Anterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 190. Donnerstage den 1. Oktober. 1903 (Nachdnm verdottn.) d Hndread Volt. Bauernroman von Ludwig Thoma. 1. Kapitel. Es war ein schöner Herbsttag. Die Sonne war gelb wie eine Butterblume und sah freundlich auf die abgeräumten Felder herunter, als betrachte sie behaglich die Arbeit, welche sie den Sommer über getan batte. Und die war nicht gering. Selten war eine Ernte besser geraten, und die Sonne hatte an vielen Tagen ihre Strahlen herunterschicken müssen, bis die schweren Achren gereift waren. Und wieder hatte es Wochen gedauert, bis die Halme am Boden lagen und bis die hochbeladenen Wagen ihre Lasten in h.ie Scheunen gebracht hatten. Nun war es geschehen, und in allen Tennen schlugen die Dreschflegel den Takt: hier und dort trotteten geduldige Pferde an den Göpeln im Kreise herum, und im Hofe des Hierangl fauchte und pfiff eine Dampfmaschine. Ueberall war fleißiges Treiben, und wenn die Sonne mit einem freund- lichen Stolze darüber lachte, so hatte sie recht, denn es war ihr Werk, und es war ihr Verdienst. Die Dorfstraße von Erlbach lag still und verlassen: die Menschen hatten keine Zeit zum Spazierengehen, und die Hühner liefen als kluge Tiere um die Scheunen herum, wo sie manches Weizenkorn fanden. Einige Gänse saßen am Weiher, streckten die Hälse und stießen laute Schreie aus: das taten sie, weil sich die Türe eines kleinen Hauses öffnete und zwei Männer heraustraten. Der vordere trug einen Pickel auf der Schulter, der andere eine Schaufel, und sie gingen gegen die Kirche zu, in den Friedhof. Die eiserne Gittertür kreischte und fiel klirrend ins Schloß. Nun konnte es jeder wissen, daß die beiden Toten- gröber waren, und daß an diesem schönen Tage, mitten in dem emsigen Leben, ein Mensch gestorben war. Die zwei blieben nicht im Friedhof, sie stiegen über die niedrige Mauer und fingen neben derselben in einem der- wahrlosten, kleinen Grasflecke zu graben an. Das war ungeweihte Erde, in die man Selbstmörder und ungetaufte Kinder legt. Es hatte sich aber kein Erlbachcr selbst entleibt, sondern das neugeborene Kind des Schüller- dauern Andreas Vöst war unter den Händen der Hebamme gestorben. Diese Person hatte nicht die Geistesgegenwart, sofort die Nottaufe zu vollziehen; die Mutter war bewußtlos, und sonst war niemand anwesend, denn alle Hände waren zur Arbeit aufgeboten. So geschah es, daß die kleine Vöst nicht in den Schoß der heiligen Kirche gelangte und als Heidin nach einem viertel- ständigen Leben verstarb. Ich weiß nicht ob der liebe Gott den unchristlichen Zu- stand eines Kindleins so hart beurteilt wie seine Geistlichen, aber das eine ist gewiß, daß es nicht in geweihter Erde ruhen darf, worein nur Christen liegen: darunter manche sonderbare. Also deswegen warf der Totengräber Kaspar Tristl mit seinem Sohne neben der Kirchhofmauer die Grube auf. Er nahm den Hut ab; jedoch nicht aus Ehrfurcht, sondern weil es ihm warm wurde. Er wischte sich mit dem Hemdärmel über die Stirn und sagte: „Wenn er g'scheit g wen waar, hätt er g'sagt, daß er eahm selm g'schwind d'Nottauf geben hat." Er meinte den Schuller. „Ja no," sagte der Sohn und schaufelte gleichmütig Weiter. Der Alte spuckte in die Hände und brummte: „Eigentli is's dumm." Dann arbeitete er wieder darauf los, und nach einer Weil war das Grab fertig. Es war klein und unansehnlich. Und da die Erde nicht sorgfältig daneben aufgeschichtet war, sondern mit Grasstücken untermengt herumlag, sah es recht jämmerlich aus. Tristl dachte wohl, daß es für ein Hcidenkind schön genug sei, und er stieg bedächtig über die Mauer zurück. Es war spät geworden; die kleinen Holzkreuze der Armen lagen im Schatten, aber auf die hohen Grabsteine schien die Abendsonne, und die goldenen Buchstaben glänzten schier heller als am Tage. Die Reichen haben es überall besser. Der Totengräber ging mit seinem Sohne durch den Friedhof. Als er draußen war, sah er einen Mann mit raschen Schritten gegen den Pfarrhof zueilen. „Aha!" sagte er,„der Schuller geht zum Pfarrer« DöI wcrd eahm Weng helfen." Und er setzte hinzu:„Eigentli is's dumm, daß a jede! Spitzbua drin liegen derf, und an unschuldig's Kind net." * Der Pfarrhof von Erlbach ist ein schönes, stattliches Ge» bäude, zwei Stockwerke hoch, jedes mit sechs Fenstern nach dev Straße hinaus. An der hellgetllnchten Mauer rankt üppige» Klematis hinauf und gibt dem Hause ein freundliches Aus» sehen. Davor liegt ein Blumengarten: so bunt, wie es der Ge» schmack hierzulande liebt. Rot und gelbe Georginen, blasse Malven, dazu Astern in allen Farben sind in reichlicher Fülle da. Die Beete sind mit Reseden eingefaßt, und am Zaune b» merkt man auch eine Blume mit braunem Sammeltkleide, Man heißt sie die schwäbische Hoffahrt. In der Mitte des Kiesweges, welcher zur Türe führt, ist ein Springbrunnen: daraus steigt ein Wasserstrahl in die Höhe, nicht dicker als eine Stricknadel, und fällt mit einem kaum vernehmlichen Plätschern nieder. Es ist ein Ort der Beschaulichkeit. Und darüber liegt eine Ruhe, welche dem heiligen Charakter des Hauses angemessen ist. Der Pfarrer wandelt hier mit ruhigen Schritten, während er im Gebete versunken ist: und der Kooperator geht so leise herum, daß man das Schmatzen seiner Lippen hört, weirn er sein Brevier liest. Ein gottseliges Wesen ist in der Luft und dringt durch die Fenster und Schlüssellöcher. Unsichtbare Englein fliegen herum, durch keinen rauhen Lärm verscheucht, Alle Türen klinken leise ein. und die fleischlichen Menschen schlürfen auf Pantoffeln durch den gewölbten Gang. An allen Wänden ist Frömmigkeit, nichts als Frömmig« keit. Hier hängt das Bild des Erlösers mit der Dornenkrone� Dicke, rotgemalte Blutstropfen stehen auf seiner Stirne und rinnen über den goldgestickten Krönungsmantel herab; dort ist Maria zu erblicken, die ihr Antlitz schmerzlich zum Himmel richtet. Aus ihren Augen fließen reichliche Tränen, und in ihre Brust sind spitzige Schwerter eingebohrt. Darunter steht:„Heilige Maria, Mutter des Welt« Heilands. Meines Herzens sehnlichster Wunsch und Gebet ist, daß mein Volk selig werde. Amen." Ueber einer anderen Tür ist ein großes Herz gemalt, und wieder fallen Bluts» tropfen hernieder über die helle Wand. In großen Buch» staben liest man geschrieben:„Süßes Herz Jesu, sei meine Liebe!" Neben der Treppe ist ein kleiner Altar aufgebaut: davor leuchtet eine rote Ampel still und feierlich in dem Frieden dieses Hauses. Aber heute wurde es mit einem Male laut, jemand riß heftig an der Glocke, daß sie durch den Gang schrillte, und als die Köchin Maria Lechner beim.Oeffnen der Türe den Ruhestörer zurechtweisen wollte, stapfte er schon an ihr vorbei auf genagelten Stiefeln. Die Schritte hallten an den Wänden wider, und bei dem ungewohnten Lärm zitterten die Heiligenbilder in ihren Rahmen, und die Englein flüchteten erschrocken durch das ge, öffnete Fenster. Auch Fräulein Lechner war aus ihrem Gleichmaße ge» bracht; während sie sonst, wenn Besuch kam, die Hände sittsam zum Gebete faltete, stemmte sie diesmal die Arme in die Seiten und fragte mit fetter Stimme:„Was ist denn das füy ein Lümmel?" � Es war A ldreas Vöst, der Schullerbauer von Erlbach» MWl»» und er stieß jetzt an alle Stufen an, daß die alte Stiege krachte und seufzte. Denn sie war an solche Tritte nicht gewöhnt. Oben unterbrach der Kooperator sein Gebet und schaute entsetzt auf den Gang hinaus.„Gelobt sei Jesus-'rnmsl" sagte er: der Schuller achtete nicht darauf und ging weiter sbis zur vordersten Türe. Er hatte kein Empfinden für die Heiligkeit dieses Hauses, er klopfte mit groben Knöcheln an und wartete kaum auf das „Herein". Und drinnen stand er breitbeinig vor seinem Seel- Lorger und sah ihn mit Blicken an. die keine Demut verrieten. Herr Georg Baustätter, Pfarrer in Erlbach und Kämmerer des Kapitels Berghofen, ging ihm entgegen und lächelte. Aber es lag Trauer in diesem Lächeln. Und er sagte:„Ich weiß, warum Ihr kommt. Vöst." „Dös is net schwaar zum derraten," erwiderte der Schullerbauer, also is's jetzt soweit, daß ma dös kloa Kind eigrabt. als wia r' an Hund?" „Es ist die Vorschrift unserer heiligen Religion." „So, heilig is dös?" „Werdet nicht heftig I" sagte der Pfarrer und sah auf seine gefalteten Hände nieder,„ich bin doch heute morgen bei Euch gewesen und habe Euch alles auseinandergesetzt." „Ja. aba i Hab gmoant, es kunnt no änderst wer'n. Jetzt hat a Kaspar scho's Loch aufgraben. Mei Knecht hat'n v'sehg'n." „Wir dürfen über die Gesetze unserer Kirche nicht »nurren: wir müssen bedenken, daß sie unsere Mutter ist und unser Bestes will..." „Und mi müatzten ins no bedanka.-." „Unterbrecht mich nicht! Es geht Euch wie dem Sohne, der die Strenge der Mutter fühlt, aber nicht sieht, daß sie heilsam ist." „Also is jetzt da gar nix mehr z'macha?"� „Wir wollen hoffen, daß Gott dieses Kindlein in den Vorhof der Seligkeiten gelangen läßt: wir wollen darum beten, aber es steht nicht in unserer Macht, dasselbe in ge- weihter Erde zu begraben." Aba sinscht grabt's an jeden ei, und bal oana köpft werd, Vacha grabt's'n aa'r ei, und bal.. „Ihr versündigt Euch, aber ich will es verzeihen, weil Ihr schmerzlich bewegt seid." „I Hab koan Schmerz durchaus gar net," sagte der Schuller und zog seinen ledernen Geldbeutel aus der Tasche. „I Hab durchaus koan Schmerz net. Was koscht's, bal's Kind in sZreithof a richtig's Grab kriagt?" «Es sind Worte genug geredet, Vöst« Geht jetzt heim!" (Schluß folgt.) (Nachdruck derbolen.) 291 Huf Irrwegen. Von Jonas Li«. 13. Es war ein ganz anderes Gesicht, mit dem ihm Luders heute entgegenkam, als das, was Faste bis dahin gewohnt und be- kannt war. Luders hatte ziemlich unzeremoniell nach ihm geschickt und ihn gu einer Privatunterredung auf sein Kontor bestellt aus Anlaß deS Umstandes, daß Faste an eine Generalversammlung der Aktionäre appellieren wollte-- „Es nützt nicht, die Sache zu verschleiern oder die Lage färben und aufblasen zu wollen, Herr Forland I Die Tatsache ist, daß die Banken jetzt schon lange keinen Heller auf unsere Badeaktien haben leihen wollen,— daß Böckmanns Bank sie, wie es heißt, nur noch hält, um selber ihre eigenen vielen los zu werden. Kurz und gut, — die Aktien, die jetzt rings umher in den Taschen der Leute stecken,— und hier sind meine achtzehn!" er schlug auf den Haufen, —„sind nicht einmal das Papier wert, auf dem sie gedruckt sind. -- Ein Schwindel sondergleichen. Herr Forland I— Mit einem Leichtsinn ohne Grenzen haben Sie Ihre Mitbürger in ein Unter- nehmen hineingelockt, das ein vielfach größeres Vorschußkapital erforderte, als es unsere kleinen Verhältnisse irgendwie zu be- schaffen imstande sein konnten,— eine reine Millionenspekulation, Über die ein Heer von betrogenen Menschen jetzt die Hände ringt, — und die außerdem im günstigsten Falle auch noch Zeit erfordert »— eine lange Reihe von Jahren,— um sich herauszuwachsen." „Wenn Sie nach mir geschickt haben, Herr Konsul, um mir diese verlockende Aussicht zu zeigen, so kann ich Sie nur auf die Generalversammlung verweisen. Dort werden Sie Antwort er- halten!" „Generalversammlung,— Generalversammlung?— Sie find doch wohl nicht von Sinnen, Mensch?-- Das Elend öffentlich ausposaunen.—- den Aktien den letzten Gnadenstoß geben—?* „Das Unternehmen muß aufrechterhalten werden,—" erklärte Faste.„Wollen die Großen ihm nicht über die KrifiS hinweg. helfen, so versuche ich es bei den Kleinen!" Der Konsul sah Faste plötzlich fest in die Augen: „Ich will Ihnen etwas sagen. Keiner von den leitenden Ge. schäftsleuten der Stadt würde sich mit Ihnen eingelasien haben. wenn man nicht Grund zu der Annahme gehabt hätte, daß Sie in gewisser Weis« Ihren Onkel Joel im Rücken hätten,— jedenfalls einmal Geld von ihm erben würden.-- Nun, darüber will ich nicht weiter philosophieren,— wenn ich nur das meine bekomme! Aber das will ich haben," zischte er plötzlich mit zusammen- gebissenen Zähnen und hielt Faste die geballte Faust vors Gesicht. „Ihr Onkel, der Ihnen so prächtig mit dem Kredit genützt hat, der soll mir die achtzehn Aktien bezahlen.-- Generalversammlung?" fuhr der Konsul höhnisch fort—=» „Ja, Sie können mir glauben, da ist mancher, der Sie jetzt gern gehörig vermöbelte,— alle die armen Leute, denen Sie dies alles so lustig ausgemalt und geschildert haben, daß sie ihr Geld dazu herausrückten.-- Sie können mir glauben, wenn die in einer Generalversammlung einen Anhalt bekämen, auf Grund besten sie gegen Sie vorgehen könnten,— zum Beispiel gewisse Er- öffnungen, die Ihnen Anwartschaft auf einen Ort verschafften, wo Sie Zeit und Muße hätten, über die Sache nachzudenken,— sie würden nicht stimmen, sie würden brüllenl»f. Und, sehen Sie, Herr Architekt," kam es verbissen heraus,— „gerade allerlei dazu geeigneten Stoff könnte man Ihnen auf einer solchen Ge— ne— ralversammlung an die Hand geben. Ich habe mir erlaubt, die Papiere und Quittungen da unten in der Badeanstalt zu studieren, und mein geringstes Vorhaben geht darauf hinaus, das Publikum darüber aufzuklären, daß Sie nach. weislich einmal über das andere auf eigene Hand über die Mittel der Badeanstalt verfügt haben, und zwar weit über Ihre Be. fugnis hinaus und zu ganz anderen Zwecken, als wozu Ihnen das Geld bewilligt war." i,Es ist doch ganz selbstverständlich," sagte Faste kühl,—„daß' ich so handeln mußte, wie ich es den Umständen nach im Jnter» esse der Badeanstalt für das richtigste hielt. Das Ganze mutzte selbstverständlich in erster Linie aufrecht erhalten werden. Es wird mir ein Vergnügen sein, Ihnen zu antworten, notabene an der rechten Stelle, und das ist in meinen Augen die Generalver» sammlung, Herr Konsul— und nicht Ihr Privatkontor."— Faste griff nach seinem Hut. „He, he,— dann reden wir auch an derselben Stelle darüber,' wie es zuging, daß Sie, Herr Forlcmd, den Leuten Sand in die Augen streuten, so daß das berühmte Hotelfest gefeiert werden konnte,— indem man in aller Eile die Kasse der Badeanstalt um elftausend erleichterte!" „Drohungen?— gegen mich?—" stürzte Faste plötzlich inS Zimmer zurück--.„Nein, ehe mich die bewegen sollten.— eher spazierte ich freiwillig ins Zuchthaus, worauf Sie ja vorhin höflicherweise anzuspielen beliebten. Im übrigen will ich Ihnen herzliche Freude von der Generalversammlung versprechen,"—- er grüßte und ging.-- Ja, nun befand er sich wieder auf der Kehrseite der guten Stadt!-- Ein« solche kleine Stadt am Rande einer Panik hatte etwa? von der gefährlichen Zügcllosigkeit eines durchgehenden Pferdes an sich,— es galt, es mit kräftigem Griff in die Zügel wieder auf den rechten Weg zu lenken! Er sammelte, weiß Gott, Er- fahrungcn, was es heißt, eine Sache aufrecht zu halten, wenn die öffentliche Meinung darüber herstürzt— Sie dachten wohl, daß er das Schiff verlassen würde wie eine Ratte! Vor allen Dingen würde es notwendig sein, die eigene Familie zu stählen, deshalb bog er nach dem Hause deS Doktors ab. «Nun?— Ihr meint wohl auch, daß eS schlimm aussieht?� sagte er, als er zu Sölvi in die Stube trat.„Die Leute gebärden sich ja wirklich ganz wie toll." „Ach ja, Faste, wir müssen unser Päckchen tragen, wenn Du nur damit durchkommst," antwortete Sölvi freundlich. Es lag etwas niedergeschlagen Nachsichtiges in ihrem Ton, was Faste der- letzte. „Jh seid natürlich besorgt um Euer Geld!" rief er aus. „Um unsere beiden Aktien?— Ach nein, Falkenberg und ich sind beide der Ansicht, daß wir die in den Schornstein schreiben müssen,— wenn es auch nicht so ganz leicht für uns ist." «Bedaure sehr, nicht in der Lage zu sein, sie Euch gerade jetzt einzulösen; sonst würde ich Euch sofort von der Last befreit haben, --" sagte er bitter. „Du mußt uns nicht Unrecht tun, Faste.— an die Aktien denken wir gar nicht so viel." „Aber verloren müssen sie absolut sein?— Dieser Gedanks scheint augenblicklich über die ganze Stadt hinzuwehen I— Als ob das Unternehmen nicht genau so gut und haltbar ist. wenn auch eine Reihe von Menschen plötzlich auf den Einfall kommen, aus Angst vor einer kleinen Krise den Kopf zu verlieren." „Mißverstehe uns nicht, Faste.— Ein Doktor soll ja nur von seiner Praxis leben. Wenn er dann aber plötzlich als Hauptperson eines Unternehmens dasteht, von dem wenigstens die meisten Menschen glauben, daß es Not und Elend über die ganze Stadt bringen tvird, so wird man ja dadurch in eine etwas schiefe Stellung gebracht,— man wird unpopulär." «Ja, so sieht es aus,— augenblicklich!" unterbrach Faste sie. --„Aber um dies alles soll auf der Generalversammlung ge- kämpft werden!— Die Leute heulen über ben Badeort, che dieser noch Gelegenheit gehabt hat, Einnahmen von sich zu geben.-- Aber ich werde sie durch«in kleines Panorama ermuntern,— werde ihnen zeigen, wie öde und tot es hier wieder werden wird, wenn das große Fenster, das wir nach der Welt hinaus eingesetzt haben, wieder zugenagelt wird! Du ahnst nicht, Sölvi, was es heißt, sich Nach einem frischen, fröhlichen Kampf zu sehnen, wo man seine Kräfte brauchen und vor der Oeffentlichkeit mit alledem kämpfen kann, was einem zu Ge- böte steht, statt immerwährend privatim in den Rücken gestochen zu werden." „Ob ich es ahne. Faste—" Diese sanfte Miene und diese ewigen Wiederholungen von seitens Sölbis konnte er nicht leiden, da waren ihm doch die beißendscharfen Antworten, an die er früher gewöhnt gewesen war, weit lieber. Er ging im Zimmer auf und nieder und pfiff leise vor sich hin. —— Die Seinen fingen scheinbar an, demütigen Herzens zu werden,— sie meinten wohl, daß das Meer abermals das Haus umbrause!-- „Willst Du den Jungen denn gar nicht einmal ansehen?" fragte Sölvi beruhigend. „Den Jungen?— Ich hätte beinahe gesagt, hast Du einen Jungen? ES ist so lange her, seit ich an so etwas gedacht habe, Du—" sagte er zerstreut, indem er ihr ins Schlafzimmer folgte.— „Ein Prophet muß natürlich den Glauben so lange wie möglich auftecht halten," hörte er hinter sich sagen, als er auf dem Rück- Wege um die Ecke des Kirchenpfades bog. Es war Tryggesens Stimme,— eine Anspielung auf seine unverzagte Art und Weise zu gehen. Und Faste fühlte selber, daß er einem aufgezäumten Pferd glich, wenn er durch die Geschäftsstraßen mußte.-- Er hatte das Vergnügen, schon von weitem den alten Konsul Klüver zu sehen, der es auch jetzt für gut befand, stillzustehen und ihn anzusehen; aber freilich mit einem ganz anderen Griff um den Stock als dazumal, als er ihn den„Mirakelmacher der Stadt" titu- lierte.-- Und als Konsul Wulff vorüber wollte, blitzte es wie Spott in seiner Mene auf, als er ein wenig demonstrativ grüßte.-- Verteufelt angenehme Straße, diese Hafcnstraße,— es war, als wimmele es von Menschen, die alle das jüngste Gericht in den Mienen mit sich herumtrugen.— Der Zollinspektor hatte sich ein kupferrotes Geficht zugelegt und starrte ihn förmlich wild an.— Und da kam Fräulein Laura Groth quer über die Straße zu ihm herüber. Sie glich einem jener größeren schwerfällig flattern. den Schmetterlinge, und man sah ihren Flügeln an. daß auch sie von der allgemeinen Angst ergriffen war. „Sagen Sie mir doch, ist jemand gestorben?— Heimgegangen?" kam ihr Faste entgegen.„Sie sehen so wehmütig teilnahmsvoll aus, — das Gesicht so fromm in Falten gelegt." Sie schüttelte den Kopf und sah ihn verletzt an.-- (Fortsetzung folgt.) Das XTbcatcr der Segenwart. (Schluß.) Besser waren nach der Seite der Ensemblebildung die Hof- und Provinztheater dran, sofern ihre Leitung nicht jeglicher dra- maturgischen Initiative bar war. Und wirklich arbeiteten sich ein paar Hoftheater zu achtunggebietender Höhe empor. Die Mei- ninger hatten in bezug auf die Rcgieführung nicht umsonst ge. wirkt; der Impressionismus der Schauspieler, der in Berlin zur alleinseligmachenden Manier ward, ließ sich von einsichtiger Regie die rechten Grenzen anweisen, und ging die Theaterleitung der jungen Literatur nicht ängstlich aus dem Wege, so waren schöne Erfolge zu erzielen. In B e r l in, dem eigentlichen Mittelpunkte deutschen lite- rarischcn und theatralischen Lebens, dort wo mit dem aufkommenden Echten und Bedeutungsvollen auch die Scheinwerte gemacht wurden, hatte inzwifchen der Kampf um die neue Kunst nicht geruht. Mehrfach war der Versuch gemacht worden, über den Stil und namentlich das Repertoire d«S Deutschen Theaters hinauszu- kommen. Man wollte Ibsen mehr gepflegt sehen und nach dem Muster von Antoines Theütre Libre, das 1887 in Berlin mit starkem Eindruck gastiert hatte, entstand 1889 der Verein«Freie Bühne" in der ausgesprochenen Absicht, der abseits der Konvention stehenden Dramatik eine Heimstätte zu bereiten. Mit den Aufführungen der Freien Bühne hatte der Natura- liSmus sich durchgesetzt. Es gab nunmehr in Berlin eine Bühne, wo auch das freieste de: freien Kunstwerke eine Feuerprobe vor dem Publikum erhoffen durfte. Allerorten in Deutschland wuchsen ähnliche dramatische Vereine empor; in Berlin selbst entstanden «ine ganze Reihe derartiger Unternehmungen, die hie und da einen literarischen Erfolg zu verzeichnen hatten. Deer Schauspielkunst. der Weiterbildung des naturalistischen Stiles in einem Ensemble konnten sie nicht dienen, weil nach jeder Vorstellung das zusammen- getrommelte Völkchen der Komödianten wieder auseinanderlief. Erstklassige Darsteller befanden sich zudem nicht unter ihnen; sie waren den großen Theatern, wenn auch im immerwährenden Wechsel, verbunden. Von den großen Berliner Bühnen stand noch immer daS Deutsche Theater im Mittelpunkte des Interesses. An L'ArrongeS Stelle war 1894 Otto Brahm als Direktor getreten, der diese Bühne nunmehr ganz dem konsequenten Naturalismus dienstbar machte. Wieder waren die Schauspieler und das Ensemble das Wert- vollste am Deutschen Theater. Eine reine, künstlerische Linie, eine intime Kleinkunst ging in den ersten Jahren der Leitung BrahmS durch das Ganze. Nur das Repertoire ließ Wünsche offen. Brahm pflegte Hauptmann und Ibsen, Dreher und Sudermann, hielt auch Umschau unter den Klassikern, aber ein der Bedeutung seines Ensembles entsprechendes klassisches Repertoire brachte er nicht zustande. Er blieb literarisch einseitig; der Naturalismus und seine Talente waren ihm die Vertreter des echten Dramas. Dazu kam, daß er sich zu sehr in materielle Abhängigkeit vom Erfolg, vom Kassenrapport brachte. So gingen Fulda und Hart- leben über Kleist und Hebbel oder gar Goethe, so verlor er, ob- wohl er Bühnenbilder, namentlich Interieurs, von überraschender Milieutreue seinem Publikum zu geben vermochte, doch die Führung. Die EntWickelung ging über ihn hinweg und fuchts nach anderer Gelegenheit, nach einem anderen Führer, die heim- liche Sehnsucht der Zeit zu erfüllen. Sie fand den neuen Mann in Max Reinhardt, einem guten Episod.'nspieler des Deutschen Theaters. 1901 begründete er das Kleine Theater mit Künstlern wie Emanuel Reicher, Rosa Bertens, Gertrud Eysold und Luise Dumont, 1993 eröffnete er das Neue Theater und seit 1994 herrscht er im Deutschen Theater, während Brahm das Lessing- Theater übernommen hat. Reinhardt hat das koloristische Element auf der Bühne zu Ehren, vielleicht zu allzugroßen Ehren gebracht. Auch er strebte Mlieutreue an, beschränkte sich aber nicht auf Jnnenräume, wie in seiner Ausführung von Gorkis„Nachtasyl", sondern legte den Nachdruck seiner Negisseurtätigkeit auf das Landschaftliche. Man brachte die Wirklichkeit, einen grünen Rasen- teppich, wirkliche Fichten und Birken auf die Bühne und stellte das Ganze in einen aus der Stimmung des aufzuführenden Dramas heraus geschaffenen Rahmen, für dessen künstlerischen Wert die Namen der Maler Walser, Orlik, Roller sprachen. Alle Künste wurden zum Schmuck der Szene, zur Hebung der Illusion heran- gezogen. Musiker von Rang und Ruf, wie Humperdinck und Pfitzner, brachten die im klassischen Drama notlvendige Begleit- musik in edler, auf das Ganze abgestimmter Form, und eine ganze Anzahl von Dramaturgen, förmliche Spezialisten in ihrem Fach, walteten ihres Amtes. So konnte Reinhardt mit Darstellern wie Rudolf«childkraut, Kaysler, Winterstein, Pagay und Engels, der neben Vollmer am Königlichen Schauspielhaus und Schweig- hofer, jetzt der beliebteste Komiker der deutschen Bühne war, mit Schauspielerinnen wie Gertrud Eysoldt, Lucie Höflich, Tillai Durieux und Hilde Mangel Aufführungen herausbringen, die in bezug auf Milieu, Stimmung und Zusammenspiel des Ensembles einen bis dahin noch nicht erreichten Höhepunkt darstellten. Die „Salome" Wildes, die„Elektra" von Hugo von Hofmannsthal, Maeterlincks„Pelleas und Melisande", Lessings„Minna von Barnhelm",„Der Sommernachtsteaum",„Kabale und Liebe", „Der Kaufmann von Venedig",„Das Käthchen von Heilbronn", die Dramen Frank Wedekinds. Shaws und der Neuromantiker wurden so Ereignisse nicht nur des Berliner theatralischen Lebens. Der dichterische Stil eines jeden Werkes wurde zum Vorbilde für den Stil der Darsteung. Man konnte sich Zeit und Mühe nehmen, die intimsten Wirkungen aus dem Werke herauszuholen. weil es ja genügend lange, oft über 1b9mal hintereinander auf dem Repertoire stand, und die Darsteller nicht, wie an einem Hof- oder Stadtlhcatcr, gezwungen waren, heute dies und morgen da? zu spielen. Auch der szenische Aufbau konnte auf der Drehbühne für allemal siehen bleiben, ein Vorteil für die Regie, der nicht zu übersehen ist. Die Reinhardtschen Theater gelten heute als die ersten Theater Berlins und haben noch insofern eine Er- Weiterung erfahren, als Werke, die sich für ein großes Publikum. in einem großen Rahmen nicht eignen, auf einer kleinen, intimen Bühne gegeben werden und als„Kammerspiele" schnell zu einer Berliner Sensation geworden sind. Ein Ereignis für daS gesamte theatralische Leben Deutsch- lands war im Frühling 1999 das Gastspiel des Moskauer künstle- rifchen Theaters. Der beispiellose Erfolg, den die russische Künstlerschar in Berlin, Dresden, Wien und anderen deutschen Städten davontrug, gab zu denken. Wie konnte es kommen, daß man zu diesen Moskowitern ausschaute wie zu Verkündcrn einer neuen Lehre, zu Bringern eines das Tiefste unseres Wesens durch- zitternden und erschütternden künstlerischen Evangeliums? Waren unsere Schauspieler, unsere Regisseure um so viel schlechter als die der Russen? Nein, pie Gründe für das damals uns bewußt werdende Erstarren der deutschen Sckmuspielkunst lagen anderswo. Unsere Theater sind, wie wir gesehen haben, mit Ausnahme einiger weniger vornehm geleiteter Bühnen. Geschäftstheater, müssen von Unternehmern ort großen Stiles gleitet kein, kür die das iünltle» 760 rische, das im feinsten Sinne künstlerische Element erst in zweiter I größerer Sicherheit haben darf, als die Leute in den Bahnen boz Dinie kommt. Und auch die paar Hoftheater, denen es um ein 50 Jahren. Das furchtbare Berliner Hochbahnunglüd Literarisches und darstellerisches Renommee zu tun ist, find an vom 26. September hat nun freilich gezeigt, daß man von dem thren Etat gebunden. müssen Rücksichten nehmen sind womöglich Ziel, die Unzulänglichkeit menschlicher Bedienung aus dem Eisens Beeinflussungen von obenher unterworfen, die in persönlichen bahnbetrieb ganz auszuschalten, noch immer ganz erheblich ente Geschmacksrichtungen, nicht aber in wirklich literarischem Ber- fernt ist. Jedenfalls aber ist das Bestreben der Technik und ihrer Ständnis ihren Ursprung haben. Da ist es schwer, ein gutes Res Verwertung stetig darauf gerichtet, diese persönlichen Fehler" de pertoire, leichter noch, ein gutes Ensemble zusammenzuhalten. Menschen aus unserem Schnellverkehr immer mehr auszuschalten. Der Herzog von Meiningen vermochte einst beides, weil er ein Auch dann aber wird es nicht überflüssig werden, dem Gesundheits. geborener Regisseur war, und weil ihm die Mittel, seine Ideen zustand der Eisenbahnbeamten eine besonders scharfe Aufsicht zu zu verwirklichen, zur Verfügung standen. Den Russen erging es zuwenden. Wenn auch die Berliner Katastrophe nach der bisähnlich. Welches deutsche Theater tann 180 000 Mark in eine herigen Untersuchung nicht auf einer plöblichen Erkrankung des Aufführung des Julius Cäsar" stecken, welche Bühne, abgesehen Bugbeamten beruht zu haben scheint, so ist doch nicht zu übersehen, bon Berlin, würde mit vier oder fünf Dramen, die auf achtzig daß die Fälle von plöblichen Erkrankungen der Zugführer mit be und mehr Proben vorbereitet worden sind, einen Winter hindurch denklichen Folgen für die Sicherheit des Zuges nicht so überaus existieren können. Es waren eben zum Teil viel günstigere Be- felten sind. Im klassischen Lande der Eisenbahn, in England, sind dingungen, unter denen die Moskauer ihre Arbeit begannen. während der letzten Monate mehrere Fälle dieser Art zu ver Ihre Bestrebungen nach einem neuen fünstlerischen Realismus zeichnen gewesen. Namentlich ein Ereignis, das im Mai vorfiel, gingen natürlich auf die Meininger, die ja in Rußland große gab zu denken. Der Zugführer eines Schnellzuges wurde wenige Triumphe gefeiert haben, zurück. Aber inzwischen war in Rußland Minuten nach der Ausfahrt vom Anfangspunkt vom Schlage ge die große Stiltragödie im Schillerschen Sinne, die Alexei Tolstoi troffen und fiel sofort tot im Vorraum der Maschine nieder. angestrebt hatte, vom modernen Stimmungsdrama überholt worden, Troßdem ein weiteres Unglüd vermieden wurde, entstand eine von der wenig dramatischen aber echt dichterischen Kunst eines lebhafte Aufregung, die gerade daraus erklärlich war, daß man Tschechow, eines Gorki. Und in der Sicherheit, mit der das angesichts eines solchen Vorkommnisses die Unzulänglichkeit russische Ensemble den ganzen Etimmungsgehalt einer Dichtung menschlicher Voraussicht durchaus zugeben mußte. Immerhin läßt erschöpfte, das außerhalb der eigentlichen Handlung liegende, die sich auch die Neigung zum Schlagfluß zuweilen erkennen, und man Menschen und ihr Tun aber bedingende Milieu zur Wirkung, follte feinesfalls Leute, bei denen ein derartiger Argwohn vor. bisweilen zur entscheidenden Wirkung heranzog, lag ein unge liegt, zu Lokomotivführern machen. Vor ganz furzer Zeit erst hat heuerer Fortschritt. Man lächelte damals über unsere Schauspieler. Ganz mit sich wieder in England ein ähnliches Ereignis abgespielt, das noch Unrecht. Es wäre töricht, wenn wir behaupten wollten, wir biel mehr als die vergangenen die öffentliche Meinung beschäftigt hätten keine oder nur wenige Künstler von der Bedeutung jener Moskauer Gäste. Wir haben im Gegenteil ein ganz ausgezeichnetes Schauspielerpersonal in Deutschland, das unter so genialen Regisseuren, wie Stanislawski und Nemirowitsch- Dantschenko es waren, ganz sicher ähnlich Hervorragendes leisten würde, wenn es zu dem erzogen werden könnte, was die Russen vor ihm voraus hatten, zu darstellerischem Solidaritätsgefühl, Das soll heißen: unseren Künstlern fehlt im allgemeinen die tiefe Achtung vor der Dichtung, vor ihren Mitspielern und vor dem genießenden Publikum, welche den russischen Darstellern oberstes Prinzip war. Wenn ein deutscher Darsteller fühlt oder auch nur sich einbildet, daß er seine Kollegen am Können überragt, so wird er in neunzig bon hundert Fällen in den Vordergrund spielen, ohne Rücksicht auf Dichtung und Mitwirkende. In Berlin hat man, bei Brahm, bet Reinhardt, diese Neigung des deutschen Schauspielers zum großen Teil unterdrückt, im allgemeinen herrscht sie noch überall bor. Und so lange es nicht gelingt, den deutschen Schauspielerstand zu jenem Solidaritätsgefühl feinster Art zu erziehen, werden wir teine wirklich große Darstellungskunst haben. 3m deutschen Nationaltheater, an dem fo eifrig gearbeitet wird, fehlt dann immer noch viel, es fehlt vor allem die Einheit des sozialen und ethischen Lebens der Nation, ohne die ein solches Theater undenkbar ist. Diese Einheit zu er reichen ist vielleicht eine Hoffnung von Jahrhunderten. Aber sie wird kommen, und wir können ihre Berwirklichung vorbereiten. Je mehr es uns gelingt, unser Bolt zu einem Kulturbolt zu er ziehen, je mehr wir es die Sensationswerte von den echten Werten unterscheiden lehren, um so näher rüft das Ziel. Die Schauspiel tunft wie das Theater überhaupt, als einer der allerersten Bildungsfaktoren eines Volfes, muß immer und immer wieder auf die Pfadfinder unserer dramatischen Literatur hinweisen. Dann wird, auf Kleists, auf Hebbels, auf Jbsens Wegen, der große Dramatiter unseres Volfes kommen, den alle verstehen werden, wie die englischen Renaissancemenschen alle ihren Shakespeare verstanden. Dann können große Schauspieler und bedeutende Regiffeure die Arbeit der Jahrhunderte mit der Begründung eines deutschen Nationaltheaters frönen, dann wird es möglich sein, unsere Dichter wahrhaft darzustellen, zur Feier der Schönheit und bes Lebens. Kleines feuilleton. Verkehrswesen. Bahnkatastrophen durch Erkrankung des Bug. führers. Die gewaltige Zunahme der Zuggeschwindigkeit und Bughäufigkeit auf den Schnellbahnen hat das Bedürfnis erzeugt, die Hygiene der für die Sicherheit des Verkehrs verantwortlichen Eisenbahnbeamten auf eine neue Stufe zu heben. Mit der alten Gemütlichkeit des Eisenbahnverkehrs ist es wohl ein für allemal borbei, oder sie hat sich in entlegene Winkel zurückgezogen, wo sich aus dem Lebenslauf einer Sekundärbahn noch hin und wieder Scherze für Wigblätter mögen züchten lassen. Sonft ist es überall mit der Geschwindigkeit der Beförderung ein scharfer Ernst ge worden, und man kann sich nur dazu beglückwünschen, daß die Beistungen der Technik und das Berantwortlichkeitsgefühl der Bahnverwaltungen in ihrer Anwendung gleichfalls so hoch ge Stiegen sind, daß der Fahrgast einer Schnellbahn heute ein Gefühl hat. Auch dabei handelt es sich um eine Schlaglähmung, die den Bugführer traf und in dem Bedienungsraum der Maschine niedertrecte. Der Heizer war davon so betroffen, daß er auf die Maschine nicht acht gab, sondern sich mit seinem Kameraden be schäftigte, der in völlig hilflosem Bustande dalag. Infolgedeffen rafte der Zug, der mit Marttbesuchern überfüllt war, mit zu nehmender Geschwindigkeit fort und überfuhr die nächste Station, zur größten Beunruhigung der Insassen und der Beamten des Bahnhofes. Die größte Gefahr war im Verzuge, weil alle Signale gegen den Zug standen, indem ein Eilzug in der Richtung auf London zu erwarten war. Ein aufmerksamer Weichensteller vermochte den steuerlosen Zug noch gerade rechtzeitig auf ein Seitengleis abzu lenken, und unmittelbar danach faufte der Schnellzug auf dem eben entlasteten Gleise vorüber. Nunmehr hatte der Heizer die Herr schaft über sich selbst wieder gewonnen und brachte den Zug zum Stillstand. Der Lokomotivführer wurde noch völlig gelähmt und sprachlos am Boden des Bedienungsraumes der Maschine auf. gefunden. In diesem Falle fönnte es schwer sein, die Schuldfrage in gerechter Weise zu beantworten. Am ehesten hätte sie vielleicht den von der Eisenbahnverwaltung angestellten Arzt betroffen, denn der berunglüdte Lokomotivführer hatte eine schwere Strankheit durchgemacht, und war eben erst entlassen worden, um seine Arbeit wieder aufzunehmen. Wahrscheinlich war die Entlaffung zu früh erfolgt, oder es hätte der Schluß gezogen werden müssen, daß der Mann überhaupt für seinen verantwortlichen Dienst nicht mehr geeignet wäre. Das schwere Eisenbahnunglüd, das sich gerade vor einem Jahre bei Shrewsbury in England ereignete, wird immer unaufgeklärt bleiben, weil der schuldige Maschinenführer dabei das Leben verlor. Er hatte dadurch eine Entgleisung beranlaßt, daß er bersäumt hatte, die Geschwindigkeit vor dem Befahren einer Kurve herabzusehen. Auch aus dieser Katastrophe aber war eine Lehre zu entnehmen, denn es wurde festgestellt, daß der Lokomotivführer seit seiner Einstellung in den Dienst, und zwar seit ungefähr 40 Jahren, lein einziges Mal mehr ärztlich untersucht worden war, obgleich er sich nunmehr in einem Alter befand, das ihn vielleicht schon an sich zur weiteren Ausübung dieses Berufes als untauglich erscheinen ließ. Häufige ärztliche Untersuchungen der für die Betriebssicherheit verantwortlichen Eisenbahnbeamten müssen sich auch, wie in den letzten Jahren immer wieder hervorgehoben worden ist, namentlich auf die Prüfung der Augen erstrecken. Leute von einem gewissen Grade der Kurzfichtigkeit oder Farbenblindheit sind von vornherein von dem Amte eines Lokomotivführers oder Signalwärters auszuschließen. Aber die Unetrsuchung muß auch oft wiederholt werden, da der Zustand des Auges sich leicht verändert. Es sind Fälle er. wiesen, in denen Lokomotivführer mit schiveren Augendefekten 10 Jahre lang Dienst getan haben, ehe dieser Fehler entdeckt wurde. Vor allem muß natürlich dafür gesorgt werden, daß die Verfürzere Arbeitszeit, fehrsangestellten Arbeits Arbeitszeit, hygienische bedingungen, beffere Bezahlung und eine wohlverdiente Versorgung im Falle der Invalidität und des Alters erhalten. Man fann ihnen nicht auch noch die Verantwortung für die Folgen der Ausbeutung aufhalfen, deren Opfer sie und nur zu häufig auch das Daneben sind in erhöhtem Maße reisende Publikum werden. technische Werbefferungen, die die Folgen menschlicher Zufälle zu verhindern imstande sind, einzuführen. Verantw. Redakteur: Georg Davidsohn, Berlin.- Drud u. Verlaa: Vorwärts Buchdruderei u.Verlaasanstalt Baul Singer& Co..Berlin SW.