Anterhaltungsvlatt des Horwärts Nr. 175. Donnerstag, den 10. September. 1903 .(Ziachdrul! �erboten.). IVlakia. Nomün aus dem modernen Sizilien von Emil R a S m u s f e n. Spät des Abends, nachdem die Eltern zur Ruhe ge- gangen waren, saß Lidda allein in ihrem Zimmer, in einem Lohnstnhle ruhend, den sie dicht an die offenen Flügeltüren des Balkons gezogen hatte, um den Sternenhimmel zu fehen und die kühle Abendluft einzuatmen, die ihr mit leisem Fächeln die Töne aus Lo Fortes Flügel herübertrug.' Er spielte Grieg. Sie hörte diese Musik zum ersten Male in ihrem Leben, und nach der langen Zeit musikalischer Un- fruchtbarkeit, die sie durchgemacht, ergriffen diese färben- reichen Klänge ihre Seele so eigentümlich, daß sie wie in Kälteschauern zitterte und die Tränen rinnen fühlte. Wie er spielte I Wie menschlich sie war, diese Musik! Wie lebendige Seelen, wie Lächeln durch Tränen waren diese perlenden Melodien, dann mit einem Male brutal zerrissen von einer schrillen Disharmonie. Wie ergreifend! Wie menschlich tief und wahr! Sie hörte ihn erst zum zweiten Male spielen. Und welch einen Unterschied an Kraft und Temperament offenbarte sein Spiel! Sie erinnerte sich jenes Konzertes noch sehr deutlich. Er hatte fein und musikalisch gespielt: aber� mit dem Verständnis eines Weibes, schien es ihr. Aber wie er heute abend spielte, so spielte nur ein Mann. Lo Forte war ihr in den dazwischenliegenden Jahren fast ganz aus dem Bewußtsein geglitten. Sie hatte ihn so wenig gekannt, daß er fast zu einer mystischen Figur geworden war, »inlöslich verknüpft mit der unergründlichen Bionda. Wenn sie sich ihn ins Gedächtnis zurückrufen sollte, so stand er vor ihr als ein vornehm denkender und fühlender, aber vag zer- fließender Charakter, als ein Mann dem äußeren, aber ein Weib dem inneren Wesen nach, als eine Natur, die sich in schamhafter Angst vor den Menschen bloß in Einsamkeit nach innen entfaltet hatte. Als einen ganz neuen Menschen hatte sie ihn heute ge- sehen, sogleich als er mit der Mutter in den Garten kam. Das kupferverbrannte Antlitz, das der lange, seidenblonde Bart noch dunkler machte, verriet dieselbe kräftige Gesund- heit wie der elastische Gang und die breite Brust unter dem dichtschließenden kaffeebraunen Anzug mit den zierlichen »wten Seidenpünktchen. Und sein Plan war wahrhaftig nicht der eines Weibes: er reichte weiter vor und zurück als ein bloßer plötzlicher Einfall es zu tun pflegt. Er zeugte nicht nur von einer umschauhaltenden Vorsicht, von einem genauen Abwägen jedes Details, ehe man die Fäden zusammenzieht, sondern zugleich von einem Charakter, der den Mut besaß, sein Temperament zum Lebensplan zu erhöhen, und die Ge- duld, mit Umsicht das Erdreich für die Ausführung des Planes zu bereiten. Als der Flügel schwieg, trat sie einen Augenblick auf den Balkon hinaus. Auf vielen der Nachbarbalkons standen Frauen, die der Musik gelauscht hatten, und auf der Straße wimmelte es von Bauern. Als man sie zu bemerken schien, ging sie hinein und schloß die Balkontüren, worauf sie sich zu entkleiden begann. Es war Jahr und Tag her, seit sie nicht mit so ruhiger Sicherheit zu Bette gegangen war. Diese neuen Bundesgenossen, Ettore und Gianandrea, schienen ihr die Zukunftshoffnung zu bedeuten, nicht bloß für ihre Familie, nein, für sie alle. Schon vor dem Frühstück des nächsten Vormittags, kam Lo Forte wieder. Er traf Lidda allein in des Vaters Arbeitszimmer. Ganz glückstrahlend kam sie ihm entgegen. „Vater hat nachgegeben, Herr Ingenieur! Vater will verkaufen!— Aber Sie sehen so ernst aus? Die Gesellschaft hat sich wohl zurückgezogen?" „Frau Baronin, diese Schlacht ist verloren! Es ist die ministerielle Erlaubnis zur Expropriation gekommen!" 22 Für den langen Calogero waren es saure Zeiten. Wenn er, müde von den Mühen des Amtes, seine Schul- knaben binausließ, setzte er sich gerne nieder, das Kinn auf die Hand gestützt, und sah vor sich hin, unbeweglich wie ein indischer Heiliger, während er über die Unbill des Daseins philosophierte. Nur ab und zu ging ein Zucken durch seine Beine, und dann war es in der Regel ein Rachegedanke, dex einen Augenblick in seinem Hirn aufblitzte. Da war nun vor allem Pamfo— dieser hinterlistige Dummkopf, dessen Wohlleben bereits Wanst und Doppelkinn anzusetzen begann, und der trotz seines beständigen Janunerns ganz offenbar schon Kapitalist war! Alles, was er anrührte, wurde ja zu Gold. Er schöpfte aus unterirdischen Quellen: er trieb Wucher und übernahm die Häuser seiner Opfer, und er preßte Geld aus seiner Madonna. Es gab bald keine Spezialität, die diese schielende Gottheit nicht pflegte: namentlich hatte sie sich eine solide Klientel von Leibesfrucht- abteiberinnen erworben. Was sie und Pamfo in dieser Branche geleistet, war nichts Geringes— und es machte sich auch reichlich bezahlt. Für Calogero aber blieben immer nur wenige armselige Krumen von des Reichen Tische. All dies mochte indes noch hingehen, wenn nicht die schlechte Laune seines„Schwiegersohnes" Angelo, die er vor allem anderen zu kosten bekam, ihm das Leben schier un- erträglich gemacht hätte. Und Angelo war seit letzter Zeit stets schlechter Laune. Bionda hatte kürzlich zu kränkeln begonnen und lag nun fast beständig zu Bette. Der Arzt sagte, sie leide an Magen- krebs. Wie ärgerlich für Angelo, dies anzusehen! Er hatte fürwahr nicht geheiratet, um sein Heim in ein Hospital verwandeln zu lassen, in dem er unvermeidliche Rücksichten nehmen mußte. Nur einen Lichtpunkt hatte er an diesem Krankenlager gefunden. Er konnte berechnen, daß es in nicht allzu langer Zeit ein Ende nehmen würde, und da Lidda Witwe geworden war, erschien zum Zweitenmal die Möglich- keit, mit ihr vereinigt zu werden, die ihm trotz allem un- vergeßlich war— die einzige unbefriedigte und darum auch tiefgehende Leidenschaft seines Lebens. Aber mitten in diesen Träumen tauchte Gianandrea Lo Forte auf— dieser Mensch, den er allmählich mit einer unbezwinglichcn Wut zu hassen gelernt hatte. Es bedeutete weniger, daß Bionda mit dem Tage, da sie von seinem Kommen erfahren, wie von ihm besessen war, obwohl auch dies ihn reizte. Aber er hatte gehört— und das lag auf ihm wie ein Alp—, daß Lo Forte den ganzen ersten Sonn- tag bei dem Marchese verbracht hatte und seither fast jeden Tag, wenn er in der Stadt war, in dessen Haus kam. Daß diese Besuche Lidda galten, daran zweifelte er nicht. Zum zweiten Male wagte es dieser Maulwurf, ihm den Weg zum Herzen eines Weibes zu versperren! Das rein Unerträgliche aber dabei war, daß er ihn nicht recht zu treffen wußte. Er war Ettores intimster Freund. Und dieser Bruder, den Angelo zugleich haßte und bewunderte, dieser Bruder war der einzige Mensch, der ihm Furcht einzuflößen verstanden hatte. Zu all diesen quälenden Gedanken kam ein neuer häßlicher Aerger, der das Maß voll machte: Rusidda fühlte sich zum zweiten Male guter Hoffnung. Mißgeschick, wohin er sah! Er riskierte geradezu, in den Ruf eines Jettatore, eines Mannes mit dem bösen Blick, zu kommen und wie ein Aussätziger von allen gemieden zu werden. Slber nun verlor er auch die Geduld, und Calogero schien ihm der Geeignetste, all seine wütenden Ausfälle entgegen- zunehmen. So oft er in Angelos Sehweite geriet, wurde er beschimpft. Er aber bewahrte seine ruhige Bauernphilosophie. blieb stumm und fand sich in alles— um der kleinen Cleofq willen. Eines Abends, als Calogero vor seiner Schulstube saß und sich eine Zigarre gönnte, zog von einer ganz neuen Seite ein Unwetter auf. Es kam Nachricht von Carmela, ob ep nicht abends zu ihr hinaufschauen wolle. Ohne Böses zu ahnen, ging Calogero zu seiner Freundin. Er wurde sogleich etwas verlegen, als er Don Gerlando dort traf, obgleich es ihm nicht unbekannt war, daß der alte Sünder seine beichtväterlichen Besuche bei Carmela wieder aufgenommen hatte, seitdem ihre Hüfte sich erholt und die Madonna der Liebenden ihr ihre Gnade zu- aewandt hatte. Es©St nichts Neues, Sa? Carmela dasaß und heulte, dSer der Priester sah diesmal ungewöhnlich rot und nervös aus, und auch dem Schulmeister gab es einen argen Stoß, als er erfuhr, wie die Dinge standen. Carmela war gerade heraus gesagt in gesegneten Um- ständen— ein verwünschter Fall, gegen den alle drei sich sicher geglaubt hatten. �Fortsetzung folgt.)] (Nachdruck berüotcn.), 141 Huf Irrwegen. Von Jonas Sie. 5. Faste saß eingeengt oben in seinem niedrigen Mansarden- stübchcn, das Ofenfcuer prasselte, und der Herbstregen strömte von den kleinen Fensterscheiben herab. Der unverhältnismäßig große Arbeitstisch ließ ihm nicht viel Platz. In den Ecken, hinter dem Bett, auf der Kommode und an Schnüren von den Wänden herab hingen, standen und lagen schwere, weiße Kartons und Papierrollen, die eine Unendlichkeit an Entwürfen, Zeichnungen, Rissen und Ueberschlägcn zu dem geplanten Badehotel enthielten. Sobald der Mvrgen dämmmert« bis in den späten Abend hinein, wo die Reißfeder beim Schein der Petroleumlampe gc- führt wurde, saß er am Zeichentisch. Es galt, den Plan anschaulich und genau in der Zeichnung wie in Bezug auf Kalkulationen und Berechnungen zu entwerfen. Jetzt ging er mit einem Entwurf in der Hand ins Erdgeschoß hinab—; „Hier, Mutter,— Sölvi.hier sollt Ihr das Badchvtel in seiner fertigen Gestalt sehen." „Ja, Mutter, dann müssen wir ein andermal weiter reden I" fcicf Sölvi ungeduldig aus indem sie das Zimmer verließ. „Agnete, weißt Du," erklärte Frau Forland traurig,„will ihr junges Leben wegwerfen!" „Ja, das Mädchen schreibt ja von nichts als vom Propst und von Käse und Butter mnd Vorratskammer und daß dort ihr Wirkungskreis liege. Aber hör' einmal, Mutter,— wenn Agnete nur ein oder zwei Jahre warten wollte, bis ich mein Vorhaben durchgeführt habe?— Schreibe, telegraphiere ihr,<— laß die Elektrizität in den Propst hineinschlagen! Sie ist doch nicht im- wiedcrbringlich gefangen von dem Kobold im Käsebcrg—" „Ja, aber ich weiß doch nicht, wie bald sie ihm ihr Jawort gibt," kam es zweifelhaft heraus.—„Aber wir dürfen uns wohl nicht da hineinmischen, mein Junge. Es ist ja alles so unsicher—" Sie griff sich an den Kopf. „Unsicher?--- Meine Angelegenheit, natürlich! Nicht wahr, so denkt Ihr—— Eine neue Niederlage!—— Und dabei vmlauert die Welt das Hau? gleich einem aufgeregten Meer—" „Ach nein, mein Junge, Falkcnbcrg meint, daß in dem Ge- danken selber nichts Unwahrscheinliches oder Unmögliches liege. Die Sckuvierigkcit liege nur darin, Stimmung dafür zu schaffen,— Geld!" „Gut. Mutter. Verlaß Du Dich auf die Kraft, die in einem treffend richtigen und durch und durch klar crusgeführtcu Gedanken liegt! Das Dynamit der Wahrheit ist darin enthalten. Das siegt und sprengt sich selber seinen Weg.-- Und glaube mir, gar mancher, der jetzt unten auf der Straße einherstolziert, dreht und wendet meine Idee schon und grübelt darüber nach, ob nicht doch Geld darin enthalten sein könne..-- Ucbrigens, Mutter, ich gehe jetzt mit dem Gedanken um, das Hotel durch zwei Seiten- flügcl zu vergrößern. „Zu vergrößern, je!" seufzte Frau Forland.„Es wächst Dir noch über den Kopf, Faste." „Sieh her, Mutter, sich Dir die Zeichnung an.-- Dieser Flügel liegt nach der Hintersiraße hinaus, weißt Du. Dadurch gc- Winnen wir die ganze Aussicht auf den Abhang mit den Land- Häusern und den, Hügelland. Ein ganz neuer Zuwachs an Wald- eindrücken. Aber die Hinterstraße muß natürlich rasiert werden,— alle die alten Hütten weg,— ganz weg!— Ist das nicht eine drillante Idee?— Was sagst Du dazu, Mutter?" „Ich, was soll eine arme Frau wie ich tun, sagen oder meinen!" rief sie ganz außer sich aus.„Da habe ich Ditlef, und da habe ich zwei Töcltcr, die sich alle beide verheiraten Wollen,— und da habe ich Dich mit einer ganzen Lawine von Bauzeichnungen und Plänen!— Und hier gehe ich selber auf Krücken umher, so krumm, daß ich nicht zu der Zimmerdecke hinaufsehen kann.--- Da ist es doch wohl nicht so sehr zu verwundern, wenn ich zuweilen etwas schwindelig werde,"— lachte sie hart,—„so wie ein gejagter Bogel, der sich unter den Dachfirst rctet. Ich denke manchmal, ich hätte nichts mebr zu tun, als mein Vaterunser zu beten und die Lugen zu schließen, um nur nichts mehr zu sehen und zn hören. -- Und was verstehe ich von Deinen Plänen und Weitläufig- leiten, Faste?— Nichts weiter, als daß ich an meinem Jungen festhalten muß. mag es gehen wie es Willi Dazu sind wir alten Frauen verdammt, Gott weiß wozu und von wem. Aber rühren iönncn wir uns nicht—»—' »Aber Mutter. Mutier, liebste, beste Mutter!� „Ach, eine Mutter I— Die kann auch einmal verzagen. Ach, meine arme, arme Agnete."— rief sie leidenschaftlich aus..Wem» sie mir sagten, sie sei tot und liege in der Erde,— aber dies!— Das stolze, schöne junge Mädchen!>— Im empöre mich dagegen.—- ich empöre mich.— Ja, ich empöre mich dagegen." wiederholte sie immer leiser, bis ihre Stimme nur noch flüsterte. Faste schritt ein paarmal hastig durch das Zimmer. „Höre mich an, Mutter I— Wenn sie durch Dich und Sölvi den Eindruck gewönne, daß hier Aussicht auf Erfolg für mich ist. so läßt sie sich nie und nimmer lebendig begraben. Oder willst Du lieber, daß ich schreiben soll? Du kannst mir glauben, ich will es ihr schon klar machen."— Frau Forland sah ihn hilflos an und stützte sich dann nach» denklich aus den Krückstock.--- „Jq— a," antwortete sie.—„Es könnte hier in der Welt gewiß vieles noch wieder gut werden, wenn wir nur die Fähigkeit besäßen, zn glauben.— Weshalb sollte Gott in seiner Allwissenheit diese Gedanken in Dich hineingelegt haben, wenn nicht, damit Du sie in Deinem Glauben und in Deiner Tätigkeit ausnehmen und in die Wirklichkeit übertragen solltest?— Der Glaube,— der Glaube, Faste!"-- Sie schüttelte den Kopf.„Ich kann Dir sagen, ich glaube in bezug auf Ditlef, daß er alles das, was ihm hier auf Erden, fehlt, in einem jenseitigen Leben der Vollkommenheit er» reichen wird. Und für mein Teil glaube ich, daß ich eiustmals auf-- recht stehen werde. Während meiner schweren Krankheit im der- gangenen Jahre träumte ich eines Nachts, daß ich in einer ftemden Stadt stünde und in der Kirche sänge und den Raum mit der hellen, starken Stimme aus meiner Jugendzeit ausfüllte, während Ditlef mit dem Taktstock einen mächtigen Sängerchor ans den Galerie hoch oben unter der Wölbung dirigierte.-- Aber für Dich, mein Junge, habe ich nie so wunderbar weit hinansgcträumt. -- Ich habe es nur als Vorahnung aufgefaßt, daß Du einmal als Kind unten im Garten im Kirschbaum saßest uud mir zuriefst: „Mutter, ich blühe!"—>— Und vielleicht ist das der Grund, daß ich niemals wage,■— wage.-- Obwohl ich in letzter Zeit so oft dasitzen und mir die Ausficht aus den Fenstern Deines neuen Hotels ausmalen kann, über die Werder und Schären hinweg am Commerabcnd, während die sinkende Sonne da draußen im Meere schwimmt.--" „Nun, Muttter, sagst Du nicht selber, daß ich blühen soll,—* und Du wirst Dich nicht irrrn, das fühle ich--- Hör einmal, Mutter, was nun erstens Agnete anbetrifft, so ist dieser Probst ja doch kein so verlockender Wassermann, daß er sie fortschnappt, ehe ihr Seufzer bis zu uns dringt.— Und verlaß Dich darauf, noch heute will ich einen Brief schreiben, der sie aufheitern und er- wärmen soll,— ihr einen kleinen Spiegel vorhalten.— von ihr selber, so wie sie in kaum zwei Jahre als Propstin bei dem Käse- kobold sitzen und versteinert auf all das herabstarren wird, was es an Neuem und Zukunftstüchtigem hier in der Welt gibil-— Ich will ihr zeigen, will sie darauf hinführen, wie ihr Wieg zum Trau- altar mit Koboldspuk bedeckt ist,— das wird ihr Brautschleier.— Ach. ich will--" „Mische Du Dich nicht da hinein, Faste, ich rate es Dir. Du darfst es nicht,— ich wage es nicht.--* „Ach, Mutter, glaub mir, der Wassermanu ist nicht gefährlich! — Und als wenn Du au nichts weiter zu denken hättest,— denke an das Sichere, Gewisse, was jetzt vorliegt,— daß sich SÄvi zu Weihnachten mit einem prächtigen Doktor verheiraten soll,-— mit einem tüchtigen, klugen Kerl!— Wenn er auch nicht gerade mein Mann ist oder danach geschaffen ist, eine Sacke vom großen Ge- fichtspunkt ans zu sehen. Er gehört zu diesen sicheren, vorsichtigen Nach-und-nach-Menschen, die im Detail handeln und von unten auf bauen,— dann kommt der Turm schließlich auch, so sicher wie die Nachtmütze auf den Kopfl" Er erreichte es, daß ein Lächeln den Mund der Mutter um- spielte.—— „Und seiner Anficht nach," fuhr Faste fort,„sollte ich mit einer Badewanne für Erwachsene und einer anderen für Kinder an» fangen!— Das hat seinen Grund, weißt Du,— es gibt von Geburt an geprägte Großhändlcrköpfe ebenso wie geprägte Detail» köpfe,— Köpfe, die veranlagt sind, en gros zu sehen, und Köpfe, die nur im Kleinen sehen,— aber scharf, das gebe ich zu.—- Wird nun ein Großhändlcrkopf in einem Detailgcschäst angestellt. so macht es Bankrott, und wird ein Dctailkvpf in einem Groß- Händlergeschäft angestellt, so macht auch das Bankrott,— das ist nun einmal so!— Aber deswegen, Mutter, kann sich meine Schwester Sölvi in allen Ehren mit einem Detailliften verheiraten. Denn ein tüchtiger Doktor fit er,— zweifelsohne ganz modern in seinem Fach. Und Sölvi. die wird der Direktor!— Eine hübsche kleine Doftorcnwohnnng, Du;— ich habe den Platz schon unten in der Badcanlage vorgesehen,— mit einem traulichen, für sich abgeschlossenen Garten, in dem Sölvi einhcrgeht nnd säet und erntet.-- Was meinst Du dazu?— Sckatten und Gemütlichkeit, Blumen und Blättcrwerk,— alle Beete mit feuerroten Geranien eingefaßt,— Du,— wir haben Farben nötig, hier- zulande, starke Farben,— sodaß es Funken sprüht!— Und Dn selber sitzest dann da unten im Garten und kurierst Deine Gicht." „Du willst mich wohl als Reklame für den Badeort benutzen, — ach. wenn Du das doch könntest, mein Junge--" Frau Forland horchte plötzlich auf.»Was ist denn das,— ruft da draußen nicht jemand?" „Natürlich Sölvi, die ihren Doktor begrüßt,"— erklärte Faste, —„sie ist wirklich ganz brutal verliebt.— Ich hörte den Wagen halten." (Fortsetzung folgt.) I�eo Tolstoi und Iwan'Curgcniew. Nur eine Woche trennt den 25. Todestag TurgeniewS vom SO. Geburtstage Leo Tolstois. Die russische Regierung stellte den Eedächtnisfeierlichkciren zu Ehren Turgenjews keine Hindernisie ent» gegen, sie verhielt sich ihnen gegenüber vielmehr sehr wohlwollend. Höhere Geistliche hielten— natürlich nicht ohne Einwilligung der Obrigkeit— Gottesdienste und sogar Gedächtnisreden für Turgeniew, in denen fie ihn nicht nur als Dichter, sondern auch als Menschen priesen. Demgegenüber ist die Obrigkeit, die weltliche wie die geistliche, mit allen Kräften bemüht, alle Versuche zur Feier des Tolstoi- Jubiläums unmöglich zu machen. Und die? nicht nur, weil Tnrgemew schon längst tot ist, und Tolstoi noch lebt. Wenn Turgeniew bei seinen Lebzeiten auch der Re- giernng nie besonders lieb war, wenn et einmal auch„administrativ" gemotzregelt wurde"), so wurde er doch von den Reaktionären nie so gehaßt, wie Tolstoi. Und man muß anerkennen, daß die Reaktionäre genügende Gründe haben Tolstoi mehr zu hassen als Turgeniew. Tolstoi und Turgeniew gehörten, ihrer Abstammung nach, einem und demselben Gesellschaftskreise an— der reicheren und gebildeteren Schicht de? alten russischen Adels. Obwohl Tolstoi etwas jünger war als Turgeniew, so wurden doch beide in einem und demselben Milieu, mirer denselben Traditionen erzogen. Als Erwachsene ge- hörten Beide einem und demselben Kreise der russischen Intelligenz, derselben hinnamstisch-progressiven Richtung der russischen Literatur an. Trotzalledem und trotzdem sie miteinander auch viel verkehrten, waren Turgeniew nnd Tolstoi nie durch intime Freundschast ver» Kunden. Eine tiefe, man möchte sagen, eine instinktive Abneigung trennte sie von einander und fiihrte, Anfang der"Oer Jahre zu einem vollständigen Bruch. Nur mit Mühe gelang es den Freunden, einen Pistolenzweikampf zwischen beiden großen Dichtern zu der« hindern. Wir erinnern an diese fast vergesiene Episode, weil sie uns die Hauptzüge der Charaktere und Weltanschauungen Tolstois und Turgenjews zeigt: Turgeniew zeigte sich weich, sentimental strotz seines schriststellerischen Realismus), zu Halbheiten geneigt; Tolstoi — radikal, kompromißfeindlich, schonungslos. Auch während der Verbandlungen über das Duell selbst zeigten sich bei beiden die» selben Gegensätze. Tolstoi und Turgenieiv standen sich in allen wichtigsten Fragen des russischen Lebens schroff gegenüber. Menschenfreunde waren sie beide, beide haßten sie im gleichen Maße jede Art von Knechtung und Knebelung der Volksmaffe». Aber während Turgeniew seine» Haß auf die Schmach der Leibeigenschaft konzentrierte, und nach Aushebung der Leibeigenschaft zum mäßigen Liberalismus überging, kam Tolstoi allmählich zur Verneinung erst des Klassenstaates und der hierarchischen Kirche und dann zur Verneinung des Staates und der Kirche selbst, da er sich keinen Staat ohne Klassenteilung und keine Kirche ohne Hierarebie denken konnte. Während Turgeniew sich nur der»falschen Bildimg" gegenüber feindlich verhielt, der Intelligenz aber, als der gebildeten Gesellschaslsschicht, große Pflickten auferlegte und große Hoffnungen nnd Erwartungen entgegen brachte, kam Tolstoi zu einer schonungslosen, niederschmetternden Verhöhnung der ganzen gebildeten Klaffe ohne Ausnahme, ja, zur Verneinuug der Bildung jelbst, die nach seiner Meinung nur solche Auslmichse zu zeitigen vermag, wie die von ihm verspotteten und verhöhnten Helden der„Früchte der Aufklärung". Turgenieiv und Tolstoi haben die letzlen Zeiten der Knuten- Herrschaft Nikolaus' I., die Greuel der Leibeigenichast, die Schmach uad die Schande des Krimkrieges mit erlebt. Beide gehörten jener Zwischen generali on der russischen Intelligenz an, die vom Haß gegen die alten Berhättiüffe erfüllt war, die sich aber noch kein bestimmtes Ideal neuer»gerechter" Dcrhälwiffe angeeignet hatte und der Lage der Dinge in Rußland gemäß auch nicht aneignen konnte. Turgeniew verneinte nicht alle« Bestehende, er fand sogar im Adel»och viel Positives, gute Früchte Versprechendes, was er in einer ganzen Reihe von seinen Werken hervorhob und als Politiker sbesonders in seinen Briefen an Alexander Herzen) zu kultivieren empfahl. Er war ein Freund deS Volkes. aticr er glaubte nicht an die Fähigkeit des Volkes, durch eigene Kraft ewporpikommen, er war vielmehr überzeugt, daß nur die Intelligenz imstande und dazu berufcu sei. das Volk glücklich zn machen. Daher war in seiner Volksliebe nicht ein Zug zum Dnnokratismus. sondern zu einer Art sozusagen poli» tischen PHUantropie, daher auch feine Unentschloffenheit in rein politischen Fragen, seine Versuche, bald sich dieser, ") Wegen eines Artikels über Gogol ivurde Turgeniew verhaftet, in sein Gut verschickt und dort unter polizeiliche Aufsicht gestellt, die zwei Jahre dauerte. bald jener politischen Gruppe anzuschließen, bald ein neues liberale« Programm aufzustellen, das nicht durch die Interessen der ent» sprechenden bürgerlichen Gruppe, sondern durch ihre Pflichten gegen das Volk begründet sein sollte. Tolstoi dagegen verneint die privilegierten und gebildeten Klaffen grundsätzlich, spricht ihnen alle besonderen Rechte und Pflichten ab. An das Volk glaubt er aber auch nicht, wenigstens nicht ansein Volk als ein besonderes Gebilde. Ein Volk stellt sich Tolstoi überhaupt nicht als einen Kollektivorganismus vor, sondern vielmehr als eine gewiffe Anzahl absolut freier, durch keine Bande beschränster Individuen. Daher auch seine Feindseligkeit dem Sozialismus gegenüber, da omh in einem sozialistischen Staate nach Tolstois Meiimng die Freiheit.dcs Einzelnen in gewissen Hinsichten notwendig beschränkt sein muß. '.' Auf die rein literarische Bedeutung der beiden großen russischen Schriftsteller soll hier nicht weiter eingegangen werden. Unsere Ab- ficht war mir, die persönlichen Eigenschaften und die politische Be» deulung beider anzudeuten. Was letztere betrifft, so hat Turgeniew nie eine bedeutende Rolle gespielt. Trotz seiner Neigung zu dem, was man heutzutage„Realpolitik" nennt, gelang es ihm nie, feste Beziehungen zur Polstil zu finden. Auch ve- saß er nicht die Enstchlossenheit und Tatkraft, die so unentbehrlich für einen Politiker sind. Tolstoi dagegen spielt seit vierzig Jahren eine hervorragende politische Nolle: erst glS Tcil- ndstner an der Semstwo- nnd VolksanfklärungStätigkeit, dann aber hauptsächlich als unermüdlicher, unversöhnlicher Agitator gegen alle Ucbelstände des russischen Lebens, und in dieser Hinsicht war seine revolutionäre Bedeutung besonders groß in den 8t)er und der ersten Hälfte der 90 er Fahre. Man darf wohl sagen, daß trotz seiner theoretischen Gegnerschaft gegen die Revolution und den Sozialismus Tolstoi der revolutionären Bewegung und selbst dem Sozialismus durch die Propaganda der Gleichberechtigung aller Menschen und die Bloßstellung des Despotismus ungeheuer große Dienste geleistet hat. Sein letzter mächtiger Protest gegen die Todesstrafe wstd wohl noch lange nicht vergessen werden. Die russische Regtermrg und die russischen reaktionären.Kreise hassen Leo Tolstoi von ganzem Herzen, trotz des evangelisck-friedlichen EharatterS seiner Lehren; das russische Proletariat liebl Tolstoi von ganzem Herzen, trotz seiner theoretischen Gegnerschaft gegen die Revolution und den Sozialismus. Beides ist vollständig berechtigt: der große Mann verdient wahrhaftig den Haß der Reaktionären und die Liebe der Arbesterschast. E. L. Colftol als Dichter und IVlenlch. Tolstois Werke schließen sich zn einer einzigen großen Beichte zusammen, wenn man sie auf ihre rein persönlichen Werte hin unter» sticht. Kein Lebender, auch Strindberg nicht, der ihm in diesem Bekenntnisdrange am nächsten kommt, hat so schonungslos alle Hüllen und Schleier von seiner inneren Entwickelung sortgezogen. Mit aulobiographischen Skizzen begamr der junge Schriftsteller, als er in den drei diclstcrisch so reichen Werken„Kindheit",»Knaben» alter",»Jünglingsjahre" die Schicksale seines Jrlenjew erzählte. In dieser novellistischen Einkleidmig, in diesem Rahmen glühender Landschastsickilderungen zittert nur leise als dunkle Resonanz sest« persönliches Empfinden nnd entlädt sich in feurigen Anklagen und schwärmerische« Gebeten. Die Schilderungen aus dem Kaukasus, die Kriegsbücher aus dem Krimkriege find Tagclmchblätier, ans den persönlichen Eindrücken ent» sprössen, die einen leidenschaftlichen Sinn für die Außenwelt zeigen rmd über der Fülle der gegrnsläudlichen Beobachtung das eigene Ich ganz vergeffen. Die frisch sich regende Dichterlraft, deren beglückenden Zauber Tolstoi min erst klar empfindet, feiert jetzt ihre Feste der Schönheit, und wie seine Begabung hier am glänzendsten erscheint, so tritt das Persönliche am stärksten zurück. Doch das Be- kennertmn schläft nicht; in jähen Ausbrüchen drängt es sich ergreisend hervor und die Unrast seiner Seele will Ruhe finden in der Erkennstns der Welt nnd ihrer Werke. Immer tiefer gräbt er sich in die Wirklichkeit hinein, will ans Reisen und durch Studieren den letzten Geheimnissen auf die Spur kommen; in diesem Streben nach all» seitigem Umfassen sammelt er den Stoff zn seinen beiden großen Romanen. Es ist uns fast unmöglich, die Fülle der Beobachtungen und Erlebnisse zu erfassen, die in„ K r i e g und Frieden" und „ A n n a K a r e n i n a" aufgespeichert sind. Nur eurer, dem selbst die Kugeln mn die Ohren gepfiffen hatten, konnte solche Schlachl>childerungen entlversen, in denen die Masse» in den gestaltlosen Regungen rHrcS Instinkts leben und jeder einzelne mit einer bezeichnenden Gcberde wie in einer momentane» Vision er- scheint. Tolstois großes EpoS gibt nicht etwa ein exaktes Bild deS russischen Feldzuges, wie es die moderne Geschichtsforschung fest- gestellt hat, sondern es ist ein russischer Heldengesaug, in dem die geheimnisvollen Kräfte des Volksgeistes aufsteigen und mit dem wundervollen Pathos einer mythischen Sage Menschen und Dinge umhüllen. Für diesen Sänger seines Volkes existieren nicht die Winkel zöge der modernen Diplomatie und Strategie, sondern das Leben selbst in all seiner Wirrnis und seinen unberechenbaren Zufälligkeiten, die nur eine höhere Idee zur Einheit zu verbinden weiß. Darum hat er in die Flut der Erscheinungen hinein keinen Pierre. SeftcHt, diesen willenlos von den Ereignissen fortgetragenen, allen nnliche» Eindrücken hingegebenen Träumer, den endlich die Woge deS Schicksals heraushebt aus dem Meer des Seins und in dessen Idealbild einer Ehe sich die lebenspendenden Mächte sinnvoll betätigen. Man glaubt nun, daß dieses Chaos des Krieges und deS BölkerringenS nur um dieser einen Gestalt willen dargestellt sei und von ihr fällt alles Licht auf die anderen. Sticht anders ist es mit dem Levin der„Anna Karenina". Auch hier löst sich erst allmählich sein Charakter auS dem Gewirr der Peters- burger und Moskauer Gesellschaft heraus und in seinen Kämpfen und Siegen ist das erlösende Gegenbild geschaffen zu dem Kämpfen und Unterliegen der großangelegten Frau, die in dem qualvollen Konflikt ihrer Leidenschaft den einzigen Ausweg auf den Schienen der Eisenbahn findet. Die technische Reife dieser das ganze Dasein umschreibenden Schöpfungen steht jenseits jeder Wertung- Tolstoi hat mühelos das Problem gelöst, wie man allumfassend nnd doch klar sein kann; er steht hier noch über Balzac, der seine Gemälde des Menschen- Lebens in einzelne Abteilungen sondern mußte, während Tolstoi in gewaltigen Akkorden sein Leitinotiv anklingen läßt und es durch Tausende von Seiten hin festhält. Die Meisterschaft der Erzähler- kunst, die so selbstverständlich wirkt, erscheint nebensächlich neben dem Umfange und der Intensität des seelischen Erlebens. Nur einer, der in allen Höhen und Tiefen des Herzens labyrinthische Wege durchmessen, vermochte die Geschichte der Anna Karenina zu erzählen, die ihren sündigen Weg konsequent bis zum Ende geht. Und nur einer, der alle Schrecknisse und Wunder des Todes in sich selbst gefühlt, konnte das Sterben schildern, wie Tolstoi es getan. DeS Dichters Phantasie kreist, nachdem sie sich in diesen beiden Werken und ihren tragenden Gestalten objektiviert hatte, immer intensiver um das Problem des Sterbens. Aus dein grauenvollen und doch versöhnenden Bild des Todes, wie eS sich ,hm am stärksten in der letzten Stunde seines Lieblingsbruders Nikolenla einprägte, ist Tolstoi ein neues Leben erwachsen. Die düstere Pforte des ewigen Nichts tat sich ihm auf und ein über- irdisches Licht erhellte die Dunkelheit seiner Verzweiflung. Mit seiner Bekehrung beginnt für Tolstoi eine neue Form beS Bekennens. Es ist der Ton, der uns ans den Beichten aller Wekehrten entgegendringt, aus den Konfessionen Augustins und Rousseaus, wie aus den Gedanken Pascals und den Tagebüchern Kierkegaards. Auch To.lstois Selbstbiographie„Meine Beichte" wie noch zuletzt seine eigenhändigen Bemerkungen zu Birukofs großer Biographie, die so herrlich den Traum seiner Kindheit und so grau- fam die Wirklichkeit des Erwachens malen, sind Werke einer bin- reihenden dichterischen Kraft und von einer ergreifenden Kenntnis des Menschenwesens, von einer außerordentlichen Glut des Glaubens erfüllt. Doch allmählich treten immer stärker theoretische Erwägungen und rcformatorische Ziele hervor, die dann in dem Helden seines letzten Romans„Auferstehung" noch einmal dichterisch gestaltet wurden. Schonungslos ist die Kritik alles Bestehenden in Staat und Gesellschaft, und in ergreifenden Bildern richtet der Dichter das Idealbild seiner eigenen Lehre auf, die als eine merkwürdige Vermischung echt russischer, griechisch-katholischer Elemente mit einer allzu wörtlichen Auslegung der Evangelien erscheinen muß. Wie allen Sektierern ist auch Tolstoi das Heil und Licht aus der unbefangene Lektüre des Neuen Testaments er- wachsen. Hier steht er durchaus in Verbindung mit den mannig. fachen Formen des Pietismus, wie sie die russischen Sekten dar- bieten. Der Vorkämpfer der„Duchoborzen", der Freund der mystischen„Stundistcn", steht in seiner Heimat durchaus nicht ver- einzelt da und ist am ehesten aus diesen tief ins russische Voltsleben eingreifenden religiösen Strömungen zu begreifen. Was er in feiner Glaubenslehre geschaffen, dürfen wir als einen christlichen Anarchismus bezeichnen, dessen passive, das Leiden stark betonende Worschriften mit dem Buddhismus manches gemein haben. Das Ergreifende und Unvergängliche an Tolstois religiösen Schriften ist die Geschichte seiner persönlichen Bekehrung, die in all ihren viel- gestaltigen Stationen doch nur wieder den Gang der Seele zu Gott schildert, wie ihn in gleicher Innerlichkeit vielleicht kein anderer Mensch des t9. Jahrhunderts erlebt. Und es ist ein Dichter, der ihn geschildert, einer von den großen Gestaltern des Menschenschicksals. So gehört Tolstois Schaffen, Leben und Sein zu jenen ganz' großen Produkten des menschlichen Geisteslevens, die nach einem Worte Goethes die Unsterblichkeit in sich tragen, mögen sie nun gedichtet, gemeißelt, gesprochen oder gelebt sein. Dr. P. L. Hu9 Tolstois Schriften. Der kirchliche Glaube gestattet alleS. Er erlaubt die Sklaverei, und in Europa und Amerika war die Kirche die Be- schützerin derselben. Er erlaubt, sich durch die Arbeit der bedrückten Brüder ein Ver- mögen zu erlverben. Er erlaubt, reich zu sein unter Lazarussen, die unter den Tischen der Schwelgenden umherkricchen, und er findet das sogar gut und löblich, wenn man dabei ein Tausendstel für die Kirchen und jsirankenhäuser opfert. Dem Bedürftigen seine Reichtümer vorzuenthalten, Menschen in Einzelhast zu sperren, in Ketten»n fesseln, an Schubkarren zu schmieden, hinzurichten— alles das segnet die Kirche. Seine ganze Jugend hindurch Unzucht zu treiben und dann eine dieser Unzuchten Ehe jsu nennen und dazu die Autorisation der Kirche zu erhalten— ist erlaubt. Es ist erlaubt, sich scheiden zu lassen und wieder zu heiraten. Es ist vor allein erlaubt, zu töten, nicht nur, wenn man sich selbst, sondern auch, wenn man seine Acpfel schützt. Man darf auch zur Strafe töten(Strafe bedeutet Belehrung— also zur Belehrung töten!) und vor allem darf und soll man im Kriege auf Befehl der Vorgesetzten töten; das ist sogar löblich und die Kirche gestattet es nicht nur, sondern befiehlt es.... So ist denn die Wurzel bor allem die falsche Lehre. (Aufruf ait die Menschheit.) Es offenbart sich immer mehr und mehr, daß die Kultur nur dank dem Zwange der Arbeiter zur Arbeit existieren kann. (Moderne Sklaven.) Die großen Vermögen entstehen immer entweder durch Vergewaltigung— das ist das gewöhnlichste— oder durch Geiz, oder durch einen großartigen Spitzbubenstreich, oder durch kleinere aber chronische Betrügereien, wie diejenigen, die durch die Kauf- leute verübt werden. (Aufruf an die Menschheit.) Man glaubt gewöhnlich, die Heere würden von den Regie- rungeu nur zur Verteidigung des Staates gegen andere Staaten verstärkt, und vergißt, daß die Regierungen die Heere vor allem dazu brauchen, um sich gegen ihre unterdrückten und geknechteten Untertanen zu schützen. (Das Reich GotteS.) » Ich hatte schon mehrmals Gelegenheit, den Gedanken auszu« sprechen, daß der Patriotismus für unsere Zeit ein unnatür- liches, unvernünftiges, schädliches Gefühl sei, welches einen großen Teil der Uebcl verursache, unter denen die Menschheit leidet, und daß daher dieses Gefühl nicht genährt und großgezogen werden dürfte, wie es jetzt geschieht, sondern im Gegenteil unterdrückt und durch alle Mittel, die vernünftigen Menschen zugänglich sind, ver- nichtet werden sollte. �(Patriotismus und Regierung.) Die Welt bewegt sich, vervollkommnet sich; die Aufgabe d e s M c n s ch e n i st, an dieser Bewegung sich zu beteiligen, sich ihr zu fügen und förderlich zu sei«. (Der Sinn des Lebens.) K ä m p f e n— das ist das Leben selbst, der Kampf allein ist da« Leben. Ein Ausruhen gibt es nicht. DaS Ideal schwebt immer voraus, nnd niemals bin ich ruhig, nicht nur nicht so lange ich es noch nicht erreicht habe, sondern so lange ich mich nicht zu demselben hinbewege. (Ueber die sexuelle Frage.) kleines feiiiUeton. Hygienisches. Haarvcrlust Bei Frauen. Das Haupthaar der Frau ist unvergleichlich weniger der Gefahr des Schwindens ausgesetzt als das des Mannes, ohne daß es bisher gelungen wäre, mit voller Schärfe die Gründe dieser Erscheinung aufzufinden. Der auf dem Gebiete der Haarkrankheiten sehr bekannte französische Forscher Sabouraud teilt in der„Gazette de Gynecologie" einige Einzel- heiten über den Haarwuchs der Frau mit. Er vertritt die An- ficht, daß im allgemeinen der Gesundheitszustand nichts mit dem Haarausfall zu tun hat, außer wenn der Verlust auf akute Fieber« zustände folgt. Sofern nicht spezifische Ursachen vorliegen, ist der Ausfall auf eine zu starke ölige Ausscheidung der Kopfhaut- drüscn zurückzuführen. Bei der Frau beginnt der Haarausfall aus dem Vorderhaupt und an den Schläfen, und zwar machen sich di«: ersten Anzeichen zwischen dem 18. und 22. Lebensjahr bemerkbar. Zunächst kommt es zu Schuppenbildung, der bald der Haarausfall folgt. Vorzugsweise findet er im Sommer statt. Das nächste Vor- beugungsmittel sind Waschungen mit nicht allzu alkalischer Seife zur Entfernung der erwähnten öligen Ausscheidungen. Es genügt dabei, das Haar auf eine Länge von etwa 10 Zentimeter von der Wurzel zu waschen. Hernach muß die Seife mit warmem Wasser entfernt und mit einem trockenen Tuche ahgericben werden. An- Wendung von Oel ist zu vermeiden. Wie oft diese Waschungen gemacht werden sollen, wird nicht angegeben. Im übrigen empfiehlt Sabouraud den Gebrauch von Cantharidin. Die hauptsächlichsten Substanzen jedoch, die seiner Ansicht nach den Haarwuchs fördern, sind Pilocarpin, Chinin, Caffein und Kampfer, zu deren Ver- Wendung er nachstehendes Rezept angibt: 20 Gramm salzsaures Pilocarpin, das in möglichst wenig Wasser gelöst ist, 20 Kubikzenti- metcr Lavcndelspiritus, 20 Kubikzentimeter Acther, 2 Kubikzenti» meter Ammoniak und 2ö0 Kubikzentimeter Alkohol. iverantwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerci u.VerlagsanstaltPaul Singer LcCo..BerlinLAk.