Mnterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 163. Dienstag den 25 August. 1908 .lNachdru« verboten.) 401 JMafia. Aomatt aus dem modernen Sizilien von Emil RaSmussen. Die Prorin war ganz erstaunt, als die erwartete Wir- kling ausblieb. Diambra versicherte, sie könne die Augen nicht mehr offen halten. Das verblüffende Mittel, über das sie sich so oft lustig gemacht hatte, brachte sie plötzlich ins Gleichgewicht. Kaum war die Priorin draußen, als sie merkte, daß der alte Lach- teufe! in ihr noch nicht ganz ausgetrieben sei. Solche kleine Rückfälle hinderten jedoch nicht, daß sie sich in den nächsten Wochen stark zur Religion zurückgezogen fühlte. Es besänftigte und zersplitterte die peinlichen Ge- danken, die beständig um den kreisen wollten, den sie zu ver- gessen beschlossen hatte. Als eines Tages Lidda sie besuchte, und sie sich über ihren Müßiggang beklagte, schlug die Freundin ihr vor, an dem Unterricht des Marchese teilzunehmen. Diambra nahm die Idee mit Eifer auf, und eine Zeit- lang ging alles gut und schön. Der Marchese hatte von jeher sein Hauptinteresse der Ge- schichte seiner Vaterstadt zugewandt, und in dieses nächst- liegende Fach wünschte er nun auch seine jungen Schüler zu- erst einzuführen. Er machte mit ihnen kleine Erkursionen in die Umgebung, fesselte mit seinem künstlerischen Blick für die malerischen Naturreize sowohl wie durch den Reichtum an Details, den er im Laufe der Jahre angesammelt, den Sinn der jungen Leute, und dichtete sie in ein Reich hinein, in welchem das Seelenlose Sprache gewann. Diambra war mit ihrem ganzen aufgesparten Wolfs- Hunger erschienen und warf sich mit all ihrer Energie auf die ihr teilweise neuen Studien. Sie fühlte, welche Linderung es war, sich müde zu lernen, und eine Zeitlang war sie ganz flammende Begeisterung für all das Neue, das ihre Ge- danken und ihre Phantasie erfüllte. Allmählich aber, wie sie in den Stoff eindrang und sich bei neueren Werken Rats erholte, begannen ihr Zweifel au der wissenschaftlichen Grundlage der ihr gelehrten Theorien zu kommen. Sie begann mit zaghaften Einwänden, die der Marchese mit großer Liebenswürdigkeit widerlegte, aber wäh- rend sie seinen Ausführungen von Folgerung zu Folgerung folgte, wurde es ihr bald klar, wie dilettantisch sein großes SpezialWissen zusammengearbeitet war, und daß seine Resul- täte und Hypothesen weit mehr der Dichtung als der Ge- schichte entsprangen. Ueberdies beunruhigte es sie, daß der Marchese sowohl des Griechischen als des Lateinischen unkun- dig war. Es währte nicht lange, ehe sie zu des Marchese großem Leidwesen einen Vorwand fand, sich von den Unterrichts- stunden zurückzuziehen. Auf die schonendste Art ließ sie die Freundin den wahren Grund ahnen. Lidda war künstlerischer veranlagt als Diambra und be- saß ein reicheres Stimmungsleben, aber dieses fand seine ge- nügende Aeußerungsform in Tönen und Bildern, fühlte durchaus kein Bedürfnis, sich in eine Sentenz umzusetzen. Ihr Gemütsleben war reich, aber nicht geistreich. Diambra ihrerseits besaß die scharfe, niemals ruhende Intelligenz, die, sobald sie erst den Bohrer an ein Gedankenhindernis gesetzt, Granit zersplitterte, als sei es Glas. Für Lidda war Stim- mung Ruhe, für Diambra ein Ansporn zum Denken, und ihr Genuß begann erst da, wo sie eine Reihe Gedanken in klaren Ausdrücken vor sich liegen sah. Zu dieser allseitig bcwunder- ten Eigenschaft blickte auch Lidda empor, und von der Freun- din erst auf die Spur gebracht, begann sie sich über so man- ches, was bisher als dunkle Ahnung tief in ihr gelegen war, klare Gedanken zu machen. Lange hielt sie aus Liebe zum Vater zurück, aber eines schönen Morgens schloß auch sie sich von den Studien aus. Diesem Beschluß war eine lange Eutwickelung voraus- gegangen, welcher Lidda selbst kaum gewahr geworden, da sie zum großen Teile aus ihrem unbewußten Intellekt empor- gewachsen war. Der Eindruck, den des Vaters Gefangenschaft seinerzeit auf sie gemacht hatte, war geblieben und in ihrem Inneren still weitergewachsen. Sie begriff seit dieser Zeit immer besser und besser, daß die ganze Familie, statt sich zu behaupten, bloß anderer Willkür und Launen untergeben war. Als allmählig unter Diambras Einwirkung die Glorie von den Studien des Vaters fiel und sie den Dilettanten in ihm zu sehen begann, stellte sie sich selbst unehrerbietige Fragen, ob es denn auch eines Mannes würdig sei, sich in Büchern zu begraben, wo es doch galt, den alten Namen und die Macht seiner Familie zu behaupten. Dieser Zweifel wurde um so eindringlicher, als sie nun ihren eigenen Mann dieselben Spuren verfolgen sah. Eines Tages, als die beiden Männer auf dem Athena» felsen waren und Lidda sich mit der Mutter allein befand, ließ sie eine prüfende Aeußerung fallen. Marchesa Ersilia wurde es ganz wunderlich zumute. Sollte sie wirklich erleben, daß es einen Menschen gab, der sie verstand? Sollte ihr Kind endlich seine Mutter finden? Anfänglich tastete sie vorsichtig weiter, als sie aber merkte, wohin Liddas Gedanken gingen, teilte sie sich ohne Vor- behalt mit. Stunde um Stunde saß sie da und öffnete ihr jahrelang verschlossenes Herz. Es war das zweitemal, daß sie vertraulich mit ihrer Tochter sprach, das erstemal aber, daß sie ihr einen Einblick in ihr Inneres gewährte, in all das, was sich hinter dem erstarrten Lächeln regte. Die ganze folgende Nacht' lag Lidda wach und dachte an ihre Mutter. Sie begriff nun, daß diese spiegelglatte Eisfläche einst- mals ein lächelnder See gewesen, vielleicht sogar ein bran- dendes Meer. Wie in einer Reihe von Bildern sah sie den Kurs, den das Leben ihrer Mutter genommen. Sie war die glückliche Braut der Insel gewesen— schön war sie sicherlich auch, statt- lich und stolz— an jenem Tage, da sie dem jungen florten Marchese La Greca die Hand zum Bunde reichte. Er war als ungewöhnlich gelehrt und intelligent bekannt, ein glänzen- der Redner, schrieb Verse, war in vieler Herren Länder ge- reist und Sohn des mächtigsten Mannes der Provinz. Später, nach des Vaters Tode, war es ihr erst klar geworden, was es bedeutete, wenn ein Mann, der bestinimt war, zu wirken und zu führen, sich zwischen moderne Tonkrügc vergrub, in Funda- menten wühlte, die zu Zeiten gelegt worden, da die Männer noch Taten vollführten, und sich begnügte, von großen Män- nern und Zeiten zu lesen, während seine eigene Macht immer geringer wurde. Ja, damals hatte sie sicherlich etwas von dem gefühlt, was die arabischen Frauen fühlen mußten, als ihre Männer die Waffen aufhingen und zu singen be- gannen von jenen Schlachten, die ihre Väter gekämpft hatten. Bitterer und bitterer mußte diese Empfindung ge- worden sein, jcmehr sie das niedrigste Pack sich gleich Pilzen in der Stadt verbreiten und sie verdrängen sah, während die Luft um sie her so giftig wurde, daß man sie kaum mehr zu atnien vermochte. Da war es, wo sie um ihrer Tochter willen ihren Mann bewogen hatte, Angela als Schwiegersohn anzunehmen. Sie hoffte, wenn eines Tages die Gräfin stürbe, würde Lidda den schlaffen Jungen unter ihren Willen beugen, die Luft reinigen und ihre Existenz sichern. Der Marchese dagegen— der Mann der geraden Wege— hatte ihren Vorschlag bloß so empfun- den, als würfe sich seine Gattin vor der Schande in den Staub. Zum zweitenmal hatte sie diesen Schein auf sich ge- nommen, als sie die Partie mit Belladonna begünstigte. Sie hatte erkannt, daß es nicht weniger als das Leben für sie alle gelte. Sie hatte ihren Stolz darin gesetzt, alle alten siziliani- schen Tilgenden zu vervollkommnen. Ihrem Mann war sie eine demütige Dienerin gewesen. Jede Leidenschaftlichkeit hatte sie unterdrückt, weder in Wort noch Tat ihm zuwider- gehandelt: sie hatte ein Lächeln erzwungen, selbst wenn ihr Herz Blut weinte. Erst als es ihr einziges Kind galt, war sie aus ihrem Schweigen hervorgetreten. Gibt es nicht Stun- den, wo selbst die Steine reden müssen? Sie hatte die Gräfin hassen gelernt, wie die kleinen Vögel Habicht und Eule hassen, und in dem alten Belladonna hatte sie den einzia möglichen Bundesaenossen gesehen i« tfncm heiligen Krieg gegen das Ungeheuer— bis ihres Mannes Haft ihr sagte, daß auch dies eine Illusion gewesen. Vis der Rächer kam, hieß es aus Gnade leben. Aus Gnade I-- Lidda hatte sich stets als leibhaftiges Ebenbild ihres Vaters betrachtet. Nach dieser Nacht wußte sie, daß sie ihrer Mutter Tochter war. Ihre Wünsche begannen sich schärfer und schärfer zu prägen: ein Vernichtungskrieg gegen all das Packt Ein heiliger Krieg ohne Schonu/gl Aber der Held, der diese Träume zur Wirklichkeit machen sollte.— wo war er zu finden?, (Fortsetzung folgt.)? �Nachdruck verboteo.Z w Huf Irrwegen. � i> Von Jonas Sie. 4; Autorisierte Uebersetzung aus dem Dänischen von Mathilde Mann. „Nun, nun,"— Onkel Joel kämpfte mit einem neuen Husten» anfall,—„den alten Brief hier werfen wir ins Feuer, und damit ist die Geschichte abgeschlossen 1'— Er hielt ein Streichholz daran und ließ ihn auf der Ofenplatte verbrennen.„Sieh, wie die Fetzen verkohlen,— es war ein anderer Stoff im Papier zu jenen Zeiten-- Und, hör jetzt einmal. Faste I Du warst mir immer eine vielseitige Seele, ungeheuer reich an Interessen, Gedanken und Ideen, die nur alle den einen Fehler hatten, daß sie Dich von »einen eigentlichen Studien ablenkten und Dich bald hierhin, bald dorthin zogen." „Freilich. Onkel z aber jetzt habe ich mich selber gefunden und weiß auch, wo das Land liegt." „Nun,— da wir uns doch einmal auf dem Gebiet des Außer» gewöhnlichen bewegen— und da Du glaubst, daß Du damit den Grund legen könntest,— aber merke Dir, es geschieht nie zum »weitenmal wieder,— und wenn ich Dich mit einem Zchnkronen- schein vom Rande des Bankerotts erretten könnte!— Wenn auch mit einem Gefühl, als würfe ich das Geld ins Meer, ich will für di« dreitausendfünfhundert Kronen eintreten, die, wie Du sagst, dazu gehören. Ich will wünschen, daß ich sie jemals wiedersehen werde!" „Nein, nein, diese Art und Weise dulde ich nicht. Das sag' ich Dir, Onkel, bespeien darf Du mich nicht,— sonst werfe ich Dir dos Gelo gleich wieder ins Gesicht. Ich werde mir schon ohne Dich zu helfen wissen." „Nun, nun, laß den Hut nur liegen. Du brauchst nicht gleich so knabenhaft aufzubrausen. Das Geld kannst Du auf mich ziehen. Dreitausendfünfhundert Kronen spuckt man im allgemeinen nicht so leicht aus!" „Ich entschließe mich. Dir hiermit sogleich meinen Dank aus- «usprechen, Onkel,— wenn ich mich auch, notgczwungen, wie Mark krümmen und biegen muß in Deiner mildtätigen—" «Na, na, na!" «— Und höchst delikaten Hand!" «Die Sprache gefällt mir schon besser." „Ich sage Dir, Du wirst mich noch achten lernen,— sollst dazu gezwungen werden. Und nun vielen Dank und adieu, Onkel!" Die Haustür fiel hinter ihm ins Schloß. Er stürzte von bannen. Unten auf der Straße rief Schauspieler Werloff ihn an. „Was sagst Du zu so etwas, Faste!— Gjessing hat sich krank gemeldet und nun soll Prebevsen den Tordenskjold spielen— soll mit der dünnen Stimme und den noch dünneren Beinen donner» wettern und auf Deck stampfen!— Natürlich leeres Haus! Ja, das sind Zustände bei der Truppe! Wir halten das Banner der Kunst hoch! Wollen wir nach Helvetia gehen und ein GlaS Portwein trinken?" „Habe keine Zeit. Geschäfte-- Wollte, der Tag hätte B4 Stunden." „Ich verstehe!— Du hast Deine Idee in bezug auf das Volkstheater unten am Borstadtstrand aufgegeben. Du kamst vor ein paar Monaten so tapfer damit in der Heimat an!" „Ich will nur gleich von Anfang an Ordnung schaffen,— will wir darüber klar werden, wo ich stehe und wo nicht. ES ist nicht zum mindesten die ökonomische Seite der Sache, die ich in Er- wägung ziehe. Der Anschluß ist zu klein, die Idee noch zu neu." „Das heißt"— kam es ziemlich boshaft heraus,„die Idee ging zum Teufel, genau so wie eine gewisse, selbstcrfundene Maschine, von der ich habe reden hören, und die alle möglichen Vollkommen. heilen besaß, aber nur nicht— gehen wollte!" „Ach so. Du liebenswürdiger Harcellas, Du heulst mit den Wölfen!— Verteufelt gut war übrigens diese Theateridee, das will ich Dir nur sagen. Aber es gehören Stücke dazu,— Stücke von der richtigen Sorte. Die Apparate allein machens nicht. Ich hatte ja iyt Grunde an ein Theater zur Belustigung des Volkes gedacht. So zum Beispiel wie, sagen wir einmal, der Vater ist ein Pferd, die Mutter ein Esel, folglich ist der Sohn ein Maulesel— mit zwei Willen in der Brust, die im stillen Kampfe liegen,— entweder überwiegend langohriger Esel oder überwiegend Pferd. Und dann steht im letzten Akt der Maulesel vor dem Richterstuhl— wegen irgend einer Untat. Oder etwa— was meinst Du?— Man könnte den letzten Akt vor der Himmelstür spielen lassen, wo er vor dem Richter steht? Ja, was soll so ein Aermster mit zwei Bestien in sich eigentlich denken, wenn er vor seinem Schöpfer steht? Nun, wir graben da in unergründliche Tiefen hinein! Aber ich wollte schon, und wenn ich auch noch so wenig Zeit hätte, Ideen zur Ge- nüge liefern, wenn ich nur den Richtigen fände, der etwas daraus machen und das Ganze inszenieren könnte." „Ja, abgesehen von solchen Phantastereien, mein lieber Faste, — wirst Du aber doch einräumen, daß diese Besetzung des TordenS- kjold der Gipfelpunkt des Idiotismus ist,— geradezu eine Schweinerei gegen die Idee!" „Die Idee?— ich habe auch einmal für die Idee gelebt. Aber dann,— seine Valuta in das Reich der Phantasie übertragen zu lassen— in blauen Dunst und Nebel— davon bin ich denn doch wieder abgekommen, Du. Aber mein Gott, man kann auch von Be» geisterung leben in dieser Distelwüste der Erde. Und alle Achtung für den, der es tut. Wenn ich nur damit verschont bleibe! Ja, Schauspiel s» h e n will ich natürlich—" Faste lüftete schnell den Hut und eilte weiter. Er ging die ge- schäftige Hafenstraße hinab, bis das Schild der Maklerfirma Roed und Ko. in einer der Eingangstüren unten an der Zollbude sichtbar wurde. Hastig trat er inS Kontor. „Guten Morgen, Herr Roed!" „Ahl— Herr Forland aus Zürich heimgekehrt! Ich habe diesen Sommer hin und wieder einen Schimmer von Ihnen hier gesehen." Faste glaubte ein Lächeln bei der Erwähnung seines Namens zu bemerken, als knüpfe sich irgend eine ergötzliche Erinnerung daran. „Ja, ich habe meine technischen Studien beendet," antwortete er kurz.„Ich möchte gern etwas deutsches Geld haben,— nur eine Kleinigkeit— dreihundert Reichsmark." «Stehe zu Ihren Diensten, Herr Forland!" „Kann ich mir also morgen die Anweisung holen? Ich nehme an, Sie halten meinen Scheck für gut, wenn ich aus Onkel Joel ziehe?" „Auf den Herrn Bankdirektor?— Persönlich?— Der Makler sah verdutzt und beinahe ungläubig aus. „Während der sechsundzwanzig Jahre, die ich hier in der Stadt gelebt, habe ich noch niemals irgend jemand auf den Mann ziehen sehen." .Man soll nie niemals sagen.—— UcbrigenS," fuhr er in gleichgültigem Ton fort,—„wenn ich auf dem Check eine Null hinten angehängt hätte, so würde die Summe ebenso flott honoriert woroen sein-- Roggen— Weizen— Zucker— Parafin— Tabak"— murmelte er, mit einem flüchtigen Blick auf die Kurs» liste des Tages, die auf dem Pult lag.„Wie?" Die Gasaktien sind zu eintausendachthundert notiert— noch? Ach du alte, treu- herzige Stadt!— Und Sie meinen, daß Sie es vor Ihrem Gewissen verantworten können, sie zu dem Preis auszubieten, Makler? Nun,— die Elektrizität ist im Anmarsch, hängt sozusagen über der Stadt in der Luft. Ich sage Ihnen,"— rief er aus,„das heißt in ausgeputzten Lichtern spekulieren!" Der Makler antwortet« nicht; er war mit seinen Gedanken anderswo und sein Blick ruhte auf Fastes nachlässigem Anzug,— ganz wie der Alte.-- Das lag so nahe. Einen aus der Familie mußte der kinderlose, kränkliche Geizhals ja zum Nachfolger aus- ersehen, und—: „Immer, immer zu Ihren Diensten, Herr Forland!" verneigte er sich sehr zuvorkommend.„Ja! Also auch das erlebt man, daß jemand Blankokredit auf den Herrn Bankdirektor zieht!" „Verzeihen Sie, Herr Roed," die Worte kamen langsam und gewichtig,—„das, was ich auf Onkel Joel ziehe, bezahlt er. Aber das mit dem Blankokredit müssen Sie auf eigene Rechnung machen." Der Makler griff nach dem Hut und sah zu der Uhr auf, die in wenigen Minuten die Stunde für seine Geschästsrunde anzeigen würde. Und jetzt hatte er eine ungeheure Geschäftsneuigkeit, die er in den Kontoren verbreiten konnte:— ein neuer Goldfisch, ein künftiger Erbe für den alten Joel.--- (Fortsetzung folgt.) .ruck rerloliN.Z Qnter der Mtternacktslonne. ii. Trom soe kommt in Sicht! Vor dem Hafen Hunderte und Aberhunderte von Masten, eine schwimmende Fischerstadt. Hier sieht man auch die ersten Nomadcnlappen, schwedische Äebirgslappen, die mit ihren Renntierhcrden im Sommer ins Tromsoetal kommen. Der erste Lappe, den man am Ufer sieht, ist ein kleiner Mann, der Vertreter einer degenerierten Rasse, bartlos daS Gesicht, aber so run- zelig, dass es unmöglich ist, zu erkennen, wie alt er sein mag. Er raucht an einer langen Stabpfeif«, die nicht aus dem Munde herabhängt, sondern wagerecht vorsteht. Ein alter Lappe mit we'fjem Knebelbart verkauft Pfeifen, Messer, Lappenschuhe und Puppen in Lappenkoftüm. Englische Touristen stürmen auf ihn los, um ihn zu photographieren. Ein zweiter und dritter Lappenhändler, jünger als der erste, aber ebenso runzelig wie der Alte, kommen hinzu. Die drei Lappen halten die Waren hoch und rufen englisch und nor- wegisch Preise aus, aber die Engländer gebieten ihnen Ruhe. Aber die Lappen kennen ihre Pappenheimer und lassen nicht locker. Eine Art Handgemenge entsteht, die Lappen recken die Hände mit den Waren in die Höhe, die Engländer drücken die Hände nieder und Lappen und Engländer schreien aufeinander los. Dann taucht ein« alte Heine Lappin auf, mit runzeligem Gesicht und wunderbar glänzenden pfiffigen Augen. Auch sie will Waren verkaufen und auch sie soll photographiert werden. Aber sie weiß sich zu helfen und vergräbt ihr Gesicht in die Hände. Da beginnt eine Eng- lättderin um einen Gegenstand zu feilschen und während die Alte hoffnungsvoll wartet, bis der Gegenstand geprüft ist, wird sie ge- knipst l So siegt Albion selbst über eine schlaue Lappin. Tromsoe ist nicht nur das Zentrum der Sommerlager der Nomadenlappen— denn hier im Umkreis«, in Tromsödalen, am Malangen-, Baltsulfs- und Lyngenfjord sind neben gewaltigen Gletschern auch gewaltige Wiesen und Weiden>— es ist auch der Salon des Nordlandes, ist ein schmuckes Juwel im Eismeer, ist — wie es sich nennt— ein„klein Paris". Es hat alte Kultur, eine reiche und sehr lebenslustige, dabei auch leichtsinnige Bevölke- rung. Das ist in ganz Norwegen sprichwörtlich. Zweimal zu je drei Tagen Hab ich hier geweilt und immer wieder hat mich die Grazie der Stadt und ihrer, Bewohner entzückt. Einen Abend aber, den ich hier verbrachte, werde ich nie im Leben vergessen: den Ausflug ins Tromsoedal zum Lappenlager, über den schmalen Tromsoesund von der Insel Tromsoe nach dem Kontinent. Im Boote ging es mit einigen Freunden aus Tromsoe, darunter einem, der sehr gut lappisch sprach, ans Festland, dann auf hügelig ansteigenden Weg, an einem großen Bauernhof vorüber, in das Tal und durch das Tal, das hier ein Birkenwald ist, der die Zierde und die Freude jeder süddeutschen Landschaft wäre und alle ihre Merkmale trägt. Zahllose Blumen— unsere Frühlingsblumen■— zwischen den Gräsern und in der Senkung ein schäumender Fluß, der in Windungen hinbraust. Dreiviertel Stunden lang geht das so zwischen grünen Höhen, dann plötzlich ein Plateaukessel, zirkus- artig und darin diele kegelartige Steinhügel— die Lappenhütten, deren Tür eine mit einem Tuchfetzen verhängte Oeffnung ist. Ich habe am Anfange gesündigt und bin zu lange mit meinem Dol- metscher im Innern der Hütte gewesen, so daß ich erst um 11 Uhr abends mich zu den anderen gesellte, die draußen auf dem Amphi- theaterrasen sich hinstreckten, Kaffee kochten und schmausten. Ein weiter, runder Talkessel in der Ebene, die Höhen der Berge ringsumher bilden kolossale Plateaus, auf denen die Renntierherden weiden. In der Rundung dieses Kessels weit sichtbar der rauschende Fluß, die kegelartigen Steinhütten der Lappen, grün alles rings umher. Darüber aber der blendende Glanz der weißen Abend- sonne. Ein alter Lappe, daS Oberhaupt der Familie, kommt zu uns, die Kinder folgen ihm, und bald waltet das lappisch sprechende Mitglied unserer Gesellschaft wieder seines Dolmetscheramtes. Ein jüngerer Lappe, der etwas norwegisch spricht, kommt dazu und da wird das Gespräch reger und die Landschaft existiert für mich nicht mehr. Aber auch ihre Stunde kommt. Um 3 Uhr morgens beim Rück- weg. Da liegt, während wir höher abwärts streifen, die Insel Troipsoe vor uns mit ihren wunderbarem Rahmen und in jauchzen. dem Glanz steht die weihe Nachtsonne über dem allen. Eine Sonne, die in dir Augen schlägt, die wie ein dichter und doch luftiger Strahlenspeer in die Augen dringt, sich einbohrt. Was sie sehen läßt, ist ein Bild, das ich niemals vergessen werde. Wir find im Wald, im grünenden Nordlandswald. Darüber weißer Sonnenschein, ein Leuchten. Vor uns der Sund und die Häuser von Tromsoe, diese schmucken, roten Häuschen am Ufer und an den grünen Hangen, über die leuchtend und blendend schneeige Gipfel sich erheben. Das sieht das Auge; das Oh' hört aber aus den Büschen schmetternden Vogelsang. Blinkende Schneeberge, strahlendes Meer, jauchzendes Grün am Waldweg, weiß schäumende Sonnenstrahlen darüber und darin jubelnder Vogelsang, die Luft frisch und doch warm, diese Nacht war der herrlichste Sommertag, den ich je erlebte. Und noch eine andere Stunde, die ich in Tromsoes Bann der- brachte, wird mir unvergeßlich bleiben. Als ich das zweitemal vor Tromsoe landete, um 3 Uhr morgens. Welcher Glanz in den Lüften, welches Leuchten am Ufer. Die grünen Hügelhänge, an die sich fern die Schneegipfclkette schmiegt, wie eine kristallene Krone oder wie ein Myrthenkranz. Eine bräutliche Weihcstimmung lag über allem, aber kräftig, fast herb. Mild umstreichelt einen die Luft, deren Herbheit man nur fühlt, wenn sie durch die Lungen streicht oder vielmehr streichelt. Etwas ganz Seltsames sind die Fjorde um Tromsoe, der Malangenfjord, ein weites grünes Wiesenufer, der Lyn- genfjord, ein buntes Gemisch von Wiesen, Bergen und Glet- schern, darunter die„Stuppenberge", kleine Gletscher, die wie ein» geschachtelt� zwischen zwei Bergzügen daliegen, der Ulfsfjord und S ö r f j o r d. das bizarreste, was ich an Landschaftsbildern im Norden sah. riesige Sandmoränen zwischen grünen Hängen, kleine Gletschcrspitzen, die mitten aus Felswänden hervorstehen, das sind Eisberge, die von nachdrängenden Gebirgsmaffen verschüttet wurden, daneben aber große, gewaltige Gletscher. Und dann der BaltS» f j o r d mit seinen hochalpinen Ufern. Das alles drängt sich um Tromsoe, wie wenn diese Jnselstadt der natürliche Mittelpunkt dieses bunten Landschaftsbildes wäre. Im Groetes und gegen Hammer feste. Wir hatten emen sonnigen Tag und eine berauschend« Lichtfülle. Diese Hellig» keit ist etwas unsagbar Gewaltiges. Zur Zeit des Sonnenunter» ganges— um 11 Uhr nachts— lag noch blendender Sonnenschein auf dem ganzen Meere, durch das Hunderte Schiffe und darüber Tausende Bügel gleiten. Diese Vögel bringen fast lärmendes Leben in die Gegend. Das flattert und fliegt und kreischt über die W»ssser und über die Insel. Hier in dieser Strecke steht ein merkwürdiger Jnselblock, ein Hügel. Grau wie ein gealterter Wald, und bis Schneerinnen sind wie weiße Haarstränge im vergrämten Gesicht. Vergrämt war auch der Himmel an diesem so sonnigen Tage. Etwas vor Mitternacht verschwindet die Abendsonne und graue Wolken steigen auf. Ein Regen geht nieder. Ein starker Wind setzt ein, aber es strahlt und leuchtet durch die Wolken und die Regen» schnüre, und heller wird es und weißer und glänzender, und die Wolken verschwinden und der Regen hört auf. und als Siegerin! steigt jäh die weiße Sonne hervor. Hammerfest— landschaftlich bietet es nichts, es ist in eine Ecke gedrückt. Aber welche Fülle von Masten und Segeln im Hafen. Ein unübersehbares Gewirre. Von hier aus geht ja der große Schwärm der Fischer nach den Finnmarken und den Spitzbergen, hier konzentriert sich der Handelsverkehr mit Rußland über Archangelsk. Spitzbergen— dies Land, das herrenloses Gut ist— wird in den letzten Jahren belebt. Drei Steinkohlenbergwerke sind an der Advent- und Vigobai jetzt in Betrieb und zeitigen ein gutes Er- gebnis. Der norwegische Staat ist einer der Hauptabnehmer für diese Kohlen, die er als Heizmaterial auf den Bahnen verwendet. Erst seit einigen Jahren ist es möglich, diese Betriebe rationell zu führen, das heißt auch im Winter. Früher wurden alle, die dort überwinterten, ein Opfer des Skorbuts. Nun haben die Aerzt« eine bestimmte Diät gefunden, die den Skorbut unmöglich macht. Jetzt lehen die Bergleute oben auf den Spitzbergen Sommer und Winter und fühlen sich nicht versprengt und einsam. Etwas, das viele staunend— aber erfreut— hören werden: der 1. Mai wurde auch auf den Spitzbergen durch Arbeitsruhe, Festlichkeiten und Ansprachen gefeiert. Die„Ny Tid" in Dronthejm brachte an- fangs Juli einen Bericht darüber. Eine englisch-deutsche Gesell» schaft betreibt das Bergwerk auf den Spitzbergen und ihre norwe- gischen Arbeiter feiern dort den 1. Mai. So dringt das Leben vor. Noch eine Folge hat die glückliche Bekämpfung des Skorbuts: die Eisbärenpelze werden billiger, nämlich die guten Pelze der im Winter erlegten Eisbären, die viel reiner weiß sind und sich nicht so leicht enthaaren, wie die Pelze der im Sommer erlegten Bären. Früher war es ein Wagnis, auf die Eisbärenjagd im Winter nach den Spitzbergen zu gehen. Gegen die Bären konnte man sich verteidigen, gegen den Skorbut aber nicht. Jetzt werden von den Händlern ganze Expeditionen zur Winterjagd in den Spitzbergen ausgerüstet, und mit den Weisungen der Aerzt« ver- sehen, können sie den Schrecken des Skorbuts trotzen. Ihnen bleibt das Leben erhalten, die Bären und Silberwölfe aber müssen daran glauben. So sind die Aerzt« die eigenlichen Bärentöter! Im Eismeer. Man merkt an dem Schwanken des Schiffes, daß man im offenen Ozsan ist. Hier hat man auch nicht mehr den Eindruck, daß die Landschaft a m Meere liegt, sondern daß das Land i m Meere sich befindet. Wie in einer Riesenebene kleine Tümpel und Teiche aufsteigen, so treten hier aus dem Wasser Land- punkte hervor. Am Anfange find alle bastionförmig, wie Reste von zerschossenen Wällen, Ruinen eines Felsengürtels, der den Kon- tinent vor dem Ozean bewahren sollte. Dann werden diese Fels- trümmer seltener, diese Riffe und Bergwände, die nicht mehr grün sind, sondern kahl, höchstens mit Moos bewachsen, das auf den Felsen lagert wie ein Aussatz. Weit, weit tritt das Ufer zurück, leicht glänzt von der Hügelspitze der Schnee herüber, aher vor uns und um uns die Wasserwüste, das Eismeer. Das Eismeer—• es ist nichts wie eine Wasserflut. Dunkel und massiv ist es, schwerflüssig, scheint wie eine kompakte Masse zu sein, etwas das nicht mehr Eis und noch nicht Wasser ist. Eigent- lich ist es nicht wie schmelzendes Eis, sondern wie frierende? Wasser und undurchsichtig. Aber wie klar ist die Luft, wie rein und durchsichtig, trotz des trüben regnerischen Wetters, das wir hatten.« Ein seltsamer Felsen kommt in der Ferne in Sicht. Zwei braune, steife Flächen, wie die straffgespannten gerippten Flügel einer riesigen Fledermaus. Aber wo diese zwei Flügel sich im schiefen Winkel treffen, ragt vorne, wie frei im Meere stehend, eine immense Säule hervor. Das ist der ,H j e l m v e st a u r e n", noch gegen 100 Kilometer entkernt, aber dennoch sehr klar sichtbar. Es ist ein„Vogclberg", hunderttausende Vögel, Möven, Taucher und Eidervögel sitzen auf ihm. Der Grund für diese Massenansiede- lung der Vögel hier und auch weiter im Norden ist, daß sich an diesen Stellen reiche Fischbänke— die Nahrungsquellen— und in den rissigen Felsen gute Schlupfwinkel und Brutstellen finden. Da wir näher kommen, sehen wir Tausende von derartigen Vögeln den Felsen umflattern und seine Flächen sind mit weihen Vögeln so besät, daß sie wie ein Schneefeld erscheinen. Ein erster Böllerschuß vom Schiffe erschreckt Zehntausende, ein zweiter und dritter Schuß scheucht wieder Zehntausend« der kreischenden Vögel in die Luft, aber noch immer ist der Felsen bedeckt m?t Vögeln. Der „H j e I m V e st a u r e n", der auf dem Wege zum Nordkap liegt, ist der berühmteste der norwegischen„Vogelberge", ich aber habe dann ostwärts— in Finnmarken— großartigere gesehen. A m Nordkap— dort sind wir zwei Stunden später. Wir hatten schlechtes Wetter, der Himmel war grau und bewölkt, es regnete, aber klar und blank war die Luft. Das Nordkap steigt auf und erscheint wie eine große rhomboidische Kanzel, die sich von dem hügeligen Jnsellande in das Meer vorschiebt. Eine Kante dieses Rhomboids tritt massiver hervor, streckt sich weiter hinaus in das Meer in drei Zacken, nach vorne abfallend, wie Riesenstufen, auf denen man zur Kanzel hinaufsteigen soll; denn dieses Hobe Fclsrhomboid hat oben ein Plateau, das so flach wie ein Parkett ist, viel glatter als das Meer. Das Meer selbst ist weit offen, un- übersehbar, immer bewegt, und jetzt ist dieses dickflüssige Blau halb wie eine Quecksilber-, halb wie eine Teermasse, auf einer unge- Heuren Fläche und rastlos gehoben und gesenkt von unterirdischen Titanen. Dem Süden zu bildet die Insel eine kleine Bucht um die graubraunen Felsen. Aber vorne hinausgeschoben, mitten im Eismeer, liegt ein kleines, flaches Jnselchen, wie ein Korb oder wie eine Wiege, und die weiße Brandung umspielt sie, und diese Insel liegt etwas nördlicher als das Nordkap und ist grün, leuchtend grün. Wieder verblüfft und überwältigt einen diese klare reine Luft über den duntlcn, undurchsichtigen Wassern und dem grauen Gewölk, das schwer über dem Horizont liegt. Weithin sieht man klar jede Wolke und jede Welle, trotz des Regens, der zeitweilig niedergeht. Die Passagiere vergnügen sich, während das Touristen- schiff hier vor Anker liegt, mit Fischen, und in einer Viertelstunde haben alle reiche Beute an Dorschen. Unglaublich ist es, wie fisch- reich diese Gewässer sind. Dann fährt das Schiff näher an daS Nordkap; in der Bucht von Hornvik legen wir an, und jetzt versteht man, weshalb das Nordkap so berühmt und besucht ist. Es wirkt in der Nähe groß- artig in seiner Wucht bei dieser geringen Höhe. Es ist nur ein rissiger und felsiger Felsblock, aber diese unübersehbare Fläche auf feiner Höhe und diese unübersehbare Fläche des Meeres zu seinen Füßen wirken stark und eindringlich und harmonisch. Auf kleinen Booten gehen wir ans Land, ein im Zick-Zack an- gelegter Pfad, an dessen Seite bald rechts, bald links ein Seil ge- spannt ist, führt in einer halben Stunde aufwärts. Staunend ge- wahrt man auf dem Rasen des Hügels rote und weiße Blümchen, und wenn man dann auf das Plateau kommt, das sich weit und flach, trostlos flach hinzieht, sieht man einen sumpfigen Boden. Zwischen Stein und Moos wieder diese kleinen roten Alpennelken verstreut— aber kein Gras, kein Grün. Nur Moos und diese roten Blümchen. Auf der Höhe des Nordkaps, an dem Ostcnde des Plateaus, steht der Pavillon und dicht neben ihm ein Obelisk; rechts von diesem stürzt das Erdreich ab, halb Wasserrinne, halb Erdsturz, eine eigentümliche Bildung, als ob das Meer oder der Sturm im gewaltsamen Ansturm diese Rinne gerissen hätte. Von hier aus— rechts und links nichts, nichts als das weite Meer in der Tiefe— erscheint dieses öde, brache, sumpfige, moosbcdecktc, aber ebene, so melancholisch ebene Plateau wie ein verwüstetes Schlacht- feld voll Verwesung, das ein Titane schützend in die Höhe gehoben, hinein in den eisigen Wind, um es vor dem eisigen Meere zu schützen. Oder aber vielleicht geschah dieses Rettungswerk nur der kleinen zarten Alpcnelkcn wegen, die leben und leben wollen. Die Natur ist ja so wunderbar fürsorglich. Dieses großartige Mimikri, die Anpassung im All tritt hier so ausdrucksvoll zutage: weiß ist der Schnee und das Eis, weiß die Vögel in den Höhen und weiß die Tiere da draußen auf den Eisblocken, die Eisbären und die Wölfe. Ein gewaltiges Weiß, das der Ursprung aller Farben und olles Lebens ist. Weiß, unbeschreiblich weiß wird auch das Meer weit draußen im Osten und Norden, da sich die Mitternachtsstunde nähert. Was hier großartig ist— und das ist das gewaltige Schau- spiel, das man nur am Nordkap hat—, das ist, wie die weiß auf- steigende Sonne sich das weite Meer erobert, wie diese dickflüssige, dunkle Wassermenge überdeckt wird auf Meilen und Meilen im Umkreise mit dem weißen, silberweißen Sonnenstrahlenstaub. Wie das dunkle Meer weiß wird, wie die helle Luft noch mehr erglänzt, wie diese weißflammcnde Sonne im Osten aus dem Wasser steigt, nachdem sie fünf Minuten vorher weißflammend in das Wasser versunken, das sieht man so imposant nur hier von der Höhe des Nordkaps. Aber die Mitternachtssonne selbst habe ich später einmal— in Finnmarken, schon dicht an Rußlands Grenze— großartiger gesehen. Herrlich ist der Rückweg über die Nordkaphöhe, da man das Meer nicht mehr sieht, sondern nur das Plateau und darüber— durch die klare Luft für das Auge so nahe gerückt— leuchtend die schneeigen Berggipfel, die man weit weg weiß und die diese Land- schaft umrahmen. Und so eben ist das Plateau, daß man nur seine Fläche sieht und nichts vom Meer, von dieser ungeheuren Fläche, an der man weilt. kleines Feuilleton. Ein Ausbruch des LavaseeS auf Hawai. Der berühmte Krater des Kilauea, obgleich selten ganz in Ruhe, ist in diesem Jahre wieder in einem verstärkten Ausbruch begriffen, rmd zwar ist seine Tätigkeit so gewaltig, wie sie seit dem Jahre 1894 nicht mehr beobachtet worden ist. Ein in der Wochenschrift„Science" veröffentlichter Brief bringt die Schilderung der vulkanischen Eruptionen aus der Feder von Thurston, einem der besten Kenner der Vulkane HawaiS. Danach hat sich der Mittelkrater während deS Monats Mai mit geschmolzener Lava zu füllen begonnen, bis ihre Oberfläche nur noch 69 Meter unter dem Boden des Hauptkraters sich befand. Der Lavasee hatte die Gestalt einer 8 angenommen und war ungefähr 250 Meter lang und 129 Meter breit. Nahe der Mitte der nördlichen Schleife des Sees lag eine Insel von der Gestalt eines Halbmondes, und in ihrer Bucht fand ein fast dauerndes Kochen der geschmolzenen Lava statt, das fast in jeder Minute von explosiven Gasausbrüchen be- gleitet war, so daß große Massen der geschmolzenen Flüssigkeit in die Luft geschleudert wurden. Unmittelbar nach jedem dieser Gasaus- bräche zog sich die Lava auf kurze Zeit in einen trichterförmigen Wirbel zusammen, der die großen Lavakuchen, die sich am Rande ge- bildet halten, einsog, so daß sie verschwanden wie Schiffe in einer Charybdis. Etwas nördlich von dieser Insel im Lavase« fand ein massenhaftes Ausströmen von geschmolzener Lava statt, aber dort ohne Explosion oder auch nur Bildung von Blasen, vielmehr gleich einem riesigen Springbrunnen. Der Lavastrom war so schnell, daß die Oberfläche des Sees zur Abkühlung und Erstarrung nur an wenigen Stellen Zeit hatte, und auch diese Stellen wurden häufig durch Konvulsionen von unten her gehoben, so daß die schwarte Kruste unter der aufquellenden Lava wieder aufriß. Dte Krusten, die sich an den Ufern des Lavasees gebildet hatten, wurden entweder wie Eisschollen im Polarmeer auf diese hinaufgeschoben oder von der feurigen Tiefe wieder verschluckt. Immer wieder erschienen an verschiedenen Punkten des Sees Lavabrunnen, die ihre schlvarzgewordene Um- gebung mit ihrer Glut verschlangen. Seitdem hat sich der Lavasee durch den schnellen Fortgang der Tätigkeit ständig vergrößert und die Glut ist so stark, daß sie bis auf eine Entfernung von fast 69 Kilometer bei klaren Nächten sichtbar ist, und wer fich dem Krater bei Nacht zu nahen wagt, braucht dazu keine künstliche Beleuchtung. Wahrscheinlich wird dieser Ausbruch noch inonatelang andauern, aber die Geologen werden gut daran tun. die Gelegenheit zur Beobachtung dieser Vorgänge wahrzunehmen, weil sie fich in dieser Stärke nur in Abständen vieler Jahre zu wiederholen pflegt. Die Erforschung der Vulkane von Hawai, die allerdings schon zu klassischen Untersuchungen Ver- anlassung gegeben haben, ist um so wichtiger, als die vulkanischen Vorgänge, wie sie sich dort abzuspielen pflegen, ganz wesentlich verschieden sind von denen des Ausbruchs eines Vesuvs oder Aelna. Sie erfolgen weniger explosiv und machen in dieser Hinsicht also weniger den' Eindruck von Katastrophen, aber dieser Mangel wird reichlich ersetzt durch den überaus großartigen und mit keinem anderen Vorkommnis auf der Erde vergleichbaren Anblick des glühenden Lavasccs, der in der Regel ohne große Gefahr aus der Nähe be- obachtet werden kann. Astronomisches. Neuheiten der Himmelsphotographie. Die un- zähligen Sonnen am Himmelszelt sind nicht nur in ihrer Helligkeit, die nicht immer ein Maßstab ihrer größeren oder geringeren Eni« fernung von der Erde ist, sondern auch in ihrer Farbe von ein- ander verschieden. Die Beobachtung der Farbe der Fixsterne ist weit wichtiger als der Laie denken mag. Die Farben ttkerden nämlich im ivesentlichen von der Zusammensetzung der Sterne, wie sie sich in ihrem Spektrum ausdrückt, bedingt, und die Feststellung der Sternspektra ist bekanntlich das wichtigste Mittel zur Lösung der Frage, aus welchen Stoffen das Weltall besteht und wie sie darin verbreitet sind. Ferner gibt das Spektrum auch häufig Auskunft über den Grad der EntWickelung, in dem sich der betreffende Stern befindet. Da nun manche Sterne zu lichtschwnch sind, um ein deutliches Speklrnm zu geben, erhält ein neues Verfahren zur Feststellung ihrer Farbe eine erhöhte Be- deutung. Zwei Forscher der berühmten Aerkes-Sternwarte, die sich des Besitzes deS größten Fernrohrs erfreut, haben nachgewiesen, wie die photographische Platte zur Messung der Farbe eines Fixsterns gebraucht werden kann und das Ergebnis ihrer Untersuchungen im„Astrophhsical Journal" beschrieben. Danach wird eS möglich fein, weit mehr Sterne in die nach den Spektren unterschiedenen Klassen einzuordnen als bisher. Eine weitere Neuheit für die Himmels- Photographie wird in demselben Fachblatt von Dr. Wood zur Kenntnis gebracht und dürfte für Photographen überaus inter- essant sein. Dieser Gelehrte hat nämlich die Erfahrung gemacht, daß zur Photographie lichtschwacher Himmelskörper eine etwa« ver- schleierte Platte besser geeignet ist als eine vollkommen frische. Er belichtet daher vor einer solchen Aufnahme die betreffende Platte mit einer kleinen Gasflamme einige Sekunden lang und will die Veob- achtung gemacht haben, daß die Platte dann für schwache Licht- Wirkungen noch empfindlicher ist als zuvor. Verantwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.Vcrl«g»anstalt Paul Singer LcEo.. Berlin LW.