Anterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 194. Mittwoch, den 7. Oktober. 1903 (Siachdruck v-rbolen.) VZ Hndrcae Vöft. Bauernroman von Ludwig Thoma. Die Alte nickte müde mit dem Kopfe und bewegte den zahnlosen Mund. ..Was hat sie g'sagt?" fragte der Bauer. „J hos it Verstanna. Was hascht g'sagt, Muatta?" Die Schullerin schaute die alte Mutter prüfend an. Ruhig wie ein Mensch, der über eine Sache ins reine kommen will. ..Was hasch g'sagt. Muatta?" fragte sie noch einmal. Die Alte begegnete ihrem Blick: in ihren glanzlosen Augen war nichts vo-n Angst und Sorge zu lesen. Nur Müdigkeit. „y treib's nimmer lang." sagte sie. ..Sie moant. sie muaß sterb'n," wiederholte die Schullerin mit lauter Stimme. Der Bauer schnitt bedachtsam den Brot- laib an und brockte kleine Stücke in seine Suppe. „Sie is halt scho guat bei die Jahr," sagte er...wie alt bischt denn jetzt, Muatta?" Die Alte gab keine Antwort: sie schaute wieder vor sich hin. und ihr Kopf sank herunter. „An achtasechz'g Jahr' werd sie sei, und g'arbet hat sie viel," sagte der Sohn. „Ja, g'arbet hat sie viel, und acht Kinder hat sie bracht: des setzt oan zua. Sie g'fallt mi aba gar net: soll'st denncrst an Pfarra hot'n. Bauer." „In Psarrhof geh' i net. Dös mnaßt's scho selm toa: oder,schick umi!" „Na geh'n i selm, bal i abg'splllt Hab." Die Alte bewegte wieder die Lippen. „Wos hascht g'sagt, Muatta?" Die Schullerin ging zur Ofenbank und horchte auf- rnerksam. „Ja. ja. Muatta! Hascht scho recht. Sie sagt, sie is froh, bal's gar is. A so hat's koan Wert nimma, sagt sie." Der Bauer legte den Löffel weg und ging in den Hof hinaus. „Andra!" „Wos geit's?" „J nimni jetzt de zwoa Braun', und du spannst an Ochsen ein!" Der Knecht führte Zwei stattliche Pferde aus dem Stall: der Schuller nahm das Leitseil und ging hinter ihnen her. Am unteren Ende des Dorfes holte er den Geitncr ein. ,.'B Good. Schüller!" „st Good!" „Wo geah'scht hi?" „An Schinidlacker: Haber Vorbaun." „Wo's d'an Klee g'habt hascht?" „Ja." „Jetzt geht's ja leicht mit'n ban'n, wnl's mmma so trucka is." „Es tuat'S." „Beim Krämer ham's g'sagt, daß dei Muatta schlecht dro is?" „Ja, sie hat's kloa beiuand. Oan Tag oder zwoa, langer tacrd's kaam mehr lcb'n." „Wia's halt is. Tic Junga könna sterb'n. und de Alt'n nmassen sterb'n." „Da ko'scht uir macha." ...Sostht du nir g'hört, Schüller, wann de Biirgernwaster' Wahl is?".„ � „Na, koa Tag is no net g'sctzt, wia r i woaß. Im No- vcm'ber werd's halt sei." „Dösmal Werst as du. Schüller." „I reist mi net drum. Mir werd's liaba an ar.derer." „Wer denn? Da.Kloiber mag nimma." „Vielleicht sagt er grad a so." „Na, dös woast i g'wist. Da Kloiber steht z'ruck." ,.Nack>a könuts ja an Hierangl nehma." „J glaab it. dast's der werd. Er hat it viel Lcut' am da Seiten: blast de. wo ealnn was schnldi san." „Aba da Pfarrer möcht'n." „Ja. weil er moant. daß er cahm helfat mit sein' Turm, und weil er übcrhaup's allawei z'sammspinnt damit. Aba'r auf'n Pfarrer passen mir it auf." „I sag' da's schnurgrad, Geitncr, mi freut's gar it. Bai i Burgermoasta waar, gang da Verdruß nimmer aus. Garaus mit'n Pfarra. Er ko mit net schmecka. dös woastt ja. Und z' Erlbach san gnua, de wo zu cahm halt'n: nacha gab's allawei Zwidrigkeiten. Nehmt's an Hierangl, dös is viel g'scheiter." „Mi Hamm ja no Zeit, Schüller: aba dös derfsit glaab'n: bals mir nachgeht, Werst as du. I bin auf deiner Seiten' dös derfst g'wist glaab'n." „Is scho recht,'st Good!" Der Schuller ging vom Weg ab zu seinem Acker: wie er die Gäule am Pflug vorspannte, sah er dem Gcitner nach und sagte vor sich hin:„Hättst mi gern ausg'fragt, gel. Tropf schei'heiliga? Di kenn i guat. Wiah!" Die Gäule zogen an: unter der blinkenden Pflugschar wellten sich die Schollen. Daheim fast die alte Mutter noch immer unbeweglich in der Ofenecke und sah der Schwiegcrin zu, welche die Stube aufräumte. Das ging flink mit rüstigen Armen. So hatte die Alte auch einmal gearbeitet und geschaltet im Hause. Tann waren langweilige Tage gekommen, und sie hatte gespürt, wie unnütz ein Leben ohne Arbeit ist. Hobes Alter ist kein Segen.„Du sollst dein Brot per- dienen im Schweiße deines Angesichts." Das ist für die Bauernleute geschrieben, denen die Hände schwer werden lnstm Rasten. lind die Alte fürchtete sich wicht vor dem Sterben: das hatte sie sich oft gewunschen, nicht aus Verzweiflung oder aus Trübsinn, sondern weil es recht ist. zu gehen, wenn das Bleiben keinen Wert hat. Der jüngste Bub der Schullerin kam lärmend herein. Die Bäuerin wehrte ihm ab. „Geb aussi, Xaverl, du hascht do herin nix z'toa. Sieg'scht it, dast d' Grostmuaita krank is?" „Muast sie sterb'n?" „Ja. sie muast bald sterb'n. Aba jetzt geh zua! Du gehst uns do im Weg um." Der Kleine sah mit neugierigen Augen nach der Alten hin. und als er die Stube verlassen hatte, stellte er sich brausten an das Fenster und preßte das Gesicht an die Scheiben. Die Schullerin wollte in den Stall gehen: da kam der Kooperator über den Hof, und sie blieb unter der Tiire stehen. „Es ist eine kranke Person im Hause, welche des geist- lichen Trostes bedarf?" «Ja. Hochlviirdeii. d' Muatta is schlecht beinand. Seit mittag kimmt's gmiz von da Kraft." „Wo ist sie?" „Bitt' schön, Hochwürden, da herin." Der junge Herr trat in die Stube. Ein Blick auf die Alte zeigte ihm, dast hier nur mehr die Seele, nicht aber der Körper zu retten sei, und er ging berufsfreudig an sein Werk. „Warum habt Ihr so lange gewartet?" fragte er die Schullerin.„Ich fürchte, sie versteht meine Worte nicht mehr." „Es is so schnell ganga, Hochwürden. Aba sie is no beim Verstand: sie hört no ganz guat, bloß miiad is sie halt." „Dann laßt uns jetzt allein!" Die Bäurin ging hinaus, und der junge Mann setzte sich vor die Kranke hin. Er zog ein dickes Gebetbuch aus der Tasche und fragte mit lauter Stimme:„Hört Ihr meine Worte?" Zwei müde Augen schauten ihn an: es lag darin init dem Aufbieten der letzten Kraft der Ausdruck von Ehrerbietring, und die Alte versuchte mit zitternder Hand das Zeichen deS Kreuzes zu inachen. Ein minder frommer Mensch wäre ge- rührt worden durch diese schlichte Ergebung und hätte sich demütig gebeugt vor der Würde d�r sterbenden Greisin. Aber Herrn Sitzbergcr konnte nichts Irdisches überwältigen: erfühlte sich nicht klein in dieso'r Stunde, sondern es erhob ihn der Belill der geistlichen Mwalt über diese Seele I - 774 Und er sprach wieder so laut, daß ihn die Alte hören mußte:„Anastasia Vöst, Ihr seid nun an das Kreuz geheftet, und Ihr sehet der bitteren Todesstunde entgegen. Ihr müßt bedenken, daß der liebreichste Jesus für Euch ebenfalls Krank- heiten getragen und Schmerzen auf sich geladen hat. „Bittet ihn, daß er Euch die wahre Geduld Verleihs, und opfert ihm alle Glieder Eures Leibes auf. daß er sie strafen möge nach seinem göttlichen Wohlgefallen!" Die Alte verstand nicht alle Worte, aber sie fühlte dunkel, daß sie die Tröstungen der Religion bildeten, in welcher sie lange und gläubig gelebt hatte. Darum erhob sie mühsam den Kopf und versuchte kurze Zeit, ihre Augen offenzuhalten. Herr Sitzberger fuhr eifrig weiter. „Ihr sollt nicht mehr an dieser Welt hängen und Euch das Scheiden von derselben schwer fallen lassen. Ihr sollt im Gegenteil von einem innigen Verlangen nach den Wohnungen des Himmels erfüllt fein. Ihr sollt sagen, daß Eure Seele dürstet und seufzt nach den Vorhöfen des Herrn. Wenn auch immerhin die Furcht vor dem Gerichte die Vorstellungskraft beängstigt und der Anblick Eurer Sünden Euren Geist in tödliche Traurigkeit versenkt." Die Kranke bewegte ihre Lippen, und der Kooperator kragte: „Was wollet Ihr sagen?" Sie sprach kaum vernehmbar vor sich hin: „I Hab allawci gern g'arbet. Es is mir it leicht an Arbet z'viel g'men." Dabei hielt die Alte die mageren Hände vor sich hin, als wollte sie die Ehrenmale der Arbeit zeigen: und ein freund- lichcs Lächeln ging über ihr verwelktes Gesicht. Ja, wäre der liebe Gott in der Stube gesessen, dann wären ihm viel leicht die Augen naß geworden, und er hätte gesagt:„Das sind zwei ehrliche Hände, Anastasia Vöst, die du ausweisen kannst, und sie erzählen von nützlicher Arbeit. Die haben Gutes gewirkt im Leben, und mehr braucht es nicht für den Himmel." (Sortsctzung folgt.)' (Nachdruck vervotm.) S3s Huf Irrwegen. Von Jona» L i e. Als Faste in die Gartenpforte einbog, gewahrte er plötzlich gegen- über auf dem Wege eine Gestalt.-- Es schien fast, als wolle sie sich scheu entfernen. Bora?— Vera?— Ja, das mußte wohl Vera sein—! Es durchzuckte ihn, daß sie wohl infolge seines Billetts Ver- dacht geschöpft haben müsse und nun auf ihn gewartet und ihm aufgepaßt hatte! Mit einem Satz war er neben ihr. „Du hier, Vera--" „Ach,— ich habe mich so geängstigt,— ich bin hier auf und nieder gegangen und habe nach Dir ausgespäht, ob Du nicht kämst, — ob Du denn nimmer kämest!" Sie rang krampfhast die Hände. „Ich verstehe.-- Ich verstehe.-- Ich fühle mich wie «in auf frischer Tat ertappter Dieb!-- Rein, ich kann Dich beruhigen, dieser Dein geschlagener ehemaliger Freund will leben, — will den Kampf noch einmal aufnehmen." „Scherze nicht, Faste I— Du bist noch keineswegs fertig mit der Welt,— Du hast noch gar nicht einmal angefangen. -- Ich habe es ja immer gewußt, daß dies nichts für Dich sei. — Was kann ich Dir sagen!— Aber Du hast ja genug ungebrauchte Fähigkeiten und Kräfte.— Weshalb nicht über all das schreiben, was Du denkst?— Ich fing an. das Schauspiel zu lesen, das Du mir geschickt hast, und es war mir, als erlebte ich es alles.-- Aber plötzlich überkam mich eine solche Angst,— weshalb hattest Du es mir geschickt? Ich stürzte geradewegs zu Deiner Mutter; aber sie und Agncte dachten an nichts Schlimmes, und ich hütete mich wohl, sie zu er- schrecken. Aber von dem Mädchen erfuhr ich, daß Du ausgegangen, — daß Du nicht auf Deinem Zimmer seiest.-- Und dann bin ich hier in Todesangst auf und nieder gegangen und habe gespäht und gespäht und gelauscht—" „Großer Gott, Vera,— wäre es nun nicht im Grunde für alle besser gewesen, wenn dieser lästige, beschwerliche Bursche der» schwunden, unterlegen, aus der Welt gegangen wäre mit der Be- mcrkung:— Verstehe keine Spur von dem Ganzen!" «Nein, Faste, das wäre nicht besser gewesen,— für mich nicht." „Sagst Du das, Vera?— Kann so eine verunglückte, schiff- brüchige Person Dich noch interessieren?" „Wie Du redest, Faste!— Tu mit allen Deinen—" Er packte sie plötzlich be! beiden Armen und sah ihr scharf inS Gesicht.--- .Nein, jetzt sollst Du es mix sagen,— jetzt will ich es wissen. — Ich habe ja schon einmal Schiffbruch gelitten und muß cS zum zweitenmal ertragen können.-- Verhält es sich wirklich so? Ist es denn möglich, daß Du Dich mir und meinen Interessen an, schließen kannst.— jetzt, wo ich so tief unten auf der Leiter stehe. -- Kannst Du, die Du so klar und klug und korrekt bist, mich lieb haben?— Ja, so richtig, wirklich, meine ich!" „Du bist meine Welt geworden, Faste!— Ohne Dich gibt es für mich nichts, nichts,— das weiß ich jetzt nur zu gut." „Aber das ist ja, als wolltest Du Dich vom Felsen herabstürzen» Bera!— Gott behüte Dich, Kind!" „Du bist bitter geworden, Du Aermstcr,"— sagte sie und lehnte den Kopf an ihn an.——„Aber Du sollst sehen, es wird noch alles wieder gut.--- Wir wollen es schon zwingen, wir beide.— Wie. Faste?" Er schlang die Arme um sie.— „Rede, sprich weiter.-- Es hört sich an wie etwas Herr- liches, aus weiter Ferne,— wie Meerfrauensang!— Es ist mir» als stünde ich hier und hielte Dich mitten in der Brandung fest." „Sie wird ihr Schäumen schon einstellen, wenn wir beide—*• „Bera! Bera!" flüsterte er,—„sage es immer, immer wieder» daß Du mich liebst, so daß ich es fassen,— es begreifen kann." IS. Faste und Bera waren übereingekommen, daß sie sofort heiraten wollte!,. Sie wollte den Kampf mit ihm gemeinsam aufnehmen. Die Neuigkeit machte einen nicht geringen Eindruck auf die Stadt,— wirkte auch wie ein Dämpfer aus die unverhohlenen Aeußcrungen bitterer Rachelust in gewissen Kreisen. — Und dann geschah es, daß Faste und Bera eines Tages zn Onkel Joel beschieden wurden—— Er war ja wie aus den Wolken gefallen vor Staunen— hatte immer geglaubt, daß Bera Gylling ihren Verstand aus dem rechten Fleck habe.--- Aber was sollte man sagen,— heutzutage gab es keine Ueberraschungen mehr!— „Nun, Ihr beabsichtigt also, wie man mir sagt, die schrift- stellerischc Laufbahn einzuschlagen, eine Zukunft mit der Feder auf- zubauen,— ein Geschäft mit dem wohlassortierten Lager von Phrasen und schönen Worten und Fata Morganas und Seifen- blasen zu machen!— Sozusagen ein Telikatcssegeschäft in höherem Stil zu errichten,— nur mit dem Farbenspiel der Dinge-- Ja, ja,— dabei ist jedenfalls nicht so viel zu riskieren, keine so große Verantwortung— bei so etwaö— Lustigem! Ich las das Schauspiel, das Sie mir schickten, kleine Frau» —„Mammon".--- Es ist ja jetzt beim Theater eingereicht? — Ich las es in einem Zug.-- Ich muß gestehen, ich habe es genossen,—— namentlich an den Stellen, wo man nicht selben figuriert.-- Wunderbar getroffen, das muß man sagen,— mein alter, verehrter Konkurrent Bankdirektor Böckman. wie mit einer Laterne von außen und innen durchleuchtet. Eine sonderbar verwickelte Maschinerie, so ein Mensch.—— Ja. was soll man sagen!— die Zeit hat auch mich angesteckt. Ich habe auch Ideen.— Es ist ein einsames Leben gewesen, das ein alter Mann diese letzten Jahre geführt hat.— Was meint das zunge Paar?— Solltet Ihr wohl geneigt sein, diesen traulichen Stätten auf einige Zeit den Rücken zu kehren und mich nach dem Süden begleiten, wo ich gezwungen bin, mich häuslich niederzu- lassen?— Wir könnten uns ja gegenseitig dies oder jenes zuführen» — mein Neffe und ich sind schon längst daran gewöhnt, unsere gegenseitige Lebensweisheit rückhaltlos auszutauschen,— und mit der jungen Frau wollte ich schon fertig werden. Und dann, mein lieber Faste, dann kann ich Dir auch mitteilen» daß ich mich entschlossen habe, Deinen weisen Rat zu befolgen unb die Stiftung zu errichten, zu der Du mich seinerzeit verpflichtet glaubtest und weswegen Du mich so strenge unter den Druck meine? Mitmenschen stelltest. Mein Angebot ist nun gemacht. Ich übernehme das Hotel mit allen Bauplätzen und Anlagen bis über den Borstrand hinaus,— alles, was von der Stadt isoliert liegt,— für ein Drittel von dem» was es der Aktiengesellschaft gekostet hat. Ich will es in einen Kurort für Bronchitiskranke und Lungenleidende verwandeln,— habe eingehend mit Doktor Falkenberg darüber konferiert.-- Da sind ja, wie Du das so beruhigend in Deinen Prospekten gc- schildert hast,— alle möglichen Vorzüge vorhanden: Gegen den Wind geschützte Lage, Salz in der Luft, Fichtennadelatmosphäre» Meeres- und Hochgebirgsaroma,— wo könnte ich eS da wohl besser hin verlegen?— Und alle Menschen sind ja nicht in der Verfassung, daß sie, so wie wir drei, gen Süden ziehen können--" (Schluß folgt.) Seograpkiscbes und Volks- wirtfcbaftUcbcs aus Bulgarien. i. Wenn Bulgarien ein Balkanstaat genannt wird, so geschieht das mit einem gewissen Recht; denn ein guter Teil des Landes wird von: Balkan eingenommen. Und doch ist auch jene Bezeichnung nicht ganz richtig, da das Wort Balkan nur Gebirge bedeutet und in Bulgarien für jenes Gebirge nie gebraucht, dafür aber Stara Planina(der„alte" oder„hohe" Berg) gesagt wird. Da-Z Gebirge hat westlich vom Durchbruch des Jsker lNebenflub der Donau) seinen Hauhtabfall an der Nordseite, villich davon auf der Südseile, und es hängt wohl mit dieser Bruchzone zusammen, daß von den zahlreichen heißen Quellen auf der Nordseite nur zwei westlich vom JSler, also bei dem Steilabfall liegen; östlich vom Jsker sind sie auf der Südseite zu suchen. Bekannt sind lL8 Mineral- quellen an 75 Orten. Der höchste Berg des Balkans ist der Iumrukeal mit 2385 Meter. Es sind zahlreiche Pässe mit zum Teil guten Fahrstraßen vorhanden, die auch eifrig benutzt loerdeu, aber über keinen führt bis jetzt eine Eisenbahn; östlich vom Schipka- Paß wird jedoch eine Transversalbahn bald den Verkehr vermitteln. Die einzige Bahn, die den Balkan queri, benutzt das herrliche Durchbruchstal des Jsker, erforderte aber trotzdem noch 22 Tunnel. Parallel zum Balkan geht die Sredna Gora, die ebenso wie der Balkan noch viele Wälder aufweist. Ihr gegenüber liegt auf der anderen Seite des Mariza- Beckens das Rhodopegebirge, steilwandig aufragend wie eine ge- waltige Mauer, die am Westende im Musallah mit 2324 Meter ihren Höhepunkt erreicht und dort in das massige Nilagebirge übergeht; diesem wieder ist nördlich die prächtige Witoscha(2287 Meter) isoliert vorgelagert. Bulgarien besteht geographisch auS drei Teilen: 1. Nord- Bulgarien, das sehr passend auch Donau-Bulgarien genannt wird; 2. dem Balkan; 3. Süd-Bulgarien(Ost-Rumelien)"), das analog Mariza-Bulgarien heiße» könnte. Sowohl von unseren Zeitungen her wie auch durch unsere Atlanten sind wir gewöhnt, von den Balkanländern als den „kleinen" Ländern zu sprechen. Das kommt aber hauptsächlich da- her, daß unsere Atlanten die nichtdeutschen Länder in kleinerem Maßstabe darstellen als die deutschen; Professor Kassner sagt daher mit Recht:„ES wird mancher überrascht sein zu hören, daß das Fürstentum Bulgarien einerseits genau doppelt so groß ist wie das Königreich Serbien und andererseits so groß ivie die beiden Königreiche Bayern und Württemberg zusammen". Die Bevölkerung(13(15 4 328 233 Einwohner) ist noch dünn gesät— in Nordbulgarien 47, in Südbulgarien 33, im Mittel 44 Einwohner auf 1 Ouadratkilo- meter,— so daß das Land noch viel Platz bietet, zumal auch die türkische Restbevölkerung allmählich auswandert(1833— 1832: 64333). Während aber in Deutschland auf 1333 Einwohner nicht ganz 37 Geburten kommen, weist Bulgarien deren 45 auf. Ja, es gilt geradezu als ein Unglück, wenn sich bei einem jungen Ehepaar nicht innerhalb der ersten zwei Jahre der sehnlichst erwartete Nachwuchs einstellt. Uneheliche Kinder sind ver- hältniSmäßig selten. Auf 1333 Männer kommen nur 363 Frauen. Die Zunahme der Bevölkerung ist erstaunlich groß, denn sie über- trifft mit 15 Proz. wohl die aller anderen europäischen Staaten, aber wie gesagt: Platz ist noch genug da. Trotzdem findet auch eine Art Sachsengöngerei statt, allerdings aus dem dichtbesiedeltsten Teil Bulgariens, der Umgegend von' Tirnowa; große Scharen von Männern ziehen alljährlich von dort nach Rumänien. Siid-Rußland und Ungarn, wo sie Ackerland pachten und Gemüse bauen. Be- sonders Wanderlustige sind schon bis nach Belgien gelangt, und 1873 soll ein Trupp in Metz durch die Belagerung überrascht worden sein; selbst nach Amerika geben einige auf kurze Zeit. Da sie, wie fast alle Bulgaren, sehr sparsam leben, bringen sie große Summen alljährlich nach Hause, die man schon auf über 3 333 333 Fr. ge- schätzt hat. Die Sparsamkeit ist weit verbreitet und artet öfter bis zum Geiz ans. Das Klima der Balkanhalbinsel ist bei ihrem gebirgigen Charakter ungleich rauher als das der Apenninischen und Pyrenäischen Halbinsel. Schon die Römer erwähnen den strengen und frühzeitigen Winter des Haemus und der Provinzen Moesia und Daeia mediterranea. Bulgariens Klima zerfällt in Gebiete, die mit den Pflanzenzonen fast identisch sind: das pontische Gestade, die Niederungen an der Donau, die thrakische Ebene und die Gebirge, besonders das Bergland des Westens. Die wichtigsten Eigenschaften des Klimas sind: kurzer heißer und regenarmer Sommer, kurzer, trockener Winter, reichlicher Frühjahrs- und Herbstregen, dabei schroffe llebergänge und große Differenz der höchsten Sommerwärme und stärksten Winterkälte, in Sofia von ff- 33 Grad Celsius bis— 19 Grad Celsius. Regelmäßig ist sowohl der„Altweibersommer" im November, als in den Berglandschaften der verspätete Schneefall im April oder Anfang Mai. Viele Reisende unserer Tage beklagen die baumlose Oede, die sie bei einer raschen Wanderung durch die Landschaften Bulgariens iiberrascbt hat. Sie beschränkt sich aber nur auf die großen Ebenen, die Talsohlen gewisser Bergkessel und besonders, wie in allen ehemals türkischen Provinzen auf die Umgebung der großen Städte. Es ist auch der Mangel an Straßenalleen und isolierten Bäumen, der diesen traurigen Eindruck hervorruft. Abseits von den Hauptstraßen gelangt man jedoch bald in aus- gedehnte, niedrige Buschwälder, ja, in abgelegenen Gebirgstälern kann man sich sogar an den herrlichsten, hochstämmigen Urwäldern erfreuen, die Südeuropa aufzuweisen hat. Die Verteilung dieses bewaldeten Bodens ist auf der neuen russischen Karte überall genau mit Farbendruck angegeben. Das Gesamtareal der Wälder wird •) Ostrumelien, durch Vertrag vom Jahre 1873 neugeschaffen, ist die Südvrovinz Bulgariens. offiziell, allerdings mit Einschluß der niedrigen Buschwälder, auf ungefähr l'/e Millionen Hektare angegeben. Im Mittelalter waren die Wälder ohne Zweifel viel größer. Berühmt war die riesige Silva Bulgariae, die die Kreuzfahrer aus dem Wege von der Donau zum Trajanstor durchzogen. Doch schon Ritter Dernfchwan fand in der Hälfte des 16. Jahrhunderts die Berge zwischen Sofia und Pirot so kahl, und die ganze dortige Gegend so holzarm, wie wir sie heute sehen. Am Anfang des 13. Jahrhunderts haben die Türken bei der Versolgung der Räuberheere der Kyrdzalis Waldbrände angelegt und dadurch das Land nicht wenig verwüstet. Großen Waldschaden verursachten, wie in anderen Ländern der Halbinsel, die planlosen Verwüstungen beim Holzfällen, die zahlreichen, dem Nachwüchse so schädlichen Ziegen- Herden und die von den Wanderhirten zur Gewinnung einer besseren Weide im Herbst angelegten Grasbrände. Holzarin und fast waldlos sind die Donaulandschaften bei Vidin, Lompalanka, Rachowo und Svistow, die Steppe der Dobruza, die Ebenen Thrakiens und endlich ein breiter Strich, der sich vom Rilagebirge nordwärts bis gegen Pirot erstreckt und die Becken von Dupnica. Radomir, Sofia und Breznik nebst manchen angrenzenden Höhen(z. V. der Silin Planina) umfaßt. Da gibt es Landschaften, wo man Ziegel auf Strohfeuer brennt, an der Donau bei Vidin ebensogut wie z. B. bei Slivuica. In den Ebenen sind an den Flüssen auch Auen und Sumpfwälder vorhanden. Die größten, aus Weiden, Erlen und Pappeln bestehend, gibt es natürlich an der Donau, sie gehören aber mit den Inseln und Sümpfen meist Rumänien, da sich das die Grenze bildende Fahrwasier in der Regel an das hohe bulgarische Ufer anschließt. Auen gibt eS auch an der Maritza, an der unteren Tundza und im Mündungsgebiet der Kameija. Von den Haustieren ist nach Jereeek, dessen umfangreiches Werk über„Bulgarien" unS hier als Quelle dient, an erster Stelle das Pferd zu nennen. Auf der ganzen Halbinsel überwiegt eine einheimische Gebirgsraffe, kleine, zottige Tiere, von dunkelbrauner, selten weißer Farbe, die bei aller Uuscheinbarkeit stark und auS- dauernd sind und in großen Heerde» auf hochgelegenen Vergwiesen gezüchtet werden. Der Esel ist überall vorhanden, in den Ebnen RumelienS sogar zahlreicher als das Pferd. Der Maulesel ist das Haupttier der Rhodope. Das Kamel kam mit den Türken in diese Länder und zieht sich mit diesen wieder zurück. DaS wichtigste Haustier des bulgarischen Ackerbaues ist der Büffel. Dieses im Norden Europas wenig bekannte und selbst in Ungarn und Italien nicht häufige Tier ist niedriger und länger als der Ockse, mit stark zurückgebogenen Hörnern und einem feinen schwarzen oder dunlelgrauen Fell. Seine Bewegungen sind träge und langsam, aber seine Arbeitskraft übertrifft die deS Ochien, obwohl eS viel Pflege erfordert, fast wie ein Pferd. Von einer angeblichen Wildheit und Reizbar- keit ist bei dem phlegmatiscben Tier keine Spur zu merken. Die Büffelmilch ist reiner und schmackhafter als die Kuhmilch, ebenso die Butter. Die Existenz des Tieres ist an ein regelmäßiges Schlammbad gebunden; es muß einige Stunden täglich im Waner stehen oder sich im Schlamme wälzen. Deshalb befinden sich in den Bauernhäusern einige Behälter, in denen die Büffel bequem bis auf den Kopf untertauchen können; manche Dörfer haben eigene gemein- schaftliche Tümpel dazu. Im Sommer sieht man auf den Straßen überall Büffel, die von einer dicken, gegen die Sonne und die Insekten schützenden Schlammkruste ganz überzogen sind, langsamen Schrittes schwere Wagen ziehen. Ein. unentbehrliches Gerät bei jedem Büffel- gespann ist auch ein hölzerner oder blechener Schöpflöffel zum Begießen der Tiere. Das Rind ist klein, kleiner als das ungarische, von weißer oder schmutzig weißer Farbe, mit großen Hörnern. � Die Schafe, Ziegen und Schweine unterscheiden sich nicht von denen der übrigen Balkanländer. Mit den wild zudringlichen Hunden der Bauern und Hirten muß der Reisende oft unangenehme Be- kanntschaft machen; die grauen Hirtenhunde sehen nicht selten wie Bastarde von Hunden und Wölfen auS. Als Jagdmeute dienen meist Windhunde. Von den Raubtieren ist das größte der Bär. Seine Ver- breitung ist bereits recht eingeschränkt. Eine Landplage sind die Wölfe. Sie fehlen in keiner Gegend. Der Schakal kommt wohl nur im Osten der thrakische» Ebene und an der PontuSküste bei Burgas vor; im gebirgigen Westen ist er unbekannt, ebenso wie in Serbien; Füchse und Wildkatzen gibt es überall in den Wäldern. Der Luchs ist selten. Im übrigen bietet die sonstige Tierwelt Bulgariens, in der die Vogelwelt stark vertreten ist, nichts besonders Bemerkenswertes. Die Bevölkerung Bulgariens ist in aufsteigender Ve» wegung begriffen, jede Volkszählung ergibt ein starkes Wachstum, daneben zeigt sich durch Einwanderung, Auswanderung und Um- siedelung eine fortwährende Bewegung in der Bevölkerung. Im Vordergrunde steht einerseits das Schwinden der Türken durch Massen- hafte Auswanderung, andererseits die unaufhaltsame Ausbreitung der Bulgaren über das ganze Land. An erster Stelle stehen natürlich die Bulgaren, dann folgen die Türken, Rumänen, Griechen, Zigeuner, spanischen Juden, die anderen Slawen, Deutschen, Franzosen usw. Die bulgarische Sprache gehört zur Südoslgruppe der slawischen Sprachen, sie hat aber cigemüniliche Besonderheiten, die ihr eine besondere Stellung anweisen. Der Wortschatz der Bulgaren zeugt in seiner Eigen- tümlichkeit von dem konservativen Charakter des Volkes, bei näherer Beobachtung fällt sein großer Reichtum auf. Sehr mannigfaltig, aber noch wenig erforscht sind die Dialekte, die man in zwei große Gruppen teilt: eine östliche und eine westliche. Beide haben wiedernm mannigfaltige Mnndarten. Die bulgarische Kirche ist ein Teil der orthodoxen orientalischen Kirche und bedient sich derselben altslawischen Kirchenbücher wie die Serben und Russen. Sie ist eine historische Fortsetzung der mittelalterlichen bulgarischen Nationalkirche, die unter der Türkeuherrschast von dein Konstantinopeler griechischen Patriarchat annektiert wilrde. Einen einheitlichen bulgarischen Typus gibt eS nicht, und nach Mstrcifung der nationalen Tracht ist der Bulgare ans den ersten Blick nicht so leicht zu erkennen, wie z. B. der Armenier oder der Jude. Es ist die Folge der Völkermischung, au? der sich die heutige Bevölkerung im Laufe von mehr alS einem Jahrtausend herausgebildet hat. An Wuchs ist der Bulgare eher klein als groß. Der Bergbewohner deS Balkan vom Jsker bis zum PontuS solvie der ihm verwandte Bauer der benachbarten Donau- »md Maritzaebene bat meist einen kleinen, gedrungenen, knochigen und elastischen Körper. Hochgewachsene, schlanke Gestalten überwiegen in der Niederung an der Donau von Timok bis Pleven und im GebirgSland bei Sofia, Radomir und Trn. Beleibte Personen sind� selten, viel seltener als unter den Türken. Das Haar ist meist dunkel und hart; krausköpfige Personen finden sich nur wenige. Reben schwarzem Haar sieht man meist dunkelbraunes mit rötlichem Stich; ein nordisch hellblonder Kopf ist eine Ausnahme. Aeußerst mannigfaltig sind die GesicktStypeii. Es gibt slawische Ge- fichter, tvie man sie in Rußland, Polen und Böhmen an- trifft, daneben romanische, die auch in den serbischen Ländern stark vertreten sind, ferner griechische, besonders in den Städten(Pbilippopel, Trnovo, Svistov usw.), dann auch armenische und kaukasische mit starken Nasen, nicht nur unter den Stadtbürgern, sondern zum Beispiel auch in der Ebene bei Philippopel. Die breiten, fast auf- gedunsenen Gesichter mit kleiner Nase uird vortretenden Backen- knochen, z. B. bei Sofia und in gewissen Balkantälern, verraten alt- türkische, petschenegische oder kumanische Abkunft, ja so mancher rotwangige Bulgare aus dein Balkan des Kreises von Trnovo sieht mit seinen buschigen Brauen über dem dunkeln Auge, dem langen abwärts gedrehten Schnurrbart und dem spärlichen Bartwuchs des Kinns ganz tatarisch oder kalmückisch aus. Es fehlt endlich, wie in Rumänien, nicht an Zigeuncrtypen. In Mazedonien und in der Rhodopc gibt es einen rührigen, dürren, brünetten Menschenschlag niit kleinem Kopf und kurzein Kinn. Unter den Männern findet man manches schöne Antlitz. Die Frauen haben mehr intelligente als schöne Gesichter: an Schönheit des weiblichen Geschlechtes sind alle übrigen Balkanvöller reicher ausgestattet als die Bulgaren. Die geräumige Ausdehnung der Städte mit deren geräumigen Haushöfen und Hausgärten hat früher zu mancher Ueberschätzung der Bevölkerungszahl geführt. Die BolkSzählungen der neuen Ver- tvaltung haben die Erwartungen auf ein bescheidenes Maß zurück- geführt' Eine Stadt von der Größe von Bukarest, Galatz oder Athen gibt eS in Bulgarien noch nicht. Die größte Bevölkerung hat Sofia mit 820 187 Einwohnern. Die neue Verwaltung hat in den Ortsnamen hier und da Verändcrnngcn vorgcnonrmen, befondcrns in den Dorfiiaincn türkischen Ursprungs, für die vielfach russische Feldherren und bulgarische Revolutionsmänner neue Namen lieferten. In der Anlage der Städte herrschen wie in dem der Dörfer gleichfalls zwei Haupttypen vor. Der eine ist orientalisch Und umfaßt die weit ausgedehnten Städte der Ebenen in der Regel mit gemischter Bevölkerung, wo die Häuser meist im Innern von großen Gärten oder Höfen stehen und die Gassen zum Teil mir mit einförmigen Hofmauern eingezäunt sind. Von diei'er Art ist Sofia in seinen älteren Teilen, Nnscuk, Kazanlyk usw. Der zweite Typus erinnert sehr an die mit möglichster Raumersparnis an- gelegten okzidcntalischen Städte mittelalterlichen Ursprungs, niit dicht gedrängten, an die Gaffe selbst vortretenden Wohnhäusern; dazu gehören die vorwiegend christlichen Städte der Berglandschastcn, zum Beispiel Trnovo. In, allgemeinen bieten die meisten Städte von der Ferne einen malerischen Anblick, schon wegen der Menge der Bäume, der Minarets und der Kuppeln der.Kirchen, Moscheen und Bäder. Das Innere pflegt bei dem ersten Typus durch seine Regellosigkeit und Unrein- lichkeit rasch zu enttäusche». Im ganzen sind die Orte des zweiten Typu? reinlicher und angenehmer. Allerdings ist auch eine Stadt türkischer Art mit ihren weit voneinander stehenden Häusern ge- sünder, als manche enggedrängte italienische Gemeinde»fit ihren stockhohcn Häusern, engen Gaffen und finsteren Wohnungen. Aus Stein oder Ziegel sind nur Kirchen. Moscheen, Bäder und über- Haupt öffentliche Gebäude. In dem Baumaterial des Pribathanseö haben Holz und Lehm die Oberhand; in der Regel wird ein hölzernes Skelett aus starken Balken aufgestellt und dessen Zwischenräume mit rohem, durch geschnittenes Stroh äufgemischtemLehn, oder miiLuftziegeln, sehr selten mit Backsteinen ausgefüllt. An manchen Orten find die Fundamente bis zu einer gewissen Höhe aus Stein, der obere Teil auS dem eben beschriebenen Fachwcrk. Die Anwendung von Ziegeln zum Bau des ganzen Hauses ist eine Neuerung der neuesten Zeit. Aus diesem Grunde sind die Gebäude älterer Art sehr gebrechlich, wenig feuersicher und werden rasch baufällig. kleines feuMeton. Kulturgeschichtliches. Selbstmord als Todes st rafe. In Europa hat man bis ins 19. Jahrhundert hinein den Selbstmördern nicht nur das kirchliche Begräbnis versagt, sie oft schimpflich begraben, sondern auch den Selbstmordversuch unter strenge Strafen gestellt. Geholfen hat dies freilich nicht viel, da es eben stets entschlossene Todes- kandidaten gab, die sich selbst durch die schärfften Strafandrohungen nicht davon zurückschrecken ließen, Hand an sich zu legen. In Deutsch- land und den andern Kulturländern macht sich freilich heute eine andere Auffassung des Selbstmordes geltend: Man erblickt in den Selbst- mvrdern nicht mehr so sehr Verworfene als Unglückliche. Anders allerdings in Rußland und anderen slawischen Ländern, wo man bis auf den heutigen Tag nicht wagen darf, einen Selbstmörder etwa mit kirchlichen Ehren zu bestatten, da sich hartnäckig die Ansicht be- hanptct, daß der Selbstmörder, da er unbußfertig gestorben sei, der ewigen Seligkeit nicht teilhaftig werden könne und als Blutfanger, Vampyr den Lebenden Verderben bringen müsse. Ganz im Gegensatz zu dieser christlichen Auffassung des Selbstmordes war man im Altertum äußerst tolerant gegen den Selbst- mörder. Bei uns sucht man bekanntlich auf jeden Fall zu verhindern, daß ein zum Tode Verurteilter das Urteil an sich selbst vollstreckt, und bringt ihn deshalb in die Mörderzclle und läßt ihn dort Tag und Nacht bewachen und falls es dem Unglücklichen doch gelingen sollte, einen Selbstmordversuch zu machen, stellt man den armen Todeskandidaten, oft miter Aufwendung aller Finessen der ärztlichen Wissenschaft, wieder her, um ihn dann bald danach von Rechts wegen hinzurichten. Dagegen zwang man in Attila den Verurteilten, das Urteil an sich selber zu vollstrecken, wie uns ja von Sokrates, der den Schierlingsbecher trinken mußte, bekannt ist. Wie uns Rudolf Hirzel, ein Kenner des klassischen Altertums, in einer Ab- Handlung über den Selbstmord im letzten Heft deS„Archivs für Religionswissenschaft" berichtet, machte man sogar schon den dreißig Tyrannen den Vorwurf, daß sie die Menschen nötigten, den Gift- becher zu leeren und so Mörder ihrer selbst zu werden. Dementsprechend faßt auch Plato den Tod deS SokrateS als aufgenötigten Selbstmord auf. Auch bei ganz anderen Völkern finden wir mitunter die Neigung, die Vollstreckung des TodeSurtels dem Verurteilten selbst zu über- lassen: wir brauchen nur an die grüne Schnur des Orients und an das Harakiri Japans zu erinnern, das bei weitem nicht inimer frei- willig geübt wurde. Was die Gründe dieser Legalisierung des Selbst- mordes anbetrifft, so handelt es sich vielfach um eine Milderung der Strafe, in anderen Fällen dagegen erscheint ein solches Ver- fahren wiederum als ausgesuchte Grausamkeit. In beiden .Fällen war aber sehr bedeutsam, daß der Richter selbst von jeder Blutschuld freiblieb. da der Verurteilte sich ja selbst getötet hatte»md nicht hingerichtet worden war. Dies Motiv war bei der Einführung dieser eigenartigen Art der Straf- Vollstreckung so wirksam, daß es durchaus glaubwürdig ist, wenn uns alte Schriftsteller erzählen, der Kaiser Tiberius sei infolge dieser Erwägung veranlaßt worden, den Selbstmord der Verurteilten auf jede Weise zu begünstigen, besonder? dadurch, daß in diesem Falle nicht wie sollst ihr Vermögen konfisziert wurde. Aus der Pflanzenwelt. Jedem L a üben be sitzer ist wohl schon die Melde s�triplox) als Unkraut höchst lästig gefallen. Sie erzeugt ungemein viel Samen und komint auf dem schwächsten Sandboden fort. Ist nun diese Pflanze im allgemeinen auch nicht gerade gern gesehen, so läßt sich doch auch gutes von ihr sagen, denn solange sie jung ist, gibt sie einen ausgezeichneten Kohl und die im Herbst dicht mit Samen besetzten Aeste werden immer gern von unseren Stilbenvögcln abgesucht. Wenigsteiis ebenso lästig, wenn nicht noch viel lästiger ist aber eine andere, den ganzen Somnier bis spät in den Herbst hinein wuchernde Pflanze, die dein Kolonisten von gar keinem Nutzen ist. Jeder kennt sie, aber keiner weiß, wie sie heißt, wie mir schon so mancher Laubenillhaber bestätigt hat. Das buschige, von 15 bis 00 Zentimeter hoch wachsende Gewächs gehört zu derselben 5tlasse wie die Kamille, Sonnenblume, Wucherblume usw., nänilich zu den Kompositen oder Korbblütcrn. Wenn man nämlich genau zusieht, besteht jeder einzelne Blütcnkopf aus unzähligen kleinen Blüten, die gleichsain in einem Korbe vereinigt sind. Von diesen kleinen Blüten haben nur die anr Rande befindlichen je ein größeres Blumenblatt. So auch unsere Pflanze, nur daß jeder einzelne kaum erbsengroße, auf einem Stiele sitzende Blütcnkopf nur fünf mit kleinen weißen eingekerbten Blumenblättern versehene Randblüten bat. Die Stiele schießen dreigabclig aus den Blattwiukeln in die Höhe, es stehen immer zwei kurz gestielte, schwach gezähnte Blätter einander gegenüber, deren Form herzeiförmig ist. Die lästige Pflanze heißt(Za1in8c>-;a parvifloru lkleinblumige Galinsoges und hat ihren Namen von einem Direktor des botanischen Gartens in Madrid. Auf Deutsch nennt man sie Franzosen- kraut. Sie stammt aus Peru in Südamerika, woher sie ein- weder mit Warensendungen eingewandert oder absichtlich von Forschern in die botanischen Gärten gebracht worden ist. Ihre Verbreitung ist Europa, besonders in der Umgebung der größeren Städte soll sie ihren Ausgangspunkt von dein botanischen Garten in Berlin genommen haben. Vertreiben kann man sie nur, indem man sie vor dem Blütenansetzcn ausrodet. Berantw. Redakteur: Georg Davidsohn. Berlin.— Druck u. Verlag: VorwärtsBuchdruckerei u.VerlagsanstaltPaul Singer SlCo..BerlinLW.