AnZerhaltimgsblatt des Nr. 164. Mttwoch. den 26 August. 1903 �SiachÄruck herbolen.> Roman aus dem jrtodernfn Sizilien von Emil RaSmussen. Es kam nun eine Zeit, wo Lidda ernstlich daran dachte, allen Qualen ein gewaltsames Ende zu bereiten. Sie sah keinen Ausweg, und die Religion bot ihr keinen Trost mehr. Ihr Mann behexte sie förmlich wie ein böser Geist. Er wich nicht aus ihren Gedanken, und diese Gedanken waren Ekel. Das Verzweifelte war, daß seine Liebe wuchs wie ein Steppenbrand. Sekte sie sich an den Flügel, um sich ein wenig Zerstreu- ung zu schaffen— zwei Minuten später stand er ihr gegen- über an den Türpfosten gelehnt, und wiewohl sie die Augen nicht van den Tasten erhob, fühlte sie sich bis in alle Nerven gelähmt von diesem verhungerten Blick hündischer Anbetung. Seine sklavische Nachahmung des Vaters, seines großen leuchtenden Erempels, setzte sie nun beide in ihren Augen herab. Er trachtete alles bis auf das Mienenspiel des Marchese nachzumachen. Wenn La Greca plötzlich über etwas nach- dachte, hatte er eine tiefsinnige Miene: er hob die Augen- brauen, während er gleichzeitig die Augen zusammenkniff uild die Lippen.aneinanderpreßte, daß die Mundwinkel sich schnörkelten und krüminten. Belladonna übte unbewußt die- selbe Miene ein, so daß es geradezu lächerlich anzusehen war. Und wie zwecklos dies ganze Leben war— dies hoffnungslose Forschen ins Blaue hinaus! Bei dem Vater war es wenigstens eine Leidenschaft, etwas Persönliches und Eigen- artiges: was Gutes ließ sich aber von dieser banalen Nach- ahmung sagen? Was war aus dem ausgeweckten Jungen geworden? Konnte wohl jemand sie als die Schuldige an- klagen? Odet toar es bloß die Wirkung einer zu frühen Ehe auf einen so jungen Mann? Es war etwas Materielles über ihn gekommen, das sie früher nickt an ihm gekannt ha'te. Er aß wie ein Strauß und trank schier unglaubliche Mengen. Saß er bei Tische vor einem aufgehäuften Teller Maccaroni, so hätte man glauben können, er habe tagelang nichts gegessen. Unterbrechungen hörte er kaum und beantwortete sie höchstens mit einem kurzen Kläffen. Dabei blieb er aber fahl und dünn wie die mageren Nehren. Lidda lag einige Wochen krar k— da mußte er sie natür- lich pflegen. Das mindeste Detail, das Lidda anging, inter- esfierte ihn. Er hatte nicht den Takt, sich zu entfernen, wenn seine Nähe sie verletzte. Sie konnte, sie wollte das Rührende seines Betragens nicht sehen. Es wurde für sie der Tropfen, der das volle Gefäß zum Ueberflicßen brachte. Als sie aufstand, empfindlicher als je, und er sich ihr mit einem aufgestauten Durst nach ihren Liebkosungen näherte, konnte sie nicht mehr. Sie sagte ihm, hart und bestimmt, daß es seiner unwürdig sei, einem Weibe solche erotische Szenen zu bieten. Sie hätte ihm treulich geholfen, sein Un- glück zu tragen, solange Hoffnung auf Rettung war. Nun müsic er sich erinnern, daß auch sie Nerven habe. Er sank zusammen wie unter einem Todesurteil. Im selben Augenblick bereute sie, es-gesagt zu haben, doch war sie fest genug, nichts zurückzunehmen. Und er kränkte sie nie mehr. 16. Schwere Zeiten lagen über der Stadt. Die Mafia war unbeschränkter Herr, besetzte alle kommunalen Acmter, alle Plätze im Stadtrat bis zum Bürgermeister, entfernte jed- weden, der im Wege stand und steckte mindestens die Hälfte des städtischen Budgets in die Tasche. Niemand wußte, wenn er heimging, gab ür nicht zu Hause ein anonymes Schreiben finden würde, in welchem ihm ein Zehntel oder ein Fünftel von all feinem Hab und Gut abgefordert wurde. Und die Sunnnen mußten herbeigeschafft und an dem vorgeschriebenen Orte deponiert werden, wenn man incht Gefahr laufen wollte, fortgeschleppt zu werden und seine Familie gezwungen zu sehen, eine noch größere Summe zu erlern, um das Leben der Geißel zu retten. Korruption und Unsicherheit, Auflösung und Verfall iq allen Verhältnissen! Sogar Carmelas Salon, diese grundgefestete Einrichtung« mußte dem Auflösungsgeiste weichen. Ihre Klientel schwand: Angela kam nicht mehr, Belcaro war fort, und Pinna— ja wie war es doch Pinna ergangen? Sie hatten ihm— diese Schlingel von Freunden— Fräu, lein Bruno wie so vieles anderes ganz und gar verleidet. Immer wieder mußte er anhören, was der Student und sie eigentlich' an jenem berühmten Festabende in der leeren Wohnung zu schaffen hatten. Müßte dasitzen und ihre Tröste gründe und guten Ratschläge anhören, daß— ei, du liebev Gott!— ein halbes Glas Alaunwasser den verursachtqft Schaden doch fast beheben würde. Naseweise Lümmel das! Da eines Tages kam Pamfo und steckte ihm einen Brief in die Hand, und er ging stracks heim und las ihn. Die Schöne war über sein Schweigen in letzter Zeit erstaunt. Er begreife doch wohl, daß ihr Flirt mit dem Studenten nur eine Probe gelvesen sei, auf die sie ihn stellen wollte? Bloß um zu sehen, ob er eifersüchtig wäre, ob er sie liebte, ob er an sie glaubte, er, der einzige, den sie je in ihren jungfräulichen Gedanken getragen. Mit ihm sei sie bereit zu flüchten, die Gelegenheit zu benützen, während ihr Vater verreist wäre. Ob er mit diesem Plane einverstanden sei? Pinna ging ein paar Tag? nicht aus. Er verhielt sich still wie ein Mäuschen. Die Sache war kitzlig. Endlich schrieb er und erbat sich Bedenkzeit— es sei so vieles zu erwägen.... namentlich die Rücksicht auf ihren Vater. Mit diesem letzten Kniff war er zufrieden— und hoffte endlich, wenn er nur weiter schwiege, würde die Sache im Sand verlaufen. Er war daher ziemlich überrascht, als eines Tages der Herr Deputierte, Advokat Bruno, bei ihm eintrat und in einem sehr herzlichen Tone erklärte, das Hindernis füv Pinnas Bereheliihnng mit seiner Tochter, das dieser be? fürchte, existiere nicht. Er gebe gern seine Einwilligung. Pinna versuchte eine Erklärung einzuleiten, die jedoH in Brunos.Herzlichkeit vollsiändig ertrank: seine Tochter und die ganze Familie erwarteten ihn zu Tische— in aller Einfachheit. Was nun die Zukunft betreffe, so habe er bereits in Rom Von seinem Freunde, dem Minister des Aeußeren, das Berft cchen erhalten, er werde seinem Schwiegersohn einen Pllch als Rektor in Sardinien verschaffen. Daraus! ging er. Pinna faßte sich: er lächelte so lange, bis er glaubte, glücklich zu sein. Kaum war er verlobt, als alle Neckereien aufhörten. Es war eine Sache, Pinna— eine ganz andere, Brunos künftigen Schwiegersohn zu foppen. Nach den Ferien zog er mit seiner jungen Gattin nach Jglesias. Wenn sie es später für gut befand ihn zu ärgern, inachte sie sich den Spaß, ihm zu erzählen, was geplant ge, wesen, falls er nicht ins Garn gegangen wäre. Ein Vater hatte eines Tages, w:e es gebräuchlich war, Pinna eine Summe Geldes geboten wenn er seinen faulen Sohn auf- rücken lasse. Der ehrsiche Pinna wies ihn ab. Besagter Vater— ein Freund Brunos— war jedoch bereit, einen Eid abzulegen, daß Pinna sich hätte bestechen lassen. Er hatte alsi nur die Wahl zwischen dem Mädchen oder seinem kom« pleiten Ruin gehabt. Eine so recht fixe und elegante Mafia- räche! Aber Carmela!— niemand dachte an Carmcla! Selbst Pamfo begann sich zu fühlen und sich für ihren Caruso zu gut zu halten. Er ging nun nicht mehr mit dem Tuch auf den, Kopfe. � Er trug einen Hut und rauchte T oskana-Ausschuß Die' Leute begannen sogar zu zweifeln, ob er— wie man immer gemeint hatte— täppisch oder ob er nicht vielmehr ein Fuchs sei, schlauer als alle die anderen. Doch es war nicht Pamfos Hochnäsigkeit allein: ein neues Unglück war über die arm? Carmela hereingebrochen. ES war ein Ricottaro— ein„Dcnuenbeschützcr" mit seiner Liebsten, einem kleinen Lämmchen von sechzehn Sommern, aus Palermo dahergekommen. Das Mädchen war hübsch. Sie legte Carmela sofort lahm. Und ihr Freund trieb illoyale Konkurrenz, indem er das infame Gerücht über Carmela ver» breitete. Aber es war nichts gegen diese Nicottari aussu, rWen; es svaren die Kcnitruppeu der Mafia bei allen Wahlen. Rasch entschlossen entschied Carmela sich, ihr Heim auf- zulösen. Sie kaufte drei Tonnen Wein, und mietete einen leeren Laden unten beim Tore. Da saß sie nun den ganzen Tag in der Tür, und sie und die Stadt sahen sich einander gleich neugierig an— aus nächster Nähe. Sie kannten sich einander ja nur vom Hörensagen. Die Kaserne lag dicht dabei. Die Soldaten strömten hinzu. „Soldaten?— Nein!" sagte Carmela. Der Sprung war denn doch zu groß. So alt war sie doch nicht— vor der Hand. Das ganze Geschäft liquidierte übrigens einen Monat später— gerade um Weihnachten— und sie mietete dann «ine ganz abseitsliegende Stube, oben bei Babberia. �Fortsetzung folgt.)Z (Nachdruck verbotin.> 81 Huf Irrwegen* Von Jonas Sie. Autorisierte Uebersetzung aus dem Dänischen von Mathilde Mann. Faste war wieder draußen auf der geschäftigen Straße.—— So war man denn doch die Schulden in Zürich glücklich los. Aber der Makler hatte offenbar eine verkehrte Auffassung von der Situation.-- Daß so ein-- übrigens durchaus kein so Sirnverbrannter— Gedanke— sein Ansehen heben konnte, war za eincswegs zu seinem Nachteil—. Mit dem Kredit wollte er jetzt seinen Bau errichten!—— Eine Weile später überholte Faste mit beflügelten Schritten Fräulein Bera Gylling am Ende der Stadtbrücke-- Es war ein beinahe wildstrahlendes Gesicht, das er unter khren Sonnenschirm steckte, als er neben ihr anlangte, und, während sie den Villaweg entlang gingen, deklamierte er ausgelassen triumphierend: „Ada und Silla, hört meine Stimme. Lamecks Gattinnen hört meine Rede: Der Mann, den ich mordete mir nicht zum Gewinn"— „Bist Du verrückt geworden?" „Siebenmal ward Kain gerächt, Siebenmal siebenzig will Lameck ich rächen!" „Bist Du denn ganz von Sinn und Verstand, Faste?" „Ich sage Dir, Bera, Freundschaft ist mehr als Liebe.— Du bist niir mehr als Ada und Silla und mehr als alle Gattinnen Lamecks zusammengenommen. Und deswegen jubelt Lameck vor allen anderen Dir, Bera, seine Siegeshymne zu—" Einen plötzlich ausleuchtenden Ausdruck bedeckte der Sonnem schirm, indem sie es vermied, ihn anzusehen, und sie antwortete mit einem ziemlich trockenen:„Nun?" „Hör' einmal, Bera! Hier komme ich mit dem Schlüssel zu der Welt— zu meiner ganzen Zukunft in der Tasche!" „So— mehr nicht? Du meinst, wenn Du nur den Torschlüssel «rst hast, so kommt das Schloß schon nach!" „Ja, Du, wenn man den goldenen Schlüssel hat. Ich habe heute Onkel Joel geschmolzen, so daß das Metall in großen, blauten Tropfen von ihm herabtroff,— dreitausendfünfhundert Kronen! — Die Grundlage, auf der ich beginnen kann, verstehst Du? Und dann kommt cS nur auf die Hand an, die den Schlüssel herum- dreht!" Sie blieb plötzlich stehen, drehte den Sonnenschirm ganz nach hinten in den Nacken, als wolle sie sich gegen etwas Unbegreifliches schirmen, das sie erschreckte: „Du?— treitausendfünf— Und von Deinem Onkel Joel? Du faselst wohl?" „So! Und ich glaubte, Du würdest Dich freuen,— es wenigstens ein bißchen anerkennen!" „Aber sag' nur einmal, wie in aller Welt,— dreitausend Kronen von—" „Dreitausendfünfhundcrt!" «Ich stelle mir nur D i cki vor— und Deinen Onkel-- 1" „Ja, ich und Onkel Joel." „Mache mich nicht bange, sage ich Dir!" „Willst Du heute denn auch wieder böse sein?" „Großer Gott, welche Verpflichtungen muß sich der Mann nicht von Dir ausbedungen haben, ehe er mit seinem Geld herausgerückt ist,— und so viel Geld! Wenn Du auf etwas versessen bist, Faste, so weißt Du es immer ins beste Licht zu rücken--- Und Du hast dann so schrecklich viele Auswege!" jammerte sie beinahe. „Das heißt, ich setze meine Pläne durch trotz Feuer und Wasser. Wenn Du das die Sache ins beste Licht rücken nennst, so— ja. Du denkst natürlich au das Perpetuum, Du auch, das wird mir auch immer unter die Nase gerieben!" „Sag' doch nur, wie es zugegangen ist, hörst Tu, Faste! Ich werde ganz unruhig." „Wie es zugegangen ist?— Wie man einen Menschen besiegt? Ich gestehe gern ein, daß dabei ein wenig von dem Fuchs mit im Spiel war, der dem Raben schmeichelte, bis dieser den Käse fallen ließ,— oder doch einen kleinen Bruchteil davon. Im übrigen aber war es der alte Brief, von dem ich Dir am Montag auf der Brücke erzählte. Geradezu ein finanzieller Geniestreich. Und ich glaube auch, er fühlte dasselbe und taute auf." Sie sah ihn grübelnd an:—„Da war ja eigentlich ein ziemlich delikater Punkt für Deinen Onkel in dieser Geschichte," sagte sie dann.„Ich muhte wenigstens gleich daran denken, was der strenge, hochmoralische Herr Bankdirektor dazu meinen würde, wenn es bekannt würde, daß er die Grundlage zu seinem Vermögen dadurch gelegt hat, daß er diesem Kapitän Sand in die Augen streute." „Aber Du siehst doch wohl ein, daß es genial, glänzend, sprudelnd, glänzend genial war,— daß sich so nur ein Obergeneral des Mammons aus der Verlegenheit zieht!" „Ich frage nur. Faste, wie meinst Du, werden die Leute hier in der Stadt diese Sache beurteilen?" „Pah, den Spießbürgern kann das nur ganz einfach impo- nicren; die beugen sich immer vor dem Resultat. Offen gestanden, Vera ,Du bereitest mir eine Enttäuschung, nie und nimmer hätte ich geglaubt, daß Du so engherzig bist!" „Gabst Du ihm dann den Brief?" „Freilich, denn er leugnete die Geschichte ja, bis er ihn in der Hand hielt, weißt Du." „Und dann?"* „Verteufeltes Verhör!" rief er ärgerlich,—„ja, dann warf er ihn ins Feuer und wir sprachen nicht mehr davon. Tann redeten wir noch eine Weile über das Geld hin und her, bis er nachgab." „Es ist aber wirklich keine Kleinigkeit, bei Dir einer Sache auf den Grund zu kommen. Faste--- fiel es Dir denn wirklich gar nicht ein,— nicht einmal im Innersten Deiner Seele,— daß es Deinem Onkel peinlich sein könne, ja, daß er geradezu bange darin sein könne, Dich mit dem Beleg für diese Jugendgeschichte in der Tasche herumlaufen zu lassen?" „Du willst mich doch um Himmelswillen nicht geradezu beschul- digen, daß ich Onkel Joels Brief dazu benutzt haben sollte, um von dem Mann Geld zu erpressen?" brauste Faste wütend auf.„Das muß ich sagen,"— fügte er kühl hinzu—„nach unserer jähre- langen Freundschaft hatte ich erwartet, daß Du mich besser kennen würdest." „Ja, wenn ich nur einmal sagen könnte, daß ich Dich besser kennte! Du bist so vielseitig, Faste. Ich bin nie ganz sicher, wo ich Dich habe. So urplötzlich taucht alles bei Dir auf, daß ich erst im Grunde hinterher begreife, wie es sich eigentlich verhält." „Und nun meinst Du oder befürchtest Tu, daß ich heute„eigcnt- lichst", wie Du Dich ausdrückst, bluttriefend geradeswegs von Onkel Joel herkomme, dem ich 3200 Kronen geraubt—" „Ach, Du weißt recht gut, daß ich so etwas nicht meine. Aber Du kannst, ohne es selber zu ahnen, so merkwürdig die Augen gerade für irgendeine beliebige Seite der Sache verschließen, die Du nicht zu sehen wünschest." „Tanke schön! Tu meinst also mit anderen Worten, daß ich, ganz unversehens und unbewußt, Onkel Joel die Pistole auf die Brust gesetzt habe!" „Nein, nein; aber ich werde nur so unsicher. Du kannst niemals eine Sache klar und deutlich darlegen. Man hat oft das Gefühl, als schaue man in einen Abgrund hinab, das macht mich bange." „Bange— bange— daß Tu einen Straßcnräuber zum Freund hast!" lachte er munter. Er schien es nicht zu bemerken, daß sie an dem Fußpfad still stand, der zwischen Gartenzäunen und Waldungen direkt zu dem Landhause ihres Vaters führte. „Sonderbar."— rief er dann aus,—„ich glaube, es ist im Grunde diese Deine Angst, die mich immer am meisten zu Dir hin- gezogen hat, Bera,—• der ängstliche Vogel in Dir, der wie ein Specht dasitzt und an meinem Gewissen pickt, als wollte er sehen, ob der Baum krank ist. Du hättest mich fast dahin gebracht, daß ich spornstreichs zu Onkel Joel zurückgelaufen wäre, um zu fragen, ob ich ihn heute Vormittag wirklich ausgeplündert habe," (Fortsetzung folgt.) HrdnteKtur. Selten bietet sich für einen modernen Künstler die Gelegenheit, ein staatliches Gebäude nach seinen Ideen auszugestalten. Sieht man unsere öffentlichen Gebäude, unsere Sammlungen, unsere Museen darauf an, inwieweit bei ihnen Rücksicht darauf genommen wurde, den Raum nach architektonischen Gesetzen zu erweitern und zu schmücken, so ist es da mit der sinnvollen Zweckgestaltung des Raumes bald zu Ende. Wir haben erst seit kurzem einen Blick dafür bekommen, daß eine Halle, ein Empfangsraum nach anderen Prinzipien ausgebaut sein müsse, als wir es bei unseren Wohn- räumen gewohnt sind. Ein solcher Raum ist dafür bestimmt, Tausenden von Menschen, die eine Weile sich hier aufhalten, zum GemH und zur Erholung zu dienen, er soll frei und weit und licht sein und das Auge hinlenken auf die schöne Freiheit, die in solchen großen uud ungewöhnlichen Dimensionen schlummert, daß es ge- eignet wird, dann ini Weitergehen die Gegenstände richtig zu werten, zu genießen, sich an ihnen zu erfreuen. ES wird noch geraume Zeit dauern, ehe man sich an die Not- wendigkeit gewöhnt, einem einzigen Künstler die Ausgestaltung solches Raumes zu übertragen. Unsere Museen machen den Eindruck eines Warenlagers und wecken nicht die Vorstellung, alS befände man sich zu Gast bei all' denen, deren Werke hier gesammelt find, deren Tätigkeit Zeugnis ist für das Streben eines ganzen Volkes. Gerade daran, wie wir ein solches Gebäude, das dem gemeinsamen Genuß eines ganzen, großen Gemeinwesens dienen soll, ausgestalten, daran zeigt sich die Kultur- höhe eines Volkes. Bis jetzt sind diese Gebäude imnier noch mehr oder weniger Sammelstätten für wissenschaftliche Zwecke und dienen denen, die von Berufswegen sich mit den aufgestapelten Schätzen beschästigen. Sie müssen und sollen aber für weiteste Kreise eine Stätte unmittelbaren Genusses werden. Denn was sollte anders den Menschen erfreuen, wenn nicht die allmähliche Arbeit derer, die bemüht waren, das Streben und Sehnen jeweiliger Zeiten im Bilde oder in anderen Werken festzuhalten? Da redet überall ein Empfinden zu uns, das dem unseren parallel geht, und je mehr sich die Gefühle einer großen, wachsenden Gemeinsam- keit vertiefen, um so stärker fühlen wir den Zusammenhang mit den Männern, die einfach und schlicht ihr Lebenswerk taten in längst vergangener Zeit, so daß ihr Werk noch jetzt uns erfreut, noch jetzt unser Staunen und unsere Beftiedigung nährt. Wer solch eine Aufgabe übernimmt, muß wissen, daß er sich Zweckgesetzen und sozialen Anforderungen zu beugen hat. Für diese Ideen bekommen wir erst jetzt ein Organ, und ein Künstler in vorgerücktem Alter, der aufwuchs in Vorstellungen, die uns fremd sind, wird dieses Organ erst besitzen können. So wird die Art, wie ein Austrag ausgeführt wird, erkennen lassen, wie weit der Künstler sich bewußt war, für eine Gesamtheit zu schaffen und wie weit er dekorative Raumgesetze respektierte. Diese Gedanken kommen einem wieder, wenn man die über- raschende Kunde verninimt, daß Berlin ein neues Opernhaus erhalten soll. Und zwar wird die Allgemeinheit gar nicht gefragt. ES wird von oben her bestimmt, wer es bauen soll und damit ist die Frage erledigt. Nein, sie ist damit nicht erledigt. Haben wir in Berlin einen Ueberfluß an guten Bauten? Wir leiden empfindlich Mangel daran. Wir müssen eifersüchtig darüber wachen, daß eine nene Aufgabe einem Könner zuteil wird, nicht einem Pfuscher, nicht einem Akade- miker, nicht einem Stilimilalor. Damit ein solches Gebäude von dem Geist unserer Zeit redet I Noch dazu, wenn es sich um eine Aufgabe größten Stils handelt. Man spricht von 15 Millionen. Und wer baut dieses Gebäude? Ein Baurat Genziner. Wer kennt ihn? Es mag ein achtbarer Mann sein, das soll niemand bestreiten. Aber reicht das aus? Wo sind die Taten, die ihn zur Uebcrnahme solcher Aufgabe, aus die Generationeu warten, berechtigt. In der Stadt, der Schinkel das Schauspielhaus, KnobelS- dorff das alte Opernhaus baute, müßte schon die Pietät anhalten, nur dem besten Künstler solche Aufgabe zu über- tragen. Denn das find Denkmäler sür Jahrhunderte. Aber solche Sachen werden bei uns jetzt im Handumdrehen abgemacht und durch einen Fcdcr''nch erledigt. Nennt man das Pflichterstillimg? Die Nation bat ein Interesse daran, daß solche Dinge in breitester Oeffentlichkeit verhandelt werden. Alle Kräfte müssen ans- gerufen lverden. Vom grünen Tisch ans oder durch besondere Ver- fügung sind solche Fragen nicht zu erledigen. Damit ignoriert man selbst die Kulturzusanimenhänge und isoliert sich in einen engen Kreis, dem die Berechtigung zu allgemeiner Bestimmung abgeht. Die besten Aufträge kommen dadurch in unrechte Hände. Und da- durch wird das Architekturbild Berlins ein imnier schlimmeres. Das ist um so bedauerlicher, als gerade Berlin jetzt Aufgaben zu über- nehmen hat, gerade architektonischer Art. Die Entwickelung verlangt es. Nur hier stehen die großen Summen zur Verfügung. Hier hat Berlin eine Kiilturnufgabe zu erfüllen. Wie erfüllt es sie? Es drückt sich herum. Es stellt sich so, als wäre es eine Klein- stadt, auf die niemand achtet. Es degradiert sich selbst. Wie viel junge Künstler mit hochfliegenden Plänen wären hier die geeigneten Kräfte! Sie warten auf solche Aufgaben. Und nicht nur das; nicht nur Kräfte bleiben ungenützt; es füllt sich die Stadt von Jahr zu Jahr mit Bauwerken, die ihm zur Unehre gereichen, die noch das Wenige, Gute, Alte zerstören. Aber selbst wenn man nicht zu dem probaten Mittel eines öffentlichen Preisausschreibens greifen will, hat man nickt andere bewährte Kräfte zur Verfügung, die das Vertrauen der künstlerisch maßgebenden Kreise besitzen? Auf diese Frage wird von zwei Bauten von selbst die Antwort erteilt, die neuerdings beendet wurden. Zwei neue Gebäude sind an der Waisenbrücke in die Höhe gewachsen, die der sonst nicht gut beleumundeten Berliner Architektur zum Ruhm gereichen. Der Zufall hat es gefügt, daß die beiden Baumeister, die augenblicklich unsere besten und selbständigsten Künstler sind, in so dichte Nachbar- schaft geraten sind. Die beiden Bauwerke, die sie geschaffen, stehen sich gerade gegenüber. Messel und Hoffmann sind die Erbauer. H o f f m a n n stand einer interessanten Aufgabe gegenüber. ES galt, dein Märkischen Museum eine Heimstätte zu schaffen. Hoffmann hat die Aufgabe so glänzend gelöst, daß sein Bauwerk nicht nur, weil es die Schätze märkischer Vergangenheit birgt, aufgesucht werden wird. Es ist ein selbständiges Kunstwerk, das um seiner selbst willen betrachtet sein will. Am besten präsentiert sich von weitem der Bau von der Dampferanlegestelle der Schiffahrtsgcsellschaft„Stern" oder von der Januowitzbrücke aus. Dann bildet das Wasser eine schöne, ruhige Fläche, hinter der sich der hochragende Bau um so imposanter erhebt. Er wirkt um so aparter, als er ein wenig vom Waffer zurückliegt. Rings ist das Gelände nicht regelmäßig bebaut. Lager- Plätze, alte Werkstätten, gegenüber ein großes neueres Warenhaus. Jenseits der Brücke, hinter der sich das Wasser in zwei Arme ver- zweigt, die von großen, breiten Schiffen bevölkert find, zeichnet sich am Horizont die Silhouette der Stadt ab, dunkle Dächer, darüber ein überaus schlanker, nadelspitzer Kirchturm. Am Ufer geben eine Reihe kleiner, unregelmäßiger Häuser ein malerisches Bild, dunkle Farben, von graueren Tönen der Wandflächen unterbrochen, mit Giebeln und kleinen Fenstern und Luken, aus denen Blumen heraushängen. Den Abschluß bildet ein düsteres Viereck mit eigentümlich bleigrauer Färbung der kompakten Mauern, die von einem festen, viereckigen Turm beinahe drohend überragt sind. In dieses architektonisch reizvolle Bild Alt-Berlins fügt sich das Museum vortrefflich ein. Es ist ein Glück, daß hier mit dem aka- demischen Prinzip gebrochen wurde, wonach ein Museum ein Renaiffencebau sein müß. Hier ist die märkische Bauweise inne- gehalten, ein intimer Reiz haftet dem Museum Zn, das die alten einheimischen Formen wieder zu Ehren bringt. Mit außerordentlich feinem Geschick hat Hoffmann aber die Ueberfülle vermieden. In diesen Fehler verfallen die meisten Bau- meister, die den Backsteinbau pflegen. Ihre Bauten leiden unter dem Allzuviel. Hier haben wir im Ganzen eine wundervolle Flächenwirkung. Der Bau besteht aus vielen, einzelnen Teilen, ein domartiger Anbau, in der Mitte eine märkische Kirche mit kleinem, aufgesetztem Türmchen, dann ein breiter märkischer Festungsturm. Trotzdem ist es dem Künstler geglückt, dieses malerische Durch- einander, das sich auf dem verzwickten Baugrund, einer zugespitzten Ecke, aufbaut, zusammenzuhalten. Er erreicht dies durch die sinn- gemäße Verwendung der Fläche, die immer rechtzeitig im Ganzen vorherrscht. Wie reich uud vielfältig gegliedert ist der Schmuck des Anbaus, der mit feiner Einpfindung aufgespart bis zum Abschluß des Daches, allerlei Rosetten und wie spielend gefornite Bekrönungen, dazwischen glasierte Steine, die einen Schimmer über das stunipfe Material iverfen. Wie mtiin wirkt die kleine Kirche mit dem ausgesetzten Türmcheu, wie großzügig ist das Dach gehalten niit den großen, dunklen Metallplatten. Dann aber als imposanter Schlußakkord der breite märkische Turm, der kompakt in die Höhe steigt, oben sich imnier mehr eiueugt. bis das Dach in einem schinalen Strich endet. So ist das Malerische(die Einzelheilen) und das Architeltonischs (die ruhige Flächeuwirkung des Ganzen) zu einer künstlerischen Ein- heit verschmolzen. ES oerdient noch hcrvorgcben zu werden, wie schön die stumpfrote Farbe des Materials im ganzen wirkt, ein leichter, grauer Schimmer liegt darüber. Reizvolle Einzelheiten sind noch die zyklopischen Grundmauern des einen Teils, (einfach geschichtete Blöcke, wie es früher üblich war), auf die dann der Ziegelstein«»setzt, dann die feine Berücksichtigung des Strauch- Werks und Rankeuwerks, das den Bau unten umspannt. In den winkligen Ecken stehen Bäume. Efeu kriecht an den Quadern hinauf. Sträucher schlingen ihre vielfältigen Arme um das Gesims. Ileberall, auch in den verschiedenartigen Formen der Fenster, bald viereckig, bald spitzzulaufend, bald oben gerundet, ein deutliches Betonen des Willens, des architeilonischen Grundgedankens! dabei im einzelnen intime Berücksichtigung feinster, malerischer Reize. DaS Ganze ist eine in sich vollendete Schöpfung eines reifen 5lünstlers, der nicht der Laune folgt, sondern mit bewußtem Können ein Bauwerk hinsetzt, das sich einfügt in das Stadtbild und dennoch eine neue Tat ist, die landschaftliche Umgebung berücksichiigt, aus ihr hervorwächst und dennoch über sie dominiert. Der M e ss e l sch e Neubau, die LandesversichernngSanstalt ist architektonischer, strenger als das Hofmannsche Museum. Er ist neu- artiger. Das Prinzip der hochstrebenden, von unten bis unter daS Dach reichenden Vfeiler beherrscht die Fassade. Dadurch gliedert sich der Bau so übersichtlich und erhält einen strengen, einheitlich großen Charakter. Eine wohltuende Abwechselung schaffen die leicht gewellt laufenden Luken des DacheS, die im Mittelteil vorherrschend betont sind, so daß über den parallel hochstrebenden Säulen ein großer fein geschwungener Abschluß erscheint, der wiederum über« ragt wird von einem einfachen, nüirkischen Turm, der zugleich ein» fach uud zierlich ist. Der Mitlelteil des Baues strebt aus der Fläche heraus, so daß auch hier eine leichte, nach vorn dringende ovale Rundung sich zeigt. Zwischen diesen strengen Streben ist überall in Hardlheimer Kalk- stein Schmuck verteilt. Die Streben selbst sind in Ziegel ausgeführt. Die graue Farbe des Kalksteins steht gut und diskrec dazu. Leicht nur heben sich die Konturen, die aus dem rauhen, porösen Stein herausgemcißclt sind. Heraus. Zwanglose Gruppierung schafft ein lebendige?, reizvolles Bild. Hier eine Gruppe schreitender Fi uren, dort eine Balustradenfolge. hier ein Emblem. Die hohen S"ck. i find oben mit einer leichten Girlande geschmückt. Der Abschluß des Mittelteils erhält eine besondere Hervorhebung dadurch, daß ein Walkon hinter den Säulen ausgespart ist, den ein weißes, schmales Witter schlitzt. Hinter diesem Gitter schafft grünes Blattwerk einen schönen, tiefrnhigen Hintergrund. llcberhaupt fällt hier wie bei allen Bauten Messels auf, wie sehr dieser Künstler neben dem Kräftigen. Strengen, ja Massigen das Zierliche beherrscht. Mit unnachahmlicher Grazie stellt er neben die Wucht den leichten, lässigen Schwung, auf die Säulen setzt er eine leichte Girlande, den Mittelteil schließt er mit einen? zierlichen Balkongitter oben ab. Wie leise nnd fein sind die kleinen Reliefs alle über die Fassade verteilt I Er bändigt die Massen und indem nie eine Unklarheit, eine Phrase sich vordrängt, erhält jeder Wau eine Klarheit, Ucbersichtlichkeit, die trotz der Größe beinahe fein nnd zierlich erscheint. Er verteilt alle Verhältnisse mit feinem und sicherem Maßgcfühl und so halten sich alle Massen das Gleich- gewicht. Einer besonderen Aufmerksamkeit sind die Tore Messels wert. Er befleißigt sich da einer Einfachheit und Zurückhaltung, die gut absticht von der jetzt bei unseren offiziellen Gebäuden herrschenden Protzerei der Tore und Eingänge. Wie einfach find auch seine Ein- gangshallen, schn, ucklos, simpel, in einfachem Weiß gehalten. Es ist als wollte Messel nach den Prunkrämnen bei Werthenn seine Zurückhaltung besonders dokumentieren. Die Tore find ganz siein, aus einfachein Holz, ohne Schnitzerei, nur ei>i leichter, ovaler Kranz ist im oberen Teile der der Tür sichtbar. Die Holzfläche, Farbe, Maserung tritt als solche hervor. Stur in der gleichmäßigen grauen Färbung zeigt sich die Feinheit des Geschmacks. Messel vermeidet es offensichtlich, das Tor tu betonen. Ihm ist ein Gebäude ein Schntzraum, er will bc- erbergen. Demgemäß zieht er die Tür zurück, macht sie siein und unauffällig. Dadurch erreicht er, daß die Fassade einheitlich als Ganzes erscheint und nicht wie sonst üblich, daS Portal sich uu- gebührlich verdrängt. Die Fenster sind groß und einfach gegliedert, sie treten eben- falls unauffällig zurück. Klares Prinzip auch hier, kein Vertuschen. regelmäßiger Aufbau. Der einzige Schmuck der Eingangshalle ist eine große, schwarze, schmiedeeiserne Ampel, die zu dem Weiß der Treppen einen guten Gegensatz bildet. So macht der Van, trotzdem er wuchtig und hochstrebend ist, dennoch einen feinen, intimen Eindruck. Das Konstruktive, das Architektonische tritt klar hervor. Aber auch das Malerische, das in der Fläche schmückende Prinzip ist berücksichtigt. Wie schön wirkt, wenn man seitlich tritt und den Bau von hier aus betrachtet, die parallele Aufeinanderfolge der Säulen, die sich unmerklich vorschieben, so daß immer die eine Säule vor der an- deren einen geringen Vorsprung hat. Messel hält sich frei von Reminiszenz. Er ahmt nicht alte Stile nach. Er benützt sie und er verwendet ihre Anregungen, aber er wird nicht ihr skavischcr Nachahmer. Er gibt eine Einheit, die sein Werk ist: Kraft und Zierlichkeit harmonisch vereint. Ernst Schur. kleines feinUewm Meteorologisches. Die Berliner Gewitter vom 22. August, tvte sie namentlich im Süowcstcn der Hauptstadt sich abgespielt haben, wer- den den Meteorologen einen reichen Stoff zu Studien und Er- örterungen geben. Auch der Laie, der mit einem offenen Auge und mir einem gesunden Menschenverstand ohne besondere fachliche Vorbildung die ihn umgebende Natur und ihre Kraftäußerungcn beobachtet, kennt die Verschiedenartigkeit der Erschcinuirgen, die man unter dem Namen des Gewitters zusammenzufassen gewohnt ist. In einem einzigen einigermaßen gewittcrrcichcn Sommer, wie es der diesjährige ohne Zweifel gewesen ist, hat man reichlich Gelegenheit, die Unterschiede einzelner Gewitter zu verfolgen. De? 22. August nimmt wenigstens für Berlin und für das Jahr 1903 eine Sonderstellung in dieser Hinsicht ein. Wenn man es gewissermaßen als den normalen Gang eines Gewitters bezeichnen kann, daß die Wolken allinahlkh aufzicben, sich mit die Schwüle plötzlich ablösenden, sturmartigcn Windstößen, für die das Volk tin Osten Deutschlands die ireffende Bezeichnung„Eilung" besitzt, zu entladen beginnen, so war der Verlaus der Gewitter am 22. August ein völlig anderer. Nachdem schon der vorangegangene Tag ungewöhnlich warm und schwül gewesen war. auch mit einem kurzen Gewitter geendet harte, herrschte in den frühen Morgenstunden bei klarem Himmel heller Sonnenschein bei völliger Windstille und brückender Hitze. Gegen 0 Uhr begann sich die Atmosphäre zu trüben, nnd schon nach wenigen Minuten setzte das erste Gewitter ■ein, ohne baß die Windstille unterbrochen wurde. Während man sonst bch Gewinern einzelne Wolkenfctzen wahrnimmt, lvar in diesem Fall d. Himmel einheitlich grau, und während sonst die Wlitze in rascher Folge teils zwuschcn den einzelnen Wolken, teils zwischen diesen und der Erde sich entladen, schien sich der ganze Vorgang diesmal nur zwischen der Erdoberfläche und einer ein- heitlichen Wolkendecke zu vollziehen. Die Folge davon Garen einzelne wenige Entladungen von furchtbarer Kraft, die durch laiige Pausen voneinander getrennt wurden. Manche Donnerschläge waren so stark, daß große Häuser sekundenlang erzitterten. Schwache Blitze kamen überhaupt nicht vor, sondern jede Entladung schien die ganze Spannung zwischen Wolke und Erde zu erschöpfen, die sich dann allmählich wieder ansanimelte, bis sie zu einer neuen Eni- ladung reif war. So erschien dies Gewitter wie eine Nachahmung des bekannten Experiments mit der Elektrisiermaschine, von der Natur selbst in großartigstem Maßstabe ausgeführt. Nachdem kurz um 7 Uhr morgens das Gewitter mit dem heftigsten Donnerschlage geschlossen hatte, verzogen sich die Wolken und nach cttoa zwei Stunden kam die Sonne wieder zum Borschein. Die Wetterfahnen standen wie festgenagelt und es zeigte sich nicht die geringste Aende- rung des Wriides bezw. der Windstille an. Nachmittags um 3 Uhr wiederholte sich das Schauspiel in fast genau derselben Weise. Das zweite Gewitter dauerte etwa eine halbe Stunde und bestand wieder nur aus wenigen furchtbaren Schlägen, die um so stärker wirkten, als sie wiederum durch lange Pausen voneinander geschieden waren. Eine genauere Aufklärung über diese eigenartigen Gewitter wird erst möglich sein, wenn sich die allgemeine Wetterlage überseheir läßt und eine größere Anzahl von Beobachtungen gesammelt worden ist. Zwei Punkte können aber schon hervorgehoben werden. Der eine betrifft die physiologische Wirkung dieser Gewitter. Die Gc- witterfurcht oder überhaupt die Empfänglichkeit für Erregungen durch atmosphärische Vorgänge ist bei den euizelnen Menschen sehr verschieden. Es gehörten aber jedenfalls am 22. August starke Nerven dazu, um sich diesen Einflüssen zu entziehen, und es kann als Tatsache ausgesagt werden, daß an diesem Tage auch Leute von einer mehr oder weniger heftigen Aufregung erfaßt lourden, die sonst einer Gewitterfurcht in keiner Weise unterliegen. Wenn eigentliche Messungen angestellt worden sind, so werden sie ver- mutlich ergeben haben, daß die elektrische Spannung der Atmo. sphäre einen ganz ungewöhnlichen Grad erreicht hatte. Der zweite Punkt betrifft das Auftreten solcher Gewitter gerade über dem. Gebiet einer Großstadt. Als Erklärung dafür dürfte der große Staubgehalt in der Luft dienen, der durch die unzähligen Schorn- steine sowie durch den ganzen Betrieb und Verkehr der Großstadt chedingt wird. Dadurch erhält die Lust eine gesteigerte Schwere und gerät in eine Stagnation, die solange anhält, bis ein krästtger Windstoß die Luftschichten durcheinanderrübrt und auseinander- treibt. Aus dem Gebiete der Chemie. Die Verflüssigung des Heliums. Nachdem die ersten Nachrichten über die Verdichtung des Heliums sich als irr- tümlich herausgestellt hatten, ist es vor einigen Wochen Kamcrlingh Onnes unzweifelhaft gelungen, eine größere Menge flüssigen Heliums zu erhalten. Die Berichte der königlichen Akademie zu Amsterdam geben nunmehr nähere Einzelheiten über dies wichtige Experiment. Seine Kältcstudien hat Professor Onnes schon im Jahre 1833 begonnen, und seither blieb er unaufhörlich bemüht, den Tiefpunkt der Temperatur zu erreichen. Die Vorarbeiten zur Verflüssigung des Heliums nahmen mehrere Jahre in, Anspruch. Eine wesentliche Förderung erhielten seine Arbeiten im Jahr 1905 durch die Amsterdamer Handelskammer, indem ihm eine genügende Menge von Monachitsano zur billigen Darstellung von Helium zur Verfügung gestellt wurde. Tos Helium wird aus diesem Aus- gangsmatcrial durch Erhitzen gewonnen und sodann aus das sorg- fältigste gereinigt. Im Jahre 1907 konnten die ersten Jsothcrmal- bestimmungen aufgenommen werden, wonach die kritische Tempe- ratur bei 5 bis 6 Grad über dem absoluten Nullpunkt liegen mutzte. Dies Ergebnis stimmte besser mit der von Tewar angegebeiieu Zahl von 8 Grad übercin, als mit dem Resultat Olszewskis, der 2 Grad gefunden hatte. Einen Tag vor dem entscheidenden Experiment, am 9. Juli, wurden 75 Liter flüssiger Lust dargestellt, und am 10. Juli um 6 Uhr früh begann die Bereitung der nötigen Mengen von flüssigem Waperstoff. Um 162 Uhr nachmittags waren 20 Liter davon bereitet. Inzwischen war der Teil des Apparates, in dem das Helium zu zirkulieren hatte, sorgfältig leer gepumpt und mit Helium durchgespült worden. In den spaten Nacbmittagsstunden brachte dann endlich das Funktionieren der Verflüssigungsapparate das gctvünschte Ergebnis. ES gelang, das verflüssigte Gas etwa zwei Stunden in Beobachtung zu halten. Nachdem das Helium wieder Gasform angenommen hatte, wurde es einer genauen Kon- trolle bezüglich seiner Reinheit unterworfen. Die hauptsächlichen Eigenschaften sind die folgenden: Der Siedepunkt liegt bei 4,3 Grad über dem absoluten Nullpunkt, abgelesen an dem Hcliumthermo- meicr. Dieser gibt auf die absolute Skala umgerechnet einen Wert von 4,5 Grad. Das flüssige Helium hat eine Dichte von 0,15. Für den kritischen Druck ergibt sich ein Wert von 2 bis 3 Atmo- sphären, so daß Helium unter dem Druck von 5000 Atmosphären cüva der Kohlensaure unter dem Druck von 100 000 entspricht. Die kritische Temperatur ist nicht viel mehr als 5 Grad. Die Apparate, mit denen Kamerlingh Onnes arbeitet, sind bereits äm Jahre 1888 in Angriff genommen worden. Zur Reinigung der Gase unter Druck wurde die von Sir I. Dewar angegebene Methode der frak- tioniertcn Absorption durch Gaskohle in Anwendung gebracht, und ebenso wurde die Dewarsche Flasche in allen Stadien der Operation bertvandt. Die Gesamtmenge des verflüssigten Heliums war eine relativ sehr große und betrug über 00 Kubikzentimeter. Verantwortl. Rcdaktcu?: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Bucbdruckerci u.VcrlcmtanitaltPaul Singer LcEo.. Berlin iiW-