Nnterhaltungsblatt des Horivärts Nr. 153. Dienstag, den 11. August. 1908 (Nachdruck verVoten.) SO) JMafia. Noman auZ dem modernen Sizilien von Emil Ras müssen. „Gedenken Sie Ihrer Tochter, Marchesel Sie werden meine Macht gedraucheu können. Diese Nacht ist der erprobteste Feldwächter der Gräfin ermordet tvorden. Das wird sie nach- denklich machen." „Herr Baron, ich denke anders wie Sie und so viele andere Sizilianer. Was soll daraus werden, daß wir uns gegen- seitig morden? In meinen Augen ist ein Mörder ein Mörder, und wer sich eines.gedungenen Wegelagerers bedient, ist ärger als ein Mörder. Eben das, worein Sie die größte Ehre setzen, ist für mich Unehre. Ich bin ein alter Mann, aber mein Denken ist jung, und die Jugend wird mir hoffent- lich folgen.— Ihr Sohn ist mir viel wert; er ist ein ritter- licher, junger Mann, hat Kopf und Interessen. Wären Sie nicht sein Vater, würde ich ihn gern als meinen Schwieger- söhn sehen, und ich, glaube, er würde denken wie ich. Aber mit Ihnen und Ihren Prinzipien kann ich nimmcrinehr ein Bündnis schließen. „Steht es so, so werden wir uns schon einigen. Ich bin's ja nicht, der um Ihre Tochter wirbt." In diesem Augenblick kam das Mädchen und meldete ?, Professor Ficarotta", der sogleich ins Haus gewiesen wurde. Der Baron nahm Abschied, und La Greca begleitete ihn hinaus. Als sie in der Tür standen, sagte Belladonna in einem geheimnisvollen Tone:«Nehmen Sie sich in acht vor dem Mann!" „Kennen Sie ihn?" „Er ist einer der gefährlichsten Männer auf der ganzen Insel! Fragen Sie nicht mehr und tragen Sie meine Worte nicht weiter!" Als der Marchcse heraufkam, brachte Ficarotta sogleich sein Anliegen vor. Er war sehr fein gekleidet, in ein Smoking, das er von Belcaro entliehen hatte. La Greca war von äußerster Kälte. Es könne keine Rede davon sein, daß seine Tochter in einem Konzert mitwirken würde. Ficarotta rückte nun mit Empfehlungen von verschiede- nen alten Freunden des Marchese heraus, zumeist aus Pa- lermo. La Greca stutzte. Man mußte den Mann verleumdet haben. Er setzte volles Vertrauen in viele dieser Männer, die alle von gutem, alten Adel waren. Ihre Empfehlungen legten ihm jedenfalls eine Pflicht auf, der er sich unmöglich ganz entziehen konnte. Er lud Ficarotta sogleich zum Frühstück ein: er würde da die Antwort seiner Tochter von ihr selbst erfahren. Lidda kam erst herab, als sie zu Tische gehen sollten. Während der Marchesa vorstellen wollte, wurde er plötzlich auf den Namen aufmerksam, den er nicht über die Lippen bringen konnte. „Der berühmte Virtuose Professor Ficaria aus Palermo," sagte er. „Ficarotta," verbesserte der Musiker, den Namen sehr deutlich dehnend und die errötende Lidda mit einem Grinsen betrachtend, das einen eigenen Genuß verriet. Der Marchese war eine zu reine Natur, um selbst etwas zu merken. Er empfand Mitleid mit einem Mnnne, der ver- urteilt war, einen solchen Namen in der Welt umherzu- schleppen, und dies Gefühl überwog das Peinliche der Situation. Lidda schien atemlos und sprach in kurzen abgebrochenen Sätzen. Zur großen Ueberraschung des Vaters sagte sie ohne eine Sekunde des Bedenkens zu, in dem Konzert zu spielen. Aber sie sprach, als sei sie weit entfernt. Nach dem Frühstück setzte sie sich sogleich hin, die Stücke zu spielen, die sie zu wählen beabsichtigte. Es gefiel ihr, daß Ficarotta in seinem Lob nicht übertrieben war. Er ge- wann sogar ihr Interesse durch einige kritische Bemerkungen, die eine ursprüngliche musikalische Phantasie verrieten. Auch dem Marchese kam er näher durch den Freimut, mit dem er den Mordversuch an.Belladonna verdammte und die Kühnheit, mit der er ohne Umschweife die Gräfin beschuldigte, die beiden Schurken gedungen zu haben, die man aus einer fremden Mafiagruppe herbeigerufen hatte, damit sie, hiep unbekannt, die Tat begehen sollten. Vater und Tochter fanden an Ficarotta eine gewisse formlose Offenheit, die sie ansprach. Nur Marchesa Ersilia wollte nicht auftauen. Dennoch gelang es ihm, sich im Hause heimisch zu machen, so daß er bis Abend blieb, ohne daß man seinen Besuch lästig empfand.— Die Gräfin hatte Ficarotta zu Tische eingeladen: er hatte versprochen, abends mit Lo Forte zu musizieren: als es jedoch eine halbe Stunde über die Zeit war, vhnc daß er erschien, ließ sie für den Grafen in dessen Zimmern decken. Sie selbst aß nichts. Sie empfand seit letzter Zeit Ekel an allen Speisen, verbunden mit einem peinigenden Gefühl, als stiege etwas wie eine Kugel aus ihrem Unterleib herauf durch den ganzen Körper und setzte sich in ihrer Kehle fest. Uebcrdies hatte sich ani Morgen, in dem Moment, da sie die Ermordung ihres Feldwächters erfuhr, ganz unvermittelt eine trockene Heiserkeit eingestellt. Sie ging automatenhaft zwischen dem Schlafzimmer und dem Kabinett auf und ab, die Hände fest ineinandergepreßt und unaufhörlich vor sich hinmurmelnd. Ihr Geficht glühte so stark, daß es geschwollen erschien und aus den starren Pu- Pillen leuchteten dunkle Blitze. Lo Forte trat ein. Sie waren stillschweigend überein- gekommen, einander nichts anzuvertrauen. Sie bat ihn, sie zu entschuldigen, und er fetzte sich ohne viele Worte an den Flügel. Einen Augenblick später trat Bionda in den Salon. Er erhob sich und sah, daß sie geweint hatte. „Wie soll all dies enden?" sagte er, ihre Hand fassend. Sie hob die tränengeblendeten Augen zu ihm auf, und ihre Lippen bebten. Die künstliche Schale, die sie in letzter Zeit um ihr Wesen gelegt, um sich aufrechtzuerhalten, war geschmolzen. Sie lvar sie selbst geworden, und flüchtete in ihrem kindlichen Zutrauen zu ihm. „Ja, wie soll dies enden—" Wären sie allein gewesen, hätte er sie in diesem Augen- blick an sich ziehen und seine Tränen mit den ihrigen mischen können, und doch hatte er nie so klar gefühlt, wie weit sein Gefühl von Erotik entfernt war. Er ließ seine Hand über ihr blondes Haar gleiten und sagte gedämpft: „Jeder von uns hat seinen Kummer zu tragen. Ich werde ivöhl fortmiissen, Ihretwegen— und um meiner selbst willen." Sie hörten die Türe gehen. Es war Ficarotta, der endlich erschien und der Gräsin seine Aufwartung machte. Lo Forte setzte sich wieder ans Klavier und phantasierte über Bellinis schmelzende, kleine Melodie: iVaga Irma, ehe inargenti. Draußen auf dem Balkon stand Bionda und ließ ihren Tränen freien Lauf. Die Gräfin und Ficarotta sprachen mit lauter Stimme. Man hörte die Stimme der Gräfin wie ein schneidendes Zischen. „Sie könnten sich wohl Zügel anlegen, bis ich fort bin. äußerte Ficarotta. Sie verderben mir mein ganzes Konzert, wenn Sie eben jetzt die Feindseligkeiten eröffnen. Das ist rücksichtslos gegen mich!" „Sie haben keinen Funken ehrliches Gefühl im ganzen Leibe! Nur Geld, Geld, Geld! Uns gilt eS die Ehre l Ich will Rache haben!" „Der Baron wird Ihnen eine harte Nuß zu knacken geben. Er hat bewaffnete Leute um sich, wo er geht und steht. Mit ihm müssen Sie sich abfinden, wenn Sie sich nicht selbst ruinieren wollen." „Sie vergessen, daß ich den Präfekten auf meiner Seite habe." „Sind Sie sicher, daß er, daß die Regierung den Baron entbehren kann?" „Sie wollen mich nur aufregen! Gehen Sie Ihrer Wege! Gehen Sie, gehen Sie! Ich will ineiner Rache sicher sein!" Der Musiker verbeugte sich nachlässig, ohne zu antworten und ging zu Lo Forte hinein, nahm seine Violine hervor und begann zu spielen. Bionda blieb auf dem Balkon, von wo der Luftzug durch alle Stuben strich und die Kerzen an den Kronleuchtern flackern machte. Es kamen keine Gäste. Selbst der Kapitän und der Priester zogen es vor. dem Sturm fernzubleiben. Mitten während des Spiels hörte man plötzlich Gräsin Lucia einen wilden Schrei ausstoßen. Wie sie eben aus ihrem Schlafzimmer herausgewandert war, mit Flüchen zwischen den Zähnen, kam Crocifissa ihr lautlos entgegen. Sie ging im Schlafe, die Augen geschlossen, so daß nur eine dünne Spalte sich zwischen den Lidern öffnete. In der Hand trug sie eine angezündete Kerze. Das dünne Haar, das in letzter Zeit in starken Büscheln auszu- fallen begonnen, fiel über das Hemd, das ihre einzige Be- kleidung war. Die Gräfin hatte sie lange Zeit nicht einmal sehen wollen, und nun stand sie plötzlich vor ihr wie ein unheilverkündendes böses Gespenst. Sie kamen von allen Seiten herbeigestürzt. Auch Rusidda und Silvia kamen hinzu. Crocifissa erwachte an- scheinend und folgte willig Bionda. ohne sich doch klar zu werden, wo sie war und was um sie her vorging. Die Gräfin lag mit rollenden Augen in krampfhaften Zuckungen auf dem Boden. Der Graf war herbeigekommen und wollte sie aufs Bett tragen; aber der Anfall war bald vorüber, und sie erklärte, sich wohlzubefindcn und erleichtert zu fühlen. Nur klagte sie über eine kleine Zerrung des rechten Armes, der fast ohne Gefühl war. Sie schob es auf Rechnung des Sturzes. Wirklich wurde sie nach dem Anfall lebhafter, und ihre Heiserkeit war ebenso plötzlich geschwunden, wie sie sich des Morgens eingestellt hatte. Sie schwor, nun müsse Crocifissa aus dem Hause. Sie sei überzeugt, daß sie es fei, dies Gc- jpenft allein, das alles Unheil bringe, und prophezeite, daß sie noch ärgere Dinge erfahren würden. Sie fühle das deutlich voraus. Diesmal irrte sie sich nicht. Pamfo kam auf Socken durch die Türe geschlichen, sein rotes Taschentuch um den Kopf geknüpft. Alle sahen ihn gespannt an in der sicheren Erwartung, eine Hiobspost zu hören. „Sie haben Piduzzu gefunden— mit einem Schuß im Rücken." „Armer Mann! Auch er! Nun sind es beide Verwalter!" sagte der Graf und sah seine Frau an. Sie packte den Blumenaufsatz auf dem Tische, und ehe es jemand hindern konnte, zersprang er auf dew Marmor- fliesen in tausend Splitter. Darauf warf sie sich in den Lehnstuhl, stützte einen Augenblick den Kopf in die Hände und sah stumm vor sich hin. �Fortsetzung folgt.)! lNochdnKl verboten.) 0] Du follft nicht begehren! Bon Timm Kröger. 7. Ein GewissenSbureaukrat. Heinrich war gebeten worden, seinen Besuch zu wiederholen. Aber was sagte jetzt sein Gewissen? Sein Gewissen redete nicht nach seinen Wünschen. Es warf Zweifel und Fragen auf und widerriet, der Einladung zu folgen. War er nicht ohnehin in schwerer Schuld, gelüstete ihn nickt seines Nächsten Weib? Wäre es nicht seine Pflicht gewesen, die Leidenschaft, die Sehnsucht, die Liebe, die sein Herz, da er sie wiedergesehen hatte, jetzt so ganz unterjochten, auszureuten? Frei- lich— seine Seele wird in ihrer Qual aufschreien. Aber was tut das, wenn Gott befiehlt? Er schalt sich schwach, er war zu ihr ge- gangen. Der Liebe Wellen schlugen über ihn zusammen, sie drohten seinen Willen aufzuheben. Er hatte geahnt, daß es so kommen würde, und er war doch gegangen. Nun hielt er sich zu Hause, er ging wenig aus und den Weg nach der Buntewisch nie. Er wollte des Platzes würdig bleiben, auf dem er stand. Ost genug hatte er es anderen gepredigt: Du sollst, also kancht Du! Nun wollte er an sich zeigen, daß er die Wahrheit gesagt habe. ES kamen Augenblicke, wo er zu erliegen fürchtete, da mußte er sich mit der ganzen Kraft seines Priestertums auf- rütteln. Er wurde ernst und düster— er ging mit zusamnien- flebißenen Priestcrlippen einher, Mehrercmal sah er Marie zu seinen Füßen in der Kirche, sie nahm an dem heiligen Abendmahl zum Gedächtnis des Heilandes teil und war, wie immer, Sanfmut und Gelassenheit. Aber von seinen Lippen kamen die Formeln tönern und eingefroren, als er ihr den Kelch, als er ihr das heilige Brot reichte. Onkel Matthics begegnete ihm auf der Straße und verwickelte ihn in ein Gespräch. In seiner einfachen Offenheit verwunderte er sich, daß der Pastor auf der Buntewisch noch gar nicht wieder ge- sehen worden sei.— Was sollte er sagen, wenn er die Wahrheit nicht verletzen und auch das Geheimnis seiner Kämpfe behüten wollte?„Es habe sich nicht machen wollen," antwortete er.— „Weshalb, so viel Geschäfte?"—„Das nicht."—„Krankheit?"— „Auch nicht."—„Onkel MatthicS mitn Swung" wußte nicht, was daraus zu machen.—„Hat's Ihnen bei uns gefallen?"— AuS der Antwort schien dem Alten ein Licht aufzugehen.—„Herr Pastor, ich will jetzt nicht drängen, aber ich weiß, Sie kommen noch mal zu unL." Wie schlau und anzüglich der Alte schmunzelte. „Adjüs, Herr Pastor? Und meine Marie will ich von Ihnen grüßen." Heinrich wollte was sagen, aber der immer tiefer und sicherer schmunzelnde Alte fiel ein:„Schweigen Sie rein still, Herr Pastor, ich weiß, daß ich grüßen soll." So verging längere Zeit. Einmal bekam der Pastor mit der Post einen Zettel ohne Ramcnsunterzcichnung von unbeholfener Manneshand. Darin stand:„Herr Pastor, der StaatSanzciger!" Der Empfänger schüttelte den Kopf. Was sollte er mit dem Staats» anzeiger? Und wo war der Staatsanzeiger zu finden? Er hatte ihn noch nirgends aufliegen sehen. Wie sah das Blatt überhaupt aus? Der Amtsgerichisrat des Ortes war ein älterer gereifter Herr, der wegen seiner Kinder nach der Gymnasialstadt gezogen war. Der sagte eines Tages zu Heinrich Bruhn:„Sie kennen die Fa- milie von der Buntewisch und interessieren sich für sie. Wissen Sie schon? Nun haben wir Georg Engelbrecht für tot erklärt. Ich kann es gern sagen, es ist ja öffentlich bekanntgemacht, es steht auch schon in den nichtamtlichen Blättern. Heute abend können Sie es ja auch im Wochenblättchen lesen," fügte er hinzu und lächelte dabei so schlau, als kenne er Heinrichs Verwandtschaft mit Martha Schwerdtlein. Es gab dem Pastor einen Fveudenstoß. Aber er durfte eS nicht äußern. Man vermutete, wie er sah, bei ihm ohnehin eine Neigung für die vielgerühmte Herrin der Buntewisch. Er mußte doch wohl ein Fenster vor dem Herzen haben. Das ging im Fluge durch seine Seele. Da galt cS, ruhige Miene zu zeigen. Und eS gelang ihm nach seiner Ansicht vorzüglich— er wurde immer mehr Diplomat. „Das freut mich," sagte er.„Da sind Gesetz und Wirklichkeit wieder im Einklang. Denn nach allem, was ich höre, ist ja kem Zweifel, daß Georg tot ist." „Ich denke auch," entgegnete der Gerichtsrat.„Wir wären auch schon lange mit der Sache fertig gewesen, wenn nicht sonder» barerweise ein Kommissionär, der Bich nach England vertreibt, mit der Behauptung aufgetreten wäre, Georg Engelbrccht vor jetzt etwa achtzehn Monaten in London gesehen zu haben. Nachfor» schungen haben das aber nicht bestätigt. So ganz sicher war der Mann seiner Sache auch nicht. Der Aufruf ist in vielen Blättern, auf besonderes Ansuchen der Frau Engelbrecht auch in drei großen englischen Zeitungen, veröffentlicht worden. Es hat sich niemand gemeldet, es ist kein Einspruch erhoben; da haben wir Georg für das erklären müssen, was er ganz sicher ist für einen toten Mann." Das Gespräch fand im Richterzimmer statt— eine Gelegen- heitsunterhaltung, der Pastor war gekommen, im Interesse einer armen Witwe etwas zu erfragen. Er rollte den Knopf seines Handstocks. „Wie wäre es aber," warf Heinrich ein— und es gelang ihm, etwas Spaßhaftes in den Ton zu legen—„wie, wenn Georg sich unterstünde, nicht tot zu sein, wenn er noch lebte?" „Und," fiel der Richter ein,„... wiederkäme und sich bei seiner Frau auf der Buntewisch einfände?" „Ja— einfände." „Nun ja, nehmen wir's an." „Wie wäre es dann?" „Ja, Herr Pastor, ich muß vorausschicken, daß in dem Recht unserer Landschaft viel mehr ungewiß und streitig ist, als in den anderen Gebieten. Sie kennen auch die Gründe, die politischen Verhältnisse, die eine lange, lange Stockung der Gcsetzgebungs- Maschine zur Folge gehabt haben. Bei Georg Engelbrccht würde die Sache indessen, was die vermögensrechtliche Seite anbetrifft, ziemlich einfach sein, da er nichts als Schulden hinterlassen hat. Ten Bestand der Ehe anlangend? Da ist zu sagen: Wenn bis zu seiner Rückkehr die Ehe noch nicht rechtsgültig geschieden sein sollte, würde die böswillige Verlassung dazu nicht mehr ausreichen. Da müßte man nach anderen Gründen forschen." Pastor Bruhn stand auf. „Ich will nicht länger aufhalten, Herr Rat." Er schüttelte dem alten Herrn die Hand.„Ich bin Ihnen dankbar für die Güte, womit Sie die Sache, die mich herführte, erledigten. Und ich danke Ihnen für die Augenblicke, die Sie mir schenkten." »Ganz auf meiner Seite," erwiderte der alte Herr artig. .Wer"— und nun erschien wieder das Lächeln—„eigentlich war unser Gesprächsstoff noch nicht erschöpft. Nicht wahr, Herr Pastor? Wir wollen uns den Fall einmal ausdenken: Der recht- lich für tot Erklärte kommt wieder und findet seine Frau— kennen Sie sie genauer?" unterbrach er sich.„Nun ja. natürlich kennen Sie sie. Nicht wahr, ist das eine prächtige Frau?... Nehmen wir also an, er kommt wieder und findet einen anderen im Besitze der ehelichen Gewalt... WaS dann?" Der Pastor fühlte sich durchschaut und grämte sich nicht mehr darum. »Ja, was dann?" wiederholte er. »Das ist so ne Sache." Der alte Herr schüttelte sein graues Haupt.»Wenn ich erkläre: Ganz bestimmt weist unser Recht nicht, wer der wirkliche, der gültige Ehemann ist, so haben Sie natürlich Neigung zu sagen: Unglaublich I Nach gewöhnlichem Menschcnver- stand ist es wirklich unglaublich, dast die Gesetze uns bei solcher Frage im Stich lassen. Aber was ist unser Recht? Gesetze— das, was man gemeiniglich unter Gesetz versteht, haben wir wenige, das meiste ist Gewohnheitsrecht, im wesentlichen aufgebaut auf der Theorie römischer Rechtsgelehrter." 'äN« Herren rauchten, in der Mitte der Zimmerhöhe schwebte der Zigarrendampf als Wolke. Der Rat fing an, aus und ab zu gehen und zerstörte die semgelagerten Schichten« sFortsetzung folgt.) jfofef Olbrlcb f Von Ern st Schur. Wieder ist einer der Führenden dahingegangen. Vor kurzem starb Leistikow, der Gründer der Sezession, der talentvolle Maler der modernen Landschaft. Nun hat der Tod in den Reihen der kunstgewerblich Schaffenden eine empfindliche Lücke gerissen: O l b r i ch. die Seele der Darmstädter Künstlerkolonie, starb am Sonnabendabend plötzlich; auch er, in noch jüngeren Jahren als Leistikow, auf der Höhe des ManneSalters, 40 Jahre alt. Es war etwas Problematisches in ihm, ein Dualismus. Seine moderne Seele hatte das Empfinden für die Schönheit des Technischen, die Eleganz der Maschine. Aber er hatte das Gefühl bewahrt für die reichen Formen vergangener Stile, er ahmte sie nicht nach, aber ihre Sprache war ihm vertraut. Im Innern träumte er verborgene Träume von dem Erwachen eines neuen Schönheitsstils, der Notwendigkeit und Schmuck, Sachlichkeit und Ornament verschmolz, der modern war, aber doch reicher als alle die gegenwärtigen Versuche, die ihm nur Behelfe waren. Ent- scheidende Anregungen hatte Olbrich wohl von Wien auS mit- bekommen. Oesterreichcr von Geburt(er ist am 22. Dezember 1867 zu Troppau im österreichischen Schlesien geboren), besuchte er die Wiener Akademie und kam dann in die kunstgewerblichen Strömungen hinein, die ihn dann ganz gefangen nahmen. Diese Kultur Wiens hat bestimmend auf ihn eingewirkt. Wenn manch- mal das Schmuckvolle überwog und in reicher Phantastik die Sprache des Ornaments die einfach-sachliche Form übertönte, so werden wir die Veranlassung in diesem„Wienerschen" suchen müssen. Dieses Weiche. Lässige, Reiche gab auch seiner Kunst zuerst den Stempel. Unleugbar eine graziöse Kunst voll eigener Schönheit. Hier lernte Olbrich das, was wenig Künstler lernten: daß auch das reiche Material, Gold, Edelsteine, seinen Stil hat. Er spürte ihn und mit Vorliebe schuf er solche phantastisch reichen Entwürfe, in denen alles ein Spiel der Laune und Schönheit war. Dann aber kam er in strengeren Formen der Architektur hervor. Die Raumkunst kam aus dem Tastenden heraus und suchte das Architektonisch-Einfache, Großzügige auszubilden. Mit einem Takt spürte Olhrich diese Entwickelung heraus und machte ein Talent ihr dienstbar. Hier gelang es ihm. zur Größe zu ommen. zur Ruhe. So graziös, so reich und fein seine Einzel- entwürfe für kunstgewerbliche Gegenstände waren, so großzügig, ja monumental waren seine Bauten. Hier reinigte er sein Stil- empfinden von allem Ueberwuchcrnden und stellte die große Form hin, befreit von aller Kleinlicksteit. Alles Schmückende, Reiche ist hier eingegangen in die Sprache, den Ausdruck des Materials, dem es dient. Die besten Schöpfungen Olbrichs sind die, die gleichsam diesen Dualismus seiner Natur, das Architektonische und das Schmückende, die Form und das Ornament, zum Ein- klang bringen, was ihm in den letzten Jahren immer krafwoller gelang. Wenn mancher Kritiker an den Schöpfungen der modernen Raumkunst und des Kunstgewerbes die Abwesenheit des Schmücken- den, das allzu rigorose Zurückgehen auf einfache Grundformen rügt, so ist Olbrich gerade dadurch bedeutsam gewesen, daß er in- sofern die Schönheit des alten Kunstgewerbes weiterbildet, als er dem Malerischen, Schmückenden mehr Raum gönnt. In Wien schuf Olbrich das Ausstellungshaus der Sezession. das in seiner Erscheinung so typisch modern anmutet und damit zugleich die einheimische Note, das graziös Wienerische, verbindet. Dann kam Darmstadt. Das Ernst-Ludivig-Haus und die drei Häuser auf der Mathildenhöhe. Die bedeutsame Erweiterung seiner Kunst, die hier vor neue und wichtige Prohleme gestellt war. Die Erweiterung des Kunstgewerblichen. Die Anpassung der Raumkunst an das bestimmte Problem des Privathausbaues.. Für die Ausstellung in St. Louis entwarf Olbrich ein hessisches Wohnhaus, dessen Lösung insofern allgemein interessiert, als Olbrich hier ganz einfach geworden war, zeigte, daß er auch bei geringen Kosten das Künstlerische und das Praktische geschmackvoll zu vereinen wußte. Für die Kölner Kunstausstellung 1906 baute er den Frauen» roscnhof: hier war er wieder ganz exklusiv, apart und romantisch» das Ganze war ein Gebäude ohne Zweck, aber es hatte gerade damit in seinem Stil eine graziöse Phantastik. Zu großen Aufgaben steigerte sich sein Können in den letzten Jahren. Der Entwurf zu dem Baseler Hauptbahnhof war nach allgemeinem Urteil eine imponierende Leistung; monumental und reich; modern und großzügig. Alle seine Fähigkeiten aber konnte er in der großen, letzten Aufgabe konzentrieren: dem Bau des Tietzschen Warenhauses in Düsseldorf. Damit war Olbrichs Können vor eine neue Aufgabe monu- mentalsten Stils gestellt und es hatte Mühe gekostet, ihm diesen Auftrag zu sichern. In Düsseldorf hatte man eine starke Gegner» schaft zu überwinden. Es konkurrierte eine Anzahl von Künstlern, die schließlich alle ein gutes Können in die Wagschale zu legen hatten. Am stärksten aber war der Widerstand der Alten, der Akademiker. Und da es allen offenbar war, daß es sich hier um eine Aufgabe allergrößten Stils handelte, regten sich die Stimmen für und wider. Der beste Bauplatz inmitten der Stadt stand zur Verfügung. Es sollte etwas werden, das Düsseldorfs schlechten Ruf in bezug auf moderne Architektur wiederherstellen sollte. Es gelang schließlich, Olbrich durchzudringen. Olbrichs Name wird für immer mit Darmstadt verknüpft sein. Und wie diese Stadt in der Entwickelung des modernen Kunstgewerbes, der Raumkunst und der Architektur eine ent- scheidende Rolle spielte, so auch Olbrich. Er hat hier den Wirkungskreis gefunden, den ein Künstler sich ersehnt. Er konnte seine Anregungen in den Kreisen wirken lassen, die maßgebend sind: Industrie und Handwerk, und so schuf er sich den Boden, aus dem seine reiche Begabung sich voll entfalten konnte. Im Verein mit anderen Künstlern schuf er das, was man als ein„Dokument deutscher Kunst" bezeichnet hat, jene Häuser und Häusergruppen, die vorbildlich den neuen Stil zeigten. Darm- stadt ist Olbrichs Schöpfung. Er hat sich selbst damit ein Denkmal gesetzt, das bleiben wird. Es kommt dabei nicht in Betracht, daß zwischen den Künstlern dieser Kolonie vielleicht öfter Zwist herrschte: das ist natürliche, fast selbstverständliche Nebenerscheinung, wo Künstler beisammen sind, noch dazu so eigenwillige, moderne Künstler, wie es hier der Fall war; die Oeffentlichkeit geht das nichts an. Sie sieht die Zusammenarbeit, das Werk, aus dem sich der Name Olbrich immer bedeutsamer heraushob. Was wollte man in Darmstadt? Darmstadt war die erste Etappe einer neuen Entwickelung, ein Fanfarenklang, der alle modernen Künstler aufrief, der neue Wünsche und Sehnsüchte weckte; das war das Schöne. Wenn auch die Erfüllungen vielleicht zurückblieben, was schadete das, das ist allen energischen Neu- versuchen schließlich beschieden. Ihr Gewinn ist, Anregungen zu geben, neue Ziele zu zeigen. Das hat Darmstadt erfüllt. In gemeinsamer Arbeit schuf hier Olbrich mit anderen Kunst- lern den Typus einer modernen Villenkolonie. Die Mathildcuhöhe wurde ihnen zur Verfügung gestellt. Diese Häuser wurden von unten bis oben fertig eingerichtet und mit allem zum Gebrauch Nötigen ausgestattet. Jedes Ding trug den Stempel künstlerischer Gestaltung. Es leitete sie das Bestreben, ein Ganzes zu schaffen» eine Einheit, die den praktischen Bedürfnissen dienen sollte. Den Grund zu diesem Entschluß gab die Kenntnis vergangener Epochen, in denen Kunstgewerbe und Kunst vereint jene einheitlichen Gebilde schufen, die wir noch heute bewundern. Wir denken an Städte wie Nürnberg, die mit ihrer Architektur, mit ihren Zimmern, mit ihrem Kunstgewerbe so geschlossen vor uns stehen. Dazu kam das jugendlich drängende Gefühl, etwas Neues zu schaffen. Aus diesem Zwei-Gcsühl zwischen Vergangenheit unh Zukunft resultieren die Darmstädter Bestrebungen. Speziell Olbrich hat ein feines Gefühl für die interne Schönheit alter Städte, die Wohnräume des Mittelalters, wo jedes Ding eine beredte Kultursprache spricht. Das war etwas ganz Neues. Wenn man auch weiterhin vielleicht andere Wege gegangen ist» es war ein Anfang, der alle entzückte. Das Gesamtbild war imponierend. Und Darmstadt selbst hat in diesem Jahre in seinen Arbeiterhäusern gezeigt, daß es neue Kulturprobleme zu lösen gewillt ist. Von diesem Künstler kann man wohl sagen, daß er zu früh starb. Sein Talent bot noch reiche Möglichkeiten. Es hatte sich noch nicht erschöpft. Alles hätte noch zu neuer Reife kommen können. Aber dennoch, so kurz sein Wirken war, es war ent» scheidend und richtungweisend und, wenn er auch zu früh von seinem Werke gerissen wurde, er hat damit das Beste errungen. was einem Künstler beschicden sein kann. kleines feuitteton. Kulturgeschichtliches. In der Sektion für Geschichte des Orients auf dem Jnter- nationalen Historiker-Kongreß sprach Prof. G u n k e l- Gießen über Aegyptische Parallelen zum Alten Testament. Ein- leileud bemerkte er, d«ß die Zeit vorüber sei, in welcher man glanvte. vle(Äeschichte der Kinder I S r a e l aus dem Alten Tcsta- ment allein kennen zu lernen. Die Israeliten haben nicht isoliert gelebt, sondern mit den anderen Völkern zusammen und können daher auch nur im Zusammenhange mit de» anderen Völkern ver- standen werden. Deswegen liegt die Vermutung sehr nahe, daß zerade Aegypten, von dem Kanaan in verschiedenen Zeiten abhängig war. einen überaus starken Einfluß auf Israel ausgeübt hat, selbst wenn wir ihn nicht überall nachweisen können. Die Aegyptologen sollten auf diesen Zusainnienhang achten und stets auf ägyptische Parallelen zum Alten Testament aufmerksam machen. Der Vortragende führte eine Fülle solcher Parallelen an. So stellt der Prophet Ezechiel, wenn er vom Untergang deS ägyptischen Königtums spricht, dieses unter dem Bilde eines schuppigen Nildrachcn dar, dessen Name geradezu als Bezeichnung für Aegypten gebraucht wird. Hier scheint der Nachklang eines ägyptischen Mythus erhalten. Die au? Johannes wohlbekannte Geschichte von der Mutter Gottes und Himmelskönigin, die von einem gewaltigen Wesen ver- folgt wird und schließlich ihr Götterkind gebiert, findet sich in der ägyptischen Erzählung von Hethur, Typhon und Horas, die Be- zichung scheint hier so klar, daß wohl auch sonst noch Stoffe der jüdisch-christlichen Apokalypse durch ägyptische Stoffe beleuchtet werden können. Bezüglich der Lyrik ist zu bemerken, daß der Ton des Hohe» Liedes ganz der Ton der ägyptischen Liebesliedcr ist. Ein in lder opokryphischen Schrift der Weisheit Salomonis erhaltenes Trinklied ist unverkennbar verwandt mit ägyptischen Trinkliedern. Dasselbe gilt von den an der Leichenbahre gesungenen Liedern, von den religiösen Liedern, denen beim Lobe Gottes im Hebräischen und Aegyptisckcn der Partizipialstil eigentümlich ist, allerdings ist das auch im Babylonischen und Orphischen der Fall. Sehr charakteristisch ist die Uebereinstinunung der Dauklieder..Ich lobe dich, du hast mich errettet", oder.Strafe mich Ivegen meiner vielen Sünden", oder.Tod, du süßer Brunnen für den Dürstenden in der Wüste, er ist verschlossen für den Redenden. er ist offen für den, der schweigt", sind nicht etwa hebräische, sondern ägyptische Verse. Ans der Fülle weiterer Parallelen heben wir noch die merk- würdige Uebcreinstimmnng gewisser altägyptischer Vorstellungen vom Leben nach dem Tode mit jüdischen und christlichen Vorstellungen hervor. Die verklärten Seligen werden durch ihre Ausnahme bei den Göttern, die als eine Wiedergeburt, als eine neue Geburt be- trachtet Ivird, den Himmlische» gleich, der Verstorbene erhält hinim- lisches Wesen, wenn er durch gewisse Zeremonien zum Osiris wird, er wird erstehen, wie einst Osiris erstanden ist. Wem drängt fich hier nicht der Gedanke auf, daß ja auch der Christ in der Taufe Christi Tod und Auferstehung erfährt? Folgendes könnte direkt bei einem christlichen Begräbnis gesprochen werden:„So wahr Osiris lebt, wird auch er leben, so wahr Osiris nicht gestorben ist, wird auch er nicht sterben, so wahr Osiris nicht vernichtet wird, wird auch er nicht vernichtet werden." Vielleicht stammt auch dieser Gedanke der Auferstehung au? Aegypten und stellt alles in den Schatten, was die Aegyptcr sonst geleistet haben. Der mit großem Beifall aufgenommene Vortrag wurde durch einige Anregniigen in der Diskuifion noch ergänzt; nur Professor Völlers- Jena glaubte eindringlich vor jeder Einseitigkeit warnen zu müssen, damit man den ägyptischen Einfluß auf die Kinder Israel nicht in derselben Weise überschätze, wie es mit dem babylonischen geschehen ist.— Der Vortragende verwahrte sich gegen jeden Vorwurf der Einseitigkeit; er könne den ägyptischen Einfluß keineswegs bereits als positiv vorhanden nachweiien, sondern nur sehr wahrscheinlich machen. Sache der Aegyptologen sei eS, dem Sachverhalt weiter nachzugehen. Angesichts solcher Vorträge, die von einer vorurteilslosen Forschung ausgehen und sie geradezu als etwas Selbstverständliches voraussetzen, fragt nran sich erstaunt, wie es möglich ist, daß zur gleichen Zeit in demselben Lande in unseren Volksschulen die Sagen des Alten Testaments als lautere Wahrheit und Ausfluß göttlicher Offenbarung gelehrt werden. In Preußen heißt es oben: Freies Denken und Forschen nur für die Auserivählten, für die Massen Ver- harren in dumpfem Köhlerglauben und blinder Abhängigkeit. Um so mehr ist es Pflicht der Arbeiter selbst, dafür zu sorgen, daß die Massen zur Klarheit und geistigen Höhe emporgeführt werden. Astronomisches. "■ Der Mond am Horizont. Wer Gelegenheit gehabt hat, einen Mondaufgang zu beobachten, wird mit Staunen festgestellt haben, in welch ungeheurer Größe die Mondscheibe sich emporhebt. Ueber die Ursache dieser Erscheinung sind mancherlei Ansichten ent- wickelt worden, die aber nach der Ueberzeugung eines Mitarbeiters des English Mechanic keine befriedigende Erklärung des Phänomens zu geben vermochten. An der Tatsächlichkeit ist nicht zu zweifeln, mau müßte es aber eigentlich in der Weise formulieren, daß wir „denken", daß uns der Mond am Horizont größer erscheint, und die Frage lautet dann, warum wir dies denken. Eine einfache Er- klärung dafür wäre nun die folgende— so einfach, daß sie viel- leicht gerade darum bisher noch nicht versucht worden ist. Eine rätselhafte Erscheinung wird oft durch ein einziges Wort erklärt. Wir denken, daß uns die Sonne und der Vollmond deshalb am Horizont größer erscheinen, tveil wir sie dann in solcher Stellung erblicken, in der wir Gegenstände am besten sehen, nämlich gerade vor uns. Neun Zehntel oder vielleicht mehr dessen, was wir sehen, befindet sich in Slugenhöhe oder in verhältnismäßig geringer Ent- fcrnung oberhalb und unterhalb dieses Niveaus. Dort haben wir die bestentwickelte Fähigkeit der Wahrnehmung und Schätzung. Gegenstände, die in solcher Lage angeschaut werden, erscheinen näher und infolgedeffen größer als in anderer. Unsere Ueber- schätzung der Größe beruht auf einer Deutung und beruht auf einer reinen Gesichtsempfindung. Das Bild eines Menschen etwa in einer Entfernung von 200 Metern ist sicherlich sehr klein im Vergleich zu dem bei einer Entfernung von 3 Metern oder tZ Metern gesehenen, aber unser Teutungsvermögcn für Gegen- stände, die sich in der Horizontalrichtung befinden, ist so entwickelt, daß uns die betreffende Person als von normaler Größe erscheint. Der Verstand hat gelernt, unter dieser Bedingung die Gesichts- empfindung richtig zu deuten. Dies ist nicht der Fall bei Ob- jekten, die sich mehr oberhalb oder unterhalb des horizontalen Niveaus befinden. Wenn wir auf dem Gipfel eines Hügels stehen und hinunterblicken auf eine Person, die sich im glichen Abstand von 200 Metern befindet, oder wenn wir unter einem gleichen Winkel zu einer Person emporsehen, so denken wir uns, daß sie viel kleiner erscheint, als wenn wir sie auf unserem Niveau erblicken, und diese Empfindung ist ebenso beharrlich wie im Falle des Mondes. Diese Deutung ist dem Verfasser in nachstehender Weise gekommen. Er hat durch mehrere Jahre binoculare Gläser mit Objektiven von 8, 10 und 13 Zentimeter Oeffnung benutzt. Da diese Verhältnisse für jedes Instrument gleich liegen und somit gleiche Sehstärke und gleiches Gesichtsfeld hervorgerufen wird, lasten sich interrcssante Verglerche zwischen den aufrechten Bildern, die von Porroprismen erzeugt werden, anstellen. Dem Verfasser selbst und anderen, die er nach dieser Richtung befragte, erscheinen die aufrechten Gegenstände näher und größer und namentlich, wenn es sich um die Beobachtung lebender oder bewegter Gegen- stände handelt. Eine Person, die man kennt, ist viel leichter im aufrechten Bild wiederzuerkennen. Dafür gibt es nun anscheinend gar keinen Grund, als daß sie sich so in der gewohnten Weise zeigt, d. h. in solcher Weise, wie unser bestentwickeltcs Schätzungs- und Erinnerungsvermögen eingestellt ist. Deshalb erscheinen auch Gegenstände unter derartigen Verhältnissen näher und größer als unter ungewohnten. Phyfikalisches. Die Aggrcgatzu stände der Materie. Man unter- scheidet im allgemeinen drei verschiedene Aggrcgatzuständc, den festen, flüssigen und gasförmigen. Für den Physiker jedoch sind diese oberflächlichen Einteilungen nicht genügend. Auch hier macht die Natur keine Sprünge und schärferes Zusehen zeigt, daß zwischen den genannten Formen UcbcrgangSznstände existieren, und daß jeder von ihnen allmählich und lückenlos in den anderen übergehen kann. Eine eingehende Betrachtung widmet diesen verschiedenen Zuständen des Stoffes der französische Forscher M. C. E. Guillaume, Mitglied des internationalen Bureaus der Maße und Gewichte. in der„Revue Generale des Sciences". Er geht zunächst darauf zurück, wie die Kontinuität zwischen den Aggregatzuständen ent- deckt wurde. Der englische Physiker Andrews hat den Nachweis geliefert, daß zwischen dem flüsfigcn und dem Gaszustand keine wirkliche Diskonlinuität besieht, und ein Gleiches haben Tamman. Spring u. a. für den festen und flüssigen gezeigt. Es läßt sich nachweisen, daß amorphe feste Körper nicht in dem Sinne einen bestimmten Schmelzpunkt haben, wie dies bei kristallinischen der Fall ist. Festes Wasser, d. h. Eis, hat für gewohnlich kristallinische Struktur, aber Tamman hat nachgewiesen, daß das Wasser bei Abkühlung auf etwa 80 Grad unter Null unter einem Druck von 2— 3000 Atmosphären sich in eine neue Art von festem Wasser ver- wandelt, die dichter als Eis ist»nd der stabilen Form bei 0 Grad unter einein Drnck von 10 000 Atmosphären entsprickit. Auch Kahl- dorn fand, daß Metalle, die einem ungeheuren hydrostatischen Druck, der bis zu LOOOO Atmosphären gesteigert wurde, ausgesetzt waren, feste Körper von geringerem spezifischen Gewicht als unter nor- malem Druck darstellten. Tie Metallstücke, die diesem Versuche unterworfen wurden, veränderten auch ihre Gestalt, indem sie kürzer oder länger wurden, wobei polierte Flächen ihren Glanz verloren. Im allgemeinen waren zu Drähten ausgezogene Mc- talle weniger dicht als in gewöhnlichem Zustande. Nur das Wismut zeigte sich als Ausnahme; seine Dichte nahm zu. An sich ist dies Metall äußerst schwach und brüchig, wenn es aber durch eine dünne Oese unter starkein Druck zu Draht ausgezogen wird, nimmt cS biegsame Beschaffenheit an und kann ohne Weiteres zu einem Knoten gedreht werden, ohne zu brechen. Guillaume zieht daraus den Schluß, daß alle festen Körper die Tendenz haben, unter sehr hohem Druck in einen amorphen Zu- stand überzugehen, der ohne Diskontinuität an den festen und flüssigen Zustand anschließt. Derartige Verhältnisse find im Innern des Erdballs vorhanden und sind vielleicht die Uriache für die Bildung von radioaktiven Substanzen. Die Tatsach«, daß ein Druck von 2000 Atmosphären die Aktivität de» Radiums an» scheinend unvermindert ließ, ist kein Gegenbeweis, da es sich eben um sehr viel höhere Drucke handelt. gferantw. Redakteur: Gr»ra Davidsohn, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. Verlagsanstalt Paul Singer Sc Co.. Berlin SW.