Mnlerhaltimgsblatt des Horwärts Nr. 153. Donnerstag, den 13� August. 1908 82) JMafia. (Nachdruck verboten.) Roman aus dem modernen Sizilien von Emil Rasmussen. Sonntag abends um die anberaumte Zeit standen die beiden Konzertgeber beim Eingang des Theaters, einer offe- nen Holzbaracke, die während der Badesaison zu kleineren Aufführungen verwendet wurde, und spähten nach Zuhörern aus. Der Freund— der fremde Signore— bediente sie mit einem Schwall scharfgesalzener Geschichten, um sie bei Laune zu erhalten. Der Zuspruch war mehr als spärlich. Als die Vorstellung begann— eine halbe Stunde nach der festgesetzten Zeit—•, waren im ganzen fünfzehn Menschen da, darunter zwei Carabinieri auf Freibilletts. „Das tut nichts," sagte Ficarotta.„Es wurde für ein ausverkaustes Haus bezahlt, und ich habe das Geld in der Tasche." Dies erwies sich als richtig. Alle anständigen Familien hatten sich Billetts aufnötigen lassen, aber ob nun die Herren auf der Jagd oder, anderseitig in Anspruch genommen waren — genug, sie erschienen nicht. Alle Programinnummern wurden gewissenhaft durchge- spielt. Lo Forte trat nicht minidcr feierlich auf als der Konzertgeber, aber in seinem Inneren empfand er die Si- tuation als so hochkomisch, daß sie seine Schwermut sprengte und er sich Gewalt antun mußte, nicht vor dem Publikum jn lautes Lachen auszubrechen. Nach dem Konzert bat der redegewandte junge Mann ihn, mit ihnen zu Mittag zu speisen. Lo Forte erwartete, in ein herrschaftliches Haus geführt zu werden; als es aber in ein kleines Restaurant mitten in der einzigen richtigen Straße der Stadt ging, wo man ihm Maccaroni und ein auf dem Spieß gebratenes Huhn vorsetzte, war er augenblicklich orientiert und begriff im Laufe einiger Minuten, daß der junge Edelmann— außer Ficarottas Freund und als solcher mit dem ehrenvollen Amte betraut, dessen Ausgaben zu zahlen — Agent für Singers Nähmaschinen war. Er war Florentiner und machte den Ruf seiner Vater- stadt, was die Zungenfertigkeit anbetraf, nicht zuschanden. Es war unmöglich, ein einziges Wort zwischen seine Gcschich- tcn einzukeilen. Namentlich hatte er es sich offenbar zur Aufgabe gemacht, all sein Wissen über den Großherzog und seinen Hofnarren an den Mann zu bringen. Da ließ ein- mal der Narr 365 Wiegen in das Schloß hinauffahren, weil seine Frau ihm schon den Tag nach seiner Hochzeit einen Jungen gebar, so daß er Grund hatte anzunehmen, dies würde sich von nun an täglich wiederholen. Ein andermal ging der Narr vor den Fenstern des Großherzogs spazieren und bekam ein paar Hörner von oben auf den Kopf geworfen, worauf er sehr schlagfertig hinaufrief:„Ach so, Sie machen Ordnung bei sich, Majestät!" Und wieder einmal gingen sie an einem kalten Wintertag zusammen spazieren, und der Narr fror gottsjämmerlich in seinen Drillichkleidern, während die Majestät hübsch behaglich in ihrem Pelze ging und sich güt- lich tat ünd sagte, sie fröre bloß an der Nase— wozu der Narr bemerkte, er habe nur an einer Stelle warm, an seinem Mastdarm, aber dieser stehe— ohne Komplimente— zu Diensten, wenn die Majestät ein Verlangen habe, sich die Nase zu wärmen. Und dann einmal— ja es nahm kein Ende, bis das Huhn verspeist und die Flaschen geleert waren. Da fiel ihm plötzlich ein, er habe seiner Geliebten— einer kleinen Näherin, die er mitgebracht im Hinblick auf die Gefahren, sich mit einer Sizilianerin einzulassen— versprochen, sie solle Ficarotta zu hören bekommen, da sie nicht ins Konzert kommen konnte. Ficarotta fand das allerdings etwas unter seiner Würde, aber die Gratisverköstigung wirkte als ein stillschweigendes Argument. Um weniges später stand er— immer noch im Leibrock — in einem dunklen Hintergäßchen und strich seine Violine, während der Freund oben am Fenster bei seinem Mädchen saß und die Musik genoß. Lo Forte blieb zurück, um aufzupassen, daß die Schenke Nicht geschlossen würde, da die Absicht bestand, noch ein kleines Gelage folgen zu lassen: er wünschte sich für den Mittagstisch zu revanchieren. Sie blieben bei ihren Gläsern solange sitzen, daß das Hotel, in dem sie übernachten sgllten, längst zur Ruhe gegangen war. Aber die Türen standen offen, und der Agent kannte den Weg hinauf in das bestellte Zimmer, das sich als ein Schlafsaal mit mehreren aufgebetteten Schlafstätten und drei auf einen Altan mündenden Flügeltüren entpuppte, Unten schlug das Mittelmeer an den weißen Strand. Der Agent erzählte seine letzten Geschichten vom Hof-i narren des Großherzogs und nahm endlich Abschied. Lo Forte begann sich zu entkleiden. „Sie sind zufrieden mit dem heutigen Tage?" begann er. „Ich bin zufrieden. Und das habe ich Ihnen zu der- danken. Sie sind mein Freund. Sie sind mir sympathisch, und ich will etwas für Sie tun. Alle anderen fürchten mich bloß oder mißbrauchen mich; Sie aber wiirdigen den Künstler in mir; das merkte ich schon den ersten Abend, als ich Ihnen vorspielte. Sie sind nicht sehr begabt, aber es ist Musik in Ihnen. Es ist nicht bloße Mechanik wie bei der kleinen La Greca. Wie sollte auch solch ein junges Ding die Kunst be- greifen!" Lo Forte horchte auf, als er jjiesen plötzlichen Umschwung des Urteils über Lidda vernahstb „Sie aber haben sich, wie ich sagte, als mein einziger, verständnisvoller Freund erwiesen." Er trat ganz nahe an Lo Forte hin, schlang die Arme un» seinen Hals und legte den Kopf an seine Brust. Der In» genieur ließ ihn gewähren. Gespannt lauschte er jedem Worte: er merkte, der Mann sei berauscht und auf bestem Wege sich bloßzustellen. „Wie das lindert, einen Freund zu finden! Einsam irrt man umher in der Welt, gehaßt, verfolgt. Alles ruht auf einem. Zwei Familien zu versorgen!" „Ach so! Sie sind verheiratet!" „Das nicht, aber für die Kinder muß man ja immer sorgen! Und meine alte Mutter! Meine arme alte Mutter!'� Er war noch betrunkener, als Lo Forte gedacht hatte. Dieser merkte es nun, wie er dastand und der Speichel ihm zwischen den schwarzen Zahnslümpfcn herausfloß und seine Henidbrust durchnäßte. Und wahrhaftig, er weinte sogar! „Wollen wir uns nicht setzen?" schlug der Ingenieur vor und setzte sich auf das Bett. Ficarotta trocknete sich die Augen. setzte sich zu ihm und schlang auf dieselbe liebevolle Art wie vorhin die Arme um seinen Hals, ohne doch irgendeine Art von Perversität zu verraten. „Sie sind zu gut für diese Stadt, Ingenieur. Hier sollte es Leute von ganz anderer Masse geben, als die, aus der Sie gemacht sind. Flüchten Sie, ehe die Schute sinkt! Die kleius Bionda ist nichts für Sie. Kapital hat sie nicht viel, und ihren Grund hat die Gräfin verspeist. Es ist nicht gut, in dieser Stadt zu leben. Man unterminiert die Gräfin. An� gelo ist ein Tölpel.— Und jetzt erlaubt sie sich, mich anzu- spucken, weil die beiden Freundchen aus Monreale Belladonna nicht den Garaus gemacht haben!" Lo Forte wagte nicht, ihn über diese interessante Er- Lffnung näher auszufragen, um ihn nicht mißtrauisch zu machen. „Es scheint mir aber, daß die Gräfin das letztemal sehr freundlich gegen Sie war." „Na ja, es ging! Jetzt kann sie mich ja brauchen, UM! mit dem alten Baron Versöhnung zu stiften." „Und was sind die Bedingungen?" „Sie stellen die Feindseligkeiten ein— und dafür muß sie Lidda an Belladonna abtreten." „Abtreten...?" �.Ja— sie ist ja unter uns gesagt nicht viel wert." Er flüsterte es dicht an Lo Fortes Ohr: „Ich habe sie besessen!" „Wie ging das zu?" fragte Lo Forte ruhig, entschlossen, sich nicht zu verraten. „Es war der Abend nach dem Konzert: wir spielten vier- händig. Ich merkte wohl allerlei Getue unten bei den Pe- dalen. Plötzlich aber klammert sie ihre Füßchen um mein Bein und flüstert mir zu, ich möge sie nach Mitternacht treffen. Sie würde mich unten im Gang erwarten und die Tür öffnen. Und wie sie mich küßte, als ich kam! Mords» l mäßig liederlich ist sie ja. Aber einen appetitlichen kleinen Körper hat fiel Fein, fein! Na, aber Belladonna gratu- liere ich!" Lo Forte verriet nicht durch die geringste Bewegung, tvas er dachte und fühlte, aber er begann an seiner Selbst- beherrschung zu zweifeln und schlug vor, zu Bette zu gehen. Der andere schlief augenblicklich fest wie ein Schwein, das sich vom Troge wälzt; der Ingenieur aber blieb wach fliegen. Es stand so klar vor seinem Blick, was zwischen Lidda und dem schnarchenden Schwein da drüben vorgegangen war. Er sah sie beim Flügel sitzen und spielen, sah Lidda die Lippen zusammenpressen, um nicht die verdorbene Luft ein- zuatmen, die aus seinen faulen Zahnstümpfen aus- strömte, sah ihn seine Knie an den ihrigen reiben und zitternd nach ihren Füßen beim Pedal tasten, während sie, scheinbar nichts Böses denkend, sie zurückzog, bis er sein Bein um das ihre schlang und— während die Mutter einen Augenblick in der anderen Stube war, unbesorgt, solange sie die Musik hörte — ihr ein paar Worte zuflüsterte. Darauf hatte Lidda sich natürlich erhoben, ihm ein derbes Wort gesagt, ihm ins Ge° sicht gespuckt. Gerade so mußte cs zugegangen sein, und nun rächte ier sich durch das Mittel, das er von Angela gelernt hatte. All das war nicht schwer auszurechnen, wenn man die Beiden kannte. Ueberdies aber wollte der Zufall, daß Lo Forte just in der Nacht nach dem Konzert einen slüchtigen Schein des Musikers drüben bei seinen Nachbarn erhascht hatte. Und weiter kreiste sein Gedanke um all das, was der andere gesagt hatte. Seine greinende Weinstimmung hatte etwas wachgerufen, was tief in ihm selbst verborgen lag.— Einsamkeit! Schwankes Moor allüberall! Wie dieser Schurke— oder war er bloß ein armseliger Wicht?—, der da lag und glaubte, er habe einen Freund gefunden— wenn er es denn glaubte—, einen Freund, der ihn mit kaltem Blut hätte erdrosseln können--- so war das Leben. Men- scheu nähern sich, von denen das Leben einen schied oder die man selbst von sich stoßen mußte. Alle so weit, so weit! Alle bis auf den einen: Ettore, der so fern von ihm weilte. Sich weitertappen und tasten, das� war das Leben— schwankes Moor allerwegen! Und dabei diese unüberwindbare Sehn- sucht nach festem Grund unter den Füßen, nach Menschen. warmen, nahen Menschen. Das Leben schwand dahin in Träumen von einem anderen Leben, wo man stark genug war, zu schützen und zu stützen, stark genug, selbst den Falschen zu glauben, reich genug, zu geben und wieder zu geben, den Freunden ein Freund zu sein und nicht ein stets empfangender Schützling. Hoffnungslose Träume auf dieser treu- losen Insel! Hoffnungslose Träume, ein Schloß zu erbauen mitten im haltlosen Schwankmoor I Ja, er, der Blatter- narbige, hatte recht: fort, weit fort von hier! Er dachte sich müde. Draußen trieb das Meer schwer und taktfest an den Strand. Jas schläferte ihn endlich ein. .(Fortsetzung folgt.) (NaSdruck derbolen.) Du follft nicht begehren! Von Timm Kröger. 8. Am Verbotspfahl vorbei. Einen Tag später. An schnatternden Enten vorüber, zur Buntewisch hinein, bog der feierlich und festlich gekleidete Pastor. Einen Zug von Entschlossenheit und Liebe trug alles, was er sah. Am Hofgraben strebten Pappeln und Eschen energisch in die Höhe, wiegten dann aber in weichen zarten Gedanken ihr Hauvt. Die Landschaft, grün und flach und fruchtbar, zerfloß in Liebe. lind von der Buntewisch gingen Linien aus, zogen durch Weiden und Felder und zur Buntewisch kehrten sie zurück. Das waren die Linien der Liebe. Vor der hohen, selbstbewußten Wölbung des Dielcntors stand der Pastor und reckte seine Figur und wiegte sein Haupt, wissend, welche Pläne es barg. Den Gruß der Landschaft nahm er gern ent- gegen. Er ahnte oder wußte' Es wer sein eigenes Herz, das die Linien zog und mit der Welt Liebe um Liebe tauschte. An die Tür des Wohnzimmers klopfte es. »Herein I" Sie tränkte ihre Blumen. Als sie sah, wer da so feierlich schwarz gekleidet, den Seiden- Hut in der Hand, den Türrahmen füllte, da kctzte sie die Blumen- gießkanne aufs Fensterbrett, nahm ihrem Besuch den Hut ab und reichte ihm beide Hände. „Da kommt ein lieber Freund, der uns lange floh." „Weshalb kamen Sie nicht wieder?" unterbrach sie sich.„Hat's Ihnen so schlecht bei uns gefallen?" Wenn Heinrich Bruhn badete, dann stürzte er sich immer köpf- über vom Sprungbrett in die Flut. Nun war ihm, als müsse er's wieder so machen. „Ich war bange," antwortete er. „Und sind Sie nun nicht mehr bange?" „Nicht ein bißchen." „Und weshalb fürchteten Sie sich?" „Weil ich glaubte, nicht offen, nicht aufrichtig sein zu dürfen. Nun aber weiß ich, daß ich's sein darf. Ich habe Ihnen etwas zu sagen. Darf ich reden?" Mariens Lippen zitterten ein wenig und wurden bleich. „Reden Sie!"— Ihre Stimme hatte keinen Klang. Er sah und hörte. Er war ein schlechter Deuter, er wußte nicht, wie seine Sache stand. Aber er stürzte vom Sprungbrett. „Ich bringe mich selbst, bringe ein Herz voll Liebe, ich bringe, wenn Sie mich wollen, Ihren zukünftigen Gatten." Als er das alles gesagt hatte, griff sie nach ihrem Herzen. „Ach Gott!" rief sie. Weiter konnte sie nichts herausbringen, glitt in einen Sessel und weinte, beweinte die langen Leidcnsjahre, worin die Blüte ihres Herzens vergangen war, und weinte vor Freuden darüber, was cs jetzt verhieß. So saß sie, die Hände über dem Gesicht. Heinrich Bruhn stand dabei und verstand sie nicht. Seine Natur, sein Gang hatte sich immer in kahlen, geraden Linien bewegt, er wußte nickt, daß die Frau die Arabeske nicht entbehren kann. Er schätzte sich—• nicht ganz mit Unrecht— für einen Bären ein, er hielt sich und seine Partie— ganz verkehrt— für verloren. Erst wollte er warten, bis sie ausgeweint habe; aber dann ertrug er es nicht mehr, er wollte fort. Und er stand und streichelte die Seide seines neuen Hutes und fing schließlich an zu stanimeln und zu sprechen:„... Marie — Frau Engelbrccht, wollte ich sagen— verzeihen Sie, wenn ich Sie erschreckt habe, wenn ich Sie verletzt habe. Es war nicht meine Absicht, Ihnen weh zu tun. Aber ich weiß nicht, mir scheint... cs kommt mir so vor... daß ichs doch getan habe... daß ich ganz verkehrt gekommen bin... Ich bin ein Mann— ein Mann muß alles tragen können. Ich werde mein Leben lang daran zu tragen haben, Sie nicht zu gewinnen, aber es wird aus- gehalten werden. Eine Minute nur, eine halbe noch, und die Tür, die Ihr Heim umfriedet, wird sich hinter mir schließen, um sich mir nie mehr zu öffnen. Ich geh... ich Hab nur noch die eine, die große Bitte: Vergeben Sie mir(ich Habs gut gemeint) und gedenken Sie meiner ohne Groll." Er übertrug alle von der Buntewisch nach seiner Meinung abgelehnte Liebe auf seinen Hut. Er wurde nicht müde, ihn mit dem Rockärmel zu liebkosen. Und stand und wartete auf Antwort. Als sie nicht erfolgte, seufzte er auf und hob den Fuß, nach der Tür zu gehen, den Hut in der Hand. Was ist das?— Es ist ein ganz neuer Hut, und nun wirft sich einer sonder Scheu dagegen? Er hat kaum Zeit, ihn auf den Tisch zu setzen.— Es ist ein so schöner Hut. Was ist das?— Marie schlägt die Arme um seinen Nacken? So ist es, die Welt ist verkehrt— Marie Schott lacht und weint— „Du Lieber," ruft sie,„verstehst Du die Frauen und ihre Tränen so schlecht? Du wolltest gehen? Wolltest mich allein lasten?" „Marie," stotterte er. Er konnte nur noch stottern.—«Ist es denn wahr, liebst Du mich denn?" „Und ob ich Dich liebe, Heinrich, Du!" Sie schlug die Augen zu ihm auf und lachte. Wie dankte er der schaffenden Natur, daß die Oberlippe so kurz war. Wie lachten ihn die weißen Zähne an. Und wie lachten die Augen! Wie dunkel waren sie und braun— oder waren sie schwarz?— er wußte cs nicht, er konnte es nicht feststellen, er empfand nur: sie waren schön. „Und der fragt mit. ob ich ihn liebe!— Es ist zum Weinen. und zum Jauchzen ist es. Ob ich ihn liebe!— Kann ichs sagen, wie sehr?— Ich kanns nicht, ich wills auch nicht. Du sollst mirS glauben, das verlange ich von Dir." „Ich bin ein Priester des Herrn und sollte nach dem Himmel- reich trachten und nach nichts anderem. Aber ich bin auch ein Mensch. Wir Hab ich nach Deiner Liebe gedürstet!" „Trink!" sagte sie und küßte ihn aus den Mund. S. E n o ch A r d e n. Ein Jahr verging, die Eisenbahn wurde fertig. Und als die neue Eisenbahn fertig geworden war, hatten alle Einwohner das Gefühl, als ob ihnen was geschenkt sei. als ob es jetzt erst lohne zu leben. Es wurden Rundreisen durch den Westen der Provinz eingerichtet, und die Freude, aus einem Abteil wie aus einer Glasstube heraus Feld und Anger und Wiesen, Geest und Marsch vorbeifliegen zu sehen, im Zeitmaß weniger Stunden mit eigenen Augen feststellen zu können, daß der Raps in der benachbarten Marsch nicht bester sei, als daheim, daß man dort aber umfang- reiche Versuche mit Fettgräserei anstelle—■ die Freude verjüngte förmlich. Man bedauerte nur, daß man nicht Zeit habe, die rot» bunten, glatten runden Dinger auf den Talgansatz zu befühlen. Msr das war mit der Sifcndatjn vermacht; bevor noch ein ordcnt- licher Streit darüber, ob sichs lohne, zwischen Hans Krischan und Krischan Hansen in Gang gekommen war, zeigte der Guckkasten schon ein anderes Bild— man fuhr zwischen grauem Eisenwerk langsam, hohl, rollend, unheimlich über eine große Flußbrückc. Aber wie die Zeit verging, verging auch die naive Lust an den Rundfahrten, das für die Geschäftswelt praktische Interesse erwies sich schließlich langatmiger, als die unschuldige Reiselust. Neue Geschäftsschilder, neue Waren und neue Leute. Unternehmende, freundliche, beredte, dunkeläugige Männer boten ihre Dienste und forderten ihren Tribut. Die Landesprodukte, die sonst zu den an stockigen Warenplätzen üblichen, etwas angefaulten Preisen ab- gesetzt worden waren, wurden den großen Handelsplätzen nun rascher und vorteilhafter zugeführt; am Bahnhof entstanden kleinere und größere Stapclplätze und Lagerhäuser. Die Export- schlachterei Wlttmaack u. Sohn in Hamburg bot den Landleutcn so günstige Bedingungen, daß der Schweinchandel fast ganz in ihre Hände kam. Und wie der Stadt Kleid und Nähte eng wurden, so erging es auch Hans Hanssens Gasthof mit dem Beinamen„tom Icewen Gott". So hieß er, weil sein Eigentümer des Höchsten Namen oft im Munde führte, unnütz zwar, doch bewuhterweise niemals mißbräuchlich. Er tats bei jeder Gelegenheit.— Wenn er klangvoll mit dem Holzschlägel ein Faß aufschlug, es geschah in Gottes Namen— er sagte wenigstens dreimal dabei:„Du leewer Gott!" Wenn ein einfacher Mann bat:„Schallk n lütten Köm un Beer?" —„Du leewer Gott, dat schast hem," war die Antwort.—„Hans, scholl sick dat Wcller holn?"—„Du leewer Gott, Klas, dat glöw ick."—„Hans, is dat Beer god?"—„Ja, leewer Gott, dat wcet de lcewc Gott."— So„leewergottcte" er sich durchs Leben und schenkte Bier und Schnaps und Portwein. In der Rektorschule hat der Lehrer einmal von dem Glück gesprochen, wonach' alle Welt renne, und es mit den Bildern der Luftspiegelung verglichen, die in der Marsch oft ferne selige Inseln vortäusche.— Das alles sei Schein und Augcntrug. Und gerade so sei es mit dem Glück, dem die Welt im Ficbertraumc nachjage. Ein wirkliches und wahres Glück gewähre nur ein Leben in Gott, ja— Leben und Weben im lieben Gott. (Fortsetzung folgt.) und Sonnenbäder» Die Hygiene des Badens hat in den letzten Jahren eine durch- greifende Umformung erlitten, indem neben dem Wasser in seinen verschiedenen Formen und Temperaturen nunmehr auch Lust- und Licht eine breite Stelle behaupten. In der Wochenschrift„Um- schau"(Frankfurt am Main) gibt Dr. C. Pototzky einen Uebcrblick über die geschichtliche EntWickelung des Luft- und Sonnenbades. Zunächst ist auch hier festzustellen, daß, wie so häufig, der gleiche Gedanke an räumlich weit voneinander getrennten Orten ganz unabhängig aufgetaucht ist. Diese Erscheinung hat der Geograph Andree als den„Vorgcdanken" bezeichnet. Bei den unzivilisiertcn Naturvölkern, namentlich in den Tropen, kann man nicht gut von Luft- und Sonnenbädern sprechen, da ja eigentlich ihr ganzes Leben ein einziges Luft- und Sonnenbad ist. Dagegen findet sich nach Fritjof Nansens Schilderungen bei den Eskimos der Ostküste Grönlands die Sitte des Luftbades, das sie in ihren Zelten nehmen. Im Gegensatz dazu sind die Westgrönländer europäischen Sitten zugetan, aber die europäische Wohnung und Kleidung rächt sich durch eine vermehrte Sterblichkeit an Tuberkulose. Auch im Altertum, wo ja in Griechenland die hygienische Kultur in der Hochblüte stand, war das Luftbad gcbräulich. In der Literatur findet es sich allerdings nur andeutungsweise er- wähnt. Viel häufiger ist dies jedoch bei den römischen Schrift- stcllern der Fall, und namentlich die Briefe des jüngeren Plinius lassen erkennen, daß das Luftbad in Rom geradezu eine Volks- gewohnheit gewesen ist. Herodot schreibt darüber:„Das Sonnen ist überhaupt für diejenigen notwendig, die einer Wiederherstellung und Zunahme der Muskulatur bedürfen, aber der wolkcnbedeckte Himmel muß von ihnen vermieden werden, ebenso wie derjenige, der bei Windstille sich verfinstert. Man muß also im Winter, Frühjahr oder Herbst das Sonnen als unzcitig vermeiden. Im Sommer müssen aber wegen der allzu großen Hitze schwächliche Individuen sich in acht nehmen. Der Sonne wie dem Feuer soll man außer allem übrigen auch den Rücken nahebringen, denn in diesem sind die WillenSnervcn vorzugsweise gelegen. Wenn diese nämlich heiß sind, wird der ganze Körper kräftiger gestaltet, der Kopf muß aber durch eine Bedeckung geschützt werden." Auch Eaelius Aurelianus empfiehlt die wohltuende Einwirkung der Sonne, die er namentlich bei chronischen Hautkrankheiten sowie bei Fettsucht und Gelcnklciden für segensreich hält. Auch die Technik dieser Bäder suchte man zu vervollkommnen. So soll Porta vorgeschlagen haben, mittels eines gläsernen Instrumentes be- stimmte Körpcrstellcn zu beeinflussen. Im Mittelalter lag, wie alle wissenschaftliche Betätigung, auch dieser Teil der Hygiene im dunkeln. Erst am Ende des achtzehnten und am Beginn des neunzehnten Jahrhunderts hört man hier und da wieder von Luftbädern sprechen. Der große Aufschwung aber kam erst in den letzten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts, wo mehrere Laien, wie Kneipp, Prießnitz und Arnold Rikli, tnit ihren Wasser- und Luftkuren großes Aufsehen erregten. Die Folge war, daß auch die zünftige Wissenschaft sich der Sache zuwandte und ihre Bedeutung bestätigen konnte, so daß heute Luft- und Licht. bädcr ihre gesicherte Stellung unter den hygienischen Methoden ein. nehmen. Zunächst ist der wichtige Unterschied festzustellen, der hauptsächlich in der Art der Wirkung zwischen Luft- und Sonnen- bad besteht. Beim Luftbad spielen die Temperatur, Feuchtigkeit, Luftdruck und Luftbcwcgung die vornehmliche Rolle, während beim Sonnenbad die chemischen und Wärmestrahlen hauptsächlich in Be- tracht kommen. Die Wirkung des Luftbades auf den Organismus besteht einerseits in einer Beeinflussung der Wärmcrcgulierung des Körpers, und andererseits in einer Anregung der Hautgefäße und damit einer allgemeinen Zirkulationsvcrbesscrung, mit der eine starke Erhöhung des Stoffwechsels Hand in Hand geht. Damit ist auch gleichzeitig gegeben, in welchen Fällen das Luftbad zur Anwendung gebracht werden wird. Es ist eine ausgezeichnete Ab- Härtungsmaßnahme, die unseren durch die übliche Kleidung der- wohnten Körper vor Erkältungen bewahren kann, da sie eine Ge. wöhnung an plötzlichen Temperaturwechsel herbeiführt. Die trcff- lichste Wirkung von Luftbädern ist jedoch der starke und günstige Einfluß auf das subjektive Wohlbefinden des Patienten. Sein Körper empfindet ein wohliges Kraftgefühl, die Bewegungen werden leichter und der Gang elastischer, und man fühlt sich körperlich und seelisch verjüngt. Namentlich die nervcnmüdcn Be- wohner unserer Großstädte lassen die segensreichen Wirkungen er- kennen. Bei Ncurasthcnikern verschwindet sehr bald die unstete melancholische Art und macht einer geselligen, ruhigen Stimmung Platz. Dem Sonnenbad ist dieser„lusterregende" Einfluß nicht zu eigen. ES hat zuni großen Teil die Wirkung einer Schwitzkur, kommt daher für Rheumatismus, Gicht, Fettsucht und Exudate in Betracht und allerdings auch infolge der chemischen Strahlen des Sonnenlichts für verschiedene Hautleiden. Für die Technik der Luft- und Sonnenbäder ist vor allem die Wahl des Platzes. wichtig. Das Luftbad erfordert ein Terrain, auf dein sowohl sonnige wie schattige Plätze zu finden sind, so daß man der Witte- rung entsprechend eine geeignete Dosierung des Bades vornehmen kann. Auch die Versorgung niit Wasser muß vorgesehen werden. Ob die Luftbäder in der Ebene oder im Gebirge vorgenommen werden, ist gleichgültig. Hauptsache ist, die gute Beschaffenheit der Luft und der Ausschluß von feuchten und windigen Plätzen. Ge- eignete Kabinen, Turnapparate, Duschen, eine Kiesbahn und Werk- zeuge zum Holzfällen und für Gartenarbeiten ergänzen die Ein- richtung. Die Sonnenbäder können entweder im Freien oder an geeigneten Stellen des Hauses wie auf Dächern, Altanen usw. ge- nommen werden. Auch hier muß stärkerer Windzug vermieden werden; die Grundbedingung ist natürlich unbewölkter Himmel. Der Körper ruht unbekleidet, den Kopf etwas erhöht, auf einer entsprechenden Holzpritsche, die mit Matratzen und Decken belegt wird; Gesicht und Kopf iverden vor Bestrahlung geschützt und die Stirn mit Wasser gekühlt. Der übrige Körper wird nun der Sonne in der Weise angesetzt, daß soweit als möglich alle Teile gleichmäßig bestrahlt werden. Dann wird der Patient in Decken gehüllt und so nochmals dem Bade ausgesetzt. Eine laue Ab- Waschung und ein kurzes Sitzbad folgen zum Schluß. So segensreich Luft und Sonne unter Kontrolle eines gc» schulten Arztes wirken können, so dringend ist vor verallgemeinerter Anwendung und vor Uebertreibung zu warnen. Das Sonnenbad ist eine recht energische Heilmethode, und bei schwer Erkrankten, vor allem bei Herzleidenden, soll es überhaupt nicht gebraucht werden. Aber auch gesunde Personen bedürfen der Aufsicht. Anders ist es bei einem Luftbade. Zwar liegen auch hier gewisse Gefahren vor, die ärztlichen Rat nötig macheu. Es kann zum Bei- spiel ein an Arterienverkalkung Leidender durch ein kühles Luftbad geschädigt werden. Dem Gesunden jedoch kann es nur wohltun. Er wird Erquickung und Erholung finden und bald die scgens- reichen Folgen nicht mehr missen wollen. Japamfcbe dHalftfcbe und Sardinen» Das aufstrebende japanische Reich hat, wie auf allen Gebieten des wirtschaftlichen Lebens, auch in der Verwertung der reichen Schätze seiner Meere erst lernen müssen, westliche Erfahrung zu benutzen. Auch hierbei hat es sich als kluger und gelehriger Schüler erwiesen. Eine der Ivertvollsten Quellen hoher Einnahmen, der Walfang, mußte gleichsam neu entdeckt und erschlossen werden. Wohl hatten die Japaner an ihren Küsten, namentlich im Süden, seit Jahrhunderten den Walfang betrieben, aber die fast allein in Betracht kommende Walgattung, der Semikujira, den sie mit rohen Jagdmitteln rücksichtslos verfolgten, wurde immer seltener, so daß zu Ende der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts der Walfang fast alle Bedeutung verloren hatte. Da in Südjapan rege Nachfrage nach Walspcck und Walfleisch herrschte, kamen zu Ende der neunziger Jahre russische Walfänger auf den Gedanken, mittelst norwegischer Fangdampfer die Jagd wieder ertragreich zu ge- stalte» und auch auf solche Arien auszudehnen, die sich nach der japanischen Methode, den Wal in ein starkes Hansnetz zu ver- wickeln und dann zu harpunieren, nicht erbeuten ließen. Von jener Zeit an beginnt. Sie die„Mtteilungen des deutschen See- ifischereivereines" ausführen, ein neuer Abschnitt in der EntWicke- lung des Walfanges in den ostasiatischen Gewässern. Im Jahre 1895 erwarb die russische.Pacisische Wal- und Fischcrei-Aktien- gefellschaft Graf Keyserling u. Co." von der koreanischen Regie- rung eine Konzession, die sie mit zwei norwegischen Fangdampfern an den Küsten Koreas ausübte. Dies gab sowohl für die Norweger als für die Japaner selbst den Anstoß zu neuer eigener Tätigkeit. Es bildeten sich mehrere japanische Gesellschaften, sie erzielten aber kerne guten Erfolge. weil die in Japan gebauten Fangdampfer sich dadurch unbrauch- 'bar erwiesen, daß der geräuschvolle Gang ihrer Maschinen die Wale verscheuchte, und weil die Mannschaften keine genügende Fertigkeit im Gebrauch der Harpune besaßen. Es blieb also den Japanern nichts übrig, als sich mit den erfahrenen Norwegern zu- sammenzutun, oie drei chrer Dampfer in den japanischen Gc- wässern unterhielten. Bald hatten die vereinigten Gesellschaften «ine Flottille von sechs oder sieben Schiffen beisammen, oie auf Grund von Konzessionen der koreanischen Regierung, deren da- inals, vor Ausbruch der rusiisch- japanischen Krieges, auch die Ja- pancr noch bedurften, an der koreanischen Ostküste mit Eintritt des kühleren Herbstwetters ihre Tätigkeit zu beginnen pflegten aind sich mit zunehmender Temperatur immer weiter nach Nor- den wandten. Im Sommer wurde pausiert, nachdem jeder Dampfer 5V bis 80 Wale erbeutet hatte. Bald wurde das Jagd- gebiet auch bis an die japanischen Küsten selbst ausgedehnt, wobei die norwegischen Dampfer die Flagge tvechseln und einen japa- mischen Kapitän an Bord nehmen mußten, da ausländischen Schiffen das Anlaufen ungeöffneter Häfen nicht gestattet ist. Es kam dadurch eine große Menge von Walfleisch auf den Markt, das von Bergleuten, Arbeitern und Soldaten konsumiert wurde. Gleich- wohl war stets noch Nachfrage vorhanden, und die Wale erzielten gute Preise, wenn auch der Markt starken Schwankungen unter- lag. Ein norwegischer Dampfer, der von 1901 bis 1903 eine Beute von 107 Walen, deren durchschnittliche Länge etwa 10 Meter be- trug, gemacht hatte, erlöste durchschnittlich 1290 Mark für das Stück, während japanische Gesellschaften durch sieben Jahre bei einem Fang von 1655 Tieren für den Wal durchschnittlich sogar 8270 Mark erzielten. Sehr wesentlich für den Gewinn ist nämlich, ob die Gesellschaften sich auf den Fang beschränken oder auch die Verarbeitung selbst vornehmen. In den letzten Jahren hat die Gewinnung von Tran und Dünger durch den gesteigerten Walfang sehr zugenommen. Für das Jahr 1906 wurde der gewonnene Tran mit 600 000 Mark bewertet. Ein großer Teil davon geht nach Deutschland, während der stickstoff- und phosphorhaltige Dünger, der aus den Abfällen der Wale besteht, im Lande selbst verbraucht wird. Das Gleiche ist hinsichtlich der Barten der Fall, deren Qualität nicht besonders gut sein soll, während die Sehnen der Wale nach China ausgeführt werden, wo sie angeblich als Lecker- bissen verspeist tverden. Japan ist nunmehr auf dem Gebiete des Walfanges außerordentlich tätig. Mit der Keyserlingschen Wal- Ifanggcsellschaft, die ihre Tätigkeit unter guten Auspizien begonnen und im Jahre 1903 einen großen Verarbeitungsdampfer mit allen Maschinen zur Aufarbeitung des Fanges ausgerüstet hatte, räumte es gleich bei Ausbruch des Krieges im Februar 1904 gründlich auf. Alle Schiffe wurden beschlagnahmt und die russische Gesellschaft verschwand für alle Zeiten von der Bildfläche. Das gab den Ja- lpanern nun nicht nur Veranlassung, ihre alten Gesellschaften, die sich anfänglich der europäischen Konkurrenz nicht recht gelvachsen gezeigt litten, zu vergrößern und mit besserer Ausrüstung zu versehen, fondern auch eine ganze Anzahl Neu- gründungen vorzunehmen, so daß schon-im Jahre 1907 in den japanischen und koreanischen Gewässern mit etwa 30 Fangschiffen an 11 000 Wale erlegt wurden, während für 1908 anscheinend eine noch erheblich sichere Ausbeute erzielt werden wird. Auch die Re- gierung wendet dem Walfang ihre Aufmerksamkeit zu und ist -im Begriffe, Studien behufs zweckmäßiger Jagdgesetze anstellen zu lassen. Ebenso wie der Walfang wird im modernen Japan auch die Sardine zum Gegenstand besonderer Aufmerksamkeit gemacht. Es ist wahrscheinlich, daß der Wert der Sacdinenausbeute an den japanischen Küsten die statistische Angabe von 15 Millionen Mark noch bei weitem übersteigt. Die Fische werden im Lande entweder Frisch oder getrocknet oder eingesalzcn gegessen. Das moderne Japan geht nun daran, sie als Oelsardinen, deren Export von Frankreich aus allmählich infolge des Schwindens der Sardinen an Feinen Küsten nachläßt, auf die europäischen und amerikanischen Märkte zu bringen. Bisher ergaben sich Schwierigkeiten, weil die Sache nicht großzügig genug angefaßt worden war und die Besor- gung guten Olivenöls, das aus Südeuropa importiert werden mußte, nicht einfach schien. In letzter Zeit haben sich nun sechs größere Gesellschaften gebildet, deren bedeutendste ein Kapital von Fast 1 Million Mark besitzt und jährlich 3 Millionen Büchsen her- pellen kann. Die Büchsen sind für Amerika, dessen Zollvorschriften gemäß, überwiegend klein. Für Europa werden sie etwa in der Größe der französischen hergestellt. Die kleinen Büchsen wiegen Lvv Gramm und enthalten etwa zwölf Sardinen. Sie kosten mit reinem Olivenöl 33,6 Pf., mit Oliven- und Erdnußöl 25,2 Pf. und mit Erdnußöl 21 Pf. Ebenso Iverden Langusten, die billiger sind als europäischer und amerikanischer Hummer, in großem Maß- stabe konserviert. Hinderlich ist, daß sie sich in der Büchse ver- färben»nd deshalb eine Porzcllanhülle, die natürlich verteuert, er- halten müssen. Eine Büchse von 300 Gramm kostet rund 1 Mgrk. kleines feiriUeton. Geschichtliches. Ueber die kapitalistische EntWickelung in den italienischen Städten des Mittelalters hielt Prof. S i e v e k i n g auf dem internationalen Historikerkongreß einen Vor- trag. Während der moderne Kapitalismus seine größte Entwickelung in England fand, ist im Mittelalter Italien die Stätte der An- Häufung des Kapitals. Der Vorwagende versteht unter Kapitalismus die fteie Verkehrswirtschast und stellt ihr den feudalen Grundbesitz und die Arbeitsorganisation der Zünfte entgegen. Den Uebergang zur fteien Verkehrswirtschast bildet der Feudalkapitalismus, der sich auf den Grundbesitz stützt, und der Zunstkapitalismus. Dies zeigt deutlich Venedig, das„nicht reich war, weil es Handel trieb, sondern Handel trieb, weil es die Mittel dazu hatte." Feudale Besitzer gaben ihr Vermögen in die Hand der Händler, dadurch wurde es zum Kapital, denn auf den Grundbesitz stützte sich der Kredit und dieser spielt die wichttgste Rolle für die Kapitals- anhäusung. Die hauptsächlichste Quelle deS Vermögens bildete für Italien der Wasserhandel, namentlich der Zwischenhandel, der in Genua und Venedig blühte. Auch die Beutezüge haben Kapital nach Italien gebracht, doch darf man nicht annehmen, daß die Plünderung als solche Schätze brachte, das wichtigste Ivar die Ver- nichtung des morgenländischen Handels, somit die Eröffnung neuer Absatzgebiete für das Abendland. Aus dem Wirtschaftsleben allein wird nach SievekingS Ansicht der italienische Kapitalismus nicht erklärlich, der Kapitalismus steht in enger Beziehung zur Kirche. Kapitalisten unterstützten die Kirchensürsten und be» wucherten sie, und wer gar mit der Einnahme deS Zehnten für die Kreuzzüge beauftragt war, wurde reich. Italien beherrschte wirtschaftlich alle anderen Länder; daraus wird das Ringen ganzer Geschlechier nach dem Stand der MerkatoreS und der Kampf der Städte untereinander um die bevorzugte Stellung im Handel verständlich. Auch die Kriege ließen Gelder in Italien zusammenkommen; wohl wurde das Land ver-- wüstet, in den Städten aber häufte sich das Kapital. Der Kampf zwischen Kaiser und Papst schwächte beide, ermöglichte aber das Auf- blühen der Kommunen, die die Stützen deS Kapitalismus wurden, indem sie den Handelsverkehr in ihren Mauenr konzentrierten. Finanzverwaltung und Steuerverteilung begünstigten die Anhäufung von Vermögen in den Händen der Herrschenden, eS konnte sich so eine Finanzaristokratte ausbilden, die auch schon im 15. Jahr- hundert eine Arbeiterbewegung hervorrief. Im Jahre 1427 versteuerte ein Medici 97 600 Gulden, als er im nächsten Jahre starb, hinterließ er ein Vermögen von 179221 Gulden. ES ist klar, daß das Anwachsen des Kapitals während eines Jahres nicht so bedeutend war, aber von der Versteuerung hatte er sich— wie eben üblich— alle Kosten für Haushalt, Bauten und Bücher abgezogen. Ein Unterschied zwischen mittelalterlichem und modernem Kapitalismus besteht darin, daß ihm früher in Landwirtschaft und Gewerbe nur der kommerzielle Teil zufiel, die Technik blieb in der Hand der Zünfte, welche die Produktton konttngentierten, ihre Aus- dehnung verschmähten, um die Güte der Produkte nicht, zu ver- ringern; der moderne Kapitalismus stellt sich in den Dienst der Technik, vergrößert also die Produktion. Der Kapitalismus war ursprünglich städtisch, dann wuchs er über die Stadt hinaus und stellte sich dem Staate zur Verfügung, heute ist er die internationale Organisation der Weltwirtschaft. »• « In der Sektion für Rechts- und Wirtschaftsgeschichte besprach Prof. Dopsch„Die ältere Sozial- und WrrtschaftS- Verfassung der Alpenslawen". Er wies darauf hin, daß man sich die Kultur dieser Stämme viel zu primitiv vorgestellt habe und daß man ihre Verfassung nicht auf Stammeseigenttimlichkeiten, sondern aus lvirtschaftliche Ursachen zurückführen müsse. So zeigte er, daß die Supanen nichts anderes als Dorftichter und Wirtschafts- beamte gewesen, die verschiedenen Rang und verschiedene Aufgaben hatten, nicht aber eine bevorzugte Standesklasse, den Hirtenadel vor- stellten, wie man bisher angenommen. Sie waren zum größten Teil Viehzüchter, hauptsächlich betrieben sie Schweine- und Rinder- zucht. Daraus geht klar hervor, daß sie keine Nomaden gewesen, denn die Schweinezucht setzt eine gewisse Seßhaftigkeit voraus. Das Rind verwendeten sie sowohl als Zug- als auch als Milchtier, sie betrieben die Käserei. Was den Ackerbau anlangt, so besteht die Ansicht, die Alpenslawen hätten ohne Pflug gearbeitet und hauptsächlich inanuale Brandwirtschast gekannt, zu Unrecht; schon im 14. Jahrhundert werden Pflugfronden erwähnt, und aus der einzigen Quelle für das Vorhandensein der Brandwirtschaft geht deutlich hervor, daß diese dort am schwächsten vertreten war, wo Slawen am zahlreichsten ansässig waren. Auch aus den Wortbildungen,— besonders in Untersteiermark— kann nmn viel eher auf Rodung mit der Axt schließen. Die Hauskommunionen lassen sich wohl bis ins achte Jahrhundert hinunter nachweisen, doch kommen derartige Besitzgemeinschaften auch bei Romanen und Germanen vor, bedeuten also nichts eigentiimlich Slawisches. Die Gemeinsamkeit Wirtschaft- sicher Interessen führte zu ihrer Bildung. Verantw. Redakteu": Georg Davidkohn. Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdr. u. Verlagsanstalt Paul Singer Üc Co., Berlin LIV.