Ilnterhaltimgsblatt des Vorwärts 9lt. 144. Mittwoch, den 29. Juli. 1908 !(NaHvNlZ vexboten.Z so JMafia» goman' aus 6cm modernen Sizilien von Emil Rasmuss�n. � Ettore war eben erst in Schlaf gefallen, als Lo Forte ihn wecfte, schon in voller Arbeitsrüstung, mit Revolver im Gürtel und der Büchse über, der Schulter, bereit, in die Mnen auszufahren. Während sie von anderen Dingen sprachen, fragte Ettore plötzlich: «Wer ist das sunge Mädchen, das bei Assunta sitzt?/' «Wie sieht sie aus?" «Ein kleines energisches Geschöpf, von guter Figur übrigens: ein charakteristisches Gesicht mit einem ziemlich vorspringenden Profil und intelligenten, ein wenig ver- schleierten Augen." «Ich nehme an, daß es Diambra Füll ist, die Tochter der Regina Fuä." «Unserer großen Schauspielerin?" «Ja. Sie hat einige Jahre in Südamerika gespielt und läßt ihre Tochter so lange hier im Kloster. Uebrigens geht diese ins Lizeum, und man sagt, sie und Belcaro seien ein- ander geneigt." «Ach so!— Wenn alle sich so entflammen könnten, wie sie, dann sähe es für Sizilien Heller aus." «Du hast gestern abend mit ihr gesprochen?" «Ja— und eben jetzt träumte ich von ihr, Nein, Du brauchst nicht zu lächeln." «Nanu! Ich muß nun jedenfalls fort. Es ist bald sechs." Sie schieden auf sizilianisch, unter Küssen und Um- armungen, ohne Scheu, ihren starken Gefühlen entsprechenden Ausdruck zu geben. Ettore blieb bis weit in den Vormittag liegen und kämpfte mit sich selbst, ob er heimgehen sollte, Aber er konnte es nicht. Vor dem Frühstück sah er nochmals zu Assunta, die nun außer Gefahr war, aber immer noch in halber Betäubung lag. Als er ging, fühlte er, daß er über irgendetwas ent- täuscht war. Er hatte Diambra nicht geseHen. Mit dem Dreiuhrzug fuhr er nach Rom zurück. Keiner aus seiner Familie hatte ihn aufgesucht. 7. Assunta liegt in schwerem Schlafe: kaum merkbar hebt und senkt sich die Brust. In dem weißen Antlitz kündet sich eine schwache Röte an. Auf der Stirne steht der Schweiß in großen Perlen. Diambra kommt hereingeschlichcn und löst die Mutter ab. Sie setzt sich an das eine Fenster und vertieft sich in ihr Buch. Assunta schlägt die Augen auf, ohne daß sie es merkt. Unten in dem kleinen Klostergarten steht die schlanke Palme. Durch das offene Fenster sieht Assunta ihre Krone schau- keln und schwanken in der leichten Abcndbrise, folgt dem gra- ziösen Spiel der Zweige, wie sie steigen und sinken, steigen und sinken, so lässig, zärtlich. So lässig zärtlich. Sie trocknet die feuchten Hände an dem Laken und schlägt die Decke halb beiseite, um Kühlung zu haben. „Du bist wach? Wie geht es Dir?" „Es ist heiß.— Ich will Dich nicht stören.— Ich habe ein wenig Kopfschmerz." Diambra windet ein Tuch in kaltem Wasser aus und legt es auf ihre Stirn. „Ist Angela hier gewesen?" „Sei nur ruhig! Er kommt." «Du sagst jeden Tag: er kommt! Nun glaube ich Dir nicht mehr. Er hat mich vergessen, oder er ist böse auf mich." «Du mußt bloß Geduld haben." „Ich glaube, sie sind alle böse auf mich außer Dir. Schwester Filomena, die heute Nacht bei mir wachte, war so streng. Sie sagte, wenn ich gestorben wäre, wäre ich in die Hölle gekommen." „Was weiß sie davon?" � «Aber es ist so unheimlich, davon reden zu hören, fvenr man nachts so allein liegt. Darf ich Dich nicht bitten, heute Nacht zu wachen, wenn jemand wachen soll?. Ich fürchte mich so vor Schwester Filomena." „Ich will gerne wachen. Ich habe ja jetzt Ferien. Ich sitze ja doch auf oder liege und lese.". «Du bist so gut!" Die Priorin steckte den Kopf in die Türe und rief Dianibra. Sie teilte ihr mit, Lidda sei da und wünsche mit ihr zu sprechen. Assunta hatte den Namen herausgehört. Sie erhob sich in heftiger Bewegung halb vom Bette und rief Diambra zurück. Sie müsse ihr versprechen, Lidda zu ihr herein- zuführen. �>ie wolle einmal ihre Nebenbuhlerin sehen. Die beiden Freundinnen gingen in Diambras Zimmer, Ein junges Mädchen, eine der Pensionärinnen, lag auf ihrem Bette und schlief. Sie erwachte, als die beiden ein- traten und Diambra bat sie, sie allein zu lassen. Das junge Mädchen entfernte sich in stummer Untertänigkeit. „Wie lange es ist doch her, seit ich Dich gesehen," begann Diambra. «Ich habe dies nicht verwinden können." -„Du hast Deine Verlobung aufgehoben, denke ich." Sie sagte dies mit ihrem eigentümlich ruhigen Lächeln, unter dem sie ihre schonungslos bloßstellende Ironie, die sich geradenwegs gegen Freund und Feind richtete, zu ver- bergen pflegte. Nur ein schwaches Zittern verriet ihren Kampfescifer. Lidda konnte dieser ruhige Spott, dessen Stachel sie gewöhnlich nicht abzubrechen vermochte, in Raserei versetzen.*'■••***■«»■■ „Was kann Angela dafür, daß dieses kleine Mädchen dahergereist kommt, und daß seine Mutter sich so dumm be- nimmt?" „Nein, dafür kann Angela nichts. Er kommt wohl auch bald und besucht—„dies kleine Mädchen"? Ich meine, um zu zeigen, daß er mit seiner Mutter nicht solidarisch ist." „Wozu sollte das führen? Sie noch unglücklicher zu machen? Er hat doch wohl seiner Verlobten gegenüber größere Pflichten." „Das kommt darauf an, ob er auch Dich verführt hat." Lidda war es einen Augenblick, als versinke der Boden unter ihren Füßen. «Wer sagt, daß er sie verführt hat?" fragte sie zaghaft. «Sie selbst." „Dann ist es wohl�Lllge. Eine Frauensperson, die sich in einer so intimen Sache jemanden anvertraut, ist so er- bärmlich, daß sie auch lügen kann. Siehst Du nicht, wie sie alle Mittel gebraucht? Ist es eines Weibes würdig, einem Manne nachzulaufen, der es nicht haben will? Und hätte Angelo mich tausendmal verführt, ich würde nicht drei Schritte weit nach ihm gehen, von dem Augen». blicke an, da ich wüßte, daß er mich vergessen hat." „Aber wußte Assunta das? Er hatte mit ihr geschwärmt und ihr vorgespielt. Er hatte sie genommen, ihr sein Wort gegeben. Sie hört, daß er sich mit einer anderen verlobt hat. Wie kann sie wissen, daß es nicht eine lose Verbindung ist, wie Rusidda und.,. � „O Diambra, Du kannst mich rasend machen...."'' „War Rusidda etwa kein vorübergehendes Gefühl? Was kann da ehrlicher, eines Weibes würdiger sein, als dem Manne nachzureisen, dem sie sich hingegeben, ihn zu fragen, wo sein Herz ist und stolz den Tod zu wählen in dem Augen- blicke, da sie sich verschmäht ficht?" � i „Sie fürchtete sich allein im Gefängnis— das war alles!"... „Woher hätte sie dann das Gift genommen? Nein, laß uns nicht zu pomphaft von weiblicher Wurde sprechen. Du, die Du Dich unter Demütigung um Demütigung duckst wie ein Hund, der. die Peitsche bekommt � willst Du Dich mit ihr messen?"•; Lidda war nähe daran, zu explodieren. „Giftige Zunge!" rief sie, und ihre Finger bohrten sich in Diambras Haar, während die Augen blitzten, als wollte sie sie morden.•»:. „Reiß nur zu!" sagte die Freundin mit einem höhnischen Lächeln. Das kühlte. Tie sank auf Diambras Schoß, küßte ihr Gesicht und preßte es zwischen ihren Händen. „Warum willst Du mich so beleidigen? Glaubst Du, es wird mir so leicht? Di> solltest es nur versuchen, an meiner Stelle zu sein!" «Ja, laß mich versuchen, vierundzwanzig Stunden an Deiner Stelle zu sein!" „Du willst mich nicht verstehen! Du willst mich nur be- kcidigen. Ich will lieber gehen!" „Wie Du willst! Aber meine Meinung verändere ich deshalb nicht." Mit heißem Kopfe und ohne ein Wort zu wechseln, gingen sie die Galerie hinab zum Sprechzimmer. Doxt stand Assun- tas Mutter und wartete. Sie stellte sich Lidda vor und bat sie im Namen ihrer Tochter, diese aufzusuchen. Dies traf Lidda ftie ein Schlag. Aber sie wußte nicht, wie sie ausweichen sollte. „Darf ich allein hineingehen?" Die beiden anderen blieben im Sprechzimmer und warteten. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Der Goldgräber. Von Johannes V. Jensen. Autorisierte Uebersetzung von M e n S. (Schluß.) Der„Goldgräber" brachte während der folgenden Monate ein gut Teil Leben in die Gegend. Nicht daß er ein munterer Mann gewesen wäre, im Gegenteil, es war ein Stück Arbeit, nur ein Ja oder Nein von ihm zu bekommen, aber es war in vielen Be- Ziehungen doch wunderliches an ihm, was die Leute zerstreute. Niemannd wurde klug daraus, ob er etwas besaß. Er lebte nicht flott, aber darum konnte er ja doch ein vermögender Mann sein. Seine Hände waren von grober Arbeit gehärtet, sie konnten sich nicht ganz öffnen, also schien er ein arbeitsames Leben geführt zu haben. Stark wie ein Henker war er noch, obgleich er weiß- haarig war. Nachdem etwa vierzehn Tagen verflossen waren, begann Lavst auf Arbeit zu gehen. Es zeigte sich, daß er für allerlei gut zu gebrauchen war, wenn man ihn nur dazu kriegen konnte, daß er von Verbessern und Verändern aller Werkzeuge und Methoden absah. Nichts war, wie es sein sollte, und nichts ging ihm flott genug. Er fuhr Dünger im Galopp, wenn er Erlaubnis dazu bekommen konnte, und Pflügte, daß die Steine Funken gaben. Er bewegte sich stets, als ob er von einem Brande käme oder zu einer Hebamme müßte, und die Leute� lachten gemütlich über ihn. Er hatte ein barsches, kurzangebnndenes, knurriges Wesen, obgleich ihm kein Mensch einen Strohhalm in den Weg legte, auch darüber belustigte man sich. Die Leute ahmten seine bissige Art zu antworten nach, und es war lange Mode, ein„Nao" zwischen den Zähnen hervorzustoßen, wenn man nach etwas gefragt wurde und witzig sein wollte. Als er merkte, daß man ihn für einen Sonderling hielt, wurde er noch schweigsamer. Vernünftige Menschen indes hatten Respekt vor dem„Goldgräber". Er hatte augenscheinlich mehr gelernt in Amerika, als er sich merken lassen wollte. Einmal sollte auf einem Hofe ein großer, alter Baum gefällt werden und zufällig kam der„Goldgräber" dazu. Er ergriff die Axt, die natürlich nicht gut genug war, aber dann mußte man ihn sehen! Oh, seine Äugen funkelten, er ging rund um den Baum und ließ die Axt daran fallen, gerade wie ein Fechtkünstlcr, der die Position wechselt und Finten braucht. Es war unvcrgleich- lich, zu sehen, wie er eine Axt handhaben konnte. Er war schlau. hatte da, wo er war, mancherlei Kunstfertigkeiten beobachtet. Eine neue Art, ein Seil zu binden, die er einführte, blieb dann in der Gegend Mode und wurde der„Goldgräberknoten" genannt. (Es war ein gewöhnlicher„Halbstich".) Er war auch ein guter Jäger und schoß eine Menge Wildenten draußen auf dem Fjord; man sagte, daß er sie heranlockte, indem er schnatterte wie eine Ente, und dabei war manchen Leuten wunderlich zumute. Er hatte eine merkwürdige Uhr, die sowohl die Tage, als auch die Monate des Jahres zeigte; niemand begriff, daß eine Uhr so lange gehe» konnte, wenn sie aufgezogen war. Nachdem der Goldgräber einige Monate daheim gewesen war, verlegte er sich aufs Mergelgraben. Von altcrSher sind es stets verwegene Kerle gewesen, die sich mit dieser Hantierung befaßten; unter„Mergelgräber" verstand man einen besonders hartgesottenen Kerl. Mergel wird auf zwei Arten gegraben, entweder aus offenen Gräben, wo immer Gefahr ist, daß die Seiten einstürzen können, oder aus geschlossenen Gräben, die von den Kundigen für sicherer gehalten werden. Hier wird nur ein schmaler Brunnenschacht in die Erde zum Mcrgellager hinuntergeführt, und der Gräber steht dann hier und höhlt nach allen Seiten aus. Der Gehilfe steht oben und windet die Eimer herauf. Stürzt ein solcher Graben zusammen, so ist der Mann dort unten verloren: aber das passiert nicht oft. Ein Mergcllager wird dadurch gefunden, daß zwei Männer, die sich darauf verstehen, zusammen umhergehen und die Erde anbohren mit einer langen, dünnen Eisenstange, die an der Spitze Gewinden hat. Alles, was sich daran festsetzt, wird unter- sucht, indem man Scheidewaffcr darauf träufelt; falls es kocht, ist es Mergel. Der Goldgräber arbeitete im Akkord für verschiedene Leute, bald war er ein gesuchter Mann und verdiente einen Haufen Geld. Er war rücksichtslos, rechnete Lebensgefahr für nichts, und er war ein so eifriger Arbeiter, daß er zwei Mann oben beschäftigen konnte, einen beim Spillbaum und einen mit dem Wegführen. Lavst lebte auf, als er damit in Gang gekommen war, er fand sein Feld, schien es. Graben mußte er eben. Aber lange dauerte es doch nicht, bis der Abenteurer in ihm wieder Macht gewann. Er wollte sich natürlich unternehmender zeigen als andere Leute, und tat sich mit drei großen Schweden zusammen, hergelaufenen Trunkenbolden, zur direkten Anlage einer Mergelgräbcrei. Sie kauften ein Mergellager und arbeiteten zuerst einen Monat auf gewöhnliche Art, schufteten wie Riesen; schon bei Sonnenaufgang konnte man die gewaltigen Trabanten draußen auf der Heide im Nebel schimmern sehen und die Kette des Schlag- baums rasseln hören. Sie waren über und über mit Kleie und Mergel bedeckt, wenn sie sich im Dorfe zeigten und mit ihrem vielen Gelde sich dicke taten. Sie lähmten die Leute mit ihrer Prahlerei und Verschwendung und spien Gotteslästerungen. Aber es nahm auch ein Ende danach. Der Goldgräber kannte kein Maß; er ließ eine Lokomobile die fünf Meilen von der Stadt herfahren und aufstellen, und nun fingen die vier ruchlosen Gesellen an, Mergel in Kippiarren auf Gleisen zu rollen. Es war kein« Gottes, furcht in den Kerlen, sie entbehrten der Schamhaftigkeit der anderen gegenüber aller neumodischen Wirtschaft. Wenige Menschen konnten es leiden, daß zu jeder Zeit aus dem häßlichen Eisenrohr da draußen auf der Heide Rauch aufschlug. Man konnte ganz krank werden bei dem Gedanken, den schwarzen Rauch zu sehe») und den Kohlengeruch zu empfinden; sie konnten doch dergleiHen Frechheiten unterlassen, selbst wenn der Teufel nicht mit im Spiele war. So war es auch verwegen, wie sie mit der Maschine fuhren, man konnte die Speichen des Rades nicht sehen, so schwirrte es ringsum. Gesetzt, es zersprang! Dicke Eisenstücke konnten ja weit wegfliegen. Wie lange konnte überhaupt wohl das Eisen- wesen halten, es rostete doch, es konnte sich unmöglich bezahlt machen. Aber gräßlich war es, zu sehen, wie die„vereinigten Mergel- gräber" in der Erde herum rumorten. Sie konnten schon etwas ausrichten: der eine war hier und der andere dort, und die schwarze Lokomobile zitterte und sauste, und das Eisentau pfiff und rasselte. und hoch kam der eine kleine Eisenwagen nach dem anderen! Niemals hatten sich die Leute ein Mergelgraben in so großem Stil vorgestellt. Aber nie hatte man den Goldgräber so ausgelacht wie da, als es sich nach vierzehntägigem Dampfbetrieb zeigte, daß das Mergel- lager erschöpft waG Lavst Erikksen selbst nahm sich das nun nicht zu Herzen. Aber andere Dinge entmutigten ihn. Er war noch nicht mit seinem Sohne ausgesöhnt. Regelmäßig jeden Sonntagvormittag war er im Dorfe, um um Tischler Anders zu werben. Sie waren sich noch nicht cininal so nahe gekommen, daß sie begonnen hätten, über etwas zu sprechen. Lavst Erikksen Pflegte sich in die Werkstatt zu begeben und deir Sohn arbeiten zu sehen, Tischler Anders ließ sich nie stören, fuhr ganz ruhig fort, sich zu beschäftigen mit seinem Leim, seinem Kien- ruß und seinen Formen von©chwcfelstein, wohinein er gefaltete Hände und Engelsköpfe goß. bis die Kirchenglocke die Leute zu- sammenzuläutcn begann. Dann löste er das Schurzfell, und der Alte sagte Lebewohl. Bisweilen konnten einige Sätze zwischen ihnen ausgetauscht werden, aber stets über Dinge, die ihrer eigent- lichen Abrechnung fernlagen. Tischler Anders bewahrte eine vcr- kindliche Haltung, als wäre der Vater ein im übrigen höchst acht- barer Kunde, der etwas lange Zeit zum Bestellen des Sarges brauche, westvegen er ja doch wohl gekommen war. Lavst Erikksen wollte sich nicht mehr nähern als bisher, solange nicht der Sohn den geringsten Schritt zur Versöhnung tat. Er stand gewöhnlich bei der Tür am Ende der Hobelbank, trat nie weiter vor und rührte nichts an. Der Sohn hatte dem Vater einmal einen Zirkel, mit dem dieser spielte, aus der Hand genommen. Lavsts Augen wichen nicht von dem Sohne, solange er in der Werkstatt war. Es konnte sein, daß er einen Fühler heransstreckte, sich nach dem Befinde»» der Frau erkundigte oder ehrlich nach Anders' Bruchleiden fragte, aber Anders reagierte nie aus die Annäherung. Eines Sonntags legte der Alte wie in Gedanken ein Pfund Schokolade auf die Hobelbank, ain nächsteil Sonntag lag sie unberührt an derselben Stelle. Es kam wie ein Schauer über Lavst, als er das Paket da liegen sah. Am folgenden Sonntag lag es auch noch da, und an diesem Tage nahm er es ungeschickt wieder an sich und mit. Es wurde kein Wort gesprochen an diesen drei Sonntagen. Für einen Mann, wie Tischler Anders, der selbst ein Bauer war und die Art der Bauern, alles zu verbergen, kannte, war es ja leicht, zu sehen, was der Vater wünschte, und es war leicht, sein kaltes Wesen zu durchschauen. Er wollte ein klein bißchen Freund- lichkeit auf seine alten Tage erwerben, er wollte seinen Jungen wieder haben, das war alles, was der Goldgräber wünschte. Aber Tischler Anders sah keinen Grund zu eincin freundlichen Ent- gcgentommen. Nicht, daß er persönlich Groll gegen den Vater ge- -hegt hätie, weil er seinerzeit ihn und die Mutter verlassen hatte. denn darauf konnte er sich nicht besinnen, und Tischler Anders be- saß überhaupt nicht den Trieb, sich gegen Unrecht aufzulehnen. Möglicherweise war es zum Besten; der Vater hatte eines Tages ein Wort in dieser Beziehung fallen lassen, das berechtigt sein mochte: es läge ein Sinn darin, das Glück im Auslande zu suchen, wenn es einem daheim verwehrt würde. Luvst Erikksen brauchte ja nicht die Absicht gehabt zu haben, Weib und Kind zu verlassen, es konnte ja sein Wille gewesen sein, in die Welt hinauszureiscn, um ihnen Geld und Wohlstand heimzubringen, wenn es ihm gut ginge. Was diese Seite der Sache betraf, lieh es sich wohl zu einer Verständigung kommen. Aber Tischler Anders wartete und hatte Zeit zum Warten, bis der Alte sich äußern würde, wie er zurückkam, ob er ihm zur Last fallen wollte oder wie. Und Lavst Erikksen war der letzte, der an diese Frage hätte rühren wollen. Er hatte vermutlich eine Art Instinkt, der ihm riet, den Sohn zu prüfen, indem er darüber schwieg. Aber so ging es zu, daß sie kein einziges Mal sich darüber aussprachen. Der Goldgräber, der am Alltag einem baumstarken, nicht um- zubringenden Arbeitspferde glich, war Sonntags, wenn er sich mit langen Schritten dem Tischlerhause näherte, ein alter Mann. Evi war dann nicht in seinem eigentümlichen, amerikanischen Arbeits- ar.zugc, wo Bluse und Hose in eins gingen, sondern trug eine blaue Jacke mit blanken Knöpfen und Kragen und Vorhemd. Er kam pünktlich gegen neun, und ebenso regelmäßig sahen die Leute um zehn Uhr, wenn sie zur Kirche gingen, ihn das Haus des Sohne? verlassen. Lavst ging nicht in die Kirche, er ging immer direkt heim in das Logis, wo er jetzt hauste. Die Leute, die ihm be- gegncten, hörten, wie er im Gehen mit sich selber sprach, während er zu Boden starrte; so verstand ihn Keiner, denn was er mit sich selbst sprach, war englisch. In dem einen Jahr, wo er in der Gegend war, wurde er zu einer Sagenfigur. Nahe kam ihm nie- mand. Aber selbst Labst Erikksen, der sich draußen in der Fremde ein barsches und kurzes Wesen angeeignet hatte, barg mehr Milde und Wärme in sich als Bauersleute im allgemeinen. Das zeigte sich in der Pünktlichkeit und der Treue, wonnt er Sonntag für Sonntag sich im Torfe einfand und in die kleine Tischlerwerkstatt hinein- kroch, wo der lange, schwache Sargtischler beim Hobeln stand und ihm seinen schlottrigen Hosenboden zukehrte und vor ihm schwieg, als wäre er Luft. � Wenn dann der Goldgräber dort so stille stand, so daß ihn der Sohn fast vergaß, sah er in seinem harten Gesicht so einsam aus. Er sah sich zögernd um, der Vielgereiste, und rieb die Knöchel etwas, als wäre ihm kalt. Sollte ihm hier kein friedlicher Winkel bcschieden sein? Sollte er nicht ein einziges Paar Augen ohne Falsch treffen, jetzt wo er alt war? In der Stube war er noch nicht gewesen. Äber jedesmal, wenn die Tür zur Wohnung angelehnt war, guckte der Alte hinein und. hielt sich mäuschenstill, er sah dann, wie Anders' saucrtöpfigcs, dick- leidiges Weib die ewigen Kartoffeln ans Feuer stellte und sich mit einem Finger am Scheitel kratzte und ihre kleinen Würmer, die stets an der einen oder anderen Seite feucht zu sein schienen. trocknete. Die Uhr drinnen in der Stube tickte ungeheuer würdig. Drinnen auf der Kommode stand eine Photographie im Rahmen neben einem Porzcllanhund, und der Goldgräber dachte sich stets, daß die Photographie die Tote, seine geliebte und nun längst vcr- storbene Frau, die er verlassen hatte, sein möchte. Er konnte sich aber nicht von der Stelle rühren, hineingehen und nachsehen, er hatte ja keine Erlaubnis dazu bekommen. psttao." Dann aber, eines Sonntags morgens, als sich der Goldgräber wie gewöhnlich in dem Tischlerhause einfand, war Anders nicht in der Werkstellc. Dagegen hörte Lavst seinen Sohn drinnen in der Stube mit den Kindern sprechen, die bald lachten und bald heulten, und deren kleine Schritte auf dem Fußboden hallten. Die Tür wurde zugemacht. Der Goldgräber bewegte ab und zu den Fuß, damit der Sohn wissen sollte, daß er da sei. Hin und wieder hustete er ein wenig. um sich bemerkbar zu machen; er hatte schon eine Viertelstunde an seinem Platz gestanden und sich alle die ärmlichen und abgenutzten Kleinigkeiten, mit denen der Sohn täglich pusselte, angeschen. Aber die Tür war und blieb zu.„Nao." Dann ging der Alte. Am nächsten Tage kam ein Bote mit einem Paar Stiefeln und einem dicken Brief für Tischler Anders. Es waren jene langen Goldgräbcrsticfcl, mit denen Lavst im Mcrgelgraben gestanden hatte. Im Brief stand nichts, aber er enthielt 250 Zchnkronen- scheine. Oh! Was war das nun einmal für eine Manier, soviel Geld in einem gewöhnlichen Kuvert zu schicken? Die Leute schnackten noch lange darüber, dergleichen Unvorsichtigkeit war ja beinahe strafbar. Aber so war der Goldgräber in allen Verhältnissen, leichtsinnig und ohne Gewissen, ohne Gedanken an schicksals- schwangere Folgen. Die Leute fuhren fort, sich über sein Mcrgclgrabcn zu be- lustigen, über seine„Fabrik", als er schon lange wieder weg war. Was hatte diese Lokomobile nicht für Geld geschluckt!.Aber der- gleichen sich anzunehmen, hatte er in Amerika natürlich nicht lassen können. Wenn Lavst Erikksen bei der alten Art, Mergel zu graben, geblieben wäre, wäre im Lager Mergel gewag für den Rest seines Lebens gewesen. Nun, der Goldgräber war eines Tages wea. Er hatte sich ganz still davongemacht mitsamt seinem Eisen» blechkoffer und seinen Gräberfäusten. Er war in die Vereinigten Staaten zurückgekehrt, zu den langen Prärien und den unendlichen Wäldern. Das Dorf hörte später nie wieder von ihm. Ckologilcbe Alanclerungen in der (Imgebung Serlins. Einleitung. Niemals wohl waren Fußwanderungen mehr im Schwünge als heute, wo ein Verkehrsmittel das andere zu überbieten sucht, wo Fahrrad, Eisenbahn und Automobil Raum und Zeit ihrer alten Bedeutung zu entkleiden scheinen. Tausende benutzen ihre freie Zeit, um, das Ränzel auf dem Rücken, den Wanderstab in der Hand, zu Fuß das Land zu durchstreifen. Und nicht allein über- söttigte Städter. Auch den Arbeiter zieht es allmählich wieder hin zum Wanderstab. Aber nicht das„Muß", die Sorge um den koin» mcndcn Tag, treibt ihn hinaus auf die Landstraße— die Zeit der Handwerksburschcn ist wohl für immer vorüber—, es ist die Sehn- sucht, dem Staub und der Enge und der freudlosen Arbeit auf kurze Zeit zu entfliehen, frei von allem Zwange all das zu gc- nicßen, was die Natur an Schönheiten beut.„Zurück zur Natur!" heißt es wieder, aber nicht im Sinne Rousseaus, nicht uns ihr zu unterwerfen, nicht das Glück in einer paradiesischen Unwissenheit des Naturmenschen zu suchen ist unser Ziel. Nein, die Natur soll unser Diener sein, bewußt wollen wir sie genießen, sie in uns auf- nehmen; nicht zur Rück-, sondern zur Fortentwickclung unser Selbst soll sie dienen; darin besteht der eigentliche Wert unseres heutigen Natnrkultcs. Und fragt nian z. B. einen Arbeiter, wofür er sich am meisten interessiert, zuerst wird er wohl antworten: Für Politik und Wirt- schaftslehre— gewiß, denn das geht sein eigen Wohl und seine Zukunft an. Fragt man weiter, so wird fast stets als zweites Naturwissenschaft genannt werden. Oft ist das nur eine instinktive Sehnsucht, ein vielleicht ganz primitives Natur g c f ü h l, cir.e oberflächliche Naturschwärmerei, ein Schwelgen in Stimmungen. Weit mehr aber hat derjenige von der Natur, der nicht allein nur für ihre äußerliche Szenerie Augen hat, sondern der sie zu bcob- achten versteht, der in ihre Geheimnisse einzudringen sucht. Und dem Wissenden, den außer dem Genuß auch das Streben nach Belehrung leitet, enthüllen sich ganz andere, ungeahnte Reize, wo auch immer er den deckenden Schleier lüftet. Ihm wird die eintönigste Wanderung durch eine Gegend interessant, die andere überaus langweilig finden; aus kahlem, totem Erdboden zaubert er neues Leben; und wie mit einer Wünschelrute erschließen sich ihm Schritt für Schritt neue Quellen der Erkenntnis und des Genusses. Gelahrtheit und Professorenweishcit ist dazu nicht bonnötcn. Was die Schule versäumt, kann der einzelne bei den vielen Bil- dungsmöglichkeitcn, die ihm die Großstadt bietet, wohl nachholen. Wir kennen manchen, der in der Woche an dem Schraubstock oder auf dem Baugerüst steht und am Sonntag am Ufer eines Sees botanische Studien macht oder aus sandiger Höhe»den Ameisen- Ivwen, zirpende Grillen und sich sonnende Eidechsen beobachtet. Auf einen anderen Zweig der Naturwissenschaft soll im folgenden der Wanderer hingewiesen werden, auf die Geologie und ihre Beziehungen zur Landschaft. Die Geologie, die Lehre den der festen Erdrinde und ihrer Geschichte, ist eine von den Wissen- schaften, die am stiefmütterlichsten behandelt werden; die Volks- schule kennt sie gar nicht, in den höheren Schulen wird sie kaum gestreift, und selbst der Gebildete hat im allgemeinen nur ganz vage Begriffe von ihr. Und doch gibt sie die Grundlagen des Vcr- ständnisses für die geographischen Formen eines LandschastsbildeL, für die Gestalt der Berge und Täler, für die Verteilung von wasserreichen und wasserarmen Gegenden, von fruchtbarem und magcrem Boden, für die Siedlungen der Menschen, Völkcrdichtc, für Reichtum und Armut, kurz für die mannigfachsten politischen und sozialen Verhältnisse, und in so vielen Fällen knüpfen geschicht- lichc Ereignisse, geschichtliche Entwickelungsstufen direkt an geo- logische Tatsachen an. Man kann sagen, der Mensch ist ein Pro- dukt der ihn umgebenden geologischen Verhältnisse. Doch noch andere Wunder erschließen sich dem, der mit dem Auge des Wissen- den die Landschaft schaut: in den Schichten der Erde blättert er wie in einem Buche, und mit jeder Schicht tauchen neue Bilder ror ihm auf von jenen Urtagen, da die Erde, noch in Dampf und Ncbclschwaden gehüllt, das erste Leben erstehen sah, bis heute, da mit der Eroberung der Naturkräftc durch den Menschen eine neue Epoche im Werden begriffen ist. Und geologische Beobachtungen kann man überall machen, mitten in der Großstadt beim Ausschachten von Fundamenten und Tunnels— der Bau der Untergrundbahn bietet reichliches Mate- rial—, vor den Toren in jeder Kies- und Lehmgrube, in jedem Steinbruch; selbst jeder Sjcin auf dem Felde vermag zu reden von Aeonen der Erdgeschichte. Lange ist es noch nicht her, daß die Mark landschaftlich entdeckt wurde.„Des heiligen römischen Reiches Streusand- büchse" ist heute noch in weiten Gauen als Wüite verschrien, und selbst den Märkcrn wurden erst vor wenigen Jahrzehnten durch Fontane die Augen geöffnet. Selbstverständlich noch mibe- Zanntcr als die landschaftlichen Reize der Mark blieb bis in die Gegenwart das Gcologisch-Jntercssante in ihr; ganz kurze Zeit erst beschäftigen sich einige Gelehrte mit ihr, und sie fanden so viel Neues, daß in mancher Hinsicht auf Grund ihrer Forschungen frühere Ansichten über die Geschichte der Erde einer Revision unterzogen werden mußten. Zwar finden sich Zeugen der ältesten Vergangenheit unserer Erde außer in den Trümmern nordischer Gesteine nur im Süden der Mark, in der Lausitz, wo an einigen Stellen ein uralter Granit aus der Erdoberfläche ragt, und wenn auch vielleicht Steinkohlen sich in unserer Gegend gebildet haben sollten, so schlummern sie doch noch in bisher unerreichter Tiefe. Immerhin ist das Altertum der Erde in Gcsteinsablagerungcn in der Mark vertreten, im Steinsalzlager von Sperenberg bei Zossen. Von fast sämtlichen übrigen Etappen der Erdcntwickclung finden sich in der näheren Umgebung Berlins mehr oder minder große ilcberreste und Aufschlüsse. Eine kurze Uebersicht über die verschiedenen Epochen der Erd- gcschichte möge das Folgende einleiten*). Wie in der Geschichte der Menschheit, so unterscheidet man auch in der EntwickelungSgeschichte der Erde Vorzeit, Altertum, Mittelalter und Neuzeit und teilt jedes dieser Zeitalter wieder in verschiedene Perioden ein. Nur können wir in der Erdgeschichte diese Zeiten nicht durch Jahreszahlen festlegen; wir können zwar sagen: die Steinkohlenperiode geht der Jurazeit voraus,— aber nicht: das war vor so und so viel Jahren, und so und so lange dauerte die Steinkohlenzeit. Die Erdgeschichte rechnet mit vielen Millionen Jahren, und wenn die Wissenschaft auch die Dauer der einzelnen Schichten zu berechnen versucht, so kann sie doch nur sehr große und schwankende Zahlen angeben. In den grauen Tagen der Vorzeit entstand der Gneis, der als Findling aus der Eiszeit in der ganzen Mark zu treffen ist(Schale im Lustgarten!), indem die kaum erstarrte Erdrinde von heißen Wasserdämpfcn gewissermaßen angefressen und durch Druck und chemische Zersetzung allmählich umgewandelt wurde. Auf dieser ursprünglichen Erstarrungslruste schlugen sich im Laufe der Jahrmillionen in den tiefen Meeren, die damals die Erdq bedeckten, Schlamm und Kalk nieder, die sich später zu Schiefer und Kalkstein verhärteten. Nur geringe Spuren organischen Lebens sind uns aus der Vorzeit der Erde erhalten; erst im Alter- t u m erscheinen die ersten Wirbeltiere und vollzieht sich mit dem allmählichen Auftauchen der Kontinente aus dem Meer die Ent- Wickelung der Amphibien und Reptilien aus den Fischen. Dichte Sumpfwalder von baumhohen Farn- und Schachtelhalmgewächsen bedeckten die vom Meer verlassenen Gebiete, die, in der Steinkohlen- zeit durch llebcrschwcmmungen in Saud und Schlamm begraben, heute als Steinkohle wieder zutage gefördert werden. Am Ende des Altertums der Erde war Norddeutschland von flachen Meeres» buchten bedeckt, in denen wie in riesigen Röstpfannen das Meer, Wasser bei dem damaligen heißen Klima außerordentlich rasch verdunstete und der Salzgehalt immer mehr anwuchs, bis schließlich mehr oder minder dicke Schichten von Steinsalz übrig blieben. Daher das massenhafte Vorkommen von Salz �und Gips im norddeutschen Tiefland, u. a. auch die vielen Soolcpucllen in und um Berlin und vor allem Sperenberg mit seinem Gipssteinbruch und dem darunter befindlichen Stcinsalzlager, dem mächtigsten der Erde. In einem dortigen Bohrloch traf man, in 1272 Meter Tiefe noch nicht das Ende des Steinsalzlagers, dessen Dicke bis zu diesem Punkte auf 1183 Meter festgestellt wurde. Ucbcr die ausgetrockneten Salzwüsten trieben zu Beginn des Mittelalters der Erde mächtige Stürme den losen Sand und häuften ihn zu riesigen Dünenwcllen auf, die verhärtet die heutigen Buntsandsteinlager bilden. Dann eroberte das Meer bald in größerer, bald in geringerer Ausdehnung das heutige Norddeutschland; der Boden bedeckte sich mit den Resten zahl- loser Mcercstiere, die im Laufe der Zeit sich zu I u r a und Muschelkalk, Kreide und F e u e r st e i u verkitteten. Nur Mitteldeutschland ragte als Hochgebirge damals aus dem Meere hervor, während Süddeutschland und die Alpen eine tiefe Bucht des Mittelländischen Meeres bildeten, in dessen Fluten das Saurier- gcschlecht. riesige Reptilien in allen Formen, sich tummelten. Unter dem Einfluß der damals sich herausbildenden klimatischen und jahreszeitlichen Temperaturschwankungen entwickelten sich aus dem Lande die ersten Säugetiere und Vögel, noch verschwindend kleine Zwerge im Vergleich zu Riesentiercn wie den Diplodocus, dessen ca. 80 Fuß langes Skelett in einer Nachbildung im Museum . für Naturkunde sich befindet. In eine Periode revolutionärer Umbildungen der Erdkruste, treten wir mit Beginn der Neuzeit ein. Di« fortschreitende Schrumpfung des Erdkerns zwingt die Rinde zum Nachsinkcn, ■*) Wer sich näher mit der Geologie beschäftigen will, findet genügendes Material in den Berliner Volksbibliotheken; als bc- fonders gemeinverständlich ist zu empfehlen: Bommeli, Ge- schichte der Erde. Im Zusammenhange mit der allgemeinen Ent- wickclungsgeschichte der Natur behandelt die Erdgeschichte Ludwig Reinhardt im ersten Bande des zweibändigen Werkes:„Vom Nebelfleck zum Menschen". Zur ersten Einführung sind die Geo- logie von G e i k i e oder F r a a s(je 80 Pf.) geeignet. — Unsere riesigen Kettengebirge: Pyrenäen, Alpen usw. bis zrnq Himalaya türmen sich auf, weite Strecken Landes schieben sich zu schmalen Falten zusammen, breite Spalten öffnen sich längs der in die Tiefe abgesunkenen Erdschollen, aus denen das feurige Erd- innere, das Magma hervordringt und in Decken und Gängen und Kuppen zu Basalt und T r a ch y t erstarrt. Zwar haben sich die Hauptformcn der heutigen Kontinente bereits aus dem Ozean erhoben, aber Meer und Land liegen noch in beständigem Streite untereinander und mit dem aus der Tiefe quellenden Feuer, Riesige Säugetiere, die direkten Vorfahren der heutigen Arten, vorwiegend Huftiere bis über Elefantengröße, lebten zu Beginn der Neuzeit, in der Tertiärzeit, in mächtigen Waldsümpfen von immergrünen Bäumen, die bei den häufigen Erdkatastrophcn viel- fach unter Wasser getaucht, mit Sand oder Tonmassen bedeckt und allmählich in die heutigen Braunkohlenlager umgewandelt wurden. Auf diese Periode, in der Deutschland noch ein fast tropisch zu nennendes Klima besaß, folgte eine Zeit allmählich sinkender Jahrcsmitteltcmpcratur; auf den Gebirgen Skandinaviens und Finnlands häuften sich die Schnccmassen und drangen wieder- holt als gigantische Gletscher nach Süden über die Ostsee, über das heutige Norddcutschland, bis ihnen der Wall der deutschen Mittelgebirge ein Ziel setzte. Wohl an tausend Meter dick mag damals das Eis über der Mark Brandenburg gewesen sein. Und als eine erneute Wärmepcriode die Gletscher endlich zum dauernden Rückzug zwang, da ließen sie in mächtigen Lagern all den Gesteins- schutt, all die Trümmer ihrer vernichtenden Tätigkeit zurück, die heute als L c h m und Sand und Kies, vermischt mit Findlingen von beträchtlichem Umfange, den Boden des norddeutschen Flach- landcs größtenteils ausmachen. Ein Vcrnichtungskampf war es< den die Eisriesen gegen das Leben geführt, und lange Zeit noch dauerte es bis Pflanzen und Tiere aus den wärmeren Gegenden ihren Weg in die vom Eis verlassenen Gebiete fanden; aber einer hatte den Kampf aufgenommen, der Natur getrotzt, sich Werkzeuge erfunden, sie zu bekämpfen, und hatte in dem Kampfe gesiegt: der Mensch, den wir von da ab die Herrschaft im Reiche der Natur überhaupt antreten sehen. In der kurzen Spanne Zeit, die seit der letzten Vereisung, in der Epoche menschlicher Kultur verflossen ist, sind kaum in die Augen fallende Veränderungen der Erdoberfläche erfolgt. Und doch sind dieselben Gewalten wie früher am Werke, ihre Arbeit wird sich im Laufe der Jahrtausende summieren und dem Antlitz der Erde stets neue, wechselnde Züge verleihen.— Im folgenden wollen wir nun den Leser an einige Orte der Mark Brandenburg führen, wo eine rege Industrie auch einige Archive erschlossen hat, in denen— mitten in einer reizvollen Um- gcbung gelegen— der kundige Besucher an den dort frei zutage- liegenden Urkunden— den verschiedenen Gesteinsschichten— Aufklärung erhält über einzelne Perioden in der Gcschichte unscrcii Erde.—___ eg. Kleines femlleton. Aus dem Pflanzenlcben. Einen Rückgang des Ertrages der Kartoffel« ernte prophezeien die Landwirte. Schuld hieran soll die so- genannte Blattrollkrankheit sein, eine durch einen Pilz verursachte Erkrankung der 5iartoffelpflanze, die auf die Knolle übergeht und diese mehr oder minder stark in Mitleidenschaft zieht. Diese Krank- heit soll, immer nach Angabe aus landwirtschaftlichen Kreisen, bereits derart epidemisch sein, daß vollständig einwandfreies Saat- gut in größerer Menge gar nicht mehr auszutreiben ist. Die Deutsche Landwirtschaftsgcsellschaft hat bei dem Reichsamt des Innern beantragt, daß für Erforschung der vlattrollkrankheit durch Versuche mit den verschiedensten Sorten usw. der Biologischen Anstalt für Land- und Forsttvirtschaft baldigst größere Mittel zur Verfügung gestellt werden. Ganz so schlimm wie es die Landwirte nmchen, scheint eS aber denn doch noch nicht zu sein. Die Tatsachen weisen einstweilen noch auf eine Steigerung der Kartoffelernte hin. Der Phytopathologe(Pflanzendoktor) Professor Dr. Paul Sorauer hat sich dem Studium der in Rede stehenden Krankheit längere Zeit gewidmet, er tritt nun den Darstellungen der Landwirte entgegen und Iveist darauf hin, daß irrtümlich eine Krankheitserscheinung der Kartoffelknollc auf Konto der Blattvollkrankheit gesetzt wird, die lediglich eine Folge allzu großer Feuchtigkeit ist und die gar nichts mit irgend einer Pilzkrankheit zu tun hat. Es handelt sich hierbei um eine gelbliche Verfärbung der Kartoffelknolle, die sich vom Nabel der Knolle aus durch den Gefäßbündelring verbreitet und bis in die Augen hinein wächst. Sorauer hat diese Erscheinung bei unzähligen Versuchen beobachtet und festgestellt, daß die verfärbten Flecke in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle einen parasitären Organismus nicht erkennen lassen. Mikrochemisch hat sich nachweisen lassen, daß die Verfärbung mit einer physiologischen Störung zusammenhängt, die sich in enzhmatischen(Enzynie=- eiweißartige Körper) Abweichungen und lokalen Zuckeranhäufungen äußert. Derartig er- krankte Knollen bieten allerdings den Parasiten einen günstigen Nährboden. Perantw, Redakteur Georg Tavidsohn, Berlin,— N-„uck u. Verlag: Vorwärts Buchdr, tj� Verlagsanstalt Paul Singer& Co.. Berlin SW,