Auterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 176. Freitag, den 11. September. 1903 =»t2 53] Mfia. ;(5JaS&rmt verbolen.) Roman aus dem moderneu Sizilien von Emil Ras muffen. Carmela bekam so bissige Vorwürfe zu hören, daß sie anfing, sich ganz schuldbeladen zu fühlen. Schluchzend wagte sie den Gedanken auszuwerfen, ob es nicht vielleicht wiederum der böse Geist sein könnte, der sein Spiel mit ihr treibe— und ob nicht Gebet und Hand- auflegung... „Stille mit dem Gewäsch!" herrschte der Priester sie an. Das Unglück war fast gleich fatal für Priester wie Schullehrcr. Denn wenn es mich nicht um Rock und Kragen ging, so gab es doch so viele boshafte Menschen, die einem das Leben verleiden konnten. „Weißt Tu was, Calogero," sagte der Priester endlich, „ich finde nichts Besseres, als daß Du Carmcla heiratest. Das Kind ist ja doch wahrscheinlich Deines." Calogera kratzte sich, ohne zu antworten, wahrend Carmela ihn erwartungsvoll ansah. „Ich bin nicht abgeneigt, Schadenersatz und eine jähr- lliche Unterstützung zu leisten," fügte der Priester hinzu. „Ehrlich gesprochen, Rcverendo, es nrackit mir keinen Spaß. Ich habe die Freuden der Ehe einmal vcrsilcht, und habe für dieses Leben genug daran." Des Priesters Stirn wurde immer glänzender: aber da kam Calogero plötzlich eine plausible Idee. „Ich habe gehört, daß Pamfo nicht bloß Geister ver- treiben kann.— Wie wenn wir uns an ihn wendeten!" „Du meinst doch nicht...?" fragte Ton Gerlando zaghaft. „Fa, warum nicht?" „In derlei Dinge will ich mich nicht einmengen, Calogero. Verstehst Tu! Ich gehe jetzt!" Tarauf nahm er seinen Hut und ging. Calogero suchte Pamfo noch am selben Abend auf. Es folgte nun eine strenge Zeit für Carmela. Sie kam unter Pamfos Kur, die sich jedoch als vollkommen erfolglos erwies. Schäumend vor Wut ging Calogero direkt zu Pamfo hinauf. Ganz langsam hatte er einen Plan ausgeheckt, der alle Schwierigkeiten aus dem Wege räumen und ihm zugleich Rache an diesem kleinen dickwanstigen Spitzbuben verschaffen sollte. Es blitzte so unheimlich in seinen Augen, daß Pamfo erschreckt zurückwich, als er eintrat. „Ich komme, um Dir mitzuteilen, daß Carmelas Qualen nun ein Ende haben sollen und daß es unwiderruflich be- schlössen ist, daß Du sie heiratest!" „Ich— diese—!" „Lästere Deine Gattin nicht! Wisse, daß dies unaus- weichlich ist. Selbst wenn Dil mir entkommst, steht eine ganze Reihe hinter mir, der Tu nicht entwischst!" Das war endlich eine so deutliche Rede, daß Pamfo nicht einmal den Versuch zu weiteren Einwendungen machte. Einen Monat später mußte Pamfo mit Carmela den schweren Gang zur Kirche antreten. Don Gerlando vollzog die Trauung. Niemals seit Menschengedenken war die Stadt so ver- gnügt gewesen wie an Pamfos Hochzeitstag. Die ganze Be- völkerung nahm teil daran. Als Zuschauer, wohlgemerkt: denn Pamfo veranstaltete an diesem Tage keine Festlichkeiten. Den ganzen Nachmittag merkte man, daß irgend etwas Ungewöhnliches im Anzüge sei, ein solches Schwätzen und Kichern gab es auf dem 5torso. Kaum war die Sonne untergegangen, als man von allen Seiten vor Pamfos Hause aufzog. Einige stellten ihm Koch- töpfe vor die Türe, eine Ehrenbezeigung, die man sonst nur Witwern, welche eine zweite Ehe eingehen, erweist: andere brachten bunte Lampions auf langen Stangen mit; und end- (ich war alles, was sich an Mandolinen, Gitarren und Har- »noniken in der Stadt befand, an Ort und Stelle erschienen, um Serenaden zu bringen. ES wurde ein richtiger Karneval. Pamfo aber wußte diese ferne Popularität heute nicht zu würdigen. Er ging in seinem kleinen Stübchen hinter ce°- schlossenen Läden umher, gramvollen Sinnes. Mitten in einer zudringlichen Serenade wurde es ihm so unbehaglich zu Mute, daß er durch die Hintertüre die Flucht ergriff und, von der Dunkelheit gedeckt, gelangte er unbemerkt durch eine öde Gasse in die Campagna. Die Tränen glucksten ihm im Halse. Nimmermehr wollte er zurück zu der dicken Carmela und in diese abscheuliche Stadt. Biel lieber sich gleich ertränken! Nachdem er eine Weile vor sich hingestiefelt ivar, warf er sich plötzlich platt auf die Erde und weinte aus Herzensgrund. Allmählich aber erschöpfte sich sein Kummer und machte einer jäh aufflackernden Rachlust Platz. Dieser lange Calogero sollte es ihm entgelten. So oft der Lärm von da oben zu ihm herabdrang, erfand er eine neue Qual, die der schändliche Schulmeister zu erleiden haben sollte. Und das Kruzifix, das er bezahlt hatte, damit es ihm gegen Calogero helfe! Hatte er nicht immer bemerkt, was für hinterlistige Augen es hatte! Gewiß, es wollte nur seinen Schaden! Und je mehr er über die Sache nachdachte. desto klarer wurde es ihm, daß das Kruzifix von Caloger« bestochen worden fei und hinter dem ganzen Bubenstück stecke. Da verzerrte ein geradezu bestialischer Haß sein rundes friedliches Gesicht. Mit einem schrecklichen Knotcnstock bewaffnet, trabte er zur Stadt zurück. Als' er näher kam, hielt er an, um zu lauschen. Alles war still: er begegnete niemandem: si waren also doch endlich des Spektakels müde geworden. Vor fichtig schlich er die enge, einsame Gasse hinauf, in welcher dal Kruzifix hing. Bei dem Schein der kleinen Votivlampe kroch er hinauf, zog den von ihm gespendeten Goldring von des Mannes Finger und steckte ihn in die Westentasche. Es war gut. zu allererst das Pekuniäre in Ordnung zu haben. Darauf packte er seinen Knüppel mit beiden Händen und langte dem Manne da oben eine ins Gesicht, daß es in seinem Holzkopfe sang. Er nieste förmlich dabei, aber das entflammte Pamfos Rachedurst noch mehr. „Du glaubtest mich prellen zu können. Du Schuft! Aber Tu kannst Dich verlassen, daß Pamfo Dich Mores kehren wird. Du Affe!" Hieb um Hieb hagelte auf das hilflose Kruzifix nieder, dessen schielend-drohendcr Blick Pamfo stets auf neue empörte, und es war in einer jämmerlichen Verfassung, als der Rächer endlich seinen Blutdurst gelöscht hatte und sich entfernte. Ein Stück weiter wandte er sich noch einmal um und brüllte zurück:„Schuft! Infamer Verräter!" Es war Tagesanbruch, als Pamfo sich seinem Heim näherte. Plötzlich war es ihm, als höre er wieder von dort her Gesang. Er schlich näher und sah Carmela im Fenster liegen, breit und lächelnd, nur mit Hemd und Unterrock bekleidet. Unten stand Calogero, von all seinen Schulknaben um« geben, und dirigierte einen Liebeshymuus, den er mit ihnen einstudiert hatte, um die beiden neuvcrmähtten Turteltaube» rast Sang und Spiel aus süßer Ruhe zu wecken. Diesmal nahm Pamfo die Situation mit Ueberlegenheit. Er kehrte den Weltmann heraus, dankte Calogero und den Kindern gerührt und gewann ihre Herzen durch eine reich« liche Bewirtung. Carmela weinte— aber es geschah vor Freude 23. Die Mafia war mächtiger als je geworden. Ter ganze Stadtrat mit dem Sindaco und der Giunta (Stadtrat) an der Spitze stand in ihren Reihen. Daraus folgte, daß sie alle kommunalen Aemter, von den Distrikts- ärzten bis zu den Straßenfegern, mit ihren eigenen Mäimern besetzen konnte. Aber auch auf andere einflußreiche Per« sönlichkeiten konnte sie bauen, so aus den Direktor der Filiale der Banca di Sicilia. Ein Mann, der ihr besonders wichtige Dienste leistete, war der Postmeister. Endlich war Brunos Schwiegersohn, Profesior Pinna, nach den Sommerferien zum Direktor des Lyzeums ernannt worden, und die fachgelehrten Professoren wurden nach einem bisher unbekannten System durch die Laufburschen der Mafia, die allgegenwärtigen, mundfertigen Rechtsanwälte, erfetzt. Diese unbeschränkte Gewalt mal&e die Mafia so über- mutig und rücksichtslos, daß sogar oie Regierung ängstlich wurde und der Präsekt energisch raten mußte, den Bogen nicht noch straffer zu spannen, insbesondere, da der Oberst der Garnison sich der Mafia, die trotz allem vor der Armee demütig kroch, sehr schroff gegenüberzustellen begann. Niemals hatte man einen solchen Wirrwarr an unauf- geklärten Verbrechen erlebt wie in diesem Sommer. Es schien fast, als sei die Mafia zu zahlreich geworden und der- möge die Gegensätze, die sie notgedrungen enthielt, nicht mehr zu zügeln. Es bestand unaufhörlich eine gewisse Spannung zwischen der Gruppe der Gräfin und Brunos Flügel, und viöle der verübten Morde schienen ausschließlich auf Rache zurückzuführen sein. Gleichzeitig aber stieg die Anzahl der gemeinsten Raubmorde sowie der Gefangennahme von Personen, die behufs Erpressung von Lösegeldern ins Werk gesetzt wurden. Obwohl alle Postwagen von zwei bis an die Zähne bewaffneten Karabinieri begleitet waren, wurden sie ein- ums anderemal geplündert. Eines Tages im August brachte der Postwagen aus dem nahegelegenen Favara sämtliche Passagiere als blutigen, jammernden Klumpen am Boden des Wagens liegend in die Stadt. Während die Kugeln ihnen um die Ohren sausten, hatte der junge kühne Kutscher die Pferde gepeitscht, so daß er mit seinem kugeldurchlöcherten Wagen entkommen war. Bis dicht an die Stadt heran schwärmten Scharen von Briganten, die es mit der Mafia hielten und in der Campagna auf den Latifundien der großen Barone ihre Unterkunft hatten. In dieser wachsenden Anarchie begannen alle recht- schasfenen Familien, die die Mittel dazu besaßen, an Flucht zu denken. Selbst Lidda, die mutigste von allen, hatte die Fahne gestrichen. Lo Forte hatte ihr zuerst neuen Mut eingeflößt: allein von dem Augenblicke an, da es ihr aufging, daß dieser Mann ihr Schicksal geworden, von dem Tage an, da sie aus seinem Munde den wundersamen Bericht gehört, was sie und sie allein in diesen vielen Jahren ihm gewesen, wußte sie auch, daß Gianandrca diesem blutdürstigen, alles verschlingenden Moloch nicht geopfert werden dürfe. Sie hatte einsehen gelernt, daß die Feinde der Mafia wohl zahlreich, vielleicht in großer Mehrzahl, aber verzagt, schwach und ohne Unternehmungsgeist waren. Und was sollte es nützen, auf die Gerechtigkeit zu warten? Selbst wenn ihr Vater sein Eigentuin zurückerhielt— man würde ihm nie erlauben, dessen Früchte zu genießen. .(Fortsetzung folgt.1l '(Nachdruck berdotea.) � Huf Irrwegen. Von Jonas Li e. Frau Forkand blieb stehen und lauschte. Die Hand auf das Herz gepreßt;— sie hatte eine Stimme erkannt.—— Faste stürzte plötzlich zur Tür hinaus. Geräusch, Lärm,— Title fs halbcrstickter Ruf, gegenseitiges Fragen und Antworten.-- Und herein kam Faste, die Schwester Agncte hoch, auf den Armen tragend: „Da hast Du sie, Mutter l" „Gott sei Lob und Dankl>— Gott sei Lob und Dank," er- scholl es wieder und. wieder, als Agnete dort im Schlafzimmer saß und der Mutter ihr Herz ausschüttete.-- „Ich bin seit gestern vormittag gereist mit ununterbrochenem Wagenwechscl und mit jedem Mal fühlte ich mich eine'Meile und noch eine Meile von dem allen fern.— Und nie im Leben, Mutter, habe ich geglaubt oder gefühlt, daß die Welt so schön und es so Herr- lich sei, darin zu leben, wie gestern, als ich in dem harten Post- kariol saß und gleichsam auf den schönsten Wagenfcdern in ein neues Dasein hinoinrollte.—,— -- Ich schlief cm paar Stunden'N Klcsttadt— und heute morgen fuhr ich, ehe der Nebelregen begann, eine Stunde in dem pollen, roten Sonnenschein dahin.-- Es war ja das Gefühl, daß ich frei war,— daß ich allem den Rücken wendete I Ich wußte selber nicht, wie schwer dies nun schon über ein Jahr auf mir gelastet hat.'——' Er war ja so rücksichtsvoll, so selbstvergeffend gut, Geld und irdische Angelegenheiten waren nie seine Sache gewesen,— so ganz dazu geschaffsen, die größte Hochachtung vor ihm zu haben. -- Und dann, Mutter!— wußte ich ja, wie sauer Ihr es Euch daheim werden ließet—" kam es leise heraus.--„Es kam alles so unmerklich, nach und nach, während er mich in seiner Hilflosigkeit verstehen ließ, wie sehr der große Pfarrhof und alle seine vernachlässigten weltlichen Angelegenheiten einer ordnenden Hand bedürften.-- Und so ging es das ganze erste Jahr. Ich interessierte mich für seine Geldangelegenheiten und für die Wirtschaft und fühlte mich sehr geschmeichelt durch meine Stellung als diejenige, die alles unumschränkt leitete, als sei ich selber die Propstin gewesen.-- Aber dann kam ein Brief von ihm, den er mich auf meinem Zimmer zu lesen bat. Er war so fein, so wehmütig klagend. ohne jede Spur von Nebenabsichten,— ich hatte kaum eine Ahnung.•— Und dann einen Monat darauf noch einer.-- Und dann noch einer, der mir die Augen völlig öffnete.—> Er schulde seiner verstorbenen Frau ewige Dankbarkeit;— aber das, was er als„übertvältigende Liebe" bezeichnen wolle, sei ihm nicht zuteil geworden, bis er sich jetzt so tief und innig davon ergriffen fühle. Er gebe zu, daß es eine Art Altersschwäche sein könne. Aber das ganze Glück seines Lebens bestehe nun einmal darin, mich im Hause geschäftig umherschwebcn zu sehen.-- Der alte Mann hatte gekämpft und gestritten. Er war zu ehrlich, um mich als Tochter an sich fesseln zu wollen. Und ohne mich, das fühlte er, ginge er einem kalten, traurigen Alter ent- gegen I —<— Er bat nur für die paar armseligen Jahre, die ihm noch bcschieden seien,— um ein klein wenig von ejnem unsag- baren Glück, das seine Jugend und sein Mannesalter niemals gekannt hatten.— Und ich verstand ihn ja und empfand inniges Mitleid mit ihm. Mein Gott, Mutter, wenn man, so wie ich, wußte, was Liebe ist, und was es heißt, getäuscht zu werden!— Ja, mir ist das ja widerfahren, Mutter-- da erschien es mir nicht so ganz un- denkbar, daß der Alte und ich— die wir beide gleich arm waren — vielleicht unsere Lumpen und Ueberreste zusammentaten und versuchten, mit dem bleichen Sonnenschein, den wir noch auf- bringen konnten, etwas aus dem Leben zu machen. Er hatte mich ja so bitter nötig, und ich konnte auf meine Weise ein Glück in meiner Tätigkeit dort suchen.-- Es war eigentlich nur ein Gedanke, der in bitteren Stunden im Hintergründe bei mir aufdämmerte,— nichts abgemacht Klares.-- Aber deswegen war mein Abschlag auch nicht so sicher ent- scheidend, daß nicht für ihn eine Hoffnung hindurchgeblickt hätte. Dadurch erreichte ich eine Bedenkzeit auf ein Jahr,— und konnte unser gutes, liebes Verhältnis wie bisher aufrecht er- halten.-- -- Es ist so sonderbar, Mutter, wenn man fühlt, daß man in eines braven, prächtigen Menschen Augen geradezu zur Sonne geworden ist,— so daß seine ganze Seele sich gleichsam überall dahin wendet, wo man geht,— wenn ein weißer Kragen, den man trägt, ihn beglücken kann,— und wenn man sieht, wie er sich freut, wenn man am Nähtisch fitzt, oder weiß, daß er mit Tränen in den Augen dasitzt und unserer Stimme lauscht.— dann kann man ja nicht anders als davon berührt werden! Und dann war es das Gefühl, daß ich mich am Ende doch an den Gedanken gewöhnen könnte, diesem würdigen Mann eine Gattin und hilfreiche Hand zu werden. Und ich sing an. Euch daheim in Briefen vorzubereiten. Das Leben dort oben als Pfarrersfrau mit allen den mannig- faltigen Beschäftigungen ward für mich eine immer stärker in den Vordergrund tretende Illusion. Ich ging mit allem Eifer auf alles ein. Und der Propst sah glücklich und verständnisvoll zu. So verlief der Sommer und so verging der Herbst. Ich weiß nicht, wie das gekommen sein mag. Aber ich konnte mir den Propst nie anders vorstellen als so glücklich und vergnügt zu- schauend, i-- Es war wie eine stille Uebcreinkunft zwischen uns, daß die Frage erst zum Herbst, im November, wenn meine Bedenkzeit der- strichen war, wieder aufgenommen werden sollte.— Aber die Absicht, ihm dann mein Jawort zu geben, lag gleichsam in der Luft. Ich Iveiß nicht, was ich in der Zeit, als die Entscheidung heranrückte, gedacht oder gefühlt haben kann; aber es ward mir mit jedem Tage ein glühenderes Bedürfnis, eine Zu>flucht, zu schreiben und Euch daheim alles in Briefen zu schildern,— so daß Ihr einsehen konntet und mußtet, daß hier keine Rede davon war, daß ich mich um einen Pfarrhof verkaufte. Ich wollte, daß Ihr mein Glück verstehen und begreifen solltet, daß es ein wirk- lichcs Glück war.-- Unb-Jucrm ich das in einen, Briefe erklärt hatte, fand ich immer, daß noch irgend etwas fehle,— daß Ihr noch mehr wissen müßtet und daß Ihr nie genug vorbereitet werden konntet.-- Und dann brach der Morgen herein, an dem ich eine Aster in das Wasserglas des Pröpsten stellen sollte. Ich kam aus dem Garten und sah ihn erwartungsvoll im Studierzimmer sitzen und sich die Stirn trocknen. Dos Wasserglas stand auf dem Tische und die Aster hatte ich in der Hand. Aber als er sich aus dem'Schreibtischsessel erhob und lächelte, erblickte ich die großen, schadhaften Zahnstümpfe— und— es war mir, als wenn mir das Herz im Leibe still stand. ■-- Ich weiß nur, daß ich die Aster mit einem Schrei wcKvarf und auf mein Zimmer eilte. — Ich entsinne mich nur noch, daß Anne mir den Koffer packen half und mir versprach, das Uebrige nachzusenden,— und daß ich eine Stunde später auf der mit dem Braunen bespannten Gig saß und der Knecht Ole mich die drei, vier ersten Stationen fuhr.---" Faste kam im Laufe des Nachmittags wieder und wieder von seiner Arbeit herunter und gab seine Ansichten kund.—— Sonderbar,— merkwürdig.>— Es muß ja also wirklich der Fall sein, daß so eine Liebe zerstören,— einen Menschen wie eine Fliege totschlagen kannl— Das wäre doch des Teufels,— wenn ein ganzes Leben, eine ganze Zukunft öde und leer sein sollte, nur tveil— Sollte so etwas wirklich Einfluß auf die gesunde Regel- Mäßigkeit des Lebens haben?-- Bei ihm war etwas Derartiges in der Gärung begriffen. � Xtnb wieder und wieder verfiel er in Grübeleien darüber.-- So zum Beispiel er selber und Bera,— daß das plötzlich ein solches Ende nehmen könnte, daß ihm die ganze Zukunft verschlossen war,— leer,— umgestürzt wie ein Faß, mit allem, was er hatte ausrichten wollen,— mit Namen, Ehre— und allem!•— nur tveil sie auf den Einfall kommt, trotzig zu sein,— weil sie nicht will,— nein sagt?, Du, Faste.— fragte er sich selber plötzlich,. wenn sie nun auf den Gedanken käme, sich mit einem anderen zu verheiraten?-- Das tut sie nun und nimmer! Zum Verräter werden—? Er mutzte sich das wieder und wieder vergegenwärtigen.— Bera,— er lächelte und schüttelte den Kopf. Es steht auf ihrer Stirn geschrieben, daß sie Geist liebt. Sie überstrahlt sie alle wie ein weißer Berg.-- 6, „Bera Ghlling,— Bera Gylling>--" hörte Bera plötzlich hinter sich, als sie von den Schwestern Evensen im Kirchenpfad herauskam,—„laß Dich doch nicht so ganz davon in Anspruch nehmen, womit Du Dich kleiden sollst.-- Ich sage Dir, heute wird der erste Schuß gelöst, der die neue Zeit in Deiner Vater- stadt verkündet. Es ist, als hätte ich eine Hagelladung in ein altes Krähennest hinaufgesandt,— jetzt flattern sie auf.—— Nun ja,—" er zog die Zeitung aus der Tasche und las: „Es ist in diesen Tagen auf Anregung von Herrn Forland ein Komitee zusammengetreten— im wesentlichen aus Grund- Besitzern am Vorstrande und auf der Landzunge bestehend—, um die praktische Möglichkeit der Anlage eines Badeortes in größerem Stil in Erwägung zu ziehen. Es ist dies ein Plan, über dessen Ausführbarkeit sicherlich verschiedene Meinungen herrschen werden, der aber auf alle Fälle jetzt soweit gefördert ist, daß er eine Dis- kussion verträgt. Und wahrscheinlich wird seine allseitige Darlegung in der Versammlung, die morgen abend im Klublokal der Stadt berufen ist, durch Herrn Forland stattfinden," (Fortsetzung folgt.) �Nachdruck verboten.) fleifcbvergiftungen. Von Dr. med. W i l h. Kühn. Die Vorgänge im Rudolf-Virchow-Krankenhause in Berlin ziehen die Aufmerksamkeit von ganz Deutschland auf sich, und um so mehr, weil die Fleischvergiftungen gerade in einem Krankcnhause vorkamen, sowie wegen ihrer Entstehung und ihres UmfangcS. Daß fie sich in den letzten Jahren gehäuft haben, wird weniger an der zunehmenden Nachlässigkeit von Lieferanten und Küchenpersonal liegen, als vielmehr darin, daß unsere Untcrsuchungsmethoden viel besser als früher geworden sind. Im großen und ganzen unterscheiden wir dreierlei Arten von Fleischvergiftungen, nämlich einmal solche, die durch den Genuß des Fleisches kranker Tiere verursacht werden, dann solche, denen der Genuß von faulem Fleisch zugrunde liegt, und endlich solche, bei denen das Wurstgift als Ursache angeschuldigt werden muß. Letztere führen den Namen BotuliSmus. Die häufigste Art ist die erjtere, bei der in der Hauptsache zwei Baktcriengruppen eine Rolle spielen, die dem Typhusbazillus und dem im Darm für gewöhnlich vorkommenden Colibazillus nahe verwandt sind, nämlich der Bazillus enteritidis und Bazillus Paratyphi. Paratyphusbazillen sind es auch gewesen, die im Rudolf- Virchow-Krankenhansc ihre verderbliche Wirkung entfaltet haben. Das Unheimliche bei ihrer Tätigkeit besteht darin, daß sie das Tier schon während des Lebens infizieren, aber das Fleisch in keiner Weise verändern. Da sie sich aber schnell vermehren und giftige Stoffwechselprodukte liefern, so treten die Krankheitserscheinungen meist rasch nach ganz kurzer Wirkunqs.�cit im menschlichen Körper ein. Am ähnlichsten scheint der neuesten Vergiftung die von K ut« scher in Berlin im Jahre 1906 beobachtete zu sein, bei der eS sich ebenfalls um Schabefleisch vom Rind handelte. Unter 99 Er- krankungen waren 2 Todesfälle zu verzeichnen. Auch bei ihm handelte es sich um Paro�Yphusvazillen, deren Helsllllfr ebenso wie jetzt dunkel war. Man ist gezwungen a rzunehmen, daß unsere Schlachttiere unter gewissen nicht näher bekannten Bedingungen der Infektion mit � diesen typhusähnlichen Bazillen zugänglich sind. Uebrigens läßt sich nicht siir alle Fälle daran fest- halten, daß sie bei dem Tiere schon im lebenden Zustande vor- Händen gewesen sein müssen, sondern es ist nach den reichlich vorliegenden Beschreibungen von Fleischvergiftungen auch die nach- trägliche Infektion des ursprünglich gesunden Fleisches wahr- scheinlich. Normales Fleisch wird nämlich durch die Berührung mit bazillenhaltigem leicht infiziert, namentlich wenn die Fleisch- teile aufeinandergelegt werden. Ein nachträglicher schädlicher Einfluß kann ebenfalls durch das mit dem Zerteilen oder mit dem Zubereiten des Fleisches beschäftigte Personal(Metzger, Küchen- personal) erfolgen. Wie beim Typhus sind nämlich auch beim Para- typhus Bazillenträger und Dauerausscheider bekannt, die lange Zeit hindurch Bazillen ausscheiden, ohne selbst Krankheits- erscheinungen zu zeigen. Solche Keimträger können sich auch in Wirtschaften, Kantinen usw. befinden. Da der Paratyphusbazillus erst im Jahre 1991 von Schott- müller genauer beschrieben ist, so dürfte es wohl verständlich sein, daß man in ftüheren Jahren mit manchen Fleischvergiftungen nicht viel anzufangen wußte. Zugleich aber mutz auf die Wichtig- keit unserer bakteriologischen Laboratoriumsuntersuchungen bei dieser Gelegenheit besonders hingewiesen werden. Schon der Name des Bazillus sagt uns, daß er eine große Aehnlichkeit mit dem Typhusbazillus haben muß. Dazu kommt noch, daß auch die Krank- heitserscheinungen denen des Typhus in manchen Beziehungen gleichen. So mußte sich denn B o l l i n g e r im Jahre 1881 damit begnügen, diese aufzuzählen, ohne Klarheit in die Sache bringen zu können. Eine gewisse Berühmtheit haben die von ihm be- schriebenen Fleischvergiftungen in Andelfingen(1841) und Kloten (1878) erlangt, da sie sehr an Unterleibstyphus erinnerten. Bei der Andelfinger Epidemie erkrankten gelegentlich eines Sängerfestes etwa 459 Menschen, wovon 19 starben: als Ursache wurde mit größter Wahrscheinlichkeit Kalbfleisch festgestellt. Die Krankheits- symptome waren Uebelkeit, Erbrechen, stark riechende erschöpfende Stuhlgänge Schlingebeschwerden, Pupillenerweiterung, Seh- störungen, Delirien, in der Rekonvaleszenz längere Zeit anhaltende Schwäche. Da auch Menschen, die nicht am Feste teilnahmen, aber Rindfleisch von demselben Metzger bezogen, erkrankten, hatte offen» bar das verdächtige Fleisch bei der Aufbewahrung beim Metzger seine Giftigkeit auf Rindfleisch übertragen. Die Klotener Fleisch- Vergiftung(Juni 1878) war gleichfalls eine Massenerkrankung gelegentlich eines Sängerfestes: es erkrankten infolge von Fleisch- genuß 591 Festteilnehmer, ferner zahlreiche Menschen, die Fleisch von derselben Schlächterei bezogen, die auch das Fest versorgt hatte, endlich aus unbekannter Ursache eine größere Zahl von Menschen, im ganzen 657, von denen 6 starben. Die Ursache war das Fleisch eines sieben Tage alten Kalbes, das entweder krepiert oder sterbend geschlachtet war. In einzelnen Fällen traten die Erkrankungen schon am ersten Tage, meist aber nach 4— 6 Tagen auf; alle die- jenigen, die dem Wein in reichlichen Maße zugesprochen hatten, blieben entweder ganz verschont oder erkrankten nur leicht. Die Symptome waren anfangs Müdigkeit, Kopfschmerzen, Glieder- schmerzen, Verstopfung mit nachfolgender Diarrhöe, gegen Ende der ersten Woche traten die Gehirnerscheinungen mehr in den Hintergrund, die Stühle wurden typhusartig, bei den schweren Fällen fand sich sehr häufig Ausschlag, wie er auch bei TyphuS vorkommt. Die Milz war auf der Höhe der Krankheit ständig vergrößert, die äußeren Lymphdrüsen, besonders die Leistendrüsen, häufig geschwollen. Auch in den letzten Jahrzehnten wurden zahl- reiche Fleischvergiftungen beschrieben. Ostertag konnte von 1889— 1999 85 Vergiftungen mit mehr als 4999 Erkrankungen zu- sammenstellen, von denen der überwiegende Teil auf Teutschland entfällt. Doch ist die Zahl jedenfalls größer, da durchaus nicht alle Fälle, selbst wenn sie gehäufter auftreten, zur öffentlichen Kenntnis kommen. Der andere Urheber der Fleischvergiftungen ist der Bazilluz enteritidis. Bei einer im Jahre 1888 in Frankcnhauscn borge- kommenen Massenerkrankung, bei der 2— 39 Stunden nach dem Genuß des Fleisches einer wegen Darmkatarrhs notgeschlachteten Kuh 57 Personen an Magendarmentzündung erkrankten und eine Person starb, wies nämlich Gärtner sowohl im schädlichen Fleisch wie in der Milz der Verstorbenen kulturell diesen Bazillus und zwar innerhalb der Blutgefäße nach. Die Bakterien bildeten ein durch Kochen nicht zerstörbares Gift; Meerschweinchen oder Kanin- chen, welchen durch Kochen sterilisierte Kulturen unter der Haut und durch Verfüttcrung einverleibt waren, zeigten dieselben Er- scheinungen von Magendarmcntzündung wie bei Verimpfung lebender Kulturen und außerdem verschiedene nervöse Störungen» Lähmungen der hinteren Extremitäten, abwechselnd mit irampf» artigen Zusammcnziehungen als Zeichen der Giftwirkung. Be- merkenswert ist noch, daß die Mutter des Verstorbenen, die den Kranken gepflegt hatte, später gleichfalls unter denselben Er- scheinungciit erkrankte, trotzdem sie weder Fleisch noch Brühe von der notgeschlachteten Kuh genossen hatte. Die Infektion ist also von den Ausscheidungen des Sohnes lus erfolgt.— In der Zwischenzeit haben wir dann bis in die Neuzeit noch eine ganze Anzahl von Epidemien kennen gelernt, in denen die beiden erwähnten Erreger ihre verderbliche Rolle spielten.— Die Krankheits- eri&iäSSgtB decken sich im großen und ganzen mit denen, wie sie bei den geschilderten Massenerkrankungcn erörtert sind. Die neueste Uebersicht findet sich in einer sehr interessanten Arbeit vom Oberstabsarzt Dr. Dieudonne:..Die bakteriellen Nahrungsmittelvergiftungen"(Würzburger Abhandlungen aus dem Gesamt- gebiet der praktischen Medizin, Curt Kobitzsch; A. Stubens Verlag, Würzburg), der wir zum Teil gefolgt find. Dem Volksverständnis bedeutend näher stehen die verderblichen Einflüsse von faulem Fleisch auf den Menschen, vor dem wir schon an und für sich einen natürlichen Widerwillen haben. Faules Fleisch entsteht dadurch, daß Fleisch von gesunden Tieren, das anfänglich nicht gesundheitsschädlich war, erst nachträglich infolge schlechter Konservierung durch Eindringen von Fäulniserregern der Zersetzung anheimgefallen ist, wobei Fäulnisprodukte entstehen, die dann die Vergiftung verursachen. Bei dieser Zersetzung des Fleisches können die verschiedensten Arten der Fäulniscrreger beteiligt sein, die Hauptrolle spielt aber die Gruppe der Proteusbazillen und des Bazillus Coli. Der Verlauf dieser Erkrankung ist in der Regel günstig, jedenfalls günstiger als die durch den Bazillus botulinus verursachte Wurstvergiftung mit ihren Lähmungs- erscheinungcn. Das beste Hilfsmittel gegen solche Fleischvergiftungen ist eine geregelte Fleischschau, die überall auch für private Schlachtungen durchgeführt werden müßte. kleines femUetou. Die Entstehung des Dvnners hat, nach der Zeitschrift„Deutsche Rundschau für Geographie und Statistik", Professor Brombidge in großartigen Experimenten nachzuweisen versucht. Dieser Physiker war besonders zur Aufklärung einer derartigen Frag« berufen. Denn er hat bei seinen großzügigen Versuchen mit ungeheueren elektrischen Entladungen die Nachahmung des natürlichen Blitzes so weit getrieben, wie es vor ihm noch keinem Gelehrten im Labo- ratorium gelungen ist. Der wichtigste Satz, der sich ans seinen Beobachtungen ergibt, besagt, daß das starke Geräusch eines Blitzes im wesentlichen der Zersetzung von Wasserdampf zuzuschreiben ist. lleberdies wird die Länge solcher Entladungen bedeutend beeinflußt durch den Feuchtigkeitsgehalt der Wolken. D«r letzte Schluß er- scheint freUich fast selbstverständlich, wurde aber durch Experimente in einer Art bewiesen, die besonder? Beachtung verdient. Brom- fcridge hatte sich Jahre lang damit beschäftigt, das Spektrum des Wasserdampfes zu studieren. Nach vielen anderen Versuchen be- schloß er. das Spektrum zu erfoeschen, das durch mächtige elektrische Entladungen in einer mit Wasserdampf gesättigten Atmosphäre entsteht. Zur Erzeugung seiner künstlichen Blitz« benutzte Brom- bridge eine Akkumulatorenbatterie von LOOOK Zellen, deren Strom «r in geraden Glaskondensatoren leitet«. Di« sonst noch notwen- digen Apparate mußten zu diesem Zwecke noch neu erfunden »erden, um den außerordentlichen Anforderungen zu genügen. Am liebsten hätte Brombridge die ungeheueren Ströme einer der durch den Sturz des Niagarrasallcs getriebenen Raschinen angewandt, wozu er noch später die Erlaubnis zu erhalten hofft. Zunächst dachte er daran, das Spektrum des Wasserdampses dadurch der B«bachtung zugänglich zu machen, daß er elektrische Funken von einer Wasserfläche zur anderen überspringen ließ. Die Ausführung dieser Absicht erwies sich aber als unmöglich. Ter Gelehrte sättigte nun zwei Holzstücke mit destilliertem Wasser und hüllte sie in Watte ein, die gleichfalls mit fo viel Waffer befeuchtet war. wie sie halten konnte. Wenn diese beiden Gegenstände an dem Ende eines Stromkreises angebracht und etwa 4 Zoll voneinander entfernt delassen wurden, so entwickelte sich Mischen ihnen ein Strom von außerordentlich hellen Funken. Das Geräusch dieser Entladungen war so betäubend, daß sich der Forscher die Ohren verstopfen und außerdem noch»in dickes Tuch um den Kops binden mußte, um es überhaupt auszuhalten. Die Entstehung des donnerähnlichea G«° töses führte Brombridg« zurück auf die Explosion von Wasserstoff und Sauerstoffgasen, die durch die Zerfetzung des Wasserdampses gebildet werden. Auf Grund dieser Annahme wird es durchaus wahrscheinlich, daß die Stärke de» natürlichen Donners in gleicher Weise durch die Anwesenheit der starken Feuchtigkeit in den Wolken gewaltig verstärkt wird. Tie Photographien, die Brombridge von feinen"künstlichen Blitzen aufgenommen hat, machen einen ganz merkwürdigen Eindruck und erinnern, wie er selbst sagt, an einen leuchtenden Wasserfall. Man sieht nicht einzelne Funkenentla- düngen, sondern eine dichte Masse, die einer ganz aus Elektrizität bestehenden Wolke gleicht. Das Spektrum dieser künstlichen Blitze muß ganz dem der natürlichen entsprechen, wenn letztere in einer Entfernung von etwa IVi Kilometer beobachtet werden und zwischen sehr dichten Wolken überspringen. Hygienisches. DiV Chcleragefahr von Rußland her. Die ge- waltigen Fortschritte der Gesundheitspflege und aller Maßnahmen, die von dieser Wissenschast ausgegangen sind, haben dazu geführt. daß manche Gefahren, die noch die borige Generation dauernd aufs schwerste beunruhigt haben, heute so weit abzuliegen scheinen, daß man sich um sie nicht ernstlich zu bekümmern braucht. Zu diesen Gefahren gehört auch eine Anzahl von Epidemien, und zwar gerade die furchtbarsten, wie die Pest und die Cholera. Die Pest ist nun schon zwei Jahrhunderte von Mitteleuropa ferngeblieben, während die Cholera noch in einer weit jüngeren Vergangenheit unheilvolle Besuche auch im Herzen unseres Erdteils gemacht hat. Man darf sich aber nicht verheblen, daß wir nur deshalb jetzt so ruhig die Berichte von Epidemien dieser Seuche in anderen Ländern lesen können, weil im Auftrage der Behörden und der Wissenschaft ständige Wachtposten eingesetzt sind, die diese Gespenster dauernd auf ihrem Wege verfolgen. Das diesjährige Austreten der Cholera in Rußland hat die Auftncrksarnkeit der mit diesem Wachtdienst be- trauten Personen mehr in Anspruch genommen, als es seit langem der Fall gewesen ist. Seit einer Reihe von Jahren spukt die Cholera im Osten Europas umher. Der Ausgangspunkt dieser und anderer Epidemien liegt in den Pilgerfahrten nach den heiligen Stätten der Mohammedaner, Ivo sich zugleich mit den Gläubigen die Krankheitskeime aller Weltgcgenden ein Rendcz-Vous geben und sich gegeneinander austauschen. Bei aller Duldsamkeit kann man daher doch nicht umhin, diese Pilgerfahrten als die größte internatwnale Gefahr für die Völker aller Erdteile zu bezeichnen. Pest und Cholera haben unter den Krankheiten, die sich von Mekka und Medina aus verbreiten, in den letzten Jahren die Hauptrolle gespielt. Die Cholera wanderte vor etwa vier Jahren durch Syrien nach Persien, wo sie in manchen Städten mit ziemlicher Heftigkeit auftrat, lieber das Kaspische Meer hinweg wurde die Seuche auch nach der Mündung der Wolga, also auf russisches Gebiet, ver« pflanzt und zog nun an der Wolga auswärts. Das geschah schon vor zwei Jahren, und seitdem ist die Cholera nicht wieder in Ruß- land unterdrückt worden. Im Gegenteil ist die Epidemie jetzt so gewachsen, daß sogar Persien, das die Cholera doch an Rußland ge- geben hatte, sich jetzt veranlaßt gesehen hat, seine Grenzen gegeil Norden zu sichern. Die Epidemie des vorigen Jahres kam im Januar zum Erlöschen, und es hatte ein halbes Jahr lang den Anschein, als ob die Krankheit ganz aus dem russischen Gebiet der- sckwunden wäre. Da trat am Sil. Juli in Astrachan der erste neue Cbolerasall ein und nun nahm die Epidemie eine reißende Eni» Wickelung, zunächst im Gouvernement Astrachan, dann in dem nördlich benachbarten Saratow, in Samara, Simbirsk, Roftow, im Dongebiet usw. Die Verbreitung und Heftigkeit der Epidemie läßt sich nicbt mit genügender Sicherheit beurteilen, weil die russische Statistik in solchen wie in anderen Fällen zu unzuverlässig und un- vollstäudig ist. Jedenfalls find scharfe Maßnabmen gegen die Ein- schleppung der Seuche an den Grenzen Rußlands getroffen worden, und auch die Türkei, was vielleicht lveniger selbstverständlich er- scheint, hat nach dieser Richtung ihre Pflicht nicht versäumt. Von Konstantinopel aus ist. wie der britische Delegierte des dortigen Internationalen Gesundheitsamtes dem„Laneet" schreibt, eine Quarantäne gegen alle Häfen des Schwarzen und Asowschen Meeres von Sulina bis Batum angeordnet, auch die Einfuhr von Kaviar. Fischen. Kleidern. Bettzeug usw. gänzlich verboten worden. Im Winter pflegt nun eine Choleraepidemic ohnehin abzuschwellen. aber die Vorsicht ist durchaus geboten, weil die Keime während des Winters nur schlummern, aber nicht untergehen, so daß die Gefahr nicht zu bestehen aufhört, wie es der Eintritt der diesjährigen Epidemie von neuem bewiesen hat. Technisches. Die Zukunft der Ouecksilberlamp e. Sowohl die umständliche und verhältnismäßig langwierige Art der Ingangsetzung als namentlich die wenig gefällige blaugrüne Färbung des Lichtes haben den AnwendungskreiS der Ouecksilberlampe trotz der ökonomischen Vorteile sehr eingeengt. Zur Bekämpfung deS letzten UebelstcmdeS hat mm der Amerikaner Fisch vorgeschlagen, die fehlenden roten und gelben Töne im Ouecksilberlicht dadurch zu ersetzen, daß die Strahlen gewöhnlicher Glühlampen durch geeignete- Spiegel hinzugemischt werden. Sehr verheißungsvoll klingt dieser Borschlag nicht, da den vielen Komplikationen, die der Quecksilber» lampe ohnehin anhaften, noch eine neue hinzugefügt wird, und eS erscheint daher fraglich, ob diese Neuheit den VerbreidingSbezirk der Ouecksilberlampe wesentlich zu erweitern imstande sein wird. Ein neue? Schnellbahnshstem. In Eugland hat vor kurzen: der Jngeuieur Kearnch ein neue» System für Schnellbahnen vorgeführt. Nach einer Mitteilung von„Engkish Mechanic" handelt es sich um eine Einschicnenanlage. deren hauptsächlichster Borzug darin besteht, daß sie selbst noch Steigungen von 1:3 leicht zu überlviudcu vermag, so daß bei Untergrundbahnen dieser Art, die Einrichtung von Treppen und Aufzügen wegfallen würde. Die Züge laufen in zwei senkrecht übereinander angeordneten Schienen, so daß unter Beibehaltung des„Monorail-Shstems" die doppelte Sicherheit geboten ist. Das zur Vorführung hergestellte Modell hat seine Probe in ausgezeichneter Weise bestanden, so daß sich sofort ein Koniortimn zur Verwertung gebildet hat, das bereits in der nächsten Parlamentstagung eine Konzession für die praktijch« Ausführung nachsuchen wird. Berantwortl. Redakteur: Hau? Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchtruckerei u.VerlagsanjtaltUaulSmger LiCo..BirlmLVi5.