Anterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 174. Mittwoch, den 9. September. 1903 (Nachdruck verdaten.) � jVlakia. Boman aus dem moderneu Sizilien von Emil N a s m u s s e n. Der Marchese blieb bei seiner Weigerung, indem er an- führte, es sei wohl außer Zweifel, daß sein Grund mineral- reich sei, jedoch in keiner Weise erwiesen, daß er Wasser ent- halte, da man ja noch nicht einmal versucht habe, sich hierüber Gewißheit zu verschaffen. Mit dieser Antwort ging der Stadtrat, der die Sache beständig auf seine Art darstellte, zum Ministerium, um die Vollmacht zu einer vom Allgemeinwohl aufs dringendste ge- forderten Expropriierung des Marchese zu erlangen. Während die Gärung in der Stadt und der Haß gegen den Marchese mit jedem Tage, an dem die anhaltende Hitze und Trockenheit den Wassermangel drückender machte, stieg, wartete man mit Spannung auf die Entscheidung des Ministeriums. Diese ernsten Sorgen waren es, die in jener friedlichen Abendstunde Vater und Tochter quälten, ohne daß sie doch das Verlangen fühlten, einander die Gedanken mitzuteilen, mit denen beide gleich vertraut waren. Sie waren wieder Freunde geworden, wie in alten Tagen, aber sie hatten die Mutter in ihren Bund auf- genommen, und der Haß von außen drängte die drei Isolierten in ein so inniges Verständnis zusammen, wie sie es viele Jahre nicht gekannt hatten. Der Marchese war in dem verschwundenen Jahre nicht bloß gealtert, er hatte zu- gleich auch seine Widerstandskraft gestählt, hatte sein ganzes Denken um die Verantwortung gesammelt, der Letzte eines alten stolzen Geschlechtes zu sein. All seine Interessen, alles, wofür er sein Leben gelebt, warf er über Bord, alle Gedanken dem einen Ziele opfernd, seinem Geschlecht einen auch ökonomisch würdigen Abgang zu sichern. Schon begann es zu dämmern und sie dachten hinein- zugchen, als die Marchesa an der Seite eines jüngeren Herrn im Garten erschien und sich mit einem eigentümlich eindring- lichen Tone an ihren Mann wandte: „Ingenieur Lo Forte ist hier, um eine wichtige Mit- teilung zu bringen— Du kennst ja den Ingenieur?" „Sie waren seinerzeit bei Gräfin Del Chiaro? Ich er- innere mich Ihrer sehr wohl," sagte der Marchese in einem ab- wartenden Tone. „Es freut mich, daß der Marchese sich meiner noch er- innert," versetzte Lo Forte mit einem hastigen Blick auf Lidda, die sich erhoben und ihn mit einer Kopfneigung begrüßt hatte, worauf sie stehen blieb voll tiefen Erstaunens, das sie rascher atmen machte, den Besucher betrachtend.—„Ich habe Ihnen einen wichtigen Vorschlag zu machen, Marchese." „Sprechen Sie nur frei heraus! Ich habe keine Geheim- nisse vor meiner Familie." „Ich bin von der großen englischen Gesellschaft„Angls- Siculian Mines" bevollmächtigt, Ihnen achtmal soviel für Ihre Minen zu bieten, als der Stadtrat." Beide Frauen sahen von Lo Forte zum Marchese hin- über, der einen Augenblick dastand, ohne Antwort zu finden. Endlich sagte er: „Was verschafft mir die Ehre des Interesses, das Sie an unseren Minen bezeigen?" „Ich kann mir denken, daß Sie einem Manne mißtrauen, der einmal in der Gräfin Diensten gestanden," erwiderte Lo Forte, wieder zu Lidda hinüberblickend, die die Augen vor ihm senkte—„und doch bin ich ein Mann, der Hinterlist und Gewalttat haßt. Als ich hier herkam und durchschaute, was man gegen Sie plant, unterrichtete ich meinen Freund Ettore Del Chiaro, und mit seiner Zustimmung wandte ich mich an die Direktion der„Anglo-Siculian Mines",� die mich seit vielen Jahren kennt und gab ihr Bescheid über den Wert Ihrer Minen, den niemand besser zu beurteilen vermag als ich. Wenn Sie Ihre Minen nicht verkaufen, werden Sie expropriiert werden." „Man wird es nicht wagen!" „Man wird es nicht wagen? Wann hat je die Mafia die Tatze erhoben, um sie nachher wieder zurückzuziehen? Verlassen Sie sich darauf, die Kette reicht unzerreißbar von Sizilien nach Rom. Aber was S i e zu hindern nicht die Macht haben, das vermag eine Gesellschaft, die unter dem Schutze eines fremden Staates steht. Man wird einen Protest der„Siculian Mines" nicht auf dieselbe Art behandeln können, wie man einen Protest von Ihrer Seite behandelt. Die Verhältnisse müssen gründlich untersucht werden, und dabei wird sich rasch zeigen, daß Ihr Grundstück als Wasser- werk gar nicht verwendbar ist. Der Zweck des ganzen Manövers ist ja ganz einfach der, daß die Gräfin nach der Expropriation, wenn diese den Erwartungen nicht entsprochen' hat, den Grund um einen Spottpreis von der Kommune zurückkaufen will." „So ist es!" sagten der Marchese und die beiden Frauen im Chor. Es begann zu dunkeln und sie gingen hinein, um die Sache weiter zu besprechen. Die Frauen drangen in den Marchese, dieses ehrliche Angebot anzunchmen. Aber er war zu alt, zu sehr gefestigt in dem Gedankengang eines ganzen Lebens, um den Moment ergreifen und. das Ruder im Hand- umdrehen umlegen zu können. Als die Marchesa seinen Widerstand merkte, bat sie Lo Forte, sie zu entschuldigen, und zog ihren Mann liebevoll in sein Arbeitszimmer, um eindringlich mit ihm zu sprechen, che sein Starrsinn Zeit gewann, sich festzusetzen. Lidda blieb mit Lo Forte allein. Sie trat dicht an ihn heran. „Sie sind ein großer Mensch, Herr Ingenieur!" sagte sie. „Ich habe Sie einmal beleidigt. Es hat auf meinem Ge- wissen gebrannt seit dem Tage, da Sie fortreisten." „Auch auf dem meinen!" versetzte er mit bebender Stimme. „Ich bitte Sie, zu vergessen, was ich damals sagte." „Ich habe Ihnen niemals aus diesem Grunde gegrollt � noch aus einem anderen, Baronin." Eine plötzliche Unsicherheit überkam Lidda. Sie beeilte sich, abzubrechen und einen gleichgültigeren Konversationston anzuschlagen. „Wie lange sind Sie diesmal in Sizilien, Herr In- genieur?" „Bloß einen Monat." „Und Sie gedenken zu bleiben?" „Wahrscheinlich! Ich konnte auf die Dauer das Klima und die Barbarei da unten in El Kef nicht ertragen. Jetzt bin ich Ingenieur bei den Minen in Grotte. Aber es ist mir auch dort etwas zu afrikanisch, so daß ich vorgezogen habe, mich hier in Girgenti niederzulassen, obgleich der Weg zu meiner Arbeitsstätte ein wenig lang ist." „Ach so!— Sie wohnen in demselben Hause wie früher?" „Nein," erwiderte er ein wenig verlegen:„ich habe hier unten an der Ecke, schräg gegenüber Ihrem Palazzo, eine passende Wohnung gefunden." „Dann freue ich mich, Sie spielen hören zu können," sagte sie halb zerstreut, bemüht, mit einem Ohre der leise ge- führten Verhandlung der Eltern im Nebenzimmer zu folgen. „Die Freude ist in diesem Falle gegenseitig, Frau Baronin." „Oh, die Zeiten haben sich geändert. Ich spiele niemals.. Aber sagen Sie mir— entschuldigen Sie, daß ich von anderen Dingen rede—, fürchten Sie die Gräfin nicht?" „Sie wissen, Frau Baronin, wie wir Sizilianer be- schaffen sind: und gelte es das Leben, wir müssen zurück nach unserer teueren Insel. Ucbrigens hat Ettore mir freies Geleit verschafft: er hat seine Mutter für mein Leben vcr- antwortlich gemacht. Er hat ja selbst einen gewissen Anteil daran, daß ich jetzt zurückkehrte. Es hat seit vielen Jahren fast wie ein Traum vor uns gestanden, und wir glaubten daran, daß wir beide hier unten einmal eine Aufgabe haben würden. Wir sind eben zwei unverbesserliche Idealisten." „Ettore ist allerdings ein Apfel, der sehr weit vom Stamm gefallen ist." „Es ist merkwürdig: er und Crocififsa haben gleichsam die Mutter zwischen sich geteilt. Crocififsa hat ihre Hysterie« er hat alle ihre guten Seiten geerbt." „Hat die Gräfin gute Seiten?" „Ich glaube, daß ihre Krankheit, ihre Hysterie und so- dann das Milieu, in das sie gekommen ist. schuld an einem großen 5£n!e ihrer Charakterfehler trägt. Hätte sie einen Mann bekommen, zu dem sie aufblicken oder den sie bloß achten konnte— ich glaube, es wäre alles anders geworden." „Es ist schön von Ihnen, daß Sie einen so guten Vlauben an die Männer haben/' sagte Lidda mit einem etwas müden Lächeln. In diesem Augenblick traten die Eltern ein, und Lo Forte erhob sich, während der Marchese auf ihn zutrat. „Ich kann Ihnen nicht genug für das Interesse danken, das Sie mir erwiesen haben, Herr Ingenieur. Aber darf ich mich ein paar Tage bedenken? Meine Lebensdevise hat ge- lautet: Casa La Greca verkauft nicht. Sie begreifen da, daß ein Bruch mit dieser Lebensregel mich viel kostet." „Sie wissen, daß die Verhältnisse rasche Entschlüsse fordern, Herr Marchese; aber ich begreife und achte Ihr Zögern." Einen Augenblick später nahm Lo Forte Abschied. Der Marchese versprach, ihn in Kenntnis zu setzen, sobald er seine Entscheidung getroffen hätte. (Fortsetzung folgt. (Nachdruck bcciolen.1 13] Huf Irrwegen. Von Jonas L i e. Onkel Joel lag da wie eine Klippe oder ein Vorgebirge, an dem vorüber zu fahren Mühe kosten würde. Er würde vermutlich feine ganze Autorität und sein Gewicht daran setzen, um es alles zu ersticken! -- Vielleicht würde er heute doch noch irgend etwas zu ver- bauen bekommen!—— Faste klopfte schnell an die Tür, die zu dem inneren Kontor führte und trat ein, ohne die Antwort abzuwarten. Onkel Joel saß gebückt da, den Lehnstuhl dicht an den Ofen- schirm herangerückt, und erholte sich gerade von einem eben über- ftandenen Asthma- und Hustenansall. „Wie ungelegen, daß ich gerade jetzt kommen muß, wo Du Dich mit diesen Plagen herumquälst, Onkel!"— entschuldigte sich Faste. „Mutter sagt, Du solltest Dich nur einmal entschließen, damit zum Dokwr zu gehen. So etwas kann leicht schimm werden." „Meint Deine Mutter das—?" Onkel Joel schüttelte traurig den Kopf:„Meine Erfahrung geht dahin: wenn ich meine Uhr erst dem Uhrmacher übergebe, so—" Er keuchte und rang nach Luft. „Und kommt erst der Doktor ins Haus, so folgt ihm auch der Pfarrer gleich auf den Fersen. Das einzig probate Mittel ist, stark zu sein, und das bin ich!-- Ja, jetzt ist es vorüber.-- Es ist dasselbe Mittel wie das gegen die Armut,— reich zu sein. Ja, ja,— nun ist es überstanden, ganz überstanden.-- Diese Pfeffermünztropfcn,— so lange man sich mit einem so einfachen Mittel helfen kann, steht es noch nicht so schlimm um einen, mein Herr Faste!— Die naßkalte Herbstluft.— Ahem,— ja!" Er humpelte und tastete sich durch das Zimmer. „ES scheint, als wenn Du Dich jetzt nach Deinem Architekten- examen hauptsächlich mit der Art von Gebäuden abgiebst, die man Luftschlösser nennt!" platzte er heraus. „Das kommt auf die Augen an, mit denen man sieht, Onkel—" »Ich wußte ja, daß es auf irgend etwas Sonderbares heraus- kommen würde— daß man einen verschrobenen Menschen auch noch mit Kenntnissen versieht, die ihn in Stand setzen, die Schraube zu drehen!" „Ich habe immer gefunden, daß Du ein verteufeltes Talent hast, Dich schneidig auszudrücken, Onkel. Ich möchte wohl einmal zuhören, wenn Du jemand in einer Generalversammlung an der Kehle packst." „Und ich sage," die Stimme klang jetzt sehr kräftig—„baue, —; baue meinetwegen bis in den Himmel hinein, aber bringe mir keine Verwirrung in die Stadt! Einer nach dem anderen kommen die kleinen Leute draußen vom Strande und von der Landzunge herein und wollen wissen, ob der Grund und Boden, auf dem sie wohnen, sie vielleicht zu Krösussen machen kann?" „Ja, Onkel, es sieht leider wirklich so aus, als wenn Du schon zu lange damit gewartet hast, Dir die Bauplätze da unten zu sichern, die Du für ein Butterbrot hättest haben können." „Was— was sagst Du.— Ich?"— „Ach, die ganze Stadt weiß ja, daß eS Deine Absicht ist. alles, was Du hinterläßt, irgend einer Anstalt oder einem Stift zu ver- machen." „So, das weiß also die ganze Stadt." „Ja, was sonst?— Oder ist es etwa nicht der Fall gewesen, daß wenn Du ein wenig hart mit den Zinsen und vielleicht reich- lich vorsichtig mit Deinem Gelde warst, man das Gerede immer damit totgeschlagen hat, daß es schließlich ja alles nur aus Jnter. esse für das Wohl Deiner Vaterstadt geschähe?" „Nun, das muß ich sagen, Du bist wirklich ein Zauberkünstler! Stehe ich nicht plötzlich als Gläubiger der ganzen Stadt dal Ich sollte wohl eigentlich gleich auf die Bank gehen und alles, was ich besitze, auf das Konto der Stadt übertragen lassen!" schrie Onkel „Jedenfalls hast Du in dem Glanz dieses Glaubens gelebt, Onkel." „Ich möchte Dich doch bitten. Dich an Deine eigenen Schlösser zu halten und nicht auch für mich Luftstiftungen zu bauen!" „Nun ja, Onkel Joel,— das ganze ist sozusagen eine Glaubens- oder Bekchrungssache. Man muß dazu bekehrt werden, sich als Großstadt zu denken." „Ja,— ja,— ja!" höhnte Onkel Joel.„Bekchrungssache-- Und was weiter,— um das Ende der Sache ins Auge zu fassen-- Steht dann das Badchotel fertig da?"— „Ja, wenn nur- erst die ganze Stadt daran glaubt, dann steht es da, Onkel." „Gratuliere, gratuliere-- Ich habe schon— alle erforderlichen Erkundigungen eingezogen-- Grüße Deine arme Mutter von mir." „Da kann ich Dir doch sagen, Onkel, daß hier schon ziemliche Stimmung für die Sache herrscht. Du sprachst vorhin selber von den kleinen Leuten draußen am Strande auf der Landzunge. Wie- viele halbe und viertel Aktien glaubst Du, daß ich dort bekommen werde? Und wenn dann der ganze Schwärm von Schiffen heim- kehrt mit Kapitänen und Steuermännern, die alle hier in be- schränkten Verhältnissen wohnen. Glaubst Du nicht auch, daß die geneigt sein würden, sich überzeugen zu lassen, daß ihre Woh- nungen und Grundstücke weit höher im Preise steigen könnten? Oder glaubst Du etwa, daß die Hausbesitzer Straße an Straße die ganze Stadt hinauf, ganz unzugänglich für den Gedanken sein sollten, daß ihre Stadt durch so eine größere Badcanlage das be- kommen könnte,— was ihr bisher im Lause der Zeiten niemals beschieden war— nämlich eine Türritze, durch die sie in eine größere Zukunft hineinschauen können mit erweiterten Erwerbsquellen und Möglichkeiten für neues Wachstum und Betriebsamkeit?— Und die ganze Umgegend! Sollte die soviel dagegen haben, eine größere Stadt zu versorgen?" entgegnete Faste voller Begeisterung. „Ja, ja, ja!" keuchte Onkel Joel,—„so ist's recht,— nur immer weiter so.-- So predigt man sein Luftschloß in die Höhe— bis es sich um— Geld handelt I-- Ei freilich,— man setzt der Kuh eine grüne Brille auf, dann hat man nicht nötig, ihr Heu zu geben.-- Es kommt nur darauf an, daß es gelingt, der Stadt die Brille auf die Nase zu setzen!" „Aber gerade Geld meine ich, soll hier kommen, Onkel. Wenn die Leute nur an die Möglichkeit glauben, werden sie auch ein wenig daran wagen." „Ja, ja. ja.— ganz recht,— wagen—' „Auf den Zukunftswert hin—" „Ah,— ja, ja," stöhnte Onkel Joel,—„ich wüßt' es ja, daß er das Wort finden würde,— der Zukunflswert!"— „Wenn man die Wahl zwischen einer Null oder Gold hak, Onkel, so strecken doch wohl die meisten die Hand aus." „Und dann nimmt sich so ein gewandter Meister der Rede wie Du vor, ihnen in den Kopf zu setzen, daß das, was sie sehen, Geld ist, ja. Was sie wirklich in die Hand bekommen, will ich nicht bei seinem Namen nennen." „Sonderbar,— merkwürdig,— Dich so im stehenden Wasser sitzen und gegen die Zeit ankämpfen zu sehen, Onkel. So warst Du nicht in Deiner Jugend,— damals, als Du in Kaliforniawcizen spekuliertest. Wie Onkel!— Jetzt bist Du elend. Glaubst Du aber nicht, daß es neues Leben in Deine Adern gießen könnte, wenn Du noch einmal einen tüchtigen Koup machen könntest!— so einen, der vielleicht gleich Dein Vermögen verdoppeln könnte?— Es kommt nur darauf an, sich wieder jung zu machen, den Gedanken zu ergreifen und Vater desselben zu werden-- Ich meine, das würde ein ganz anderes, lebensvolleres Monument sein, daß Du Dir errichtetest, als wenn Du eine„Stiftung" gründetest!— Du bist groß angelegt, Onkel. Und hier hast Du als großer Vogel in einem kleinen Bauer gesessen, und gerechnet und dividiert, bis Du beinahe vergessen hast, daß Du einmal Deine Flügel benutzen konntest, um Anteil an der Begründung einer Großstadt zu haben, Onkel!— Große Häuser statt all der kleinen,— und Menschen darin, die viel weiter hinausdenken als nur bis zu den nächsten Schären I" „Du bläst die Seifenblase wirklich so auf, daß es eine wahre Unterhaltung ist, hineinzusehen. Aber wenn sie Platzt,— wenn sie Platzt,— wenn sie Platzt—", wiederholte er verbissen. „Ja, die Idee liegt da. Siegen aber wird derjenige, der sie zuerst zu ergreifen weiß. Hinterher reiben sich die anderen die Augen! Ich brauche Dir nicht alle die Vorteile aufzuzählen, die wir haben,— ich meine, alles das, was die Aerztc jetzt— und zwar schwarz auf weiß— haben einräumen müssen, was wir vor anderen an Bedingungen infolge der OrtS- und Strandverhältnisse voraus haben.— Aber, was ich wollte, daß D u, Onkel, vor allen anderen sehen solltest, das ist die brillante Lage unseres Hafens. sozusagen mitten in der Touristenroutc! Es handelt sich nur darum, die Badebucht durch eine Mole zu sichern, und die Sache in die Hand einer organisierten und hinreichend kapitalsfähigcn Aktiengesellschaft zu legen—". „Aktiengesellschaft, ja, die kann man heutzutage auf Grund- läge eines Streichholzes begründen!" warf Onkel Joel erregt ein. „-- Und die Stadt steht da, bereit, eine ganz neue Zukunft mit offenen Armen zu empfangen.-- Und so etwas, dachte ich mir, konnie eine Kraft tv!e Dich, Onkel, reizen, sich an die Spitze zu stellen und der Stadt seinen Namen als Schöpfer des ganzen zu hinterlassen!" „Ich Gründer!— Vater des Ganzen?— Sag' nur lieber, daß die ganze Stadt sich Wasser über den Kopf gießt-- Gott soll mich bewahren!" „Dieser Mammonteusel!" brauste Faste auf.„Kein Zweifel, daß für diese Art erdgcbundener Seelen die niederen Stoffe ihre Anziehungskraft haben!" „Was,— was?"— Onkel Joel sperrte beide Ohren weit auf.— „Die Erde ist ein Bauer, aus dem nur die befreiten Elemente aufsteigen; das ist das Geheimnis—•— Dich läßt Dein Geld nie los; das ist die Ankerlette, die Dich unten am Boden fest- hält!"— „Ich glaube, weiß Gott, Du hättest Laienprediger werden sollen, das ist ein gutes Geschäft!" meinte Onkel Joel, während Faste zur Tür hinausstürzte. sFortsetzung folgt.) Spätsommer. Von Eduard Oppel. Zwischen Schneeglöckchen und Schlüsselblume, duftigen Maiglöckchen und flammenden Feuerdorn fiihrte uns der Weg von. Früh- ling zum Sommer, vom Märzveilchen zur Blumenkönigin Rose.�j Längst ist dos Heidenröslein in zarter Färbung und leisem Dufte auf den grünen Dornenbüschen am Feldrain und am Waldessaum verblüht und gezählt find d,e Tage der Zentifolien, die mit leuch- tenden Farben und berauschendem Aroma in wohlgcpflegten Gärten prangen. Campanula, die Glockenblume, gibt ihnen das Grab- geläute. Und ist die Noscnzeit vorüber, ist der kraftvoll süße Duft der Lindenblüte verweht, so ist auch die köstlichste Blumen- schöpfung des Jahres vorüber. Zwar folgt noch manches anmutige bunte Bild; aber der Hauch der FrühlingSpoefie schwebt nicht da- über. Die Lanbkronen haben sich geschlossen; die Blätter wollen nicht mehr wachsen, sie nehmen ein dunkles undurchsichtiges Grün an. Zwischen ihnen leuchtet es gelb und rot, blau und braun auf: die Früchte reifen. Der Herbst kündigt sich an. Sein Blumenflor gehört schließlich zum größten Teile der Familie der Korbblütler an, bei denen die unscheinbaren Einzelblütchen sich dadurch Ansehen und Geltung verschaffen, daß sie in dem Kelchkorbe eng zusanuneurücken und einträchtig bei einander bleiben. Dadurch machen sie den Ein- druck großer wirkungsvoller Blumen, wie die Sonnenblume. Und gewiß zeigt kaun, eine andere Pflanzenfanülie reichere Färbung und nrannigfaltigere Formen. Mau denke an A st e r und Georgine, die wie die Sonnenrose da? Beispiel der unglücklichen Blumennyinpbe Clytia nachahmt und der Sonne folgt! Doch die holde Anmut der Lenzflora wird von der Sommer- und Hcrbstflora nie und nimmer erreicht. Die ernste Zeit des Reifens mahnt uns an die Vergänglichkeit des Lebens. Wie rasch erfüllt sich die Zeit I Gestern noch wogte das Aehrcnmeer, heute liegen die Garben darnieder. Man denke an Hoffmanu v. Fallerslebens Gedicht„DaS Aehrenfeld": Ein Leben war'S im Aehrenfeld, Wie sonst wohl nirgends auf der Welt; Musik und Kirmes weit und breit Und lauter Lust und Fröhlichkeit. Wie aber geht es in der Welt? Heut' ist gemäht das Aehrenfeld, Zerstöret ist das schöne Haus, Und hin ist Kirmes, Tanz und SchinauS. Schon fliegen in den entlegenen Dörfern des Gebirges, wo selbst der wohlhabende Handwerker, der sich ein bißchen Landwirt- schast leisten kann, sich mit wenigen Morgen Ackerland bescheiden muß, im steten Gleichtakt die Dreschflegel auf den Tennen, indessen in den Ricddörfern und reichen Landgemeinden die Dreschmaschine unablässig schnaubt und brummt. Johann Gaudenz v. Salis-Seewis hat heuer recht: Bunt sind schon die Wälder, Gelb die Stoppelfelder, Und der Herbst beginnt. Rote Blätter fallen, Grane Nebel wallen. Kühler weht der Wind. Der anormale kühle August, der so reich an Regen und so arm an Sonnenschein dahinzog, hat merklich an den Hoffnungen auf eine ante Weinernte gerüttelt. Ohne Glutsonne reifen die Trauben schlecht oder gar nicht aus, was um so bedauerlicher ist, als die gc- fürchteten Pilzkrankheiten(OVdiurn Tücken und Peronospora victi- cola) trotz beunruhigender Alarmnachrichten durchaus nicht in be- sonderem Matze aufgetreten find. Auch andere Edelfrüchte leiden unter der programmwidrigen Witterung, und selbst in der Flora zeigen sich die Folgen der naßkalten Tage. Am Wegraine blüht die letzte Kornblume. Standhafter zeigt sich •) Siehe Unterhaltungsbeilage Rr. SB. die ruppige blaue Wegwart» mit ihren zarten Azurblüten. Di» weißen Dolden der Schafgarbe und Möhre kontrastierten mit den blauen Rispen der Ratterwurz, ihre gelben zierlichen Sterne beut die Schwarzwurz, und die Kamille entfaltet wiederum einen ganzen Kranz weißer Blumenkronen. Im Garten ragt die riesige Sonnen- blume hoch über blühendem Ziertabak, über blauen Rittersporn und gelbe Tagetes. Schlankleibiger Flox schießt auf. farbenprächtige Gladiolen zünden ihre Feuerkerzcn an, in zartem Blau erschließen sich die Dolden der Clivia, die liebliche Klematis erblüht und die ewig dankbaren Fuchsien ziehen neue rote Mieder und blaue Röckchen an. In zahllosen Variationen entfalten die herbstlichen Georginen ihre Pracht, unvergleichlich in Formen und Farben. Bald überschauen wir das Vegetatiousjahr. Seine einzelnen Phasen knüpfen sich an bestimmte Farbcnvorstelluugen: der Frühling an saftiges Jmiggrün, der Sonmier au das Kolorit der Vollblüte, Weiß. Gelb. Kot, Blau, der Herbst an Fruchtreif« und Laubfärbung, Gelb, Rot und Braim. Viele Forscher haben in: Begetationsjahr einen regelrechten Pflanzenkalender aufgestellt. So Profesior Cohn, der das VcgetationSjahr in zehn Perioden oder Monate ein- teilt; Drude unterscheidet sechs Jahreszeiten der tättgen Vegetation und Ihne rechnet sieben„phänologische" Jahreszeiten. Aus jähre- langen Beobachtungen hat man die mittleren Werte gefunden. So nimmt man mit dem Aufblühen der weißen Lilie(Peter und Paul, 29. Juni) den Sommeranfang an, Ende Juli, zur Zeit der Roggen- ernte, beginnt der Hochsommer, das Aufblühen der Herbstzeillose kündet den Beginn des Vorherbstes(Anfang September), die Zeit der Weinlese bringt den Herbst, die ersten Fröste verraten den Spät- herbst(Ende Oktober). Die Bäume und Büsche entlauben sich. Die Periode, die vorangeht, besingt Emamiel Geibel: Ich sah dm Wald sich färben, Die Luft war gran und stumm; Mir war betrübt zum Sterben, Und wüßt' eS kaum, warum.... Die Natttt legt ihr purpurnes Sterbekleid an. Es ist. als wollt sie in der Pracht des Frühlings scheiden. Noch einmal wird der Farbentopf gemischt, aber nicht für die Blumen, sondern für daS Laub, das bis in glühendes Rot aufflammt und mählicb gelb und braun zur Erde sinkt. Immer trauriger stimmt der Abschied, den scheinbar die ganze Naturherrlichkcit des LenzeS und Sommers nimmt. Wir verstehen Hoffmanu v. Fallersleben in seinem weh- müttgen Herbstlied: Bald fällt von diesen Zweige» DaS letzte Laub herab; Die Büsch' und Wälder schweigen, Die Welt ist wie ein Grab.... Und wir begreifen seine klagmde„Sehnsucht nach dem Frühlings» O, wie ist eS kalt geworden Und so traurig, öd' und leer! Rauhe Winde weh'n vom Norden, Und die Sonne wärmt nicht mehr.—— Schöner Frühling, komm doch wieder! Lieber Frühling,'komm doch bald I Bring uns Blumen, Laub und Lieder, Schmücke wieder Feld und Wald l Den letzten Wicsenschmuck bringt die Herbstzeitlose, deren rosafarbene zarte Blüte auf weißem Schafte an die Krokusblüten des ersten Frühlings erinnert. Dann begibt sich die lebendige Natur zur Ruhe. Die Bäume und Sträucher haben als Wintervorrat Stärkennhl und Eiweißstoffe in Stamm und Rinde aufgespeichert, die Stauden wieder legen in ihren Wurzelstöcken, Knollen und Zwiebeln unterirdische Magazine an. Die Knospen der Blätter und Blüten für das' nächste Jahr sind bei den Holzgewächsen bereits fix und fertig, und so kommt es, daß in einem schönen warmen Herbste die Linde noch einmal Junglaub treibt, die Kastanie noch einmal einige Blülenkerzen aufsteckt und wohl auch ein paar Obstbäume einige neugierige Leuzblütchen erschließen. Aber dieser krankhafte Frühling fällt der ersten Frostnacht, dem tückischen Rau- reif zum Opfer. Der Winter tritt sein Regiment an. die Natur be- reitet in langer Winterruhe neue Wunder und Offenbarungen für das nächste Frühjahr vor. ES hat alles seine Zeit.... kleines feuNleton. Kulturgeschichtliches. Bon alten Geigen. Ein ähnlicher— Sport, möchte man sagen, wie mit alten Bildern oder im siebzehnten Jahrhundert mit holländischen Tulpenzwiebel», wird mit alten Geigen ge» lricbru. Enorme Preise, Liebhaberpreise werden für alte Instrumente gezahlt und ihre tatsächliche oder eingebildete Uuübertrefflichkeit wird auf allerhand Geheimnisse der alten Geigenbauer zurückgeführt. Jedensalls freilich ist es nichts als das Alter des wohlausgesuchten und wohlkonstruierten Holzes, das den alten Geigen den Vorzug vor den neuen gibt. Aber viele Geigensammler und Musiker meinen, daß hauptsächlich der Lack, nnt dem die alten Meister ihre Geigen über- zogen, für die Klangfarbe dieser Instrumente von Bedeutung sei und man ist deshalb seit langem bemüht, die alten Lackrezepte wieder ausfindig zu machen, die besonders die Meister zu Cremona, die Amati, die Stradivari, die Guarneri u. a. benutzt haben. Jeder dieser alten Meister hatte allerdings seine Besonderheiten, sowohl in der Bauart der Geigen, als auch in der Art und Farbe der Lackierung. ES gab förmliche Geigenbauerschulen. deren Erzeugnisse man an ihrer Lackieruirg erkannte; so waren die Geigen Caspa»' Tieffenbruckers, der auch Duiffopruggar genannt wird, eines der älteren Meister, braun lackiert und bemalt, die des StradivariuS rot, die des deutschen Meisters Jakob Slainer in Tirol gelbrot mit braunem Boden, die der ungarischen Geigenbauer dunkelbraun, fast schwarz. Die Geigen aus Neukirchen(Markneukirchen i. Vogtl.), wo der nach 1677 aus Danzig zugewanderte Geigenmacher Tängel eine neue Art der Geigenlackiererei eingeführt hatte, und auch die Geigen aus Klingenthal waren gelb und fleckenlos. Da es zu jenen Zeit keine Lackindustrie gab, waren die Geigenmacher darauf an- gewiesen, sich ihren Lack nach vorhandenen und überlieferten Rezepten selber zu bereiten, und es besteht nun die Meinung, daß die Be- standteile der alten Geigenlacke gar nicht mehr aufzutreiben seien. Aber außerdem sollen die alten Geigenmacher auch ein besonderes Verfahren zur Entharzung des Holzes gekannt haben! nur harz- freies Holz mit leeren Zellen soll den Wohlklang verbürgen. Auch die Lackiermethode soll von wesentlichem Einfluß sein: der Lack dürfe nämlich nicht in das Holz einziehen und er müsse deshalb bei den alten Instrumenten eine Grundieruug aus heller Leimlösung usw. erhalten haben. Vielleicht ist das Tüngelsche Lackierverfahren von dieser Art gewesen. Tatsächlich finden' sich in alten Rezepleubüchern ganz verzwickte Herstellungsvorschristen für Geigen- lacke, so auch in dem 1696 bei Johann Ziegler in Nürnberg er- fchienenen Buche„Curieuse Kunst- und Wereschul, darinnen zu er- lernen allerhand schon bewährte Lac- Spic Terpentin- und Oel- fürnisse". Es wird da das Rezept zu„eines berühmten Geigenmachers überaus schönen Geigen- und Lautcufürnis" gegeben und zwar ist es eine fpirstuöse Lösung von Gumnnlack(Schellack, Saft einer indischen Schildlaus, Coocus lacca), Sandarac(nordwestafrikanisches Weichharz), Drachenblut(Indisches Pflanzenharz), Orlean(Pflanzen- extrakt aus Südamerika und Afrika), Beernwurzel(?) und Aloa socot'-ma. Diese Substanzen sind aber in der Hauptsache auch heute noch zu haben, so daß das Geheimnis also an den Ingredienzien selber nicht liegen kann. Mit diesem Rezept wird aber auch die be- stehende Meinung widerlegt, daß die alten italienischen Meister nur Oellack, nie Spirituslack benutzt hätten. Jenes Rezept war jeden- falls schon bekannt genug, als es in das Nürnberger Rezeptbuch von 1696 kam, und- es ist nicht ausgeschlossen, bei den regen Be- ziehungcn Nürnbergs zu Oberitalien, daß es überhaupt, wie viele andere Rezepte jener Zeit, erst aus Italien gekommen war und von einer italienischen Geigenbauergruppe stammt. In einer 1703 von dem Jesuitenpater Bonani in Rom herausgegebenen Schrift: Drattario dollo vomice(Abhandlung über Lacke) werden dagegen alle spirituösen Harzlösungen als Geigenlacke verworfen und nur Oellacke, also Lösungen von Harzen in Leinöl und Terpentinöl empfohlen. So ist man sich schon damals über die beste Art des Geigenlackes nicht einig gewesen, und es ist deshalb nicht zu verwundern, wenn sich an das äußere Aussehen der Geigen, an ihren Lacküberzug eine Art Mythus angeknüpft hat, der dem Sportbediirfnis. dein Liebhaberspleen und der Sammlerleidenschaft willkommene Unterlagen gibt. In dem bayerischen Gebirgsdorse Mittenwald, das heule noch eine Geigenbauindustrie hat. werden u. a. auch die Geigen hergestellt, die meistens von Zigeunern gekauft werden: fast alle Zigeunermusiker haben Mitteuwalder Geigen. Diese Geigen werden gleich als alt fabriziert? sie müssen recht schwarz und schmutzig aussehen. Die Lackierung erhält deshalb auf künst- liche Weise Risse und Schrunden, an verschiedenen Stellen wird sie leicht beschädigt und es werden undeutliche und unbestimmbare Zeichen und Figuren darauf gemalt, zum Teil auch wieder iveggewischt, so daß nur noch Spuren davon zu sehen sind. Jedenfalls wird dadurch die Mitteuwalder Zigeunergeige keine ziveihundertjährige Stradivari aus Cremoua, aber es scheint wirklich so zu sein— eS ist nicht der To», eS ist der Lack, der die Musik macht.— Hllg. Aus dem Tierreiche. lieber die Abstammung der Walfische. Die„Wal- fische" haben stets unser Interesse wachgerufen. Diese Säugetiere verdanken es ihrer Fischgestalt, mit der sie sich den Bedingungen des Lebens im Wasser angepaßt haben, ohne daß sie dadurch ihr« Säligetiernatur etwa eingebüßt hatten. Sie atmen durch Lungen, lassen ibre Jungen im Mutterleibe heranreifen und säugen sie nach der Geburt mit Milch. Jedes innere Organ der Wale gleicht im Bau dem entsprechenden Organ der übrigen Säugetiere. Auch die Keimesgeschichte, die Entwickelung des Wal-Embryo weist auf die Beziehungen des Wales zu den landlebenden Säugetieren hin. In der„Naturwissenschaftlichen Wochenschrift" hat Prof. Kückenthal („Die Wale und ihre wirtschaftliche Bedeutung") diese Frage zu- sammengefatzt und an der Hand von Abbildungen die Entwickelung des jungen Wals erläutert. In ihrer ersten Entwickelung sind die Wal-Embrhonen ganz nach dem Typus der Landsaugetiere gebaut. Kopf und Rumpf sind voneinander durch den Halsteil abgesetzt. Auch die Gliedmaßen legen sich wie beim Säugetierembryo als Höcker an. und zwar zwei Vorder- und zwei Hintergliedmaßen, während der erwachsene Wal nur zwei Vordergliedmaßen hat. Dem Embryo fehlen noch die Schwanzflossenflügel, die sich erst später als zwei seitliche Hautfalten anlegen. Gewisse Befunde bei Wal-Embrhonen deuten darauf hin, daß sich auch bei ihnen, wie bei allen Säugetierembrhonen, ein Kleid dichtstehender Haars anlegt, das sich aber später in eigentümlicher Weise umwandelt; manche Wals, sehe sind in ausgewachsenem Zustande vollkommen haarlos, aber es kommen bei manchen Formen auch dem er- wachsenen Tiere Haare zu, die als Sinneswerkzeuge funktionieren (so die Spürhaare).— Die Barten, die bei den Bartenwalen eine so große Rolle für die Nahrungsaufnahme spielen, sind eine An- passtingserscheinung an die neuen Lebensbedingungen. Sie sind aus verhornten Gaumenplatten hervorgegangen. Daß die Barten- Wale von bezahnten Säugetieren abstammen, ersehen wir daraus, oaß bei jungen Embryonen sich ein reiches Gebiß von Zähnen anlegt. Die Zähne brechen aber niemals durch, sondern ihre An- läge verschwindet während der embryonalen Weiterentwickelung. — Während die Hintergliedmaßen schon beim Embryo voll- kommen zurückgebildet werden, entwickeln sich die Vorderglied- maßenanlagen weiter und werden zu den Brustflossen, die in ihrem äußeren Bau von den Gliedmaßen der landlebenden Säugetiere vollständig abweichen. Es erweist sich aber, daß ihr Skelett und ihre Muskulatur nach gemeinsamem Grundplane gebaut sind. Ziehen wir in Betracht, daß heute das„biogenetische Grund- gesetz" von Haeckel zu einer Tatsache geworden ist, daß also die Keimesgeschichte ein Auszug der Stammesgeschichte ist, daß die Formenreihe, welche der Embryo während seiner Entwickelung durchläust, eine kurze, gedrängte Wiederholung der Formenreihe ist, welche die tierischen Vorfahren seiner Art von den ältesten Zeiten organischen Lebens an bis aus die Gegenwart durchlaufen haben, so müssen wir sagen, daß es aus Grund der mitgeteilten Tatsachen feststeht, daß der Walfisch von landlebenden Säuge» tieren abstammt. Schließlich sei noch bemerkt, daß, wie Prof. Kückenthal hervor» hebt, es neuerdings der Paläontologie geglückt ist, Funde von fossilen Vorfahren der Wale zu machen, aus denen hervorgeht, daß die Zahnwale von sehr alten Landraubtieren abstammen. Nächtliche W a l d b e l c u ch t u n g. Unter diesem Titel bringt die Monatsschrift für Verbreitung naturwissenschaftlicher Kenntnisse„Kosmos" eine sehr interessante Abhandlung über unsere, als„Johanniswürmchen" jedem Kind bekannten Leuchtkäfer, dem wir folgende Ausführungen über die Ursache des Leuchtens entnehmen.„Obgleich zahlreiche und sorgfältige Ar- beiten namhafter Gelehrter über diesen Gegenstand vorliegen, ist die Frage, auf welche Weise eigentlich das Leuchten zustandekommt, noch keineswegs genügend aufgeklart. Gerade die.lichtvollste Seite im Leben dieser merkwürdigen Tiere konnte seitens der Forschung bisher am wenigsten erhellt werden. Ein abschließendes Urteil kann hier zurzeit um so weniger gefällt werden, als sich die Ansichten der verschiedenen Forscher zum Teil direkt widersprechen. Mit der frommen Mär, daß der Johanniskäfer dem Heiligen seinen Schein zu verdanken habe, dessen Namen er trägt, konnte sich die Wissen- schaft natürlich nicht zufrieden geben. Die Fachgelehrten dachten vielmehr zunächst an ein bloßes Phosphoreszieren, aber Mateuccis Untersuchungen ergaben das vollständige Fehlen von Phosphor in der kleinen Wunderlampe. Schon Spallanzani stellte fest, daß die Bauchhaut der leuchtenden Segmente wie eine poröse Eierschale gebaut ist, also eine Menge feiner Oeffnungen aufweist, durch die das Licht ausströmt. Die Leuchtorgane selbst bestehen aus zahl- reichen, vielseitigen, zariwandigen und kapselartigen Zellen, die teils durchsichtig sind, teils eine weiche, feinkörnige, fettige, leicht auszudrückende Masse enthalten. Diese Substanz, die sich an- scheinend wieder aus zwei verschiedenartigen und Wohl chemisch auseinander einwirkenden Schickten zusammensetzt, ist aller Wahr» scheinlichkeit nach der Sitz des Leuchtvermögens, ohne daß wir doch mit Sicherheit zu sagen vermöchten, wie letzteres eigentlich zu» standekommt. Das reiche verästelte Gewirr von feinen, baumartig verzweigten Tracheenröhrchen. das sich um die Leuchtkörper her- umschlingt, hat die Vermutung nahegelegt, daß es sich bei dem Leuchten um einen durch Sauerstoffzufuhr unterhaltenen Ver- brennungsvorgang chemisch noch nicht naher bekannter Stoffe bandele. Vieles spricht für, manches aber auch gegen diese Hypo- these, die jedenfalls immer noch am verständlichsten klingt. Dübois vertritt die Ansicht, daß eS sich hier nicht um eine Oxydation handele, sondern daß das Leuchten lediglich eine Begleiterscheinung der Kristallisation von harnsaurem Ammoniak sei, der sich in großer Menge in den Leuchtkörpern vorfinde. Killermann hat gar die Allerweltskobolde, die Bakterien, im Verdachte, in den Leucht- organen ihr loses Spiel zu treiben, wobei er sich auf die Tatsache stützen kann, daß die Leuchtorgane noch lange nach dem Tode des Tieres bei Betupfen mit warmem Wasser oder Milch ihr Licht von neuem ausstrahlen. Ein gewisser Grad von Feuchtigkeit und Wärme scheint überhaupt für das Zustandekommen des Leuchtens, das ja auch in der Natur nur während weniger Abend- und Nacht- stunden zu einer bestimmten Jahreszeit vor sich geht, unerläßlich zu sein, ja die stärkste Lichtbildung erfolgt erst bei einer Tem- peratur von 40 bis 50 Grad Celsius, während sie bei noch größerer Hitze und ebenso bei schon mäßiger Kälte völlig aufhört. Hofmann vermutet daher, daß der eventuellen Verbrennung selbst eine Zer» setzung des Leucktstoffes durch Fermente vorausgeht. Molisch hat die sogenannte Photogentheorie aufgestellt, nach der von den be- treffenden Organismen ein besonderer Leuchtstoff abgeschicdea wird." verantwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.Verl«g»anstaIt Paul Singer SrTo..Berlin SW.