Zlnlerhaltlmgsblatt des Horwärts Nr. 192. Sonnabend � den 3 Oktober. 1903 (Nachdruck verboiey.Z HndrczQ Vöft. Gauernroman von Ludwig Thoma. . �„Daß d' gar nimmer kimmst. Xoverl? Seit guatding drei Wocha hascht di nimma schg'n lassen." ..Unter der Arndt hon i koa Zeit auf dös." „Sinscht Host d'a wohl Zeit g'numma." „Jetzt is halt net ganga." Sie ging schweigend ein paar Schritte neben ihm her. Dann fragte sie:„Hoscht d'as dahoam scho g'sagt?' „Ob i was g'sagt Hab?" „Frag' it a so! Hoscht nix g'sagt, daß i in der Hoff «ung bin?" „Dös geht do bei mir dahoam neamd was ol De wern sie nix bekümmern um dös." „Hoscht ma's du i g'hoaßen. daß d' mi heiratst?" „Da is mir nix bekannt." „So redst du jetzt? A so tatst ma's du macha? Hoscht it g'sagt, du brauchst durchaus koan Angst it z' Hamm?" „Geh du dein Weg und laß mir mei Rnah!" „Jetzt tat'st di weglaugna, du ganz Schlechterl Aba du derfst di zahl'n grad gnua!" „Des werd sie aufweisen: da fand anderne aa no be- teiligt" „Dös ko'st du net mit Wahrheit behaupten." »Jetzt geh mir aus'n Weg! I ho mit dir nix mehr z'reden." Die Ursula kam das Weinen an. Dicke Tränen liefen ihr über die Backen, und sie wischte sich mit den schwieligen Händen über das Gesicht, daß es um und um naß wurde. Sie wollte reden, aber die Worte kamen nur ruckweise heraus.„Wie'st dös erstmal... Wie'st an's Fcnschta kcmina bist.. do hoscht g'sagt. i brauch mi nix bekümmern, hoscht g'sagt, und's Heiraten is ma g'wiß... und jetzt gangst mit solchcne Lugen um. und bei da Hollastauden hiebei, da hoscht g'sagt, i brauch mi durchaus nix bekümmern, und jetzt brach'st d'as so für, als wenn anderne beteiligt g'wen war'n-- „Dös werd si aufweisen," sagte der Hierangl Xaver und ging weg. Es war ihm nicht mitleidig zumute, und er sah sich nicht um nach Ursala, die mit den Aermeln ihre Tränen trocknete und nicht wußte, sollte sie stehen bleiben oder dem Xaver nach- laufen. Weil sie aber sah, daß er schnell dahinging, dachte sie, daß ihr alles Reden nichts helfen würde. Sie richtete das Kopftüchel zurecht und öffnete ihren Handkorb. Auf der Innenseite des Deckels war ein Spiegel angebracht, und Ursula betrachtete ihr Bild darin. Es sah nicht vorteilhaft aus. Ueber das sommersprossige Gesicht waren schwärzliche Streifen gezogen: sie kamen von den Tränen und den schmutzigen Fingern. Auf zehn Schritte wäre es zu sehen gewesen, daß sie ge- flennt hatte: deswegen spuckte sie in ihr Taschentuch und ver- wischte die Spuren. Und darax ging sie langsam ihren Weg. auf den Tanzboden, Der Weblmger Wirt hatte einen guten Tag. Saal und Swben waren gefüllt, und im Nebenzimmer saßen alle Honoratioren, auf die er gerechnet hatte. Die Herren Lehrer aus der Umgebung, der Förster von Pellheim, der Verwalter von Hohenzell und der Stations- kommandant Hermann. Unter der Türe erschien ein junger Mann. Er grüßte freundlich und wurde von allen will- kommen geheißen.„Bei mir ist noch Platz," sagte der Lehrer Stegmüller von Erlbach.„Darf ich die Herrschasten mit- einander bekannt machen? Herr Mang, Kandidat der Theologie— Fräulein entschuldigen, jetzt Hab ich den Namen vergessen.,. „Sporner," sagte das hübsche Mädchen, welches neben ihm saß. „Fräulein Sporner. die Nichte des Herrn Collcga von Aufhausen. Den kennen Sie ja schon?" „Gewiß habe ich schon die Ehre gehabt. Wenn die Herr- schaftcn erlauben, dann bin ich so frei," sagte der Kandidat der Theologie und setzte sich mit linkischer Bescheidenheit nieder. Er hatte ein hübsches Gesicht und lustige braune Augen: seine Bewegungen verrieten Kraft und Geschmeidigkeit, aber er war nicht frei von der angelernten Würde, die man für den geistlichen Beruf braucht. Dazu kam noch einige Schüchternheit im Verkehr mit Damen, und Fräulein Sporncr war ein schönes Mädchen, vor dem ein junger Studiosus wohl erröten konnte. Darum war es nicht verwunderlich, daß Sylvester Mang sich einige Male durch die Locken fuhr und keinen rechten Platz für die Hände fand, und daß er nach längerem Besinnen sagte, es sei heute ein schöner Herbsttag. „Wundervoll," meinte Fräulein Sporner,„es ist über- Haupt so hübsch hier." „Fräulein sind noch nicht länger da?" „Nein." Wir haben gerade von Ihnen geredet, Herr Mang." sagte der Lehrer von Aufhausen.„Am nächsten Sonntag haben wir ein Hochamt, und da könnten wir einen guten Tenor brauchen." „Wenn Sie wünschen, stehe ich gerne zu Diensten." „Sie tun mir einen großen Gefallen damit." „Sie sind Sänger?" fragte das Fräulein. „Ja, das heißt, ein wenig. Natürlich nicht geschult." „Der Herr Mang hat einen prachtvollen Tenor." unter- brach ihn Stegmüllcr.„Ich sag' Ihnen, Fräulein, da können Sie in der Stadt lang suchen, bis Sie einen solchen Tenor finden." ,Da freue ich mich auf den Sonntag." ..Wenn Sie nur nicht zu stark enttäuscht werden, Fräu- lein. Ich habe gar keine Uebung mehr." „Er ist überhaupt ein musikalisches Genie," rühmte Steg» mllller.„Ein Künstler auf der Violine. Ja, wenn ich das gekonnt hätte, säß ich nicht als Schullehrer in Erlbach! Eigentlich is's sckad. daß Sie Geistlicher werden." „Es ist ein idealer Beruf," sagte Sylvester. Und er sah bei diesen Worten nicht weniger altklug aus, wie andere junge Leute, welche etwas Großes behaupten. Fräulein Sporner nickte ernst und verständnisvoll zu seinen Worten. „Die Kunst, das wär mein Fall gewesen," seufate Stegmüller.„Frei sein, wie ein Vogel in der Luft und auf niemand Obacht geben. Und leben können, wo man will." „Treiben Sie auch Musik, Fräulein?" fragte er. „Klavier habe ich gelernt, aber ich hab's nicht sehr weit gebracht." „Sie sollten einmal den Herrn Mang begleiten." „Da kann ich nicht genug." Sylvester freute sich, daß ein Gespräch im Gange war. in dem er seinen Mann zu stellen wußte. Er stellte höfliche Fragen und rühmte alle Werke, welche das Fräulein her- vorhob. Und als sie sagte, kein Lied gefalle ihr besser, als das „Am Meer" von Schubert, fiel Sylvester leise ein: „Das Meer erglänzte weit hinaus..." „Auch das Gedicht ist herrlich," lobte das Mädchen. „Von Heine," sagte er.„Ich Hab es einmal bei einem Maifest gesungen, am Gymnasium. Der Rektor sagte aber. ich hätt' es nicht tun sollen." „Wenn es so schön ist!" „Er meinte, weil Heine doch ein Gottesleugner war* Fräulein Sporncr mußte wieder den Ernst des jungen Mannes bewundern. An allen Tischen wurde die Unterhaltung lebhafter. D«. Frauen hatten sich vieles zu erzählen: die eine hatte ihren Mann pflegen müssen, der andern war ein Kind krank geworden- Die Fleischpreise gingen in die Höhe, Schmalz und Eier wurden nicht billiger. Manche führte Klage über die Mühen ihres Eheherrn, und als vom Tanzsaal herunter schrille Musik und Stampfen vernehmlich wurden, sagte die Frau Stations- kommandant:„Es wird doch hoffentlich nicht schon wieder eine Rauferei geben. Mein Mann weiß so nicht mehr wo aus. vor lauter Arbeit, und mit den jungen Gendarmen, die wir jetzt haben, ist ihm nicht viel geholfen. Gelt Karl?" .>,IaKoll," foft!e l'cr Komniand'ünt. Kelcher Karten spielte, »Und warum gehen S' denn nicht mit Ihrem Grasober drauf?" fragte er.„ich Hab doch Trumpf ang'spielt: wenn Sie draufgehen. haben wir ein' Stich mehr« Das Hamm Sie nicht gut g'fpielt. Herr Hilfslehrer." „Jetzt komnit die Hofdam'," sagte der Förster von Pell- heim, und warf die Schellenaß auf den Tisch.„Ham S' no a Schell'n? Macht siebenundsechzig: is schon g'wonnen." „Sic müssen doch niit dem Grasober draufgehen und Eichel nachbringen. Ich trumpf und bring noch den König heim. Was gibt's, Herr Wirt?" „Es waar guat, wenn's a bissei raufschaueten, Herr Kom- Mandant. Mit de Hochazeller Burschen hat's des recht' net." „Gleich komm ich," sagte der Kommandant und schnallte das Seitengewehr um.„Vielleicht gehen Sie mit, Herr Ver- Walter, weil Sie die Burschen kennen?" Sie hörten schon auf der Stiege schreiende Stimmen« „Hoscht du net auf ins hertanzt?" «Oes habt's überHaupts koa Recht. Mir ham zahlt!" �(Fortsetzung folgt.), (Nachdruck verdolcn.) � Huf Irrwegen» Von Jonas Sie. »Es war nicht nicine Schuld, Onkel, daß alles im letzten Äugenblick so schreiend unfertig dastand,— es wurde nichts mehr auf die Aktien einbezahlt." „Nein, natürlich,— die Schuld lag nur an diesem— unbedeutenden GcldI-- Wäre das nur dagewesen, so-- heisa! Erkläre Dich nur bankrott, erkläre Dich nur bankrott, rate ich Dir, und laß Dich nicht in der Stadt blicken. Herr Konsul Lüders hatte die Liebenswürdigkeit, von mir in Deinem Namen achtzehntausend Kronen zu fordern. Falls ich das Geld nicht bezahlte, ivollte er nachweisen, daß Du von den Mitteln der Kasse unterschlagen hättest,— Dich verklagen.— Ja, meinetwegen!——" „Das kann er auch, Onkel!" entgegnete Faste tonlos,—„ich leugne es nicht. Ich nahm damals elftauscnd Kronen aus der Kasse zu einer Zeit, wo man die Aktien noch für Geld hielt, und konnte sie erst drei bis vier Wochen später wieder zurückzahlen. und zwar, indem ich mir das Geld von allen»löglichen Seiten zusammenlieh." „So. So--- Ich biete Dir hiermit bog Kronen an, wenn Du Dich damit bis nach Amerika durchschlagen willst,— um Deiner armen Mutter willen,— und um Deine Familie einigermaßen rcinzuhalten--" „Hahaha!— mich mit Dir auf Geschäfte einlassen?— Wenn ich daran denke, was meine seligen drcitauscndfünfhundert schon ausgerichtet haben, dann könnte man ja freilich in Versuchung kommen, fortzufahren-- mir das ganze Vadehotcl aufzuhalsen!" „Wie gesagt, die 000 Kronen—," Onkel Joel öffnete die Pult- klappe. „Danke, Onkel, danke,— den Weg gehe ich nicht.— Adieu. Lebe wohl--" In der Tür blieb er einen Augenblick stehen. „Ich wünsche Dir, daß Du Deine Bronchitis los wirst. Tu bist ein tüchtiger Mann gewesen--" Faste kehrte langsam nach Hause zurück; ganz mechanisch grüßte ir bald diese», bald jenen. Die Stadt lag gleichsam in einer ganz veränderten, wunderlich kirchhofstillen Beleuchtung vor ihm. Tie Menschen, das Treiben und die Geschäftigkeit gingen ihn nicht mehr an.Er fühlte sich noch mehr außerhalb des Ganzen, als wenn er sich in einem fernen, fremden Land befunden hätte. Andere konnten trauern und sich aussprechen. Sie hatten ein Recht dazu. Das gehörte mit zum Leben-- Aber ich?— schrie es in ihm,— wenn Mutter stirbt, wenn Sölvi ihren Jungen verliert?— Mein Gemüt mutz sich verschließen. Ich muß mich vor mir selber verstecken,— muß aufhören zu fühlen!— Wird einem Hause ein Kind geboren, so nehmen sie es in ihr Gefühlsleben auf und sind fröhlich und können ein Fest feiern und sprechen darüber, wie das Kind heißen soll und all dergleichen.— Und stirbt es. so weinen sie aus ihres Herzen Grund und Fülle— Aber ich?— ich habe so»mach eine Mutter, so manche alte und so manche kleine an den Rand des Untergangs geführt, so daß sie nun vielleicht ein ganzes Leben in Armut hinschleppen müssen. -- Ob ich im Zuchthaus spinnen muß, oder ob ich ins Aus- land komme, das ist einerlei. Ich bin entschlossen. Die dem Leben innewohnende Nemesis hat das Urteil vollzogen; eines Lüders bcoarf es nicht.— Ich habe keinen Anteil an den Leiden und Freuden dieser Welt,— kann nur wie ein Verstorbener einhcrgcheu und durch ihre Fensterscheiben gucken. Das ist die Strafe, weil Tu so viele um die Freude gebracht hast!-- Er beschleunigte seine Schritte, erfüllt von dem erstarrenden iöestreben, seinen Gedanken zu entweichen, Zu Hause angelangt, nickte er Ditlef zu, klopfte ihn auf die Schulter und strich ihm mit der Hand durch das Haar, verließ ih» aber plötzlich wieder, als er sah, daß er ihn mit Ausdruck wie von aufsteigender Angst anstarrte. Der Idiot war imstande zu erraten— Er ging langsam im Wohnzimmer aus und nieder und setzte sich zu der Mutter, die auf dem Sofa lag. Er nahm eine ihrer geschwollenen Hände und fing an, mit ihr über ihren Rheumatismus zu sprechen—— und erwachte aus seiner tiefen Geistesabwesenheit und Zerstreutheit, als sie ihn an sich zog und ihn auf die naßkalte Stirn küßte. Er hatte eine dumpfe, lahme, zitternde Empfindung, als könne er ihren Kuß nur als etwas Fernes, Aeutzercs empfinden,— eine stille, grauenhafte Panik:— er war ausgeschlossen! Es lag ein bleicher Ton über dem Zimmer, der besagte, daß er ausgelebt hatte; er konnte in Zukunft nur noch als sein eigener Geist hier weilen. Er ging auf seine Kammer hinauf,— sah sich einen Augen- blick um, kranite unter seinen Sachen und legte bald dies, bald dos vor sich hin, wie jemand, der im Begriff ist, zu verreisen; plötzlich begann er, eifrig und sorgfältig die beschriebenen Bogen seiner Schauspiele zusammenzupacken, und sie mit einer Schnur zu um« winden. Auf eine kleine Karte, die er hineinlegte, schrieb er: „Liebe Vera!— Lies und bewahre mir auch dieses zusammen mit dem anderen auf.— Vielen Tank?— Stets Dein Faste." Unten in der Küche beauftragte er das Mädchen, das Pakek zu Gyllings zu bringen. Er schloß die Tür des Zimmers und sah sich einen Augenblick darin um, bevor er sich auf den Weg machte. Ehe er sich plötzlich umwandte und den Weg an den Felsblöcken entlang nach den Schären zu einschlug, hatte er eine Weile ganz vertieft vor Büchsenmacher Dunhagens Fenster gestanden.—— Er dachte auch nicht einen Augenblick daran, einen Revolver zu kaufen;—• der Kopf schmerzte ihn nur schließlich so sehr.— tief drinnen im Gehirn von diesem langen Stehen und Starren; — seine Gedanken weilten weitab--- Drinnen bei Bredcrs saßen Tina und die Schwester und weinten. Ihre kleine Mitgift war mit draufgegangen.— Lüders aber raste und schwur Rache. Der Zollinspektor und der alte Klüver schrien, er müsie arretiert und ins Zuchthaus gesteckt werden. -- Sölvi ging daheim still umher und sagte nichts. Einige atzten die Sache ironisch auf, und der alte Tryggesen posaunte eine Witze aus.--- Faste hätte um nichts in der Welt jetzt durch die Straßen gehen mögen. Er sah die Stadt durchsichtig wie eine Vision und eilte dahin, gleichsam verfolgt von all ihrer Not und ihren Rufen und ihrer Verzweiflung, die zögernd und klagend hinter ihm drein» schallten.--- -- Und von der Landzunge her kamen sie. Männer und Frauen mit Kindern auf deni Arm,— alle kleinen Leute.— eS war ein ganzer Zug,— und fragten nach ihrem Recht.und wo er. der sie um ihre armseligen Sparpfennige betrogen hatte, zu finden sei?-- Er fühlte sich unsagbar erleichtert, geradezu befreit, als der letzte Felsblock ihm die Aussicht auf die Stadt versperrte. Endlich war er allein! Dort unten zwischen den Klippen brauste eine wilde See, und die Wolken zogen schwarz vorüber mit hellen Durchblicken. Es hatte gar manch ein Wrack dort zwischen den Schären gc» hangen,— da konnte heut noch eins hängen— Denn sein Lebensgebäude war total zerschellt.-- Das hast du schnell besorgt. Faste!— Siebcnundzwanzig Jahre-- Und dann stehst du schon hier und willst vor Gottes Antlitz treten! Ja, wer so wäre wie die Mutter--, die mit dem einen Auge glaubt und mit dem anderen räsoniert,— und es doch zum Stimmen bringt! Ich möchte mir im übrigen erlauben, mir eine Erklärung für allerlei Kleinigkeiten ausziibieten. Zum Beispiel, was das für eine Gerechtigkeit ist, nach der Mutter so gebeugt cinhergcht, während Ditlef als Idiot zur Welt gekommen ist?-- Ucberhaupt möchte i ch auch eine Frage stellen,— im Namen aller dieser Elenden, die mit allerhand Gebrechen umhergehe»,— im Namen der Lahmen und Blinden und Geistesschwachen und Unfertigen,—— die könnten sich, weiß Gott, auch über Bankrott beklagen! Oder die, bei denen es umgekehrt ist,— denen ein Ueberfluß von Gaben zuerteilt wurde, der nicht für das Leben patzt, sondern zu der entsetzlichsten Verantwortung führt. Wie zum Beispiel ich!-- dem außer allem anderen dazu» gehörigen auch eine Ueberrcdungsgabe zucrtcilt ist, die in erster Linie mich selber täuscht und betrügt und dann meine Mitmenschen ins Unglück bringt. Ich könnte mich versucht fühlen, zu frag)»,'/>!— ein wenig in der Grundsprache zu reden! Der arme Bettler, der vor den Richter tritt, beladen mit dek Verantwortung für die vielen, vielen Schafe.-- Was soll er antworten?— außer dem einen, daß er die Krallen zeigt und sagt: die hast du mir gegeben, Herr,— geschah das nicht, damit ich sie brauchen sollte?—"Oder ist es ein Ueberfluß, den Du mir in der Zerstreuung dcincS gewaltigen Schaffens versehentlich zuerteilt hast?— Jetzt, wo ich vor dem Kalten. Zlackten stehe, möchte ich wohl fragen, warum du mich von einem steinigen Abgrund zum anderen hast über die Erde kriechen lassen, gleich einem Wurm mit irre- führenden Flügen, so daß ich ein gutes Recht besah, zu glauben, daß mein Wesen zum Fliegen geschaffen sei?-- Frage, frage nur. Fastet— Niemand wird dir ant- Worten.--- Er schlug den Weg ein, der zwischen den Schluchten der Strand- Hügel entlang führte. Ebenso gut kannst Du den Gischt fragen, der den Svabcrg hinanstürmt.-- Der schäumt und donnert und brüllt und weicht zurück gleich einem Spitzcnschleicr.-- Er ist schön. Aber häßlich, nüchtern und salziggrau, wenn er sich am Felsen zerschellt;— und hat nichts mit Spitzen oder Regenbogen im Wasserstaub zu schaffen! Willst du wissen, was ein Gewaltiger ist? Da kommt jetzt einer hcrangerollt, so nüchtern wie die ewige Wahrheit, während der Schaum an seinem Kamine cmporlcckt,— eine große Glaswelle mit weißem Helm und flatterndem Hclmbusch!— Sie zerschlägt sich an der zerrissenen Klippe, von der sie herabflieht und tropft, — unaufhörlich, unaufhörlich,— das ist ihr Lebenswerk.-- Ein Priester in hoher, spitzer Mütze steht da und predigt in das Meercsgebrause hinein, bald unter, bald über dem Wasser, bald frei und hoch im langen Talar, bald ganz begraben, so daß die Worte zu Schaum und Dunst werden.-- «Und dort, weiter hin, kämpft die Brandung einen harten Kampf mit einem seichten Grund voller Tang, wo es die ganze Zeit zischelt und tischelt—„St!— St!--" Und die Welle zieht sich kreischend, heulend, hohnlachend zurück, — in die Arme einer gewaltig heranbrausenden neuen! Ja. Faste,— jetzt kommt die Antwort.-- Das Meer breitet sich zu einem weihen, viereckigen, schäumend schwindeligen Leichen- tuch aus,— dort auf dem sandigen Boden mit wogenden, entzücken- den Schönheitslinien mit verbrämter Kante geschmückt,— dort zwischen den kleinen Steinen prasselnd.— „ Plumps-- plups-- (Fortsetzung folgt.) (Siachdruik verboten.) Der türkifchc Bauer. Von einem Türken. «Der Türke, den die Handhabung der Gewalt nicht korrum- picrt, den die Unterdrückung nicht erniedrigt hat, gehört sicherlich zu den Leuten, die durch eine glückliche Mischung guter Eigen- schaftcn allgemein gefallen müssen. Niemals betrügt er; ehrlich und rechtschaffen, ist er seinen Stammesgenossen gegenüber treu wie Gold; im höchsten Grade gastfreundlich; ehrerbietig, aber doch nie kriechend; diskret, tolerant, wohlwollend und überaus zärtlich zu Tieren." So urteilt Elisee Reclus, der berühmte Geograph, über die Lsmanli, und es wäre unmöglich, treffendere oder bessere Worte über sie zu sagen. Seine Ansicht stimmt auch in jeder Bc- ziehung mit dem Urteile der Reisenden überein, die den Orient eingehend studiert haben. Wer aber den Türken finden will,„den die Handhabung der Gewalt nicht korrumpiert hat", muh ihn im Innern der Provinzen suchen— niemals in den großen Städten. Denn nur diesem allein gebührt dieses Lob, und leider nur ihm allein. Seine bemerkenswertesten Charakterzüge sind Rechtschaffcnheit und Ab- scheu vor der Lüge. Gerade hierin unterscheidet er sich von dem Türken in Konstantinopcl, der mit einer wahrhaft bewunderns- werten Unverschämtheit lügt und betrügt. Der ist in keiner Weise anders wie der Armenier oder der Grieche, dem es Vergnügen macht, den armen muselmännischen Bauern zu hintergehen, und der ihn dann obendrein noch auslacht. Sprichwörtlich ist seine Mäßigkeit. Kein europäischer Bauer hat so geringe Bedürfnisse wie er und könnte mit einem Stückchen groben Schwarzbrotes, das er mit ein paar Schluck kalten Wassers hinunterspült, sein Leben fristen. Und damit kommt der türkische Bauer recht gut aus. Für ihn gibt es keinen Schnapsladen. Für seine Person ist er peinlich sauber, denn seine Religion verlangt von ihm, daß er mehrmals am Tage Waschungen vornehmen soll. Dessenungeachtet aber ver» nachlässigt er doch die einfachsten Forderungen der Gesundheits- lehre. Eine in die Erde gegrabene Höhle, der ebenso wie die Fenster jegliches Mobiliar fehlen, bildet seine Wohnung. Gewöhnlich ist der türkische Bauer Monogamist. Nimmt er sich eine zweite Frau, so geschieht dies nur deswegen, weil er„noch eine Dienerin haben tvill". Seine Frauen behandelt er zärtlich, und seine Kinder vergöttert er. Seine Liebe zu Tieren kann man nicht genug rühmen. In manchen Probinzen genießt der Esel zwei Ruhetage in der Woche. Dieser Zug der Sanftmut und Milde, der einem kriegerischen Volke, wie es die Türken doch sind, so viel Ehre macht, geht durch die ganze Nation. So zeigen sich die Belvohncr Stambuls überaus gütig gegen die herumstreifenden Stratzenhundc. und es schmerzt sie, wenn sie sehen müssen, wie brutale Griechen und Lcvantincr aus reinem Mutwillen die armen Tiere schlagen und sie mit dem Fuße zur Seite stoßen, wenn sie auf ihrem Wege liegen. Hat eine Hündin Junge bekommen, so bringen sie sie an einer Straßenecke in einer improvisierten Hütt« unter, zu der ihnen eine alte Kiste dient, die sie mit Stroh und weggeworfenen Teppichstücken ausfüllen. An den meisten Tür- schwellen Stambuls kann man kleine Krüge mit Wasser stehen sehen und im Ramazan, dem Fast- und Festmonat des Jahres, füttern die Türken sämtliche Hunde ihrer Nachbarschaft. Will ein türkischer Junge sich ein ganz besonderes Vergnügen machen. so geht er in den nächsten Bäckerladen und kauft sich dort Brot, das er dann unter die Hunde seines Stadtviertels verteilt. Viel Freude macht es ihm, wenn er all diese leuchtenden Augen, diese schnüffelnden Nasen und wedelnden Schwänze sieht. Die armen Tiere freuen sich so über ein gütiges Wort oder ein kosendes Streicheln, daß der Ausdruck ihrer Dankbarkeit dafür mitunter gar zu zärtlich wird, denn eine allzu innige Berührung mit ihren schmutzigen Pfoten oder ihrem dampfenden Maule ist nichts weniger als angenehm. Der Türke ist großmütig; selten verweigert er einem Bettler seine Gabe, und kann er ihm nichts geben, so sagt er in höflichem Tone:„Unahet Allahl Möge Gott Dir helfen!" Das klingt doch ganz anders, als wenn ein Europäer zu einem Bettler sagt, er solle sich zum Teufel scheren. Die Gastfreundschaft des Türken ist bekannt. Sobald ein Fremder bei ihm ankommt, werden ihm Kaffee und Zigaretten vorgesetzt, und willigt der Fremde ein, bei ihm zu verweilen, so wird das beste im Hause zu seiner Bequemlichkeit aufgeboten. Und das alles geschieht mit jenem angeborenen Takte, der auf- dringliche Fragen vermeidet. Mit all diesen Vorzügen verbindet der türkische Bauer aber auch Fehler. In seiner Arbeit läßt er eS an Fleiß und Energie fehlen. Er arbeitet nur, weil er eben arbeiten muß, und sobald er kann, kehrt er wieder zu seinem Kef zurück. Um die Zukunft macht er sich keine Sorgen, ja. er denkt kaum an sie. Sein ganzes Streben geht nur dahin, so viel zu schaffen, wie er zum Unterhalt seiner Familie gebraucht. Warum sollte er auch mehr tun? Er hätte ja doch keinen Nutzen davon. Zu allererst würde der Er- Heber der Zehnten kommen, der vom Staate das Recht der Steuer- erhebung kauft und mit seiner Ausübung den armen Bauer drückt und bis aufs Blut ausprcht. Ferner muh er darauf gefaßt sein. sich für den Generalgouverneur(Vali), den Präfekten(Mutes sarif) und Unterpräfcktcn(Caimakam) abrackern zu müssen. Und reist zufällig einmal eine hohe Persönlichkeit mit ihrem Gefolge durch seine Gegend, so hat er Gelegenheit, seine Gastfreundschaft zu üben, und er muh für Beköstigung und Unterkommen der un° gcbetenen Gäste sorgen; auch Soldaten, die auf dem Wege nach ihrer Garnison, durch sein Dorf ziehen, muß er beherbergen. Und die Nachricht von dem bevorstehenden Eintreffen hoher Würden- träger oder Abteilungen von Soldaten versetzt die Bauern eines Dorfes oft in so großen Schreck, daß sie alles im Stich lassen und in die Berge flüchten, bis der gcfürchtete Besuch ihre Gegend wieder verlassen hat. Einst strebte ein Gouverneur nach einem Gute, das mindestens einen Wert von 25 000 türkischen Pfunden hatte. Er ließ den Besitzer rufen und eröffnete ihm, es läge in seiner Absicht, das Gut zu kaufen, und zwar zu einem Preise, den er selber festsetzen würde, für 5000 Pfund. Der unglückliche Eigentümer verzog zwar sein Gesicht bei diesem Angebot, aber es blieb ihm nichts übrig, als gute Miene zum bösen Spiele zu machen und auf den Verkauf einzugchen, denn nur zu gut wußte er, welche Folgen eine Weigerung oder eine Mehrforderung sür ihn haben könnte. Damit ist die Sache aber nicht zu Ende. Abermals sandte der Vali nach ihm und verpachtete ihm das Gut gegen den bescheidenen Zins von 2500 Pfunden! Der rechtmäßige Besitzer erwiderte nichts und lieh auch diese neue Ungerechtigkeit still über sich ergehen. Und schliehlich verlangte der schlaue Gouverneur eine weitere Zahlung von 2500 Pfunden und zwar, wie er sagte, für Reparaturen, die er aus dem Gute müsse vornehmen lassen, für Schlagen von Holz usw. usw. So wurde der rechtmäßige Eigentümer um sein Gut gebracht, ohne daß er dafür auch nur einen einzigen Pfennig erhalten hätte. Ja. er durste sich auch nicht einmal beklagen, denn dadurch hätte er seine Sache nur noch verschlimmert. Wozu soll man also unter solchen Verhältnissen für andere arbeiten? Was für einen Zweck hat es, jede Stunde guten Wetters wahrzunehmen und dcni Boden von Jahr zu Jahr reicheren Ertrag abzuringen? So wenig als nur möglich arbeitet man, denn so viel als man zum Unterhalt gebraucht, gibt der Boden schon her. Um nur ein Beispiel anzuführen, die Verwendung des Düngers ist vollkommen unbekannt. Statt ihn dazu zu benutzen, den Boden reicher und fruchtbarer zu machen, gebrauchen ihn die Bauern als Brenn- material. Aus Pferde- und Kuhdung machen die Weiber eigen- artige Pasteten und Kuchen, die in der Sonne getrocknet und als Heizung für den Winter aufbewahrt werden. Da die Bauern Holz und Kohle zu Hcizzwcckcn sich nicht beschaffen können, sind ite gezwungen, sich dieses schmutzigen Materials zu bedienen, das beim Verbrennen einen unerträglichen Gestank verbreitet. In Konstantinopel kenn man täglich große, mit dem Abfall und Kloakewasser der SItdt bcladcne Kähne sehen, deren Inhalt ohne weiteres in die See bei ihrem Eintritt in das Goldene Horn geschüttet wird. So wird alljährlich kostbarer Dünger, viele Tausendc von Frank an Wert enthaltend, in den Bosporus ge. worfen, dessen Wasser er verpestet und vergiftet, und dabei wird der Boden von Jahr zu Jahr unfruchtbarer, weil ihm die Nahrung fehlt. Der türkische Landbebaucr, der durch ein rücksichtsloses Steuer- shstem bis aufs Blut ausgepreßt ist, lebt von der Hand in den Mund. Es ist kein Wunder, wenn er verschwenderisch und leicht- sinnig wird. Zur Sparsamkeit hat er weder Anlage noch auch Gelegenheit: er vegetiert dahin, muß alles entbehren und überläßt Allah die Sorge um die Zukunft. Denn Wucherern, die die wahre Geißel der Provinzen find, ist er auf Gnade und Ungnade aus- geliefert. Juden, Armenier. Griechen, sie alle wetteifern mit- einander, den gutmütigen Bauern auszubeuten, und von diesen gefräßigen Harpyen umkreist, bleibt dem unglücklichen Türken nichts übrig, als sich ihren ungeheuerlichen Bedingungen zu fügen. Seine Ehrlichkeit zwingt ihn oft dazu, sein ganzes Leben lang zu arbeiten, um einen hartherzigen Gläubiger zu befriedigen, der von Jahr zu Jahr sein Opfer fester in seinen Krallen hält und es bis auf den letzten Blutstropfen aussaugt. Zu alledem kommt noch das Unglück der Aushebung zum Militär. Dank einem jämmerlichen Gesetze ist es der Muselmann allein, der als Soldat dienen muß; Griechen und Armenier sind gegen Zahlung einer unbedeutenden Jahrcsabgabc vom Militär- dienst befreit. Während so aus den türkischen Ackerbaugcgcnden die besten Arbeiter entfernt und tausende von Vätern ihren hungernden Familien entrisicn werden, läßt man die Christen ruhig ihr Feld bebauen, ihren Handel treiben und ihre Familien vermehren. Daher kommt es auch, daß in manchen Gegenden das griechische Element das muselmanische überwiegt. Ein noch be- klagenswertcres Gesetz ist das, das bestimmt, daß alle Bewohner Konstantinopels, auch die Muselmanen, vom Militärdienste befreit sind. So rekrutiert sich also die türkische Armee ausschließlich aus der ackerbautreibenden Bevölkerung, und hätte es in der Absicht des Gesetzgebers gelegen, diese Bevölkerung vollständig zu ver- Nichten, so hätte er gar kein besseres Gesetz ersinnen können. So bat der Rücken des armen Bauern allerlei Lasten zu tragen. Ganz unmöglich ist es, sich ein richtiges Bild von dem erbärmlichen Zustande zu machen, in dem sich der Ackerbau in der Türkei befindet. Fast jedes Jahr herrscht Teuerung im Lande und hunderte seiner Bewohner kommen vor Hunger um. Ungeheuere Strecken fruchtbaren Landes liegen unbebaut da. Vor den Toren Konstantinovels, vor den Toren jeder großen Stadt schweift der Blick über kolossale, einsame Steppen. Von Weizen wird nur der fünfte Teil hervorgebracht, den der Boden liefern könnte, Getreide mutz daher aus Rußland importiert werden. Aber nicht einmal die Mühe, dieses fremde Korn selber zu mahlen, nimmt sich der Türke. Aber nicht nur Getreide, auch Fleisch fehlt. In allen Tälern gibt es reiche Weiden, aber kein Vieh sieht man dort grasen. Ochsen und Kühe erblickt man fast nie. Rindfleisch ist eine große Seltenheit, und die Milch ist teurer als in Europa; eine ziemlich gute Butter wird aus Italien importiert, und eine schlechtere, die besser als Wagenschmiere zu verwenden wäre, kommt unter dem Namen„Sibirische Butter" aus Rußland.— In diesem Reiche, das dem Abendlande die besten Pferde der Welt, das arabische Vollblut, gegeben hat, findet man nur kleine, verkümmerte Pferde, die weder Kraft noch Ausdauer haben. Um seine Kavallerie zu versorgen, hat die Türkei zu teuren Preisen mehrere tausend Pferde in Ungarn kaufen müssen. Der Weinbau hat sich gehoben, namentlich nachdem der fran- zösische Import von Rosinen gestiegen ist. Da aber der Koran auch die Bereitung von Wein verbietet, so kann der arme türkische Bauer nicht die Industrie betreiben, die für ihn vielleicht die einträglichste taöre. Sie liegt ausschließlich in den'Händen der Griechen und Europäer. Mit seiner Gleichgültigkeit, seiner Ergebung oder, wenn man lieber will, seinem Fatalismus erträgt der türkische Landbebauer geduldig all diese Stiche und Schläge deS Schicksals. Er leidet unter ihnen, er unterliegt ihnen auch, aber er denkt nicht über ibre Ursachen und ihre Beseitigung nach. Auf diesem Gebiete Wandel zu schassen, wäre eine dankbare Aufgabe für die„neue Acra", die ja jetzt in der Türkei anzubrechen scheint. Sauler im Stadium. So recht ums Schreiben ists mir heute früh. Allzu oft kommt das nicht vor, wenn ich im Wandern bin; aber wenn es sich schon einmal einstellt und es mir nicht gelingt, mich daran vorbei- zudrücken, dann ist es das beste, ich verlange in dem Haus, wo ich genächtigt, Tinte, Feder und Papier, was nach einigem Suchen sich meist auch findet. Wenn ich mir dann das Gröbste vom Herzen heruntcrgeschriebcn habe, kann ich wieder leichter weiterwandern. Was IN ich nun heute plagt, das ist der betrübende Uuistand, daß so wenig Menschen wissen, was der Sauser im Stadium ist. Es gibt ein schönes Stück deutscher Erde, das liegt so um den jungen Rhein herum, gerade Ivo er aus dem Bodensce heraustritt, jung und stark, um bei Schaffhauscn den kühnen Sprung über die Felsen zu wn. Man weiß in dieser Gegend nie, wo Deutschland aufhört und die Schweiz anfängt; nur an den Grenzwächtern und Zollbäuscrn merkt mmis von Zeit zu Zeit. Dort ists am schönsten im Spätherbst. Man zieht am klaren, still, aber raschfließendea Strom entlang unter großen Obstbäumen hin, in deren Laubwerk die Herbstsonne die Blätter so lang vergoldet, bis sie leise herab- flattern. Manchmal sagt der junge Rhein einem plötzlich Adieu und verschwindet in einer weichen Biegung hinter braunem Ufer- gebüsch. Aber gerade, wenn mans am wenigsten denkt, gibt es ein fröhliches Wiedersehen. Ich möchte schon gern wissen, was der Rhein und die Landstraße in stillen Nächten einander erzählen. Von den Fischhochzciten der Lachse wahrscheinlich oder den Streichen der Schmuggler: ganz sicher aber von den Automobilen, die einen so gräulichen Staub und Dampf hinter sich lassen, daß die Eisen- bahn schon rein gar nichts mehr dagegen ist. Auf der Landstraße bin ich unter solcherlei Gedanken dem Bodensee zugegangen; auf der Landstraße wie ein Handwerks- bursche. Es gibt nichts schöneres im Herbst! Im Sommer geht fichs besser über die weichen Graspolster der Alpcnweiden und im Winter besser ohne Weg und Steg auf Skiern über die Schnee- selber der Gebirge. Aber der Herbst ist die Zeit der Landstraße. Leicht von Frühnebeln besprengt, so daß dich kein Ständchen stört, zieht sie sich breit dahin und wenn man mitten darauf wandert, mit rechts und links fünf Metern Ellenbogenfreiheit, so ist das etwas Köstliches. Um dich herum siehst du überall Menschen bei fröhlicher Arbeit, beim Traubenlesen, beim Rußschwingen, beim Aepfclbrechen und Birnenschüttcln. In den Dörfern knarren in dunklen Scheunen Keltern und Trotten und aus allen Häusern strömt ein süßherber Duft von„Neuem". Unterwegs begegnest du mit Fässern bcladenen Fuhrwerken. Oben in den Spundlöchern nicken große bunte Blumen und die Kühe vor dem Wagen wiegen stolz die großen Köpfe, als wüßten sie. was für eine kostbare Last sie schleppten, nämlich— Sauser im Stadium. Sauser ist neuer, gärender Wein. Darum steckt oben kein massiver Zapfen im Loch, sondern nur ein schöngeschnitztes hohles Stück Holz; darin stecken wie in einer Base rote Astern und Thalien und da der süße Gärnngsgeist an ihnen vorbei in die Lust zieht, so wanken und schwanken sie so selig mit den schweren Blumcnköpfen auf den dünnen, grünen Stengeln. Sie sind zweifellos ein bißchen beschwipst. Wenn man aber das Ohr an den Bauch des Fasses legt, dann hört man drinnen ein dumpfes leises Sausen und Brausen. Ich bin zu schwach in der chemischen Wissenschaft, um zuverlässig zu erklären, woher dieser Aufruhr in dem Fasse kommt. Professoren, die unglaublich viel wissen sollen, behaupten, das rühre von der Verwandlung des Traubenzuckers in Alkohol her. Möglich ist das schon. Was ich aber ganz sicher auch ohne Chemie weiß, das ist, daß der Wein deshalb so braust und brodelt, weil er jung ist. Alles Junge braust und saust. Ihm ist das Faß zu eng, wie der jungen Menschenscele manchmal der Körper. Er möchte irgend etwas an- stellen. Wenn er Kraft genug hat, reißt er die Faßdauben und eisernen Reifen auseinander, um nach diesem kühnen, aber sehr dummen Streich von der schmutzigen Erde aufgeschluckt zu werden. Wie manchen jungen Menschenkindern ist es gerade so gegangen. Aber deshalb scheltet mir nicht das Sausen und Brausen, das Brodeln und Zischen. Es müssen nur gute Faßreifen drumherum sein. Die besten sind die selbstgcschmiedeten. Dann bleibt alles hübsch beieinander und tobt sich zu einem kraftvollen Weinlein aus! Das Stadium, der Höhepunkt des Sausens ist bald vorbei. Man muß es nur gewähren lassen und gut behüten in Fässern und Menschen. Am schönen mächtigen Rathaus von Berlingen las ich an einer Tafel hinter einem Drahtgitter die Bekanntmachung, daß der letzte Sonntag im Oktober zum Sausersonntag bestimmt sei. Die strengen Wirtshausgesetze fallen an diesem Tage, von den beiden Augen deS Gesetzes wird mindestens das eine zugedrückt und anstatt Feier- abend gibts Musik und Tanz. Da trinkt die mannbare Jugend zu dem Sauser, den sie schon in sich hat, noch heurigen Neuen, ißt Trauben und frische Nüsse dazu und kommt in jenes Stadium, wo man je nach der Gemütsart entweder für zweifelhaste Schönheiten in Liebe zerschmilzt oder auch dem treucsten Freunde den Frack verhaut. Und wenn der Sausersonntag vorüber ist, wird alles wieder gut.— Von Berlingcn bin ich am leicht durch Nebel verschleierten Untersee weiter- gewandert Konstanz zu. Goldbraun ivogte das hohe Schilf am Strand wie überreife Kornfelder. Mattblau leuch- tete der See unter Sonncnschauern, die dann und wann einmal Meister wurden über den Nebel. Die Wälder der weichen Uferhügcl brannten in allen Farben der Herbstpracht. Auf einer Wiese wei- deten Kühe die letzten Blumen und Gräser ab und die zwei Hirten- buben übten sich hinter einem Raine im Rauchen langer, schwarzer Schweizcrstumpen. Ueberall in den Dörfern lockten die alten schönen Wirtshausschilde und aus den Fenstern hingen noch be- sondere Tafeln, die den Sauser im Stadium lobten. Aber ich hatte das nicht nötig. Der köstlich herbe Geist des Herbst brauste auch so schon in meinem Herzen und mir war es, als ob aus dem raschelnden Laub und dem stummen Nebel eine Stimme mir ins Ohr sagte: Glücklich die, in deren Herzen immer der Sauser im Stadium lebt! Denn wenn auch des Lebens Herbst sie entblättert, oder des Winters Schnee ihr Haupt bedeckt, werden sie doch immer jung bleiben in ihrer Seele! A. F endlich. «erantw. Redakteur: Georg Davidsohn, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagSanstalt Paul Singer ScCo.,Berlln SiV.