WnterhMungsblatt des Horwärts Nr. 172. Sonnabend, den 5. September. 1908 (Nachdruck verVoten.) 491 Mafia. Roman aus dem modernen Sizilien von Emil Rasmussen. Kaum war Pamfo aber ein kleines Stück gegangen, als ihm einfiel, daß der dadroben auf dem Kreuz ihm gleichsam boshaft nachgeschielt habe, ganz beunruhigend boshaft. Er mußte umkehren, zog den Hut tief ab und wühlte ein wenig in der Tasche, fand aber nur lumpige sieben Saldi. Na, für Ocl war es immerhin genug: er legte sie mühsam in die Nische, unter vielen Entschuldigungen, daß er den Rest seines Geldes vertrunken habe. Und wie er so dastand, fühlte er sich ganz gerührt ob der schäbigen Ausschmückung dieses menschenfreundlichen Kruzifixes. „Du bist nicht entfernt so nobel wie dein Bruder oben in der Domkirche. Nein, da fehlt wunder viel! Ja.— Ja.— Hast du denn gar nie irgendein kleines verstecktes Laster ge- habt? He? Ein ganz kleines?— Aber wie ich rede... Was war es nur eben, woran ich dachte?— Ja, höre! Wenn du mir helfen könntest, Calogero eine Nase zu drehen.. Das Kruzifix schien auf diesem Ohre taub. „Ich würde gern einen Goldring spendieren." Dieselbe gefühllose Uubeweglichkeit. ...... und dich aufpolieren. Er ist ja im Zuchthaus ge- Wesen, mußt du wissen— geht jetzt zu Carmela— und so weiter..." Der dumme hölzerne Kopf äußerte nicht das leiseste Zeichen eines sßerständnisses. „Na, und auf eine fünfpfündige Wachskerze soll es mir auch nicht ankommen," fuhr er mit der Würde eines wohlhabenden Mannes fort. Was war das? Regte er sich nicht, der Mann da oben? Ja, freilich, er blinzelte nach dem Mond hinüber. Ein leichtes Unbehagen kroch Pamfo langsam den Rücken hinab, und er machte sich eiligst davon, während er seinen Gedanken diese fünfpfündige Wachskerze einzuprägen ver- suchte, die er um Gottes willen nicht vergessen durfte. Im blinden Vertrauen auf�das Kruzifix fuhr Pamfo am nächsten Tage mit einem Schubkarren voll Bauern- Naturalien zu Calogero. Dieses Korn und diese Käse und Früchte zusammen mit Don Gerandos Anweisung auf eine Messe machten genau die Hälfte des Ertrages aus, wenn alle Auslagen abgezogen waren. Das beschwor er hoch und heilig. In Calogcros Augen blitzte es zornig'auf. Sein erster Gedanke war, Pamfo zu erschlagen: sein zweiter, ihm das ganze Geschäft zu verderben, indem er den Zusammenhang des Wunders verriet. Zum Glück hatte die Einsamkeit des Zuchthauses den schon vorher bedächtigen Mann zum Philosophen gemacht. Er sah ein, daß beide Auswege ja auf sein eigenes künftiges Leben von einem gewissen Einfluß sein und ihn namentlich von seiner vergötterten kleinen Enkelin entfernen würden. Daher beschloß er. sich in sein Los zu schicken und eine sanfte Miene aufzustecken, bis er eines Tages den Rücken frei hatte, um einen ordentlichen Schlag auf diesen schweißigen, dick- däuchigen, kleinen Schurken zu führen. Für die Schieläugige war allerdings dieser Waffenstillstand ein schweres Stück Geld wert. 20. Die Luft in Easa La Greca lastete schwer wie nie zuvor: man erwartete den Besuch des Todes. Eines Tages ließ es sich nicht verhehlen, daß Belladonna von der Zuckerkrankheit befallen war, jener Krankheit, die die mehlspeisende Jnsck beständig verheert. Daher stammte die hochragende Schlankheit, die in einem so seltsamen Gegensatz zu dem schwächlichen, fahlen, täglich abmagernden Körper stand. Auch eine gierige Unersättlichkeit war nicht Ausdruck dessen, was Lidda darin gesehen: eines Geistes, der sich auf- löst und zum Tiere wird: es war das Unterliegen eines armen Körpers unter einem Stech tum, dessen hungernder Rachen nie- mals zu füllen tvar. Alle wußten es, daß es unrettbar dem Ende zuging. Es waren schon böse Anzeichen, daß die Priester in diesem Hause ein- und auszugehen begannen. Don Gerlando kam mit einer ganz kleinen. Flasche von Crocifissas Wasser, das Lidda, die ihn nicht verletzen wollte, jedoch heimlich vertauschte. Der Marchese empfand den Kummer vielleicht am tiefsten. Er selbst stand ja nahe dem Rande des Grabes, und nun sollte er seinen jungen Freund verlieren, einen der wenigen, die ihn ganz verstanden hatten. Auch die Marchesa- hatte ihren Schwiegersohn liebgewonnen, aber in ihre Sorge mischte sich ein noch stärkeres Gefühl: der Gedanke an die Zukunft. Trotz seinem gebpechlick>en Körper war Belladonna der eigentliche Beschützer der Familie gewesen. Was würde eines Tages ge» schehen, wenn die Rücksicht auf das eigene Fleisch und Bliut den alten Baron nicht mehr zwang, seine Hand über ihnen zu halten? Für Lidda war es kein eigentlicher Kummer, an die große Trennung von einem Manne zu denken, von dem sie sich so weit entfernt fühlte. Ab und zu ertappte sie sich sogar dabei, es als eirke Befreiung zu empfinden. Aber dieses Ge- fühl, das sie sich selbst zu verhehlen zu ehrlich war, bereitete ihrem Gewissen ernste Erschüttmingen. Es wurde ihr klar, daß sie ihrem Manne in vielem Unreelst getan, daß sie ihn, den Kranken, nach dem strengen Maßstab gemessen, den mau kaum an einen Gesunden anlegen darf. Er war doch einmal ein sprossender Jüngling gewesen mit ernstem Streben und edlen Zielen. Aber der giftige Wind des Lebens war über die junge schlanke Pflanze dahingefahren, so daß ihre Blätter siechen und welken rmißten. Dies waren Gedanken, die ihr starkes Pflichtgefühl rege machten. Sie nahm sich der Pflege des Kranken mit der Wärme und Sorgfalt einer Mutter an, die ihr zartes Kind- lein pflegt. Sie teilte das Zimmer mit ihm, um Tag und Nacht zur Hand zu sein. Er hörte mir liebevolle Worte: er sah nur Lächeln. Hatte sie sein Leben verdunkeln müssen, sie wollte es wieder gut machen: sie wollte seinen Lebeusabend zum Glühen bringen. Und glücklich wurde er, glücklich wie in jener Nacht, da sie mit ihm hinausgeslüchtct war in die weite Welt. Er wußte es nicht besser, als daß sie ihn aus vollem Herzen liebte. Gegen den Vorsommer schlug die Krankheit sich aufchis Lungen. Da war es vorbei. An einem strahlenden Sonnen- tage sank er lächelnd in Liddas Arme. Wenige Sttinden später mar er kalt. Nach Belladonnas Tode fühlte Lioda sich eine Zeitlang schlaffer und mutloser als je. Der angswolle Kummer der Eltern war alles, was sie täglich vor Augen hatte. Mit bloß vicrundzwanzig Jahren hinter sich war es ihr, als sei ihr Leben zu Ende, im Sande verlaufen—• verscherzt. Sie merkte in dieser Krise, welch geringen Trost ihr ihre Religion bot. Eines Tages vor langer Zeit war sie zu Don Gerlando beichten gegangen, und dieser hatte sie über In» timitäten ihres Zusammenlebens mit Belladonna ausforschen wollen. Sic hatte sich erhoben, ohne zu antworten, und seit jenem Tage konnte sie ihn nicht mehr leiden. Mochte dies auch für das religiöse Gefühl, das ja nicht auf Menschen baut, wenig zu bedeuten haben, so war doch ihre Religiosität von Kindheit auf so eng mit der Person des Beichtvaters ver- knüpft gewesen, daß eine ernstliche Erschütterung zu erwarten war, wenn just dieser Grundpfeiler siel. Ihre Interessen welkten hin. Niemals öffnete sie ihren Flügel. Die Tage kamen und gingen in der leersten Ein- förnngkeit. Aber noch einmal vermochte die Entrüstung, die stets det: stärkste Hebel ihrer Energie gewesen, sie wachzurüttelu. Einen Monat nach Bclladonnas Tode ließ die Gräfin anfragen, ob La Greca gewillt sei, ihr seine Güter mit Unter- grund zu verkaufen, und machte zugleich ein Angebot, das eine Beleidigung war. Der Marchese antwortete mit Nein. Tags darauf legten seine Minenleute die Arbeit nieder, indem sie weinend erklärten, sie wagten es aus Furcht vor der Rache der Mafia nicht mehr, zu arbeiten. Der alte Baron war mit seiner Schwiegertochter nicht zufrieden gewesen. Bei dem Begräbnis begegnete er ihr kalt. Von diesem Augenblick an wußten sie, daß er der Familie seinen Schutz entzogen hatte; denn ohne seine Zustimmung hatte die Gräfin die Drohung niemals geivagk, die in ihrem Angebot lag. Lidda sah des Vaters Kraft altern. Er war imstande, rechtschaffen zu denken und einen passiven Widerstand auf Leben und Tod zu leisten. Aber zur Handlung war er zu träge geworden. Und was verschlug wohl seine Kraft gegenüber diesem tausendköpfigen Ungeheuer, mit dem er zu kämpfen hatte? In diesen qualvollen Tagen, in denen die Eltern wie ge- lähmt schienen, fühlte Lidda, wie die Flamme des Hasses sie mit ihrer Kraft erwärmte. Sie wußte bei sich selbst— und welche Stärkung lag nicht in diesem Bewußtsein?— daß, wenn die Gräfin dein Vater noch einen Schritt näherzurücken wagte, sie das Herz der Feindin mit ihren: Dolche z» finden wissen würde. Dieser kleine feste Punkt wurde der Kern, um den sie all ihre Gedanken gruppierte. Sie sagte sich selbst, daß, sollten sie den Kampf bestehen, der bald zu erwarten stand, sie Helfer an ihrer Seite haben mußten. Man mußte eine neue Mafia schaffen, eine Anti-Mafia, Brunos Kniff noch einmal zu benühen— nur mit einem ehrlichen Ziel. Um ihrer Unerfahrenheit vergaß sie, daß Bruno lediglich kraft seiner Unehrlichkeit gesiegt hatte. .lFortsetzung folgt.]] (Nachdruck lictOolcn.) 11J Huf Irrwegen. Von Jonas Sie. Der Abend senkte seinen bleichen Schein herab und es dämmerte mehr und mehr.-- Bei Sonnenuntergang war die Flagge unten an der Zollbude verschwunden, und hie und da eine im Hafen ge» strichen. Die Arbeiter kehrten von der Schiffswerft oder der Reifer- bahn mit Bündeln und Blcchcimern in der Hand heim. Das un- ablässige Gesumme des Stadtlärms in der Luft verstummte, so daß oben von Sölten her hin und wieder ein Ruf oder ein Schrei ver- nehmbar ward. Es wurde spät.-- Ein ausgeschlossener Hund heulte in Eregersens Garten. In weiter Ferne zwischen den Werdern schim- merte ein farbiges Sicht, und ein Dampfer pfiff und lärmte. Ganz hinten von Großhändler Mörcks Sandhaus sah man hin und wieder einen Schimmer von einem Feuerwerk. Frau Forland war ein paarmal ans Fenster getreten, sie lag noch wach und wartete auf Sölvis Heimkehr. Jetzt hörte sie sie die Haustür öffnen und wieder schließen. Sie schien in fliegender Eile zu sein, blieb aber einen Augenblick vor der Schlafstubentür stehen, ehe sie vorsichtig den Drücker herum- drehte. Sie kam so eigenartig ruhig herein, stürzte dann aber plötzlich am Bett der Mutter nieder und schlang die Arme um ihren Hals: »Ich bin so glücklich, Mutter,— ach so glücklich!" »Aber Kind.— ah,— Du drückst mich; sei vorsichtig." »Ja, aber ich bin so glücklich, Mutter,— ich bin noch nie im Leben so glücklich gewesen,— ich kann nicht einmal weinen-- Ach, Mutter, Mutter,— Mutier, Dir ist heute eine Tochter ge- boren,— ein Mensch mit dem Willen zu leben,— der nie gewußt hat, daß es so herrlich sei zu leben-- heute morgen hätte ich ins Wasser gehen können, und jetzt, jetzt--" »Nun, nun, Du starkes Mädchen,— wann bist Du jemals so außer Dir gewesen." »Ich bin nicht außer mir, Mutter, ich bin nur so gar nicht daran gewöhnt, glücklich zu sein. Alles dreht sich vor mir herum—" Sie lag da und lächelte über etwas, das ihr wieder einfiel: »Er hatte schon eine Karte genommen, als er mich durch das Fenster draußen auf der Treppe erblickte.-- Nein, er wollte nicht Whist spielen— Ja, weißt Du, er kam, als wir alle im Garten waren und—" „Beruhige Dich nur erst ein wenig, Kind; ich fühle ja, wie Du zitterst." „Siebe Mutter, hier ist ein erwachsener Mensch, der heute weder heult noch weint.— ich bin nur so bange, daß es mir über Nacht im Traume entwischen könnte. Ich weiß, ich werde die ganze Nacht wach liegen und acht darauf geben." »,Er— das ist wohl Doktor Falkenberg, wie?" »Ja, ja, ja, Mutter!— Und nun sollst Du das Ganze hören, von Anfang an: Bera halle gestreiften Wollmusselin an, so ein häusliches, wirtinncnmäßigcs Kleid. Du weißt, sie vergißt nie ihre Würde als einzige Tochter, die in Gyllings Hause repräsentieren muß.— Und die alte gute Franziska trat in roter Seide auf mit Kreuzbänder- schuhen, ganz wie ein kleines Mädchen, und dazu ein langes, steifes Schildpattlorgnett, das ihr bis in den Schoß hinabhing. Valborg und Dina Breder waren schwesterlich gekleidet wie immer— zwei Brote feinster Raffinade, sagt Böckmann. Und darüber kann kein Zweifel herrschen, daß der Disponent Ek bis über die Ohren in Bera verliebt ist. Er benimmt sich ja freilich so fein und korrekt dabei; aber es stimmt nun doch alles— Und—- und,— ja, Hanna war da—, und Tona— Ach nein, Mutter, ich kann wirklich nicht, denn, siehst Du, als er die Karte hinlegte, fing er an, wie das so seine Gewohnheit ist, die Brille zu putzen und sie gegen das Licht zu halten,— so schief, weißt Du, so daß man schärfer durch die Gläser sieht. Ich merkte denn ja auch sofort, daß er mich auf der Treppe auf diese Weise betrachtete, genau fo, als wenn ich ihm zum Porträtieren sitzen sollte. Und wenn ich mich auch so stellte, als wüßte ich e»� nicht, so füblte ich doch, daß ich so verrenkt dumm rot wurde und immer heißer um die Ohren,— bis ich endlich Hanna unterfassen konnte, die in den Garten hinabeilte, wo sie„Eins, zwei, drei, das letzte Paar herbei" spielten. Bera war gerade an der Reihe, sie und Böckmann, und dann kam Ek. Und ich lief um die Wette mit Rechtsanwalt Klein, so daß ich kaum mehr wußte, was ich tat. Ich weiß nur noch, daß als wir stehen blieben, Falkenberg dicht vor mir stand und meinen Arm nahm und sich schnell abwandte und,— ich fühlte ordentlich, wie er mich zog— durch die Gartenwege ging, bis wir an der Ecklaube angelangt waren. Zu Anfang konnte er beinahe kein Wort herausbringen. Aber mein Gott, wie schön er war, eine Frau kann nie so durch und durch schön sein!— Ich stand da und hörte wie im Traum alles, was er sagte,-- etwas von einer frischen, klugen Aufsicht, so daß ein Mann darin reingewaschen werden könne,— und dann lachten wir beide über den unpassenden Ausdruck-- Ja, er sagte so viel. Mutier.-- Schließlich fragte er mich leise und eindringlich,— es klingt mir noch in den Ohren:— „Diese warme, feste Hand,.--- wollen Sie mir die geben, Sölvi?" Ob ich wollte!-- Ja, als wir dann zu den anderen zurückkehrten, waren wir wohl zu lange fortgewesen, fürchte ich. Wir hatten uns ja so un- endlich viel zu sagen.— Und noch vor Weihnachten soll ich Frau Sölvi Falkenberg heißen." Sie legte ihxcn Kopf auf das Kissen und wiederholte einmal über das andere still grübelnd: „Mutter, Mutier, kannst Du es begreifen?" „Ja, und dann," sprang sie plötzlich auf,—„kannst Du denn das begreifen? Als ich fortging, schloß mich Bera unten am Gartenwege leidenschaftlich in die Arme und flüsterte: „Ja. werde Du wenigstens glücklich!"— Ich glaube, sie haits Tränen in den Augen."———————— Und späterhin am Abend stand Bera Ghlling bei dem matten Sternenschein am Geländer auf der Veranda ihres Vaters und schaute mit fest geschlossenen Händen in die Ferne. Es war eine feuchte Sommernacht, die den Duft von unsichk« baren Reseden und Rosen unten von den Beeten heraustrug.— Ja, Sölvi war glücklich geworden!— Und sie selber?— Sie wußte, daß jedesmal, wenn Faste jubelnd vor Interesse für irgend etwas Neues zu ihr kam,— sie ein Gefühl hatte, als zöge sich eine kalte Mauer zwischen ihm und ihr/— sie fühlte, daß sie ihm hunderte von Meilen entrückt wurdet Sein Herz und seine Seele lagen dort gefesselt.-- Er liebte die Idee. Eine Frau war für ihn nur hie äugen- blickliche Mitfreude daran-- Jedesmal ward ihr das klarer,— sie fühlte, daß keine erotischen Empfindungen die Tiefen seiner Seele erfüllten.— danach stand ihm der Sinn nicht. Der Rausch seiner Natur bestand i» der Eroberung neuer Reiche, Sänder, Reich- tümer, in der Durchführung von Gedanken.-- Eine Frau!— ja, solange sie ihm Widerhall für dies alles gab!-- Ach Gott, wie es ihr trotz alledem im Blute pochte.--— Er aber hatte andere Ziele. Und zeigte sie ihm durch eine ab- weichende Auffassung die Wahrheit, so fühlte sie es gleich wie einen eisigen Frostschauer, wie sich das Band löste, und daß sie sich wieder in den Kreis seiner Aufmerksamkeit und Interessen hinein- schmeicheln mußte. Bleich kam sie zu dem Schluß:— er kann sich aus seinem Scbensioeg nicht von einem Mädchen aufhalten lassen,— er gehört zu diesen unbändig ehrgeizigen Naturen, die sich berufen fühlen und im Innersten ihres Herzens nur ihre Ideale lieben. Seine wahre Geliebte wandelt hinter den Wolken.--- (Fortsetzung folgt.) (Nachdrück verdaten.); Die Seefifcbe nach den neuesten Resultaten der JMeeresfortcbung. Die in letzter Zeit mit großem Eifer und nach wissenschaftlicher Methode betriebene Erforschung der Nordsee gewinnt mit Rücksicht auf die Seefischerei und die Unmöglichkeit, neue Fischregionen zu entdecken, eine stets wachsende Bedeutung. Nur durch eine genaue Kenntnis der Fischgründe, der Wanderungs- und Entwickelungs- bedingungen der Fische kann man die höchst interessanten und viel ventilierten Fragen lösen, die sich auf die verschiedenen Eraebniüe ftt Fischerei von Fa�r zu Jahr oder in einer Gruppe von Jahren ■und ferner darauf beziehen, festzustellen, ob die Menge der Fische jich infolge einer allzu intensiven Fischerei vermindert. Der mehr oder minder große Ertrag des Fischfanges hat zu «allen Zeiten eine bedeutsame Rolle in der Oekonomie vieler Länder gespielt. Wir wissen, daß im Mittelalter ganze Städte und Ge- meindcn entstanden und verschwanden, je nach dem Reichtum der Heringsbänke. Auch die gegcnwärtign Statistiken weisen bedeutende Veränderungen nicht nur in den Ergebnissen einer Küstenfischerei, wie der Norwegens, nach, sondern selbst in der Hochseefischerei in der Nordsee, wo doch die Hochseeboote leichter den Fischbänken folgen können. Die zweite Frage, ob in der letzten Zeit infolge eines allzu intensiv betriebenen Fischfanges eine Verminderung der Fische stattgefunden habe, hat in der letzten Zeit eine ganz besondere Bedeutung bekommen. Man hat gefürchtet, daß der Ge- brauch der intensiven Methoden den Fischreichtum der Nordsee und besonders den des Kattegats und Skagerraks vermindert habe. In einem höchst instruktiven Aufsatz der„Revue Scientifique" behandelt der Zoologe an der Universität Lüttich, Eugene Wollman, diese und andere auf den Gegenstand bezügliche Fragen. Wir müssen es uns aus räumlichen Gründen versagen, ausführlich auf die zur Beantwortung der Fragen angewandten Methoden- einzugehen und begnügen uns damit, an einigen besonderen Fällen, die sich auf die wichtigsten Fischartcn beziehen, die gewonnenen Resultate zu- sammenzufassen. Der Hering. Die Heringsfischerei spielt bekanntlich eine bedeutende Rolle in dem Wirtschaftsleben bieler Länder. Daher haben die kapriziösen Erscheinungen dieses Fisches längs der Küsten und die Verschiedenheiten, die die Heringe je nach den von ihnen besuchten Küsten aufweisen, seit langer Zeit die Aufmerksamkeit der Fischer auf sich gezogen. Man hat sich daran gewöhnt, den Hering der Doggerbank, den der Shetlandsinseln, und den norwc- gischen zu unterscheiden. Man unterscheidet in dieser Kategorie den Frühjahrshcring(Springhcring), den großen Hering(Breit- Hering), den Fctthering usw., usw. Die ersten Forschungen erlaubten nicht, die Beziehungen fest- zulegen, die zwischen den verschiedenen Arten von Heringen be- stehen, aber eine peinliche Untersuchung förderte bald bedeutende Differenzen in der Organisation verschiedener Arten zutage. So hat Heinicke gezeigt, daß die Zahl der Wirbel bei den Heringen der Doggcrbank geringer ist als bei den Frühjahrsheringen Nor- wegens. Andere Forschungen haben dann gestattet, die Verteilung der verschiedenen Arten folgendermaßen festzustellen. Der Hering der Doggerbank, der durch seinen kleinen Wuchs(24 bis 25 Zentimeter) und seine kleine Zahl von Wirbeln(56) charakterisiert wird, findet sich in der Doggerbank längs der Küsten Englands, auf der großen Fischerbank, und dem Süden des Skagerraks. Der Hering der Shetlandsinseln, der 36 Zentimeter an Länge mißt und eine etwas größere Anzahl von Wirbeln zählt, findet sich an den schottischen Küsten und an den Shetlandsinseln. Diese Art bildet nach mancherlei Hinsicht die Verbindung zwischen dem Hering der Doggerbank und dem Norwegens, er laicht im Juni und August. Der Hering Norwegens ist die größte Art, und diejenige, die die größte Anzahl von Wirbeln besitzt. Dieser Hering laicht im Früh- jähr, wird Matjcs- oder Jungfernhering im Juli und August und Vollhering im November genannt. Die Schnelligkeit der Entwickclung unterscheidet eine Art von der andern. Es seien einige Resultate mitgeteilt, die man in Be- ftimmung des Alters nach den konzentrischen Kreisen der Schuppen erhalten hat. Das Wachstum des Frühjahrsherings ist rapide und regelmäßig bis zum Alter von fünf oder sechs Jahren; nach diesem Alter verlangsamt es sich mehr und mehr. Das Wachstum der Fjordhcringe ist bei weitem geringer, das Wachstum des Skagcrrak- Herings und das der Shetlandsinseln verlangsamt sich schon nach dem driten Jahre. Die Fische dieser beiden Arten erreichen den- noch einen viel beträchtlicheren Wuchs, als der Hering der Fjords. Wenn man für jede dieser Arten die Schuppen der Fische von einem Jahr prüft, d. h. der Schuppen, die nur einen einzigen KreiS tragen, so konstatiert man eine wichtige Tatsache: Von der Bildung des ersten Winterringcs ab werden die Schuppen des Frühjahrsheringes, wie diejenigen des Heringcs der Fjorde, bei weitem kleiner als diejenigen der Art aus dem Skagerrak und die- jcnigen von den Shetlandsinseln. Erinnern wir uns nun daran, daß der Frühjahrshering und derjenige der Fjorde im Winter und im Frühling laichen, während die Arten des Skagerraks und der Shetlandsinseln im Sommer und im Herbst laichen, so erklärt sich der Unterschied in der Größe der Schuppen mit einem einzigen Ringe durch die Tatsache, daß, von der Bildung des ersten Winter- r!nges-an, die Fische der beiden ersten Arten ein Jahr alt sind, währeird diejenigen der beiden letzten Arten 1l4 Jahre zählen. Wir find also in der Lage, die Fische der verschiedenen Arten in den .Gegenden zu unterscheiden, wo man sie zusammen trifft. Diese und ähnliche Beobachtungen gestatten uns, eine andere interessante Frage anzuschneiden: die_ Zusammensetzung der Heringsbänke nach Altersgruppen. Ein Beispiel wird das am besten darlegen. Bei drei verschiedenen in mehrere Meilen weit ausein- aiider liegenden Gegenden veranstalteten Fängen mit döm Schlepp- netz, das die Fische alle Größen aufnimmt, hat man 927 izrüh- jahrsheringe gefangen. Indem man das Alter dieser Fische be- stimmte, hat man sie in elf Gruppen von drei bis dreizehn Jahren geteilt. In der Gruppe drei waren nur wenige Fische; die Gruppen 4, 5. 3, 7 und S waren außerordentlich zahlreich. Uebrigcns war das Verhältnis de? Fische der verschiedenen Altersklassen offenbar dasselbe in dem Ergebnisse von jedem der drei Fänge. Man kann daraus schließen, daß die Beobachtungen eine ziemlich genaue Vor- stellung über die Zusammensetzung der Banken von Frühjahrs» Heringen ergeben. Wir werden später die Bedeutung dieser Beob- ochtung sehen, es genüge, hier zu sagen, daß sie gestattet haben. ein für allemal die folgenden Punkte aufzustellen: 1. Der Früh» jahreshering ist ein Hering, der bis zum Alter von mindestens vier- zehn Jahren laicht. 2. Der Matjeshering ist ein junger Hering, im Alter von Ish bis 4 Jahren. Der Köhler. Der Köhler, eine Schellfischart, laicht vom Dezember bis Februar in einer Tiefe von ungefähr 159 Metern. Er braucht ein Wasser, das einen hohen Salzgehalt hat. Hieraus erklärt es sich, daß das Laichen nur in dem Norden der Nordsee, der North Sea Bank, und in den tiefsten Teilen der Romsdal-Bank geschieht. Aus diesen Regionen werden die Larven und die ganz jungen Fische an das Land getrieben. Ausgedehnte Untersuchungen haben das nachfolgende Tablcau dieser Wanderung aufzustellen erlaubt. Aus den weiten, von den Fischern unter dem Namen„Tampen" bekannten Laichräumen werden die kleinen Fische in gewaltigen Massen nach Schottland und England getrieben, wo sie Gegenstand eines reichen Fischfanges bilden. Ein Teil wird nach Bergen und Stavanger gelenkt, ein anderer Teil wird weiter nördlich getrieben, endlich darf man nach gemeinsamen Beobachtungen aunehincn, daß ein Teil der jungen Köhler, die man in der Nordsee trifft, vom Atlantischen Ocean herbeigeführt worden sind. Die Richtung der Strömung erklärt das Fehlen junger Köhler im Süden der Nord- see und in dem Fjord von Kristiana ebenso wie ihr relativ seltenes Vorkommen im Skagerrak. Dennoch konveniert dieses letztere der EntWickelung des Köhlers; denn die Exemplare, die man dort findet, sind viel besser entwickelt, als die jungen Köhler desselben Alters in denjenigen Gegenden, wo diese Fische in reicher Anzahl vorhanden sind. Die Geschichte des Köhlers liefert so ein packendes Beispiel von der Rolle der Strömung in der Verteilung der Fische. Sie gestattet uns nunmehr festzustellen, daß es nicht nur die Lokalbedingungen sind, die den Fischreichtum einer bestimmten Gegend beeinflussen. Die jungen, schon durch die Strömung zerstreuten Köhler ver- folgen ihre Entioickclung unter sehr verschiedenen Bedingungen. Die in dieser Richtung angestellten Untersuchungen haben gezeigt, daß, je mehr man nach Norden vorrückt, um so langsamer das Wachstum ist. Sv können im Skagerrak die 1% Jahr alten Köhler die Länge von 36 Zentimeter erreichen, während an den Küsten von Mur- mann oder Finnmarken die Köhler von 2l& Jahren nur 28 Zentimeter messen. Diese Tatsache erklärt es, daß in Norwegen der Fang deS sehr jungen Köhlers nur in der Gegend stattfindet südlich von Romsdal. Es ist wahrscheinlich, daß die Mehrzahl der Köhler die Geschlechtsreife im vierten Jahr erreichen und daß sie bis zum Alter von mindestens achtzehn Jahren laichen. Der Kabeljau. Der Kabeljau laicht in sehr verschiedenen Jahreszeiten und in sehr ausgedehnten Regionen. Dank den dänischen und nowcgischen Untersuchungen sind die Gegenden genau besfimmt, sie sind: Der Süden der Nordsee, die englischen Küsten, das Skagerrak, die beiden Belte, die norwegischen Fjorde, die Küsten der Farörinseln und die Küsten des Süden Islands. Das Laichen geschieht in ziemlich tiefem Wasser und ziemlich nahe dem Land, und man findet die jungen Kabeljaus in reicher Zahl längs der verschiedensten Küsten der Nordsee, des Skagerraks, und des Ark» tischen Meeres. Zu jeder Zeit wird ein Teil der jungen Fische durch die Strömung auf, das offene Meer getrieben. Die Schnelligkeit des Wachstums des Kabeljaus ändert sich mit den Gegenden; so erreichen die jungen Fische von einem Jahre eine Länge von zwanzig Zentimeter in dem Süden der Nordsee und in den Velten, während die gleichaltrigen in dem Skagerrak gefangenen Fische nur vier bis fünf Zentimeter und die der norwegischen Küste sieben bis acht Zentimeter in der Länge messen. Es hält ziemlich schwer, genau das Alter deS Kabeljaus zu bestimmen, man hat indessen nachweisen können, daß sein Wachstum schneller und regelmäßiger während des zweiten und dritten Jahres ist, daß es aber vom fünften Jahre ab bedeutende Unterschiede im Winter und im Sommer aufweist. Der Köhler erreicht die Geschlechtsreife im Alter von drei Jahren, selten ein wenig später. So findet man in den Velten laichende Köhler von dreißig Zentimeter Länge und im Alter von zwei Jahren, dagegen in der Nordsee messen die zur geschlechtlichen Reife gelangten Köhler siebzig bis achtzig Zenti» meter. Es ist wahrscheinlich, daß die Periode der Geschlechtstätig- keit mindestens 11 bis 12 Jahre währt. Das Studium einerseits des Wohnungswechsels der bezeichneten Fische, andererseits der Fischereistatistiken, machen uns bekannt mit den Wanderungen, die der Köhler unternimmt. Wir erfahren so, daß die erwachsenen Köhler in dem Süden der Nordsee sich zeigen, um im Sommer von neuem zu verschwinden; an den Küsten von Norwegen fängt man sie noch bei Finnmarken im Sommer, und auf den Skrei Banks im Winter. Ebenso laichen an den isländischen Küsten die Kabeljaus im Süden im Winter und steigen gegen Norden im Sommer. Auf der anderen Seite weisen die Wanderungen der bezeichneten Fische nach, daß die erwachsenen Kabeljaus von dem Innern nach dem Aeußcrn der Fjorde ziehen und daß sie große Entfernungen längs der Küsten durcheilen, - 688- Der Schellfisch. Der Schellfisch laicht im Norden der Nordsee in ziemlich tiefem Wasser. Die jungen Fische wachsen schnell und bleiben pelagisch während der Monate Mai, Juni und Juli. Sie werden aber von der Leichungsgegcnd wieder davon- getrieben nach den Küsten Norwegens, nach dem Skagerrak und in das Arktische Meer. Es ist leicht, das Alter des Schellfisches nach einer Prüfung der Schuppen zu bestimmen, so dast man dank eines reichen Materials zu sehr interessanten Resultaten gelangte. Die hauptsächlichsten seien erwähnt: Die Schnelligkeit des WachtStums des Schellfisches variiert nach den Gegenden, wo er sich befand; so sind die aus der Doggcrbank stammenden Schellfische größer als die gleichaltrigen Fische, die in der Nordsee gefangen werden. An den Küsten Norwegens erreicht der junge Schellfisch von einem Jahre die Länge von 13— 14 Zentimeter. Es scheint auch, daß die Schnelligkeit des Wachstums mit den Jahren sich ändert. So- wohl die Fische von 1902 und 1993 sind kleiner als die gleich- altrigen Fische vom Jahre 1995— 1996. Die jungen Schellfische von 1�—2 Jahren scheinen in großer Zahl in allen Gegenden der Nordsee vorzukommen. Die älteren Fische sind verhältnismäßig weniger zahlreich. Das Studium der Bedingungen dcS Laichens und der passiven Ortsveränderungen der Eier und der Larven rückt nun die wichtige Tatsache in das klare Licht: Der Reichtum an Fischen hängt nicht lediglich von lokalen Bedingungen ab. Nichts beweist besser die Notwendigkeit des internationalen Zusammenwirkens, als die Bedeutung der beobachteten Ortsvcrändcrungcn. Was wir außerdem über die Laichgcgendcn und über die bedeutsamen Ortsveränderungen erfahren, die sich selbst vor dem Ausschlüpfen der Jungen vollziehen, scheint zu beweisen, daß man darauf ver- zichten muß, die Menge der gelaichten Eier und daher die Be- Ziehungen zwischen der Zahl der Geburten und der Gesamtheit der erwachsenen Fische kennen zu lernen. Diese Lücke verliert an Wichtig- kcit, denn die in dieser Hinsicht angestellten Untersuchungen be- wiesen, daß selbst die ani meisten von den Menschen gesuchten Fischartrn beständig einen bedeutenden Zuwachs an jungen Fischen erhalten. Es ist festgestellt, daß in der ganzen Ausdehnung der Nordsee das Wachstum des Schellfisches langsamer, die Zahl der Geburten bei weitem geringer gewesen ist im Laufe der Jahre 1992—1993 gegenüber den anderen Jahren. Aber nicht nur beim Schellfisch- fang hat man für diesen Zeitpunkt dies beobachtet. DaS Ergebnis der großen Kabeljaufänge ist aus ein Minimum gesunken, und alle anderen Fischarten fehlten mehr oder weniger. In derselben Periode hat man eine beispiellose Zahl von Polarticren beobachten können, die aus dem arktischen Meere kamen. Die Robben und Weitzwalfische, die gewöhnlich in den Polarmeeren bleiben, stiegen weiter nach Süden hinab. Auch die Grenzen des Polareises rückten mehr als gewöhnlich nach Süden vor. Diese Tatsachen, oie die Beziehungen nachweisen, die einerseits zwischen den kliniatischcn Bedingungen und andererseits zwischen dem Wachstum und der Vermehrung der Fische bestehen, scheinen anzuzeigen, daß diese letzteren so wichtigen natürlichen Einflüssen unterworfen sind, daß man sie als bollständig unabhängig von der Intervention der Menschen betrachten kann. Ilcbrigcns ist die Fluktuation selbst in der Zahl der Geburten ein Beweis mehr von dem enormen Zu- wachs an jungen Fischen. Die Fische mehrerer von Menschen sehr gesuchten Arten !(Hcring, Köhler, Kabeljau) erreichen ein hohcS Alter(15 bis 18 Jahre). Die Beobachtungen zeigen, daß sie dann deutliche Zeichen des«Greisenalters" aufweisen. Daraus kann man schließen, daß, wenn selbst infolge einer sehr intensiven Fischerei die mittlere LebcnSlängc dieser Arten vermindert wurde. doch die Dauer der sexuellen Aktivität nicht merklich vermindert wurde. Allerdings scheint es, daß die Zahl der Schellfische und der Schollen in bestimmten Gegenden infolge der zu intensiven Fischerei sich sehr vermindert hat. So trifft man im Kattegat nur selten Schollen von mehr als 3— 5 Jahren, während in be- stimmten Gegenden der Nordsee und an den Küsten Norwegens diese Fische ein Alter von 15—18 Jahren erreichen. Dasselbe ist, wie wir gesehen haben, beim Schellfisch in der Nordsee der Fall. Wie dem aber auch sei, eines steht fest, wir besitzen jetzt eine Methode, die es erlaubt, zu bestimmen, in welchem Maße der Reichtum der Fische durch die Verwendung der verschiedenen Fisch- Methoden berührt wird. Dieses in den fünf Jahren des Bestehens der„Internationalen Vereinigung für Mceresforschung" erreichte Resultat ist überaus wichtig, und es ist zu hoffen und zu wünschen, daß der einmal beschrittcne Weg zu neuen wertvollen Ergebnissen führen wird. S. Kleines feuilleton* Die Landwirtschaft in den Bercinigteu Staaten zieht zu ihrer Förderung die Wissenschaft in einem Grade heran, wie es in anderen Ländern in diesem Umfang wohl noch nirgend geschieht. Namentlich ist man dort darauf bedacht, sich aus der gastzen Welt das Beste an Nutzpflanzen und Nntztieren zusammenzuholen, um die eigene Produktion zu verbessern. Diese??aßnahmen erstrecken sich nicht nur mif die Einführung von Lebewesen, die an sich einm Gewinn abwerfen, sondern auch von solchen, die durch ihre Lebens« weise geeignet sind, Schmarotzer und andere Feinde der Produktion zu bekämpfen. Wie umfassend und gründlich diese Studien und ihre Ausfuhrung sind, lehrt eine Reihe von Beispielen, bei denen es sich um Gräser handelt. Zu den hmifig genannten ausländischen Grasarten gehört das Alfa oder Alfalfa, das im nördlichen Afrika und Spanien eine hervorragende Rolle spielt, da es eine vielseitige Verwendung zur Herstellung von Papier und Flechtwerk der verschiedensten Art, auch als Material für Polster und noch zu vielen anderen Zwecken gestattet. Nachdem sich die Produktion und Industrie dieses Grases bis zu einer aufsehenerregenden Bedeutung gehoben hatte, entsandten die Ameri« lauer alsbald eine Forschungsexpedition, um die eigentliche Heimat dieses Grases in Arabien aufzusuchen und es vollkommen zu studieren. Als weilerer Schritt folgte die Einfuhr des arabischen GraseS nach Amerika, wo es in besonders günstigen Gegenden von Kalifornien nicht weniger als 12 Schnitte im Jahre gegeben hat. So machen sich die Amerikaner nicht nur von der Einfuhr von Roh» stoffen aus anderen Ländern unabhängig, sondern schaffen sich neue Ausfuhrprodukre, mit denen sie in den Wettbewerb des Weltmarktes eintreten. Außer diesem Beispiel nennt Professor Ressey von der Universität Nebraska noch einige andere. So ist eine ganze Reihe neuer Gräser aus Para in Brasilien, aus Guinea und Natal in Afrika eingeführt worden, um die amerikanischen Wiesen und Weiden zu verbessern, und auch diese Maßnahmen haben einen er- heblichcn Erfolg gebracht, teils durch ein schnelleres Wachstum teils durch einen größeren Ertrag. Auch ein altes Monopol der tropischen Gegenden, die Lieferung des Bambus, haben die Amerikaner anzugreifen begonnen. Der Bambus ist, wie man wohl kaum ausdrücklich zu sagen braucht, eine der tuitzlichsten Pflanzen der Erde, und die Festigkeit des kräftigen Stammes dieses Gewächses hat etwas geradezu Imposantes. Dadurch hat sich der Bambus zunächst in seiner orientalischen Heimat bis nach Ostasicn hinein eine vielfache Verwendung erzwungen, und die Anerkennung seines Wertes hat sich mit dem Welthandel überall hin verbreitet. In der gemäßigten Zone finden sich Anpflanzungen von Bambus nur spärlich und die Stauden erreichen auch keine genügende Stärke, um eine hervorragende Ausnutzung zu gestatten. Auch in Amerika waren bisher nur vereinzelte Bambuspflanzungen angelegt worden, hatten aber den Beweis geliefert, daß sie namentlich für gewisse Teile der Vereinigten Staaten, wo der Boden für andere Kulmren nicht ge- eignet ist, ansehnliche Werte zu liefern imstande sind. Daraufhin find wiedcrunl Forschungen im Auslande in die Wege geleitet worden, die zu genauen Studien der verschiedenen Bambusarten, namentlich in China und Japan, geführt haben. Emer der hinausgesandtcn Sachverständigen hatte den Auftrag erhalten, die ihm am besten ge- eignet erscheinenden Pflanzen in einer Schiffsladung nach Kalifornien hinüberzuschaffen. Nach Beendigung dieser Untersuchungen befinden sich die Amerikaner im Besitz eines vollständigen Materials für Schaffung einer Bambuskultur. Sie haben Pflanzen mit größerer Widerstandsfähigleit gegen niedere Temperaturen au? jChina be- zogen, andere aus Indien, die wiederum gegen Trockenheit besonders gefeit sind; schließlich tropische Riesenformen aus größerer Nähe, nänilich von der Insel Porto Rico. Unter weiser Ausnutzung der durch diese Forschungen gegebenen Möglichfeiten werden sich die Amerikaner.nun auch in der Produktion dieser wichtigen Pflanzen bald vom Auslande unabhängig gemacht haben und als Lieferanten auftrete». Kulturgeschichtliches. Wer erfand das Spinnrad? Allgemein liest man, der Bildschnitzer Jürgen aus Watenbüttel habe das Spinnrad 1539 er- funden. Und die Braunschweiger sind nicht wenig stolz ans diese Erfindung. Tatsache ist jedoch, daß da? Spinnrad weit vorher be- kannt war. Schon in deni im Besitze der Familie Waldburg ans Schloß Wolscgg in Württemberg illustrierten Hausbuch vom Jahre 1489 wird ein Spinnrad mit allen seinen Teilen deutlich abgebildet. Etwa 29 Jahre später finden sich ver» schicdene Spinnvorrichtungen in den Manuskripten von Leonardo da Vinci, dem größten Ingenieur der Renaissance. Leonardo kennt sogar dabei schon die heute an Nähmaschinen angewandte selbst- tätige Hin- und Herbewegung des Fadens auf den Spulen, damit das Garn nicht an einer Stelle dicker auftrage als auf der anderen. Selbst in Druckwerken ist das Spinnrad schon vor der angeblichen Zeit seiner Erfindung durch Jürgen ab- gebildet. Ums Jahr 1529 druckte Matheus Elchinger zu Augsburg ein Neujahrsblatt, aus dem über einem iicnnzsiligen Gedicht eine Frau an einem Spinnrad»nd ein Mann mit einer Laute dargestellt sind. Auch in dem Dnickwcrkchen„Eyne nyge Kalender(Lübeck 1519) findet sich eine Spinnradabbildimg gedruckt. Endlich haben wir in der im Jahr 1524 von Niklas Glockcndon gemalten Bibel der Wolfenbütteler Bibliothek einen Beweis, daß das Spinnrad schon damals bekannt war. Eine Malerei dieser Bibel zeigt nämlich eine Spinnstube, in der die Mägde noch den alten Nocken führen, während die Herrin an einem Spinnrade arbeitet. Die Nachricht über den Bildschnitzer Jürgen, die sich übrigens erst 1722 in der Nehtmeierschcn Chronik von Braun- schweig findet, hat also höchstens eine lokale Bedeutung: Jürgen wird das Spinnrad damals in Braunschweig zuerst hergestellt haben und deshalb als Erfinder genannt worden sein. F. Lerantwortl. Redakteur: Hauö W.'Def, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagsanjtaltPaul Singer chCo..BerlmL)V.