Anterhaltungsvlntt des Nr. 159. Mittwoch � den 19 August. 1903 (Nachdruck verboten.) 86] JMafia. Roman aus dem modernen Sizilien von Emil RaSmussen. Zweites Buch. 13. Ein Jahr war seit Liddas Flucht und kurz darauf er- folgten Hochzeit mit Belladonno verstrichen. Da wollte es das Schicksal, daß Gräfin Lucia eines Morgens ihren Ge- mahl tot im Bette fand— mit blauem und stark aufge- schwollenem Gesichte. Es wurde niemand eingelassen als Dr. Renda, der gute Hausfreund, der den Totenschein ausstellte. Zwei Tage später fand das Begräbnis mit Pomp und vielen Tränen statt— und dann begannen die Zungen ihr Werk. Man erinnerte sich an die zunehmende Bissigkeit der Gräfin, so oft der Gemahl sich erlaubte, zum Vorschein zu kommen, an ihr knurrendes Zähneweisen, sobald er den Mund auftat, an die kurzen giftigen Kläffer, wenn er zu antworten wagte. Hinzu kam dieser plötzliche Tod ohne die geringste vorhergehende Krankheit. Aber erst als die neue Wahl ausgeschrieben wurde und die Gräfin hitzig für die Kandidatur ihres früheren Tod- feindes. des Advokaten Bruno, ins Feuer ging, begann man nach tiefcrliegendcn Motiven zu dem Morde zu spähen. Denn daß ein Giftniord vorliege, gewöhnte man sich rasch als Tatsache zu betrachten, die an und für sich keine größere Aufmerksamkeit erregt hätte/ als die anderen zwei- bis dreihundert Morde, die jährlich in d>er Provinz Girgenti verübt werden, wenn sich nicht besondere Zukuuftsinteressen an diesen Fall geknüpft hätten. Die öffentliche Meinung mit ihren außerordentlich empfindsamen Sinnesorganen und ihrer reichen Schulung in der Aufspürung von Intrigen kam bald auf die rechte Spur und vetfolgte dieselbe fast bis zum Ziele. Der Zweck war dabei keineswegs, Stimmung zu machen, geschweige denn Anklagen zu erheben—, jeder wollte sich nur behufs Siche- rung seiner eigenen kleinen Existenz in den neuen Verhält- Nissen orientieren. Das Einverständnis mit Bruno bedeutete für die Diplo- matie der Gräfin, die einen Augenblick zu scheitern gedroht hatte, einen endlichen Sieg. Sie hatte Pamfo in Brunos Cosca anmelden lassen, um durch ihn zu erfahren, wer die Mitglieder wären und was sie planten. Durch die Zusammenstöße zwischen Pamfo und Angelo, die sie selbst arrangiert liatte, war es ihr auch gelungen, Bruno irre zu führen. Er hatte allerdings bei der vor Gericht vorgebrachten Bezichtigung Pamfos durch An- gelo das Gefühl eines Komödicnspiels gehabt, fand jedoch eine hinlängliche Erklärung darin, daß Angelo mit der Mög- lichkeit rechnete, Calogero könnte eines schönes Tages ent- wischen, und es daher für alle Fälle gut fand, während des Prozesses als sein Verteidiger aufzutreten. Dennoch behielt Bruno Pamfo, selbst nachdem dieser seinen Gehorsam durch die Opferung seines teueren Neffen doku- montiert hatte� wohl im Auge, und binnen kurzem begann er einem begründeten Argwohn Raum zu geben, daß die Gräfin versuche, ihm eine Nase zu drehen. Er war klug genug, sich nichts merken zu lassen: er setzte bloß Pamfo außer Spiel. Er verriet das Gespräch, das als Losungszeichcn diente, an alle und jeden, so daß Pamfo des Wunderns kein Ende fand, welch reißenden Zuspruch die Cosca in letzter Zeit gesunden. Wohin er kam, hielt man sich die Wange, jammerte über den hohlen Backenzahn und leierte die ganze Lektion ab. Da erkannte die Gräfin, daß man Pamfo zum Besten habe und daß ihre List durchschaut sei. Rings umher hörte sie von wohlorganisierten Verbrechen: von Rachemorden, Vichdiebstählen, Gelderprcssungen, welche nur einer gut disziplinierten Gruppe zuzuschreiben sein kann- ten, die augenscheinlich mit den Briganten und entlaufenen Sträflingen der Gegend gemeinsame Sache machte. Aber über all dies war Pamfo so unwissend wie ein Kind. Allmählich konnte sie die Macht der neuen Gruppe an der Frechheit ermessen, niit der sie es wagte, der Gräfin Freunde an Gut und Leben anzugreifen. Das forderte Repressalien und das Ganze drohte in einen richtigen Bürgerkrieg auszu» arten. Da sah die Gräfin ein, daß eine Versöhnung die einzige Rettung sei. Sie ging zu Bruno und sprach offen heraus: auf diese Art würden sie einander schließlich aufreiben. Eine dritte Partei konnte entstehen und Macht gewinnen, und wer konnte sagen, ob in diesem Falle die Regierung nicht dieser ihre Unterstützung zuwenden würde. Denn welchen Nutzen sollte sie von einer Partei erwarten, deren Gewährs- männer jeden Tag durch Meuchelmord fallen konnten? Bruno verlangte als erste Bedingung eines Ausgleiches, daß er zum Deputierten gewählt— und zwar sofort gewählt würde. Nach einstündiger Bedenkzeit schlug die Gräfin ein, auS einer Berechnung heraus, die von einer ganz männlichen Klug. heit zeugte: sie vermutete, daß der ehrgeizige Rechtsanwalt, fern von all den lokalen Intrigen, in denen es den Augen- blick zu benützen und rasch zu handeln galt, auf der Insel das an Einfluß verlieren mußte, was er möglicherweise in Rom gewann. Mit kaltem Blut— ja mit einen: Gefühl der Befreiung — opfltrte sie den Grafen. Da aber meldete sich ganz unerwartet eine neue Schwierigkeit. Doktor Renda war nicht bloß ein Freund der Gräfin, sondern auch ein guter Freund des Präfekten und hatte oft bei wichtigen politischen Verhandlungen als Mittler gedient. Kaum hatte der Präfckt den Tod des Grafen erfahren, als er nach Rom telegraphierte und die Bestätigung seines Freundes als Ncgicrungskandidatcn erhielt, indem er her» vorhob, Renda sei ein naher Freuird des verstorbenen De- putierten gewesen. Als der Präfekt mit seinem Kandidaten zur Gräfin kam, erhielt er unvermutet eine sehr heftige und ärgerliche Absage. Selbst wenn, die Gräfin nicht gebunden gewesen wäre, hätte sie an Renda verschiedenes auszusetzen gehabt. Er war Freimaurer und als solcher Freidenker und ein geschworener Feind der Klerikalen. Die Gräfin aber war gute Katholikin und wollte vor allen Dingen die Klerikalen nicht vor den Kopf stoßen. Worauf es jedoch hauptsächlich ankam: sie konnte einen Kandidaten nickst brauchen, der einer Bruderschaft an- gehörte, die sie weder kannte, noch kennen zu lernen Gelegen» heit hatte, und auf die sie also keinen Einfluß erlangen konnte. Und abgesehen hiervon, hatte sie ja schon ihre Wahl ge- troffen, die nicht mehr zu ändern war.' In dem tiefsten Innern des Präfekten steckte noch ein Rest von jungem Idealismus, den eine entartete Umgebung und eine hartnäckige Tradition, in Verbindung mit den not- wendigen Rücksichten auf Brot und Familie wohl anzu- fressen, aber niemals ganz zu töten vermocht hatten. Und diese arme, verkrüppelte Veamtenseele in ihm krümmte sich bei dem Gedanken, die Hand dazu bieten zu sollen, um einen Mann wie Bruno in die Kammer zu cntseuden, damit er über Wohl und Werden des Landes zu bestimmen habe. Er sprach heftig und ließ sich sogar zu den Worten hin- reißen, daß es in diesem Augenblicke, wo Mordgerüchte durch die Luft schwirrten, von Wichtigkeit sei. einen Mann nicht fortzustoßen, der diese sowohl nähren als niederschlagen konnte. Da sah die Gräfin ihn mit einer Miene an, in der ihm zum ersten Male die Frechheit des niedrigsten Verbrechers ganz nnverhllllt entgegenblitzte. „Nun denn, Herr Präfekt! Ich habe meinen Mann der- giftet! Was wollen Sie also von mir? Lassen Sie mich den sehen, der die Anklage erheben will! Lassen Sie mich den sehen, der sie beweisen kann! Und lassen Sie mich endlich die Jury sehen, durch die Sie mich verurteilen lassen wollen! Und was Renda betrifft, so stellen Sie ihn nur auf: aber passen Sie auf, daß ich Sie nicht zugleich mit ihm fliegen lasse! Will die Regierung einen Freund in der Kammer haben, so möge sie mich ihn bezeichnen lassen; sonst lasse ich einen Oppositionsmann wählen. Ich habe die Stiminen — 634- 6!et im Umkreis, und sie sind nicht anders feil, als durch nch." Eine Woche später reiste die Gräfin persönlich nach Rom. Ter Präfekt erhielt höhere Order, die Kandidatur des Rechtsanwalt Bruno zu unterstützen. Man habe ihn nach genauerer Ueberlegung Renda vorgezogen. Brunos Kandidatur erzeugte eine Wirkung, die die Gräfin allerdings vermutet, deren Umfang sie aber, wie sich zeigte, bedeutend unterschätzt hatte. Ein halb unterirdischer Strom von Erbitterung wälzte sich hervor, bemächtigte sich aller Redlichdenkenden und drohte einen Augenblick, die ganze Mafia hinwegzuspülen. Er ging von einem Kreise von Pa- triziersamilien aus und nannte sich konservativ, seinem ganzen Charakter nach aber war er eine Anti-Mafiabewegung ohne bestimmte Parteifarbe. Er zog eine Schar fast sozialistisch gefärbter Männer an sich, welche früher dei, kürzlich unter Codronchis Diktatur so brutal unterdrückten Arbeitervereini- gungen angehört hatten. Und was am meisten Angst einzu- flößen geeignet war: die Bauern, die hier, wie auf der ganzen Insel, nur in geringem Grade von der Mafia ver- feucht waren, begannen sich der neuen Bewegung anzu- schließen. Es war namentlich unter ihnen, daß Bruno sich durch seine Wuchergeschäfte verhaßt gemacht hatte: sie nannten ihn den„Würger". (Jortsetzung folgtj (JSafibniä verboten.) 1B] Du sollst nicht begehren! Bon Timm Kröger. AlleS fand ein Echo, aber Peter Hinnerks.Verbotspfahl wirkte am gründlichsten. Und immer lebendiger trat er in der Erinnerung hervor. Es war ein alter Buchenstamm gewesen, roh bearbeitet, an den ein aus dem alten Scheuncntor her- stammendes Brett angenagelt war. Glaser Schulz, der auch An- streicher zu sein behauptete, hatte die Aufschrift gemacht und in freigebiger Weise ein Dehnungszeichen eingeflochten, das nicht dahin gehörte—»Ferbohtener weg".— Dem Weg hatte er die Majuskel versagt. Der alte in Gedanken von Heinrich wieder hervorgezauberte Pfahl versuchte den Pastor drohend anzusehen, aber Heinrich Bruhn ließ sich nicht mehr einschüchtern. Er wurde sogar immer munterer in seinem Wagemut gegenüber der kaum noch erkennbaren Aufschrift, die ihn jetzt die� Aufschrist der Gesetze und der Moral gegenüber seiner Verbindung mit Marie Schott zu sein dünkte. Und wenn er mal wieder rn seiner ererbten Unfreiheit zagte, so kam die Dummheit, die er mehr als zehn- tausendmal begangen(so oft hatte er schätzungsweise den Um- tveg gemacht) und ließ ihn erkennen, daß das, was er für den g.ußten Vorzug seiner Denkart gehalten hatte, viel wahrschein- licher einen Mangel bedeute. In der ersten Zeit seines Braut- standcs kamen wieder und wieder die Stunden, wo er als Bureau- trat der Sittlichkeit alte Gedanken dachte. Sie bewegten sich etwa in dieser Form: die Seifenblase deines Glückes wird zer- platzen, wenn Georg kommt. Ich weiß, er kommt mit schwarzem Haar und schwarzem Bart.— Oft kamen diese Augenblicke nicht mehr, dem Buchenpfahl und dem Scheunenbrett und dem»Fer- bohtener weg" hielten sie nicht stand. Es schwoll immer mehr der Mut und die Lust, Haus und Herd und Weib gegen den Ein- bringling zu verteidigen. Seine Braut wußte nichts von dem Krieg, den Peter Hinnerks Pfahl gegen die Gesetze führte. Sie wußte nichts von ihres Bräutigams Niederlagen und von seinem Sieg. AuS sich allein heraus kam sie nicht darauf. Was weiß eine Frau von Gesetzen? Und nun gar denken, einen Menschen für tot erklären und doch mit der Möglichkeit rechnen, daß er lebe? Eine Ehe zulassen und doch unter Umständen für ungültig erklären? Als ehrlich liebendes Weib war sie davor gefeit, auf Geröll zu kommen. Und als dann Staat und Kirche kamen und das Siegel auf ihre Ve» bindung drückten, als sie sich vor der Welt angehören durften, ha fiel vollends ab was noch übrig geblieben war. Und bei ihm kam zu dem Vcrbotspfahl der Sturm einer köstlich im Arme gehaltenen Liebe. Deren Macht hatte er wohl geahnt, aber noch nicht gekannt; nun aber lernte er sie kennen. Nun dachte er wie seine Freunde, nun war er über die Enge seiner Anschauungen hinausgewachsen, nun kamen ihm seine Bedenken klein und pedantisch vor. Ja, er geriet sogar in eine übermütige Stimmung und fing an, sein Geschick herauszufordern. Wenn der andere plötzlich auftauchte I Die Probe auf sein Glücksgefühl zu machen, schien ihm ungefährlich; ja, er fühlte sich so sicher, die Probe zu bestehen, daß er sie wünschte.— Er hatte sich immer geduckt und sich für einen Zaunkönig gehalten, nun erst merkte er, daß er eigentlich ein Adler sei. Also hinauf in Pen Aether, in die Lüfte zum Kampf mit Georg Engelbrecht! Geld wird's kosten, wenn er kommt, dachte er. Weiter sorgte jxr nicht, denn die Grundfesten feiner Seele standen sicher. Und immer hatte er das Gefühl, als ob der einst Gcfürchtete, jetzt beinahe Ersehnte ihm in fremder Maske entgegentreten werde. Jeden Türsteher und Kellner, jeden Angestellten eines Gasthofes, jeden Hausknecht und jeden Eisenbahnschaffner sah er darauf an und forschte in den Linien seines Gesichtes. Aber kein Hauswart, kein Hausknecht und kein Kellner tat ihm den Gefallen, Georg Engelbrccht zu sein. Der Name war zwischen ihm und Marie wohl niemals er- wähnt worden. Er hatte gefürchtet, Marie zu betrüben und hatte sich auch selbst nicht getraut. Nun aber in seiner Stärke unter» wand er sich, seine Frau über alles hinwegzutragen. »Darf ich was fragen .Frag, Lieber!" .Du mußt aber nicht bange werden— es ist nichts Schlimmes, .Wenn's nichts Schlimmes ist, werd ich sicher nicht bange." .Du sollst mir aber auch nichts übelnehmen." .Heinrich, wie könnte ich Dir was übelnehmen?" Sie wendeten acht Tage früher, als in ihrem Plan gelegen hatte, die Deichsel ihres Gefährtes der Heimat zu. Sie hattew Sehnsucht, ihr Glück zu Hause auf dem alten, schicksalsreichen Hof ,n Sorgen und Schassen um ihre Zukunft auszukosten. Hamburg lag hinter ihnen im Süden, der Boden ihrer Heimatprovinz lief an dem Eisenbahnzug hin. Bisher waren sie in den Knickdörfern der Geest hingefahren, nun kam grüne, flache Marsch. Rund um sie her mahlten zahllose Mühlen und hoben das Regenwaffer in die hohen, zwischen starken Deichen verlaufenden Wettern. .Wie sollte ich Dir was übelnehmen, lieber Mann?" .Ich dachte, du könntest es als eine Unzartheit empfinden, aber ich möchte es doch gern tun. denn ich fühle mich so kühn." .Frag!" .Wenn Georg noch lebte!" Die junge Frau hatte in der Polsterecke des Abteils geruht, nun richtete sie sich auf. »Ist er da, Heinrich?" .Nein, er ist nicht da. vergib, es war ein törichter Einfall, davon zu sprechen." Ein paar Minuten versank sie in Sinnen, dann sprach sie: .Töricht? Erst dacht ich's auch, aber am Ende ist's ganz gut. daß wir darauf kommen. Wenn er nun wirklich dahergestiegen käme, der lange Georg mit seinem großen schwarzen Bart, und ich säße dann da als eine Frau, die zwei Männern zugehört. Ich muß doch wissen, wen ich wählen will. Und das," da lachte sie,.ich bin eine ver« nünftige Frau, die zu Enoe denkt, wenn sie was beschließt. Ich überlege mir beizeiten, wen ich nehme." Sie rückte dicht an ihn heran. .Der eine hat große dunkle, der andere graublaue Augen. Der hat einen schwarzen Bart, der andere einen blonden Schnurrbart. Eigentlich bin ich mehr für die großen dunklen Männer, aber der blonde mit dem Schnurrbart ist Pastor gewesen... Ich glaube, ich behalte meinen Pastor." .Närrin— I" .Ich habe Dich und lasse Dich nicht mehr..." Sie waren allein, sie hing an seinem Halse und bedeckte seinen Mund mit Küssen. .Und ivcnn er wirklich kommt, Heinrich.. Sie saß wieder an seiner Seite und drückte seine Hand...»Wir wollen flink bereden, wo wir mit ihm bleiben. Da denke ich..." .Du denkst?" .Ich meine, wenn er an unsere Tür klopft(es kann nur als Bettler sein), dann müssen wir ihm drüben— ich meine in Amerika, ein Heim verschaffen.— Was meint mein Mann dazu?" .Der Himinel will uns lange zusammen sehen, Herz... Du redest meine Gedanken. Wozu Hab ich auch all mein Geld von Peter Ohm auf der Sparkasse? Ja, dann müssen wir ihn über das große Wasser schicken." Auf dem Bahnhof hörten sie, daß MatthieS mitn Swung in der Stadt anwesend und jetzt nach Wilhelm FrahmS HauS gegangen fei. Sie wurden sich rasch einig, im lieben Gott zu essen und dann auch hinzugehen. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) CIntcr der Mitternachtssonne. L Schon im Mai kann man im Süden Norwegens dieses seltsame Schauspiel der hellen Nächte erleben, in denen eS bis zur elften Abendstunde licht nnd um ein Uhr morgens wieder hell wird und da es nie dunkel ist. Fährt man nordwärts gegen Trondhejm zu, so ist man um Mitternacht schon unter einein blonden— tatsächlich blonden— Himmel, aber in Trondhejm sind die Nächte schon hell, taghell und gegen Mitternacht spielen die Kinder noch in den Gärten. Da hat man auch das wunderbare Schauspiel, daß Sonnenuntergang und Sonnenaufgang nur eine Stunde auseinander liegen und wenn man vom.Fjeldsaetter" am.Graakallen" bei Trondhejm dieses Schau» spiel betrachtet, dann gleicht der Himmel einem buntfarbigen Garten, der Blumenbeete in reicher Ruamkierung enthält. Am Abend Verlasien auch die Touristenschiffe den Hafen von Trondhejm und da ist das Meer fast so vielfarbig, wie der Himmel. Kn verheißungsvolles Schauspiel, da? Wunderdinge ahnen läßt, weiter nordwärts, weiter ostwärts. Und es kam: Um den Polarkreis. Wir alle haben die LZorstellung: das ist eine tote, öde Gegend. Aber welches Leben herrscht hier. Tausende Vögel und Schiff auf Schiff und Insel auf Insel. DaS heißt: Inseln, die Felsblöcke'oder ganze Gebirge find. Alles ist in Bewegung: Wasser, Lust und Himmel. Und darüber blendender Sonnenschein, der sich über die grünen Berge mit den schneeigen Gipfeln lagert. Diets Berge haben die sonderbarsten Gestatten. Da find die„sieben Schwestern", sieben Berggipfel, die in einer Reihe neben einanderstehen, einer größer als der andere, ein„Heft- mandö", ein Reiter, der wahrhaftig wie ein Maim im wallenden Mantel auf galoppierendem Pferde aussieht, dann der„Torghatten", ein„Markthut", mit einer Höhle, die, vom Meere aus wie ein großes Loch aussieht. Und dann, nach längerer Fahrt, nachdem die Berge statt mit Schneerinnen mit Schneeflächen bedeckt waren, kommt der Svartiffen, ein Gletscher, dessen Wände bis an eine kleine Sanddüne neben dein Meeresufer heranstreichen. Dicht daneben find aber Bauernhäuser und grünende Aecker, denn in dieser Bucht ist es im Sommer sehr warm. Diese? Gletscher- massiv ist 1300 Meter hoch, SS Kilometer lang und 17 Kilo- Meter breit. Wie wir abreisen, geht ein Hagelschauer nieder, aber gleich dar- auf ein Sonnenschein und eine Helligkeit in der Lust, von der wir— Mitteleuropäer— uns keine Vorstellung machen können. Heller Mittag ist es jetzt um 11 Uhr nachts. Nur der Dunstkreis des Landes fehlt. Auf 100 Kilometer weit kann man sehen. Und wieder diese seltsamen grotesken FelSgebilde mit allen möglichen Gestalten. Eine Glocke, ein Turm, ein Horn, ein Helm. Und da, dicht bei dem Helm wird eS in der weißen Lust noch heller. Erst rötlich, dann ganz weiß; aus dem Waffer steigen ganze weiße Flächen auf und schieben sich aufwärts, Fläche um Fläche, Regimenter von Strahleubündeln und in diesem Strahlenmeer taucht etwas»och glänzender auf: ein Punkt, ein Viertelkreis, eine Kugel— die Mitternachtssonne. Blendend weiß, ein Weiß, das Herr ist über Waffer, Luft und Felsen und alles durchleuchtet und alles verschlingt. Niemals kann da unten im Süden die Sonne so leuchten, wie hier die Lust. Strahlender als die Sonnenscheibe dort unten ist hier nun jeder Wasserstreifen und jeder beleuchtete Fels. Je später es wird, um so kräftiger und massiver wird da« Licht, während die Sonne höher am Himmel ansteigi und ihr Widerschein im Meere— eine weiße, flammende Kugel sich tiefer und weiter nach vorn schiebt und das ganze Wasser wie leichtflüssiges, leuchtendes Queck- silber erscheinen läßt. Man badet in Weiß, man schwimmt in Weiß, man lebt in Weiß, in einem leuchtenden Weiß. Ein anderer Mitternachtssonnenaufgang auf der Touristenhütte bei Bodö. Ganz anders ist das Schauspiel hier am Lande. Was einen verblüfft und verwundert, ist das prächtige Grün der Wiesen am ganzen Weg. Ein fruchtbarer Landstrich rmgs umher— nördlich vom Polarkreis I An roten Häusern und Häuschen geht es vor- über, dann Hügelauf. Auf den Rasen, die stark duften, weiden jetzt um 11 Uhr Pserde mit umherspringenden Füllen und Kühen. Stark und herb grün sind die Rasen. Stark und herb ist die Luft, stark und herbfarbig die Wolken am Himmel, metallfarbig wie eine Legierung von gelben: Messing und rötlichen: Kupfer. Oben am Gipfel die Touristenhütte im altnorwegischen Stil, ein brennender Kamin, der die Gaststube rot erhellt. Draußen das Grün der Hänge, eine in graue Nebel gehüllte Bergzacke, die die Bucht gegen daS offene Meer abschließt. Die metallfarbige, nur schwach sichtbare Sonne scheint es drei-, viermal zu versuchen die metallfarbige Wolkenschicht zu sprengen, aber dieser Wolkcnpanzer bleibt fest, nur seine Ränder werden von einem grellen Weißrot überstrahlt. Sonnenstrahlen find aber auch das Lachen und die Lieder der jungen Bodöer Weiblichkeit, die da flirrt und flattert und surrt. Fünf Minuten vor Mitternacht: in der metallenen Wolken- schicht erscheint ein glänzender Punkt, ein leuchtender Kern, ein strahlender Kreis— wie geschmolzen sind die Wolken, die Mitter- nachlssonne herrscht, aber nur zehn Mnuten lang, dann bedeckt sie der Wolkenpanzer und sie sprengt ihn wieder, und wieder wird sie bedeckt. Eine Stunde lang kämpfen die festen, massiven Wolken und dieses flammende Weiß. Beim Heimweg in der Niederung, hinter den grünen Gipfeln. dort wo die Sonne aufgegangen, ist der Himmel hell, fast weiß, die messing-kupferfarbenen Wolken sind höher gestiegen und seitwärts niedergefallen. Nordwärts mischen sie sich mit dem blaugrauen Himmel und ihr rötlicher Glanz stinnnt den Horizont auf ein helles Violett, an dieses schließen sich Schneegipfel auf dunkelgrünen Bergen. die auslaufen in hellgrüne Wiesen und von ihnen leuchten rote Häuser und Häuschen m die weiße Nacht. Südwärts aber, wo der Himmel hell war, herrscht die Krchserwolkenmasse ganz und ballt sich zufammen wie ein rauchbedecktcr Flanrmenherd. Das gibt an: Fjord ein wunderbares Schauspiel: in die rötlichen Wolken hinein schieben sich die vorgelagerten Kalkinseln, nuancieren das Kupferrot Heller aber zugleich massiver, daß es aussieht wie Lavasäulcu, die aus dem Meere aufschlagen, aber von einer magnetischen Krast fest- gehalten werden. Um die ganze weite Fjordbucht in breitem Bogen solche erstarrte qualmumzogene Lavasäulen, zackige und kuppelige, spitze und behäbige, große und kleine. Wie ich an den Hafen komme, schlägt mir eine weiße Flamme ins Gesicht und zwischen»wer dieser erstarrten Flammensäule::. zwischen ihnen aber über ihnen strahlte sie weiß und doli als Siegerin: die Mitternachtssonne.-- In den L o f o t e n. Was wäre man ohne Kompaß in diesem 300 Kilometer langen Mcercsarn: mit den Tausenden und Tausenden von Inseln, Gebirgen und Fclsblöcken im Meere, die wie verirrt dort liegen zwischen schmalen Sunden. Das ist wie ein monumeu» taler„Irrgarten" mit tausend Wänden— aus Stein statt aus GlaS — und tausend Wegen, die ineinander und durcheinander laufen. Knapp hinter Bodö schon beginnt dieses Insel- und Felsenlabyrinth. Manchmal häufen sich die Felsblöcke dicht aneinander:m Meer, ragen Zacken unebenmäßig auf und daS sieht aus, wie eine zerfallene Ruine, wie eine zerschoffcne Riesenfelsenburg. Ruinen, die n:ehr als groß, mehr als gewaltig, die wahrhaft monumental sind, Monumente, gigantische Denkmäler einer gigantischen Schöpferkraft. So schlängelt sich daS Schiff dahin, immer zwischen die Reste dieser GebirgStrümmer im Meer schlüpfend, bis es Svolvaer erreicht und das liegt so: rote, gelbe, braune Häuschen am Ufer, davor eine weite Bucht, der Hauptsammelplatz der Fischer zum Winterfang. Sechs- bis siebentausend Fischer versammeln sich hier. Ueber dem grünen Himmel: weiße Wolken, braune Wollen, graner Himmel, nach Osten hin braune Wollen, grüne Wolken, blaue Wolken auf strahlend weißem Himmel über dem Wasser, das grün ist. Hinter der Bucht mit den weit ausholenden, halbkreisförmigen Landzungen zu beiden Seiten, hinter denen das— dort dunkele— Wasser erglänzt, weit, weit weg wunderbar glänzende, leuchtende Schneefelder. Hier schon fällt einem auf, was man während der iveiteren Fahrt staunend bestätigt findet; so klar ist die Lust hier, so durchsichtig, daß man an den vielen Inseln nur die Details— die Risse und Kanten, aber kein Ganzes steht; doch leuchtend und scharf treten alle Konturen der 70—100 Kilometer ent- fernten Inseln und Berge in die Augen. Kommt man dann au» dem Svolvaerhafen heraus und liegt rechts das Meer offen, nur in weiter, weiter Ferne begrenzt durch die Inseln, die gegen„Bester- aalen" hinstreichen, da mengt sich das ganze hellgrüne Wasser mit dem helleuchtenden Rotweiß der Jnselfelsen, daß es wie ein Phosphoreszieren über den ganzen äußerste» Streifen des Horizonts geht, ohne Ende, ein Leuchten, wie aus eigener Kraft. Wenn dann links das Insel- und Felsenlabyrinth näher kommt, so schleicht man mitten zwischen grünen Inseln hin, daß man glaubt, in einer Nuß- schale in einem steinebesäten Bach mitten im Walde zu sein. Aber im Umkreise von 100 Kilometer springt und dringt jede Welle und jeder Gipfel inS Auge und alles ist so voll Glanz, daß man geblendet ist. Die Felsen sind nicht bloß weiß, sie strahlen selbst. Manchmal sammelt sich auf dem dunkelbraunen Gestein der Felsen daS Licht vom Meer und vom Himmel, und sie stehen da wie durch- leuchtet und glänzen wie dunkelrote Rubine, über denen ein feines silbernes Gewebe sich breitet. Dann L ö d i n g e n I Welche? Schaustück in dem weißen Glanz. Eine lange Hafenbrücke zieht sich vom Land inS Meer. Kein natürlicher Hafen, denn Lödingen ist Land, mitteleuropäische GebirgSidylle, ein Alpenstädtchen, e:n Waldflecken aus Thüringen, ein Dorf im Schwarzwald. So umgrünt und so sehr Land ist diese Jnselhafcnstadt. Das Meer— mag e? auch weit sich hin- ziehen— ist wie ein Gebirgssee, und in diesem steht dicht vor Lödingen eine kleine Insel, ein Hügel,«in weißes Häuschen auf desien Spitze, die Hänge grün, leuchtend grün und sachte ab- fallend gegen Lödingen ein schmaler, brauner Streifen, loie ein nackter Kinderarm, der sich hilflos und sehnsüchtig von diesem Insel« chen ausstreckt nach der größeren Schwester da drüben. Ostwärts geht's nach Hammerfest, südwärts zieht sich der Ofotenfjord nach Narvik. Dorthin geht zuerst mein Weg. N a r v i k— eine Stadt, die abseits von der Touristenroute liegt, aber landschaftlich und kulturell eine der intereffantesten des ganzen Nordlandes ist. Es ist der letzte Ausläufer des großen nord« schwedischen Gebirges, ein Touristenideal, die Stadt ist von hohen Gebirgszügen, deren Schneegipfel hoch hinaus leuchten, umrahmt. aber in wunderbare Wälder gebettet. Eine große, gewaltige Bahn- anlaae mit hohen Brückenbögen taucht beim Hafen auf, von dem sich Gleise abziehen zu einem großen, runden Eisenbau mitten im Waffer, der wie ein ZirkuS im Fjord ist. Etwas höher am Hügel hinauf und eine halbe Stunde entfernt liegt die Stadt. Am Hafen: Gleise. Waggons, erzbeladene Schiffe— wie ein Bassin gewordener Schachteinga, ig sieht das aus. Es ist auch die 2öö Kilometer ent« fernte Schachtmündung der riesigen Erzwerke von Kirona und Gellivare in Schweden, die durch diese nördlichste Eisenbahn der Welt mit Narvik verbunden sind, und dieser Eisenbahnstreifen am Ufer ist der„Malmkai", der Erzkai. auf dem vom Bahnhofe her die erzgefüllten Waggonsgefährte auf die besonderen„Malmschiffe" verladen und in die weite Welt geführt werden. 1800 000 Tonnen Erz wurden in: Jahre 1007 hier verladen. So ist Narvik tat« sächlich der Endpunkt, die Verladestelle der Gellivare- Werke, und ihr ganzes Werden und Gedeihen von dieser— von 1898 bis 1903 erbauten— Bahn abhängig, und erst Stadt geworden, seitdem diese Bahn existiert. Seltsam ist diese Stadt— kein» Industriestadt, aber doch von der Industrie durchzogen und durchbebt. Das Personal vom Hafen und der Eisenb.chn ist der Hauptbestandteil seiner Einwohner. Daher sieht man auch tagsüber fast keinen Menschen in den Straßen. ES ist wie ein Dorf, wie eine Idylle und landschaftlich auch dazu ge- schaffen. Der Hügel, auf dem die Stadt liegt, bildet am Fjord e:no scharte«acke und läßt das Waffer nord- und südwärts nur streifen- weise hervortreten, und eben diese! l e i n e Wasserfläche schafft den idyllischen Eindruck. Im Umkreise aber hohe Berge und hinter ihnen und über ihnen Schneeberge, die— je weiter sie zurückstehen— immer höher und breiter werden, als Wahrzeichen, daß dort das gewaltige Hochgebirge ist. Ein Meisterwerl der Baukunst ist die Bahn, die da landeinwärts zieht, sie springt über Schluchten und Wasserfälle von Fels zu Fels, bohrt sich durch Berge, ist niemals gewöhnlich, niemals normal, immer eine Glanznummer technischer Gewandheit. Eine Idylle aber ist der Bahnhof Narbil, der außerhalb der Stadt liegt, an einer breiten Landstraße, mitten im Waldes« grün. Ich weiß nicht, ob das Bewußtsein jenseits des Polar- kreiseS zuiveilen das bewirkt, aber dieses saftige, helle Grün der- blufft immer wieder von neuem. Und wieder ein Beweis, wie hell und leuchtend die Lust hier ist; vor mir im Walde erhebt sich ein runder Erdsturz, muldenartig, der grün angefüllt ist und sich be« wegt. Erster Eindruck: ein grüner Teich, über deflen Oberfläche der Wind streicht. Aber wie ich näher komme sehe ich, daß die Mulde mit dichtem Gesträuch, mit kleinen Bäumen angefüllt ist, was sich regt sind die Blätter und dieses Klare und Durchsichtige, daS darüber lagert, ist das Sonnenlicht, das sich dort anhäuft. Je höher man nordwärts kommt, umso Heller, umso durch- sichtiger, umso leuchtender ist die Luft. Man fährt aufwärts um die Mitternachtssonne zu fthen und staunt die Tagessonnc an und ist verwirrt durch den Glanz und die Pracht der Abendsonne, die märchenhaft weiß ins Meer sinkt. Und je höher man nordwärts kommt, umio reicher und bewegter wird es im Meere. Die zahl- reichen Segler, die vom Norden kommen— Fischer aus den Finn« marken, die ihre Beute nach Bergen führen— diese Segler bilden jetzt ein Flotille, die lange Stunden an uns vorüberziehen. Weiße, braune, rote Segel in Mafien. Im Rykström— dem letzten Sunde der Lofoten— erhebt sich ein Treiben wie bei einer Regatta, und auf den Ufern werden jetzt in regelmäßigen Abständen Häuser ficht- bar. Auf den grünen Hügeln weiden Schafe und kaum 40 Meter höher liegt der Schnee.... kleines feuilleton. Die Seidenraupenzucht in China. Entgegen der allgemein üblichen Ansicht, daß die Seidenproduktion über ganz China der« breitet sei, muß darauf hingewiesen werden, daß die Seide einem verhältnismäßig sehr beschränktem Gebiete angehört. Dieses bedeckt das zwischen Kamon und Makao sich erstreckende Flugdelta und erreicht kaum die Größe eines der sächsischen Herzogtümer. Es ist das zweifellos der fruchtbarste Länderstrich der Provinz und einer der reichsten ganz Chinas. Hat Seide in China auch nicht mehr den Charakter eines allgemeinen Gebrauchsobjektes, so nimmt sie dennoch die Stelle eines allgemeinen Handelsartikels ein: es fallen vom Gesamtwert der Ausfuhr zirka 37 Proz. auf Seide und Seiden« waren. Der Kreis Schun-le ist wegen seiner Seidenzucht ganz be- sonders berühmt, und die gleichnamige Stadt ist ein bedeutender Seidenmarkt. Die Namen der kantonischen Rohseiden beziehen sich meist auf Marktflecken und Dörfer in der Nähe von Schun-te. Hier werden die rohen Seiden von den Keinen Bauern und Pächtern zuerst auf den Markt gebracht, um an bestimmten Markttagen nach Kanton an die mit fremden Häusern in Verbindung stehenden Scidenhändler konsigniert zu werden. Die Reise von den Pro- duktionSplätzcn nach Kanton nimmt nur wenige Stunden, höchstens eine Nacht in Anspruch. Für die heutige Gewinnung der Seide kommt lediglich der Maulbeerspinner und allenfalls noch der, die Damamay-Tusiah-Seide liefernde Eichenspinner in Betracht. Der Seidenspinner gehört zur Klaffe der Nachtschmetterlinge und macht demgemäß eine vollkommene Metamorphose durch:— Ei, Raupe, Puppe, Schmetterling. Aus dem hirsekorngroßen Ei kommt nach 10—17 Tagen, die es in paffend eingerichteten Brutkammern legt, eine Raupe von zirka fünf Millimetern, die bis zu ihrer Ver- puppung in einigen fünfzig Tagen eine Länge von 80—90 Milli- metern erreicht. Vier Häutungen finden in dieser Zeit statt. Während der Zuchtzeit richtet jeder Bauer das obere Stockwerk seine? Hauses für diese Industrie. Die Gestelle, auf denen das Lager für die Würmer bereitet wird, bestehen häufig aus zwei gegenüberstehenden Leitern, auf deren Sproffen von einer Leiter zur anderen Bambusstäbe gelegt werden; über diese sind Bambus- matten ausgebreitet, die das eigentliche Lager der Würmer bilden. Die Raupe verfertigt Eier in einem Zeitraum von 3— 4 Tagen, in höchst regelmäßigen Windungen den Kokon, indem sie den Kopf in schwingenden Bewegungen hin»md herzieht und den Faden wellen« förmig anordnet. Sobald die Kokons fertig sind, werden sie an der Luft getrocknet, sodann die Puppen durch Sonnenstrahlen oder künstliche Hitze getötet. Nur die für Samenzucht nötigen Kokons werden abgesondert und aus ihnen schlüpft dann der fertige Schmetterling aus, dem nur eine kurze Lebenszeit beschieden ist, gerade lang genug, um das Fortpflanzungsgeschäst besorgen zu können. Geologisches. Das Alter der Niagara-Fälle ist eine Frage, über die sich die Geologen seit langem den Kopf zerbrochen. Sie legen auf ihre Lösung deshalb ein besonderes Gewicht, weil sie die Hoffnung haben, daraus einen Maßstab für die geologische Zeit zu gewinnen. Man würde dann wenigstens erfahren, wie viel Zeit ein derartiger Wasserfall braucht, um sich rückwärts durch bis unterliegende Gcsteinsmasse durchzufressen, und daraus ließen sich Schlüsse auf die Dauer ähnlicher geographischer und geologischer Vorgänge ziehen. Die älteste Schilderung der Niagara-Fälle stammt von einem Pater Hennepin, der sie im Jahre 1078 besuchte. Dann hat namentlich der hervorragende Geologe Hall 1842 gründ- liche Studien der berühmten Fälle ausgeführt. In den letzten Jahren haben Wilson und Spencer diese Arbeiten fortgesetzt, und der zweitgenannte hat jetzt einen zusammenfassenden Bericht über die Ergebnisse dieser Untersuchungen an die Geologische Gesellschaft in Washington gerichtet. Diese Forscher sind in der Lage gewesen, genau zu ermitteln, an welcher Stelle sich die Fälle zur Zeit des Pater Hennepin befunden haben, so daß sich danach feststellen läßt, wie weit sie in den seither vergangenen 230 Jahren zurück- geschritten sind. Es hat sich der befriedigende Schluß ergeben, daß die bisher unternommenen Berechnungen der Geschwindigkeit, mit der sich die Fälle zurückziehen, alle das gleiche Ergebnis gehabt haben, und zwar beträgt diese Geschwindigkeit danach im Durch- schnitt 4L Fuß in jedem Jahre. Allerdings ist der Rückschritt nicht in allen Teilen der Fälle gleich groß. Die amerikanischen Fälle weichen viel langsamer zurück als die übrigen Teile. Die weiteren Berechnungen sind nun von außerordentlichem Interesse. Den gegenwärtigen Betrag des Rückschrittes haben die Niagara-Fälle von einer Stelle an gehabt, die jetzt ungefähr 330 Meter unter- halb liegt und von den Fällen vor 200 Jahren eingenommen wurde. Von da führt ein weiterer Abschnitt von 1900 Meter Länge zu den Whirlpoolschnellen; der wurde mit einer Schnelligkeit von 0,0 Fuß jährlich zurückgelegt. Der nächste Abschnitt reicht bis Sinclair» Point, ist über 3000 Meter lang und wurde mit einer Gcschwindig- keit von Oilh Fuß jährlich von den Fällen durchgrabcn. Die für die Zurücklegung der ganzen Strecke nötige Zeit bemißt sich dann auf 1070 Jahre. Selbstverständlich war auch die Höhe der Fälle früher größer, und zwar in dem untersten Abschnitt bis zu 280 Fuß oder 80 Meter, hat also um wenigstens 30 Meter ab- genommen. Diese Berechnung umfaßt aber noch nicht die ganze Länge bis zur Mündung des Niagara-Flusses in den Ontario-See; doch liegen die Verhältnisse weiter unterhalb etwas anders, und zwar wird dort das Durchnagen des Bettes wieder etwas lang- samer vor sich gegangen sein, weil nördlich vom Whirlpool die Niveauunterschiede wieder geringer werden. Auf der letzten Strecke waren wahrscheinlich zwei bis drei Fälle gleichzeitig vorhanden, von denen der oberste der bedeutendste war. Die gesamte Zeit, die von den Niagara-Fällcn zur Ausarbeitung der Schlucht von ihrer Mündung bis zur heutigen Lage der Fälle in Anspruch genommen wurde, wird danacki auf 39 000 Jahre geschätzt, ein Beweis dafür. daß man für geologische Vorgänge mit großen Zeiträumen zu rechnen hat, neben denen die ganze Spanne der menschlichen Gc- schichte verschwindet. Allerdings setzt diese Ziffer voraus, daß während der ganzen Dauer des Vorganges der Regenfall dieselbe Stärke gehabt hat wie heute und daß der Niagara auch ungefähr die gleiche Wassermenge aus den oberen Seen erhalten hat. Wenn es in früheren Zeiten dort mehr geregnet haben würde, so würde selbstverständlich auch die Kraft der Wasserfälle stärker gewesen sein und eine kürzere Zeit zur Ausgrabung eine» Felsenbettes ge- braucht haben. Meteorologisches. Die elektrische Ladung der oberen Luft» schichten zu erforschen, ist heute in den Tagen der lenkbaren Luftschiffahrt noch wichtiger geworden als je zuvor. Es sind auch zahlreiche Physiker mit dieser Ausgab« beschäftigt, und namentlich hat sich der Franzose Caillete große Verdienste darum erworben, indem er Messungen der elektrischen Spannung auf der Höhe des Eiffelturmes und auch vom Luftballon aus in großer Zahl aus» geführt hat. Bei Ballonfahrten, die zu wissenschaftlichen Zwecken unternommen werden, wird überhaupt die Untersuchung des elektrischen Zustandes in den Luftschichten verschiedener Höhe selten ganz vernachlässigt. Ein Gewitter in einem Ballon zu erleben ist eine so gefährliche und aufregende Sache, daß jeder, dem es einmal beschieden gewesen ist, wohl einsehen wird, daß er über die Möglich» leiten, die von der elektrischen Spannung im Luftmeer ausgehen, ganz genau unterrichtet sein muß. An der Universität in Manchester ist jüngst wieder eine Erforschung nach dieser Richtung eingeleitet worden, und zwar, merkwürdig genug, auf demselben Wege, den schon der alte Bcnzamin Franklin einschlug, und der ihn zur Er- findung des Blitzableiters brachte. Allerdings besteht zwischen dem Franklin-Experimcnt und diesem neuesten Versuch doch ein ganz wesentlicher Unterschied. Bei beiden spielt freilich ein Flugdrache die Hauptrolle, den aber Franklin nur dazu benutzte, um durch einen Draht die Elektrizität einer Gewitterwolke überhaupt zur Erde zu leiten, während es sich bei den Arbeiten, die an der Drachenstation bei Manchester vorgenommen worden sind, um eigentliche Messungen handelt. Der Drache befindet sich auch hier an einem Stahldraht, der mit einem Isolator im Erdboden ver» ankert ist. Zuerst wird die Potentialdifferenz bestimmt und dann der Draht durch ein Galvanometer mit der Erde verbunden und so die Stromstärke gemessen. Es hat sich� ergeben, daß die Spannung in einer Höhe von 300 Metern über dem Erdboden bereits mehr als 100 000 Volt betragen kann und der aus dieser Höh? durch den Draht zur Erde fließende Strom maß ein Vierzig- Millionstel Ampere. Verantwortl. Redakteur: Haus Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.Verlagsanstalt Paul Singer SeTo..Berlin SVJ.