Nnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 150. Donnerstag, den 6. August. 1903 27) JMafia. Nachdruck hervoten.) Roman aus dem modernen Sizilien von Emil Ras müssen. Der Dichter Feliciangeli hatte nämlich noch den be- sonderen Vorzug. Schulinspektor zu sein, eine Stellung, zu der er sich durch eine wenig einträgliche advokatorische Tätig- keit herangebildet und auf die er durch seine Gedichten- sammlungen und die persönliche Bekanntschaft mit einem Minister Anspruch erworben hatte. Bei feiner Anstellung wurde jedoch auch hervorgehoben, daß er. mit für Italiens Freiheit gekämpft hatte. Während neue Redner das Wort nahmen und die Auf- merksamkeit mit Erfolg von den internen Streitstoffen ab- lenkten, schlenderte Belcaro in den Lesesaal und ließ sich in einer Ecke nieder, wo Belladonna allein und in finsterer Grübelei versunken saß. Auf dem Sofa daneben hatten Fräulein Bruno und ihr Student Platz genommen. Auf dein Antlitz des jungen Mädchens lag es wie eine schlaffe Schani. Nur um die stark- glänzenden Augen brannte eine dunkle Nöte: die Pupillen waren stark erweitert, aber ohne Spiegelung. Der Marchese und Lidda kamen durch den Saal, beide xp ihren Ueberkleidern, um heimzugehen. „Ist sie wirklich schön?" fragte Fräulein Bruno. „Sehen Sie das nicht selbst?" Seine Stimme klang brutal wie die eines Mannes, der den Einsatz verloxen, eben als er den Gewinn einstreichen wollte. „Ihr Kopf ist ja ganz zusammengedrückt." „Es ist nur natürlich, daß ein Kopf, der Gehirn enthält, breiter ist als andere, Und das dichte Haargeringel um die Schläfen—" „Dies Negerhaar! Dazu ein Paar Augen wie Knopf- löcher!" „Ja, sie stehen nicht allen und jedem offen. Aber wenn sie sie öffnet, leuchten sie dunkel von Klugheit und Charakter. Man weiß, daß diese Augen nicht in feigem Vorbehalt zurück- nehmen, was sie verheißen haben." „Dann ist wohl auch ihr zitronenfarbiger Teint schön?" fuhr sie spitzig fort. „Sie hat den goldenen Ton, der Tizians Frauen so bewundernswert macht. Aber ihre ganze Schönheit ist ja nicht die selbstverständliche, bei der jeder Bauer anbeißt. Sie wirkt fremdartig, wie neue bahnbrechende Kunst. Man stutzt vor ihr wie vor einem ganz neuen Schönheitstypus. Es nützt nichts, zu zerlegen. Man wird warm, man wird herzenswarm bei ihrem bloßen Anblick. Was bedeutet alle Kritik gegenüber diesem einen Faktum?" Fräulein Bruno saß da und bohrte sich die Nägel in die Handfläche. „Mir erscheint sie in allem und jedem wie eine Negerin." In diesem Augenblick steckte Pinna seinen wachsamen Kopf in die Türe, nur eine Sekunde lang: aber sie sah ihn. „Professor Pinna!" rief sie und erhob sich mit einer hingemurmelten Entschuldigung. Er kam zurück, seinen Ohren nicht trauend. Aber als sie ihm entgegengeeilt kam, flammte sein Ge- ficht auf in einfältigem Glück, wie das eines Jungen, der .Geburtstag hat, und als er drüben in dem Ecksofa Belcaro entdeckte, nahm er Revanche für den kurzen Hals und den verschnittenen Frack, führte die Wiedergefundene mitten in den Saal und ließ seinen Witz und seine Zähne glänzen. Der Student erhob sich vit erzwungener Gleichgültigkeit und verschwand. Belcaro blieb mit boshaftem Lächeln sitzen und notierte eine philosophische Betrachtung, die er soeben gemacht, zn weiterer Ausarbeitung in sein Taschenbuch. Drinnen im Konversationssaal war man mit den Reden fertiggeworden und der Tanz begann wieder. Angelo trat ein, von einer Schar Studenten umgeben, die beim Grafen wohnten. Sie ließen sich an dem Tische nieder, an dem vorhin der Student gesessen, und beganiien laut von Lidda zu sprechen, so daß der Rivale es hören mußte. „Ich will nicht sagen, daß die Marchesina mir ganz gehört hat," xjef er,„aber soviel kann ich sagen, daß es nicht einen Fleck, buchstäblich nicht einen Fleck an ihrem Körper gibt, den ich nicht geküßt habe." Auf Belladonna fielen diese Worte wie Funken. „Schurke! Infamer!" schrie er. Angela sprang auf, grinsend, herausfordernd. Aber der bleiche schmächtige Belladonna hatte plötzlich die Kraft des Irrsinnigen erhalten, und ohne der Schar und Gc- fahr zu achten, ging er auf Angelo los und versetzte ihm einen schmetternden Schlag ins Gesicht. Fräulein Bruno schrie hysterisch auf, so daß die Leute vom nächsten Saale herbeiströmten. Belcaro warf sich äugen- blicklich zwischen die beiden, um einen Kampf zu verhindern. der auf Tod und Leben gehen mußte. Die jungen Studenten halfen ihin, sich ins Mittel zu legen, bis der Kapitän der Karabinieri hereingestürzt kam und Belladonna mit sich zog, während der Graf sich Angelas annahm. Die Stimmen kreuzten sich kreischend. Einen Augenblick sah es nach einem richtigen Handgemenge aus, bis Belcaro auf einen Stuhl stieg und bat, keine Händel zu beginnen, ehe nicht die Gäste fort seien. Als Augenzeuge könne er ver- sichern, daß Belladonnas Uebereilung die Antwort auf eine ganz unerhörte Kränkung der Ehre eines jungen Weibes gewesen. Trotz seiner Freundschaft für das gräfliche Hans müsse er sagen, daß Belladonnas Austreten ritterlich gewesen. Man beruhigte sich in dem starken sizilianischen Gefühl für Anstandspflicht. Aber die Stimmung war gebrochen: das Fest ließ sich nicht fortsetzen. Belladonna ging zwischen zwei Karabinieri heim, die bis zum hellen Morgen vor seiner Türe patrouillierten und auch der Graf wollte den schäumenden Angelo bewegen, mit heimzugehen. Als er dies nicht vermochte, begnügte er sich. dicht an seiner Seite zu bleiben, um jedwede Uebereilung zu verhindern. Die Säle leerten sich fast auf einmal. Das Fest fand in Carmelas gastfreiem Hundeloch seine Fortsetzung bis zum nächsten Vormittag. 10. Kaum waren die Palermitancr fort, als sich ein neuer Unruhstifter einfand, der zehn Tage lang alles Interesse um seine Person sammelte und die Stadt zu erneuter Kraft- anspannung zwang. Die Studenten waren Freitag abgereist. Am folgenden Sonntag war die vornehme Welt wie gewöhnlich auf der Promenade versanunelt, um ein paar Nachmittagsstunden totzuschlagen. Die Regimcntsmusit spielte im Hcmicykel, einem alten Steinbruch, der an die Promenade stieß und zu einem halbkreisförmigen weiten Platz mit hohen lotrechten Wänden umgebildet war. An kleinen Tischchen sitzend, konnten die Alten und Trägen bei einer Erfrischung zugleich die Musik und den freien Ausblick auf die grünende Cam- pagna und das perlmuttcrglitzernde Meer genießen. Die jungen Mädchen zogen die Allee auf und ab, im Schatten der stark duftenden Pfefferbäume, gefolgt von den Offizieren, die ihre körperlichen Vorzüge und Mängel einer lebhaften Erörterung unterzogen. Wie immer lenkten die drei„kon- tincntalen" Schwestern Bruno die größte Aufmerksamkeit auf sich. Sie behaupteten ihren Ruf als„kontinental", indem sie laut sprachen, lachten, unter großen auffallenden Geberden Bemerkungen machten und ihre Augen nach Belieben in jeden ihnen Begegnenden bohrten. Eine Zeitlang folgte ihnen die �unggesellenclique auf den Fersen. Sie hatte wieder einmal ihren guten Tag. Na- türlich auf Kosten des amen Pinna, der heute niit einer blauen Brills erschien und einen sehr niedergeschlagenen Eindruck machte. Die Kameraden hatten binnnen kurzem ent- deckt, daß eine seiner schwachen Seiten Angst vor Krankheiten war. Schon im Vorjahre hatten sie ihm eines Tages, als er Kopfschmerzen hatte, den Gedanken eingcblasen, seine Woh- nung aufzugeben, deren Zimmer, wie sie behaupteten, feucht und geradezu lebensgefährlich wären. Am Morgen nach dem Balle hatte er ein wenig Zug ins linke Auge bekommen, und die Kameraden verschworen sich beim Frühstück, daß Pinna nun eine blaue Brille tragen solle. Als er zum Arzt kam, fetzte dieser ein ebenso bedenkliches Gesicht auf wie die Freunde: es bliebe nichts übrig, als die BriLe anzulegen. Aber Pinna wollte das UM keinen Preis, höchstens wollte er sich auf einen Zwicker einlassen. Da führte der Arzt seinen Plan durch/ indem er ihm unter dem Vorwand einer Kur ein wenig Atropin in die Augen träufelte, und als der Arme heimkam und die großen Pupillen sah, die bis hinaus in das Weiße der Augen reichten und ihn angafften wie zwei schwarze Abgründe, da gab er seinem Schrecken nach und legte die Brille an. Sonntags wollte er zu Hause bleiben, aber die Unbarmherzigen hatten es sich vorgenommen, seinem unerschütterlichen Selbstvertrauen einen gründlichen Stoß zu versehen, und zogen ihn gewaltsam hinaus zum Beschau, um ihn dem verständnisvollen Gelächter, das über ihm zusammen- schlug, vollends preiszugeben. Die jüngste Bruno, die ihn noch vor zwei Abenden so zärtlich angelächelt, lachte nun wie eine Besessene, und es war nicht die geringste Spur von Zärtlichkeit in ihrem Gelächter zu eickdecken. Wahrhaftig, sie drehte ihn über einem langsamen Feuer auf ihrem Spieß. Zum Uebcrfluß gingen die Freunde noch neben ihm einher und verbreiteten sich in sehr irdischen Wendungen über die Lendenpartie der Angebeteten. (Fortsetzung folgt-ls (Nachdruck verboten.) 61 Du IbUft nicht begehren! Von Timm Kröger. Man pflügte zur Frühlingssaat, ihm schien, man pflügte zu tief, machte die Furchen zu breit. Auch die Art der Pflüge war eine andere als die, die er gewohnt gewesen war. Rundeggen schien man gar nicht zu kennen und doch bedeckt gerade sie die hin- gestreute Saat am besten. Sie paßte, erklärte er sich selbst, wohl nur für leichten fließenden Boden. Einmal ließ er halten und besprach sich mit den Arbeitsleuten, die eine Fenne mit Hafer de- säten. Nach seiner Meinung war das Land zu frisch, es hätte schon im Herbst gebrochen werden sollen. Das meiste Land war mit Weizen und Raps bestanden, man legte wenig in Weide. Warum legte man so wenig in Weide? Ein paar Meilen weiter nördlich weidete man seit Jahrhunderten mit Vorteil, und die Verhältnisse waren doch so verschieden nicht. Hier wie dort fördert die feuchte Luft die Bildung der Grasnarbe. Der Knecht, der ihn fuhr, plagte seinen Herrn mit keiner Unterhaltung, er hatte seine Zigarre erhalten— nun ließ er den Blick nicht von den Pferden. Der Pastor rollte ruhig dahin, die Augen hatte er überall, die Deichsel war seinem Pfarrort zu- gewendet. Ein langer, feiner Strich zog sich durch die Ebene, das war der Damm der neuen Eisenbahn, die noch im Herbst eröffnet werden sollte und bestimmt war, endlich— endlich auch diesen ge- segneten Landstrich mit der großen Welt zu verbinden. Als man hinüber fuhr, gab es einen Ruck— die Eisenschienen lagen schon auf den Schwellen. Von der Landwirtschaft kehrten die Gedanken zu dem Behagen zurück, wohin er still für sich schwelgte und jubelte. Heinrich Bruhn, Pastor in Hodorf, ein Wetter wie dies— und da sollte seine Seele nicht jubeln? Es war warm und sommerlich geworden— Klänge der Liebe und Freude schwirrten in der Luft, die Lerchen gaben die Zusage, daß alle Not und Pein ein Ende habe. Am Horizont erschien die Spitze des Turms. Erst war sie ein hoffnungsfreudig in die Wolken weisender Finger gewesen, nun stand sie wie eine Hand, den Zeigefinger emporgereckt, am Rande. Und allmählich wuchs auch ein bißchen Kirchendach mit herauf. Und Kirche und' Hand haben Vertrauen von ihrem kommenden Pastor geheischt und ihm Vertrauen zugesagt. Vom hohen Geest- rücken sahen sie nach ihm aus. Der Wagen fuhr rasch und leicht— stattliche Höfe— kaum ein geschlossenes Dorf. Die Höfe auf Werften und Wurten, um- hegt von Pappeln und Eschen, seltener von Eichen, immer umgeben von blank, kühl und düster aussehenden Gräben. Meistens blinkten sie schwarz und ernst aus tief verhangenem Laub. In den hoch- ragenden Bäumen das Aufrauschen alter, zu einer Art Welt- geschichte gewordener Geschichten, und— klipp, klapp!— Aufschlagen von acht flinken Hufen. Die fruchtbare Kleie war in der Sonnenwärme zu Pulver zer- fallen, aber noch grobkörnig schwer. So frisch auch der Wind über die Fennen blies, trieb er doch kein Pünktchen Staub über den Weg. In hohem Bogen ging die Sonne und weiße Wolken- gebirge," solche, die ihren Weg mit uns zu wandern scheinen, schmückten den Himmel, zu zeigen, wie hoch und blau er sei. „Dat is de Buntewisch, dar sönd wiß hunncrt Dcmat Masch- land bi," sagte plötzlich der Kutscher. Heinrich Bruhn wußte es: das war die Buntewisch.— Fünf Minuten lang ging es in einer Ebcreschenallce hin, ein Kranz von Ställen und Scheunen heischte Achtung, die hohen Torbogen Wölbten sich wie Brauen herrschgcwohnter Augen. o Hier war sie die Herrin. Die jagenden Hufen führten rasch vobci. Ein Mädchen, eine Dame, vielleicht eine Frau, groß, schlank— das Haupt leicht vorn- übergencigt(sie hatte so volles Haar) stand an der Wettern und fütterte quarrende Enten aus ihrer Schürze. Als der Wagen vorüberjagte, blieb sie eine Weile stehen, die rechte Hand im Schoß. Er erkannte sie nicht gleich und nicht sicher, sie sah anders aus. als er erwartet hatte. Er fühlte aber, er wußte, daß sie es sei und, daß sein Schicksal in der Hand ruhe, die so erstaunt im Schöße gebannt blieb.— Er hatte kaum Zeit zur Besinnung, ob es schicklicher sei, als Unbekannter vorüberzufahren oder den Hut zu lüften. Er zog zwar den Hut, aber da war er schon zwischen den Fennen. Die Pferds hatten lange getrabt, nun ließ der Knecht, der den Pastor fuhr, sie im Schritt gehen, drehte sich nach dem Hinter- sitz um und sagte:„Herr Pastor, ik glöw, wi kennt uns ok." „J das wäre!— Wer sünd Se denn?" Er hieß Fritz Jevcns, war aus Alsfleth zu Hause und mit seinem Fahrgast zusammen konfirmiert worden. Heinrich Bruhn erinnerte sich. „Dat is schön— nu vcrtclln S mi mal, wot geit un steit un sönst wat."— Bevor Fritz erzählte, mußte er sich noch eine neue Zigarre ins Gesicht stecken.— Fritzens Schicksale waren nicht be- deutend. Der Pastor bog die Unterhaltung daher auf die Bunte- wisch, und Fritz erzählte, was sein Hörer schon wußte. „De Fru, de dor jtünn, dat wer se je woll?" „Dat wer se." Nach dieser Antwort tat der Seelsorger eine hinterlistige Frage:—„Het se denn na ken Mann wa? Dor mot je n Mann hen! Worum nimmt de ken Mann?" „Ja— a— a!" antwortete Fritz langgedchnt, lächelte und schlug ganz sacht mit der Peitsche nach dem Chausscebock—„de Hof is so temli verschüldt— un denn— se hett je nan Mann."' „Is de ecrst Mann denn ni dot, or is se ni scheedt?" „Ja, ik wcct ni, dat is je woll ni trech. Ob dor wat ing Wegen iL, ik wcet ni.— Un denn—" „Un denn?" „Ja, ik weet ni." „Wat weet Se ni?"' Aber Fritz Jevens blieb dabei:„ik weet ni", drehte sich rück- haltslos und ungeteilt den Pferden zu und ließ die Peitsche spielen. Da trabten die Rosse wieder. Turm und Kirche waren näher gekommen, Heinrich sah die bunt hingestreuten Dächer. Die meisten hatten große Gärten hinter den Häusern, die grünen Gartenbäume nahmen sich frisch im Gemenge der roten Dach- Pfannen aus. Der Turm sah jetzt hoch und steif nach seinem Pastor hin. Dicht vor der Stadt erhob sich vom Weg ein Dohlenpaar und flog nach der sich noch imnier allen Dohlengewohnheiten preis- gebenden, rund um die Zifferblätter gezogenen Dohlenstange. Gleich ging es die Bergstraße hinauf in den Ort hinein. Die Bergstraße mündet auf den Marktplatz, dort bog Fritz Jevens scharf links und hielt unter den Linden bei Hans Hanfs en vor einer Veranda. In der Gaststube saß der Bürger Hermann Kruse allein bor seinem Portwein. Beim Wagengerassel sah er auf, und sein Ge, sich belebte sich. „Süh, dor kümmt de nie Paster," sagte er zu dem am Schenk- bord stehenden Wirt. „Ja, du lewe Gott, wat Du seggst." Hans Hanssen lief hin- aus, den Gast zu begrüßen. Pastor Bruhn stand noch am Wagenschlag, da schob sich ein dicker Mann quer über den Markt zu ihm hin. Er arbeitete stark mit den Armen und mit den Händen, und sein Gesicht leuchtete weit über den Platz. In der Höhe von Peter Meiers Haus glättete er sich das Haar, bei Sattler Schönwandt fuhr er mit runder Hand über sein Gesicht.— Es war der Droppcnonkel, bei dem Heinrich Wohnung nehmen wird. (Fortsetzung folgt.) IVlünchener Ausstellungen. München 1908. Von Ernst Schur. Dresden 1900 gab einen Gesamtüberblick über Raumkunst und Kunstgewerbe in Deutschland. Damals trat München als Glied des Ganzen auf, im Zusammenhang mit den anderen Gruppen. Die Vielseitigkeit, die Reichhaltigkeit dieser Veranstaltung ist damals an dieser Stelle gewürdigt worden. Was in Dresden unter Juhilfe- nähme aller Kräfte geleistet wurde, das versucht München in diesem Jahre ganz aus eigener Kraft hinzustellen. Es beschränkt sich auf sich selbst und ersetzt daS umfassende Bild durch die Intensität der Gestaltung. Was das heißt, welche Kraftanstrengnug das erfordert, taS wird klar, wenn man flüchtig all die Bilder, die die Ausstellung bietet, vorüberziehen läßt. Hinter dein Bavaria-Denkmal, die Thcresienlviese überschauend, lag ein alter, verwilderter Park. Dieser ist der Mittelpunkt, die Achse der Anlage. Denn nicht die Theresienwiese ist das Gelände für die Snsstellung, sondern der höher gelegene Teil des Ringes, der die Wiese umschließt. So daß nian von hier aus einen wunder- schönen Ucberblick hat, über die flach sich hinbrcitende Wiese, hinter der die Silhouette der Häuser sich hinzieht in einem eigentümlich gelblichen und doch klaren Licht, das für München charakteristisch ist und mit dem Ton alter Stiche Aehnlichkeit aufweist. Wenn die Sonne alle Dinge in Heller Schönheit zeigt, wenn der Mond weich und silbern herabfließt, imnier spüren ivir hier eine eigene Schönheit des Räumlichen, die um so eindringlicher wirkt, wenn hinten am Horizont noch ein weiterer Kranz erscheint, die Berge, die in blauem Dämmer, fern und doch nah, schivinimen.... Dieses natürliche und freie Arrangement ist auch bei der Aus- stellung gewahrt. Nicht auf der Wiese breitet sich lärmend und füllend die Masse der Gebäude. Man wird kaum wahrnehmen, wo die Ausstellung sich befindet. Man sieht höchstens hohe Wimpel mit festlichen Farben vor blauem Himmel. Der Kranz hoher Baum- Wipfel verdeckt die Gebäude. Nur hier und da eine charakteristische Silhouettenwirkung der Fassaden am EingangSteil. Ein einladender Eingang in gefällig geschwungener Form; Kassen und Garderoben— ein Hallengang mit weißem Gitterwerk— so geschmackvoll angelegt und geordnet, daß eine schöne Raumwirkung' herauskommt und das Praktisch-Notwendige von selbst Schönheit erhält. Im Stil ein wenig Anklang noch an Barock; namentlich die plastischen Gruppen über dem Portal, Kinder mit Blumen, sind ein schöner, dekorativer Schmuck. Ich sagte, daß dieser prächtige Park, dessen Physiognomie durch Ordnung und Anlage eine neue Gestaltung erfuhr, so daß schattige Wege mit alten Bäumen abwechseln mit hell sich dehnenden Wiesen. den Mittelpunkt bildet. Zur einen Seite die Ausstellungshallen; zur anderen der Vergnügungspark; als Verbindung am oberen Ende des Parks, zwischen Vergnügungspark und Ausstellungshallen das Hauptrcstaurant. In diesem Park ergeht man sich mit Behagen, wenn die Augen ausruhen wollen und das Zuviel des Gesehenen die Sinne bedrängt. Hier fällt dann auf, mit welcher Ruhe und Schönheit Kunst und Natur vereint ist. Wie der Stil der Gebäude hier an das behagliche Barock noch zuweilen erinnert, so denkt man bei den Plastiken, die im Grünen stehen, an die Schönheit alter Parks, die zu den Schlössern ge- hören. Hirsche stehen, in graziöser Schlankheit Form geworden, am Eingang eines Weges, der zur Wiese führt. Steinbänke von einfach-massiver Form bilden ein Rondell, in das Tieraruppen von festgefügter Reliefwirkung abwechselnd Gliederung bringen, während davor ein Wasserbecken sich breitet, auf dessen erhöhtem Mittelteil eine Pferdegruppe bewegt aufspringt. So begegnet man — wie fern stehen diese grauen, porösen Steinbänke im Grünen— Ruheplätzen, die wie absichtlich getrennt sind von dem Lärm der Straße und einer Statue ruhige Schönheit erhöht die Stille dieser Winkel. DieS ist ein erster Eindruck: die zwanglos künstlerische Ver« einigung von Plastik und Natur, die Aufstellung solcher Gruppen. Prachtvoll paßt sich die großzügige Relieferscheinung dieser Schöpfungen an. Und wenn man noch den ruhende»Pan*, die «weibliche Gestalt' vor dem Künstlertheater, den Brunnen vor dem Hauptrestaurant dazuninimt, wo die Plastik durch die Wucht und die Größe des Formalen sich selbst im Durcheinander verwirrender Er- scheinungcn behauptet, dann fpürt man, daß hier das bildnerische Können eine bedeutungsvolle Reife erlangt hat, und daß die Art, dieses Können zur Wirkung zu bringen, auf eine Tradition zurück- blickt. Entgegengesetzt dieser ganz auf daS Künstlerische gerichteten Tendenz zeigen die Ausstellungshallen jenen neuen, ganz auf Sachlichkeit gestellten Stil, der in der Architektur so bedeursam ist, da er endlich erlöst von der prunkvollen Stilimitation der letzten Jahrzehnte. Hier gibt es keine überladene Ornamentik, keinen un- organischen Schmuck. Aus dem Zweck heraus hat der Architekt ge- schaffen. Hallen, AusstellungSgebäude; Gebäude, die nicht selbst die Aufmerksamkeit aus sich lenken wollen, die den Dingen dienen. Daher Vorherrschen des Ranmhaften, der Ausdehnungen. Zu demselben Ziel strebend daS Gefühl für die Werte des Materials. Dieses Material ist Eisen, daS ganz andere Ueberspannungen er- laubt, als es früher denkbar erschien. All das vereint sich zu einer architektonischen Sprache, die ivohl neu, aber nicht fremd ist. Sie drückt das Wollen unserer Zeit prägnanter ans, als Pracht- fassaden mit noch so großer Anstrengung des Details es vermögen, und gerade in dem Verzicht auf alles Falsche, alles Nebensächliche kommt eine Größe heraus, der eine neue Monumentalität eigen ist, deren Wucht wir empfinden.' Der auf der anderen Seite der gärtnerischen Anlagen placierte Vergnügungspark trägt in anderer Weise wieder den Charakter des'Sachlichen. Hier ist alles dem Zweck entsprechend, intim, be- haglich, lustig. Diese Lösung ist interessant durchgeführt. Indem die Formen der einzelnen Gebäude wechseln, bald tempelartig er- scheinen, dann wie Riesenpikze sich breiten, dann wieder steil sich aufrecken in schlanken Dimensionen, kommt eine wohltuende Ab- wcchselung hierin, und da die Farbe hier so entscheidend mitspricht— blaue Dächer auf Weißen Mauern, orange Kuppeln, grüne Wölbungen, ein Dach wie ein Riesenhut— ergibt sich ein Ganzes von lustigster Erscheinung, die aber nie die Grenze überschreitet, jenseits deren das Künstlerische aufhört. Man kann die Existenzberechtigung eines Vergnügungsparks überhaupt leugnen. Aber man wird zugeben müssen, daß dieses Problem jedenfalls hier in einer neuen und eigenen Weise gelöst ist. Wenn man diese drei Gebiete vergleicht, die Parkanlagen mit den Plastiken, die Ausstellungshallen, den Vergnügungspark, so wird man empfinden, wie in jedem Falle eine neue Prägung versucht und erreicht ist; aber ein Gemeinsames umschließt diese verschiedenen Lösungen, die bald ernst-sachlich, feierlich-künstlerisch und intim-lustig sind: sie sind alle aus dem Zweck heraus sinngemäß gestaltet. Das ist das Imponierende. Mit der Architektur hängt die R a u m k u n st anfs engste zu- sammen. Es gehen Verbindungsfäden von einem Gebiet zum andern. Dieser Raumkunst ist die Münchener Ausstellung zum großen Teil gewidmet. Das allgemeine Charakteristikum dieses Stils ist: Intimität. Es ist jede Phrase, jeder unnötige Prunk vermieden. Es ist auch jener Zug ins Große vermieden, für den unsere Zeit scheinbar noch nicht den Ausdruck gefunden hat. Dafür sehen wir eine überraschende Sorgfalt in den Einzelheiten, ein liebevolles Bedenken des Details, das dennoch nie überwuchert, kurz, daS Wohnliche ist diesen Räumen deutlich aufgeprägt. In diesem Stil sind Bierhallen, Restaurants, Cafäs ausgestattet; die Halle für Lebens- und Genußmittel bildet mit ihrem kleinen, intim gestalteten Hof, ihrer Folge von reizvollen Zimmern, die von Prof. Riemcrschmied entworfen wurden, die Fortsetzung, und überall trifft man auf die Betätigung dieses Geistes, der aus wohlbedachter Sachlichkeit Schönheit der Erscheinung holt. Diese Note ist so offen- sichtlich allen Interieurs aufgeprägt, daß man ihrer kaum noch achtet und sie als selbstverständlich hinnimmt. Doch fühlt man immer das Wohltuende dieser Umgebung, das den Sinnen schmeichelt, ohne sie zu erregen. Den Höhepunkt dieser Avteilnng bilden die Räume der beiden Werkstätten, der Vereinigten Werkstätten und der Deutschen Werkstätten. Der Künstler der Vereinigten ist Bruno Paul; bei den Deutschen Werkstätten interessieren am meisten Niemeyer und Riemer» s ch m i e d. Die deutschen Werkstätten streben zu jenem Wohn- lichkeitScharakter, der den Zimmern Ricmerschmieds, der mit der Bauernkunst Berührung wahrt, so wesentlich eigen ist. Eleganter ist N i e m e y e r, der nebenbei noch ein vorzüglicher Maler ist und daher für seine Interieurs einen ausgesprochenen Zug zum Malerischen mitbringt, der sich in den äußerst delikaten Farben- Harmonien seiner Räume ausspricht. Die Vereinigten Werkstätten zeigen sich ganz auf der Höhe. Die Marmorhalle von Bruno Paul ist etwas ganz Großes, Eigenes. DieS ist Großartigkeit, Vornehmheit. Monumentalität, die nie über die Grenzen des Jntim-Räumlichen hinausgeht und doch in jeder Nuance Luxus und Reichtum bekundet. T h. T h. Heine schlägt in seinem ganz auf Gelb und Orange gestimmten Zimmer neue Töne an. Die Wärme dieser Farben wirkt außerordentlich wohltuend. Neben diesen ist als Naumkünstler Hohlwein zu nennen, der viel mit der Industrie arbeitet; in dieser Beziehung für München eine einzige Erscheinung. Er hat für den großen Bazar Schüssel eine Halle entworfen, ganz in Violett, Schwarz und Weiß, in der die mannigfachen Gegenstände fein zur Geltung kommen. Als Jnnenarchilekt ist auch V e i l zu nennen, der eine ausgesprochene Neigung zum Eleganten hat. Er hat in der Abteilung Konfektion die Interieurs geschaffen; hellgelb mit orangeseidencn Vorhängen. Der Vornehmheit der Erscheinungen ist hiermit ein distinguierter Rahmen geschaffen. Ins Kraftvolle steigert sich diese Raumkunst in den Räumen, die dem Sport gewidmet sind. Ueber diesen Hallen waltet ein neuer Geist, der aus dem Sachlichen Schönheit formt. Eine große Gebärde ist dieser Raumgliederung eigen, die jede Re- nommistcrei vermeidet und doch den von verschiedenen Firmen ausgestellten Dingen vollkommen gerecht wird. Eine freie, zuversichtliche Schönheit. Nichts ist zuviel in diesen Hallen. Eine strenge Architektonik bannt die Formen zu einer sachlichen und ein- heitlichen Sprache. In Tannenholz die Halle für Alpensport. Weiß leuchtet der Raum für Wintersport mit Schneelandschaftcn. Auch die Art, wie hier die Dinge zur Geltung gebracht sind, ist vorbildlich. Keine Anhäufung. Das Einzelstück wirkt durch feine Güte. Indem der Raum vorherrschend bleibt, die Gegenstände sich in Nischen und Kästen geschmackvoll aufgestellt sammeln, geht beides, Raum und Gegenstand, harmonisch zusammen. Gerade dadurch, daß die Sachen zurücktreten, ziehen sie die Aufmerksamkeit auf sich, die Qualität überwiegt, nicht die Quantität, wie es leider sonst in industriellen Ausstellungen der Fall ist, wo die Fülle locken soll, die Masse herrscht. Ein neues Prinzip tritt hier auf, das rückwirkend auch die LSdcnanSgestaltuna, das Schaufenstcrarrangement beeinflussen wird und gutzuheißen ist, da die Qualität damit verfeinert wird. Diese Dinge der verschiedenen Sports haben alle eine gemein- same Note, die Note der Sachlichkeit. Das ist ihnen so offensichtlich aufgeprägt, daß man von einem Stil reden kann, wie man von einem Maschinenstil geredet hat. Ein Stil der Sachlichkeit, Zweck- Mäßigkeit. Materialschönheü prägt hier die Form zusammen mit dem Zweck. Alles andere ist Nebcrfluß und wirkt störend. Indem diese Dinge ihren eigenen Stil haben, prägen sie ihn auch den Hallen auf, in denen sie zur Schau kommen. Und rückwirkend beeinflussen sie auch die Menschen.' die diese Sports ausüben. Man sieht das an den Kleidern, den Auto-, Ski«, Eislauf-, Angel«, Reit- loftSmen, die von Künstlern wie Moos, Klee, Firle, Wieland ent- warfen, eine neue Schönheit zeigen. Kräftiges Material, entschiedene Farbigkeit, praktisch im Hinblick auf den Zweck. Sicherlich wird solche Anschauung weiterwirken. Mchts ist ge« sunder und schöner als ein vernünftig ausgeübter Sport, der zur Lebensfreude erzieht. kleines f emlleton* Anthropologisches. Anthropologenkongreß. Aus der Fülle interessanter Vorträge sind von den Verhandlungen am Montag u. a. noch nachzutragen ein Referat von Dr. G e o r g W o lff über neolithische (aus der Neu- Steinzeit stammende) Brandgräber und ein Lichtbilder- Vortrag von Dr. R. Schmi dt- Tübingen über die eiszeitlichen Kulturepochcn in Deutschland und Oesterreich. Beide Redner be- mühten sich, den gemeinsamen Zug hervorzuheben, der in allen diesen Funden und Entdeckungen anzutreffen ist und darauf hinweist, daß der kulturgeschichtliche Entwickelungs- gang fast aller Kulturvölker dieselben Wege gegangen ist. Dr. T h. Koch- Gründerg, der jahrelang unter südamerikanischen Indianern gelebt hat. berichtete über das Leben der indianischen Frauen, die er, im Gegensatz zu der oft geäußerten Schulweisheit, auf einer viel höheren sozialen Stufe simd, als ihre europäischen Schwestern zu ersteigen vermochten. Ihr Leben ist reich an Mühe und Arbeit; mit der Erfüllung der Hauptpflichten in der Familie erwirbt sie aber auch die Hauptrechte. Prof. Ranke- München gab einen kurzen Ueberblick über die letzten 25 Jahre Anthropologenarbeit. Er erwähnte u. a., daß die Ausgrabungen S ch l i e m a n n S einer mindestens 1000 Jahre weiter zurückliegenden Kulturepoche angehören, als der Forscher selbst annahm, ihr Entstehen dürste auf zirka 1500 Jahre vor Chr. Geb. zurückzuführen fem. Und welch hohe Kultur muß damals bereits geherrscht haben: eS wurden Gold- und Bronzefunde gemacht, die uns wie Gebilde aus Götter- Hand erscheinen. Ueber die Erfinder der Eisentechnik referierte Dr. W. B e l ck- Frankfurt. Der derzeitige Stand der Forschung weist auf die biblischen Philister als dasjenige Volk hin, das zuerst Eisenwerkzeuge gebrauchte. Dm Griechen aus der Zeit Homers war sicher das Eisen nur als kostbarer LuxuSgcgenstand bekannt, auch die ägyptischen Ausgrabungen brachten keine Spur von Eisenwerkzeugen zutage, und die bekannte Münzreform des Lykurg zu Sparta(Einführung des eisernen Geldes) ist nach den neuesten Forschungen nur darauf zurückzuführen, daß damals das Eisen be- trächtlich höher im Preise stand wie Kupfer und Bronze. Einer der interessantesten Vorträge am Dienstag war der von Hofrat Dr. G o r j a n o v i c- Agram gehaltene über seine Unter- suchungen am Skelette des Urmenschen aus Krapina. Der Referent schloß auö einzelnen Knochendefornmtionen ans den schweren Kampf umS Dasein, den dieser affenähnliche Mcnscheustammvater durch- gefochten haben muß. und zeigte, wie dieser Urkroate noch bester wie andere Urmenschenfrmde die Uebergangsstufe zwischen Mensch und Affe darstellt. Prof. K l a a t s ch- Breslau berichtete dann über neue Apparate und Meßsysteme zur Schädelmessung und über seine Vcr- glcichSftndien zwischen dem Neandertalschädel und dem von Krapina. Dr. R. M ollison, welcher viele Studien über den Gebrauch der Organe bei den Primaten(Herrentieren) gemacht hat. legte dar, daß Mensch, Orang und Gibbon ausgesprochene Rechtshänder seien, während der Schimpanse und seine Bettern der linken Hand den Vorzug gaben; der gleichmäßige Gebrauch beider Hände ist nur bei den niederen Formen der Primaten, so bei den Ncnweltaffen anzutreffen.— ES folgten Berichte über Forschungsreisen. Profestor Krämer- Krel hat dw Inselgruppe der Karolinen bereist. Der Redner sprach sich recht skeptisch aus über die vom Deutschen Reich dort geleistete„Kulturarbeit�. Die sogenannte Zivilisation wie die Arbeit der Regierung habe nach seiner Erfahrung aus die bodenständige Kultur der Ein- geborenen nur zersetzend gewirkt, ohne ettvas Besseres an ihre Stelle setzen zu können.— Auch die gleichfalls durch viele Lichtbilder unter- stützten Borträge über Kamerun von Prof. Dr. Haberer waren geeignet, auf die Kolomeschwärmer' abkühlend zu wirken. Wohl herrscht dort eine Vegetation wie nur auf wenigen anderen Punkten der Erde, aber das Klima ist ein mörderisches, die Insekten- plage(Tse-tse-FIicge, Erdflöhe usw.) unerträglich, die Zahl der Infektionskrankheiten ungezählt.— Dr. Tafel- Stuttgart berichtete über seine Forschungsreise durch Tibet und die eigenartigen Be- ftattungsgebräuche der Bewohner. Die Aermeren der Bevölkerung setzen die Leichen, mit Riemen zusammengeschnürt, den Geiern zum Fräße anS, sie halten das für die„reinlichste" Art der Totcn- bestattung. Die Leichen der Reichen werden gewöhnlich verbrannt. — Ueber die landschaftlichen Schönheiten und die eigen- artigen sozialen Verhältnisse auf dem östlichen Teil der Insel Sumatra berichtete Dr. MoszkowSkh- Berlin. Bei den �untersuchten Stämmen herrscht ein- Art des Mntterrcchts, die Mämier ziehen zu den Familien der Frauen, die produktive Arbeit ist ganz in den Händen der letzteren, während dem Manne eine mehr dienende Nolle zur Herbeischaffung der Nahrungsmittel zugedacht ist. Verkehrswesen. Die Elektrisierung der schwedischen Eisen» bahnen. Das Problem einer Elektrisierung deS Eisenbahnnetzes ist für alle Kulturstaaten von so einschneidender Bedeutung, daß ein wohldurchgearbeitetes Projekt auf diesem Gebiete, wie es zur« zeit in Schweden vorliegt, sicherlich ein Anrecht auf die eingehendste allgemeine Beachtung hat. Das schwedische Elektrisierungsprojekt liegt, wie der„Elektrotechnische Anzeiger" ausführt, bereits seit einigen Monaten in abgeschlossener Form vor und hat alle Aus- sichten, zur Ausführung zu gelangen. Das bisherige Programm umfaßt sämtliche Linien nördlich von Stockholm mit Ausnahme der Strecken Laxa-Charlottenburg. Oercbro-Svarta und Gothenburg- Stramstad. Fünf Kraftstationen sollen das ausgedehnte Netz speisen: Karsefors, Trollhättan, Motala, Hammarby und Alfkar- bely, wobei insgesamt 35 Umformcrstationen vorgesehen sind. Diese Anlagen sollen ein Netz von iiisgescrmt etwa 2100 Kilometern mit Strom versorgen, wovon 1970 eingcleisig und 130 doppelgeleisig sind. Doch ist eine Erweiterung um 45 vom Hundert vorher- zusehen. Als Stromsystem ist einphasiger Wechselstrom vo» 50 000 Volt in den Speiseleitungen und 15 000 Volt in den Fahr« leitungen in? Auge gefaßt. Die Kabel sollen über Masten, die in Abständen von 27 Metern abwechselnd zu beiden Seiten der Strecke stehen, geführt werden. Bei der Anlage aller Leitungen ist darauf Bedacht genommen, daß für den Fall eventueller Störungen ge- nügcnde Reserve vorhanden ist. Die Leitungsführnng erfolgt von allen Zentralen mit Ausnahme der bei Hammarby nach zwei Rich- tungen durch zwei vollkommen von einander unabhängiger Lei- tungen. Von den Enden dieser Zuführungsleitungen beginnen dann die Kraftleitungcn entlang dem Schienenweg. Diese speisen die Umformerstationen, die in Abständen von je 48 Kilometern ein- geschaltet sind. Von den letzteren aus wird der Strom wiederum in zwei völlig getrennten Leitungen in die Fahrleitungen geführt, so daß an jeder Stelle bei ungestörtem Betriebe von zwei Seiten aus Energie zufließt. Die Leitungen neben dem Schienenwege sind so berechnet, daß bei ungünstigsten Betriebsvcrhältnisten der normale Spannungsabsall 15 vom Hundert nicht überschreiten kann. Die Kraftwerke sind Wastcrkraftanlagcn, und zwar soll die Zentrale Karsefors unter Benutzung des Lagan, Trollhättan unter Benutzung des Göta, Hammarby unter Benutzung deS Jäselan und Alfkarbcly unter Benutzung des Dalar arbeiten. Da die reichen Wastcrkräfte in Schweden die Elektrisierung besonder? begünstigen, darf man eine baldige Verwirklichung der Projekte erwarten. Es dürfte wohl als erste die Strecke Stockholm-Gothenburg umgewandelt werden. Ans der Vorzeit. Vorgeschichtliche Oelgemälde. In der Nähe von Niaux in Südfrankreich wurden in der„Grotte des Farges" Wand- Malereien aufgesunden, die eine wertvolle Bereicherung der sehr spärlichen Uebcrbleibsel von Kunstbetätigung aus vorgeschichtlicher Zeit bilden. Die Grotte ist ein System von engen Galerien, die sich in einer Länge von etwa 1400 Meter hinziehen. Etwa 600 Meter vom Eingänge entfernt zweigt ein breiter Qucryang ab. der nach etwa 150 Metern in einen rotundcnartigen Höhlenraum ausmündet, dessen Wände mit allerlei bildlichen Darstellungen geschmückt sind. Profestor Cartailhac und H. Breuil haben in der Zeitschrift„L'Anthropologie" eine genaue Beschreibung der inter» cstantcn Kunstprodukte gegeben. Die Wände der Rotunde tragen Bilder von Bison, Pferd, wilder Ziege und Hirsch neben eigen» tümlichen unverständlichen schriftaMgcn Zeichen. Die Zeich» nungcn zeigen den charakteristischen Stil der Epoche in größter Reinheit und stimmen auch in der Wahl der Gegenstände— die Bison? herrschen stark vor— mit den Dokumenten der altstein» zeitlichen Künstler der Pyrenäen übcrein. Die Umrisse sind in sicherer Linienführung mit einem Pinsel in schwarzer Farbe aus- geführt und geben charakteristische Profilansickflen der dargestellten Tiere. Die Farbe besteht aus einem mit Fett angerührten Gemisch von Kohle und Braunstein. Besonders merkwürdig ist an den Funden von Niaux, daß sehr hänsig die Tierleiber mit darin» steckenden' Pfeilen gezeichnet sind, woraus hervorgeht, daß bereits in dieser frühen Epoche die Jagd mit Pfeil und Bogen bekannt war. Einzelne dieser Pfeilspitzen sind mit roter Farbe gemalt, und manche Tiere sind mit Flecken versehen, die Wunden darstellen sollen. Auch der Fußboden der Rotunde, die den Namen„Salon noir" bekommen hat, ist mit eingeritzten Bildwerken bedeckt, die in der Zeichnung denen der Wände genau entsprechen. Außerdem finden sich noch Tarstellungen verschiedener Fische, deren einer— etwa 30 Zentimeter lang— deutlich als Forelle zu erkennen ist. Luch Abdrücke des nackten Fußes der Künstler sind sichtbar. Geräte. aus denen sich weitere Aufschlüsse ergeben könnten, wurden nur in geringer Zahl gefunden. Es sind im wesentlichen die für die paläolithische Zeit charakteristischen bearbeiteten Feuersteine und Knochen. Auch Aschenreste sind in der Grotte noch vorhanden. Jedenfalls konnten die Malereien nur brt künstlicher Beleuchtung hergestellt worden sein. Ob die schriftähulichen Figuren Darstellungen von Waffen wie Keulen und BumerangL sind oder eine andere Bedeutung haben, ist ungewiß. � Kerantw, Redgkteur: Geprg Davidsohn, Berlin,— Druck u, Vcxlag: Vorwärts Buchdr, u, Verlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin SW.