Mnterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 163. Dienstag, den 1. September. 1903 451 IVlakia. lNachdru« verboten.) Roman aus dem modernen Sizilien von Emil Rasmussen. Den ganzen Karfreitag hatte Crocifissa über das Leiden des Heilands gegrübelt, aber ohne in Ekstase zu fallen. Als die beiden Geistlichen eintraten, lag sie betend vor ihrem Katarinenkopf auf den Knien: erst auf Don Gerlandos Ge- heiß stand sie auf und ging hin, um den Ring des Bischofs zu küssen. „Nun befehle ich Dir", sagte Don Gerlando in seinem gebieterischsten Tone,„die Kreuzigung unseres Herrn und Erlösers zu erleiden— aber stehend!" Augenblicklich veränderten sich die Züge ihres Gesichtes. Sie hob sich auf die Zehenspitzen und spannte die Arme aus, als sei sie wirklich an ein Kreuz geschlagen. Jede Muskel bebte vor Leiden und ihre Brust zuckte in so heftigen Stößen, daß die Nonnen später behaupteten, sie hätten es bis hinab in die Kapelle gehört. Es knackte in jedem Gliede des schmäch- tigen gekrümmten Körpers, der sich qualzerrisscn in grauen- erregenden Krämpfen wand. Mitten darin begann sie emporzuspringen. „Höher! höher!" kommandierte der Priester, und nun meinten sie sie wie auf unsichtbaren Schwingen empor- schweben zu sehen, ohne die Erde zu berühren, um gleich dar- auf wieder herabzusinken. Als sie einige Zeit am Kreuze gehangen hatte, fiel sie plötzlich der Länge nach zu Boden, das Gesicht auf die Steinfliesen schlagend. „Entsetzlich!" flüsterte der Bischof und schlug das Kreuz. Don Gerlando lächelte zufrieden wie der Direktor eines Schreckenkabinetts. Crocifissa blieb eine Weil mit kreuzweise ausgestreckten Armen liegen. „Ihr Rücken hält das nicht aus," sagte der Bischof. „Oh ja, sie verträgt es!" meinte der Priester. In demselben Augenblick erhob sie sich und nahm die frühere Stellung ein. Obwohl augenscheinlich ohne Bewußt- sein, beantwortete sie dennoch die Frage ihres Beichtvaters, warum sie zu Boden gefallen sein? „Als die Juden Jesus ans Kreuz schlugen, mußten sie es umwenden, um die Nägel auf der anderen Seite umzu- biegen." Nachdem dies eine Stunde gewährt, sagte der Bischof endlich: „Dies mag genug sein!" Der Priester verbeugte sich und befahl: „In des heiligen Gehorsams Namen, stelle Deine Leiden ein!" Wie durch ein Wunder härten die Qualen auf. Sie warf sich vor den heiligen Dienern Gottes nieder und küßte ihre Füße. Der Priester rief nun die Priorin herbei und verordnete. Crocifissa solle sich zu Bette legen und etwas zu essen be- kommen. Sie aß auch mit großem Appetit, nachdem sie viele Tage Ekel empfunden und sich geweigert Hatzte, etwas zu genießen. „Wahrhaftig, dies Weib ist begnadet!" sagte der Bischof als er fortging, in seinem Innersten erschüttert von dem, was er gesehen. „Ja, Monsignore, wir haben eine Heilige bekommen! Und welche Demut vor dem geistlichen Amte! Welcher Ge- horsam gegenüber den Dienern der Kirche! Crocifissa lag nun einen vollen Monat zu Bette. Ihre Seite blutete, und ein neues Mirakel: sie schied in all dieser Zeit fast keinen Urin aus. Das Volk strömte in großen Scharen zum Kloster. Man betete zu ihr: man wetteiferte, sie berühren zu dürfen. Mütter brachten die Kleider ihrer Kinder, um sie durch �Berührung mit dem Körper der Heiligen zu weihen. Man kämpfte um einen Tropfen ihres Urins und trank ihn als Mittel gegen alle erdenklichen Krankheiten. 18. Gräfin Lucia hatte gewünscht, daß Angelo und Bionda in ibrem Lause wohnen blieben: sie wollte ihnen eine Wob- nung im zweiten Stockwerke einrichten. Aber dieser Plan stieß auf entschiedenen Widerstand. Der einzige Vorteil, den diese Ehe bieten sollte, war ja eben der, der nächsten Nähe der Gräfin zu entkommen. Sie fanden eine Wohnung in einem Palazzo weiter unten auf dem Korso. Bionda hatte sie namentlich gewählt. weil sie große Altane hatte, die auf die Ebene gingen und eine freie herrliche Aussicht über das Meer boten. Hier konnte sie in Frieden sitzen, ohne von der Straße beglotzt zu werden, einsam und ihren Träumen hingegeben. Die Ehe wurde nach außen wie die meisten signorileu jungen Ehen— wurde so, wie ein kleiner Knabe sich eine Ehe mit dem kleinen Mädchen denkt, das er lieb hat. Bionda blühte in der neuen Luft und den neuen Um» gebungen auf. Sie wurde lebhafter, fast munter. Es gab Tage, wo sie eine so rein körperliche Befreiung fühlte, daß sie fast vor Wohlbehagen hätte schreien mögen. Es war so viel Neues zu versuchen und zu ordnen, es gab so viel neue Stim- mungen, in die man sich einzuleben hatte. Und dann war es so lustig, Hausmütterchen zu spielen. Zu ihrer Bedienung bekam sie ein junges Mädchen aus der Stadt, mit der sie sogleich Freundschaft schloß. Allmählich, wie all das Neue alltäglicher wurde, fiel sie wieder in ihre träumende Melancholie, in ihr geistiges Zu» sammcnleben mit Gianandrea zurück, in das ihre Sehnsucht sich endlich umgesetzt hatte. Kein wirkliches Beisammensein konnte abwechselnder an Erlebnissen, reicher an Genüssen fein. Es war wie eine ferne, ewig wechselnde, aber immer gleich berauschende Musik. Das Leben verrann ja wie eine Reihe von Tagen ohne Zusamemnhang, ohne Sinn und Zweck. Des Lebens Einheit und Inhalt mußte sie selbst hineindichten. Und welchen Zweck konnte das Leben haben als den einer Wicdervereini- gung mit Gianandrea? Sie hatte erfahren, daß er nach Afrika gereist war und mitten in Tunis steckte, als Ingenieur bei den Bergwerken in El Kcf. Tag für Tag folgte sie seinem Leben und Treiben, kontrollierte alle seine Gedanken, wußte um jede Regung seines Gemütes. Da gab es keine Falte in seinem Herzen, die sie nicht mit ihrer durchdringenden Phan» tasie prüfte. Sie wußte, daß es ihn zu ihr zog und daß er zurückkommen mußte. Sie wußte jedes Wort, das er sagen würde, kannte sein Mienenspiel, sein Lächeln, seine Tränen. Und dcmn würden sie zusammen leben, getrennt und doch ver, eint. Jeden Tag würde sie ihn von ihrem Altan aus sehen, wenn er mit warmer Röte auf den Wangen an ihrem Hause vorbeiging. Sie würde krank werden, dem Tode nahe. Da würde er kommen und an ihrem Bette sitzen, ihre Hand in der seinen halten. Und wenn es zum Letzten ging, würde er die Harfe nehmen und spielen wie damals, sie in die ewige Ruhe spielen. Tag um Tag saß sie stundenlang und dichtete das Mär- chen wieder und wieder um. Jedesmal gab es eine neue kleine Aendcrung, einen Nebenumstand, den sie übersehen hatte und nun mit Genuß weiter ausführte. Stets fand er neue Worte ihr zu sagen, Worte, die so tief gingen und sie mit ihrer warmen Innigkeit durchschauerten. Aber die neuen Verhältnisse und das Gefühl der Frei» heit hatten doch endlich den Zauberring gebrochen, den Gi- anandrea ihr um den Scheitel gelegt. Sie war soweit ge» langt, daß sie auch andere Gedanken denken konnte. Es war nicht mehr Lo Fortes Stück allein, das sie un- crmlldlich auf ihrer Harfe wiederholte, Sie nahm Unterricht und übte fleißig neue Musik. Und sie schrieb wieder Verse wie in der Zeit, ehe sie Lo, Forte kannte, schrieb von dem Leben der Bauern und dep Sklaverei der Minenarbeiter in den schwarzen Gängen. Stets wählte sie Stoffe, in denen ihr Mitleid mit allen Be, drückten Ausdruck fand. Renda zerfloß mehr und mehr in dämmerige Vor, stcllungen. Endlich entglitt er ganz ihrem Bewußtsein. Angelo sah sie nicht viel öfter als früher. Ab und zu kam er wie sonst auch, um ein paar Stunden in ihrer Ge- sellschaft totzuschlagen. Das gab immer ein gemütliches Bei- sammensein. Er war in der Regel guter Laune, und ein Anlaß zu Zwist fand sich nicht. Sie sprachen von der Mutter und von Stadtne�akeiten. Ueber die meisten Dinge waren fie einig— wenigstens kamen sie nie auf Gesprächsthemen, die Unfrieden stiften konnten. Da sie das Schlafgemach nicht teilten, sahen sie einander erst beim Frühstück. Angela blieb so kurz wie möglich bei Tische, schluckte das Essen in einer unglaublichen Schnellig' keit und stand auf, ehe Bionda fertig war. Dann ging er fort, meist an einer Frucht knabbernd, um bei Romeres mit den anderen jungen Männern, die die Mittagsstunde dort totzuschlagen pflegten, Kaffee zu trinken. Hierauf folgten die Stunden, die am schleppendsten verstrichen, die Zeit, wo die Kameraden von ihrem Beruf in Anspruch genommen waren. Wenn er nicht zur Zerstreuung Bionda aufsuchte, saß er dann gern in seinem Zimmer und spielte Mandoline, oder er legte sich auf das Sofa und pfiff. Er konnte stundenlang auf dem Sofa liegen und pfeifen. Des Abends, gleich nach der Mahlzeit ging er aus, ent- weder zu Romeres oder in einen der Klubs, oder er spürte irgendein junges Weib auf, dessen Mann auf viele Jahre hinaus im Zuchthaus saß. Bionda kontrollierte nicht, wann er heimkani— es war etwas, das sie nicht kümmerte— aber sie wußte, daß es in der Regel erst spät des Nachts geschah. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verSolen.) � Huf Irrwegen. Von Jonas Sic Draußen auf dem Hofplatz ging Faste umher und beoliachtetc mit einer gewissen Neugier seinen älteren Bruder Ditlcv, den Idioten.--- Mit großen, feierlichen Bewegungen und tierischgrunzendcn Kehllauten dirigierte dieser ein Orchester, das seine Phantasie ihm vorzauberte, zum Prasseln des Bratens, das aus dem Küchen» fenster herausdrang vor den zwei bis drei Hühnern, die fort- während glaubten, daß er ihnen Korn hinstreuc und vor ein Paar watschelnden Enten, deren Geschnatter er jedesmal mit der liebenswürdigsten sich verneigenden Dankbarkeit entgegennahm. „Auch in ihm ein Stück elementaren Chaos! Eine Art Melodie in dem, was er brüllt,— er bekam nur kein Gehirn, um es zu lenken, murmelte Faste. Ihm lag heute ein wunderliches Ge- fühl im Blut, etwas so Gewaltsames, daß es ihn erschlaffte und ihn wie in einer Betäubung umherwandcrn ließ.-- —— Das Einzige, woran man glauben konnte, war man ja natürlich selber! Der Fehler lag nur darin, daß das Individuum dieses„man selber" von der Autorität fortblasen ließ. Das waren die wenigen, die die Welt vorwärts trieben-- In seinem Kopf sang es unaufhörlich: durch seine Messungen und Pläne der Stromverhältnisse, hielt er jetzt das Mittel, den allstarkcn Torhammcr in der Hand, mit dem er die Kobolde be- siegen wollte!— Er strandete endlich auf der zerbrochene» Steinbank im Schatten der Laube ganz unten im Garten. Ein Nückenkisscn aus dem Schaukelstuhl im Wohnzimmer unterm Kopf lag er da und starrte schläfrig den Strom an-- Diese ewige, eintönige Hummel summte durch das Blätterwerk der Laube aus und ein,-- brummte ganz in der Nähe und weckte ihn—— klang wieder ferner und ferner durch den Traum-- Er war gewissermaßen selber die Hummel mit dem weichen, braunen Pelz, die schwarzgefleckt und geschwellt von Lebcnsfülle und Farbe tönend durch den Sommcrtag dahinflog und genoß und schwelgte--- Hier war eine nicht zu bewältigende Auswahl!-- —— Wenn man es nur alles erreichen könnte—— das blanke gelbe—— zwischen den feuchten Huflattigblättern am Stromufer, die reine schimmernde Sonnenscheinbuttcr!-- Die Nelken und die Levkojen und die Rosen und die feuerroten Gcran'en und die Aurikeln,— jede auf ihre Weise bezaubernd bis zur Betäubung-- ES handelte sich nur darum, daß man sich bei der einen zu- nächstliegenden Ruhe ließ und Augen und Gedanken nicht auf die nächste und übernächste richtete,— daß man sich nur noch eifriger abmühte und es nicht ausgab,— von Blume zu Blume,— von dem Rausch des Holländers und Faulbaums hinaus zu den fetten, süßen Lindcnblättern—— Er mußte es schließlich ganz aufgeben, konnte und konnte nicht mehr in dieser Fülle des Daseins—— Nein, er rannte nicht mehr?—— Nach einer Weile überkam ihn eine unsagbare Angst,— er summte in einem leeren Raum herum-- Auf der Steinbank in der Laube saß ein Mann.- Sein Vater war es wohl eigentlich nicht,— es war der alte Oberlehrer Johannescn. „Sieh selber nach," bemerkte der Oberlehrer, als habe er dort schon längere Zeit gesessen und geredet und über die Sache ge- grübelt.—„dann wirst Du finden, daß ein wenig von Dir an jedem Stengel da oben hängen bleibt; und da kannst Du begreifen, wieviel von Dir nachbleibt, um damit in die höhere Welt hinein- zusummen." War das nicht genau dasselbe, was Faste empfunden hatte!— und was ihn so mit Angst erfüllte,— daß etwas von ihm abhanden gekommen war-- Aergerlich aber war es, daß der pedantische Oberlehrer mit der stillen überlegenen Miene dasaß und sich breit machte; und er empfand eine gewisse Neigung, über die Sache zu diskutieren.— Man konnte zum Beispiel von der Natur einer Hummel ausgehen. Aber dann würde er ja keine Hummel sein. Es nützte nicht, sich damit bei Vera zu melden--- „Ich mächte mich bestens bei Dir bedanken, Faste!" Er erwachte zur Wirklichkeit und sah seine Schwester Sölvi, die aus der Stadt heimgekehrt war, offenbar in starker Gemüts- errcgung vor sich stehen. „Hab' Dank— Du—" Er richtete sich hastig auf der Bank auf. „— daß Du mir das Leben so erfreulich machst,— ja—" „Ich?" ertönte es verzweifelt. „Ist es etwa nicht genug," platzte sie leidenschaftlich heraus,— „daß ich Ditlef mit mir herumschleppen muß— und für die Mutter einzustehen habe,— soll ich Dich denn nun auch noch lang und schwer quer über meiner Zukunft liegen haben. Ich hätte die größte Lust, das Ganze im Stich zu lassen, wenn Mutter nicht wäre,—" «Ich-r „Und dann fragt er noch!—" Sie lachte höhnisch.„Als och ich nicht meine ganze Jugendzeit hindurch„die Schwester des- Perpetuums" gewesen wäre.— Und Du meinst wohl, es sei nur eine Laune, daß Agnete nicht länger zu Hause bleiben wollte? Glaub nur, sie ist Dir sehr dankbar, daß Du sie so fromm und gefügig gemacht hast, daß sie nun vielleicht gar den Pastor da oben nimmt-- Und nun kehrst Du wieder heim, den ganzen Sack voll von andern unfaßbar-großartigen Ideen und Verrücktheiten. deren Schwester ich auch sein soll-- Er hörte Dir eine Weile zu, der Doktor,— und das geschah nicht einmal Deinetwegen,— und dann schlug er das Pferd mit der Peitsche. Der hält nie wieder vor unserer Tür—" Tränen stürzten ihr aus den Augen. Sie setzte sich platt ins Gras nieder und wiegte verzweifelt den Kopf über den Händen im Schoß. „Aber liebe, liebe Sölvi,— Du weißt ja, wie lieb ich Dich immer gehabt habe." „Lieb gehabt? Du hast Dich selber lieb gehabt, das hast Du, — und niemand weiter als Dich selber,— niemals. Man hat denjenigen nicht lieb, dem man das Leben und das Glück raubt. Ich wenigstens tue das nicht." „Aber liebe, liebe Sölvi,— Schwester Sölvi,— so höre doch. Ich sehe ja ein, daß ich heute ungeschickt gewesen bin und Dir wehe getan habe. Wenn ich aber jemals an etwas anderes gedacht habe, als was uns alle wieder glücklich machen könnte, so—" „Und wozu wir anderen als Schwestern paradieren könnten. ja!— Laß mich in Ruhe, laß mich in Ruhe,— laß mich nur das Einzige begraben, was noch von Leben in mir war,— hier, w» ich sitze---" Sie wiegte laut weinend und unzugänglich für jegliches Zu- reden den Kopf über dem Schoß hin und her. „Ach was!" rief er aus. Er kannte diese unbehcrrschbare Leidenschaftlichkeit und stürzte von dannen. „Ich esse heute nicht zu Hause!"— rief er ihr von oben aus dem Garten zu, nachdem er ganz flüchtig im Zimmer gewesen war. uni seinen Rock anzuziehen, und dann sauste er hinab nach der Stadt. (Fortsetzung folgt.) Dev Garten des Laubenkolomften, September. In den Laubenkolonien und in den Gartenstädten der Vororte fällt jetzt überall ein reicher Schmuck durch Flaggen und Schnüre auf, die mit Schnitzeln von farbigem Papier geziert sind, wozu dann an warmen Sommerabenden die magische Beleuchtung durch verschiedenfarbige Lampions tritt. Dieser Schmuck, der so lange vorhält, bis er durch fortgesetzte Regengüsse weich und farblos ge- worden, rührt von den Erntefesten her. Wo sich die ganze Kolonie im Hinblick auf fchlechle Zeiten und schlechte Ernte zur gemein- schaftlichen Veranstaltung des obligaten Erntefestes nicht bereit« findet, da tun sich doch hier und da einige Nachbarn zusammen, die sich das Vergnügen nicht entgehen lassen wollen. Auch Prietzke hat seine Parzelle festlich geschmückt, trotzdem er keine besondere Veranlassung dazu hatte, da Unwetter und Dürre den Ertrag stark schmälerten. Aber die Schwiegersöhne, die Nichten und Basen, seine Gevatterin, und selbst seine ehemalige Amme, die auch noch unter den Lebenden weilt, hatten sich zum Besuch angemeldet und er- warteten festlichen Enipfang. Nachdem nun, wie Prietzke sagt, auch dieser Rummel glücklich vorüber ist, hat er sich fest vorgenommen, in freien Stunden wieder ernstlich an die Arbeit zu gehen. Die Haupternte folgt ja im Gegensatz zur bäuerlichen Kirmes oder Krrchweih in der Laubenkolonie ersi lange nach dem Erntefest. Was im Sommer reift, verschwindet meist sofort in den Küchen- topfen. Erst im September und Otiober beginnt man das zu ernten, was über Winter teils in nsturs, teils eingesalzen, gedämpft und getrocknet vorhalten soll. Die interessanteste Ernte, die jetzt ihren Anfang nimmt, ist diejenige des Herbst- und Winterobstes. Verführerisch gelb und blau färben sich die Mirabellen und Pflaumen. Man mutz sie ab- nehmen, sobald sie weich werden— pflaumenweich sagt Frau Prietzke— und den verführerischen Duft aushauchen. Tann heiht es aber auch schnell aufessen oder konservieren. Letzteres geschieht durch Dämpfen, durch Einkochen zu Mus, das im Winter auch die Butter ersetzt, und durch Trocknen in den jetzt schon billig erhält- liehen einfachen Obstdörrcn. Bei den sogenannten Hauszwetschen kommt es nicht so genau auf pünktliche Ernte an; sie hängen ziem- lich fest am Stiel, und während sie bei andauerndem Regen leicht platzen, gewinnen sie bei warmem, trockenem Wetter am Baum durch die Abgabe des überflüssigen Wassergehalts an die Luft bc- deutend an Wohlgeschmack. Wenn sie in der Stielgegend anfangen runzelig zu werden, sind sie entschieden am süßesten und aromatisch- sten. Auch das Kernobst, d. h. die Birnen und Aepfel, beginnen jetzt mehr und mehr eine verführerische Farbe anzunehmen. Unsere prächtigste Herbstbirne, die sogenannte„Gute Louise", mit ihrem vollständigen Familiennamen heißt sie„Gute Louise von Ave- ranches", zeigt jetzt auf der Sonnenseite ein ganz verführerisches, tiefes Rot, das aber, ebensowenig wie der schwarz gefärbte Kern, ein Zeichen der Reife ist. Erst wenn der köstliche Duft hervortritt, und wenn sich der Stiel der mit der rechten Hand gefaßten und im Kreise gedrehten Frucht mühelos von der Ansatzstelle löst, ist die Zeit zur Ernte gekommen; dann heißt es aber noch mehr als bei anderen Birnensorten rasch zugreifen und genießen, da sich das wunderbare, ganz eigenartige Aroma schon nach wenigen Tagen berflüchtet, worauf sich auch der Zucker in Stärke verwandelt, wo- nach die Frucht mShlig und fade wird. Ein ähnliches schönes Rot wie diese Birnen zeigen von Aepfeln.Naumanns Renette" und der nicht sehr schmackhafte„Purpurrote Cousinot". Herrlich gelb färbt sich unter anderem die kleine aber feine„Ananas Renette". Die meisten Besitzer von Kleingärten haben es mit der Ernte zu eilig; sie fürchten Diebstähle und suchen das Obst so rasch als möglich in Sicherheit zu bringen. Durch zu frühe Abnahme leiden aber Aroma und Haltbarkeit. Winteräpfel und Winterbirncn soll man solange als möglich am Baume lassen. Zeigen die Bäume noch gesundes Laub, so darf man damit rechnen, daß die Früchte auch bei vorgeschrittener Jahreszeit weiterhin an Qualität und Aroma ge. winrfcn; ist das Laub gefallen, so würde ein weiteres Hängenlassen nur von Nachteil sein. Tann schlägt man nicht, wie man es häufig sehen kann, das Obst mit Stangen von den Bäumen herunter, schüttelt es auch nicht, sondern pflückt bei trockener Witterung Frucht für Frucht mit der Hand, legt sie sorgfältig in bereitgehaltene Henkelkörbe und läßt sie dann in einer luftigen, aber dunkel ge- haltenen Kammer einige Wochen a usdunsten. Erst wenn die Früchte nicht mehr schwitzen, ist die Zeit zur Einwinterung in den Obstkeller gekommen. Vorher sondert man die schlechteren von den guten Früchten, um erstere zunächst zu verbrauchen. Bei Mangel an Raum zu freier Lagerung werden die Früchte in«ine Kiste in Torfmull derart eingeschichtet, daß die spätreifenden nach unten, die früherreifenden nach oben kommen. Das Winterobst wird auch Ende Oktober noch im unreifen Zustande gepflückt, es erlangt erst auf dem Lager nach längerer oder kürzerer Zeit die Edelreife. Birnen müssen nach Erlangung derselben so rasch als möglich auf- gebraucht werden, während Aepfel auch durch weiteres Lagern kaum einbüßen. Manche der beliebtesten Sorten, Ananas Renette, Wintergoldparmäne, Kaiser Alexander, halten sich vorzüglich bis in den Januar hinein, andere, wie Borsdorfer Renette, Canada Renette, Muskat Renette, Schöner von Boskoop und große Caßlcr Renette, bis in den Juni des nächsten Jahres hinein. Im Gemüsegarten soll man sich mit der Ernte auch nicht so sehr beeilen, zumal das hauptsächlichste Wintergemüse, die Kohl- arten, bis in den November hinein draußen bleiben können. Es sind aber jetzt schon zahlreiche Beete abgeerntet, andere gehen der Ernte entgegen. Diese Beet« werden zum Teil möglichst bald ge- graben und mit sogenanntem Feldsalat und mit Spinat besät. Der Spinnt der Septembersacu entwickelt sich im nächsten Frühling rasch und gibt die beste Ernte. Bei Bohnen und Erbsen kommt es bäufig bor, daß nicht alles grün zum sofortigen Verbrauch gepflückt werden konnte. Die verbliebenen Schoten reifen jetzt rasch aus; bei trockc- nein Wetter reißt man die ganzen Stauden der Erbsen und der Buschbohnen mit den Wurzeln aus dem Boden, bindet immer eine Anzahl derselben büschelweise mit Bast zusammen und hängt sie zum Nachreifen und Trocknen an den Gartcnzaun oder an die Laube. Bei Stangenbohnen beschleunigt man das Ausreifen, indem man zede Stange mit den sie umschlingenden Pflanzen etwas hoch- zieht; dadurch reißt ein Teil der Wurzeln, was die Reife be- schleunigt. Die getrockneten Erbsen und Bohnen werden auf dem Laubenboden oder zu Hause in einer Kammer gelagert und später an den langen Winterabenden mit den Händen ausgekernt. Wenn auch nicht alle Bohnen ein weißes Gemüse ergeben, da manche gelb, braun, gescheckt, selbst schtoarzschalig sind, so schmecken sie doch, richtig gekocht, alle gleich gut; es bedarf nur einiger Selbstüberwindung, sich an ungewohnte Gemüsefarbcn zu gewöhnen. Wenn jetzt die Natur mit raschen Schritten ihrem Winter- schlafe entgegen geht, beginnen auch wieder mannigfache Pflanz- arbeiten, durch die man für das kommende Jahr vorsorgt. Die wichtigste Arbeit, die jetzt im Gemüsegarten ausgeführt wird, ist die Anlage von Spargelbeeten. Der Spargel ist bekanntlich ein Tauergemüse, das nicht nur in Braunschweig, Schwetzingen und an anderen durch ihre großen Spargelplantagen berühmten Orten. sondern ganz besonders schön auch kei uns in der sandigen Mark gedeiht. Die Anlage eines Spargelbeetes ist aber dem Lauben» kolonisten nicht anzuraten, sondern nur jenen, die auf eigener Scholle wirtschaften, da der Ertrag erst drei Jahre nach der Pflan- zung einsetzt, bann aber jahrzehntelang fortdauert, alljährliche Düngung vorausgesetzt. Der Boden muß vor Ausübung der Pflan- zung 80 Zentimeter tief rigolt und dabei in den oberen Schichten reichlich mit Dünger durchseht werden. Man pflanze in etwa 30 Zentimeter tiefe Furchen, die 125 Zentimeter Abstand vonein- ander erhalten; innerhalb dieser Furchen kommen die Pflanzen in etwa 40—50 Zentimeter Abstand. Die Furchen bleiben nach der Pflanzung offen und werden erst in den folgenden Jahren all- mählich zugezogen. Es genügt auch, die Beete jetzt zu rigolen und die Pflanzung im Frühlina des nächsten Jahres auszuführen. Für die Folge werden die Beete alljährlich gegraben, gedüngt und im Laufe des Sommers wiederholt behackt. Im dritten Jahre, dem ersten Erntejahr, wird im April die umgebende Erde kammförmig über die Pflanzcnreihen herangezogen, damit die sich entwickelnden Pfeifen einen langen Weg zurückzulegen haben, bevor sie das Erd» reich durchbrechen. Die Obstkultur des Laubcnkolonistcn wird neuerdings durch eine sehr gefährliche Pilzkrankhcit, die natürlich wieder aus Amerika eingeschleppt worden ist, bedroht. Die Krankheit, die 1005 erstmals in Deutschland beobachtet wurde, ist der sogenannte Stachelbcertod oder amerikanische Stachelbeermehltau, dessen Auf- treten neuerdings auch in der Provinz Brandenburg festgestellt wurde. Ich habe diesen Schädling in diesem Jahre erstmals auf meinen Stachelbeeren beobachtet. Der Pilz überzieht Blätter und Früchte mit einem mehlartigen Ueberzug, der später eine kastanien- braune Farbe annimmt. Die Verbreitungsfähigkeit durch die vom leisesten Windhauch davongetragenen Sporen, die sich zu Milliarden bilden, ist eine ungeheure. In kurzer Zeit können ganze Stachel- beer- und auch Johannisbcerpflanzungen zugrunde gehen; auch sind die befallenen Früchte auch gekocht im grünen Zustande absolut un- genießbar. Als bestes Vorbeugungs- und Bekämpfungsmittel hat sich bisher Schwcfclkaliumbrüh« bewährt. 30— 40 Gramm Schwefelkalium werden in 10 Liter Wasser gut gelöst, worauf man dann die Sträucher unter Verwendung einer feinzerstäubenden Spritze gründlich bespritzt. Dieses Bespritzen ist als Vorbeugungsmittel jetzt vor dem Laubfall, im Frühling vor dem Austreiben und dann auch wiederholt im Sommer auszuführen. Es empfiehlt sich außer» dem, das Fallaub der Stachel- und Johannisbeeren späterhin gründ» lich zusammenzufegen und zu verbrennen, womit man nicht nur etwa vorhandene Pilzsporen, sondern auch die noch winzigen, in diesem Laube überwinternden Räupchen der Stachclbeer- und Johannisbeerspanner, die im Juni des nächsten Jahres die ganzen Sträucher kahlfressen, vernichtet. Uck. kleines feuiUeton» Wenn die Heide schläft. Bei Wesel, einem kleinen Heide» dorf in der Lüneburg« Heide, erhebt sich nach Süden zu ein Hügel mit einem Baum gekrönt, der obwohl mager und dürftig, doch selbstbewußt und voll stolzer Kraft in der Heidclandschaft hineinschaut. Ernst und düster, fast wie eine Trauerweide, denn ihm ist das Amt eines Toten Wächters übertragen. Zu seinen Füßen ruhen riesengroße Steinblöckc, von Gigantenarmcn hier» hergewälzt, unter denen ein Mensch der Vorzeit den Todcsschlaf schläft. Es ist ein Hünengrab. Jahrtausende sind über diesen Platz dahingcrauscht. Regen und Sonnenschein haben nach und nach tiefe Rinnnsale in diese starren Grabmäler gezogen. Aber unzerstörbar wie die Materie selbst, werden sie noch Jahrtausende überdauern, wenn nicht gierige Menschenhände, getrieben von Neugier und Gewinnsucht, diese heilige Stätte aus alter Zeit ent» weihen. Hier auf diesem Hügel ist eine Stätte uralter Volkspoesie und Schauer aus grauer Vorzeit umwehen uns. Die vor uns liegende Heidefläche paßt sich diesem Bilde der Einsamkeit an und die braunrot lieraufschimmcrnde Heide, einem lvallenden Blütenmeere gleichend, bezeugt, daß auch hier auf dieser Heidefläche das ewige Naturgesetz des Werdens und Vergehens gilt. Die Sonne ist im Untergehen begriffen und hat sich in einen Dunstschleier verkrochen, aus dem sie nur noch als dunkelrot glühende Scheibe hervorleuchtet, ohne noch strahlen zu können. Diese seltsam gefärbte Sonnenscheibe gleicht auf ein Haar der graurotfahlen, ins rostbraune übergehenden Heidelandschaft um mich herum. In diesem Lichtbild wird die Tönung der Heide dunkler, hingegen das Nadel- grün der einzelnen zwerghaften Heidckiefern tritt in diesem Zwie» licht um so schärfer und heller hervor. Angesichts des zur Neige gehenden Tagcsgcstirns wird das millionenstimmige Gesumme der Bienen und Insekten leiser und verstummt schließlich ganz. Die Nacht bricht an und die Heide will schlafen. Die Sonne ist untergegangen und nur noch ein schmutziger rotbrauner Fleck hezcichnet die Stelle, wo sie in ihr Wolkenbett versank. Mit dem letzten Sonnenblick ist alles Leben uni mich herum verstummt, und nur ein zeitiges Nachtinsckt schwirrt noch mit seinen weißen Flügeln lautlos, wie ein Schattenbild über die kniehohen Heidesträucher hin. Immer dunkler wird es, das Heide- bild wird düsterer und eS ist mir, als rücke alles Leben greifbar bon der Erde ab, und sie selbst liegt da wie ein toter, starrer Riese. Nicht einmal das leise Lispeln eines Blättchens ist zu vernehmen und kein Nachtwind unterbricht mit leisem Wehen diese heilige Stille, die für mich beinahe etwas beängstigendes hat. Meine Gehörnerven, ungewohnt der Ruhe, in der sie versetzt sind, suchen Töne zu ergründen, aber nichts, nichts ist da, was als Objekt ihrer Tätigkeit dienen könnte. Wenn es wahr ist, dast sich alles Leben in Farben und Tönen bor unseren Sinnen abspielt, dann ist das Leben in diesem Augenblick erloschen, soweit es in Tönen sich kundgibt. Doch dafür erbllühte das Leben in Farben um so herrlicher und schöner. Nach dem Untergang der Sonne begannen die Strahlen deS Halbmondes wirksam zu werden, und die Welt der Farben erwachte zu neuem Leben. Die aus dem Heideurwald vorragenden Kiefern saugten die Mondstrahlen völlig auf, und immer schärfer leuchtend hoben sich die hellgrünen Wipfel der Bäume von dem düsteren Braun der blühenden Heide ab, die wie ein einziges ruhendes Meer zu meinen Füßen sich streckte und nach der Ferne hin in einer schwarzen Tönung verschwamm. Unfern von meinem Standorte lag ein großer Streifen Heide- gras, das von der Sonne gedörrt und weiß geworden war. Diese unfcrnc Grasfläche nahm im Mondglanz die Form eines grauweißen Sees an, dessen Fluten sich leise im Mondenlicht be- wegten. Mit zunehmender Dunkelheit wurde diese Illusion immer stärker und nahm meine Sinne ganz und gar gefangen. Um mich her ist es ganz dunkel und still geworden. Die Heide schläft und ich bin allein in dieser gewaltigen Einsamkeit. Wohl eine Stunde lang habe ich im Gestrüpp an etwas er- böhter Stelle gesessen und der schlafenden Heide ihre Geheimnisse abgelauscht, bis mich ein frostiges Schütteln des Körpers mahnte, daß es nicht gut ist, der Schönheit einer Heidenacht bei Monden- schein sich ganz und gar hinzugeben. So ging ich weg von diesem Platze. Der Laut meiner Tritte verletzte mein Ohr, gleichsam als sträubte sich der Hörnerv, nun seine Tätigkeit wieder aufnehmen zu müssen. Ich ging zurück und hinter mir blieb die Heidenacht mit dem düster starren Hünengrab. Das ist die Heide, wenn sie schläft. e. s. Kulturgeschichtliches. Altäghptische Totenbarken. Die alten Aeghpter waren gewohnt, das Schiff als ihr wichtigstes Beförderungsmittel anzusehen; wie auch" heute noch war der Nil ihre beste Verkehrs- straße, und wenn er Monate hindurch das Land überschwemmte, machte er auch einen großen Teil des Binnengeländcs nur auf dem Wasserwege befahrbar. So mußte in der Volksphantasie auch das Jenseits als ein reich bewässertes Land erscheinen, in dem man am besten und schnellsten auf Schiffen dahinsuhr. So durchgleiten die Gestirngottheiten auf großen Barken den himmlischen Ozean und der Sonnengott taucht während der Nacht mit seinem Fahrzeug hinab in den großen Strom, der die Mitte der Unterwelt durchfließt. Während er aber das unterirdische Gewässer leicht in einem Boote durchfahren kann, bedarf er zu seinen täglichen Durchquerungen des Himmels zum mindestens zwei Barken, ja man nahm sogar an, daß der Gott jede Stunde in ein neues Schiff um- steigt und dabei einen Teil seiner Schiffsmannschaft wechselt. Im Llllerheiligsten des Sonnentempels zu Heliopolis standen denn auch zur Fahrt des Gottes kostbar geschmückte Barken bereit, und auch verschiedenen anderen Gottheiten ward in ihren Heiligtümern ein Schiff bereit gehalten, in dessen Kajüte ein Bild des Gottes unter- gebracht war, damit er seine Lustfahrten unternehmen könne oder auch bei einer feierlichen Prozession so von den Priestern durch die Straßen getrieben werde. Die Barke war ein Teil des gött- lichen Selbst und ein Gegenstand frommer Verehrung und hhmncnhafter Gebete. Wie das Reich der Lebenden und der Götter war auch das Reich der Toten, ein von breiten Flüssen durchzogenes Gefilde, in dem der Tote auf mühsamer Wanderung aus unwirtlichen Wüsten allmählich zu prächtigen Seen und Wasser- läufen hindurchdrang, bis er schließlich in das fruchtbare Delta des Hauptstromes, in das Land der Seligen, wo die Sonne zur Ruhe geht, gelangte. Zu solch beschwerlicher Todesfahrt aber bedurfte der Abgeschiedene eines Schiffes, zumal auch im Jenseits Krokodile in den Fluten lauerten und auf unschädlich machende Zauberformeln kein Verlaß war. Daher gab man dem Gestorbenen Fahrzeuge mit ins Grab, um ihm den traurigen Weg durchs Schattenreich zu er- .-Leichtern. Bisweilen ließ man bei dem Grabe die Schiffe zurück, die bei der Bestattung verwandt worden waren. So hat man vor einigen Jahren in der Nähe der Grabstätte des Königs Horus, der um 2500 v. Chr. starb, bei Daschur acht große, aus verhältnismäßig kleinen Brettern erbaute Boote gefunden. Aber solch ein Brauch war bei der Holzarmut Aegyptens sehr kostspielig, und man be- gnügte sich daher damit, dem Toten wie bei allen anderen Geräten auch bei den Fahrzeugen nur kleine Nachbildungen und Modelle mit ins Grab zu geben, die er dann im Schattenreick, vermöge einer magischen Zauberformel zu ihrer wirklichen Größe umwandeln konnte. Solche mit peinlichster Genauigkeit hergestellte, mit Rudern, Masten, Segeln und Kajüte ausgerüstete und zahlreich bemannte Totenbarken find in den letzten Jahren in größerer Anzahl auf- gefunden worden, besonders die systematischen Ausgrabungen des englischen Acgyptologen John G a r st a n g, der bei dem heutigen Beni-Hasian am Ostrande des NiltaleS eine ganze Gräberstadt mtS der zwölften Dynastie ans Licht förderte und seine Resultate in einer prächtigen Publikatton allgemein zugänglich gemacht hat. A. Wiede» mann widmet diesen uralten Schiffsmodellen einen Aufsatz im GlobuS. In den 883 Gräbern, die Garstang öffnete, lagen auf halber Höhe deS ansteigenden TotenfeldeS zunächst die Herrscher selbst bestattet und zu ihren Füßen ruhten ihre HauSbeamten und Diener, noch im Tode bereit, auf den Ruf ihrer Herren sich im Jenseits sogleich wieder zu erheben und ihre im Leben gewohnten Pflichten weiter zu erfüllen. All das Gerät, dessen sie dazu bedürfen, die Waffen und Ackerwerkzeuge, Musikinstrumente und Schreibzeuge, Töpfe und Körbe, Spindeln und Puppen sind da aufbewahrt bis zu den Speichern für Getreidevorräte und zu den Schiffen, auf denen die Dynastien dem Herrscher deS TotenreicheS dem Gotte Osiris ihren Besuch ab- statten. Es galt nämlich als segenbringend für den Verewigten, wenn er sich möglichst bald nach seinem Tode in AbhdoS, der letzten Ruhestätte des Osiris, einfand. Manchmal bestattete man deshalb die Leiche dicht bei dem Grabe des Gottes, damit der Tote es nahe habe. Weit häufiger jedoch senkte man die Leiche in Heimaterde und suchte dem Bestatteten in Abydos nur eine Art Absteigequartier zu verschaffen, damit er von Zeit zu Zeit bei dem Totenherrscher sich einfinden und standesgemäß auftreten könne. So haben denn vor- nehme Leute bei dem Osiris-Grabe ihre Scheingräber. Zu der Fahrt aber wird ihm ein wohlzubereitetes und feierlich ausgerüstetes Schiffsmodell in die Gruft gestellt, in dem sich Wegzehrung in Ton- töpfen und kostbare Opfergaben befinden. Der Tote ruft dann durch seine Zauberformel das Modell ins Dasein, und um ein übriges zu tun, wird ihm die Fahrt noch dadurch erleichtert, daß die Reise an den Grabwänden dargestellt ist. Unter den Modellen finden sich leichte Barken, die auf die älteste aus Papyrusstengeln zusammengebundene Grundform des ägypttschen Schiffes hinweisen, komfortable große Kähne und schwerfällige Lastschiffe. Aus dem Gebiete der Chemie. Umwandlung von Elementen? Vor etwa Jahresfrist erregte die Mitteilung des berühmten englischen Chemikers Ramsay über Versuche, bei welchen sich metallisches Kupfer in das andere metallische Element Lithium verwandelt haben sollte, ungeheures Aufsehen nicht nur in der wissenschaftlichen Welt, sondern in allen Kreisen, welche den Fortschritt der Wissenschaft mit Interesse verfolgen, — sind solche Ergebnisse doch geeignet, die Anschauungen der modernen Chemie über die Natur der Stoffe von Grund aus umzustürzen. Die Chemie bezeichnet etwa 80 Körper als Grundstoffe' oder Elemente, die sich durch kein bisher bekanntes Mittel weiter zersetzen lassen.— und nun sollte ein solches Element sich einfach in ein anderes verwandeln. Der alte Traum der Alchymisten, welche Gold, auch eines der Elemente, aus minderwertigen Substanzen herstellen wollten, schien seiner Verwirklichung um ein Beträchtliches näher gerückt. Die genannten Versuibe RamsayS bildeten die Fortsetzung bon Versuchen mit Radium, über die er bereits einige Jahre vorher auf der Deutschen Naturforscherversaminlung in Kassel berichtet hatte. Das Radium, diese wunderbare Substanz, die im Anschluß an Becquerels Untersuchungen von Frau Curie entdeckt worden ist, hat nicht nur die Physiker vor eine Reihe neuer und überraschender Tatsachen gestellt, sondern auch den Anstoß zu zahlreichen wichtigen chemischen Untersuchungen und Entdeckungen gegeben. Ramsay be- richtete in Kassel über solche Untersuchungen, bei welchen ein aus dem Radium sich entwickelndes Gas, die Radium-Emanation, sich in das Element Heliuni verwandelte. Auch bei den späteren Versuchen Ramsahs spielte das Radium eine sehr erhebliche Rolle: nur in der Gegenwart von Radium-Emanation ging die Uinwandlung von Kupfer in Lithium vor sich. Ein so vorsichtiger und gewissenhafter Beobachter auch Ramsah ist, so notwendig schien bei der weittragenden Bedeutung seiner Ergebnisse eine vielfach wiederholte sorgfältige Nachprüfung. lieber eine solche Wiederholung der Versuche RamsayS hat Frau Curie am 10. August der Akademie der Wissenschaften in Paris Bericht erstattet. Zunächst stellte Frau Curie fest, daß es äußerst schwierig ist, lithiumfteie chemische Produkte zu haben, denn so- wohl im Wasser, auch im destillierten, wie überhaupt in fast allen chemischen Reagentien, finden sich Spuren von Lithium. Selbst lithiumfreie Reagentien nehmen, wenn sie in einem GlaSgcfäße aufbewahrt werden, Spuren von Lithium auf. Auch Ouarzgefäße kann man nicht statt der GlaSgefäße benutzen, weil die im Handel erhältlichen Ouarzgefäße stets lithiumhaltig sind. Frau Curie hat deshalb zu allen Versuchen Gefäße aus Plattn benutzt, auch das benutzte Wasser und die erforderlichen Säuren wurden aus Platin- gesäßen umdestilliert und in Platingefäßen aufbewahrt, um sie lithiumfrei zu erhalten. Als so eine vollkommen reine Kupfcrsulfatlösung erhalten war, und diese nun der Einwirkung der Radium-Emanation ausgesetzt wurde, zeigte sich nach der weiteren Behandlung mit Salpetersäure und vollständigen Entfernung des Kupfers bei der spektrofkopischen Untersuchung auch nicht die Spur von Lithium. Die Versuche ivurden wiederholt borgenommen und stets mit demselben negativen Ergebnis. Vorläufig kann also wohl die Umwandlung der Radium- Emanation in Helium als festgestellt gelten, nicht aber die von Kupfer in Lithium. b. Lerantwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin. — Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstalt Paul Singer LcCo..Berlin SW.