Unterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 158. Dienstag, den 18. August. 1903 (Nachdruck verboten.) 851 JMafia. Roman aus dem modernen Sizilien von Emil RaSmussen. Don Gerlando war, sobald seine Predigt überstanden war, ein Spaßvogel, und Diambra, die sich durch ihre eigen- tümliche Mischung von Liebenswürdigkeit und Energie ein gewisses Vorrecht erobert, auch im Kloster frei von der Leber zu sprechen, sekundierte ihm tapfer in seinen Schäkereien mit den Schwestern. „Reverendo, schenken Sie doch endlich der Priorin ein," neckte sie.„Sie wissen nicht, wie sie Certosino liebt." „Ich weiß es, ich weiß es! Es gibt nur etwas, was sie noch höher schätzt." „Und das ist?« .„Einen Mann!" Mit einem fetten Gelächter leerte er sein Glas und zog seinen Rock an. Die bejahrte Priorin lachte mit allen den anderen. Als aber der Seelenhirt gegangen war, legte sie ihr Gesicht wieder'in Falten. „Welch heiliger Mann!" sagte sie.„Akkurat wie San Filippo Neri, der mit einem Scherz auf den Lippen Seelen rettete!" Man hörte eine Glocke läuten, und alle verfügten sich zum Mittagstisch in das Refektorium. Dianibra hatte Erlaubnis erhalten, das Mahl auf ihrem Zimmer serviert zu bekommen, und Lidda war ihr Gast. Man hatte ihnen ein gutes Menu mit zwei Weinsorten serviert. Zum Dessert gab es eine Kanne starken Kaffee und eine Flasche Likör. Es war ein gemütliches Beisammensein. Diambra war in strahlender Laune. Während sie speisten, erzählte sie un- aufhörlich Anekdoten von Don Gerlando— sie konnte seine Stimme in der drolligsten Art nachahmen—, und wiederholte die Hälfte seiner Predigt. Sie wußte, daß die Priorin eben einen Nahmen um ein Madonnenbild aus kleinen Lederflicken verfertigt hatte. Das Heilige an dem Rahmen aber bestand darin, daß alle Flicken aus Don Gerlandos aus- gedienten Schnallenschuhen stammten. Und schließlich gab sie ein Geschichtchen zum besten, wie Don Gerlando eines Morgens— natürlich unversehens— die Türe zu dem Zimmer einer Pensionärin geöffnet hatte, die bis zum Gürtel entblößt darin stand und sich wusch. Das junge Mädchen kreischte, er möge gehen, aber Don Gerlando hielt ihr stehenden Fußes eine lange Predigt über das Unanständige, seinen Körper in einer so frivolen Art zu entblößen— und nahm seine Augen nicht von ihr, bis er mit seiner Predigt fertig war. Lidda hörte halb geistesabwesend, mit einem schweren Lächeln zu. Erst als sie auf dem Sofa saßen, richtete sie sich Plötz- sich mit einem kleinen Ruck auf und sagte: „Weißt Du, Diambra,... ich glaube, ich gehe ins Kloster." „Ja. nicht wahr?" lachte Diambra.„Das ist der Zweck t>es Lebens!" „Nein, Scherz beiseite, Diambra! Ich sehne mich nach Frieden! Ich muß es meiner Eltern wegen tun. Mir bleibt kein anderer Ausweg." -„Du kannst das doch nicht ernst meinen, Lidda!" sagte die Freundin, plötzlich ernst geworden. „Ich habe heute nachmitag lange mit Mutter' ge- sprochen. Sie hat mir die Verhältnisse auseinandergesetzt. Sie meint, ich müsse mich mit Belladonna verheiraten. Sein Vater und die Gräfin haben nun Frieden geschlossen. Heirate ich ihn, so sind wir sicher. Wenn nicht, erhalten wir einen neuen Feind. Sie werden die Minen zugrunde- richten oder Vater bindern, Arbeiter zu bekommen; sie werden sein Vieh stehlen, seine Pflanzungen vernichten, sein Getreide verbrennen, und zuletzt werden sie ihn fortführen und seinen letzten Pfennig als Lösegeld erpressen. Sie wer- den ihn morden, sie werden Mutter und mich morden, sein ganzes Geschlecht ausrotten, jeden, der den Namen La Greca �räot!" Diambra sah sie entfetzt an. „Könnt Ihr denn nicht flüchten?" „Vater ist ein alter Mann; er geht nicht fort. Und alles, was er besitzt, ist ja festes Eigentum, aus dem er nichts herausziehen könnte, weil niemand wagen würde c3 zu kaufen." Diambra blieb eine Weile stumm. Sie kannte die Mafia gut genug, um zu wissen, daß Marchesa Ersilia nicht übertrieben hatte. Sie sah den entsetzlichen Schraubenstock, in dem Lidda gefangen saß. „Wenn ich ins Kloster ginge." fuhr Lidda fort,„würde es die Gräfin versöhnen, glaube ich. Und Belladonna würde sich zufrieden geben." „Du lebend hierdrinnen begraben!— Du lobtest Belladonna ja eben. Er ist ernst und klug. Ich kenne ihn von der Schule her." „Ich kann nichts gegen ihn sagen. Er ist auch ehrlich und ritterlich" „Was also ist es dann?" „Ich kann Angela nicht vergessen. Ich kann nicht. Er liebt mich immer noch. Er steht ganze Tage lang unten auf der Straße und starrt so flehend nach meinen Fenstern empor, bloß um einen flüchtigen Schimmer von mir zu er- haschen. Und ich gehe oben wie im Fieber umher und wünsche nichts sehnlicher, als zu ihm hinabgehen zu dürfen." „Nach alledem, was geschehen!" ..Ja, ja, er ist heftig— aber niemand wird mich je so lieben wie er." „Ich kann begreifen, daß eine kleine Popolana sich in ihn verlieben kann—, ein Mädchen wie Rusidda oder ein armes naives Kiird wie Assunta: aber Du, ein Weib mit Stolz und Intelligenz— das fasse ich nicht!" „Du ahnst nicht, wie fest er mich an sich ziehen konnte; wie männlich er ist! Du solltest wissen, wie ich nachts wach liege und nach seinen Lippen schmachte, die so heiß und so weich waren!" „Und D u willst ins Kloster gehen?" „Ist erst die Hoffnung tot, werde ich wohl ruhig wer- den. Dies ist entsetzlich. Kennst Du es nicht, das Gefühl, sich nach einem Manne zu sehnen?" „Nein!" „Träumst Du niemals, daß ein Mann neben Dir sitzt und Dich liebkost?" „Niemals!" „Es ist Dir- nie, als müßtest Du die Arme ausstrecken nach einem Manne, um ihn an Dich zu pressen?" „Nein, nie!" „Das kommt daher, daß Du nie geliebt hast." „Wirklich?" sagte sie mit einem eigentümlichen Lächeln. Lidda wurde plötzlich aufmerksam und sah sie fest an. „Wen liebst Du? Ist cS Belcaro?" Diambra nickte ein paarmaT. „Er ist ja Freidenker!" fuhr Lidda heraus. „Das sind ja alle Lehrer! Und Du solltest ihn in Stun- den, wo er gutgelaunt ist, alle christlichen Glaubenssätze zu Brennholz zerhacken hören. So überlegen, so witzig!" „Bist Du denn selbst Freidenkcrm?" „Das sage ich nicht. Aber wenn ich sehe, wie er alles durchdacht hat und wie freudig überzeugt, wie begeistert er ist, so könnte ich fast wünschen, daß mich seine Begeisterung anstecken, daß ich seine Ueberzcugung gegen die Don Ger, landos und aller Nonnen vertauschen könnte." „Wohin sollte das führen, Diambra? Etwas müssen wir ja haben, um u»S daran zu halten. Ist es nicht gut. daß es wenigstens eine Freistatt auf Erden gibt, zu der man flüchten kann, um Ruhe zu finden— und sei es auch die des Grabes." Ein matter Ausdruck glitt über Dianibras energisches Gesichtchen, als hätte sie Lust zu antworten und fände keine Einwendungen. Gleich darauf sprang sie in Gedanken auf ihr früheres Gespräch zurück.... „Du mußt Belladonna heiraten!" sagte sie auf ihre eigentümlich bestimmte Art. — 680 a? _ Ihre Ueber'ked'ungskunst LeMNn Eindruck Suf Lidda zu Machen: sie sprach so lange auf sie ein, bis Schwester Filo- mena kam und meldete, der Marchese sei dg, um Lidda heim- Suholen« .(Fortsetzung folßt.Jl lNachdruck verbolen.Z 141 Du follft nicht begehren! Von Timm Kröger. Der Sprecher zog spöttisch die Mundwinkel Herab und markierte ein priesterliches Gesicht, als er Hinzufügte:„Oder schlägt das Schweinefett bei dir auf die Frömmigkeit?" Schweinepriester ant- wortete nicht. Was Georg Beleidigendes gesagt Hatte, wollte er Nicht verstehen.— Er musterte die vor ihm stehende Elendsgestalt. „Ich weiß nicht," entgegnete er nach einer Weile,„was andere tun, und kenne mich nicht so genau, zu wissen, was ich täte. Das Mit- steincnschmeitzen habe ich immer anderen überlassen. So will ich «S auch jetzt verhalten." Beide schwiegen. „Wilhelm," fing der Zerlumpte wieder an,„ich habe lange Uichts gegessen." „Ich glaub' s, Junge." Der Schweinepriester dachte:„Was ihr den geringsten unter meinen Brüdern getan habt, das habt ihr mir getan." „Selbstverständlich laß ich dich nicht hungrig und laß dich nicht durstig. Ich überleg nur, wie und wo. Es darf nicht bekannt wer- den. Junge, wer du bist. Ganz abgesehen von dem Steckbrief. Ich will dir nachher auch sagen, warum.— Es trifft sich gut," setzte er hinzu,„daß meine Frau nicht da ist." Und wieder sah er auf seinen Jugendfreund und dachte an das Wort der Schrift:„Wer zwei Röcke hat, gebe dem, der keinen hat, und wer zwei Mäntel hat, tue desgleichen." „Kann dein Magen noch eine Stunde aushalten?" fragte er. -..Wenn, dann gehe ich mit dir zu Josef Meier und kaufe einen heilen Anzug und heile Wäsche und einen Hut, alles, wie einfache, anständige Leute tragen. Wir sagen, daß du bei meinem Schwieger- Vater in Diensten kommst. Dann wird bei Eggers ein Bad genom- men, und dann gehen wir zusammen nach meinem Haus." Sie standen noch immer an der Ecke der Johannisstraße aus Gählers Platz, und noch immer war der kleine Kerl mit dem Finger im Mund bei ihnen. Den winkte Wilhelm Frahm heran. „Hein, min Jung, wullt mi en Gefallen dohn, schast okn Groschen hcm." „Jau," antwortete Hein. „Loop flink na Hans Haussen, to'n leewen Gott, un gröt vun mi, ob Matthies vun de Buntcwisch na dor wcer. Denn mäch he so good sie» un na min Hus kam, dor op mi lurn, wennk na ni to Hus bön. Jk möß notwenni— hörst dul— gans notwcnnr mit em spreken. Hest verstahn?" „Jau." antwortete Hein. „Un wenn du dat dahn hest, denn loop flink na min Hus un segg, ik keem erst na'n gode Stunn ton Eten. bröch ok na ecn mit. Onkel Matthies kcem ok.— Hest verstahn, min Jung?" „Jau!" „Un hier hest twee Groschen. För den een kannst di Sönndag, sör den annern tokam Sönndag Bontjers köpen. Schast din Schwester Gretjn awer wat afgewen.— Wullt dat? Jk kom un frag na." „Jau!" antwortete Hein, nahm die Pantoffeln in die Hand und lief barfuß über Gählers Platz den Weg entlang nach Hans Haussen. Da gehn ein paar Schweine drauf, dachte der Schweinepricster. Aber das macht nichts, das muß sich helfen. Es wird noch mehr draufgchen, Matthies mitn Swung und ich,"wir werden bluten müssen— es wird nicht anders gehen. Das muß hingenommen werden. Heinrich Bruhn und Marie dürfen nichts wissen. Soviel tenne ich meinen Amtsbruder: der würde, und sollte auch sein und seine Frau Herz darüber brechen, die Partie aufgeben.—„Laß dich nicht gelüsten! Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weibl" >— Junge, Junge, Hein, was bist du eigentlich für ein Tecpott! Er und der Vagabund gingen nach dem Markt, wo Josef Meier seinen Laden hatte. Den Anzug will ich ihm schenken— dachte er— als sie in den Laden traten, das andere mir noch überlegen. Was geht den Schweinepriester Heinrich Bruhns Liebe an? Aber nach zwei Zügen Rauch war er anderen Sinnes. Ich will's doch tun. Es wird freilich nicht nur ein paar Schweine, es wird ein paar Waggon kosten. Aber das soll Nichts machen. Er steckte die Pfeife in die Tasche und preßte die weichen Lippen Aufeinander. Fest— und doch stahl sich ein Lächeln in die Ecken. Er verlud Woche für Woche ein paar Tausend Schweine für das Schlachthaus, aber der Name Marie Schott schürzte noch immer den ein bißchen speckig aussehenden Mund. Er ging mit dem Landstreicher von bannen, kaufte ihm Wäsche, kaufte ihm Kleider, ging mit ihm nach dem Bad. Und als der Wiedergefundene im Bade saß, besorgte er einen Teller Butterbrot amd ein Glas Portwein.„Er ist flau," sprach er für sich,„er muß " 10. Abstreifen Sltet Häute. Gleich nach der Verlobung hatte das Brautpaar abgewogen: hie Predigtamt, hie Buntewisch!— und hatte sich für die Bunte» wisch entschieden. Heinrich schätzte seine Begabung für das Lehr- amt nicht mehr so hoch ein, die Buntewisch war seit Jahrhunderten im Besitze derer vom Geschlechte Schott gewesen— Priester gab es viele, die Buntewisch gab es nicht wieder. Und den dem Meere abgewonnenen trügerischen Boden hatte er immer lieber gewonnen. Alles, was den Hof umgab, wurde doppelt leuchtend, und alles war schöner, weicher, reicher als an- derswo. Die Furchen lagen schwarz und schwer nebeneinander— hoffnungsreicher als anderswo, ja selbst der Himmel schickte selbst- bewußtere, vollere Wolken darüber her. Und alle waren lustige Wolken, nur eine düstere stand ati seinem Himmel. Zurzeit war sie nur klein, nicht größer als eines Mannes Hand, aber sie konnte rasch den ganzen Horizont bedecken. Es war noch immer ungewiß, ob Marie nicht doch das Weib eines anderen sei.— Die Rechtsordnung gestattete zwar, daß er sie heiratete, aber streng genommen war es doch nur eine Ehe auf Probe, deren Ungültigkeit sofort klar werden müsse, wenn Georg Engelbrecht noch am Leben war. Wie stand er vor seinem Gewissen und vor Gott? Gelüstete ihn nicht doch eines fremden Weibes? Heinrich Bruhn war in Gefahr, von seinen Grundsätzen auf unfruchtbares Geröll geführt zu werden. „Lassen Sie sich nicht irre machen," sagte der Gerichtsrat, mit dem er darüber sprach.„In den formalen Satzungen hat das Recht nicht sein letztes Wort gesprochen. Oft sind sie ja nichts mehr und nichts weniger als Kulissen, hinter denen das höhere Recht verborgen ist." Der Gcheime schrieb: „Was gehen Dich die Privathhpothesen unserer Privat-- dozentcn an? Wie ich zu dem Fall stehe, den mir der Gott des Sekts als Zukunftsbild(Du entsinnst Dich) schon in Hamburg zeigte, nun aber verwirklicht ist— wie ich dazu stehe, weißt Du. Es ist geschehen— nun geradeaus marschiert! Unsere Rechts- fragen haben mit Deinem Brautstand nichts zu tun.— Buridans Esel verhungerte zwischen zwei Heubündeln. Sei vorsichtig, binde Deine Seele nicht zu kurz an unter der Raufe!— Wenn der Nordwind an Deiner Küste weht, er braust durch zehn Meilen hinauf und zehn Meilen hinunter durch viele Rechtsgebiete. Aber die Wolken des Himmels schweben darüber her." „Denken Sie an den Vcrbotspfahll" ermunterte sein alt�r Freund, der Propst. (Fortsetzung folgt.) Die Speisekarte cler Naturvölker. Von Dr. I. W i e s e. Unter den Gründen, die Vegetarianer wie deren Gegner für ihre Behauptungen inS Feld führen, spielt auch der Hinweis auf die Naturvölker, die nach den einen vorzugsweise der vegetabilischen, nach den anderen mehr der animalischen Ernährungsweise huldigen sollen, eine große Rolle. Wir beabsichtigen nun nicht, in diesem Kampf der Meinungen irgendwie Stellung für oder wider die Fleischkost zu nehmen, sondern begnügen uns, die auch nach mancher anderen Hinsicht interessante Frage, wie die Naturvölker ihre Er- nähnmg regeln, auf Grund zuverlässiger Berichte von ForschungS- reisenden zum Gegenstande emer allerdings bei weitem nicht er- schöpfenden Betrachtung zu machen. Der Naturmensch ist nicht nur Fleischesser, sondern Allesesser, er ist als Omnivore auch zugleich Carnivore. Freilich schlachtet man bei Hirtenvölkern sehr selten ein Stück Hausvieh, man genießt aber das Fleisch der gefallenen Tiere und macht ausgiebigen Gebrauch von der Milch in frischem wie in gesäuertem Zustande. So dürfen die jungen Krieger des afrikanischen Stammes der Massai nur Rindflesich essen und Mikch trinken. Dagegen verschmähen die Kongostämme die Milch ihrer Ziegen vollständig, züchten letztere nur des Fleisches wegen und lachen über den Europäer, der Milch trinkt. Sie halten selbst den Genuß der Hühnereier für sehr ekelhast, während andere Stämme diese sowohl wie auch die trefflichen Schildk�öteneier sehr zu schätzen wissen. Frische, rohe Leber vom Rind, Schaf usw., mit frischer Galle über- gössen, mit Salz, Pfeffer, womöglich mit Kümmel und mit Zwiebeln überstreut, bilden unter dem Namen Amara einen Hauptleckerbissen der Bewohner des Ost-Sudau. Auch die Zungen und die Därme verschmäht man nicht. Fleisch von Jagdtieren ist fast überall be- liebt. Man genießt es am Spieße oder auf heißen Steinen gebraten. Der Fuß des Elefanten ist ebenso geschätzt wie derjenige des Zebus und derjenige des Bullen und der Elentiere. Hunde werden im Magrsl, bei den Mittu und Niam-Niam gegessen. Löwen- und Leopardenflcisch ist sehr geschätzt, dagegen vergreift man sich nicht leicht an der Hyäne. Vögel werden viel gegessen. Obenan stehen Tauben und Hühner, letztere fehlen kaum bei einer Festspeise. Sie wandern auch Tag für Tag auf die Tisibe der Weißen, die in Afrika wohnen, und der Missionar Dier erzählt von einem Reise- geführten, der ihm mitteilte, er habe in Afrika nicht weniger als 3000 Hühner verspeisen müssen. Unter den wilden Hühnervögeln sind die Perlhühner und Frankoline, unter den Lausvögeln die Trappen beliebt. Auch der Strauß, verschiedene Wat- und Schwimmvögel wandern in die Kochtöpfe, und ihrer Bestiminung. den Schwarzen als schmackhafte Speise zu dienen, entgehen auch nicht die Spornfliigcl, Horn» und Nilgänse, die Witwen-, Krick-, Spitz- und Fuchsenten. Mehrere Afrikaforscher bezeugen aus eigener Erfahrung, daß das Fleisch von jungen Affen, Stachelschweinen und grauen Papageien gar nicht zu verachten ist. Der weißen Taube und dem Schaf wird an manchen Orten abergläubische Verehrung gezollt, so daß sie nicht geschlachtet werden. Dem Schwein aber wird von den Schwarzen eine besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Sein Fleisch ist sehr beliebt, und es ist so recht das eigentliche Hans- tier. Freilich in Klein-Popo und Lome sind die Borstentiere, die sich öffentlich zeigen, von der Regierung als„vogclfrei" erklärt worden, und hier setzt sich das so geschätzte Haustier nur hockst selten und verstohlen den Blicken der europäischen Bevölkerung aus. Die Naturvölker essen also nicht nur Fleisch, sondern schrecken auch nicht davor zurück, die für unser Gefühl ekelhaftesten, kriechenden und krabbelnden Tiere, Insektenlarven, Eidechsen, Schlangen, oder was ihnen irgend vorkommt, roh oder zubereitet zu genießen. Die schon in der Bibel als Wüstcnspeise genannten Heuschrecken, die noch jetzt in Arabien auf die Märkte gebracht, oder im nördlichen Afrika wie in Syrien in mannigfachster Zubereitung sgeröstet, eingesalzen, in Butter geschmort oder zu Kuchen verbacken) genossen Iverden, dienen den Jndianerstämmen Kaliforniens in ganz ähnlicher Weise als Nationalspeise. Man fängt sie dort in einer rings mit Feuer umgebenen Grube, röstet sie auf heißen Steinen, kocht Suppen daraus und verbäckt sie mit Eichenmehl zu einem beliebten Kuchen. Ebenso werden in Kalifornien ge« trocknete Ameisen, Schnecken. Eidechsen und Grillen, sowie eine große Fliegenlarve mit Eichenmehl zu harten, zwiebackähnlichen Gebäcken benutzt und in den Suppen genossen. Low berichtet über die Larve einer Megenart, die in dem stark alkalischen Wasser des Owcnsee sKalifornien) in großen Mengen vorkommt und am Ende des Sommers von den Indianern in großen Körben gefangen wird, um mit Mehl zu einem für Europäer nicht sehr appetitlichen Kuchen verarbeitet zu werden. Humboldt sah ähnliche, ohne Zweifel sehr nahrhafte Gebäcke in Mexiko, woselbst sie aus einer im TuSkukosee massenhaft vorkommenden und einen Handelsartikel bildenden Insektenlarve gebacken werden. Livingstone berichtet, daß am Niassasee die Kongomücke, die dort in dichten, den Himmel verdunkelnden Schwärmen aufsteigt, in gewaltigen Massen gefangen und zu tellergroßen, ganz schwarzen Kuchen verbacken wird, die„sehr pikant, beinahe wie Kaviar" schmecken. Wenn uns irgend eine Tierart widerlich ist, so sind eS die großen, feisten Raupen der Nachtschmetterlinge. Nichtsdestoweniger verzehren die PimoS- Indianer, wie Dodge berichtet, die dunkel- grüne, schwarzgestreifte Raupe des Tabakschwärmers unter Zusatz vegetabilischer Substanzen frisch, geröstet und getrocknet. In entsprechender Weise sah Sibylla Mcrian die große, weiße, fette Larve des Palmenbohrkäfcrs in Surinam, auf Kohlcu gebraten, „voor een zeehr delikate sphs" gelten. Freilich sollen selbst die Römer die im Holze lebende Raupe einer Käferart gemästet und verzehrt haben, während bei uns die Jugend an ihren Lieblingen, den Mai- käfern, Geschmack gefunden hat. Die llrbewohner Australiens ver- zehren sogar den Leib eines Schmetterlings, der seines üblen Ge- schmackes wegen von keinem insektenfressenden Tiere, sei es Vogel oder Vierfüßler, angerührt wird und dessen weißgefleckte, blau- schillernde Farbenpracht, wenn die australischen Wilden nicht wären, fast sicheren Schutz gegen Gesressenwerden bildete. Diese australischen Wilden verzehren überhaupt nach den Be- richten von Reisenden alles, was da schwimmt und hüpft, kriecht und fliegt: Schalticre, Frösche. Eidechsen, Schildkröten, Würmer, Schaben, Hunde und KänguruS. Natürlich sind Ratten und Mäuse davon nicht ausgenommen, und es schestit überhaupt, daß die zivilisierte Nation sich mit ihrem Abscheu diesen treuen Hausgenossen gegenüber in einem starken Irrtum des Gaumens befindet. ES würde eine lange Liste geben, wenn wir die zahlreichen wilden und halbwilden Nationen in Asien, Amerika, Afrika und Polynesien auszählen wollten, die die zudringlichen Nager mit Appetit verzehren. An manchen Orten, wie auf Ceylon, Bengalen und China, macht man eine besondere Delikatesse daraus. Der heute lebende Wilde, ebenso wie der prähistorische Mensch Europas vermag nicht einzusehen, weshalb das Fleisch der Nager und Raubtiere schlechter sein soll, alS daS der Schweine und anderer Huftiere, die zum Teil ebenso unappetitliche Nahrung verzehren wie die Ratten. Ja, die Indianer Südamerikas betrachten daS Puma als den schönsten Leckerbissen, und Darwin bestätigt aus eigener Er- fahrung, daß eS wie das weißeste und zarteste Kalbfleisch schmecke. AehnlichcS gilt von den großen Eidechsen der Tropen, den Erd- ferkeln und Gürteltieren. Nicht alle diese Geschmacksrichtungen können freilich als nachahmenswert betrachtet werden, und wenn die Eskimos zu entschuldigen sind, daß sie, aus Mangel an sonstiger vegetabilischer Kost, den mit halbverdauten Vegctabilien ge- füllten Rcnntiermagen im frisch gerösteten oder eingesalzenen und geräucherten Zustande als ein Lieblingsgericht verzehren, das zugleich gegen den Skorbut schützen soll, so finden wir es doch unerhört. wenn der Chilkoot-Jndianer nach Artur Krauses Bericht aus dem halbverdauten Brei des DarmkanalS vom Baumstachelschwein große, breite Bandwürmer hervorzieht und mit Behagen verzehrt. Aber wird nicht auch in Neapel ein Fischbandwurm(Ligula) als eine be- sondere Art von Makkaroni zubereitet? Damit man nicht einwendet, wir hätten unsere Nachweise des mit wenigen Ausnahme» fast allgemeinen BcdürsnisseS der Natur- Völker nach tierischer Nahrung vorzugsweise in kalten und gemäßigten Strichen gesucht, wollen wir noch ein paar Beispiele innerhalb des Wendekreises betrachten, obwohl viele der schon erwähnten auf sehr warme Länder sich bezogen. Die Bewohner der verschiedenen Insel- gruppen Polynesiens, z. B. die Gesellschaftsinsulancr, hielten sich bereits, als Cook dort landete, trotz ihres paradiesischen Klimas, trotz ihres Ucberflusses an Kokospalmen und anderen nahrhaften Südfrüchten, trotz der Menge von Fischen und Schaltieren, die ihnen ohne Mühe zu Gebote standen, die sie zum Zwecke des Tafel» luxus mästeten, namentlich Hunde, die nur ihres Fleisches halber gehalten und, um sie recht wohlschmeckend zu machen, zu einer reinen Pflanzenkost gezwungen wurden. Die Ein- geborenen von Niederländisch-Ostiudien(Java, Sumatra usw.) ge- nießen nicht nur trotz einer mannigfachen Berührung mit Hindu- stämmen frisches Fleisch aller Art, sondern sie verstanden nach Dr. Potts Bericht bereits seit mehreren Jahrhunderten aus den in den Basaren übriggebliebenen Flcischsorten, sowie aus Fischen und Krebsen eine Art Fleischextrakt zu bereiten, den sie Pctits nennen und zum Würzen ihrer Gemüse brauchen. Lange bevor Licbig auf dieselbe Idee kam, wußten fie Rinder-, Büffel- und Garneelen- Fleischextrakte herzustellen, die, in Blechbüchsen aufbewahrt, wertvolle Handelsartikel daselbst bilden. Infolge der primitiven Bereitungs- weise dieser Extrakte besitzen sie den Geruch ihrer Herkunft in ziem- lich intensivem Grade, aber es scheint, daß man sie wegen ihres pikanten Geruches und Geschmackes umsomehr schätzt. Natürlich spielt auch die vegetabilische Nahrung im Haushalte der Naturvölker eine große Rolle. Den Polynesiern liefert solche der Brotbaum, die Kokospalme, die Banane, besonders die Tarro- Wurzel, die zu einem Brei sPoe) verarbeitet wird und besonders auf Honolulu das Nationalgericht für die ärmere Klasse ist; außerdem sammelt man Kräuter, namentlich eine Art Ampfer und zur Ebbe- zeit sieht man Kanälen, die Bewohner von Honolulu, in Menge tauchen, schwimmen und waten, um Muscheln, Krabben, Seetang usw. für die nächste Mahlzeit zu sammeln. Sieben bis acht Monate nimmt man die Brotsrucht frisch voin Baum, um das leckere, mehlige Fleisch zu rösten oder zu backen; für die Winter- monate wird der Teigiell bekannt geworden. Jetzt kehrten wir gerne zu seinen berühmtesten, kaum ein Dutzend Jahre alten „Szenen" zurück, mit gesteigertem Genuß einer Musik, welche es so gut versteht, sich ohne Forcierung dem Inhalt anzupaffen, der in seinem reichhaltigen Wechselspiel allerdings hohe, doch auch dankbare Aufgaben stellt. Die Aufführung war getragen sowohl von einem tatkräftigen Bestreben, die vorhandenen, zum Teil dürftigen Kräfte gut zu- sammenzuhalten, wie auch von den tatsächlich hervorragenden Leistungen mehrerer Sänger. In der männlichen Hauptrolle machten wir die Bekanntschaft des mit Recht wohlangesehenen Tenores Pennarini aus Hamburg und in der weiblichen Hauptrolle die von Fräulein H u in ,n e l, dem neuen Mitglied unseres eigenen Opernhauses, deren gut sonorer Sopran gerade auch zur Versinn- lichung der einzigartigen tragischen Figur der brustkranken„Mimi" trefflich paßt. Was uns aber bei dieser Gelegenheit noch mehr interessiert, ist die Zukunft unserer Doppelbühne für dramattsche Musik. Die alte „Königliche" bedarf längst eines Neubaues und soll ihn jetzt endlich erhalten— um so und so viel Millionen und unter Leitung eines Architekten, der sich um so weniger einbilden darf, ein „Knobelsdorff Wilhelms II." zu sein, als"ja diese Einbildung an- scheinend schon sein Kollcga von den Museen vorweggenommen hat. Nun heißt eS noch dazu, daß für diesen Neubau der„Kroll" ab- gebrochen werden soll. Schlimmeres könnte nicht bald geschehen. Allerdings ist der Jnucnraum dieses Gebäude? ein Theaterbau, wie er nicht sein soll: ein Breitenbau, akustisch wie optisch aus- gesucht verkehrt. Für einen kundigen Architekten dürfte eS jedoch nicht allzu schwer sein, den Raum soweit umzubauen undauSzu- statten, daß er für intimere Stücke und Anffiihrungcn ganz leidlich taugen würde, entsprechend dem Residenz-Theater zu München, deffen Rolokoschönheit allerdings nicht wieder zu erreichen ist. Und als ein Stück Abschluß des Königsplatzes taugt der Außenbmi gut genug. Außerdem aber läßt sich diesem übergroßen und überöden Platze genug Raum abgewinnen, daß darauf eine„große Oper" im günstigsten Sinne des Wortes und mit allen modernen Erfahrungen für einen Kunst-, nicht Gesellschaftsbau errichtet werden könnte. Und so merkwürdig es auch klingt: ein dritter Bau, benach- bart oder entfernt, würde für die Ansprüche Groß-BerlinS an ein von öffentlicher Autorität gettagencS Operninstittit keineswegs über- flüssig sein. Dann könnte in vollen Zügen die längst dringliche Gabe wahrhaft volkstümlicher Opernanfführungen bequem und er- folgreich gespendet werden. Konmrt cS nicht dazu, so ist die Erhaltung und Erneuerung des „Kroll" um so nötiger und kann wenigstens teilweis für ein popu- läreS Bestreben dienen, deffen Durchführbarkeit angedeutet zu haben wohl das Hauptverdienst der diesjährigen Sommeroper ist. 02. Notizen. — Die Anhänger der Weltsprache Esperanto halten zurzeit in Dresden einen internattonalen Kongreß ab. — DaS P e r g a m o n- M u s e u m in Berlin ist geschloffen worden und soll abgebrochen werden. Auf der Stelle wird sich das neue Deutsche Museum erheben. — Der Direktor des Berliner Schauspielhauses, Ludwig B a r n a y, geht am l. September nach Hannover als Intendant des dortigen königl. Theaters. — Die Grönlandexpedition M h l i u S ErichsenS, über dessen tragisches Ende berichtet wurde, hat ihre wisfenschaftliche Aufgabe im großen und ganzen gelöst. Sie hat die Nordspitze Grönlands erreicht und die Gewißheit erbracht, daß Grönland eine Insel ist. Skxqntw, Redakteur: Georg Tavidsohn, Berlin,— Druck u. Verlag: vorwärts Buchdruckerci u-PerlagsanstaltZaul Singer LrCp..Berli»2sV«