einfluß des jahreszeitlichen Wechsels gewann an Bedeutung, mannigfaltiger wurden die Daseinsbedingungen, individueller die Entwicfehmg, reicher die Kultur, stofflich wie geistig. Bald Wareft die subtropischen Länder die klimatisch am meisten begünstigten. In ihnen, in den Breiten des südlichen Mittelmeeres, in Nordafrika und Südasien haben wir darum die ältesten Kulturen zu suchen. Hier vollzog sich der Wechsel ziemlich rasch. Gletscher gab es keine, nur reiche Niederschläge hatte die Eiszeit gebracht. Der Himmel wurde heiterer, die Luft wärmer. Für die alten Kulturen in Mexiko und Peru wurde der Nachteil der Aequatornähc durch die Höhenlage ausgeglichen." Der subtropische Eiszeitmensch, glücklicher als sein eurck päischer Vetter, trat nicht unvorbereitet an seine hohe Aufgabe heran. Immerhin hatte sich die Temperaturabnahme auch in diesen Breiten merklich geltend gemacht. Kämpfte der Mensch auch nicht den harten Kampf der Höhlenbewohner, so war er doch weit entfernt vom Ueberfluß. Seine Muskeln waren erstarkt, sein Geist geweckt. So begann er seine Mission. � Wenn wir die Tatsache ins Auge fassen, daß die subtropische Kultur in historischer Zeit eine Verschiebung nach Norden er- fahren hat; wenn wir weiter bedenken, daß heute die Kultur bis zu 60 Grad nördlicher Breite und darüber gewandert, in ihren alteft Sitzen aber, wesentlich aus klimatischen Gründen, erstorben ist, so will uns scheinen, als stünden wir noch mitten in dem Prozesse, der zu Ende der Eiszeit begonnen hat. Es muß freilich zugegebeft werden, daß die Menschheit mit fortschreitender Er» starkung die räumlichen Horizonte Schritt vcr Schritt erweitert trotz ungünstiger Bedingungen, und gerade dt rt die Kulturarbeit aufnimmt, wo Tatkraft und Intelligenz Triulllphe feiern können. Trotzdem sehen wir den Hauptanstoß zur nordwärts gerichteteft •) Isothermen— Linien, die auk Landwirten alle Orte mit aleilber Temperatur verbinden. Kulturwanderung in klimatischen Aenderungen. Die Wüste rückt— daran ist nicht zu zweifeln— gegen das Mittelmeer vor. Alte Fluhläufe sind vertrocknet; mächtige Ruinen, halb vergraben im Sand, sind stumme Zeugen entschwundener Pracht. Und sollte das noch zu Casars Zeiten unwirtliche Klima von Deutschland nur historischen Bedingungen seinen heutigen Zustand verdanken? Sicherlich spielen hier auch andere Faktoren eine Rolle: Die Erde ist noch dabei, sich von den Schrecken der Eiszeit zu erholen. In vorzüglicher Weise hat die Eiszeit zur Differenzierung der Mensch- heit beigetragen. Sie war der Ansporn zu erhöhter Tatkraft, zu reicherer Muskel- und Geistcstätigkeit, der Durchgangspunkt zur Kultur. Sie ist die Geburtsstunde der Kulturmcnschheit. Aber nicht nur für den körperlich-geistigen Aufschwung der Menschheit ist die Eiszeit von Bedeutung geworden: die fruchtbare lockere Erdschicht, die heute den lebendigen Fels weiter Gebiete bedeckt, zum Teil deren landschaftlichen Charakter bestimmt, und in der die gesamte Kultur wurzelt und blüht, sie ist wesentlich das Resultat der eiszeitlichen Massentransporte, mögen diese nun durch Gletscher, Wasser oder Winde erfolgt sein. Liefern uns die älteren geologischen Perioden Kohle und Salz, so spendet uns das Diluvium mehr als jeder andere Untergrund Korn. Es ist nicht unmöglich, daß die Erde zu Ende der Tertiärzeit eine gewisse Müdigkeit und Erschöpfung zeigte. Die Umhüllung mit frucht- baren Ablagerungen ist eine Art Verjüngungsprozeh. Unter diesem Gesichtspunkte würde sogar der Gedanke an eine Periodizität der Eiszeiten in Ansehung der Zukunft seine Bitterkeit verlieren. Eine künftige Eiszeit wäre allerdings gleichbedeutend mit einer teilweiscn Vernichtung und beträchtlichen Einengung der Kultur, dann aber könnte aus dem jungfräulchen Boden neues Leben erblühen. Dr. J. W, Kleines feuilleton* Hygienisches. Der Arzt und die Fliege. Vor noch gar nicht langer Zeit wäre man in Versuchung geraten, eine Ucberschrist„Der Arzt und die Fliege" für den Titel einer lehrreichen Fabel zu halten, die irgendeine Moral durch die Gegenüberstellung dieser beiden anscheinend schwer in Beziehung zu setzenden Wesen zu verkörpern suchte. Heute weih man sehr wohl, dah die Fliege und viele ihrer Verwandten aus dem Jnscktenreiche für die ärztliche Wissenschaft «ine ganz auherordcntliche Wichtigkeit besitzen und als Vermittler vieler gefährlicher epidemischer Krankheiten eine Rolle spielen, von der man sich noch vor wenigen Jahren nichts träumen lieh. Seither find brühmte Forscher selbst in ferne Länder gezogen, um dort die Ansteckung durch Jnscktcnübertragung zu studieren und Schutz- verfahren auszuarbeiten. Als Vater des Gedankens, dah die In» selten die Gesundheit des Menschen und der höheren Tiere be- drohen, nennt ein Mitarbeiter des„Lancct" den englischen Arzt Patrick Manson, der die Ursache der Malariaübertragung in den Mosquitos vermutete. Die Richtigkeit seiner Hypothese wurde dann bald von Roh in Indien und von den Italienern Grassi und Bignami in glänzender Weise experimentell bestätigt. Bald lernte man die Mosquitos des Gelben Fiebers und der Schlafkrankheit näher kennen, und vi.Ics deutet darauf hin, dah Fliegen in der Ausbreitung der Pestepidemien eine Rolle spielten. In unseren Gegenden sind glücklicherweise keine Epidemien heimisch, die durch Insekten unterhalten werden. Gleichwohl kommen von Zeit zu Zeit heftige akute und in einzelnen Fällen tödlich verlaufende Infektionen vor, die den Titel„Der Arzt und die Fliege" vom Wodcn der Fabel auf den der allertraurigsten Wirklichkeit der- weisen. Aber diese immerhin vereinzelten Vorkommnisse erschöpfen noch keineswegs die gesundheitsfeindliche Tätigkeit der Insekten. Rur zu leicht kann es vorkommen, dah die gefährlichen Keime, die an ihnen haften, auf Speisen abgeladen werden, deren Genuh dann mehr oder minder schwere Erkrankungen nach sich zieht. Dah die allgemein verbreitete gewöhnliche Hausfliege in dieser Hinsicht keineswegs harmlos ist, hat Dr. Buchanan experimentell erwiesen. Schon der anatomische Bau des Fliegcnbeines bringt es mit sich, dah Partikelchen der Gegenstände, über die das Tier hinwcgkriccht, daran haften bleiben und am anderen Orte wieder abgesetzt werden, namentlich wenn die Fliege in flüssige Nahrungsmittel hineinfällt. Dr. Buchanan hat seine Versuche in der Weise an- gestellt, dah er Fliegen über Nährböden hinwegb. iechcn lieh und die sich entwickelnden Baktcricnkolonien studierte. Zunächst zeigte sich das erfreuliche Ergebnis, dah die Ucbertragungsfähigkcit für Typhus in dieser Weise eine vcrhältnismähig sehr geringe ist. Immerhin wuchsen einige Kolonien, wenn direkte Berührung mit den Ausscheidungsprodukten von Typhuskranken stattgefunden hatte. Unter vergleichbaren Bedingungen wurden auch Staphylokokken und Tuberkelbazillen übertragen. Weit leichter te ltcn sich die Er- reger anderer Krankheiten mit. Fliegen, die über Kadaver von der Schweinepest oder Milzbrand erlegcncn Tieren hinweggckrochcn waren, trugen zahlreiche Keime mit sich. Auch die Rotzkrankheit wurde auf diese Weise übcrimpft. Neben den Versuchen BuchananS wiesen auch Beobachtungen im Burcnkriege aus die wesentliche Zislle der Flicgensckwärmc bei Verbreitung cpil emischer Krank- hÄen unter den englischen Truppen hin. Zum Glück für uns ist Werantw. Redakteur: Georg Tavidsohn, Berlin.— Druck u. Verlag: die Flicgenplage in den gemähigten Klimaten selten. Man hak nun versucht, die Fliege sogar als ein nützliches„Haustier" hinzu- stellen, weil sie angeblich bei ihrem Umhernaschen auf den der- schiedcnsten Speisen Bakterien vertilgen sollte. Dies dürfte in keiner Weise richtig sein. Es ist vielmehr anzunehmen, dah die mikroskopischen Organismen lebend den Verdauungstrakt der Fliege passieren und dah das„Umhernaschen" nur dazu beiträgt, sie rasch zu verbreiten. Man hat daher die Fliege vom hygienischen Stand- punkte grundsätzlich als ein Scheusal zu betrachten. Die Gefahr, die sie bedeutet, liegt einmal im Vorhandensein von infizierenden Zentren, zu denen Fliegen Zutritt finden, und in der Leichtigkeit einer darauffolgenden Berührung mit Menschen oder höheren Tieren. Da vornehmlich typhöse und Darmerkrankungen in Be, tracht kommen, so ist in erster Hinsicht ein hygienischen Anforde- rungen entsprechendes Kanalisations- und Drainicrungssystem von gröhtem Belang. Ebenso ist die rasche Vernichtung tierischer Kadaver, die mit Keimen ansteckender Krankheiten durchsetzt sind, auherordcntlich wichtig. Solange die Körper toter Tiere unzer- stückelt sind, ist die Gefahr einer Krankheitsübertragung durch darüber kriechende Tiere nicht allzu groh. Sobald aber die Unter» suchung eine bedenkliche Infektion festgestellt hat, muh sofort zur Vernichtung der Uebcrhleibsel mittels Feuers oder zum Vergraben in hinreichender Tiefe geschritten werden. Jedenfalls wird die Erkenntnis der Gefahr auch dazu beitragen, die Vorsicht im Hause zu erhöhen. Es ist sicher nicht unbedenklich, Speisen und Speisereste den Fliegen preiszugeben. Und wenn auch die Gefahr nicht übertrieben dargestellt und aufgefaht werden soll, wird doch die Fürsorge nach dieser Richtung in manchem Falle schlimmen Folgen vorbeugen können. Archäologisches. DaS Wikingerschiff von Oseberg. Der Direktor des Altertumsmuseums von Kristiania, Gabriel Gustafson, hat soeben der Pariser Akademie der Inschriften eingehenden Bericht erstattet über einen auherordentlich interessanten Fund, der kürz- lich in Norwegen gemacht wurde. Die alten Wikinger pflegten bekanntlich ihren Toten in einem Schiffe ihre letzte Ruhestätte zu geben, das dann nahe der Meeresküste vergraben und mit einem hohen Hügel bekrönt wurde. Diese Begräbnisstätten, die stets unter feierlichen Zeremonien errichtet wurden, finden sich besonders zahlreich am Fjord von Kristiania. Die kleineren Grabschiffe find meist durch die Erde und die Einwirkung der Zeit zerstört, und nur die erhaltenen Nägel und Mewlltcile gestatten Rückschlüsse auf die Dimensionen der Fahrzeuge. Allein bisweilen, wenn die Erde des Grabhügels der Konservierung besonders günstig lft, wenn sie blaue Tonerde enthält, findet man noch mehr oder minder grössere Teile, die gut erhalten sind und die Jahrhunderte über- dauert haben. Einer der bedeutsamsten Funde dieser Art ist jetzt auf dem Gute Oseberg, in der Nähe von Tonsberg, etwa vier Kilo- mcter vom Meere entfernt, gemacht worden. Schon bei Beginn der Ausgrabungsarbeitcn bemerkte man mit Uebcrraschung, dah die beiden Enden des Schiffes, der Vorder- und der Hintersteven, reich mit prachtvollen Skulpturen verziert war, und im Verlaufe der tveiteren Arbeiten fand man eine Fülle sehr interessanter und auherordentlich schöner Antiquitäten bisher unbekannter Formen, die durchweg mit einer überraschenden Eleganz und Anmut ge- arbeitet waren, tleber der Mitte des Schiffsrumpfes, unmittelbar hinter dem Grohmast, war das Toteazimmer errichtet; es zeigte sich bald, dah dieses in früheren Zeiten von Räubern heimgesucht worden war. Der gröhte Teil des Inhaltes tvar entführ:, und deutlich gewahrte man noch die Spuren der Axthiebe in der Seiten- wand des Schiffes und die Bahn, die die Plünderer sich geschaffen hatten, um ins Innere einzudringen. Unter den Trümmern und in dem Totcngemach fand man menschliche Gebeine. Es waren die Reste zweier weiblicher Skelette, wahrscheinlich einer angesehenen Frau, der das Schiff als Grab diente, und einer Sklavin, die, dem Brauch der Zeiten folgend, die Herrin in den Tod begleiten muhte. Eine reiche Auswahl weiblicher Gebrauchsgegenstände, Spinn- und Wcbcgeräte, ja sogar noch Wollreste und Wachs fielen den Forschern in die Hände. Unter anderen: fand man einen vierrädcrige.l Karren, vier Schlitten, mehrere Lagerstätten, einen Schleifstein, Küchenutcnsilien, Holzkübel und Eimer, grohe Eichcntruhen, die noch allerlei Gerät enthielten, Stoffreste uird sogar noch Federn und Eiderdaunen, die den von der Zeit vernichteten Kissen und Polstern entstammten. Besonders interessant war ein runder Stamm, reich mit Runen fSchriftzcichcn) bedeckt. Auch ein völlig erhaltener Anker wurde gefunden und grohe Anhäufungen von Tiergcbcinen, Pferden, Ochsen und Hunden, die bei den Leichen. fcicrlichkcitcn geopfert wurden, und deren Reste teils in, teils ausserhalb des Schiffes ihren Platz fanden. Vor allem überraschte die Fülle an ornamentierten Gegenständen; eine grosse Zahl ist von ganz hervorragender Schönheit und zeigt eine Relieforna- mcntik, deren Motive vorwiegend der Tierivelt entlehnt sind. Die Mehrzahl der Gegenstände ist in Rotbuche gearbeitet, bisweilen in noch weicheren Holzarten; um ihre Erhaltung zu sichern wird eine langwierige und sorgsame Behandlung erforderlich werden. Nach der Ansicht von Gustasson muh man das Wikingerschiff auf Grund seiner Form und der Ornamentik der Zeit gegen 800 zuweisen; elf Jahrhunderte also hat es in dem Grabhügel gelegen, ohne der Vernichtung anheim zu fallen. Vorwärts Buchdr. u. VcrlagSanstalt Paul Singer& Co., Berlin SW.