Nnlerhaltungsblatt des HorwSrts Nr. 186. Freitag, den 25 September. 1903 63] jMafia. lZIaSdruS bcxüoieti.) Koman aus dem modernes Sizilien von Emil Ras müssen. Ficarotta fuhr fort:„Ich habe ja in den Zeitunkzen von dem großen Feste gelesen. Die ganze Stadt illuminiert! Und die Fesworstellung im Theater mit der Erstaufführung voir Graf Del Chiaros neuer„Morgenröte" mit Regina Füll selbst in der Hauptrolle! Ich kann begreifen, daß das ein großer Tag für Girgenti war. Und der alte Marchese, ist er noch immer mit seinen Ausgrabungen beschäftigt?" „Ab und zu. Den Athenefelsen hat er der Kommune geschenkt. Er hatte ihn an unserem Hochzcitsabend mit hohen prächtigen Pechfackeln beleuchtet. Wir fuhren dieselbe Nacht mit dem Dampfer nach Syrakus. Weit über das Mcrr hinaus sahen wir den Athenefelsen leuchten. Es war eine unvergeßliche Nacht! Und für meinen Schwiegervater lag ja ein tieferes Synibol darin." „Ach ja!— Aber was höre ich: der alte Mann will sich auf die Politik werfen?" „Er stellt sich in drei Wochen zur Wahl. Man wählt ihn ja übrigens nicht der Arbeit wegen, die man von ihm er- wartet, sondern wegen des Symbols, das er Zeit seines Lebens repräsentiert hat. Fn einem ist er jedenfalls immer stark gewesen: ick treuer Ehrlichkeit— und es zeigt sich jetzt, daß es sich gelohnt hat." „Allerdings, allerdings! Und was machen Sie jetzt? Bleiben Sie lange in Palermo?" „Wir reisen an einem der nächsten Tage. Wir planen Segesta und Selinunt zu besuchen." „Und Monte San Giuliano besuchen Sie nicht, das alte Eryx?" „Nein, wir wollten uns in Mazzara einschiffen und viel- seicht in Sciacca ein wenig Aufenthalt nehmen— es ist ja unsere Nachbarstadt. Lidda sehnt sich, es zu sehen, und es ist so schwer über Land zu erreichen." „Aber Monte San Giuliano müssen Sie besuchen, In- genieur! Ich sage es nicht, weil es meine Vaterstadt ist, aber es hat die schönste Aussicht auf ganz Sizilien. Es be- herrscht ein Viertel der ganzen Insel und einen unernießlichen Horizont des blauen Mittclineers mit all den herrlichen kleinen Eilanden längs der Küste. Die öffentlichen Gärten gegenüber der alten Burg ostlich von der Stadt sind ein wahres Paradies. Taormina und Girgenti sind daneben nichts! Und dort treffem Sie die schönsten Weiber der Insel! Sie gehen noch wie die Araberinnen vermummt in lange, schwarze Seidenmäntel— aber morgens bei der Frühmesse können Sie sie sehen. Es ist im ganzen eine eigentümliche Bevölkerung, die auf ihrem steilen Berge ganz außerhalb der Welt wohnt." „Ja. das wäre freilich interessant— aber wir kommen nicht hin." „Aber wenn ich Ihnen sage, wer Monte San Giuliano Nicht kennt, hat Sizilien nicht gesehen." „Ich will Ihnen glauben— aber das Leben ist lang!" „Aber Sie kommen nach Selinunt! Ja, das Hotel in Castelvetrano ist tadellos. Dort können Sie ausgezeichnet iübcrnachten.— Nun, aber will ich Sie nicht aufhalten. Leben Sie wohl! Grüßen Sie, bitte, Ihre Frau von mir!" Damit reichte er ihm die Hand und verschwand. Inzwischen standen Lidda und Diambra mit dem jungen Donata draußen auf dem Domkirchenplatze»ind lauschten der elegant uniformierten Stadtkapelle, die eine muntere Opern- piece tutete. Ettore war vor dem großen Bilde von Pietro Novelli auf dem Sticgcngang des Gymnasiums in Träunie- i'eien versunken. Von allen Seiten gab es fröhliche Menschen. An einer Menge kleiner Tischchen wurden Spielsachen, namentlich Ballons, verkauft, oder allerlei Früchte, meist Wassermelonen und geröstete Kürbiskerne. Auf kleinen Karren bot man Eis und kalte Limonade feil. Ein Karussell lockte die Kinder an sich. Ausrufer und Hausierer füllten die Lust init ihren schrillen Anpreisungen und die mechanischen Klaviere lieferten die Begleitung dazu. Sogar die unvermeidlichen bettelnden Krüppel waren in Feststimmung und sahen ganz aufgeräumt� aus. Unter den zugereisten Bauern belebten besonders die schönen Leute aus Piana dei Greci in ihren bunten albanesischen Trachten das Straßenbild. In einer langen Reihe rings um die Fontäne saßen die Wahrsagerinnen. „Wir lassen uns wahrsagen, bis Ettore kommt!" schlug Diambra vor. Sie war von Morgen bis Abend in strahlender Laune und hatte runde Wangen bekommen, die ihrem Ge- sichte den überarbeiteten Ausdruck genommen hatten. Sie gingen zu einer jungen, kraftstrotzenden Wahr-. sagerin, die mit einer Binde vor den Augen in einen: kleinen, mit zwei kleinen roten Ponnys bespannten Wagen saß. Ihr Mann stand daneben und nahm das Geld in Empfang. Ein großer Schirm war über den Wagen gespannt. Das Ganze machte den Eindruck von Wohlstand und guten Geschäften. Diambra bezahlte zuerst, und die verbundene Prophetin begann ihre Weissagung in kurzen, abgebrochenen Sätzen, die sie, den Oberkörper hin- und herwiegend, in einem singenden Tone vorbrachte. „Sie sind jung und schön.— Sie haben einen Freund, den Sie lieben— aber ein Weib begehrt ihn— böse Zungen wollen ihn vor Ihnen verleumden— wollen Sie vor ihm verleumden.— Eine Zeitlang wird er sich von Ihnen ent- fernen— aber er ist gut in seinem Innersten, er wird die Falschheit der bösen Zungen sehen, er wird zu Ihnen zurück- kehren— die bösen Zungen werden bestraft werden— und Sie werden glücklich werden!" „Gott sei Dank!" sagte Diambra mit einem herzlichen Lachen, das verkündete, wie feierlich sie die Weissagung nahm. Nun war die Reihe an Lidda. „Sie sind jung und schön— Sie haben einen Freund, der Sie liebt— aber ein Mann begehrt Sie— ein Mann, der Ihnen Böses zufügen will— er wird Ihnen ungeheures Herzeleid und Unglück bereiten— aber der Mann, den Sie lieben, wird immer Ihnen zur Seite stehen— und Sie werden glücklich werden!" „Jetzt Sie, Herr Donato!" sagte Diambra lächelnd, ohne zu ahnen, daß es Lidda ganz kalt ums Herz geworden war. Der junge Mann stand voll Spannung und erfuhr, daß „sie" ihn liebe und daß sie glücklich werden würden. Auf dem Rückwege lockte Diambra mit launigen Fragen fein kleines Geheimnis aus ihm heraus. „Sie" hatte einen Monat mit ihrer Mutter bei ihnen gewohnt. Den letzten Abend waren sie unten auf dem Altan gestanden, und er hatte sie ihrer Mutter anvertrauen hören, daß sie ihn liebe. „Und sie wußte nicht, daß Sie in der Nähe seien und es hörten?" „Nein," lächelte er schwermütig. Diambra lachte wieder mit maliciösem Verständnis. Die Trattoria, das letzte Haus der Stadt, lag an dem äußersten Gelände gegen Norden. Vor dem Zimmer, in welchem der Tisch gedeckt war, lief ein breiter Altan, von dem aus man in einem einzigen Blicke die ganze wunderbare Colca d'oro umfaßte, das tiefliegende Palermo, den massiven Monte Pellegrino und das Meer bis nach Ustica. Sie standen schweigend auf dem Altan und füllten ihre Lungen mit dem balsaniischen Lufthauch aus den blühenden Orangcgärten. die wie ein einziges glänzendes Laubdach zu ihren Füßen lagen, Bald darauf kamen die beiden Männer zurück, und man ging zu Tische. „Könnt Ihr erraten, wen ich getroffen habe?" begann Gianandrea sogleich. � „Ficarotta!" entfuhr es Lidda, während sie ihn über den Tisch hinüber mit erschreckten Augen und halboffenem Munde ansah. Ettore schlug ein homerisches Gelächter an, als er diesen merkwürdigen Namen hörte. ..Ja, getroffen?— Aber Du siehst ja ganz entsetzt aus, Lidda!" „Ach, Ihr müßt wissen," siel Diambra ein,„daß wir bei einer Wahrsagerin gewesen sind. Lidda ist seither ganz ver» stummt. Ich sollte durch böse Zungen allerlei über Ettore erfahren, und Lidda hatte einen, der sie verfolgte und ihr ein Leids zufügen wollte— Aber es endet alles glücklich," fügte sie lächelnd, hinzu. ».Es braNe niich außer Stimmung." sagte Lidda leise. „Aber Liebe," sagte Ettore. seine Hand auf die ihre legend,„Du weißt ja, daß alle Prophetinnen der Welt nur fünfundzwanzig Lektionen haben, die sie bruchstückweise an- wenden. Morgen erhält ein Mädchen in Piana dei Greci die- selbe Weissagung, die Tu heute bekommen hast— Wort für Wort!" „Ja, es sind ja nichts als dumme Narrensposscn," fuhr Gianandrea fort. Uebrigens will Herr Ficarotta uns absolut nach Monte San Giuliano schicken." �Fortsetzung folgt.jö (Nachdruck dcrdoien.), 2'] Huf Irrwegen. Von Jonas Sic „Ich habe Sie ja seit jenem festlichen Tage im Badchotcl nicht wiedergesehen und Ihnen auch noch gar nicht für die Rede gedankt," — fuhr Laura überströmend fort,—„es liegt davon noch gleichsam ein festlicher Schimmer über der Stadt. Ich habe während der ganzen Zeit den stolz erhobenen eigenartigen Kopf mit den brennenden Augen und dem gewaltigen Ausdruck gesehen. Sie er- schienen mir wie der starke Führer, dessen Fackel zündet und leuchtet. Ich vergesse nicht die Gesichter an der langen, blumen- geschmückten Tafel. Sie strahlten, als schauten sie in einem Rausch in die künftige Großstadt hinein, an deren Bau, wie Sie mit so ergreifender Wahrheit sagten, jeder einzelne beteiligt gewesen war. -- Ich sah mehr als einen, der vor Tränen die Hurrarufe nicht herauszubringen vermochte!--" Faste dachte daran, wie er Vera angestarrt hatte, die bleich mit niedergeschlagenen Augen dagesessen hatte, sich aber, das Glas in der Hand, mit den anderen erhob. „lind alle die schönen Worte, die dann noch gesagt wurden?— Es war, als wenn die Steine an jenem Tage Zungen erhalten hätten.-- Und als Sie dann das Glas erhoben und auf das Wohl des alten, dicken Waggesen tranken,— der nur einmal in seinem Leben eine Rade gehalten und dann nur die für den ganzen Badeort so bedeutungsvollen Worte:„Ich bin mit dabei!" gesagt habe,— da kam die Fröhlichkeit erst zum Ausbruch und Waggesen stand da und schlug die Fäuste zusammen wie«in aufrechtstehender Seehund, während alle ihn umringten und mit ihm anstießen. Ten Gipfelpunkt aber bildete doch Konsul Klüvers herrliche Rede auf den genialen Architekten der Stadt, dessen schöpferischer Geist alle Zimmerleute vereint und dem ganzen Werk Leben«in- geblasen habe!— Und als dann der Gesangverein einfiel, sodaß es durch den Saal brauste und man Sie darauf durch den Saal trug, da ward mir ganz schwindelig.--- Ich bin nicht an so große Momente gelvöhnt außer in der Komödie.— Für mich bleibt das eine Erinnerung fürs Leben,"— rief sie plötzlich mit tränen- erstickter Stimme aus.--„Ich kann nichts dafür, daß ich mein Herz habe ausschütten müssen,— ich habe ein Gefühl, als hätte ich gewissermaßen meinen Anteil an Ihnen." „Auf die Weise, Laura Groth!— hilft man eine Sache fördern. Es gehört Humor und Glaube und ein ivenig Größe dazu— wenn man nicht in jeden Graben des Zweifels hincinplumpfen soll.— Aber auf Wiedersehen, auf Wiedersehen!"— brach er ab.— Ein wenig Attitüde,— aber echtes Erz im Gefühl,— sagte er zu sich.—— Nicht Boras glassichere Unmöglichkeit.——— Wenn sie mich diese vierzehn Tage unablässig hätte herum- kaufen sehen wie ein Eichhörnchen in einem Treppenbauer!-- Er nahm den Weg über die Brücken. Es war eine eigene Sache, zu früh aufs Kontor zu kommen und vielleicht neue Forde- rungen vorzufinden. Am Brückenpfahl lag ein Lustboot, mit halb gehißten Segeln, das aber noch vertäut war. Konsul Ristmg wollte seine gewöhnte Frühlingsfahrt antreten und Alken schießen; er saß da und packte und verstaute allerlei Sachen in die Bootsräume. Es durchzuckte Faste, daß sich ihm hier eine Möglichkeit bieten könne— Risting war reich genug.—>— „Wollen Sie Alten schießen, Herr Konsul!" begrüßte er ihn. „Ja, ehe man zu alt wird; man weiß ja nicht, wie viele Früh- linge man noch—" lange man nochcMbcwfg. st. dkg, a üK.runmesei,tte,„scn,i utstAt „Hätte verdammte Lust, es Ihnen nachzumachen,— und mich auf den Lootsenschärcn umzusehen, ob sich die zu Ausflügen für die Badegäste eignen könnten" „Ja, kommen Sie doch mit, Forland!— Hier ist Schinken und Konserven und Bier und Kaffee und Portwein im Ilcberfluß. -- Mamsell Haaböl hat mich proviantiert, als sollte die Reise nach Holland gehen." „Wer nur Zeit hätte. Herr Konsul!-- Mug leider heute nachmittag zum Makler und sehen, daß ich zehn oder elf von den Badcaktien loswerde." „Schade! Mir fehlt gerade ein Gefährte, da Torgerstn sich weigert und sich mit Gicht entschuldigt.— Ja, ja,— so geht es.—" Der Konsul fing wieder an, kleine Päckchen unter der Ruderbank unterzubringen. «Ich hätte auch gern einmal mit Ihnen gesprochen, Herr Konsul «nd Ihre Ansicht gehört,— es handelt sich um etwas, wozu ich die Direktion überreden möchte. Was sagen Sie zu der Idee, daß die Direktion eine von den alten hölzernen Schuten kaufte, die wir hier im Hafen liegen haben und sie als Badeschiff einrichtete? -— Sie frisch"angestrichen und aufgeputzt in der Bucht verankerte. mit Badezellen mii Räumen unter Deck und Treppen in die See hinab, mit Zelten an Teck und im übrigen elegant mit Flaggen und Wimpeln geschmückt— das würde ganz originell sein--" „Sie meinen, man sollte ein Schiff kaufen,— wie zum Bei- spiel meinen alten Schwan;— man hat ja die Wahl.—— Ich habe schon lange daran gedacht.--" Faste stand da und wunderte sich selbst darüber, was er jetzt für seine Zwecke erfand und ausmalte.— „Und Aqua Bit, der die Linie passiert hat, und kaltes Roastbeef. — was sagen Sie dazu, Forland? Das herrlichste Wetter von der Welt,-- in den Schären schießen, heute abend in Holmoigen bei Madame Töndcr in den Hafen laufen und Punsch brauen." „Ja,— wer nur Zeit hätte,— aber ich muß die Sache mit den elf Aktien ordnen." „Hm, hören Sie einmal?— Die elf Aktien, die nehme ich zum Tageskurs. Darauf sollen Sie gleich hier meine Unterschrift haben, — freilich nur mit Bleistift,"— entgegnete er mit Selbstgefühl. „Sehen Sie,— ich schreibe hier auf der Bank. Wollen Sie mir Ihr:„Stehe für weitere Sicherheit ein, Faste Forland!" darunter setzen." „Ich will schnell aufs Kontor laufen und mir meinen Ucber- rock holen, ich bin im Moment zurück, Herr Konsul!——" „Brillantes Frühlingswetter!" rief er, indem er die Straße hinauf eilte.--„Dachte weit eher daran, aus Kassenmangel aus die See zu flüchten— als heute zwischen den Schären zu liegen und auf Alken zu schießen.-- Ter Zufall kann ganz wunderbar spielen!" � Es ging wie ein Verstummen über die Stadt an diesem Morgen,— wie ein lähmendes Schweigen mitten in all dem ge« geschäftigen Frühlingsverkehr. Es war nicht wahr,— konnte unmöglich wahr sein,— selbst der alte, steinreiche, solide Waggesen aus Wold hatte seine Zah- lungen eingestellt!-- Es herrschte eine Stille, in der joder am liebsten nach Hause ging, um mit sich selber Abrechnung zu halten, ehe man anfing mitzureden oder dem Geschwätz zu lauschen. Es war genau so wie an jenem Morgen, als das Gerücht auf- tauchte, daß Mörchs Dreimaster„Regina" in der Nacht dicht vor den Schären mit Mann und Maus untergegangen sei.>— Man mußte ja glauben, daß so etwas unmöglich wäre.— Ter alte, sichere, steinreiche Waggesen— seine Zahlungen eingestellt?— Unsinn!-- Als Faste am Vormittag aus dem Kontor kam, fingen die Leute an, sich zu zweien und dreien in Gruppen zusammenzufinden, — eigentümlich still, mit düsteren, zergrübelten Gesichtern. Auf der Rathaustreppe gingen die Gerichtspersonell auf und nieder und redeten eifrig miteinander.-- Und da stand John Berg und spie Kautabak von sich und be- zweifelte aufs höchste die Tatsache!-- Nach den Weissagungen sollten doch einige Zeichen an der Sonne und am Mpnd vorauf- gehen, ehe die Welt zusammenstürzt.-- Hie und da lugte ein Frauengesicht zum Fenster hinaus und spähte die Straße hinab.-- Die Aufmerksamkeit steigerte sich, als der Gerichtsvollzieher mit Disponent Eck die Straße entlang gefahren kam.--- Ja, sie wollten nach Wold!-- Und jetzt kam jemand und erzählte, der Amtsrichter sei schon da draußen und nähme Protokoll auf. Der Jnkassator Ulrikseu wollte in fliegender Fahrt vorüber. Er hielt das Pferd ein ganz klein wenig an, als er Faste gewahrte. den die Sache ja gewissermaßen anging; knallte aber gleich wieder mit der Peitsche,— sah sich nur noch ein paarmal um. Hinter ihm drein Rechtsanwalt Messelt in scharfem Trab auf die Landstraße zu. �: Es lag etwas ansteckend Bedrückendes in der Luft,— ein Gefühl, als habe ein Erdrutsch oder dergleichen stattgefunden. Ter alte Klüver räusperte sich nud blieb vor Faste stehen» während der Zollinspektor sich zögernd näherte.-- „Ein furchtbarer Stoß! Ein furchtbarer Stoß!" rief Klürer mit dunkelrotem Kopf aus.„Ich bin noch ganz verwirrt und kann »och keinen Gedanken wieder fassen.— Alle Arbeiten in Waggefens Villen an der ganzen Bucht entlang sind niedergelegt,— das wird eine förmliche Wand vor dem Badeort." (Fortsetzung folgt.) Von cier8o.VerlarnmUing deutfeber J�aturforfeber und Herzte. Auch der Mittwoch wurde vollständig mit Abicilvngssitzungen ausgefüllt. Für unsere Leser von besonderem Interesse ist eine Verhand. lung in einer kombinierten Sitzung der Abteilung für Kinderheil, funle mit mehreren anderen Mtcilungen, in det Dr. Keller (Berlin) und Dr. Reicher(Wien) über die Bedeutung des Kinderschutzes durch Findelan st alt und öffentliche Armenpflege referierten. Sie schilderten die entsetzliche Vernachlässigung, die den unehelich geborenen Kindern der Armen sowohl in Oesterreich wie im Deutschen Reich zuteil wird, in eindringlicher Weise. Ihre Ausführungen gipfelten in folgenden Leitsätzen: 1. Es empfiehlt sich, in dem Deutschen Reichsgesetze betreffend den Unterstützungswohnsitz und in dem Oestcrreichischen Heimat- gesctze in unzweideutiger, klarer Weise zum Ausdruck zu bringen, dag unter dem unentbehrlichen Lebensunterhalt auch die der Ge- fundheitspflege entsprechende Ernährung und Körperpflege des armen Kindes zu verstehen ist und daß somit die Armenverbände beziehungsweise die Gemeinden zu einer solchen verpflichtet sind. 2. Die Gemeinden und Ortsarmenverbände— mit Ausnahme der großen Städte— sind in der Regel zur Bewältigung einer so schwierigen und verantwortungsvollen, Volkswohlfahrt und Staats- wohl so nahe berührenden Aufgabe, wie es die Pflege und Er- Ziehung von Kindern ist, nicht geeignet. Die Fürsorge für arme Kinder ist daher den kleinen leistungs- unfähigen Verbänden abzunehmen und größeren Verbänden zu übertragen und im Wege einer wirksamen Aufsicht sicher zu stellen. 3. Es empfiehlt sich im Anschlüsse an die öffentliche Gebär- anstalt eine Einrichtung, welche die Fürsorge für die daselbst ge- borenen armenrechtlich hilfsbedürftigen Säuglinge mit der Berufs- Vormundschaft'über dieselben verbindet. In der lebhaften Diskussion, die sich an die Referate anschloß, wurde besonders die Frage der Berufs- oder Einzelvormundschaft erörtert. Für die unehelichen Säuglinge wurde der Berufs- Vormundschaft der Vorzug gegeben, dagegen meinte man, wenn das Kind zwei bis drei Jahre alt ist und die wirtschaftlichen Ver- Hältnisse einigermaßen geregelt sind, dürfte es nicht allzu schwer fallen, gute Einzelvormünder zu finden.— Professor Schloß- inann(Düsseldorf) glaubt, daß man für die nächsten Jahre auf eine Acnderung des Bürgerlichen Gesetzbuches nicht rechnen dürfe, wohl aber könnte es vielleicht zu erreichen sein, bei der Novelle zum Krankenverjicherungsgesetz die Mutterschaftsversichcrung durch- zusetzen.— Dr. L e n n h o f(Berlin) hebt hervor, wenn die Mutterschaftsversicherung einfach dem bestehenden Gesetz zugefügt wird, so würde sie nur den gewerblichen Arbeiterinnen zugute kommen, während doch gerade unter den Dienstboten und den land- wirtschaftlichen Arbeiterinnen ein sehr großer Prozentsatz von un- ehelichen Müttern zu suchen ist. Tie Ausdehnung der Zwangs- Versicherung auf diese Kreise sei daher unbedingt notwendig. Tie Leitsätze und die in der Diskussion gegebenen Anregungen wurden von der Versammlung zur Kenntnis genommen und einer Kommission überwiesen, die das Material weiter bearbeiten soll. Sie besteht aus den beiden Referenten, sowie den Herren Professor Rubner(Berlin), Heubner(Berlin), Leopold(Dresden). In derselben Abteilung sprach Dr. Seiffcrt(Leipzig) über Milchschmutz und seine Bekänipfung. Er betonte die besondere Wichtigkeit einer genauen Milchuntersuchung, die nicht nur chemisch sein darf, da die chemische Untersuchung allein zur wirksamen Bekämpfung des Milchschmutzes nicht ausreichen kann. Ter Vortragende verlangt daher, daß die Milch unter die Bestimmungen des Fleischbeschaugesetzes gestellt werde; da die Unterstellung unter das Nahrungsmittelgesetz sich als nickt aus- reichend erweist. Weiter zeigte der Bortragende an tatsächlichen Fällen den Vorteil einer milchhygienischcn Untersuchungsstelle, wie sie zurzeit in Leipzig besteht, wo die Milch, welche krankheits- erregende Keime enthält, bis in den Kuhstall verfolgt wird. In der Abteilung für Agrikultur-Chemie wurde über die mit dem Kalk st ick st off gemachten Erfahrungen berichtet. Vor etwa zehn Jahren ist eS gelungen, aus der Luft den Stickstoff in einer Form zu erhalten, die für die Landwirtschaft verwendbar ist, ein Problem, das zuerst von Professor Frank(Charlottenburg) gelöst wurde, indem ihm die technische Darstellung des Kalzium- zycnids, gewöhnlich Kalkstickstoff genannt, gelang. Seit dieser Zeit find zahlreiche Erfahrungen über die Verwendung des Kalkstickstoffes als Dung gemacht worden. Ueber solche Erfahrungen berichteten Professor Im Mendorf(Jena), Professor Popp(Darmstadt) und Professor Stutzer(Königsberg). Sämtliche Erfahrungen lauten durchweg günstig, so daß in Aussicht steht, daß die Land- Wirtschaft vom Chilisalpeter unabhängig wird. Das ist um so lvicktiger, als die Salpeterlager in Chile ihrer Erschöpfung in nicht zu ferner Zeit entgegengehen. Versuche von Professor Schulze(Breslau) über den Gang der Bodcntenrperaturen im Vergleich mit den Tcmvera- turen der Lust und des Flußwassers, über welche er in derselben Abteilung berichtete, ergaben das interessante Resultat, daß die Temperatur des fließenden Wassers ungefähr gleich ist der Temperatur des Bodens in einer Tiefe von 20 bis 130 Zentimeter. In einem Vortrage über Die biologische Eiweiß- differenzierung kam Dr. Weihdenz(Berlin) zu sehr interessanten Ergebnissen. Das Uhlenhutsche Verfahren beruht darauf, daß das Blutserum von Kaninchen, die mit Menschenblut vorbchandelt sind, die Eigenschaft besitzt, nur im Mcnschenblut, nicht aber in anderen Blutarten bei Zusatz des Seruins einen Niederschlag zu erzeugen. Dieses Verfahren hat für die gericht- liche Praxis schon lest länaercr Zeit»ux acnaucren Erkennung ver- dächtiger Blutspuren große Bedeutung gewonnen. Jetzt aber kann es, wie der Vortragende ausrührt, auch für die Fleisch- und Nahrungsmitteluntersuchung pr>.ktische Bedeutung gewinnen; man kann mit dieser Methode bei Hackfleisch, Wurst und Räucherwaren ermitteln, ob Pferdefleisch in ihnen enthalten ist, was bisher ein-- wandfrei nicht möglich war. Seit dem 1. April d. I. ist die An-> Wendung der Methode auch nach den im kaiserlichen Gesundheits- amt ausgearbeiteten Vorschriften für die Fleischbeschau des aus dem Auslande kommenden Fleisches eingeführt. Weitere praktische Bedeutung hat diese biologische Methode auch für die Unterscheidung von Milcharten und die Prüfung von Nährpräparaten. In der Abteilung für angewandte Chemie empfahl Herr Wimm er(Bremen) als ein neues, sehr gesundes Genußmittel kofseinfreien Kaffee, der im Aussehen, Geschmack und Aroma den, gewöhnlichen Kaffee ganz gleich sei, aber von dem „Gifte Koffein" befreit sei, auf welchem die Störungen des All- gemeinbefindens bei reichlichem Kaffeegcnuß beruhen. An den Vortrag knüpfte sich eine zweistündige Diskussion, in welcher von chemischer Seite dem Redner vielfach entgegengetreten und behauptet wurde, der sogenannte koffeinfreie Kaffee sei gar nicht koffeinfrei, wie aus den eigenen Angaben der Fabrik hervor- gehe. Das Koffein werde durch das Verfahren sogar löslicher, und deshalb wirke das, wenn auch in geringerer Menge vorhandene Koffein viel stärker auf den menschlichen Organismus, als das Koffein in gewöhnlichem Kaffee. Einige Aerzte dagegen erwähnen, sie hätten gute Erfolge bei dem Genuß von koffeinfreiem Kaffee beobachtet. Sehr interessant waren die Darlegungen, die Professor Drecker(Aachen) über Germanen und Sonnenuhren in der Abteilung für Physik machte. Es wird den meisten un- bekannt sein, daß die Sonnenuhren auch als Taschenuhren auö- geführt wurden, deren älteste sicher schon vor dem Jahre 80 vor Christi Geburt hergestellt wurde. Im Laufe der Zeit wurden sie so vervollkommnet, daß man die Zeit in kurzer Zeit recht genau bestimmen konnte. Durch die ersten Gewichts- und Federuhren wurden sie auch keineswegs verdrängt, denn diese waren noch so unvollkommen, daß von ihnen galt, was Seneca von den alten römischen Wasseruhren sagte:„Es ist leichter, daß zwei Philo- sophen übereinstimmen als zwei Wasseruhren." Erst mit der Ein- führung der elektromagnetischen Telegraphen und der dadurch überallhin vermittelten Uhrcnzeichen verschwand der allgemeine Gebrauch der Sonnenuhr. In derselben Abteilung machte Professor Z e e m a n(Amster» dam) eine sehr wichtige Nkitteilung. Zcemann ist der Entdecker der nach ihm benannten Erscheinung, daß eine Verdoppelung der dunklen Linien im Spektrum einer Lichtquelle stattfindet, wenn in der Nähe der die Strahlen aussendenden Lichtquelle ein magneti- sches Kraftfeld vorhanden ist. Vielfach ist nun schon behauptet worden, daß von der Sonne magnetische Wirkungen ausgehen, und speziell wurde die Erscheinung der Sonnenflecken damit in Ver- bindung gebracht. Professor Hale in Amerika hat nun bei Wirbel- förmigen Sonnenflecken die Verdoppelung der dunklen Linien im Spektrum deS Fleckes, also den Zecmann-Effekt, gefunden, und soeben hat er, wie er Professor Zeemann telegraphisch mitteilte. auch feststellen können, daß bei einer Umkehrung des Sinnes der Wirbelbewegung in einem Sonnenfleck gewisse Wirkungen der Lichtstrahlen, die den verdoppelten Linien entsprechen— es handelt sich um sogenanntes zirkulär polarisiertes Licht—. ihren Sinn umkehren. Daß die Sonne den Zecmann-Effekt in so großartiger Weise zeigt, wurde allgemein als eine bedeutungsvolle Beobachtung be- zeichnet. Die Physiker werden am Freitagnackmittag einen Aus- slug nach Bonn unternehmen, wo im physikalischen Institut der Universität eine Reihe von Photographien und Photogrammen, die Professor Hale übersandt hat, eingehender in Augenschein ge- nommen werden sollen, als es bei der im Vortrag allein möglichen Projizierung möglich war. (Nachdruck verbeten.), Der Schutz gegen die Cholera. Von Dr. med. Wilh. Kühn. Es ist eine bekannte Erscheinung, daß manche Menschen mehr zu Erkrankungen neigen als andere, und so steht eS auch mit der Cholera. Das kommt daher, weil der menschliche Körper über ein gewisses Maß von Abwehrstoffen verfügt, das jedoch verschieden ist. So liegt z. B. eine vollkommene Empfänglichkeit vor bei Influenza, Scharlach, Masern und Syphilis, während umgekehrt die Menschen von Hause aus gegen Hühnercholera, Lungenseuche und Rinderpest immun, d. h. unempfänglich sind. Bei der Cholera bandelt eS sich um eine Veranlagung, Disposition, die die Art betrifft, daneben haben wir aber eine RassendiSposition, wie z. B. die schwarze Bevölkerung immun gegen das gelbe Fieber ist. AlleS, was wir bis jetzt gesagt haben, gilt von der Veranlagung des einzelnen Menschen, von der individuellen Disposition. Bei der Cholera betrifft diese in der Hauptsache Menschen init einem allgemeinen schlechten Ernährungszustand und mit Erkrankungen des Magen- und Darmkanals. Von Wichtigkeit sind ig überhaupt bei dem Eindringen von AnsteckungS- lehnen in ben menschlichen Körper die Hindernisse an den ersten Eingängen. So wissen»vir z. B., welche Rolle die nnverletzte Haut und Schleimhaut hierbei spielt, und namentlich gilt das von der RachenschleimHeit. Die Erkrankungen des Magens haben aber deshalb eine große Bedeutung, weil seine Salzsäure gegen ein- dringende Keime einen gewissen Schutz abgibt. Alle Zustände also, die ihre Herabsetzung oder gar ihr Fehlen im Gefolge haben, sind unbedingt giinstig für die EntWickelung der Choleravibrionen, und dahin gehören natürlich in erster Linie Verdauungsstörungen, Magen- und Darmkatarrh usw. Wir wissen, daß die Cholerabazillen in den Körper meistenteils mit de» Nahrungs- mittel» hineinkommen, und vor allen Dingen mit Flüssigkeiten. Man soll sich daher in Cholerazeiten vor Zuführung von größeren Mengen Wasser in nüchternem Zustande hüten, weil diese den Magen schnell durchlaufen und von der Salzsäure deS Magens wenig oder gar nicht beeinflußt werden. Nicht ganz so schlimm steht eS mit dem Eindringen der Choleravibrionen von den ANnungSwerkzeugen aus. Die Schutzmittel des Körpers find nämlich in dieser Beziehung sehr ver- schiedener Art, wie auch die Möglichkeit einer Infektion wegen der überaus verschlungenen Wege der Nase usw. sehr verschieden sein kann. Deshalb sind die Schleimhäute der oberen Luftwege zum Teil mit Fliininerepithel besetzt, dessen feine Härchen in fortwährender Bewegung find und nach außen schlagen, so daß viele Staub- partikelchen und vielleicht auch Jnfektionslenne schon früher wieder in die Außenwelt befördert werden. Der Verlust dieses FlimmerepithelS oder seine Verletzung muß natürlich ein Eindringen der Choleravibrionen begünstigen. Während wir bis jetzt von den Eingangswegen der Bakterien sprachen, müssen wir aber auch ihre Ausscheidung an den AuZgangSpforten berücksichtigen, und dabei kommt eS weniger auf eine solche durch den Kot an als viel mehr auf den Harn oder die Galle, die zuweilen ihren Dienst versagen. Wenn wir auf die Schutzstoffe des menschlichen Körpers ffelbst zurückkommen, so sind für ihre Entstehung verschiedene Theorien auf- gestellt. Einmal werden sie der Einwirkung der Leukozyten, der weißen oder bester farblosen Blutkörperchen zugeschrieben, dann aber will man solche s�loxiuej in körperlichen Flüssigkeiten nachgewiesen haben. Wie dem auch sei, fiir die Cholera ist eine Abtötung ihrer Erreger im Magen besonders lvirksam; da aber die Berbreiumg des Giftes allgemein im Körper erfolgt, müssen auch choleraimmune Menschen über gewisse Abwehrstoffe verfügen. Neben dieser individuellen Disposition gibt eS auch noch eine allgemeine. Hierhin gehört die Eigentümlichkeit, daß die Seuche in der Hauptsache die ärmere Bevölkerung befällt. Die Erklärung dafür haben wir in den schlechteren Voraussetzungen des Lebens und der mangelhaften und verkehrten Nahrungsaufnahme zu suchen. Die Cholera ist also im wesentlichen eine Er- krankung des Proletariats. Das geht so recht aus den Verhältnissen in ihrer Hemmt, in Indien, hervor, tvo sie eine wahre Schmutzkrankheit ist»nid Weiße daher weniger als Einge- borene befällt. Man hat im Zusammenhange damit auch von einer Berufsdisposition gesprochen und will darunter solche Leute ver- standen wisten, die in besonderer Beziehung zun» Waster stehen, nämlich Fischer. Schiffer, Wäscherinnen usw. Ebenso verständlich ist für uns die Tatsache, daß wir eine Zu- nähme in der Häufigkeit der Cholerafälle beinahe immer in den späteren Sommer- und ersten Herbstmonaten zu verzeichnen haben. Einmal haben dann die Flußläufe eine Temperatur, die außerordentlich geeignet für die Weiterentwickelung des Choleravibrio im Wasser ist, dann Ivird im heißen Sommer stets mehr Wasser als im Winter getrunlen, und schließlich finden infolge der mannigfachen Diätfehler nit der Lehre von der örtlichen Disposition oder örtlichen Fmmimität erklären, wie sie von dem berühmten verstorbenen Professor v. Pettenkofer und seiner Schule aufgestellt ist. Hier kommt nach seiner Ansicht in erster Linie die Beschaffenheit des Erdbodens in Betracht. Er nahm nämlich einen Zusammenhang zwischen Grundwasserbewegung und Krankheit an, weil er glaubte, die betreffenden Infektionserreger vermöchten nicht vom Menschen zum Menschen direkt überzugehen, sondern müßten ein Zwischenstadium der Reifung im Boden durchmachen, in dem also nach ihm die eigentliche Choleravergiftnng entsteht. Indes ist dazu ein ganz bestimmter Boden erforderlich, der eine solche Reifung zuläßt. Er muß nämlich über eine örtliche und zeitliche Disposition verfügen. Dahin gehören Feuchtigkeit, Porosität, Temperatur und genügende organiiche Stoffe als Nährsnbstanzen. Das Choleragift sollte dann irgendwo in die Luft geraten und von den AtmungS- wegen anfgenömmen werden. Diese Theorie von Pettenkofer wird heute nicht mehr anerkannt. Was speziell die choleraimmuneu Orte anbetrifft, auf die er sich beruft, so haben wir in Deutschland gesehen, daß einmal die Cholera überhaupt allgemein abgenommen hat, so daß dabei der Zufall eine Rolle mitspielen kann. Dann aber ist überall die Wafferversorgnng eine bessere geworden, die sonstigen hygienischen Maßregeln haben Wandel geschaffen, wie z. B. die Beseitigung der Abfallstoffe, und schließlich täuscht oft die Art der GeWerbetätigkeit der Bevölkerung eine örtliche Disposition für die Krankheit vor. Als Beispiel in dieser Hinsicht kann die Trichinose dienen, die auch von den Gewohnheiten der De« völkerung abhängt. Sie kommt hauptsächlich in Mitteldeutschland bor wegen der Gewohnheit des Verspeisens roher Fleischwaren und tritt daher mit Borliebe zur Schlachtzeit auf. Mit Recht hat man sich in Deutschland auf den Standpunkt ge- stellt, daß es besser ist, möglichst zeitig Maßregeln zur Vorbeugung (Prophylaxe) zu treffen. Diese besteht in erster Linie darin, daß man in der Lage ist, bald nach dem ersten Auftreten der Cholera die Krank- heitsfälle richtig zu erkennen. Gerade in dieser Beziehung ist die Entdeckung ihres Erregers durch Koch sehr wichtig, denn früher er- kannte man die Krankheit erst nach den: Ausbruch an der Allgemeinheit der Erkrankung und der Ansteckung. Die offizielle Cholera trat erst wochenlang nach dem wirklichen Ausbruch auf. So ist es auch in Rußland gewesen, wo man den einzelnen Erkrankungen mit Magen- und Darmstörungen keine Beachtung schenkte, bis jetzt das Unglück da ist. Das ist für uns in Deutschland ganz unbegreiflich, denn man ist heute in der sicheren Lage, die Krankheitserreger der Cholera in den Fäkalien feststellen zu können. Je nach dem Befund der mikroskopischen Untersuchung werden auch nach dem neuen Seuchengesetz unterschieden: Kranke, Krank- heilsverdächtige und Ansteckungsverdächtige. Weitere Bestimmungen sind die Änzeigepflicht, die Isolierung der Krallken und Ver- dächtigen sowie die Desinfektion. Auf die Nahrungsmittel wird man erst dann acht zu geben haben, wenn wirkliche Cholerafälle in be- ängstigender Weise bei uns festgestellt sind. Wir dürfen dann das nöiige Vertrauen zu den Maßnahmen unserer Aerzte und Behörden haben, daß alles getan wird, was zu tun ist. Wichttger sind jetzt die Absperrnngsmaßregeln an der Grenze. Diese haben sich schon in früheren Zeiten als mlzulänglich erwiesen und sind durch daS Revisionssystem ersetzt. Es besteht darin, daß Verdächtige oder Kranke zurückgebalten, daß Sachen und Waren desinfiziert werden. sowie daß verdächtige Personen, die aus Seuchengegenden kommen, sich an dem Orte ihres endgültigen Aufenthaltes der Behörde zur Verfügung stellen müssen. Das lvird auch jetzt vorläufig noch ge- nügen. Kleines feuilleton* Aus dem Tierlebe». DaSSchwiilden der großen Waltiere. Die mensch- liche Zivilisation gestaltet die Erde und ihr organische? Leben um. Sie meistert die Natur und gibt der Landschaft, dem Tier- und Pflanzenleben ein anderes Gesicht. Der Mensch, der zuletzt kam. hat die Herrschaft an sich geriffen und nur zu oft schonungslos alles seinen Zwecken geopfert. Ganze Tierarten sind bereits ausgestorben und neue folgen ihnen. Die kapitalistische Betriebsweise mit ihrer verbesserten Technik, ibrer rückfichtslosen Ranbwirtschast, die nur ihre Profitinteressen und nicht das Wohl späterer Generationen im Auge hat. hat diesen Prozeß weit über alle Notwendigkeit hinaus beschleunigt und gesteigert. Der Reichtum deS Meeres, das jeder Bcutelust preis- gegeben ist, wird vor unseren Augen erschöpft: seine Tierwelt wird ausgerottet. Besonders die große» Walttere, die kapitalistisch betriebenen und mit sehr vervollkommneten Fangmethoden ausgerüsteten Unternehmungen hohen Gewinn bieten, find in Gefahr, völlig auS- gerottet zu werden. Man versteht de» Eifer, wenn man bedenkt. daß ein Riesenwal einen Wert von 20000 M. und mehr darstellt. Karl Sajo erhebt im„Prometheus" die warnende Stimme, die ge- hört zu werden verdient, ehe es zu spät ist. Mutet es nicht als ein Verbrechen an. daß die Habgier auch die jungen Tiere tötet, weil sie weiß, daß die Walmutter auch dem Leichnam ihres Jungen treu bleibt und so eine sichere Beute wird I Gerade die edelsten Wale, die außerdem auch für die Fischerei unschädlich sind— führt Sajo auS— find am stärksten im Schwinden begriffen. Von Gewährsleuten, die keine Waljäger sind, wird behauptet, daß in den in Frage kommenden Gebieten diese wertvollen Tiere immer seltener lverden. Und da die heutigen Waljagd- exveditionen mit allen Hilfsmitteln der modernen Technik aus- gestattet sind, so daß die Beute sicherer, die Gefahr für die Jäger aber immer geringer wird, so bleibt nicht der geringste Zweifel, daß eine vollkommene'Ausrottung der vornehmste» Waltiere in naher Zeit bevorsteht. Die Gefahr des Aussterbe»? Ivird besonders deshalb drohend, weil jene Tiere höchstens ein Junges jähr- lich(oder gar nur eines in jedem zweiten Jahre) zur Welt bringen. Die Schätze der Ozeane sind Erbgüter der ganzen Menschheit und ihre Ausbeutung wurde bis jetzt eben deshalb fast gar nicht eingeschränkt, weil man sie als Gemeingüter auffaßt. Räch- gerade habe» sich aber die Verhältnisse so traurig gestaltet, daß eS höchste Zeit ist, den Begriff„Gemeingut" im richtigen Sinne zu nehmen. Eben weil eS sich um gemeinsame Güter der ganzen Menschheit handelt, dürfen sie nicht der rücksichtslosen und unsiimiaen Ranbjagd einiger hundert Unternehmer preisgegeben und für ewige Zeiten unwiderruflich vernichtet werden. Dem llebel kann nicht anders gesteuert werden als dadurch, daß die ozeanischen Mächte gemeinsam die lveitere Verminderung der gefährdeten Wale durch Jagdverbot verhindern und dieses Verbot solange aufrecht erhalten, bis sich der Walbestand wieder auf die ursprüngliche normale Menge vennehrt haben wird. Vcrantw. Redakteur: Georg Tavidsohn» Berlin.— Druck u. Verlag: PorwärtsBuchdruckerei uLerIaa»anstaitPaulSiiiaerLcCo..Berlin2�'„