Nnterhaltungsblatl des Nr. 197. Sonnabend den 10 Oktober. 1903 (NachdruS verboten.; 8] Hndrcaa Völt. Bauernroman von Ludwig Thoma. ,.Jn derselben Zeit trug Jesus seinen Jüngern dieses Gleichnis vor. Im Himmelreich ist es wie mit einem Könige, der mit seinen Knechten abrechnen wollte. Da er zu rechnen anfing, brachte man ihm einen, der ihm zehntausend Talente schuldig war. Als dieser nichts hatte, wovon er bezahlen konnte, befahl sein Herr, ihn und sein Weib und seine Kinder und alles, was er hatte, zu verkaufen." Hier knüpfte der hochwürdige Herr an und sagte: „Warum befahl der König, nicht nur den Schuldner, sondern auch sein Weib und seine Kinder zu verkaufen? Ihr Leute, das will ich euch erklären. Wo es in einem Hause schlecht geht, hat selten eines allein die Schuld. Von den anderen wird häufig dazu Anlah gegeben durch Einwilligung, Stillschweigen, Uebcrsehung. Da gibt es Leute, welche der Meinung sind, sie wären so gescheit, daß sie überall darein reden dürfen. Sie widersprechen der weltlichen Obrigkeit und «eben Ratschläge, wie man es besser macht: ja sogar die geist- liche Obrigkeit muß es sich gefallen lassen, daß so ein Sieben- gescheiter seinen Willen durchsetzen will. „Aber wie sieht es oft aus bei einem solchen in Dingen. die ihn mehr angehen? In seiner Familie, in seinem Hause? Da merkt man nichts von der großen Gescheitheit und vom guten Regiment. Einer, der Herr sein will über den Staat und die Kirche, vermag seine Dienstboten nicht in Ordnung zu halten, ja nicht seine Kinder. Wäre es nicht besser, er hätte seinen Willen darauf gerichtet, daß man ihn als rechtschaffenen Hausvater betrachten kann, als daß er sich um fremde Dinge bekümmert? „Das ist auch eine sichtbare Warnung für alle, die einem solchen anhängen. „Diese sollten sich fragen, ob sie dem Rate eines Mannes folgen dürfen, der in seinem eigenen Hause das Schlechte duldet oder nicht unterdrücken kann. „Und sie müßten sagen: NeinI Dieser Mann kann uns kein Beispiel sein. „Denn wie sagt Jesus zu seinen Jüngern? „Hütet euch vor den falschen Propheten, und an ihren Früchten werdet ihr sie erkennen. „Jeder gute Baum bringt gute Früchte, aber ein schlechter Baum bringt schlechte Früchte. „Darum, wenn man sieht, daß in dem Hauswesen eines Mannes unziemliche Dinge vorkommen, so wissen wir, daß man seinen Worten nicht folgen darf „Seine Früchte sind schlecht, und er selbst kann nicht als gut erfunden werden. Amen." In der Kirche saß keiner, der den Pfarrer nicht verstand. Der Hierangl hatte überall erzählt, daß sein Sohn vom Schuller angepackt worden war, weil er sich nicht dazu her- geben wollte, den Vater von der Ursula ihrem Kinde zu machen. Eine Dienstmagd, die der Schuller davongejagt hatte, erzählte auch, daß die Ursula in andern Umständen sei, und so war es leicht zu sehen, wen der Pfarrer meinte. Der Schuller war nicht in der Kirche, aber seine Bäuerin kam mit brennrotem Kopfe heim und erzählte ihm, was sie hatte anhören müssen. �. „J hätt' mi am liabcrn vaschloffa, so hon i mi g schämt," sagte sie. „Do brauchst di du gor it vaschliaffen." „Ja. was moanst denn? In de vordern Bank' Hamm sie si alle umdraht nach meiner und die Bäcker Ulrich Marie hat d' Pratz'n vors Mäu g'habt und hat recht eini g'lacht, daß's ja alle Leut' sehg'n." „Da brauchst du di gor it vaschliaffen." wiederholte der Schuller,„de Schand' trifft an andern, der wo so schlecht es und immt d' Kanzel her zu seiner Feindschaft." „An den Früchten werdet ihr es erkennen, wo eS in einem Hause schlecht ist." hat er g'sagt.„und einem Manne dürfet ihr nicht trauen, der wo die Schlechtigkeit duldet. Mi Hamm bo's Deandl mit Rechten aufzog'n, und für dös kinna mir's aa it derschlag'n." Die Schulleriu weinte. „Z'weg'n dem brauchst it trentzen," sagte der Bauer,„was der red't, is gar nix. Des sell acht i gar it." „Warum hat er nacha nix predigt, wia'r an Schreiber sei Zenzl a Kind kriagt hat? Da hat ma nix g'hört von einem schlechten Haus. Grad' ins tat er de Schand' o vor allsamt Leuten." Der Schuller gab ihr keine Antwort: er sah zum Fenster hinaus auf die Straße. Schräg gegenüber beim Schuhsteffel standen noch einige Kichgängerinnen und steckten die Köpfe zusammen. Hie und da drehte sich eine herum und warf einen ge- schwinden Blick herüber. Da sagte der Schuller:„Bälrrin. tua mir an Rock außa« I geh' ins Wirtshaus." „Geh, bleib dahoaml De red'n heut' do nix anders, als wia vo dera Predigt." „Grad' desz'weg'n geh'n i. Sinscht moana d' Leut', ß versteck' mi." Er legte den dunkelblauen Fcitertagsrock an und ging durch das Dorf. 5° ie Bäck-r Ulrich Mine, sich hinter ihre Haustiire stellte und ihm lange nachsah, wunderte sich über seine ruhige Miene und sagte zu der Zwergerin: „Er muaß's no it wissen." Die Zwergerin kannte die Menschen besser.„Do bist irr'/ sagte sie,„wenn'st moanst, der Schuller loßt si was mirk'm Der woaß's scho lang'." Beim Wirt saßen viele Leute: man hörte ihre Unter- Haltung schon im Hausgange. Aber wie der Schuller eintrat, war es mit einem Male still, und alle drehten sich nach ihm um. Er grüßte kurz und setzte sich wie immer an den Ofen- tisch, wo die größeren Bauern saßen. Der Haberlschneider rückte ein wenig hinein und machte ihm Platz. „Wo kimmst denn her?" fragte ihn der alte Lochmann „I? Bon dahoam." „I ho mir denkt, du bist z' Webling g'wen." „Na." Es trat wieder eine Pause ein, und der Webcrgürtler, det! ein oft gesehener Gast im Pfarrhause war, zahlte sein Bier und ging. Der Haberlbauer unterbrach die Stille und fragte: „Bist scho bald firti mit'n bau'n. Schuller?" „No reit völli. D' Schaffelbroat'n Hab' j no, nacha i? g'schehg'n." „Was baust denn?" „An Woatz." „Hast z'letzt an Raps dort g'habt?" „ � a» „Er waar scho recht, da Raps, wann ma no net gar so weni löset dafür." Das Gespräch war in Gang gekommen, und der SchulleZ konnte seine Sachkenntnis zeigen. Aber wie der alte Lochmann aufstand, rückte der Geitnex um einen Platz herauf. Er war als ein Mann bekannt, des gerne herumhorchte. Niemand traute ihm, aber da er jedem schön tat und offene Feindseligkeit vermied, kam keiner dazu, daß er ihm die Wahrheit gründlich sagte. Der Geitner rückte herauf und sagte plötzlich, indem eli mit der Hand auf den Tisch schlug: „Und dös glaub' i amal net, daß der Schuller a schlecht'S Hauswesen führt. Dös glaub' i durchaus gar net." Obwohl niemand widersprach, steigerte er seinen Eise? und schrie so laut, daß ihn alle Leute hören mußten: „Dös glaub' i net. Und bal's oana änderst sagt, nacha bin i scho dol Der Schuller Wirtschaft' it schlecht. Dös gibt's gor it." „Geh, sei staadl" sagte der Haberlschneider. „Na, do bin i it staad. DöS glaub i amal net. Siehg'st. Schuller, i woaß, daß di bös verdriaßen muaß, was heut' Lbcr di g'rcd't worn is. Aba bei nur, Host g'HLrt, do sind dös focm Glaub'n. Tu vastchst mi scho" In der Stube wurde es still, und alle schauten neugierig, Was der Schuller wohl tun werde. T�r stand langsam auf und sagte: „I versteh' di guat, Gcitner, aba i sag' dir bloß dös. Ter schlechtest Mensch is der Ehrabschneider, und wann oaner de Kircha dazua hernimmt, nacha is er zwoamal schlecht. Und dös derfst überall verzähl'n, wo'st magst." „F? Was glaabft denn? I steh' ja durchaus bei dir! Ta gibt's gar nix." Ter Schuller gab ihm keine Antwort rind ging mit dem Haberlschneider aus der Stube. Sie nahmen nicht den Weg durch das Dorf, sondern böge?: hinter dem Wirtshaus in einen Feldweg ein. Der Schuller fragte kurz: „Was sagst denn du dazua?" „Daß da Qicitncr a Tropf is." „Und de Predigt?" „Dös hat mi gar it g'wundert, Schüller. I Hab' d'as gesagt, der Pfarra paßt dir an Weg ab. Hoaß is er scho lang' auf di, und jetzt erst redch weil er woaß, daß mir di zum Bürgermoasta Hamm woll'n." Der Schüller blieb stehen. „Wia'st mi vor acht Tag g'fragt hast, hon i dir mit Wahrheit g'sagt, daß i net gern Pürgermoasta wer. Aba jitzt, Haberlschneidcr, sieh'gst, jetzt niöcht i's wer'n. Und wenn's bloß desz'weg'u waar, daß mi der ander it ganz vcr- acht'n ders." (Sortfcfcung folgt./, lriachdruS dcrboteirZ Ocil. von Johann«SV. Jensen. Autorisierte Uebersetzung von M e n S. (SSluß.) Anton suchte die Zügel zusammen, ungeschickt holte er sich die Pciische aus dein Lederhalter. Und nun ging es in schandbarer Fahrt den Weg enttang. Jens Madsen lnirschte mit den Zähnen, als er das mit ansehen musiie. Aber das linke Hinterrad an Antons Wagen war schief, oder saß es locker, genug, bei der lvilden Fahrt iahen die Bewegungen des Rades unbeschreiblich komisch aus, das Rad ging aus und ein, ein und ans— wie ein lahmer Bettler, der hin will, wo eS brennt. Cecil war»och nicht ins Haus getreten, sie sah es und begann zu lachen, sie lachte so»ngesinm, dag sie sich zu'ammenkriiinmlc. Bei der Wegbicgung lies das unbändige Rad aus der Achse und rollte walschelnd i» den Graben.— Hub I Das gauze Fuhr- werk war wie umgeblasen. Anton flog im Bogen aufs gcpflugre Land hinüber— der Wagenkasten wurde auf der Seite weiter- geschleift. Jens Madsen war stehen geblieben und hatte sich heftig durch die Rase geräuspert. Jetzt kam plötzlich Bewegimg in ihn. Großer Gott! er lief hin. Aber Cecil lachte noch ärger. Dann aber wurde ihr schlecht, sie taumelte gegen die Tür. Als sie sich aber erholt hatte, lachte sie wieder los. Einige Minuten später brachte» Jens Madsen und der Fähr- mann Anton heraugcschleppt. Anton war gegen die gefrorene Erde geschlagen nnd war so beiäubt worden. Als AiNon wieder zu sich kam,»lachte«v aber klüglich die Augen wieder zu und tat, als loäre er noch schwach und ohnniächlig— er fand sich nämlich mit dem Kopfe in Cecils Schoß gebettet. „Warum fährst Du denn so verrückt sagte Cecil streng und tadelnd, als Anton endlich ins Leben zurückkehrte. „Du darfst mir das doch nicht voriverfen, Cecil,' murmelte Anton sehr zaghast,„ich muß doch meinen Kmnuier betäuben lönnen. Ja, lveiui.. Mehr wurde nicht gesprochen, Jen? Madsen wollt« weiter. Aber als Anton, der wieder ganz gesniid war, sie an den Wagen be- gleite: c, trat Jeus Madsen dicht aus ihn zu und gab ihm Bescheid: „Meine Schweine sind ganz gut, und Du brauchst mich nicht zu beleidigen, das will ich Dir noch mal sagen. Und ein andermal, da kannst Du.. Jens Madsen sah Anton mit scharfen Augen an und lud ihn zn etwas ein, was recht wenig ehrenvoll war. Dann fnhreu Bater und Tochter ab. In der folgenden Zeit kam Chrisie» Brygiatsen zweimal zu Jeus Madsen, ihm gute Worte zu geben nnd Freundlichkeit wieder zu empfangen. Ader Cecil blieb in der slüche und wollte nicht mit ihm sprechen. Als gegen Ostern Anton wieder erschien nnd zun, zweitenmal freite, in nüchterner nnd bescheidenerer Form, da gab Cecil ihni ihr Jawort. Jens Madsen sträubte sich. Aber im Frühling wurde die Ber- lobinig bekannt gegeben und die Hochzeit für einen Monat später angesetzt. Jens Madsen mußte seiner Tochter den Willen lasten, er hatte daS immer müssen. Nach dein Verlobimgsschmaus krochen Anton und Cecil für die Nacht zusammen in Cecils Alkoven. Das war so Brauch, und in Jens Madiens altväterlichem Hause wollte niemand an dein lieber- lieferten rütteln. Andere Leute, die feiner sein wollten, konnten sich ja eines mehr abwartenden Brauches befleißigen— da-Z war ja ihre Sache. Acht Monate nach der Hochzeit bekam Cecil ihr erstes Kind. Als Mädchen halte sie ost Not gehabt, Luft zu bekommen— als ob sie engbrüstig gewesen wäre— aber jetzt wußte sie nichts mehr davon. Am Hochzeitstage war Anton bettunken. Und hinfort wurde» die Pansen zwischen den Tagen, wo er einmal nüchtern war, länger und länger. Gleichzeitig wurde sein Fahren mehr und mehr toll- kühn. In weniger als einem Monat jagte er zwei Pferden die Borderbeine ab. Er nnd Cecil fuhren fast jeden Tag aus, kippten mehr als einmal mit dein Wagen uin, sie kamen sebr ins Gerede. AntonS brutales Wesen tum immer mehr ans Licht. Bei den Gelagen zeigte er sich so großprahlccisch. daß alle für ihn mit verlege» werden uuißteu. Er war wie eine Tonne, aus der der Zapfen ge- nominell ist, er prahlte über alle Maßen. Männer, die zu Jahre» gekommen waren, wechselten die Farbe cniS Sckam, daß er einer der Ihrigen war. Aber man brauchte nur zn bedenken, woher er stammte. dann konnte man sich erklären, warum Besitz und Wohlstand ihm derart zu Kops steigen mußte. Wie ttug denn Cecil, die stolze, empfindliche Cecil, diese Schande. Wunderbar. Sie hetzte ihn noch an, daß er wie toll drauf los tobte, sie»ahm ihre Zuflucht zum Lachen, da sie keinen anderen Ausweg halte. Cecil war mit allem möglichen einverstanden und schlug üniner noch NuvenlünstigereS vor. Ja, natürlich. DaS Allerverrück teste. Aber eines Vormittags, als Anton nach einer in Trnilk und Spiel verbrachten Nacht noch in der Kammer lag, ging Cecil zn ihm hinein. Die Leute in der Stube vernahmen, daß sie zu spreche» beoann. Was sie sagte, verstand man nicht. Aber man konnte merken, daß sie mit ihrem Manne rechtete; es fielen Worte, die so tonlos und peitschend niederklatschteu, wie lange Lederstreifen. Lange fuhr die haßerfüllte Stimme fort mit Fuchteln und Durchgerben. Dann hörte man einen heiseren Fluch, ein Gepolter— ein Kreische» — umfallende Stühle.... Die jungen Leute waren etwa? Unerhörtes für die Gegend. Sie wirtschafteten töricht, sowohl mit ihrem Gut als mit ihrcin Ruf. Sagte Anton sieben, so schlug Cecil vierzehn vor, fuhr er wie ei» verrückter, so warf sie die Zügel ganz hin. Bei einer Tombola, die in einem Nachbardorf gehalten wurde, nahni Anton für über 200 Kronen Nummern. Es war ein herz» zerreißender Auftritt. Er war bettvnken. die Unterlippe baumelte und der Speichel floß ihm auS dein Munde, an der Pfeife herab. Aber an seiner Seite stand Cecil im Gedränge und kaufte Numinern und Nieten, ebenso geschwind wie ihr Mann. Sie gewann ein Paar Holzschuhstiefel und rühmte sich besten mit übertriebener Munterkeit. Ihr Gesicht war mit kaltem Schweiß bedeckt, aber beugen wollte sie sich nicht. RingS um sie standen Bekannte, die aus Mitleid mit ihr weinten. Sie konnte Ivohl ihre Ehre auf keine andere Weise retten. Aber es war biller ttaurig, eS mit anzusehen. Als die beiden eine schwindelnd hohe Summe verspielt hatte». bestiegen sie ihren Wagen. Den Plunder, den sie gewonnen hatten, stapelte man hinten im Wagen ans, aber Anton stieß allcS mit den Füßen wieder herunter. Dann faßte er die Zügel. Und die Pferde zitterten. Dann ging'S den Weg hinunter. Der Wagen rollte fo scharf, wie auf einem Fußboden, so toll fuhr Anton. Es war, als wen» der Teufel selbst ftihre. Wo sie vorbeijagten, zitterten die Fenster- scheiben. Cecil saß im schwarzen Perlenmantel neben ihrem Manne; in ihrem verschlostenen Gesicht lonnte niemand lesen. Anton und Cecil brachten in Ernträchttgtett das schöne, schulden- freie Gehöft in anderthalb Jahren durch. Man sollte es nicht glauben, aber eS ist wahr. Es wurde auch wett bekamit. Leute aus Talling waren bei der Auktion gewesen. Jetzt lebten sie eine Zeitlang auf einer Halbhufe, und Cecil bekam ihr drittes Kind. Ailtou soff, daß man denken koimte, er sei übergeschnappt. Es ah aus, als wollte er ein Ende mit sich machen. ES war. als renne er so weit wie möglich inZ Verderben, weil jemand aus der Hölle nach ihm gerufen hatte. AittonS Haar sträubte sich von Natur schon gerade in die Höhe, und da er auch rote Augen hatte, ähnelte er wirklich einem, der von üb-nna türlicher Kraft ausgesogen wird. Ts war klar geuug, daß sein Bater nach ihn, rief. Als sie auch von der Halbhufe Iveg mußten, verließ Anton Frau und Kinder und reiste nach Skibe. Dort war er zuerst Hafen- urdciter. dann saul er noch tiefer und wurde Bahnbansiercr. Für Cecil, die jetzt mit ihren Kindern bri ihrem Bater lebte, war das eine kaum zu ertragende Schande. Nnd Anton tvar so Hunds» schlecht, daß er in Skive mit einem Frauenz,»m, er in wilder Ehe zusammenlebt- Aus Cecil lonnte keiner Aug werden. Kam man m seiner Güte nnd suchte ihr dadurch, daß man auf ihren Mann, den erbärmlichen Lump, schalt, wohl zu tun, so bekam man beinah eine Ohrfeige. Cccil stach einen mit einem bösen Blick mitten in die Srirn. Und bedauerte man sie selbst, so schlug sie ein Gelächter auf. das einem gewöhnlichen Menschen durch Mark und Bein gehen mußte. Eines Tages kam dann Anton zurück. Aber das hatte nicht diel zu bedeuten. Der Mann war noch nicht dreißig Jahre alt, aber er glich der Leiche eines Ertrunkenen, die an die Küste ge- schwemmt ist, so dick und schwammig war er vom Saufen. Anton spielte mit den Kindern und weinte gehörig. Als Jens Madsen am anderen Tage sich räusperte, bis er be- stimmt der Tochter sagen konnte, daß er sie beide nicht haben wolle, — ja, da antwortete Cecil nichts. Räch vierzehn Tagen zog sie vom Vater weg in ein Haus zwischen den Hügeln. Sie legte sich aufs Weben, um damit den Unterhalt zu verdienen. Ihre» Mann hatte sie bei sich, sie steuerte zu dem, was er bedurfte, bei. Anton taugte zu nichts mehr. So ging es der großherzigen und ehrliebcnden Cccil, als sie sich verheiratete. So wollte sie auch leben, was auch die Leute sagen«lochten. Cecil wußte wohl selbst nicht, wie sich alles zusamniengewunden hatte. Ihr streitbares Herz lanute sein eigenes Gesetz nicht. Cecil wußte nicht einmal, daß sie getrotzt hatte und daß sie fernerhin ihr ganzes Leben lang trotzen würde, außerhalb alles Glückes, entgegen jeder gesunden Vernunft. Cccil dachte nicht darüber nach, datz die Menschen nur ein Leben haben, sie dachte nicht klar, und sie verstand nicht?. Aber verstand deun jemand sie? Und die Zeit verging. Cecil webte. Ihre Leinwand hatte einen guten Ruf; der Ein» schlag war fest und die Eggen dicht und ordentlich. Ubesterforgen. n. Ms in den nermziger Jahren des vorigen Jahrhunderts der Naturalismus seinen Siegeszug antrat, schien für die deutsche Schau» bühu« ein neues Blütezcitaller zu beginnen. Die blutleere, lebens» sremde Dürre mid der überhitzte, gedankenlose Schwulst der" tlassi- zistischen Cpigonendramalik med des nach französischen Mustern gebildeten, verlogenen Boll?- und Gcscllschaftsstückes verlor seine Auzichungskraft bei der große» Masse des Publikums. Auf der Bühne erschienen wieder Gestalten, die redeten, sich gebürdeten und Handelleu. wie lebendige Mensche» zu tun pflege». Weite fruchtbare Stoff- gebiete wurden der Kunst erschlosien. die bisher brach gelegen hatten. weil eine schulmeisterliche Äeschetik sie ftir.unschön", oder weil spießerliche Prüderie ihre Beackernng für.a» stößig" gehatten hatte. Ein frischer Frühlingswind wehte über die Bühnen und fegte einen unendlichen Ballast alten Gkriirnpels hinweg. Starke Talente neuen Gepräges erstanden und manches Tichterwcrk ward geschaffen, das schöne Hoffnungen für die Aulmift erweckte. Aber vergebens wartete man auf das Erschein«» des Meisias. der die junge Bewegung zur Höhe und zu«, Abschluß führen, vergebens ersehnte man die große künstlerische Schöpfung, die dem Zeitgeist vollendeten Ausdruck geben und den Wandel des Zeitgeschmacks überdauern sollte. Alles trug de» mwerkcnnbaren Stempel der Ucbergangsperiode. die Eutwickeluug ging nicht vor- wärtS, sondern im Kreise herum, und so tröstete mau sich schließlich mit der Hoffnung, der Naturalismus habe wenigsteuS den sicheren Pfad bereitet, auf dem m nächster Zukunft das Heil kommen werde. und es kam— lvemi auch nicht das Heil, so doch die neue Kunst, die den Naturalismus.überwand", indem sie seine künstlerischen Errungeuschafteu neuen Zwecke» dienstbar machte. An die Stelle des Schlagwortes.Natur" trat daS Schlagwort.Stil", im Drama wie in den bildeuden Kiiosteu. Neue Namen rückten in deu Vorder- gruud. Die sprachlichen Schönheiten HofounmSthalscher Vers- dichtrmgeu. Maeterlincks poetisches Zauberbaud mit seinen stillen, farbenschönen Märchenbildern uud leinen beängstigeudeu Traum- Phantasien und der scharf pointierende Plakat- und Epigrammstil WedeliudS fandcu begeisterte Verehrer. ES ist heute uoch nicht inög- sich, über diese letzte Entwickeluirgsphase ein zrisauuuensasieudes Urteil zu fällen. Daß sie neue künstlerische Werte iu reicher Fülle hervorgebracht hat, kami nicht bestritten werden; aber ebenso Zweifel- los ist es, daß auch auf ihrem Wege daS lange ersehnte Ziel, die Schöpfung eines aus dem imicrsten Wcse» unserer Zeit heraus ge- borenen und den feinsteu Extrakt der modernen Kultur darbietenden Dramas, nicht erreicht werd«i wird. Die Bühne soll— nach Shakespeare— der Spiegel und die abgekürzte Chronik des Zeitalters sein. Tatsächlich rst sie es ircmalS gewesen. In der Zeit des dreißigjährigen Kriege- gab man auf den deutschen Theatern zierliche Schäferspiele, die die Freuden des Land- lebens verherrlichten. In den Tagen der großen französischen Nc- volution, als eine neue Welt im Werden war, erfreute sich daS Volk von Paris an lehrhaften Theaterstücken, die die trockenste, Haus- backenste Philistermoral predigten und die Vorzüge stiller, häuslicher Tugenden darlegten. Auf den» Konkordienplatz arbeitete während- besten die Guillotine. Die moderne deutsche Schaubühne hat nie spießbürgerlichere, konventionell sittlichere Tendenzen verföchte»», hat ihr Publikum nie auf eine naivere, hannlosere, ehrbarere Weise unterhalten als in den benichtigtei» Gründerjahren, wo die wohlfeil« Melodrmnatik LÄrrongescher Volksstücks raffinierten nnd abgebrühten Jobbern Tränen sanfter Rührung cntlockte Das Theater hat hie Und da gcwiffen Träumen und Sehnsüchten bestimmter Kreise Ans- druck gegeben— Spiegel oder Chronik des Zeitalters ist es aber nie gewesen, weder»in moraiistrschen, noch im symbolistischen Sinne. Es ist daher auch nicht weiter wunderbar, daß in unseren Tage»» die größte»» und tiefsten Kulturfragen, die die heutige Gesellschaft bis inS innerste Mark erregen, an» den sogei»ai»nten weltbedeutenden Brettern kaum ober- flächlich gestreift werden. Das Theater, wie die Kunst über- Haupt, kam» eben nur da und dann der reinste Ausdruck des Zeit- geistes, die höchste, volllommeliste Blüte der Kultur sein,»vo und wann eine einheitliche, alle Schichten und Kreise der Bevölkerung umfaflcnde, tragende und gleichmäßig durchtränkende Kultur existiert. Daß innerhalb der kapitalistischen Gesellschastsordlmng mit ihren bis ins tiefftc Innere des sozialen Körpers greiieiiden Klaffellscheidungen und Klassengegensätzen eine solche Kultur möglich oder denkbar ist. wird niemand bebanpten wollen. Die Kims» und daS Drama, die die heutigen Bühne» reformatorcn ersehnen, könne»» sich erst airf der Bafis enier neuen Knlmr entfalten, einer Kultur, deren notivendige Voraussetzung eine fundamentale Nnigcstalmng des sozialen Orga« nismuS ist. Wenn das Volk ia seiner Gesamtheit fähig ist, an den Segnungen der Kultur und dein Genuß der Kunst volle»», unge- schmälerten Anteil zu nehmen, dann werden auch die Theatersorgen beseitigt sein, die heute die Hetzen der Landsberg und Savits be- klemmen. Wenn die Bühne»» aufhören, lapitalistische EriverbS- tnstitute zu sein, wird man erst im Ernst mit künstlerische», Forde« rungcn an sie herantreten dürfen. Dann erst wird man an die Aus- gestaltrmg eines idealen Spielplans denken können, der als ästhetisches Volkserzrehungsmittel und zugleich als Maßstab für die Beurteilung der zeitgenössischen Produktion dienen soll. Bis dahin nmsicn die Forderungen des Herrn Landsberg schlechterdings fromme Wünsche bleiben. Denn es ist einfach lächerlich, heute von einem Bühnenleiter zu verlangen, daß er der Kunst irgend- welche Opfer bringen solle. Der Mann hat alZ kapitalistischer Unternehmer in erster Linie seine oder»einer Hintermänner Gelder zu venvalten und zu verzinsen und kam» der Kunst immer mir so lange mid so weit dienen, als eö dem Geschäft förderlich ist. Die Bcdürftrifle des zahlenden Publikums, nicht die Wünsche einiger Ideologen geben ihm die Richtschnur. Gewiß wird ein kunstver- 'ländiger»md zugleich praktisch tüchtiger Theaterdirektor den Ge- schniack seines Publikums lenken und beben köi»nen; aber solcher erzieherischen Tärigkcit find, wie alle Blätter der Bühnengeschichte lehren, sehr enge Grenzen gesteckt. In jeder größeren Stadt geirügt schon ein gewandter Konkurrent, der den Jnstiickteu der großen Masie z», schmeicheln versteht,»im alle pädagogischen Bestrebungci» der künstlerisch vornehmen Theaterleiter zu vereiteln. Von höherer Warte aus betrachtet muffen alle Ideen und Per» suche der heutigen Bübuenrefonilaroreu schlechtweg als Doaguicholterien und oberflächliche Quacksalbereien erscheinen. Aber der Theater- kritiler, der über die künstlerischen Ereignisse d«S TogeS zu berichten bat, kann nicht alles von dieser hohe» Warle aus betrachten und beurteilen. Er muß seinen Wertungen andere, bescheidenere Maß- stäbe zugrunde leger: uud er wird, will er au seinem Beruf nichl ganz verzweifelu, sich am Ende selber zu den Ouackialberi» gesellen und zusehen, was auf dem heute gegeberien Külturuivecm und mit de»» zu Gebote stchendei» Mittel»: in» günstigste» Fall zu erreichen, auf welche Weise inuerhalb der fest und eirg gesteckten Grenze« lüustlcrische Forlschritle möglich sind. Wie in der Politik bestehe« muh in der Kunst nebe» de»» grotzeu Endzielen, die nichl aus dem Auge verloren I Verden dürsci». die kleinen praktischen Forderungen des Tages. Bon dicscin Slandpimkt auS wollen wir die im ersten Artikel kurz aualysierte» Eröneruugen des Münchener Theater- praltikers Jocza Savits einer näherei» Prüfung unterziehe»». Als der Naturalismus auf der deutschen Bühne seinen Einzug hielt, strebte« die Theaterleute vor allem eine Erneuerung der Schauipielerkunst au. Der Verein«Freie Bühue" besorgte die Vor- arbeiten, Brabuis Deutsches Theater vollendere die Reform. Iu de« lüuftlerischei» Persönlichleilen Rudolf Rittners und der Else Lehma»« gipfelte die Entwicklung. Möglichste Vereinfachung. Vcrimierlichung, .Emstilisieraug" des Spiels'»vor das Ziel. Die Darsteller ge- wöhntcu sich die plastische Pose uud den wvhlklmgendcu Sing- saug der Teklaoialivu, die konvcutionelleii Bühncuallüren»md das altmodische Histrioneiipolhos ab. Um die Lteuiiguiig und Lcr- jüuguug der Schauipielerkmist drehte sich elles, von der dekorative« Ausstattung lvar laruu die Rede; der von den Memingeri» geschaffene Stil schiel» allen künstlerischen Aiisorderungen zu genügen. Erst als die dramatische Dichtutig von» Raiuralismus abzuschweukeu begann, erschien seltsamerweise plötzlich das Verlangen nach einer Reform der Szene auf der Tagesordnung. Daß die neue literarische Richtung, die den NaturattsiimS ablöste, auch und vor allen» eine radikale Er- Neuerung und Umgestaltung der Schauspielerkunst bedingte, schien und scheint niemand zu beachten. Die Bühuenkmistler, die am dramatische» Naturalismus sich gebildet haben, versagen überall, wo es weniger daranf ankouuut, lebendige Meuicheir glaubhaft zu gestalten, als feine, diskrete, intiine lyrische Stimmungeu hervorzuzaubern»ich die eigenartigen Schönheiten einer neuen Verssprache zu Gehör zu Bringen, die vom nnturalistischsn Dialog ebenso verschiede» ist wiez vom alten Jnmbenpatljos des klassischen uiid klassizistischen Dramas. Es handelt sich um einen neuen dramatischen Stil, um eine neu Kunst des„Jdealisierens" der Wirklichkeit. Von dieser Tatsache scheinen unsere Darsteller und Regisseure kein» Notiz nehmen zu wollen. Welcher deutsche Schauspieler kann Hofmannsthalsche Verse sprechen? Welcher Regisseur ist imstande, die eigenste» Wedekind-Dramen so zu inszenieren, dafc auch nur ein Hauch ihres Wesens auf der Bühne lebendig wird? Im Anfang der neunziger Jahre spielte man Haupt- mann lvie Dumas, heute spielt man Maeterlinck wie Hauptmann. ES scheint, dag Publikum und Kritik dafür keine Empfindung haben. Man läsit sich die ungeheuerlichsten darstellerischen Stilwidrigkeiten ohne Protest gefallen und konzentriert daS ganze Interesse auf die Ausstattung, auf daS Bühnenbild. Man versucht die Stimmung, die die Schauspielerei nicht erzeugen kann, durch eine künstlerische Dekoration der Szene hervorzulitzeln. Die malerischen Effekte sollen eS leisten. Dies ist das Gebiet, auf dem vor allem experimentiert, lritisiert und reformiert wird. Gegen diese Ueberschätzung des dekorativen Elements wendet sich, wie gesagt, Savits mit großer Energie und einem aus der Literatur aller Zeiten und Länder her- geholten gelehrten Rüstzeug. Er zitiert, mit Aristoteles beginnend. eine Anzahl von Autoritäten, die sich gegen den szenischen Aus- stattungSpomp erklärt haben. Und er führt— was uns wichtiger dünkt— mehrere praktische Gründe zur Verteidigung seines Standpunktes an. Ter dekorative Luxus nötige zu einer Verlängerung der Pausen, lenke das Interesse deS Publikums von der Hauptsache ab. räume dem Theatermeister einen ungebührlichen Einfluß auf die Inszenierung ein und verleite die Schauspieler zu Uebertreibnngen und Effekthaschereien. Daß der letzte Eimvand unberechtigt ist, liegt auf der Hand. Aufdringliches Virtuosenlum, marktschreierische Solospielerei waren in der guten alten Zeit, als der DekorationSprunk auf den deutschen Bühnen noch nicht herrschte, viel mehr verbreitet als heute, wo sie nur noch in der finstersten Provinz ihr Wesen treiben. Mit dem StarkultuS hat der Naturalismus gründlich aufgeräumt, er macht uns heute keine Sorgen mehr. Auch die von Savits be- hauptete und beklagte Supriorität des Theatermeisters ist durchaus keine notwendige Folge einer sorgfältigeren und luxuriöseren Bühnen- auSstattung. ES kommt dabei lediglich auf die Persönlichkeiten an, und der über dem Ganzen schwebende Spielleiter wird, wenn er die nötige Autorität und Energie besitzt, den Theatermeister auf seinem Gebiet schalten und walten lasten und trotzdem dafür Sorge tragen, daß die Grenzen des Restarts nicht überschritten werden und die „innere Regie" nicht zu kurz kommt. WaS schließlich die Ablenkung des Publikums durch den Dekorationspomp und die Zersplitterung des Interesses und der Stimmung durch zu lange Pausen anbetrifft, so ist hiergegen zu sagen, daß es bei diesen Dingen lediglich auf die Ge- wohnheit ankommt. Ich habe noch nie gefunden, daß das Interesse des Publikums an einem guten Stück und einer tadellosen Dar- stellung durch lange Pausen gelähmt worden ist. Unser Publikum hat sich an wiederholte längere oder kürzere Unterbrechungen der Vorstellungen gewöhnt und seine Aufnahmefähigkeit leidet viel mehr. wenn man ihm ein umfangreiches Drama ohne die ge- wohnten Pausen vorspielt. Und ähnlich verhält eS sich mit der Behauptung Savits', daS Publikum werde durch die moderne Bühnenausstattung von der Hauptsache, dem dramatischen Gedicht und der Kunst der Darsteller, ab- gelenkt. Auch hier spielt die Gewohnheit eine eutscheidende Rolle. So lange dieser dekorative Stil etwas Neues ist, nimmt er das Publikum gefangen und lenkt eS ab. Sobald man sich aber daran gewöhnt hat, betrachtet man die reichere Ausstattung des Szeneitbildes als etwas Selbstverständliches und läßt sich nicht mehr durch sie verwirren. Vor allem aber sollte doch nicht übersehen werden, daß die moderne künstlerische Bühnendekoration durchaus nicht immer prunkvoll und pomphaft zu sein braucht. Prunkvoll war die Meiningerei, aber der von Reinhardt eingeführte dekorative Stil— gegen den Savits, ohne ihn speziell zu nennen, die Pfeile und Schleudern seines Zornes in erster Linie richtet— ist es nicht. Künstlerisckie Dekorationen brauchen an sich nicht mehr zu kosten als eine einfache und geschmacklose Bühnenausstattung. Trotzdem ich die von Savits angeführten Gründe nicht als stichhaltig erachten kann, stimme ich feiner Forderung einer Ver- einfachling des szenischen Apparats durchaus zu. Nicht aus Ab- neigung gegen„Prunk" und lange Pausen, sondern weil ich alles für verderblich halte, WaS dazu dienen kann, uns daS Bühnenbild als einen Ausschnitt auS der realen Natur erscheinen zu lasten. Wir sehen auk der Szene wirkliche, lebendige Menschen im Rahmen einer künstlichen, gemalten Welt. Das ist eine unüberbrückbare Kluft für jedes feinere Empfinden. Rur die Gewohnheit hat uns gegen diese ungeheuerliche Barbarei abgestumpft. Die alten Griechen suchten sich dadurch zu helfen, daß ste ihre Schauspieler mit Masken versahen. Dieser Ausweg würde unserem heutigen Geschmack allzusehr widerstreben und so Bleibt uns zur Versöhnung des stilistischen Zwiespalts nichts anderes übrig, als die Szene nach Möglichkeit zu maskieren, sie absolut unauffällig und neutral zu gestalten und alle naturalistischen Effekt- dabei zu vermeiden. Denn jedes dekorative Detail, das dazu dient, die Illusion der Wirklichkeit zu verstärken, weist tat- fächlich, je raffinierter und künstlerisch vollendeter es ist. nur um so nachdrücklicher auf den Gegensatz zwischen dem lebenden und dem toten Material hin, mit dem die Kunst der Bühne arbeiten muß. Der Zwiespalt wird unserem Empfinden am erträglichsten sein, wenn die Dekoration nirgends die Absicht verrät, lebende Wirklichkeit vortäuschen zu wollen. Als Ideal erscheint auch mir eine Szene, die nichts weiter bietet als einen schlichten, neutralen Hintergrund und Rahmen für die Darsteller. Ihren künstlerischen Charakter er- hält diese Szene durch die rein ornamentale Sprache ihrer Linien, ihrer Farben und ihrer Beleuchtung, deren Zusanimenklang die Grundstimmung des dramatischen Gedichts und seiner einzelnen Teile verdeutlichen und verstärken soll. John Schikowski. kleines feuilleton. RomankrisiS in Frankreich. Unter den französischen Schrift- stellern herrscht großer Jammer: ihr Lieblingskind, der Roman, siecht langsam dahin. Und wenn er auch noch nicht tot ist, so lebt er doch im Vergleich zu den Glanztagen von einst in sehr kümmer- lichen Verhältnissen. Selbst berühmte Romandichter müssen schmerzlich bewegt einen Niedergang der Verkaufsziffern kon- statieren.„L'Emigre", der Ende 1906 erschienene jüngste Roman von Bourget, hat ja allerdings schon das 43. Tausend erreicht, aber was will das gegen den Absatz von Zolas„La Terre" und „Rana" sagen, die auf den ersten Wurf in je hunderttausend Exemplaren erschienen.„Prostituee" von Paul Margueritte be- handelt das„Nana"-Sujet: aber Marguerittes Roman ist sechs Monate nach seinem Erscheinen erst beim 17. Tausend angelangt, während„Nana" sechs Monate nach ihrem Erscheinen schon in ISO 999 Exemplaren verbreitet war. Jetzt hat man billige Aus- gaben, die sogar illustriert sind, aber die Autoren haben gar keine Vorteile davon, wenn auch Mareel Prevost von seinem Verleger Fayard schon 199 999 Fr. Tantiemen erhalten haben soll. DaS find eben Ausnahmen. Der Niedergang ist so groß, daß auch schlüpfrige Stoffe und gewagte Illustrationen nicht mehr ziehen. Dazu kommt noch, daß in Frankreich von einer literarischen Kritik kaum noch die Rede ist. Die Blätter lassen sich lieber das Lob, das sie einem neuen Buche spenden, als Reklame bezahlen. Vor kurzem erst— so erzählt Gallois in der„Revue"— drohte ein Romanschriftsteller einem Blatte mit Klage, weil„infolge eines unglücklichen Zufalls" der berufsmäßige Kritiker der Zeitung sein Buch her- nntergerissen hatte, dasselbe Buch, das in einer bezahlten Reklame desselben Blattes in den Himmel gehoben worden war. Ja, es wird'jetzt schon folgendes gemacht: Zeitungen bezahlen die Romane, die sie unter dem Strich veröffentlichen, nicht bar, sondern in Annoncen und Reklamen: der Autor darf also so und soviel Zeilen der Reklamespalten des BlatteL für sich in Anspruch nehmen. Er kann in diesen Zeilen seine eigene Genialität preisen oder aber den Raum zu Ausnahmepreisen an einen anderen Literaten verkaufen, auf daß auch dieser sein Eigenlob singe. Das Publikum aber, das diese Geschäftchen jetzt schon kennt, läßt sich kein X für ein U mehr vormachen.... Die Ausbildung der Taubblinden. Bei der Volkszählung im Jahre 1999 wurden im Deutschen Reiche in 255 Gemeinden 349 taubblinde Personen gezählt. 92 dieser Unglücklichen besaßen ein gewisses Maß von Enoerbsfähigkeit, zum Teil waren es solche. die seit der Geburt oder von frühester Jugend an diesem Gebrechen litten. Die Ausbildung dieser Kinder ist demnach eine sehr schwere, aber nicht ganz undankbare Aufgabe. In welcher Weise diese vorgenommen wird, zeigte jüngst ein Lehrer des Taub« stummenblindenheims in Nowawes, Herr Riemann, in der „Berliner Ökologischen Gesellschaft". Er führte aus, daß man dem Geiste des Taubblinden durch das Gefühl nahekommen müsse. Zunächst leistet das Handalphabet Hilfe, eine sehr alte Erfindung, die schon im 17. Jahrhundert verwendet wurde. Ein zweites Hilfsmittel ist die Gebärdensprache, von welcher man drei Arten unterscheidet: 1. die natürliche Gebärde, 2. die künstliche Gebärdensprache ohne grammatische Zeichen, 3. die künstliche Gebärdensprache mit grammatischen Zeichen: letztere gibt unter Umständen ein gutes Hilfsmittel für Taubblinde ab. Weiter leisten die Blindenschrift und die deutsche Schreibschrift Hilfe, letztere muß von den Taub- blinden durch das Gefühl erlernt werden. Der Erfolg hängt ab von der Begabung: natürlich sind die hervorragend Begabten unter den Tanbblinden seltener wie unter den Vollsmnigen. Entscheidend für den Erfolg sind auch die Verhältnisse, aus denen die Kinder stammen, die Zeit der EntWickelung des Leidens und die Zeit des Eintritts deS Unterrichts. Tritt der Unterricht zu spät ein, so ist der Erfolg gering, weil der Gedankengang bcS Kindes kindlich und kleinlich bleibt. Eine wichtige Stütze für den Unterricht bildet das Gedächtnis, das oft bei diesen Kindern gut entwickelt ist. Ein taubblindeS Kind kommt zu seinem ersten Wort dadurch, daß man nicht wie beim vollsinnigen in der Lautsprache, sondern im Hand- alphabet ein volles Wort fortgesetzt auf eS einspricht, bis das Kind selbst diese Zeichen mit den Fingern wiederholt Berantw. Redaktenr: Georg Davidsobn. Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchtruckerei u.Verlaa«anstaltVaul Singer ScEo.Berlin