Hlnterhaltungsblatt des Horwärls Nr. 157. Sonnabend � den 15 August. 1903 (Nachdruck verbot««.) «i IVlakia. Roman aus dem modernen Sizilien von Emil RaSmussen. Derselbe Casimirro hatte nun einen gleichalterigen Freund von verächtlichem Charakter— er war nämlich Polizist. Dieser hatte es ein wenig gerochen, daß Pamfo in die neue Mafia-Cosca gekommen war und mutmaßte nicht mit Unrecht, jener müsse etwas von dem großen Viehdieb- stahl wissen, der sich kurz zuvor ereignet hatte. Er zupfte den Schuhmacher, der den Onkel zum Schwätzen brachte— und am nächsten Tage hatte der Polizist das gestohlene Vieh gefunden. Die geprellten„Brüder" aber legten den Finger an die Nase und waren' nicht faul, den Faden zu finden. Bruno hielt mit PamfoS Zehnmännergruppe eine Nachtsitzung ab und fällte das Todesurteil über Pamfo und den Schuhmacher. Da erhob sich ein Bäcker, der ein alter Freund Pamfos war, und sagte: „Ich meine, wir sollten nicht auf einen so unsicheren Argwohn hin das Blut eines Bruders vergießen. Ich schlage eine Acnderung vor: wir beauftragen Pamfo mit der Er- mordung seines Neffen. Weigert er sich, so können wir sie alle beide töten. Gehorcht er, so halte ich seine Ehrlichkeit für bewiesen." Dieser weise Rat wurde einstimmig angenommen. Pamfo war kein Held. Als er sein Schicksal erfuhr und eS ihm aufging, daß es nicht nur Vorteile biete, ein Mafiusu zu sein, brach er in Tränen aus und weinte bitter und lange. Er fühlte wohl, daß lein Selbsterhaltungstrieb siegen würde. Er mußte wie Abraham das Liebste opfern, das er besaß. Und er beweinte den teuren Verwandten wie einen Verstorbenen. Bei einer Nachtsitzung in'U fratuzzus Keller besprach Pamfo alles mit seiner Gruppe. Er erreichte gewisse Ver- günstigungen, teils weil er eine so gute, gemütliche und dienstbereite Seele war, teils weil man ihn für ein bißchen albern hielt und fürchtete, er könnte durch eine Tölpelei feine Kameraden in Gefahr bringen. Man erließ es ihm also. persönlich sein Geschwisterkind zu entleiben. Als Pamfo dies Zugeständnis erlangt hatte, erhob er sich mit der heroischen Miene, die die Polizisten auf den Marionettentheatern aus- zeichnet, stieß entschlossen sein Glas an das der Kameraden und sprach das traditionelle Todesurteil:„Der Wein ist süß, aber noch süßer ist das Blut der Christen I" Am folgenden Abend lenkte der verliebte Schuhmacher unbekümmert seine Schritte nach'U fratuzzus Haus, wo der Onkel ihm Aufnahme in die unvergleichliche Cosca verheißen, die ihren Mitgliedern baldige Ehe nebst allen anderen zeit- lichen Gütern sicherte. Pamfo stand richtig auf dem Balkon und machte ihm Zeichen, er solle hineingehen: es sei alles bereit. Kaum war er in der Türe, als drei Männer ihm eine Schlinge um den Hals warfen und ihn unter groben Knüffen erdrosselten. Seine Seele war schon im Himmel, als Pamfo herabkam. Sie füllten seine irdischen Reste in einen Sack und schleppten diesen weit hinaus in die Campagna, wo sie die Leiche mit Petroleum Übergossen und bis zur Unkenntlichkeit verbrannten. So zubereitet, fand der Schuhmacher Ruhe unter einem schattigen Karobenbaum. Pamfo folgte den Kameraden zur Stadt und war sehr aufgeräumt. Als er aber allein war, schlich er wieder in die Campagna hinaus und krabbelte in eine Pflanzung von Fei�enkaktusen, wo er sich auf den Bauch warf und unter salzigen Tränen den heiligen Calögero um Beistand flehte. Am frühen Morgen war er bei der Liebsten des Schuh- machers: er lief zur Polizei und zu allen Bekannten, um Uber seinen Schwestersohn zu jammern, der spurlos verschwunden war, so daß man das ärgste fürchten mußte. Hierauf verschwand Pamfo. Drei Tage und Nächte irrte er ruhelos draußen auf der Campagna umher. Als er zurückkam, schloß Carmela ihre Salons und steckte ihn in ihr breites Bett, wo er rund vierundzwanzig Stunden schlief. Als er erwachte, aß er ein Brot und drei Zwiebeln. Dann war er wieder der alte gemütliche Pamfo. 12. Es war Abendgottesdienst ist der kleinen Kapelle bei deq „Schwestern des teuren Blutes". Der Raum war sehr notdürftig von vier flackernden Wachskerzen erhellt, die ihren schwachen Schein über den Hochaltar mit seinen unzähligen Buketts aus Papierblumen warfen. Auf der Langseite unterschied man undeutlich die verschiedenen Stadien des Passionsweges. Rechts vom Altar befand sich ein Tischchen mit einer havannafarbenen Tischdecke, auf der eine Flasche Zuckerwasser stand. Unten saß die Priorin mit allen ihren Nonnen— mit Ausnahme der Küchenschivestev — und den meisten Pensionärinnen. Unter ihnen war auch! Crocifissa in einem glatten schwarzen Kleide, mit einem schwarzen Kragen um die verwachsenen Schultern. Sie war eben in das Kloster gebracht worden und fand sich geduldig darein wie in alles andere. Eine Menge armer, aber gottes, fürchtiger Frauen— die das Kloster unterstützte— folgten. Ganz rückwärts saßen Lidda und Diambra Hand in Hand. Endlich trat Don Gerlando von der Sakristei ein. strahlend und blühend, ein richtiges Gegenstück zu all den Bildern erbaulicher Zerknirschung, die erwartungsvoll die Hälse nach ihm reckten. Er setzte sich schwer in den wachs« befleckten Lehnstuhl und blickte väterlich-zufrieden auf seine Lämmer herab. Darauf hob er die runden Arme auf den Ellbogen, so daß man die schmierigen Rockärmel glänzen sah, faltete die Hände und begann seine Predigt: „Meine teuren Schwestern in Christo I Heute will ich zu Euch von der Demut sprechen. Ich will Euch erzählen, wie wir sündigen und doch des Glaubens fein können, fast heilig zu sein. Es lebte in Alexandria— beachtet wohl, teure Schwestern: in Alexandria, einer Stadt jenseits des Meeres, versteht Ihr, weit drüben im Orient, in der Nähe von Afrika... es wohnte also in dieser schönen. Stadt ein heiliger Mönch, Pafnunzio mit Namen. Er war gut: er hatte allem entsagt, was er besaß, und saß nun da, um die Sünder zu bekehren. Wohlan! In jenen Gegenden ivohnte auch ein Bischof Teotimos, der allen Ernstes glaubte, er habe die Voll- kommenheit erreicht, die ihn ins Paradies führen würde. Nun fürchtete Gott, Teotimos würde in die Sünde des Hoch« muts verfallen und sandte ihm eine Erscheinung. „Blicke auf! und werde nicht hochmütig, du Gottesdicncr, Teotimos!" sagte der Engel. „Warum?" erwiderte der Bischof.„Kann ein Mensch besser sein als ich? Alles, was ich zuviel habe, schenke ich den Armen. Ich habe niemandem ein Leids'getan. Ich habe meinem Nächsten geholfen, wann ich konnte. Was mehr sollte ich wohl tun?" „Nun denn!" sprach der Engel,„stehe auf! Gott befiehlt Dir durch meinen Mund, Dich zu Pafnunzio zu begeben drüben in Alexandria." „So gehe ich denn! Pafnunzio ist mein Jugendfreund." Wie gesagt, so getan. Er kleidete sich in Pilgertracht, tat seine Sandalen an, und binnen kurzem habt Ihr den Bischof auf der Reise. Denket Euch, teure Schwestern, er sollte bis zu dem fernen Alexandria wandern, jenseits des Meeres und der Wüsten! Kurz und gut: er wurde in Pafnunzios Hütte geführt! Hütte! sage ich, Schwestern, nicht Haus, nicht Palast! „Wen suchet Ihr?" frägt man. „Den heiligen Pafnunzio!" Und siehe! Da tritt ein Mönch auf ihn zu, in elender Kleidung, mit verfilztem Bart und schmutzverklebtem Haar. „Heiliger Pafnunzio! Der Engel hat mich zu Dir ge« sandt. Ich bin Teotimos." „Ich bin nicht heilig, Bruder: ich bin ein schändlicher Sünder, schuldig der niederträchtigsten Greuel." „Du, Pafnunzio? Wer in aller Welt wäre dann ohne Fehl?" „Höre, mein Bruder. Höre! Dann wollen wir vereint Gott um Vergebung für unsere Uebertretungen bitten. Siehe: in Alexandria allein fallen 25 000 fündige Männer auf jo 100 000 Seelen!" Er sagte: Männer, meine teuren Schwestern! Nicht Weiberl Nicht Kinderl ____ Aber laßt uns nun zwei Weiber auf jeden Mann rechnen — das gibt zusammen... das gibt 75 VW Seelen. Dann kommen all die Kinder! Mindestens eines per Mynnl Wer entgeht da der Verdammnis? Der arme Teotimos sah ein, daß dieses Raisonnement stimmte, und war zerknirscht ob seines Hochmutes. „Bruder Pasnunzio, ich habe gesündigt! Bitte den Herrn in meinem Namen um Vergebung!" Und sie beteten lange zusammen. Ach ja. meine teuren Schwestern! Ihr werdet nie im- stände sei zu fassen, wie heilig der heilige Pasnunzio war, der inmitten der Verderbnis jener Stadt so großartige Wunder übte! Wer anders als Pasnunzio war es, der Ta'is bekehrte? Dieses gottlose Weib, von dem ich mit Euch nicht sprechen kann, meine Schwestern! Sie bediente sich ihrer Schönheit— sie war rot und fett— um die Männer zu Fall zu bringen— und es gelang ihr, o Schwestern! Da dachte Pasnunzio: sollte ich dies Weib nicht bewegen können, eine Dienerin Gottes zu werden?— Eines Nachts hatte Taits in den Orgien jener schändlichen Stadt geschwelgt, und als sie heimkehrte, ging sie an der Kirche vorbei, wo der heilige Bischof durch sein Wort die Steinherzen der Wider- spenstigen bekehrte. Sie wollte hineingehen: als sie aber aus der Schwelle stand, siehe, da erhielt sie von einer unsichtbaren, aber kräftigen Faust einen Schlag vor die Brust.„Nein, nicht Du, Sünderin! Nicht Du!" scholl eine Stimme. Entsetzt wich sie zurück! Was konnte sie wohl anderes tun, meine ge- liebten Schwestern in Christo? Dann aber suchte sie Pasnunzio auf, beichtete ihm ihre Sünden, und er drückte sie an sein Herz— in Jesu Namen. Und von jenem Tage an trat Ta'its ein in das Leben des ewigen Heils. Soviel vermag die heilige Demut, meine Schwestern, Und ich fordere Euch auf, dieser nachzustreben!" Don Gerlando schloß mit einem Ave Maria: hierauf erhob er sich von seinem Lehnstuhl und zog sich in die Sakristei zurück, wohin ein guter Teil der Gläubigen ihm folgte. Die Priorin schenkte ihm selbst ein großes Glas grünen Certosino ein, ein Getränk, das er, wie sie wußte, zu schätzen verstand. (Fortsetzung folgt.si (Nachdruck verboten.) 181 Du sollst nicht begehren! Von Timm Kröger. Schweinepriester lebte in guten Verhältnissen. Er hatte sich mit der Tochter von Wittmaack u. Sohn in Hamburg, genau ge- sprachen mit der Tochter des früheren Fleischergesellen, jetzigen reichen Speck- und Wurstfabrikanten Peter Sönnichsen, alleinigen Trägers des kaufmännischen Namens Wittmaack u. Sohn, ver» heiratet. Das war ein tüchtiger Schwiegervater. Die meisten Kunden sprachen ihn Wittmaack an, was er sich gern gefallen ließ, andere erkundigten sich nach dem Befinden seines Sohnes. Da er nun gar keinen Sohn hatte, Frau Frahm überhaupt sein einziges Kind war, so schob er alles auf seinen Schwiegersohn, auf dessen Schwcinevcrstand und Pastorentitel er stolz war.„Sie sprechen von meinem Schwiegersohn, dem Pastor Frahm," er- widerte er auf solche Fragen,„der ist wohlauf."— Dem alten Jürn Heinemann entfuhr mal das Wort:„Ach, das Hab ich gar nicht gewußt, Schweinepriester ist Ihr Schwiegersohn? Da hat Ihre Tochter einen tüchtigen Geschäftsmann." Das war dem alten Wurstmann denn doch zu viel.—„Borstenvieh und Schweinespeck war zwar sein und seines Sohnes Lebens- zweck," aber den Spottnamen des Eidams ihm so ins Gesicht!— Er fletschte seine kleinen Schweinszähne und antwortete:„Nein, Sie verfluchter Schweinekerl— ach, entschuldigen Sie!— wie heißen Sie doch noch, Herr Schwcinemann— entschuldigen Sie— lieber Heinemann, wollte ich sagen— einen Schweinepriester Hab ich nicht zum Schwiegersohn." Der Schweinepriester Wilhelm Frahm hatte, seitdem er aus her Geistlichkeit entlassen war, sich so günstig entwickelt, wie man nach seinen Anlagen nur hoffen konnte. Er war nicht nur ein fiuter Geschäftsmann, er konnte jetzt auch nach den Begriffen eines neuen Standes für solid gelten. Er handelte mit Vorteil für sich und seinen Schwiegervater, den er als Kommissionär in der Marsch vertrat, und war ehrlich. Als er unter die Händler (sing, stand in seinem Vaterlande mancher Prophet auf, voraus- agend, das werde nicht gehen, er sei zu wild. Aber es ging ganz vortrefflich. In der ersten Zeit zeigte er wohl noch ab und zu seine Kunststücke, hob hier und da ein Schwein am Schwanz; ließ auch im Wirtshans wohl mal gefüllte Achtelbiere bei steifem Arm auf breiter Hand balancieren. Wenn die Schwcinekncchte lärmend und sinaend guf den fünf Chaussken, die die Stadt ausstrahlte, mit den leeren Wagen in ihre Dörfer zurückkehrten, dann wußte man: Schweinepriester hatte sie in Behandlung gehabt.— Aber das„war einmal".— Mit der Heirat hat das«in Ende genommen. Als Frahm bei Wittmaack u. Sohn das Jawort erhalten hat, da ist die steifleinene Würde einer alten Firma für seine Seele zur Korsettstange geworden und hat ihr Haltung gegeben. Der eheliche Beistand seiner Frau tat da? übrige. Wilhelm Frahm strebte also quer über Gählers Platz seiner Wohnung zu— ein glattrasierter Mann mit wohlgenährtem Ge- ficht und weichen, bedeutungsvollen, in Faltungen und Pressungen bewanderten Priesterlippen. Das Echo aller Biedermannsgesin- nungen seiner Brust lag darüber her. Mit welcher Verachtung sah er jetzt auf alles herab, was ihm auf der Schule, wo er eine Zeit- lang Banknachbar von Georg Engelbrecht gewesen, widerfahren war. Georg Engelbrecht!— Ja, wo war Georg?— Sicher am Grund der Nordsee. Er glaubte, ihn einmal gesehen zu haben oder vielmehr: er hatte es geglaubt. Je länger es her war, desto mehr zweifelte er. Frahm wohnte in Panjes Allee, von Gählers Platz ging man durch die Johannisstraße, dann war man da. Wie er in die Johannisstraße einbog— ganz plötzlich— er hatte keinen Menschen kommen sehen, ganz plötzlich sagte einer zu ihm:„Godn Dag, Willem, wa gcit?" Schweinepriester sah auf, der dunkle Landstreicher mit dem ab- gesetzten Maurcrgescllenhut stand vor ihm und hielt ihm die Hand hin und wiederholte:„Godn Dag, Willem, wa geit?" Wilhelm Frahm ergriff die Hand nicht, sondern steckte, ohne sich dessen bewußt zu werden, seine Rechte in die Tasche. Der andere schwieg eine Minute und fing dann an:„Wilhelm, kennst du mich nicht, oder willst du mich nicht kennen? Ich bin..." Des Schweinepriesters Hand legte sich rasch auf des Sprechers Mund. „Sprich leise!— Ich sehe, wer du bist. Und damit genug. Wir wollen Namen und Person nicht sagen, das braucht niemand zu wissen, nicht einmal die Kinder, die überall umherstehen." Er zeigte auf einen kleinen Jungen, der mit zwei Fingern im Mund im Türrahmen eines Hauses stand und genau hinsah. „Uebrigens godn Dag!" fuhr er gedämpft fort.„Da bist du also, hier hast meine Hand. Niemand soll sagen, daß ich einem alten Bekannten den Händedruck versagt habe." Er schüttelte des Fremden Rechte. Der sah groß und schwarz aus. Man entnahm seinem Auge und dem lang auf die Brufi herabhängenden Haar, daß seine Moral und sein Bart gleich wirr geworden seien. „Armer Kerl, wir glaubten, du seiest auf See geblieben.—- Ist„Berta" nicht untergegangen?" „Das stimmt, mich aber hat das Meer ausgeworfen," erwiderte Georg Engelbrecht.—„Es war--" Er wollte erzählen. „Das will ich nachher von dir hören, auch was du getrieben.— Hier bist du für tot erklärt worden." «Das weiß ich." „Und Steckbriefe sind hinter dir her." „Das weiß ich auch." „Deine Frau hat nun einen anderen." „Ich weiß es, ich weiß alles." „Du kommst vielleicht gerade deshalb." „So ist es. Wilhelm." „Was hast du vor? Was gedenkst du zu tun?" „Ich wollte meine Frau und wollte Pastor Bruhn bitten, mir was zu geben. „Geld?" „Ja." „Und wenn sie nicht wollen? Was willst du dann machen?" Der Fremde lächelte. Er hatte tadellose Zähne, er lächelte daß Lächeln, das in Strafanstalten und in Kaffeeklappen gelernt wird. «Dann will ich wieder lebendig werden," antwortete er. „Und wenn sie geben?" „Dann will ich das sein, was das Gericht sagt, daß ich bin— will mir einen schönen Namen ausdenken und nach Amerika gehen." Das sagte er und lauerte mit tiefliegenden, böse lächelnden Augen. Schweinepriester sah süßsauer drein und kniff die Lider ein. „Und wie groß müßte die Summe sein, wenn du einwilligtest� zu sterben?" „Ja— das wollt' ich dich fragen. Wieviel meinst du?" Schweinepriesters Lippen falteten sich streng. „Weißt du auch, wie man das, was du willst, nennt?" Er machte, ohne es zu wissen, eine alte Kanzelgeste, erhob strafend die rechte Hand und den Zeigefinger daran und schüttelte Hand und Zeigefinger hin und her. „Junge, Junge!" rief er drohend. „Was. Wilhelm?" „Erpressung nennt man's." Dann senkte er die Hand, drückte die Asche seiner Pfeife fest, ließ den Deckel einschnappen und sagte ruhiger:> „Es ist kein guter Streich." „Ein Streich, den viele tun. Alle täten ihn in meiner Lage. — Du. Wilhelm, auch." (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Lianen. Wenn das Wort Liane gehört wird, dann werden im Geiste wieder jene Bilder lebendig, die in der Jugendzeit lindliche Phan- taste auszumalen wußte, wenn eS mit lühnen Weltumieglern und Abenteurern in die fernen Tropenzonen ging, dann tauckeu sie in der Erinnerung wieder auf, diese in Ehrfurcht erschauten Dickichte der Tropenwälder, woTausende vonLianen, polypenartig alles umspinnend, dem Wanderer den Weg versperrend und die mannigfaltigsten, scbreck- lichen Gefahren verbergen und wo nur mit Beil und Säge mühsam der Weg gebahnt werden konnte. Die Wirklichkeit entspricht zwar nicht immer ganz dieser üppigen Vorstellung, aber stets haben die Tcopenwälder in ihrem Lianenschmuck tiefen Eindruck auf Neisende und Forscher gemacht, und die Berichte einwandfreier Forscher sind nicht viel weniger lebendig als die Erzählungen der Jugendschrift- steller. So spricht Kerner von»herrlichen Bildern in kräftigen Linien und bunter Farbenpracht". Ueber den riesigen Stämmen des Urwaldes, welche gleich Pfeilern eines weiten Hallenbaues empor- ragen, wölbt sich ein Laubdach, das nur hier und da von dünnen Sonnenstrahlen durchdrungen wird. Im Waldgrunde spärliches Grün aus schattenliebenden, die Leichen gefallener Bäume über- kleidenden Farnen und weiterhin wüstes braunes Wurzelwerk, welches das Fortkonimen im düsteren stillen Grunde fast unmöglich macht. Im Gegensätze zu der unheimlichen Waldestiefe, welch buntes Bild in den Lichtungen und am Saume des Urwaldes! Ein Gewirr aus allen erdenklichen Pflanzen böscht sich empor zur dichtesten Hecke, baut sich auf, höher und höher bis zu den Kronen der Baumriesen, so daß der Einblick in die Säulenhallen des Waldinnern gänzlich benomnien ist. Da ist die echte und rechte Heimat der Lianen., Alles schlingt, windet und klettert durcheinander, und das Auge bemüht sich vergeblich, zu ermitteln, welche Stämme, welches Laubwerk, welche Blüten und welche Früchte zusammen ge- hören. Hier flechten und wirken die Lianen grüne Wände und Tapeten, dort hängen sie als schwankende Girlanden oder zu breiten Vorhängen derslrickt von dem Gezweige der Bäume herab, und wieder an anderer Stelle spannen sich üppige Gewinde von Ast zu Ast, von Baum zu Baum, bauen fliegende Brücken, ja förmliche Laubengänge mit Spitzbogen und Rundbogen. Einzeln stehende Baumstämme werden durch die Hülle aus verflochtenen Lianen zu grünen Säulen oder noch häufiger zum Mittelpunkte grüner Pyramiden, über deren Spitze die Krone schirmförmig ausgebreitet ist. Sind die Lianen zugleich mit den von ihnen als Stütze benutzten Bäumen alt geworden, und haben sich ihre alten Stammteile des Laubschmuckes entledigt, so erscheinen sie wie Taue zwischen Erde und Baumkrone ausgespannt, und eS entwickeln sich jene seltsamen Formen, welche mit dem Namen Busch- taue belegt worden sind. Bald straff angezogen, bald schlaff und schwankend, erheben sie sich aus dem Gestrüppe des Wald- bodens und verlieren und verwirren sich hoch oben in dein Geäste des Baumes. Manche dieser Buschtaue sind wie die Seile eine« Kabels verschlungen, andere einem Korkzieher gleich gewunden und wieder andere bandförmig verbreitert, grubig ausgehöhlt oder zu zierlichen Treppen, den berühmten»Affenstiegen" ausgestattet. Die grünen Girlanden, Lauben und Gewinde der Lianen sind ge- schmückt mit den buntesten Blüten. Hier leuchtet ein Strauß wie eine kleine Feuergarbe empor, dort schwankt eine lange blaue Traube im Sonnenschein, und hier wieder ist eine dunkle Wand mit Hunderten heller sternförmiger Pasiiflorenblüten bestickt. Und wo Blüte» prangen und Früchte reifen, fehlt es auch nicht an ihren Gästen, an dem bunten Volke der Falter und an den fröhlichen Sängern deö Waldes, deren liebster Tummelplatz der liauendurch- flochlene Waldrand ist. Das ist das Bild jener Landschaften zwischen den beiden Wende- kreisen, wo die Lianen ihren Hauptsitz haben, wo sie gar oft die Physiognomie der immer grünen Regenwälder bestimmen. Kerner veranschlagt die Zahl der hier heimischen Lianen auf 2000. Die Zahl mag eher zu niedrig als zu hoch angenominen sein. Wir verstehen eS jetzt, warum mit dem Worte„Liane" in unserer Vorstellung stets der Begriff Tropenwald ver- knüpft ist. Dabei übersehen wir ganz, daß auch in unserer einheimischen Flora eine ganze Reihe von prächtigen Lianen auffindbar ist, die aufzusuchen und zu beobachten dem Naturfreund nicht genug empfohlen werden kann. Der Pflanzengeograph kennt nur wenige Distrikte, die ganz siauenfrei sind, dte Wüsten- und Steppengebiete, die alpinen Hochregionen und die arktischen Floren- gebiete. Aus der gemäßigten Zone sind etwa 200 Arten bekannt. Den größten Reichtum an diesen Gewächsen weisen Brasilien und die Antillen auf. Von dieser Inselgruppe stammt auch das in fast alle Weltsprachen übernommene Wort„Liane". Was sind nun Lianen? Botanisch geantwortet:„Im Erdboden wurzelnde, beim Emporwachsen sich auf andere Pflanzen stützende Kräuter oder Holzpflanzen". Diese Definition zeigt, daß der Begriff Lianen eine weit größere Pflanzengruppe umsaßt, als man gemein- hin anzunehmen gewillt ist. In der einheimischen Flora sind die Lianen mit nur zwei Ausnahmen Kräuter. Wir kennen als holzige Lianen nur den Efeu und die Waldrebe. In den Tropen treten die Holzpflanzen in den Vordergrund, wenigstens bilden sie die auf- fälligere Erscheinung. H. Schcnck, der Monograph der Lianen- gewachse hat diese Pflanzen aui vier Gruppen verteilt: Spreiz- klimmer, Wurzelkletterer, Windepflanzen und Nankeiipflanzen. Diese unstreitig sehr zweckmäßige Einteilung ist erfolgt nach der Art de? Emporkletterns. Sehen wir nui, einmal nach den Merkmalen dieser Gruppen. Die Spreizklimmer haften mit ihren winklig spreizenden Blattstielen und Seitensprossen ar. dem Gezweig der«tützpflanzen, wobei sie häufig noch von widerhakenden Dornen und Stacheln unterstützt werden. Typische Vertreter dieser Gruppe sind der Bocksdorn, die Kletterrosen, Brombeere und manche Labkräuter. Die Wurzelkletterer besitzen außer echten, Ernährung?» zwecken dienenden Erdwnrzeln, am Stamm oder Stengel erscheinende Hastwurzeln, mittels denen die Liane an der Stützpflanze angeheftet wird. Der Efeu gibt uns ein Beispiel aus dieser nicht sehr uinfang» reichen Gruppe. Die Windepflanzen, auch Schlingpflanzen genannt, bilden die artenreichste Gruppe. Sie sind gekennzeichnet dadurch. daß der Sproß die aufreckte Stützpflanze oder sonstige Stütze schraubenartig umwindet. Die Windung erfolgt bei den meisten Arten stets nach der gleichen Richtung, entweder nach rechts oder nach links. Selten windet eine Pflanze nach beiden Richtungen. Manche dieser Windepflanzen verhindern durch eine rauhe Ober- fläche des Sproßes oder durch ankerartige Klettcrhaare ein Zurückgleiten des Sproßes. Fast alle Pflanzenfamilien stellen für diese Gruppe Vertreter. Als eins der schönsten Beispiele sei hier nur der Hopfen genannt. Die Rankenpflanzen sind die formenreichste Gruppe, sie sind gekennzeichnet durch die Ausbildung eines besonderen, dem „besseren FoNkommen" dienenden Organs, der Ranke. Diese durch Berührung reizbaren Kletterorgane find ihrer morphologischen Natur nach entweder Blatt- oder Achsenorgane, die eilt- sprechend ihrer Funktion eine bald mehr, bald minder weitgehende Umbildung erleiden mußten. Bei dieser Gruppe sind. charakterisiert durch die Art der Haftorgane, einige Unterabteilungen zu untersckciden. Die Blattklimmer zeigen die am wenigste» auf- fällige Umbildung. Hier ist die Blanspreite oder das Blatt das reizempfindlickc Befestigungsorgan. Die Kapuzinerkresse mag als Beispiel angeführt werden, die den Blattstiel zum Emporkommen benutzt. Auf feuchten Wiesen wäckst eine Ehrenpreisart, die mittels der Blattspreiten an den Gräsern emporklettert. Bei den Blattrankern, die Erbse zählt hierher, finden wir Blätter oder Blatteile in fadenförmige Ranken umgewandelt. Den Zweigklimmern sind nur in der Jugend reizbare, später verholzende Seileniriebe eigen. Diese Abteilung hat wie die beiden folgenden lediglich in den Tropen Bertteler. Die Hakenkletterer erreichen die Höhe vermittelst kurzer haken- oder krallenförmiger Triebe. Die Uhrsederranker haben Kletteriprosse ausgebildet, die in einer Ebene spiralig wie eine Uhrfeder aufgerollt sind. Dieser federnde Sproß legt sich leicht um eine Stütze; die Berührung mit dieser veranlaßt ein Zunehmen des DickenwachslumS, wodurch dann die Pflanze an der Stütze festgehalten wird. Bei den Fadenrankern sind faden- förmige Ranken ausgebildet, die oft an ihren Spitzen mit Saug- warzen ausgerüstet sind. Weinstock und wilder Wein bilden für diese Abteilung die markantesten Beispiele. Nach dem hier gegebenen Charakteristikum der verschiedenen Lianenformen wird es nicht schwer fallen, bei Streifzügen durch Wald und Feld, die mehr dem Beobachten dienen, denn bloßes Genießen sind, ein« Anzahl von Lianen ausfindig zu macken und dabei wird sich dem Beschauer eine neue Welt austun, wenn er sick die Muße nimmt, die verschiedenen Kletterorgane in ihren Bewegungs- erscheinungen zu verfolgen. Diese Bewegungen erfolgen bald schneller, bald langsamer. Bei warmem Wetter macht das schwebende, kreisende Ende eines«opfensproneS einen Umlauf durchschnittlich in zwei Stunden uwfc acht Minuten, die Feuerbohne innerhalb«ner Stunde und 57 Minuten, der Windling innerhalb einer Stunde und 42 Minuten. Andere brauchen mehrere Tage zu einer Umkreisung. Bei warmem Wetter sind die Bewegungen lebhafter als bei kalter. Bei den Ranken eines Wein- ftockes sehen wir eine Schwingung bereits in 07 Minuten vollendet; haben die Ranke» irgend einen harten Gegenstand berührt, so um- schlingen ihre meist ohnehin schon gebogenen Enden augenblicklich ringförmig den Gegenstand. Diese Umschlingung erfordert nur einen Zeitraum von 20 Sekunden. Bei manchen Pflanzen genügt zu solcher Bewegung bereits eine Zeit von 5 Sekunden. Diesen Bewegnngserscheinnngcn haben Pflanzcnphysiologen in neuester Zeit aufmerksame Studien gewidmet. Und diese Beobachtungen und Untersuchungen haben uns eigentümliche Sinnesorgane im Pflanzenkörper erkennen lassen: T a st- o r g a n e oder Fühltüpfel. Das Vorhandensein dieser Gebilde und deren Funktionen muß unbedingt zu der Voraussetzung führen, daß die Pflanzen empfinden. So bildet die Entdeckung dieser be- sonderen Tastorgane ein neues Glied in der Beweiskette, daß die Pflanze nicht wesentlich anders geartet ist als das Tier. Gerade die den Pflanzen zugesprochene Gefühllosigkeit bildete in der ältere» Nmuranschauung einen der wesentlichsten Unterschiede zwischen Tier und Pflanze. Als die„wahre Heimal der europäischen Lianen" bezeichnet Francö die Donanauen oberhalb Wiens, von denen dieser Forscher ein anschauliches Gemälde entwirft. Hier kann man die Lianen im ursprünglichsten Wuchern studieren, und wer einmal einen derartigen Juselwald im Hochsommer gesehen hat, der hier in der stetigen Feuchtigkeit die Vegetation nicht versengt, sondern mit dunstiger Wärme nur überschivcllen und ausarten läßt, der wird zugestehen, daß kein tropisches Dickicht mannigfaltiger, hemmender, stachliSter und unangenehmer für den Eindringenden und schöner für de» sich mit dem Änfchauen Begnügenden sein kann, al» dieser insulare Auwald. Der Strom und alle seine Arme und Sümpfe schaffen durch reich- liche Niederschläge eine jahraus-jahrein feuchte Lust, die sich schon in den täglichen Morgen« und Adendnebeln kundgibt, und das be- günstigt eine solche Mannigfaltigkeit und Ueppigkeit der Vegetation, Wie sie sonst iu Europa unerhört ist. Da unispinnen sich die West über manneshohen Stengel deS Schilfrohrs mit den Wunder- schön geformten Girlanden der Windlinge, zwischen denen die schneeweißen Blmnendüten hervorleuchten; am Rande des WaldeS versperrt den Eingang zuerst ein elastisches und unglaublich dorniges Gittenverk von Brombeeren, daS Zweige und niedergehende Baumäste so geschickt zu benutzen weiß, daß es einige Meter emporklimmen kami. Da und dort mischt sich eine Heckenrose dazwischen, die im Frühling eine Unmenge von edelgeformten Knospen au« der Dickung zumLichte emporstreckt. Meisten?— namentlich im Spätsommer — hat aber der wilde Hopfen daS Uebergewicht erlangt nnd über« zieht manchmal auf weite Strecken hin alle Sträucher, rankt sich an den Bäumen hoch in das Geäst hinauf, hängt in kühnen Bogen zwischen den Stämmen und spannt seine grünen Zelte so dicht, daß die Pflanzen, an denen er zum Licht gelangte, verkümmern. Neben ihm aber machen sich noch viele klimmende, rankende und kletternde Pflanzen im Auwalde breit. Der Heckenknöterich, daS Geißblatt, Efeu und vor allem Waldreben sind in übergroßer Menge bereit, auf Kosten ihrer Mitgeschöpfe emporzusteigen. An ganz verschwiegenen und lauschigen Orten sieht man hier und da ein wahrhaft tropisches Bild: der verwilderte Wein rankt sich von Stamm zu Stamm; armdicke, abenteuerlich verflochtene, Schlangen gleich sich ringelnde Lianen sendet er kreuz und guer über Erdboden und Geäst. Er präsentiert sich als so mächtige» und weitaus greifendes Gewächs, daß man immer mehr glauben möchte, es fei dieselbe Pflanze, die im Weingarten so fittig und wohlgeartet auftritt. All die hier au? den Donanauen genannten Pflanzen find auch in den deutschen Fluren vorhanden unb_ auch in_ der deutschen Segetation find Bilder möglich. die im kleinen einen Abglanz geben von der Fülle und Ueppigkest der Lianenwelt im Donaugebiete. Solche Bilder mögen bei uns selten sein, allein sie sind vorhanden und ihr Auffinden bereitet um der Seltenheit halber doppelten Genuß. Eine verwildert« Hecke beispielsweise kann schon ein Dutzend oder mehr der verschiedenartigsten Lianen aufweisen. Da schießen Hopsen und Zcumrübe um die Wette empor, die eine will der andern den Rang streitig machen. Etwa? weniger estig hat eS der Windling mit dem in die Höhe kommen. Ein Geißblatt stellt bei beginnender Dämmerung seine tagsüber schief aufwärts gerichteten Röhrenblumen wagerecht ein, um den anfliegenden Nachtfaltern den Besuch zu erleichtern. In rosenrote» Schlangenlinien überspinnt hier die Kleeseide ein Stück der Hecke und dort hat ein Bocksdorn seine schwanken Ruten vom Boden hinauf durch die ganze Hecke hindurch geschoben und nun kriechen die Ruten mst den nur hier fich bildenden recht- winkelig zum Hauptzweig stehenden dornigen Seitenzweigen an der Oberfläche dahin. Die Brombeere will es ihm gleich- tun und zum Entzücken der lebensftohen Kinderwelt haben Labkräuter in diesem Gewirr ein ganzes Arsenal voll neckischer Wurfgeschoffe ausgebildet, jene kleinen, kugeligen Früchte, die sofort an jedem vorbeistreifenden rauhen Gegenstande haften bleiben. Nachtschatten, verschiedene Wickenarten und schließlich noch etliche Gartrnflüchtlinge vervollständigen- dieses Bild einheimischer Lianenvegetatto», das nur einen ganz steinen Ausschnitt au? der Natur darzustellen braucht. Und wem einmal dies Heimatbild vertraut geworden ist, dessen Gedanken werden nicht mehr so un- verzüglich in die Tropen schweifen, sobald einmal das Wort„Lianen' erwähnt wird._ Herm. Krafft. Kleines feuiUeton. Archäologisches. Die An sgr abnn g des alten Memphis. Professor FlindcrS Petrie, der Leiter der englischen Ausgrabungen in Aegypten, erstattet einen interessanten Bericht über die Ergebnisse der jüngsten Arbeiten an der Stätte des alten Memphis. Als eines der interessantesten Resultat der jüngsten Ausgrabung bezeichnet der bekannte Archäologe die Wiederauffindung des Fremden- Viertels von Memphis. Die große Handelszentrale zog vor dem späteren Aufblühen Alexandriens aus allen Ländern eine Menge von Kaufleuten und Gewerbetreibenden an. Herodot Hai uns eine«ingehende Schilderung deS„Lagers der Tyrier', wie damals das Fremdendiertel genannt wurde, gegeben und er beschreibt auch den Tempel deS Königs Proteus mit dem heiligen Altar der Aphrodite der Fremden. Von Anfang cm leitete die britischen Archäologen daS Ziel, diese Stätten wieder aufzufinden; südlich der großen Umwallung dcS Gottes Ptah erregte die Beschaffenheit dcS Boden? die Aufmerlsamkeit, man fand viele frühgriechischen Vasen- Henkel und allerlei Töpferwaren und eine Menge von großen Wein- gesäßcn, die späteren Zeiten zu entstammen scheinen. Offenbar handelte eS fich um das Stadtviertel, das etwa fieben Jahrhunderte vor unserer Zeitrechnung von den Fremden bevölkert war. Hier Lerantw, Redakteur: Gmi Ta»idsohn, Berlin,— Druck«, Verlag: fand man dann auch den äußeren Torweg eines großen Tempels. tiefverschüttet unter den Ruinen eines Hausesp er geht zurück auf die Zeit des Königs Meneptah, fast eines Zeitgenossen der troja- nischen Kriege, zu deren Zeiten der König Proteus herrschte. Die AusgrabungSarbeiten hatten etwa eine 20 Fuß hohe Erdschicht über der Tempelstätte zu überwinden; am End« der letzten Saison konnte man bereit? erkennen, daß es der offene Borhof des Tempels war, den man freigelegt hatte und zugleich fand man den inneren Torweg, der in den Tempel führte. Hier mußten wegen der vor» geschrittenen Jahreszeit die Arbeiten abgebrochen werden; erst im folgenden Jahre ist ihre Fortführung möglich. Der offene Hof gab interessante Ergebnisse. Man fand zwei Tafeln der Göttin Hathor, der„Aphrodite der Fremden', von der Herodot spricht: auch einige chprische Krüge und bemalte Steingutwar-n wurden aufgefunden. Auch Alabasterstücke, außerordentlich reich gearbeitet und gefärbte Ziegel wurden entdeckt; fie bildeten offenbar Teile jenes„prächtig verzierten Altars', von dem Herodot spricht. Im Hofe befanden sich einige seltsame Bade- und Waschplätze für die Gläubigen, die in ihrer Form und Bauart semitische Einflüsse aufweisen. Der Hof wurde in späterer Zeit mit einer Menge von Splittern und Abfall bedeckt, die einer Glasurfabrik entstammten; hierüber wurden noch später wiederum Häuser gebaut, so daß alle äußeren Anzeichen von der ursprünglichen Verwendung des Vorhofes verwischt wurden. Im Fremdenviertel fand man ein? Reihe außerordentlich interessanter Terrakottaköpfe, die ein Bild geben von der Verschiedenartigkeit der Menschenrassen, die hier in Memphis miteinander in Berührung kamen. Der Stil der Arbeit zeigt die Einwirkung griechischen Geistes; die Köpfe sind vermutlich etwa ein Jahrhundert nach HerodotS Zeit geschaffen worden. Man gewahrt da ein Darstellung des persischen Königs, dann einen perfischen Reiteroffizier, dann einen syrischen Beduinen, wie fie auf ägyptischen Denkmälern aufzutauchen Pflegen. Der charakte- ristischc Kopf deS BabylonierS fällt auf, daneben Darstellungen der flythischen Reiterei, der damaligen Kosaken der Perser. Außer» ordentlich interessant ist die Feststellung, daß in Memphis bereits eine Kolonie von Indern bestanden haben muh; in einer Dar- stellung tauchen sie mit ihren charakteristischen Gesichtern, Gebärden und Kleidern auf, den frühbuddhistischen Denkmälern Indiens nahe verwandt. Der Zusammenhang zwischen Indien und Aegypten ist von um so größerem Interesse, da wir bisher nur die indische Ueberliefcrung von einer Buddhistenmission bei den Königen deS Westens kannten, ohne daß man bisher im Westen das Wirken indischer Einflüsse bemerkt hatte. Mit diesem jüngsten Funde ist die Gewißheit gegeben, daß indische Modelle dem grcko-ägyptischen Künstler zugänglich waren und daß die Inder bereits vor den Römern in Aegypten auftauchten. Falls es gelingt, weitere Beweise von dem Bestehen einer Buddhistenmission zu finden, so würden damit außerordentlich wertvolle Aufschlüsse gewonnen werden für die Geschichte deS westlichen Geisteslebens, daS den Idealen deS Ostens so oft Dank schuldig geworden ist. Im weiteren Verlaufe der Arbeiten wurde auch die große Festung und der Palast am Nordende der Stadt zum Teil untersucht. In allen Stadtteilen fand man die Ueberreste von Fabriken und Werkstätten. Insbesondere war die Glasurindustrie sehr hoch entwickelt; überall fand man alte Gewichtssteine, die von den Händlern benutzt waren, Und auch die Werkstätten, aus denen die zahlreichen Schmuckwaren, Skarabäen. Amuletts, Vasen usw. hervorgingen, haben viele Be- weise ihrer einst so regen Tätigkeit zurückgelassen, die jetzt der Forschung wertvolle Anhaltspunkte geben. Hygienisches. Die Schädlichkeit der Nachtarbeit. Es gibt eine Anzahl von Berufen, in denen die Nachtarbeit ausgeübt wird, so besonders in den Bäckereien. Sie ist für alle Menschen s ch ä d» lich, wenn daS auch vielfach abgestritten wird. So erinnert Dr. N o r i in einer italienischen medizinischen Zeitschrift„II Ramazzini" mit Recht cm den wohltätigen Einfluß des Lichtes aus der einen und die schädlichen Einflüsse auf der anderen Seite. Eine ganze Reihe von Krankheiten wie Skrofulöse, Tuberkulose, Rachitis, Skorbut, Kretinismus, Veränderung der S'nncsorgane infolge der Nachtarbeit werden dadurch begünstigt, und schließlich handelt es sich auch um sittliche Gefahren für die so beschäftigten Arbeiter. Vom hygienischen und sozialen Standpunkt ist deshalb die Abschaffung der Nachtarbeit überhaupt eine wohlberechtigte E orderung, die streng durchzuführen allerdings im modernen eben bei der Entwickelung gewisser Industrien, die eine Ilnter» brcchung der Arbeit nicht zulassen, und bei der Notwendigkeit, den öffentlichen Dienst auch während der Nacht aufrecht zu erhalten, unmöglich erscheint. In der Praxis kommt eS also darauf an, die Nachtarbeit auf da? unumgängliche Maß einzuschränken. Zu den Betrieben, in denen bisher die Nachtarbeit als etwas Althergebrachtes und deshalb Wohl als etwas Unvermeidliches gegolten hat, gehören die Bäckereien. Und gerade diese sind eS, für die eine Aenderung der bestehenden Verhältnisse besonder? geboten erscheint und angebahnt ist. Die Brotbereitung spielt sich leider vielfach in dunklen und lichtarmen Kellerräumen ab, die Wirkungen der Nachtarbeit bei den Bäckern machen sich in besonder? hervortretenden Störungen des Nervensystems, im frühzeitigen Alter, in hoher Mortalität geltend. Ein Gesetzentwurf zur Abhilfe der Gesund» heitsschädigungen bei ihnen ist daher besonders dringend nötig. Vorwärts Buchdr. u. Verlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin SW.