Hnterhaltungsblatt des Dorwärts Nr. 182. Sonnabend, den 19� September. 1908 .(Nachdrus derboten.Z 591 IMafia, Roman emS dem Modernen Sizilien von Emil RaS müssen- Ihre nassen Hände preßten das Laken in wildem Schrecken. Aber die Schwester stand neben ihr und legte ihr beschwichtigend die Hand auf die Stirn. „Sei ruhig! Sei ruhig! Es ist nur das Fieber!'' Wieder fiel sie in den Schlummer zurück. Stunde um Stunde verstrich, und der Morgen graule. Nie Nachtigallen hörten auf zu schlagen. Da klopfte es leise. Gianandrea Lo Forte schob sich vorsichtig in die Türe. Seine Füße waren bestäubt. Sein Gesicht war grau. Seine Augen glitten von der Harfe zu der schlafenden Bionda. Die Schwester ging ihm lächelnd entgegen. „Es geht dem Ende zu!" flüsterte sie. Gleich darauf fügte sie wie entschuldigend hinzu: „Sie ließ mich die Harfe hereinstellen. Sie hat ja in ihren Phantasien geträumt, daß Sie an ihrem Sterbelager sitzen und Harfe spielen würden." „Arme Bionda! Hat sie das geträumt? Dann will ich sie auch in den Schlaf spielen— in den letzten." Er setzte sich zur Harfe und griff in die Saiten, spielte, wie seine Mutter selbst ihn spielen gelehrt, als er klein war; spielte, bis seine Augen blind wurden und die Tränen ihm in den Bart hinabströmten. Da schlug sie die Augen zum letzten Male auf. Die Schwester legte den Arm unter ihr Kissen, um ihr Haupt zu heben. Es war, als bemühe sie sich, nach der Harfe zu sehen, aber der Blick war entschwunden, und das Haupt sank— wie die Blume ihr Haupt neigt, wenn die Sonne untergeht. Ein Schmerzenszucken verzerrte einen Augenblick ihre Züge, aber gleich darauf fiel das Antlitz in Ruhe, und um ihren Mund lag ein glückliches Lächeln. Bionda war tot. Gianandrea drückte ihre Augen zu, diese schwermütigen treuen Augen, deren Blick er niemals vergessen konnte, und er küßte ihre weiße Stirn, während alles, was gewesen, und alles, was nicht geworden zwischen ihm und ihr, durch seine Gedanken zog. Die Schwester, die im Gebete beim Bette kniete, legte Biondas Hände kreuzweis über ihre Brust und breitete ein weißes Tuch über ihr Gesicht. Einen Augenblick schien es, als sei das Nonnenlächeln geschmolzen und der Mensch hervor- gebrochen. Sie schlössen die Altantüren und zogen die weißen Gar- dinen zu. Sie zündete alle Kerzen an und stellte sie neben Biondas Kopfkissen. Und Gianandrea ging hinaus, um Blumen zu holen. 25. Die Gräfin lag noch im Bette, als sie Biondas Tod er- fuhr. Die Nachricht machte keinen starken Eindruck auf sie; die Katastrophe kam nicht unerwartet. Ueberdies hatte sie viele Monate lang keinen Fuß in Angelos Haus gesetzt. Gräfin Lucia war in den letzten Jahren gealtert. Ihr Gesicht war röter und voller geworden: unter den Augen lagen Hautwülste, und das Doppelkinn wölbte sich in tiefen Falten über den Hals. Von ihrer ehemaligen Schönheit waren nur die starken weißen Zähne hinter den herausfordern- den Lippen und die dunkle Glut der tiefen Pupillen übrig- geblieben. Die Haut begann zu welken, und das ergrauende Haar kleidete sie nicht. Die Leidenschaft chres Inneren aber hatte nicht mit der Kraft und Schönheit des Körpers ihren Höhepunkt über- schritten. Ihre Herrschbegier war ungeschwächt, und ihre Wutanfälle kamen immer noch wie Orkane, die alles aus dem Wege scheuchten und fegten, was sich ihnen entgegenstellte. Wer sie nicht von Morgen bis Abend und von Abend bis Morgen beobachtete, konnte an eine gesunde titanische Kraft glauben, die niemals einem Stärkeren-in die Augen geschaut hatte. Denn sie verbarg sorgfältig, daß hinter den Zinnensihrer Macht ein Abgrund klaffte. Dicht an dem Machtbewußtsein lag eine Ohnmacht, eine Ohnmacht ohne Grenzen, die sie zunH ersten Male durch Crocifissa zu kosten bekommen hatte. Die religiöse Exaltation, in die sie das Entsetzen über ihre kranke Tochter versetzt hatte, war ein Zustand, der sie wohl nur zeitweise, aber plötzlich und unmotiviert heimsuchte, sie wehrlos machte und wie ein Faustschlag ins Gesicht traf. Dann sah sie an hellichtem Tage Gespenster und wand sich betend und schluchzend auf dem Böden vor ihrem Madonnen». bilde. Oder sie fühlte sich von einem brennenden Gefühl der Einsamkeit gepackt, wenn sie an die Kluft dachte, die sie zwischen sich und ihren Kindern aufgerissen: sie stöhnte in ihrer Furcht vor Crocifissa, in ihrer leidenden Sehnsucht nach Ettore, der nie mehr zurückkehrte. Und was Angela betraf, so hatte sie sich in die Vorstellung festgerannt, daß er nur auf ihren Tod warte. Allein diese verschiedenen Strömungen liefen parallel, liefen Seite an Seite und wechselten, wie Tag und Nacht wechseln, ohne einander zu mildern oder zu dämpfen. Eher hielten sie einander in Spannung, nahmen eben durch det» Gegensatz um so ausgeprägtere Formen an. Wenn sie auch zuweilen in einem flüchtigen Blitz diö ganze hohle Leere ihrer Macht durchschaute, so vermochte dies ihren Sinn nicht zu ändern. Es gab keine Versöhnung, so». lange ihre Begier nicht gelähmt war. Nur zwei Personen kannten alle Tiefen ihrer Seelen- labyrinthe. Don Gerlando war ja ihr Beichtvater. Und Silvia mußte in den letzten Jahren stets um sie sein, um ihre Gespensterfurcht zu beschwören. Nachdem Ettore des Morgens im Kloster gewesen wav und eine lange Unterredung mit Diambra gehabt hatte, ging er heim, um seine Mutter aufzusuchen. Er traf Silvia, die vor Ueberraschung stumm wurde. Eine heiße Röte jagte ihr in die Wangen, ohne daß er sich irgend- einen Gedanken darüber machte. Während Ettore im Kabinett blieb, ging sie zur Gräfin hinein, um seinen Besuch zu melden. Die Gräfin richtete sich im Bette auf. „Was will er?" flüsterte sie heiser.—„Was sagt er?"- .„Nichts! Er sieht sehr erregt aus." „Er kommt, um wieder zu schelten! Er will Ermahnung?» predigten halten— neue Szenen machen! Meine Nerven halten dies nicht aus! Sag, er soll gehen! Ich will ihn nicht sehen!" „Sie werden es bereuen! Jagen Sie Ihren Sohn nicht wieder von sich." Dieser Widerspruch versetzte die Gräfin in blinde Wut. „Du wagst Dich in meine Angelegenheiten zu mischen II Du hast zu gehorchen, verstehst Du! Hinaus! Hinaus mir Dir!" Sie stöhnte. Gleich darauf trat Ettore ein. Die Gräfin begann zu schreien und mit den Füßen z» stoßen, krümmte sich zusammen und zog das Laken über den Kopf wie ein trotziges Kind. Ettore setzte sich auf die Bettkante, riß ihr das Laken vom Gesichte und sagte mit einer Stimme, deren Ton keinen Wider». spruch duldete: „Wenn Du mich nicht hörst, bist Dn verloren. Ich bin jetzt der einzige, der Dir helfen kann: und wenn Du selbst es willst, bringe ich Frieden." Sie blieb stille liegen, ohne einen Laut von sich zu geben, und sah angstvoll zu ihm auf, während sie unter der Decke die Hände rang, daß es in den Fingergelenken knackte. „Du mußt wissen, daß Dein Minendiebstahl entdeckt ist. Lo Forte ist in den Minen gewesen. Er hat Pläne und Photo- graphien aller neuen Galerien aufgenommen." „Das ist unmöglich!" „Ich selbst habe ihn begleitet. Du verstehst, daß gegen Dich sowohl wie gegen Bruno und den ganzen Stadtrat die. Anklage erhoben werden wird." „Laß sie nur kommen, mein Junge!" „Sag mir, erinnerst Du Dich Doktor Rendas?" „Doktor Renda? Was ist e* mit Doktor Renda?" „Er will Klage gegen Dich erheben." Die Gräfin erbleichte. >.Jch schwöre Dir. Ettore, ich hin unschuldigst' »Du weißt also, worum es sich handelt?* „Ich ahne nichts!" „Er hat bloß Biondas Tod abgewartet. In wenigen Tagen wirst Du des Giftmordes angeklagt werden." „Laß sie kommen! Laß sie Beweise bringen!" erwiderte sie heiser mit Aufbietung all ihrer Kraft. „Aber es ist noch ein Unglück geschehen, das weder Du noch Deine Freunde mehr abwehren können." „Was meinst Du?" „Angelo ist tot." „Angelo?" Es war, als verstehe sie nicht. „Er liegt draußen in den Minen mit zerschnittener Kehle." „O, Calogerol" „Ja, Mutter, er hat ihn ermordet!" (Fortsetzung folgt.)! MachdruS verbotestZ 211 Huf Irrwegen. Von Jonas Sie Faste stutzte. Eine eigenartige tiefe Bitterkeit, wie er sie noch nie an ihr bemerkt hatte, zitterte in ihrer Stimme, und die Augen blinzelten feucht. Es ward ihm auf einmal klar, daß sie sich in der Tiefe ihres Herzens trotz dieser ihrer„Maske" unglücklich fühlen könne. Ihr in allen Zügen so ausgeprägtes Gesicht war vielleicht nicht mädchen- Haft genug.—— Faste überkam plötzlich das Gefühl, als habe er ein Weib vor sich, das hinter diesem lachend lustigen Gesicht, das sie zeigen mußte, um ihren Platz in der Welt zu behaupten, trauerte und unglücklich war. Hier im alltäglichen Leben,— im kleinen,— ein Tragödin, die groß genug war!— ,,-- Soll ich es denn aber durchaus sagen, was mich ver- anlaßt«, auf der Treppe stehen zu bleiben, fuhr in derselben Stimmung Laura fort,—„so war es weder eine Königin Asta, noch eine Sigrid Storrade, sondern Ihr Badehotel, über das ich mich in Sinnen verlor. Es streckt seinen Turm an diesem Winter- tage so festlich in die Luft empor. Ich mußte auf einmal an das Gebäude denken, so wie es dastand, als ich zum erstenmal da oben war und es nur aus nackten Mauern und Fensterhöhlen bestand, — ich sah die beiden obersten unfertigen Stufen der Treppe, über die Sie mich mit einem solchen Schwung hinaufzogen, so deutlich vor mir.—— Und dann die Aussicht, die mich wie mit Zauber- macht fesselte, so daß ich mich nicht davon losreißen konnte, bis ich mehr und mehr in den Bann einer so eigenartigen, ungewöhnlichen Männerstimme geriet, die so von oben herabplanderte oder abbrach, ganz wie es ihr beliebte.—— Es lag ein so merkwürdiges Selbstgefühl, eine solche Kraft und Sicher. heit in jedem Wort, das sie äußerte, als ob alle Einwände nur einfach wegzublasen seien!— Das war Ihre Einführung bei mir, Herr Forland, ich hatte Sie noch nie gesehen." „Ja," sagte Faste,—„jetzt plaudere ich im Grunde fast jeden Tag mit Ihnen, Fräulein Groth!— Ich habe eine Rolle eigens für Sie,— sehe Sie jeden Satz sager!-- In drei bis vier Wochen versammeln wir die Truppe zur Probe,-—.— Sie werden natürlich der Haupteckstein." ..Ach, Herr Forland!— Wenn Sie wüßten, wie bange mir Wiröl" „Ihnen?-r mit Ihrer schnellen Ausfassung,— Ihnen wird bange?" Sie schüttelt« den Kopf. „Nein, vor den anderen.— dem Publikum— fürchte ich mich Nicht," kam es zögernd heraus.„Sondern vor Ihnen I" „Vor mir?" „So ganz auf einmal sagen Sie etwas üben das Stück, tvas ich nicht verstairden habe. Und dann denke ich, ich muß schrecklich dumm sein und es überkommt mich eine bebende Angst, daß Sie merken könnten, wie unbedeutend ich bin." «Wenn Sje wüßten, Fräulein Groth, wie ich Sie im Geiste dem Geizhals die töchterlichen Worte zurufen höre: „Wenn Dich das nicht zu rühren vermag, dann ist Dein Herz tot,— Du bist eine eiskalte, wandelnde Leiche." „Die Wort« nehme ich mit und übe sie mir ein," rief Laura aus.„Ich betrachte mich jetzt angestellt als Tochter des Geizhalses. Es durchzittcrt mich förmlich, r— ich habe Teil daran, ich habe Teil .daran I"— »Das haben Sie schlecht gesagt. Die Stimme kam nicht zu ihrer vollen Geltung.>—— Noch einmal: Ich habe Teil daran--" »Ich habe Teil daran!".iteß sie begeistert und schwenkte die Muffe. „Machen Sie die Schlitteik«chrt mortzen nachmittag nach Frederikslund mit?" fragte sie nach einer Weile leise. „Vielleicht.-- Ich hatte eigentlich nicht daran gedacht, mich nicht darauf eingerichtet,— ich habe keine Zeit zu all der Gesellig- teit hier in der Stadt—* „Es geht von Konsul Ristings aus," erklärte Laura,—»und Kaffee und kaltes Abendbrot wird mitgenommen,— zuletzt gibt es natürlich Champagner.— Und Mondschein auf der Heim- fahrt--" »Und ich darf Sie fahren?" --„Ja, dann komme ich! Dann fomme ich!—° winkte er ihr voll Feuer und Flamme zu, indem er den Hut schwenkte. -- Verteufeltes Frauenzimmer, diese Laura Groth I Wie sie ihn verstand und welch offenes Auge sie für alles hatte, was ihn betraf— „Ach ja,— ich habe es satt, Mutter, den lieben langen Tag die Miühle für die Philister zu drehen!" rief Faste aus, als er am Abend nach Hause kam.--„Der Makler kauft und verkauft. Die Stadt ist in Bewegung. Die Aktien steigen. Es geht wie die Speichen im Rade!— Und nun kann ich Dir erzählen, daß Schwager Doktor endlich auch seinen Vorteil erkannt und feine zwei Tausend in Aktien angelegt hat. Er braucht jetzt nur am Sonnabend unten beim Makler vorzufragen, dann hat er schon einen hübschen Haufen verdient, ohne daß er es nötig gehabt hätte, dafür zu doktern.— Aber weißt Du, Mutter, wenn jemand, so wie ich, den ganzen Tag mit dem Mammon zu tun hat und sich mit Gewinn und Vor» teil vollstopft wie eine Wurst, da lernt man den Dämon auch gründlich kennen.-- Es ist ganz sonderbar, Du! Man wird nie müde, ihn in allen seinen Drehungen und Wendungen zu stu- dieren,—- so verschieden, wie er bei den Verschiedenen das Wort führt.-- Und das lächerlich tragikomisch« bei der Geschichte ist. daß schließlich der Mammon mit dem Manne abgeht und nicht der Mann mit dem Mammon. Sag« doch selber, ob so ein Geiz- kragen von Mensch nicht verdient, daß man ihn totlacht!-- Und unter uns, Mutter, Du wirst doch begreifen können, daß Dein Sohn Faste nicht um neun Uhr des Abends ans geschäst- lichen Gründen hierher kommt und um eine Lampe bittet und sich damit amüsiert, bis zwei, drei Uhr des Morgens auf seiner alten Bude zu schreiben. Ich mache mir ganz einfach das Vergnügen, den Teufel in ein Transparent hineinzubringen. Er ist so ver- zweifelt komisch, und ich finde keine Ruhe, bis ich den Burschen einmal gründlich beleuchtet habe, so in einem kleinen Schauspie! für das Sommertheater da unten. Ich habe ihn in Reden und Gebärden schon am Finger,— den reichen Mann, den Geldprotzen. dessen Familie in der feinsten Treibhausluft von edlen Gefühlen idyllisch groß gezogen ist. während er selber die erste moralische Autorität der Stadt ist.—>— Das Geheimnis besteht nur darin, daß er sein Vermögen im Ausland in einer Aktiengesellschaft für giftig« Tapeten angelegt hat. Und während die Familie an der Spitze von Stiftungen. Wohltätigkeitsveranstaltungen, Bazaren steht und ein gutes Bei- spiel gibt, liegen auf des Vaters Rechnung tausend arme Seelen rings umher in der Welt und leiden an Arfenikvergiftung durch die. Tapeten.—— Ja, ich könnte ihn auch Anteil an einem Aktienunternehmen für verfälschte Weine haben lassen.— Und dann— laß einen so erzogenen, moralisch verfeinerten Sohn plötzlich den Zusammenhang entdecken und vor die Wahl gestellt sein, auf das schändlich erworbene Vermögen zu verzichten und die ganze an Luxus gewöhnte Familie arm und hilflos zu machen — mit allen daraus entstehenden Folgen—— Das kann zu gewaltig ergreifenden Wirkungen führen—" Ein starkes klingelndes Geräusch von Schlittenschellen, das vor der Tür verstummte, unterbrach sie. Und herein trat Agnete, die aus der Gesellschaft bei Lüders in des Konsuls eigenem Schlitten nach Hause gefahren war.-- „Ein wahres Glück, daß mein neues grauseidcnes Kleid noch! fertig geworden ist, Mutter, denn wahrhaftig, da waren Toiletten! Es geht heutzutage wirklich nicht mehr an, sich häufiger in dem- selben Kleid zu zeigen,-- Die jungen Frauen Lauritzen und Mo mit echten Blonden und Spitzen---" „Solch neugebackener Reichtum, Du, der sich gleich zeigen muß/' entgegnete Frau Forland. „UiÄ> ein Tisch!— Mutter-- die Weine gingen ja freilich! über meinen Horizont. Aber Gemüse und Spargeln und Früchte aus Algier in endloser Reihenfolge! Mich führte Hauptmann Döscher--" „Ja, gute Nacht!, Gute Nacht!" rief Faste und sprang die Treppe hinauf. „Und alle die Grüße, die ich Dir bringen sollte. Mutter!—— Morgen bekommst Du Blumen aus Lüders' Treibhaus mit einer Sendung von allerlei Leckereien vom Dessert.-- Minna wird es selber herbringen; ich glaube sie würde viel darum geben, wenn Faste dann zu Hause wäre; es ist ja in letzter Zeit eine solche Kameradschaft zwischen ihnen entstanden.— Aber Faste ist ganz sonderbar, Du, er schwebt ihnen gegenüber immer gleichsam in der Luft; es ist, als wenn sie ihn nie so recht gefaßt kriegen könnten; sie stehen immer nur mit einer interessanten Idee in der Hand da. -- Fast« sieht nie etwas anderes als das, woran er gerade denkt,— antwortet auch auf nichts anderes." „Nein, er schwebt am liebsten in höheren Sphären," lacht«! Frau Forland. „Und sowohl Lüders als auch Ristings lassen Dir ihren Schlitten anbieten, Mutter; jetzt bei der herrlichen Schlittenbahn müßtest Du wirklich ausfahren." „Ich weiß ja recht gut« daß dgS alles nur um meines Sohnes willen geschieht; aber tS ist trotzdem so wohltuend, Du/ sagte Frau Forland. „Und schließlich haben Hauptmann Döscher und ich noch Viel- liebchen gespielt/— erzählte Agnete lächelnd.„Er verkehrt jetzt überall, wo ich eingeladen worden, und wir unterhalten uns und stimmen so gut überein— 9. So war denn der Frühling gekommen, und das Einwe:hungs- fest für das Badehotcl stand vor der Tür. Das Hotel prangte fast fix und fertig. Drinnen auf den Gängen, sowohl unten als auch oben, hingen alle Art Reklamen der großen Bade- und Kurörter Europas. In mächtigen Bildern und Illustrationen figurierten Wiesbaden und Vichy, Ems und Karls- bad, Aix-les-Bains und Schweizer Luftkurörter mit weihen Alpen- zinnen schwindelnd hoch oben in der Luft, Nizza und Monte Carlo in weißer Kalkfarbe mit blendend hellblauem Meer und noch tief. blauerem Himmel. Die Reklameplakate waren mit denen des Orts ausgetauscht, die die Aufmerksamkeit nicht minder fesselten, — die Mitternachtssonne in Glut. Ueberall herrschte geschäftiges Treiben. Das kleine trauliche Gartengitter der Doktorenwohnung schimmerte schon von weitem. Und am ganzen Strande entlang, den Waggesen auf Wold aufgekauft hatte, waren Bauunternehmer und Spekulanten in voller Tätigkeit und verwandelten Bauern- und Schiffcrhäuser in Villen mit Brücken und Zugang zur See. Man zimmerte Pavillons und kleine Häuser zu Badekarren auf Rädern, schlug Schuppen fiir Segelboote auf, die gleich Schwänen vor dem Bootshafen liegen und sich wiegen sollten. Und aus dem Hain erschollen die rasch aufeinanderfolgenden Hammerschläge vom Sommertheater, das schon unter Dach war. Im Park, der zum Teil im Herbst mit Bäumen bepflanzt war, schuf man Anlaaen und Wege und arrangierte allerlei Rasenflächen und Blumenbeete. Der Gedanke an die erst« Saison des Badeortes dämmerte und beschleunigte die Arbeiten.— -- ES war Frühlingswetter mit frischerschlossenem leuch- tenden Löwenzahn und einem Sausen von rieselndem Wasser rings umher.—— (Fortsetzung folgt.) INfeuere religiöse Literatur» Was sich heutzutage an neuer sogenannter„Religion" innerhalb der bürgerlichen Kreise— oft mit reibt viel Tamtam— bemerkbar macht, geht zweierlei Wege. Entweder betont man das sittliche, d. h. daö soziale Moment. Oder das gefühlsmäßige, d. h. das mystische Element. Mystik ist der Feind aller Ausilärung. Darum wird gerade in diesen Kreisen mit völlig unberechtigter Einseitigkeit auf Rationalismus und VerstandeSkultur gescholten. Es ist aber festzuhalten, daß alle Volksausklärung zunächst rationalistisch sein muß. Aberglaube kann nicht durch Glauben, sondern allein durch Wissen ausgetrieben werden. Auch ist es sehr verdächtig, daß die neue Geküblsreligion, die man allerorten predigt, aus den besseren Schichten der Bourgeoisie stammt, und in ihren besseren Schichten Wurzel. saßt. Der tätige, mit dem Volke in stetiger Berührung arbeitende Teil, verficht— soweit er überhaupt noch Anteil an der religiösen Vorstellungswelt hat— den anderen, den sittlich sozialen Ausdruck der Religion. Die Leute von letzterer Richtung entstammen meist Pfarrerund Lehrerkreisen. Ihnen ist aufgegangen, daß man mit den meisten religiösen Vorstellungen dem Volle Steine statt Brot bietet. Un- fähtg, respektive nicht willens, sich ganz von dem religiösen Erbteil loszusagen, retten sie seine Trümmer unter die Hut der sozialen, manchmal auch der sozialistischen Ethik. Alles, was sonst an„religiösen" Schriften erscheint, steht im Dienste irgendeiner besonderen kirchenpolitischen, dogmatischen oder geschichtswissenschaftlichen Richtung. Vor uns siegen eine Reihe Bücher, die von sehr verschiedenem Standpunkt aus die religiöse KrisiS von heute beleuchten. Albert Kalthoff, der nunmehr verstorbene Bremer Pfarrer, war derjenige unter den reichSdeutschen Theologen, der am kon« sequentcsten die marxistische GeschichtSthcorie auf die Entstehung des Christentums angewandt hat. Seine scharffinnigen Bücher:„Das Christusproblem" und„Die Entstehung deS Christentums" sind von den deutschen Schultheologen zwar entweder totgeschwiegen oder maßlos bekämpft worden. Dafür aber hat er von Amerika und England Unterstützung erhalten. Wenn siH auch höchstwahrscheinlich auf die Frage, ob eine geschichtliche FigurnamensJesusdenAnstotzzuderchristlichen Volksbewegung gegeben hat, niemals eine sichere Antwort geben lassen wird, so muß doch dies wenigstens von jedem Unbefangenen zugestanden werden: So wahrscheinlich, wie die inodernen Schulthcologen die historische Wirklichkeit Jesu ge- macht haben, ebenso ivahrscheinlich, wenn nicht noch wahrscheinlicher läßt sich die Hypothese Kalthoffs auch machen, die besagt, daß das, waS wir Christentum im Sinne einer historischen Kulturbewegung nennen, nicht» mit der Person eines IRabbis aus Nazareth zu tun hat. sondern aus den wirtschastlich-sozialen Tendenzen jener Zeit ent« sprungen und mit einen, aus griechischen, jüdischen, vorderasiatischen und römische» Bestandteilen bunt gewirkten Gewände umgeben ist. Von dieser historischen Anschauung muß Kalthoff natürlich zu der schärfsten Verurteilung gerade unserer heutigen Theologie kommen, die ja bekanntlich alle großen Gesichtspunkte, wie sie Kant, Fichte und Hegel noch hatten, aufgegeben und zu einer rein histortsch-apolo« getischen Disziplin herabgesunken ist. Dieser historischen Schule gelten denn auch die schärfften Worte, die er in einer seiner letzten Publikationen lbetitelt:„Modernes Christentum" in„Moderne Zeit- fragen" Pan-Verlag) gegen unser jetziges Christentuni richtet. Mit Eduard v. Hartmann hält er es für eine Verhöhnung der geschicht- lichen Wahrheit, wenn diese Theologen, die mit allen Dogmen des Christentums redlich KehrauS gemacht haben, nun, um den Namen des Christentums zu retten, von ihren Anhängern den Glauben ver- langen, daß die von ihnen(zun, Beispiel von Harnack) zusammen- geleimten Fetzen auS dunklen biblischen Aussprüchen und modernen tkullurideen das ursprüngliche und echte Christentum seien(daS bekanntlich asketisch war und Armut, Keuschheit und Gehorsam stür die größten Tugenden hielt). Mit dem feinsinnigen, jüngst verstorbenen Baseler Theologen, Franz Overbeck, dem bekannten Freunde Nietzsches zusammen ist Kalthoff davon überzeugt, daß daS ursprüngliche Christentum weltfeindlich war, daß die sogenannte Theologie von Anfang an die Religion der Tat und des HerzenS erstickt hat, daß sie volksfeindlich war.«Für das Volk bestimmte naturwissenschaftliche Vorträge— so sagt Overbeck— geben doch ihren Zuhörern eine Summe von Kenntnissen mit. die für sie im Kampf um daS Dasein unter Umständen Nutzen haben können. Einen solchen Nutzen kann populäre wissenschaftliche Theologie gar nicht haben." Und als lebendige Beweise für die weltfeindliche und antikulturelle Gesinnung echten Christentums beschwört Kalthoff mit Recht die großen Asketen und Altruisten Sören Kierkegaard und Leo Tolstoi. Eine eingehende Kritik der eigenen Ansichten Kalthoffs überReligion können wirunssparen. Dieses intensive Lebens- gefllhl, das er seine Religion nennt, das hat jeder Kulturmensch, zumal jeder, der mitten in einer großen Kulturbewegimg steht, wi« es die Sozialdemokratie ist. Wir machen aber keinen Anspruch darauf, deswegen, weil wir dies kulturelle Verantwortungsgefühl haben, uns religiös zu nennen. Seien wir— auch Kalthoff— also ehrlich und gestehen, daß da», was man bisher Religion irannte, für uns unwiderbringlich verloren ist. Zum Schluß nur noch Kalt- hoffs schönes Urteil über Gustav Frenssens Hilligenlei. Er nennt das darin gezeichnete Jesusbild„die üppigste Blüte der modernen Theologie. An phantastischer Willkür kann es schwerlich überboten werden. Denn es zeigt, daß diese sogenannte Wissenschaft nichts ist als theologische Tendenzdichtung. religiöse Romanschrift- stellerei...." Im Dienste der eben bekänrpften historischen JesuS-Theologie steht eine geschmackvolle Publikation, die sich„Jesus imUrteil der Jahrhunderte"(von G. Pfannmüller, Verlag B. G. Teubner, Leipzig) nennt. Wir lernen fast alle bedeutenden teugnisse über das evangelische Chrtstusbild kennen, von dem ersten hnstenbekämpser CelsuS und den alten Kirchenvätern an über Mittelalter und Reformation bis zum Pietismus und IS. Jahr- hundert. Besonders letzteres ist ausführlich behandelt. Die Theologen aller Richtungen, die Philosophieprofessoren, die Dichter, die Politiker und Sozialisten lBebclS und Lostnskys Urteile fehlen nicht)— alle, die sympathische oder antipaihische Urteile über den Nazarener abgegeben haben, werden mit ihren Kernsätzen aufgeführt. Zwischendurch finden sich höchst gelungene Reproduktionen von Christusbildern, anhebend mit den altheidnischen Wandmalereien in den römischen Katakomben, endigend mit Klinger und F. v. Uhde. Stellt man sich aus den Boden der Jesus-Theologie, so muß dies Buch als ein gelungenes bezeichnet werden, auch inhaltlich, insofern diese Mannigfaltigkeit sympathischer Zeugnisse dem JesuS-Jünger als ein starker Beweis für seine Theologie erscheinen wird. Wer da- gegen prinzipiell anderer Meinung ist, dem wird gerade diese Publikation in seiner gegenteiligen Ansicht bestärken. Zeigt sie doch besser als irgend eine theoretische Auseinandersetzung, daß Jesus nie als ein bestimmtes historisch konkretes Faktum auf die Menschen gewirkt hat. Gerade dies, daß er für jede Zeit sich fähig zeigte, Ideal zu werden, gerade dieS beweist nicht seine überragende Bedeulung. fondern beweist, daß er zu allen Zeiten Symbol, daß er das Gefäß für irgend welche anderen, tiefer liegenden Tendenzen war. DaS braucht nicht zu einer Gleichgültigkeit gegenüber den literarischen oder künstlerischen Dokumenten zu führen, die sich mit ihm be- schäftigen. Im Gegenteil: keiner wird ohne Rührung den schlichten Bericht eines. Markus, keiner ohne Ergriffenheit den SchuwrzenS- mann Albrecht Dürers, keiner ohne heilige Scheu den Aufsatz Fichtes über den Nazarener in sich aufnehmen.— „DaS achtzehnte Jahrhundert können wir das philosophische nennen, das neunzehnte das historische"— mit diesem Worte kündigt sich auck, das in der Sammlung„Wissenschaft und Bildung"(Verlag Quelle ü. Meyer. Leipzig) erschienene Bändchen„DaS Ch r i st en t u m" als im Dienste der Historien stehend an. DaS Büchlein gibt einen angenehm zu lesenden Querschnitt der heutigen historisch orientierten Theologie. Rur der letzte der fünf Beteiligten, Hcrrmann in Marburg, sucht von der alles überwältigender Historie loszukommen. Sein Aufsatz: Die religiöse Frage der Gegenwart bietet denn auch das interessanteste des Werkes. Er macht den entschlossenen Versuch, Religion von allem, was Sitte, nationale Eigenart, d. h. Politik ist. jm trennen. So präpariert er einen Religionsbegriff heraus, der fich mit dem sittlichen Kulturbewußtsein eines jeden deckt, und die Streitfrage bleibt nur die, ob man das noch Religion nennen soll oder nicht, eine Frage, über die fich kein moderner Mensch den Kopf zerbrechen wird. Drei Schriften endlich befaffen sich mit dem praktischen Thema, in das doch jeder Streit um die Bedeutung der Religion heutzutage ausmündet, mit der Frage der Stellung der Religion, d. h. des Christentums zum Sozialismus, d. h. zur Sozialdemokratie. Wer eine Verbindung dieser beiden Kulturformeln für möglich hält oder gar propagiert, muß dabei zweierlei im Auge behalten. Erstens muß er mit allem dogmatischen Schutt nicht nur, nein auch mit dem, was zu allen Zeiten die stärkste Seite des Christentums war, seiner Askese und Kulturfeindlichkeit brechen. Er muß sich klar sein, daß er ganz willkürlich solche Gemütsstimmungen als den Kern des Christentums bezeichnet, die ihm zu allen Zeiten Nebensache gewesen sind. Die soziale Ethik des Christentums, die die christlichen Sozialisten herausgeschält haben, hat ihre stärkste Quelle aber gar nicht im Christen- tum. Sie ist heidnisch-griechisch-stoischen Ursprungs. Trotzalledem verdient natürlich dieser ethische Idealismus die größte Achtung. Nur ein Tor glaubt mit der historischen Ableitung eines Gefühls irgend etwas gegen seinen Wert gesagt zu haben. Nichtsdestoweniger aber sollten gerade die Theologen unter den Sozialisten dies immer festhalten: Was sie da als„Christentum" prediget:, ist kein ursprüngliches Christentum. Und das andere ist dies: Der sittliche resp. religiöse Idealismus soll gelten. Sozialismus und Christentum� möge der- bunden werden. Aber doch nur der Sozialismus, insofern er fitt- liche Ideologie ist. Sozialismus als Wissenschaft(und für die deutsche Sozialdemokratie fällt beides zusammen) hat mit Religion nichts zu tun. Nur die sozialistische Ideologie, und zwar die ethische, ist eine? Bundes mit religiös orientierter Sittlichkeit fähig. Nach diesen prinzipiellen Erörterungen ist die Beurteilung der drei Schriften leicht. Pfarrer Tis chh auser aus der Schweiz untersucht in einer Broschüre„Der Kampf um eine neue Weltanschauung"(Verlag der Buchhandlung des Schweiz, Grütliverems) die Frage, ob es eine einheitliche sozialistische Weltanschauung gäbe, die die des Bürger- trnns zu überwinden fähig sei. Er bejaht eS und stellt sich beherzt auf ihre Seite. Die Schrift ist von einem warmen ethischen Jdea- lisinus getragen. Pfarrer L. R a g a z in Basel, bekannt durch seine unermüdliche Agitation für die Ideenwelt des Sozialismus, hat sich ein m. E. sehr unglückseliges Thema ansgewählt.(Jesus Christus und der moderne' Arbeiter. Verlag des Grütliverems Zürich.) Er will Stück für Stück nachweisen, wie nahe das Jesusbild der Evangelien dem Proletarier von heute steht. Da verfällt er natürlich dem alten Fehler, die Hauptsachen im Charakter Jesu zu übersehen und die modernen sozialen Gedanken in ein Idealbild des Nazareners ver- größert hineinzuprojizieren. Auch die Charakterisierung der damaligen Zett als eine der unsrigen sehr ähnlichen, bedarf in manchen Punkren der Korrektur. Immerhin verdient sein kraftvolles Wort Lob. Das Werk eines dritten Pfarrers, aus Nürnberg. W. Staehlin (Christentum und Sozialdemokratie, Verlag von Fr. Korn, Nürnberg). das der Sozialdemokratie in vielem sympathisch, in der Haupt- sackie aber feindlich gegenübersteht, zeigt uns wieder die Richtigkeit dessen, was wir von Anfang gegen die moderne Theologie, auch da wo sie ein soziales resp. sozialistisches Gewand anzieht, sagten. Staehlin hält sich in sympathischer Weise von den Umdeutungen des rein- Religiösen und Christlichen.in Kulturfreudiges und Soziales fern. Statt aber nun radikal mit der christlichen Gedankenwelt zu brechen, versucht er sie zu verteidigen und kommt so ganz logisch zu einer Verurteilung des Sozialismus. Eben weil er Christentum als etwas Bestimmtes, historisch Gegebenes, und ebenso Sozialismus nicht als Ideologie, sondern als wissenschaftliche Theorie faßt. Daß er zu einer Ablehnung der sozialdemokratischen Gedankenwelt kommt, tut uns um seinetwillen leid. Denn sein stürmisches Ethos würde in der Sozialdemokratie am ehesten in sichere, fruchtbare Bahnen gelenkt werden. Immerhin wollten wir uns freuen, wenn der Sozialdemo- kratie in ihrem Kampfe gerade aus dem einflußreichen Pfarrerstande mehr solcher verständiger Gegner erwüchsen als Staehlin es ist. Kleince fcmlleton. Aus dem Pflauzenleben. Der Laubwechsel tropischer Bäume. Wenn bei unseren Gehölzen im Herbst die Blätter fallen, so sagen wir, die Kälte sei schuld, und wem: im Frühjahr neue Sprosser erscheinen, so halten wir die steigende Wärme für die Ursache. Den Dichtern mag man derartige Anschauungen zugute rechnen, aber Naturkundige sollten nicht so reden, denn eiye derartige„Theorie" läßt uns im Stich bei den sogenannten immergrünen Gewächsen, wie Tanne, Eibe und anderen Nadelhölzern, dann bei Buchsbaum, Stechpalmen. Alpenrosen und anderen. Wenn wir nun gar erst den Laubwechsel tropischer Bäume ins Auge fassen, so sind wir vollständig verlassen, wollten wir weiter auf obige Anschauung bauen. Denn ein Laub- Wechsel findet auch dort statt, wo die Temperatur das ganze Jahr hindurch eine ziemlich gleichmäßige ist; desgleichen auch in Zonen, wo eine Trockenperiode und eine Regenzeit sich gegenseitig ablösen. Merkwürdigerweise ist dem Laubwechsel tropischer Bäume feiten? der Botaniker seither nur wenig eingehende Beachtung geschenkt worden. Der vor wenigen Jahren, leider zu früh verstorbene Pflanzcngeograph Schimpcr war der erste, dem eingehende Studien über diesen Ab'chnitt aus dem Pflauzenleben zu verdanken sind. Die von diesem emsigen Forscher begonnene Arbeit wurde dann von Professor Dr. Volkens fortgesetzt, der während eines sieben Monate langen Aufenthalts in Buitenzorg Gelegenheit nahm, Schimpers all- gemeinere Feststellungen im einzelnen zu verfolgen und an den Bäumen des dortigen berühmten botani>cken Gartens wie auch an solchen des Urwaldes die Verhältnisse des Laubwechsels eingehender zu studieren. Diese Studien zeitigten mancherlei interessantes Ergebnis. So haben sie dargelegt, daß die seitherige Anschauung von dem fort- dauernden Blatttrieb im immergrünen Tropenwalde nicht haltbar ist. Nur bei ganz vereinzelten Bäumen ist der Blatttrieb ein per- manenter. Bei allen anderen Bäumen läßt sich hingegen eine gewisse Periodizität des Treibens beobachten, die allerdings bei den verschiedenen Gattungen recht verschieden ist. Bei einer Reihe von Bäumen vollzieht sich der Laub- Wechsel ähnlich wie bei unseren Buchen, Eichen, Linden usw. Es fallen erst alle alten Blätter, bevor neue gebildet werden. Solcher Bäume gibt es recht viele. Wenn trotzdem der Tropenwald für immergrün erklärt wird, so hat dies seinen Grund darin, daß einerseits bei vielen Arten dies Zeit, während der der einzelne Bauin kahl steht, eine sehr kurze ist, die auf wenige Tage beschränkt bleibt, und daß andererseits die verschiedenen Individuen ein und derselben Art ihr Laub nicht alle zu gleicher Zeit werfen. So kann man von einer Feigenbaumart zu jeder Zeit einzelne Exemplare kahl stehen sehen, während andere im vollen Baumschmuck prangen und noch andere entweder dabei sind, eben die Blätter abzuwerfen oder neue zu treiben. Bei dieser Pflanze erfolgt der Laubwcchsel regelmäßig in Fristen von 4Va bis S'/z Wochen. Die einzelnen Bäume stehen 3 bis ü Tage kahl, daS Laubabwcrfen dauert 8 bis 10 Tage, die Wiederbelaubung vom Oeffuen der Knospen bis zur völligen Aus- bildung der Blätter l'/s bis 2V, Monaken. Andere Bäume werfen das Laub zweimal im Jahre, im Januar und Juli; noch andere wechseln alle 8 bis 10 Monate. Nur wenige Bäume belauben sich nur im Frühjahr, einmal jährlich. In physiologischer Hinsicht unterscheidet sich der Laubfall bei den Tropenbäumen nicht von dem unserer Bäume. In beiden Fällen ist es eine Korkschicht, die am Grunde des Blattstiels auftritt und diesen durch Abschneiden der Nahrungszufuhr abtötet. Eine zweite Gruppe von Bäumen wechselt, ohne völlig kahl zu werden, doch an den einzelnen Zweigen das gesamte Laub. DieS kann sich in dreierlei Weise abspielen, einmal indem die Neu- bclaubung allenthalben zugleich mit dem Fallen auftritt, dann indem die alten Blätter erst abgeworfen werden, nachdem die neuen bereits fertig ausgebildet sind, endlich indem ein Ast nach dem anderen oder deren viele zugleich werfen und von neuem treiben, während der Rest vorläufig noch in Ruhe bleibt. Bei einer dritten Gruppe von Bäumen wird das alte Laub erst abgeworfen, nachdem das neue fertig ausgebildet ist. Diese Gruppe leitet zu den immer- grünen Bäumen im engeren Sinne hinüber. Die immergrünen Bäume können in zwei Gruppen gegliedert werden. Bei der einen geraten sämtliche oder doch die ganz über» wiegende Zahl der Endknospen zu gleicher Zeit ins Treiben. Die Blätter älterer Triebperioden. Blattschube nennt sie Prof. Volkens, fallen entweder kurz oder gleich nach dem neuesten Trieb ab. Die zweite Gruppe der immergrünen Bäume zeichnet sich dadurch aus, daß immer nur eine beschränkte Zahl von Knospen zu gleicher Zeit Blätter erstehen läßt. Hier gibt es Arten, bei denen zu jeder Zeit einige wenige oder auch eine größere Zahl von Zwetgspitzen mit eben entfaltetem Laub bedeckt sind, während alle anderen in Ruhe verharren. Andere bringen in regelmäßigen Zeitabschnitten von Wochen oder Monaten einen Teil ihrer Knospen zum Ausschlagen. Recht sonderbar geht eS bei einzelnen immergrünen Bäumen zu. die ihr Laub in den Blattknospen heranreifen lassen und dann plötzlich im Verlauf einer Nacht, sich mit fast völlig ausgewachsenem neuen Laub bedecken. Das Werfen der Blätter findet bei den immer- grünen Gehölzen teils periodisch, teils unregelmäßig statt. Letzteres bildet die Regel. Der Trieb der meisten Tropenbäume ist ein �begrenzter, daS heißt, jede.Knospe bringt schnell hintereinander eine bestimmte An- zahl von Blättern hervor und dann verharrt der Trieb bis zur nächsten Treibperiode in Ruhe, wie das beispielsweise unsere Roß- kastaiiie zeigt. Nur selten treten unbegrenzte Knospen auf, die, wie bei� unserer Weide, während einer längeren Periode Blätter um Blätter treiben und sich dabei verlängern. Die Frage, welches der Grund ist, daß auch in Gegenden, in denen da? ganze Jahr hindurch ein gleichmäßiges Klima herrscht, dennoch bei der Lauberneuerung etn ständiger Wechsel zwischen Perioden der Tätigkeit und Perioden der Ruhe zu beachten ist, beantivortet Volkcns damit:„Wir müssen gestehen, wir wissen es nicht, denn wenn man auch sagt, innere Ursachen veranlaßten das Phänomen, so ist damit doch nur eine Formel ausgesprochen, die uns über unsere Unkenntnis hinweg- täuschen soll." Berantw. Redakteur: Georg'«avidsohn. Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckeret u.VerIag»anstalt Paul Singer ücTo..Berl;nLW.