Nnterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 187. Sonnabend, den 26. September. 1908 �Nachdrutl VerVoten.? 6« JVIafia. Noman aus dem modernen Sizilien von Emil R a s m u s s c n. „Nimmermehr!" fuhr es aus Lidda heraus. Es ist sein Geburtsort. Das ist eine Falles Auf diesen Seiten der Insel gibt es nichts als Mafia!" „Aber wer ist Herr Ficarotta?" fragte Ettore. „Einer der alten Handlanger Deiner Mutter." Ettore wurde ernst und aufmerksam. „Er ist eine Art Bindeglied zwischen den Masiagruppen der verschiedenen Distrikte. Ein recht gefährlicher Mensch! Ein ekliges, blatternarbiges Blaßgesicht ohne Bart!" „Pfui, welch ein Unglück!" rief Ettore. Foca barba e nessun colore— o birbante o traditore(wenig Bart und keine Farbe— entweder ein Schurke oder ein Verräter), jagen die Bauern." „Und sie täuschen sich nicht," sagte Lo Forte.„Er sieht aus wie ein maurischer Zuhälter, wie diese Hefe des Volkes, eine Mischung von Juden und degenerierten Stadtarabern, die man drüben in Tunis findet. In Monte San Giuliano gibt es ja auch nichts als dieses maurische Gezücht." Während die drei anderen sich beim Mahle in dieser Weise unterhielten, war Lidda stumm geblieben. Nachdem sie Kaffee getrunken hatten, gingen sie auf den Altan hinaus, um die Aussicht zu genießen. Diambra nahm Lo Forte beiseite. „Lidda ist ernstlich traurig!" sagte sie.„Bleib hier und sprich mit ihr! Ettore und ich gehen einstweilen in die Domkirche." Als sie fort waren, trat Gianandrea zu Lidda, die, an das Gitter gelehnt, vor sich hinblickte, und legte zärtlich den Am um ihre Schulter. „Was bedrückt Dich nur so, Du Liebe?" fragte er.„Es kann doch nicht dies Weibergcwäsch sein?" „Weist Du, ich sah Ficarotta heute morgen. Ich sagte nichts davon, weil mir die plötzliche Ahnung kam, daß diese Begegnung Unglück bedeuten müsse und ich Euch anderen die Stimmung nicht verderben wollte. Wäre das nicht ge- schehen, hätten mich die Worte der Wahrsagerin wenig ge- kümmert.— Wäre doch ein Brief vom Vater da, wenn wir heimkommen!" „Aengstige Dich nur nicht, mein Lieb! Was sollte ge- schehen! Glaubst Du, daß ich den Burschen fürchte?" Sie zog die Augenbrauen hinauf, ohne zu antworten, „Hat er Dich je beleidigt, Lidda?" „Er hat einmal daheim in meinem eigenen Zimmer einen energischen Versuch gemacht, mich zu verführen— eines Vormittags, als Vater ausgegangen war und Mutter sich um- kleidete." „Gut. daß ich das nicht wußte! Ich hoffe für ihn, daß unsere Wege sich nicht öfter kreuzen werden!" Er zog seine Gattin an sich, und sie trank Zuversicht aus seiner sicheren Kraft. Eine Stunde später kamen die beiden anderen zurück. Die Wolken schienen sich verzogen zu haben. Mit der elek- krischen Straßenbahn fuhren sie nach Palermo hinab. Drei Tage später saßen die vier Freunde im Postwagen und fuhren von der Station nach Calatafimi hinauf, das eine Meile Wegs über der Bahnstrecke auf einem Bergabhang thront. Es waren keine anderen Passagiere im Wagen, aber draußen vor der Wagentürc saß ein Carabiniere mit der Büchse zwischen den Knien, und auf dem Bock saß fein Kamerad. Man hatte sie als Eskorte mitgenommen, nachdem acht Tage vorher der Wagen mitten am Vormittag von maskierten Räubern total ausgeplündert worden war— was Gianandrea sie jedoch vor den Damen nicht zu erwähnen bat. Das sonnige Gelände lag in seiner üppigsten Maitracht da, anzusehen, wie ein duftendes Blumenbeet. Zwischen grünen Weingärten und Maisfeldern flammten weitgedehnte Wiesenstcllen in dem grellen, fernhin leuchtenden Rot des Blutklees, das im stärksten Kontrast zu dem tiefen Ultra- marin des Himmels das Auge durch seine Intensität fast überwältigte. Die Fruchtbäume trugen gleichzeitig Blüten und reife Früchte: die Opuntien desgleichen. Aber in der ganzen Flora war keine Pflanze, die die Aufmerksamkeit in dem Grade auf sich zog wie die eben in Blüte stehenden Agaven. Namentlich Ettore konnte nicht müde werden, sie zu be- trachten, wie sie in langen Reihen aufragten mit ihren mäch- tigen Blütenständen, hoch wie Telegraphenpfähle, in weniger als einem Monat aus dem Boden aufgeschossen. „Ich kenne nichts in der Natur," sagte er endlich,„das sich an brutaler Schönheit mit dem Liebesleben der Agave messen kann. Unfruchtbar, kantig und stechend, im Krieg mit der ganzen Welt, bereitet sie sich nur für diesen ihren Hochzeitsmonat vor, sammelt alles an Kraft und Saft, um diese ungeheure Blüte hervorzubringen, die so unkeusch wirkt, wie ein brünstiges Elefantenmännchen mit entblößten Geni- talien— wird befruchtet, welkt und stirbt." „Und vielleicht wird sie von einer kleinen Eintagsfliege befruchtet," sagte Diambra, von einer kleinen Fliege, die im Dunkel der Unbewußtheit gelebt hat, bis sie eines schönen Maimorgens ihre Flügel in dem blendenden Lichte entfaltet, sich an dem aromatischen Blütenhonig erfrischt, wie eine Ball- dame an einem Gläschen Likör nippt, den Geliebten trifft, ihn küßt und stirbt, ehe die Sonne untergeht." „Vielleicht! Und was ist eigentlich die Absicht der Natur mit diesen Liebcsgeschichten? Will sie uns erzählen, daß Liebe den Tod in sich trägt?" Lidda kam plötzlich der Gedanke an Ficarotta wieder. Gianandrea fühlte ihre Hand wie in heimlicher Angst seinen Arm pressen. Er umschlang beruhigend ihre Schulter, zog sie an sich und sagte auf seine gedämpfe Art: „Auch die Mcnschenfauna hat wohl ihre Agaven und Eintagsfliegen. Aber warum sollten wir just in unseren Flitterwochen darüber grübeln, mitten im Duft der Zitronen, die zu gleicher Zeit die weißen aromatischen Blüten entfalten, während die reifen Früchte von ihren Zweigen rieseln? Ich finde es nicht bloß schön, fondern auch tief gedacht, daß Si- zilien die Orangenblüte als Schmuck für die junge Braut gewählt hat. Wenn die Orange die Frucht ihrer ersten Liebe reifen sieht, kleidet sie sich wieder in ihr strahlendes Fest- gewand. Aus der Liebe saugt sie die Kraft zu neuer Blüte, neuer Liebe, immer reicher und reicher, wie die Jahre der- rinnen. Und sind die Orangen nicht etwa Siziliens Stolz und Glanz? Nur darum, weil die Natur uns erzählen will, die Liebe sei das Leben: die Liebe sei die LebenSquelle selbst." „Oh Gianandrea!" brach Lidda aus, während zwei große Tränen über ihre Augen flössen, und ohne der anderen zu achten, zog sie sein Haupt zu sich herab und bedeckte es mit Küssen. Zur selben Zeit standen zwei Männer hinter den ge- schlossencn Läden einer kleinen Bauernstube nahe bei der Einfahrt in Catafimi. Der eine war ein großer, schlanker, aber sehnenstarker Mann mit einer dichten, schwarzen Mähne, schwarzem, ge- stutztem Vollbart und langgewimperten. wildlohendcn Augen, die das prächtige Antlitz beherrschten. Der andere war Ficarotta. Während sie durch die Ritzen der Läden die Gasse hinab- spähten, sagte Ficarotta zu seinem Kameraden: „Es verlangt mich nach ihr, als sei ich viele Jahre nicht bei Weibern gewesen!" Der andere verzog keine Miene. „Sind Del Chiaro, Lo Forte und der alte Marchese erst beiseite geschafft," fuhr Ficarotta fort, so verkaufe ich den ganzen Rest für eine Zigarre." „Um so besser! Frech genug sind sie gewesen!" „Namentlich Del Ehiaro ist ein gefährlicher Hund. Ich habe es immer gesagt, die Sozialisten mit ihrem dummen Ge- wäsch von Ehrlichkeit sind unsere ärgsten Feinde. Nie waren wir so schwach und gefährdet wie zur Zeit, da die Arbeiter- vereine florierten � ehe man sie niederschlug." „Ja, das ist wahr!" In diesem Augenblick hörten sie den Postillion mit der Peitsche knallen und den Postwagen die Straße herauf- rasseln. Ficarotta preßte das Gesicht an den Laden. ..Teiliger©oft! Da ist sie!' Seine Augen folgten dem Wagen, bis er einbog. Tann richtete er sich murmelnd empor, sog die Luft zwischen den schwarzen Zahnstümpfcn tief ein und preßte die geballten Hände an die Brust. Mit langen Schritten ging er im Zimmer umher. Die kleinen Schwcineäuglein wurden siebernaß, das fahle Gesicht erhielt einen grünlichen Schimmer, während die Lippen sich unwillkürlich von dem halbossenen Munde zurückzogen und die Muskeln zitternd um die Kiefern spielten. „Sie mit Gewalt nehmen— jeden Faden von ihr reißen— ihre Brüste dicht, dicht an mein Gesicht pressen— und dann die Brustwarze abschneiden, die Lippen anlegen, ihr warmes Blut mir in den Mund strahlen lassen � ah, ah!— und sie dann zerfleischen— Heiliger Gott! Endlich! Endlich!" Ter andere stand mit den Händen in den Taschen und gespreizten Beinen. Ein höhnisches Grinsen lag um seinen Mund. „Wie lächerlich Du bist!" „Tu bist kein Künstler! Tu ahnst nicht, was es heißen will, genießen,— genießen.... Aber seht wollen wir keine Zeit verlieren. Laß uns hinabgehen und die Pferde satteln!" (Fortsetzung folgt.f (Nachdruck, vcrboleir). 203 Huf Irrwegen. Von Jonas Sie, ...Glücklichertveise im ersten Jahr, Herr Konsul!" antwortete Faste unerschrocken. Er empfand die Notwendigkeit, der öffentlichen Meinung einige Sätze einzuprägen.—„Man kann ja nicht darauf rechnen, gleich sofort mehr als das Hotel selber und die kleinen Häuser am Strande zu vermieten." „Aber wenn nun alle Aktien Waggesens auf einmal auf den Markt geschleudert werden?" fragte der Zollinspektor nervös. „Pah,— in einigen Monaten fangen die Gäste an zu kommen. und da wirft sicher niemand fein gutes Geld ins Meer!"— sagte Faste überlegen.„Nicht wahr, Konsul Klüver, wenn man die Kuh den ganzen Winter gefüttert hat, gibt man sie nicht auf, wenn das Gras kommt." „Sie,— Sie,— Sie, Mirakelmachcr!"— Klüver stach, offenbar erleichtert, mit dem Stock nach ihm. „Ja, aber wer garantiert!" fuhr der Zollinspektor fort. „Ich denke, Waggcnfens Konkursmasse lvird jetzt, wo wir eben daran sind, die Sahne abzunehmen, einen guten Ueberschuß aus den Aktien erzielen. �—— Tie Leute sind doch nicht verrückt!" fügte Faste mit Nachdruck hinzu, als sich Luders und der junge Bockmann zu der Gruppe gesellten. „Es berührt weder die Zellulose noch die Konserven," fiel ihm Böckmann in die Rede,—„in keiner Weise—— der Makler Nannte es einen Bauernbankrott, der die Geschäftswelt eigentlich gar nichts angehe—<—" -- Als Faste die Straße hinabging, glaubte er oben von der Ecke her-Tryggesen die Worte„SckMnndler— Schwindler" mit seiner belegten, heiseren Stimme hinter ihm drein rufen zu hören. Er eilte weiter. Tie Verhandlungeil schienen sich mehr und mehr auf die Gegend zwischen dem Posthause und der Zollbude konzentriert zu haben. „Unglaublich,— unglaublich!" hieß es dort. Weiter war man noch nicht gekommen.—.— „Schwindel--- Schwindel——" klang es Faste in den Ohren, als er den Weg nach Hause einschlug,— er war nicht im- stände, heute noch aufs Kontor zu gehen. „Schwindel!" wiederholte er plötzlich ganz empört: Ter Kerl meint ivohl, wenn ich tausend Kronen oder zehn- tausend Kronen oder hunderttausend gewinnen könnte,— oder vielleicht auch nur zwei Prozent, wie sie sagen,— so würde ich mit Vergnügen alle diese Steuerleute und Bootsleute und die kleinen Leute mit ihren Familien, die Viertel- oder Achtelaktien genommen oder zusammen eine ganze gekauft Halen,— in Not und Elend stürzen. Ich könnte ruhigen Blutes zusehen, wie sie geröstet und gefoltert würden, wenn ich nur fünfzig Kronen dabei gewönne! Ja, so denken sie.—— Eigentlich so recht ein Kapitel für das Buch des Mammons, das ich in den„Geizhals" einfügen sollte.-- Geradezu zwei verschiedene Auffasswagen, zwei Arten von Seelen.-- Ter eine wäre nicht fähig, so etwas für Millionen und Aber- Millionen aus sich zu lade», der andere läßt die ganze Welt mit voller Besatzung für ztvei Prozent aus den Grund laufen.--- Und dann sage noch jemand, daß der Miammon kein Gott ist! -- fn dem ewigen Kampf zwischen Geist und dem Elemen- taren. Faste öffnete, wie das seine Gewohnheit war, die Wohnstuben- tür, um die Mutter zu begrüßen, che er sich nach oben auf sein Mansardenstübchen begab. Er stutztc, als er Sölvi schon bci der Mutter und Agneke sah.-- Es durchschauerte ihn,— ein Bild aus früheren Zeiten tauchte vor seiner Seele auf.—— Sölvi still, mit stummer Miene,— Signete resigniert zu der Decke emporstarrend, als schnappe sie nach Luft, und die Mutter mit Fieber in den großen Augen, ganz ge- beugt vor Kummer.-- Anstatt mit der Nachricht von WaggescnS Bankrott herauszuplatzen. schwenkte er plötzlich ab.-- „Es wundert mich, daß Ihr Titlef in feine alte Manie zurück- fallen und ihn sich so närrisch herausputzen laßt," sagte er.„Da geht er mit einer Feder am Hut und bläst auf einer Binsenflöte die ganze Wiese am Bach entlang. Er scheint die Absicht zu haben, den ganzen Pöbel um sich zu versammeln." „Slch, mein Junge, man kann nicht wissen, was er vor hat," meinte Frau Forland.„Es soll mich nicht wundern, wenn er da dem Star, der gekommen ist, ein Konzert gibt--" „Nun,— und Waggesen?-- Ich sehe, Ihr habt schon ge- hört—" „Ja, Sölvi kam mit der Nachricht, Tu.— die Folgen kann wohl noch niemand überschauen," sagte Frau Forland, indem sie ihn ängstlich ansah. „Erwachsen Dir dadurch Schwierigkeiten, Faste?— Und der Badeort?" forschte Agnete.—„Tu bist also unruhig?" „Ja, Mutter,— dies kam freilich so überraschend, als wenn der Mond vom Himmel gefallen wäre. Slber man darf den Kops nicht verlieren!— Sie find imstande, eine förmliche Panik in der Stadt zu verbreiten.-- Sie stehen aus den Straßen und schwatzen und kauen Tabak und speien und kommen schließlich zu der Ucberzengung, daß die ganze Norwegische Bank in die Luft gesprengt ish-- Waggesen hat seine Zahlungen eingestellt, daS ist die einfckchste, nüchterne und höchst bedauerliche Tatsache!" „Ja, Faste!— Ich kann Dir freilich mehr erzählen." sagte Sölvi in voller Empörung.„Falkenbcrg kam heute früh um 3 Uhr aus Wold zurück und hat mir das ganze erzählt. Ter Mann hat sich das Leben genommen!" „Was sagst Du.— was sagst—* Faste stand wir vom Schrecken gelähmt da und starrte vor sich hin.—— Waggesens Gestalt stieg plötzlich vor ihm aus, immer deutlicher und deutlicher, wie er so da gestanden und gesagt hatte: Ich bin mit dabei!— Ich bin mit dabei! „DaS brauche ich mir doch wohl nicht zur Last zu legen, Mutter!" schrie er beinahe;— er warf sich aus das Sofa und sprang wieder aus. „Aber Faste! Faste!" jammerte Agnete und lies hinter ihm drein durch das Zimmer.—— „Wir tasten alle im Blinden," sagte Frau Forland leise.—— »Du hättest Waggesen sicher nicht in seinem unglücklichen Jagen nach Geld aushalten können." „Nein,— aber,—" entgegnete Faste verzweifelt.—— „Sich, ich bin verrückt!" sprang er aus.„Das Badeunternehmen würde ich getrost heute noch einmal angefangen haben, wenn dies nicht geschehen wäre!" „Lieber Faste,— Du siehst so viel weiter, als meine Brille und auch die Verstandcsserichläscr anderer reichen," beruhigte Frau Forland.„Wenn Du selber nur Deiner Sache sicher bist--" „Aber es nützt wirklich nicht, die Sache nur vom idyllischen Standpunkt aufzufassen, Mutter," sagte Sölvi.„Solange der grundseste Waggesen als Besitzer des Hauptanteils der Slltien dastand, meinten die Leute, es könne kein Risiko sein.-- Falkenberg und ich haben ja den ganzen Morgen hierüber gesprochen. Und wäre nur die Toktorwohnung nicht mehr soweit zurückgewesen, so würden wir sofort eingezogen sein,— die meisten Möbel haben wir ja schon.-- Das würde gleichsam in aller Stille Dein und unser unerschütterliches Zutrauen zu der Sache gezeigt haben—" „Ja, Du, jetzt wollen wir ordentlich Klemm hinter die Sache setzen," ging Faste eifrig aus den Gedanken ein.--„Und ich denke, wenn sie in ein paar Monaten, leibhastige Badegäste vor Augen haben, so wird das am besten für die Sache sprechen." 12. Faste hatte schon eine ganze Zeit schweigend und finster im Wohnzimmer gesessen. „Mir ist zu Mute, als sollte mir ein Mühlstein um den Hals gebunden und ich damit aus den Grund des Meeres hinabgezögen werden!" rief er aus, indem er hastig aufsprang und anfing, im Zimmer aus und nieder zu gehen; von Zeit zu Zeit blieb er stehen und starrte zum Fenster hinaus. „Großer Gott, wie Du redest. Faste,-- was ist denn nun wieder los'— etwas Neues?" «Diese verdammte Mole, die verschlingt Geld in die Unend» lichkeit—!" erwiderte er. „Sluch von der Seite Schwierigkeiten?" fragte Frau Forland bekümmert. (Forisetzung folgt.) Von äer 80. Versammlung deutfcber J�aturforfcbcr und Herzte. In der allgemeinen Sitzung dom Freitag sprach Professor Max R u b n e r- Berlin über: Kraft und Stoff im Haushalt des Lebens. In der Neuzeit kehren die Versuche wieder, die Naturforschung auf Grund einer Wiederbelebung des alten Hegelianismus für jegliche Weltauffassung als entbehrlich hinzustellen, oder neben den erkannten natürlichen Gründen des Geschehens mystischer Kräfte, die an den früheren Vitalismus des vorigen Jahrhunderts erinnern, anzuerkennen. Es ist ein beliebter Vorwurf gegen die Naturwissenschaft im allgemeinen und die Biologie im besonderen, daß sie noch nicht alle Vorgänge auf natürlichem Wege zu erklären vermöge und ihr Wissen nicht„restlos" aufgehe. Der Vorwurf ist ungerecht, denn die Periode naturwissenschaftlicher For- fchung ist erst eine sehr kurze, ja gerade dem Biologen ist der schwierigste Teil des NaturerkennenS zugefallen. Es liegt kein Grund vor, die Arbeit der Biologie als unfruchtbar anzusehen, und sie jetzt schon in ihren Zielen begrenzen zu wollen. Jahrtausende waren selbst die heute jedem Menschen geläufigen Lebensvorgänge ein Buch mit sieben Siegeln. Seit Mitte des 13. Jahrhunderts nahm man zur Erklärung des Lebens die Lebenskraft an. Durch sie sollte im Leibe der Tiere und Pflanzen alles anders geordnet sein als in der unbelebten Welt, weder die Gesetze der Chemie, noch die Kräfte der Natur sollten im Innern des Organismus herrschen. Chemiker, Physiker, Mikroskopiker und Physiologen haben ein Stück nach dem andern vom Lebenden erobert und gezeigt, daß sie wohl imstande find, in das Getriebe der belebten Welt einzudringen. Am längsten, kann man sagen, blieben noch die Wärmeerscheinungen und Kraft- leistungen der Tiere unverständlich, bis I. R. Mayer zeigte, dast die verschiedenen Naturkräfte sich nach bestimmten Verhältnissen gegen- seitig umzuwandeln vermögen und jene der Körper ihre gemeinsame Quelle in den chemischen Spannkrästen haben, die wir mit der Nahrung zuführe». Das war der letzte Stög für die alte Lehre von der L eb e n S kr a st. Die Wissenschast, welche sich bei den Orga- nismen mit den Vorgängen der Erhaltung von Kraft und Stoff zu beschäftigen hat, ist die Ernährungsphysiologie. Bis in die achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts legte die Forschung sozusagen nur Ge- wicht aus die materiellen Vorgänge, d. h. auf die allmähliche chemische Umwandlung der Nährstoffe. Man kann ihr aber eine ganz andere Richtung der Forschung geben, man kann mit ihrer Methodik theoretische Fragen von höchster Bedeutung in Angriff nehmen. Vor allem halte man fest: es gibt kein Leben ohne Ernährung, das hei fit ohne fortwährende Zerstörung von Nahrungsstoffen. Da- bei wird stets Wärme gebildet. Die lebende Substanz geht ohne Ernährung rasch zugrunde. Beim ausgewachsenen Organismus haben wir nur diese Erhaltungspflicht durch die Nahrung. Wodurch wirkt die Nahrung? Durch ihre Materie oder Energie? Die Entscheidung der Frage lautet: die aus den Nahrungsstoffen durch Zerlegung freiwerdende Energie ist etwas selbständig Wirksames im Organismus. Untersuchungen an Warm- blütern haben experimentell bewiesen, dafi beim einfachsten Lebens- prozefi— ohne Wachstum— zwei Vorgänge ablaufen. Zu etwa S5 Prozent werden die Nahrungsstoffe als einfache Energieträger verwendet und können nach der Menge an Energie(VcrbrennungS- wärme), die sie enthalten, sich vertreten(Gesetz der isodynamen Vertretung). Kaum ein Fünfundzwanzigstel des ganzen Auf- wandes an Nahrung mufi aber als EiweiS vorhanden sein. das heifit, es ist materieller Aufwand, aus dem die «iuzelnen spezifischen Leistungen sekretorischen Vorgänge, der Wieder- ersatz der in kleinsten Mengen stetig zu Verlust gegangeiten lebenden Substanz usw. bestritten werden. Der Energieverbrauch ist ein Mafi der Lebensintcnsität. Es läfit sich nachweisen, dafi durch das ganze Tierreich hinab bis zu den Einzelligen die Unterschiede iin Energie- verbrauch nicht auf spezifische Unterschiede der lebenden Substanz, sondern auf ungleiche funktionelle Leistung einer wenigstens mit Bezug auf die energetischen Vorgänge(innere Arbeit) ganz gleich- artig gebauten Lebenssubstanz zurückzuführen find. Ein zweiter wichtiger Vorgang ist das Wachstum. Es gibt kein Wachstum für sich, sondern nur Wachstuni und daneben gleich- zeitig Energieverbrauch(Wärmebildung). Nennt man das Ver- hältnis zlvischen Nahrungsaufnahme überhaupt und Anwuchs den Wachstumstrieb, so ist dieser am gröfiten während des embryonalen Lebens. Auf der niedrigsten Stufe der EntWickelung stehen die ein- zelligen Wesen, wie Bakterien, Hefen, Amoeben usw.; sie sind in threr Größe recht verschieden, behalten sie aber stets mit geringer Variation zeitlebens bei. Die gellgröfie ist eine Funktion der Kern, nasse. Die Zellen find in ihrer Masscnzunahme nur von der Intensität des Energieverbrauches und dem Wachstum- trieb abhängig; die Zahl der Zellteilungen von der Größe ihres KernS. Ihr Leben kann unbeschränkt durch Teilung weitergeführt werden, der Tod existiert für sie nicht. Bei den sexuell differenzierten Wesen entsteht daS Leben aus einem Keim, der zum reifen Individuum heranwächst. Das letztere verfällt über kurz oder lang dem Tode. Hier treten uns bestimmt charakterisierte Lebensperioden beim Sänger: Fötalperiodc, Jugend- zeit, Reife, Mer entgegen. Warum haben die geschlechtlich differenzierten Tiere nur begrenzte Körpermaffen? Warum steht nach bestimmter Zeit ihr Wachstum still? Man hat über die Größe der Tiere sehr verschiedene Hypothesen aufgestellt. Die Größe sei vererbt oder die Eizelle hätte eben nur die Fähigkeit, eine bestimmte Anzahl von Zellen zu liefern oder die Größe werde durch die Zweckmäßigkeit der Organisation bedingt. Das sind aber nur Umschreibungen einer uns unbekannten Tatsache. Dagegen läßt sich zeigen, daß die bis jetzt untersuchten Säugetiere nach einem bestimmten Gesetz wachsen. Das Wachstum der Säuger zeigt folgende Gesetze: Z« Ende der Fötalperiode wie zu Ende der Jugendzeit findet man, daß ein Kilogramm Lebendgewicht bei den verschiedenen Säugetieren gleich viel Energie umgesetzt hat. Die Lebensintensität der Säuger und ihr Wachstum ist gerade umgekehrt proportional den Zeiten der Fötalperiode und der Jugendzeit. Alle Säuger empfangen ,m Moment der Befruchtung den gleichen Wachstumsguotienten, der aber allmählich und zwar entsprechend der Größe des Energieumsatzes abnimmt. So erklärt sich die eigen- artige Größe jedes Individuums, die Dauer der Jugend, wie die Fötalperiode. Nur der Mensch nimmt nach den bisherigen Unter- suchungen eine besondere Stellung ein, indem er seine Lebensstadien viel langsamer durchwandert. An sich ist kein Grund zu sehen. warum diese Art von Leben nicht ewig dauern könnte; taffächlich begrenzt der Tod das Leben aller geschlechtlich differenzierten Wesen. Man hat die verschiedensten Theorien über das Entstehen des Todes aufgestellt; manche behaupten, es gäbe keinen physio- logischen Tod, der letztere sei eine Selbstvergiftung vom Darm aus, andere sprechen vom Verbrauch eines LebenSfermentes, wieder andere lassen Stoffwechselprodukte sich aufhäufen. Ribbert nimmt eine Veränderung der Gehirnzellen als Ursache des Todes an. All das besagt im höchsten Falle, daß man stirbt, aber nicht, warum gerade eine bestimmte Anzahl von Jahren verlaufen muß. Die energetische Verfolgung der Probleme der Lebensdauer hat ein ganz überraschendes zahlenmäßiges Resultat ergeben. Die verschiedenen Säugetiere sterben mit sehr verschiedenem Alter; zur Zeit ihres Todes haben sie aber eine Eigenschaft gemein, sie haben— der Mensch ist auszunehmen— etloa die gleiche Summe von Energie pro Kilogramm umgesetzt, d. h. ihre lebende Substanz hat gewisser- maßen dieselbe Summe von Arbeit geliefert; bei dem einen ist dies schnell, bei dem anderen langsam vor sich gegangen. Der Mensch zeichnet sich durch eine lebende Substanz aus, welche relativ von außer- ordentlich großer Widerstandskraft ist. Das Studium der Wirkungen von Materie und Energie vermag uiis also ein Verständnis der biologischen Prozesse deS tierischen Lebensganges und des JndividuallebenS z» geben, und wird so zu einer Entwickelungsgeschichte der lebenden Substanz überhaupt. Wir Menschen haben keinen Grund, mit unseren, Geschicke unzufrieden zu sein. Hat uns doch die Natur mit ganz besonderer Langlebigkeit ausgestattet; an uns ist es, mit diesem Talente zu lvuchern. Es gibt kein Medikament, den physio- logischen Tod zu überwinden. Das ganze Geheimnis, sein Leben zu verlängern, besteht darin, es nicht zu verkürzen. AIS zweiter Redner sprach Professor Hei in-Zürich über den Deckenbau der Alpen und als dritter Professor Klaatsch» Breslau über den primitiven Menschen in Ver» gangenheit u n!> Gegenwart. Die Dedfcbasbabn, Vor kurzem hat sich ein überaus wichtiges Ereignis in Vorder- asien vollzogen: die Eröffnung der Eisenbahnsttccke' von Damaskus nach Medina, die das wichtigste und größte Glied jenes Riesenstranges bildet, der in einer Länge von 1800 Kilometer die Wüsten Arabiens durchzieht und wohl der beste Beweis einer überraschenden Tatkraft der mohammedanischen Welt bildet. Die europäischen Diplomaten, die vor sieben Jahren, als der Bau der Bahn geplant und sofort in Angriff genommen wurde, lächelnd die Achseln zuckten und höhnische Berichte an ihre Regierungen sandten, müssen heute beschämend gestehen, daß hier eine Leistung erster Art vorliegt. Denn in diesen sieben Jahren find die 1350 Kilometer von Daniaskus nach Medina unter überaus schwierigen Verhältnissen fertiggestellt worden, und eS kann keinem Zweifel mehr unterließen, daß auch die noch fehlende Strecke von Medina nach Mekka in kürzester Frist hergestellt sein wird. Allerdings verdankt die HedschaSbahn zunächst religiösen Er- wägungen ihre Entstehung, aber das hindert nicht, zugleich ihre hohe Bedeutung in technischer wie in wirtschaftlicher Hinsicht anzuerkennen. Gehen wir zunächst auf die religiösen Gründe ein, die zum Bau der Bahn führten. Wie man weiß, besteht eine der religiösen Ver- pflichtnngcn des Mohammedaners darin, mindestens einmal in seine», Leben eine Pilgerfahrt nach Mekka zu machen. falls er mit den nötigen irdischen Gliicksgiitern gesegnet ist, um die Kosten der Reise zu bestreiten. Bei dem gläubigen Sinn des Mohammedaners kann cS daher nicht wunder- nehmen, dafi alljährlich Hunderttausende von Pilgern aus allen Himmelsrichtungen in Mekka zusammenströmen, um dort an gc- heiligter Stätte ihre Gebete zu verrichten. Die arabischen Pilger wählen einen der zahlreichen Karawanenwcge, die von der Küste und dem Innern Arabiens gen Mella führen. Auch viele Verier kommen von Osten auf dem Landwege durch die arabische Wüste nach der„heiligen Stadt". Der größte Teil der Perser wählt jedoch den Seeweg bis Dschidde am Roten Meere und legt dann die noch etwa 75 Kilometer lange Strecke bis Mekka mit der Karawane zurück. Ebenso kommt ein Teil der afrikanischen Pilger auf dem Landweg über die Halbinsel Sinai, ein anderer auf dem Seeweg über Dschidde nach der heUigen Stadt. Die Reise über Dschidde ist die bequemste und deshalb auch die am meisten bevorzugte. Daher ziehen alljährlich 80 000 bis 50 000 Bekenner des Islam aus Aegypten, Nordafrika und Indien sowohl wie auch ans der europäischen Türkei, Klein- ästen und Südrußland diesen Karalvanenweg entlang. Nur die syrischen Pilger wählen die Pilgerstraße, die von Damaskus nach Mediua geht. Die Führung des PilgerzugeS übernimmt der Hadschi Scherest,! Muhafisi(Schützer' der' heiligen Pilger), die militärische Bedeckung ei» Bataillon Infanterie und eine Batterie Feldartillerie. Diese Truppen begleiten den Pilgerzug auf der ganzen Reise nach Mekka in der Front und auf den Flanken. Am Ende de? Zuges in einer gewissen Entfernung reiten 50—100 Beduinen aus dem Stamme der Anese, die Marode und Kranke zu versorgen und verloren- gegangene Gepäckstücke der Pilger nachzuführen haben. Wenn man zu dieser Menjchenmasse noch die Tausende von Kamelen und Maul- liercn für den Transport der Pilger, der Bagagen und Lebensmittel für eine 40tägige Pilgerreise(1800 Kilometer) hinzurechnet, auf der unterwegs keine nennenswerten Lebensmittel zu finden sind, so kann nian sich eine Vorstellung von den umfang- reichen Vorbereitungen machen, die erforderlich sind, diesen Troß zusammenzustellen und in Bewegung zu setzen. Die Vorbereitungen in Damaskus beanspruchten daher allein schon Wochen. Die Pilger- fahrt selbst ist für die Teilnehmer reich an Entbehrungen und Gc- fahren. Die größte Schwierigkeit bereitet die Versorgung der Kara- tvane mit Wasser während ihres Marsches durch die Wüste. Während bis Maan noch Ouellwasser zu finden ist, fehlt es auf der weiteren Reise bis Medina beinahe ganz. Nur wenige Brunnen und Zisternen — bis 100 Kilometer von einander entfernt— sind vorhanden, in denen tvährend des Jahres das Wasser gesammcl) wird, um den vorbeiziehenden Beduinenkarawanen als Tränkstelle zu dienen. Die Folge davon ist. daß loährcnd der Pilgerfahrt, besonders in der heißen Sommerzeit, wo die Zisternen austrocknen, viele Tiere durch das Verdursten zugrunde gehen. Das wenige Wasser, das aber in den Brunnen und Zisternen noch übrig geblieben ist und von den Pilgern genossen wird, bringt infolge seiner Verunreinigung nicht selten Cholera und TyphuS hervor. Auch die Versorgung der Karawane mit Lebensmitteln ist schwierig, da es unterwegs an Wohnstätten fehlt. Schlachtvieh kann wohl von den herumziehenden Beduinen gekauft werden, alle übrigen Eß- waren müssen von Damaskus aus für die lange Reise mitgeführt werden. Schließlich ist die Karawane auch Angriffen seitens räuberischer Beduinen ausgesetzt, die ein Lösegeld herauszuschlagen suchen. Die Kosten der Pilgerfahrt sind verschiede», je nach dem Stande des Pilgers und dem Komfort, den er auf der Reise be- ansprucht. Ein von Damaskus nach Mekka reisender Pilger, der sich mit Reit- und Transportkamelen ausrüstet, wird die Pilgerfahrt nicht unter 50 türkischen Pfund(1 Pfund— 18,50 M.) machen können. Nur eine kleine Zahl armer Pilger, die zu Fuß die Reise mitmachen und durch Dienstleistungen, z. B. bei der Versorgung der Transport- tiere, sich nützlich machen, kommen mit geringeren Mitteln auS oder reisen überhaupt frei. Wenn man sich die geschilderten Schwierigkeiten vor Augen hält, die mit einer Pilgerfahrt nach Mekka verbunden sind, so wird man begreifen, daß nianchcr Mohammedaner auf die Ausführung einer solchen verzichten mutz, entweder aus Mangel an Geldmitteln— denn während seiner monatelangcn Abwesenheit hat er nicht allein für seinen eigenen Unterhalt zu sorgen, sondern auch für den seiner zurückbleibenden Familie— oder wegen unzureichender körper- licher Widerstandsfähigkeit gegen die Anstrengungen und Entbeh- rungen einer solchen Reise. So l'ag der Gedanke nahe, nach Mitteln zu suchen, um diese Schwierigkeiten zu heben. Das beste Mittel dazu bot das Bauen einer Bahn von Damaskus nach Mekka. Nachdem der Bau der Bahn beschlossen war, wurde sofort mit den Vorbereitungen begonnen. Sehr reichliche Mittel wurden freiwillig ge- spendet. Noch reichere Einnahmen tvurden auf dein in der Türkei üb- licheu Wege des„sanften Nachdrucks" erzielt. Da ferner der Sultan als absoluter Herrscher iiher Gnmd und Boden verfügt, so waren die Grunderwcrbskosten äußerst gering. Wer von den Eigentümern nicht freiwillig hergab, wurde einfach dazu gezwungen, und da schließlich auch die Arbeit, soweit sie von den Eingeborenen geleistet werden konnte, nur geringe Unkosten verursachte, so läßt es sich leicht begreifen, daß die Hedschasbahn äußerst billig gebaut worden ist. Die technische Leitung des Baues wurde� dem deutschen Ober- ingenieur Meißner Pascha anvertraut. Die Kunstbauten wurden an Unternehmer, meist Oesterreicher und Italiener, vergeben l ihre Ausführung erfolgte in der Hauptsache durch Eingeborene, da fremde Arbeiter nur schwer zu bekommen waren. Je mehr die Bahn in das Wüstengebiet eindrang, um so schwieriger gestaltete sich die Arbeiterfrage. Aus diesem Grunde und aus Gründe» der Billigkeit wurden die türkischen Truppen in großem Umfange zum Bahnbau herangezogen. Die Truppe» wurden in der Weise verwendet, daß die Eisenbahntruppen die Bettung her- stellten, die Gleise legten und kleinere Mmicrbauten, wie Durchlässe ausführten. Auch wurden aus ihnen die Mannschaften für die Er- kundungs- und Verineffungstruppe entnommen. Die Mannschaften der Pionierkompagnie wurden hauptsächlich in den Eisenbahnwcrkstätten als Mechaniker. Schlosser, Schnnede und Zimmerleute beschäftigt, die Mannschaften des Telegraphen- detachcments bauten den Eisenbahntelegraphen für die Hedschas- und Haifaliuie und wurden dann zur Bedienung der Telegraphen- apparate auf den Stationen verwendet. Es ist hier nicht möglich, den einzelnen Phasen des Bahnbaues zu folgen. Rur einige Schwierigkeiten seien erwähnt. Da ist zu- nächst der Wassermangel zu nennen, der um so größer wurde, je weiter die Bahn in das Wüstengebiet nach Medina vordringt. Sämtliche Brennmaterialien für Lokomotiven und Stationen mußten importiert werden. Ebenfalls mußte vom Auslande der Kalk und das Beleuchtungsmaterial bezogen werden. Weniger Schwierigkeiten bot die llebcrwindung deS Flugsandes, da in dieser Hinsicht nur Zeit und Arbeitskräfte erforderlich waren und beide in genügendem Maße zur Verfügung standen. Trotz der Ver- Wendung türkischer Truppen mußten doch für die Ausführung der Kunstbauten, Brücken, Stationsgebäude die erforderlichen Bauunter- nehmer und Zivilarbeiter im Auslände gewonnen werden. Die aus» ländischcn Arbeiter aber scheuen die Unbilden des Aufenthalts in der Wüste und die Strapazen, denen sie unterworfen sind. Mit jedem Kilometer weiteren Vorrückens in da? Wüstengebiet nahmen natür- lich die Uebelstände zu, die Verbindung nach rückwärts wurde immer länger und dadurch wuchsen auch der Bedarf an Betriebsmatcrialien und die frosten. Um so größer sind, wenn man auch die außerordentliche Hitze in Rechnung zieht, die Leistungen einzuschätzen, die die Berechnung aller Sachverständigen des großen Bauunlernchmens über den Haufen Iverfen. Nachdem bereits am 1. September 1904 der erste Teil der Strecke Damaskus— Müan<450 Kilometer) eingeweiht werden konnte, fand am 1. September 1907 die Einweihung der Strecke Muan— ENlla(980 Kilometer) statt. Nunmehr ist auch die Strecke Gt'lUa— Medina(320 Kilometer) fertiggestellt. Sehen wir von der politi- schen und der militärischen Bedeutung der Hedschasbahn ab, so läßt es sich nicht leugnen, daß sie große wirtschaftliche Umwälzungen in jenen der Kultur bisher unzugänglichen und verschlosienen Ländern herbeiführen wird. Ganz be- sonders die reichen Gebiete des Haurün und des Adschlun werden aus ihren Landcsprodukten weit größeren Gewinn erzielen als bisher. Die bessere Verwertung der landwirtschaftlichen Erzeugnisse wird aber zur Bebauung des noch in großer Ausdehnung brach liegenden fruchtbaren Bodens anregen, und dann wird der Haurün, der jetzt schon die Kornkammer Syriens genannt wird, vielleicht einmal dre Bedeutung einer Kornkammer für das ganze türkische Reich ge- Winnen. Auch südlich des Haurlln bis zum Wadi ei Araba findet sich, be- sonders in den Nebenflußtälern des Jordan, noch viel anbaufähiges Land. ES gedeihen dort neben der Dattelpalme, den Oliven- und Granatbäumen das Zuckerrohr, der Feigen- und Kaffeebaum. Die wenigen Fellachen und seßhaft gewordenen Beduinen, die jenes Land bewohnen, nützen es aber nur so weit auS, als ihr eigener Bedarf durchaus verlangt. Es fehlt diesen Leuten jegliche Kenntnis von rationellem Betriebe deS Ackerbaues, und ihre landwirtschaftlichen Geräte stehen auf der allerniedrigsten Stufe. Die Hedschasbahn wird auch hier umgestaltend wirken und die durch sie ernivglichte bessere Verwertung der Erzeugnisse des Bodens den ausgedehnteren Anbau des Landes fördern. Vorbedingung wäre allerdings eine Verbesserung der Wasserverhältnisse durch Anlage einer größeren Zahl von Zisternen, in denen die Niederschlagswasser gesammelt, und für die Bebauung des Bodens nutzbar gemacht werden, sowie die Besiedelung des Gebietes mit ackerbautreibenden Bewohnern. Es ist anzunehmen, daß die Beduinen, wenn sie die Vorteile er- kennen, die ihnen durch die Bebauung des Bodens und den günstigen Verkauf ihrer Produkte erwachsen, sich am Rande der Wüste nach und nach seßhaft machen und feste Wohnstätten gründen werden. Weder im Ostjordanlande noch im Hedschas gibt es bis jetzt eine nennenswerte Industrie. Anfänge dazu sind aber vorhanden. Im Wadi Sirhan, am Fuße der vulkanischen Ausläufer des Hauran- gcbirgcS bei Kaf und Etseri befinden sich Salinen, die nur zum Teil und in der allerprimitivsten Weise von den dortigen Dorfbewohnern ausgebeutet werden. Das gewonnene Salz wird auf Kamelen nach Damaskus geschafft und ist dort wegen seiner Güte besonders geschätzt. Im Hauran- und Adschlungebiet liegen Schwefel- und Petroleum- quellen, die bis jetzt fast ganz unbenutzt geblieben sind, ferner Eisen und andere Metalle, deren Umfang man noch nicht einmal fest- gestellt hat. Im Adschlungebiet(bei Jrdnr) befinden sich große Steinbrüche, in denen ein vorzüglicher Mühlstein gewonnen wird. ES ist zu erwarten, daß die Bahn zur industriellen Ausbeutung dieser Bodenschätze beitragen wird. Vielleicht werden dann auch wieder die auS der Römerzeit stammenden, alten verfallenen Berg- iverke des Landes Midian, einst berühmt ivegen seiner Erze und Edel- steine und auch heute noch reich an Silber. Kupfer. Schwefel und De- sonder? Türkisen, zu netiem Leben erweckt werden. Verantw. Redakteur: Georg Davidsihn, Berlin.— Druck u. Verlaa: Vorwärts Buckdruckerei u.VerlagsanstaltPaul Singer SrTo., Berlin LW.