Anterhaltuttgsblatl des Dorivarts Nr. 193. Dienstag, den 13. Oktober. 190S MachdruS tzervoten.Z> 9] Hndrcas Vöft. Bauernroman von Ludwig Thoma, 6. Kapitel. Es war ein frischer Herbstmorgen in Nußbach. Aus den großen Schornsteinen der Bierbrauerei zum Stern stieg der Rauch gerade in die Höhe, und der Gockel auf dem Kirchturme drehte den Kopf nach Westen. Die eine Hälfte des Marktplatzes lag in hellem Sonnen- scheine, und aus allen Häusern liefen die Hunde auf die lwarme Seite hinüber. Der Buchdrucker Schüchel verließ seinen dunkeln Laden und ging zum Melber Wimmer, der mit anderen Bürgern in der Sonne stand. Denn um diese Jahreszeit freuen sich Menschen und Tiere an ihren Strahlen. Ein offener Einspänner kam die Jngolstädter Straße herauf. Ein kräftiger Schimmel zog ihn, und die Hufeisen klapperten in langsamem Takte auf dem Steinpflaster. Neben dem Kutscher saß ein Mann in geistlicher Tracht, und ider Wagen hing stark auf seine Seite hinüber. Bor dem Sternbräu hiel das Fuhrwerk. Der Dicke stieg schwerfällig herunter, und die Bürger grüßten ihn. Er spreizte die Beine von sich, wie einer, dem langes Sitzen sauer gefallen ist, und schritt bedächtig den Marktplatz hinunter. Der Schuster Prantl sah ihn von seinem Drehstuhle aus. Er legte Nadel und Pfriemen weg und ging auf die Straße gu seinen Mitbürgern. ».Habt's an Pfarra von Grabing g'sehg'n?" fragte er. „Der werd halt wieder zu unser'n Großkopfcten geh'," sagte Wimmer. Und er meinte damit den königlichen Bezirksamtmann Otteneder, welcher gerade am Fenster stand und mürrisch heruntersah.... Seine Untertanen gefielen ihm nicht? er warf verächtlich die Lippe auf und sagte vor sich hin: „Faules Pack! Stcht auf der Straße herum und stiehlt dem lieben Herrgott den Tag." Abneigung von oben wie von unten. Es war eine schlimme Zeit. Diese Bürger gewährten wohl ein friedliches Bild? aber wer ihre Reden hörte, als sie später beim Frühschoppen saßen, der gewann einen anderen Eindruck. Der Buchdrucker Schüchel vermaß sich, daß er in seinem Wochenblatt einen unerbittlichen Kampf gegen Beamte und Geistlichkeit führen wolle? und der Melber Wimmer schlug auf den Tisch und sagte, daß die Regierung mit Absicht den Mittelstand zugrunde richte. Welcher Geist war in diese Leute gefahren, die sich früher als ruhige Männer und besorgte Familienväter gezeigt hatten? Es war der Geist der Auflehnung, der zuerst die Bauern ßrgriff, und dem sich die Bürger nicht verschließen konnten. Die Kaufleute spürten, daß es den Bauern an Geld fehlte, die Handwerker klagten über das nämliche? alle billig- ken eine Bewegung, von der sie Besserung hofften. Treue Untertanen wurden irre an ihrer Pflicht und an ßhrcm Glauben. Die Bauern verloren zuerst den festen Hall. Es war auch früher vorgekommen, daß einer jammerte juber schlechte Preise und hohe Steuern. Aber er tat es bei den Behörden und mit ehrerbietigen Worten. Er bat nur für sich um einen kleinen Vorteil und svar zufrieden, wenn sein Nachbar weniger erhielt. Jetzt kamen die Leute mit ungestümen Forderungen und herlangten Rechenschaft von der Obrigkeit. Und was das Schlimmste war, sie kehrten sich gegen ihre Priester. Man sagte, die Geistlichkeit habe Schuld daran, weil sie zuerst den Glauben mit der Politik vermischt habe. Aber die ließ es nicht gelten und jammerte von den Kanzeln herunter, wie der Glaube der Väter dahinschwinde, und wie die Kirche in Bedrängnis komme. Die Bauern ließen sie reden und zählten grimmig das Geld, welches sie auf den Schrannen lösten. Sicbenzehn Mark für den Scheffel Korn, zweiund» zwanzig für den Weizen. Und sie erinnerten sich noch gut an die Zeit, wo die Frucht mehr wie das Doppelte galt. Das ließen die Leute zu, denen sie ihr Vertrauen schenk- ten, die sie nach Berlin in den Reichstag schickten, damit sie frei hinstünden und sagten, was den Bauern not tue Es kam eine arge Wut über die Leute. In Niederbayern fing es an. Da rührten sie sich zuerst und fanden unter sich Männer, die sagen konnten, was sie alle meinten. Es war grob und heftig? aber Leute, die lange den Zorn in sich hineinfressen, hauen über die Schnur, wenn sie das Reden anfangen. Und wird die Ehrfurcht locker, dann schlägt sie leicht in das Gegenteil um. Es fielen böse Worte, und der Kampf verschärfte sich von einem Tag zum andern. Das Feuer schlug nach Oberbayern herüber? es flackerte da und dort auf. Es wurden Markgenossenschaften gegründet, ein Waldbauernbund tat sich zusammen? der Hutzenauer von Ruhpolding probierte das Reden, und es ging ihm gut genug. Andere machten es ihm nach, und jeder hatte Erfolg, wenn er sagte, daß der Bauer obenauf kommen müsse. Die bündlerischen Zeitungen fanden Eingang in die Ge, mcinden? überall gärte es, überall war der Boden bereitet. Es fehlte nur am rechten Zusammenhalten? und es fehlte an der Agitation. „Versammlungen müsien her," sagte der Melber Wimmer,„und Vertrauensmänner. Sonst woaß ma'r über- Haupt net, wer zu oan steht." „Vor allem a Versammlung," meinte Prantl,„und de Versammlung muaß in Nußbach sei'. De Leut' müassen sehg'n,- daß si was rührt." „Das ist auch meine Ansicht sozusagen," pflichtete Schüchel bei?„Nußbach ist der Mittelpunkt. Sozusagen die Zentrale. Von da aus muß. die Bewegung sozusagen strahlen- förmig auseinandergehen. Also net wahr, wenn ich zum Bei- spiel hier einen Kreis ziehe. Geh, Anna, bringen€? mir eine Kreiden!" „Dös braucht's net," sagte Prantl,„lassen S' uns aus mit eahnern Kreis und cahnere Strahlen!" „Ja, wenn die Herren meinen, aber das kann man doch auch mit Ruhe sagen, net wahr? Uebrigens ist Nußbach die Zentrale, und wenn man sozusagen systematisch vorgeht, muß die Bewegung von hier aus in die einzelnen Kanäle geleitet werden. Hier ist der Sitz der Presse, und so weiter, net wahr?"- „Js scho recht," sagte Wimmer.„Aber dös mit da Ver- sammlung, Prantl, dös muaß z'sammgeh'. Je eh'nder, desto besser." „Es braucht sei Zeit," antwortete Prantl,„mir müassen an bekannten Redner Hamm, mir müassen in de Gemeinden Leut' Hamm, und mir müassen aa de Stimmung kenna. G'rad bei der ersten Versammlung müassen mir Obacht geb'n, daß mir net fallieren." „Um d' Stimmung brauchst di net z'kümmern. I kenn' Leut' g'nua, de auf unserer Seiten san." „Ob sie sich aber trau'n in der Oeffentlichkcit?" „Warum denn net, g'rad g'nua gibt's. Da is der Krön- schnabl von Bachern, und der Stuhlberger von Giebing uiü» der Wanninger und der Rädlmayer von Schachach: g'nua gibt's" „Man müßte sozusagen ein Verzeichnis anlegen," sagte Schüchel,„auf der einen Seite müßte die Gemeinde stehen und auf der anderen der Name, net wahr? Von dem Be- treffenden. Und jeder müßte sozusagen ein Unterverzeichnis haben, wo diejenigen stehen, welche er sür unsere Sache ge- Winnen kann." „Ja, ja," antwortete Prantl,„so oder änderst müassen mir's macha. Aba patz auf. Wimmer, in d' Hand muaß de Sach' g'numiua wcr'n, und a Versammlung muaß's geben, daß d' Leut' schaug'n, und unser Großkovfeter dazua." Er meinte wieder den königlichen Bezirksamtmann von Nußbach. Der Pfarrer von Giebing, Dekan und päpstlicher Zaus- Prälat, Mitglied der Kammer der Abgeordneten, sagte zu Herrn Franz. Otteneder: „Ich versichere Sie, Herr Bezirksamtmann, es ist so. Wenn nichts geschieht, haben wir in jeder Gemeinde den Krieg. Es muß etwas getan werden." „Es fragt sich nur, was, Herr Dekan. Ich bin� schon längst informiert, daß die Bündler bei uns Boden gewinnen. Ich erhalte fast täglich Zuschriften von Ihren Kollegen. Ja, das ist alles recht, aber." Otteneder zuckte die Achseln. „Es lassen sich schon Mittel finden, Herr Bezirksamt- wann." „Zum Beispiel?" „Durch persönlichen Einfluß." „Den haben Sie mehr wie ich. Was zu mir kommt, das sind die Bürgermeister. Ich Verkehre nur indirekt mit den Gemeinden; Sie sind an Ort und Stelle." „Aber gegen uns richtet sich die ganze Bewegung. Wir sind Partei, und was wir sagen, gilt nicht. Sie kennen ja unsere Bauern." „Ob ich sie kenne! Deswegen sage ich, wie soll denn ich bei der hartköpfigen Gesellschaft ankommen?" „Sie müssen aber zugeben, Herr Bezirksamtmann, daß man nicht die Hände in den Schoß legen kann. Denken wir an die Zustände in Niederbayern! Es darf nicht soweit kommen." Herr Dekan Metz beugte sich vor und versuchte, mit der Hand um seinen ausgepolsterten Rücken herum und in die rückwärtige Tasche zu kommen. Nach ein paar hastigen Bewegungen gelang es ihm, und er zog sein geblümtes Taschentuch heraus, mit dem er sich die Stirne trocknete. „Denken Sie an Niederbayern I" wiederholte er, und seine Augen drückten eine ernstliche Besorgnis aus. Otteneder stand auf und ging auf und ab. „Ich habe den besten Willen, Herr Dekan. Ich will keineswegs ruhig zusehen. Gewiß nicht. Aber man redet immer nur von der �Gefahr. Wenn ich nur einmal etwas von den Mitteln dagegen hören würde!" „Ich dachte, es muß gehen." �Fortsetzung folgt. J) '(Nachdruck Berlolen.); Hue der)ugendgesckid)te der Streidrin rtruinente. Dom V i oloncell und seiner Entstehung. Bis in die nebelhaften Fernen ältester Menschheitsgeschichte vcr- kleren sich die Spuren, in denen das Verlangen des erwachenden Menschen sich spiegelt, die engen Grenzen deS halbbewutzten Ichs zu sprengen und Stück um Stück die zauberhafte Schönheit der Umwelt zu erobern. In die Rinde eines Baumes, in den steilen Fels oder tief in die Mauern bewohnter Höhlen gräbt er ein Abbild der Um- gcbung, eine Vervielfältigung der Erscheinungen, und erfinderischer Geist lernt es, der toten Materie auch wundersame Töne zu ent- locken, die der Stimme des Menschen oder des Vogels oder der Wald- tiere zu gleichen scheinen und die der unendlichen Klangwelt der Natur ein neues, vom Menschen erzeugtes Tonreich gegenüber- stellen. Auch das Cello, dessen Entstehen man gemeiniglich in der Zeit der Renaissance zu suchen pflegt, kann seine Ahnenkette bis in dunkelste Vergangenheiten zurückleiten. Soeben ist in London ein interessantes neues Buch von O. Rarster erschienen, das sich mit den Ahnen des edlen Instruments beschäftigt und eS in seinem aben- tcuerreichen Entwickclungsgange bis zu den ruhmvollen Glanztagen des 18. Jahrhunderts geleitet, in denen das Cello endgültig als Gleichberechtigter seinen Ehrenplatz neben der Violine erobert und fortan behauptet. Nicht selten begegnet man einer Ansicht, die das Cello als eine spätere Variante der Violine, als eine Vergrößerung, kurz als jüngeren Bruder einer älteren Schwester betrachtet. Aber wenn auch in der neueren Musikgeschichte das Cello erst allgemach den von der Violine, schneller betretenen Weg zum Soloinstrument zurück- legt, Beweise für das größere Alter der Violine sind schwer zu er- bringen. Mancherlei Anzeichen sprechen sogar für das größere Alter des Cellos, und zwar nicht allein der Umstand, daß die ältesten Tonsysteme wesentlich tiefer als unsere modernen liegen; vor allem die Beschaffenheit der primitiven ältesten Streichinstrumente, die «ls die Urform aller Geigenarten gelten können. Sie waren so wenig widerstandsfähig und so schwach konstruiert, daß sie spärlich die hohen Spannungen der Soprangeige ertragen hätten. Aber diese Frage ist heute noch ebenso ungeklärt wie viele andere in der Geschichte der Streichinstrumente, und eS fehlt nicht an Meinungen« die das Streichinstrument für eine ziemlich neue Erfindung er« klären. Dagegen freilich sprechen mancherlei Anzeichen, die den Ursprung des Streichinstruments nach Indien legen. In alten indischen Sanskritinschriften, die von den Fachgelehrten aus ein Alter von mehr als zwei Jahrtausenden geschätzt werden, tauchen ausführliche Beschreibungen von„Fiedelstöcken", von Bogen zum Spiel der Streichinstrumente, auf, und die Angaben über die Form der Instrumente bestätigen uns, daß das Ravanastron benannte Instrument indischen Ursprungs ist und in den Jahrtausenden kaum Veränderungen erfahren hat. Diese in uralte Zeit verlegte Ent» stehung des Streichinstrumentes erfährt eine weitere Stütze durch ein interessantes altes Gefäß, das sich in der Sammlung griechischer und etruskischer Vasen Lucien Napoleons, Fürsten von Canino, befand; da gewahrt man eine Gruppe Jünglinge, die eifervoll dem Vortrag eines ManneS folgt. Neben dieser Darstellung aber sieht man ein Saiteninstrument abgebildet, das eine genaue Wieder« gäbe des Ravanastrons ist und, quer über die Saiten gelegt, einen fast modern anmutenden Bogen zeigt. Der Ravanastron, dieses ftüheste indische Saitenspiek« besteht im Grunde nur aus einem Stocke, an dessen Ende ein kleiner hohler Zylinder aus Sykomorenholz angebracht ist, über den dick zwei an beiden Stockenden befestigten Saiten laufen. Das R e b a b dagegen, die arabische Fortbildung des indischen Gedankens, besitzt zwar nur eine Saite, aber die schallstärkenden Faktoren find bereits hoch entwickelt. An Stelle des langen Stockes des Ravanastrons tritt hier ein relativ kurzer Hals. Der Rumpf hat sich aus der Beschränktheit der alten kleinen Shkomorenholzrolle zu einem ge- räumigen, breiten, nach oben fich etwas verjüngenden viereckigen Kasten befreit. Die Auflösung der starren Geraden und der harten Ecken führt so bereits zur Grundform unseres BiolincelloS. Um das 7. Jahrhundert unserer Zeitrechnung geht die EntWickelung der Streichinstrumente fast ausschließlich bei den Arabern vor sich. Wohl scheinen auch in Europa mit Bogen gespielte Saiteninstruments bereits vorzukommen; Venantius Fortunatus erwähnt bereits 609 die„Chrotta" der Britannier, die sich in ihrer seltsamen Form nur in England und in der Bretagne längere Zeit hielt, während sis in Deutschland und Frankreich rasch umgestaltet ward. Aber diess einzelnen Versuche fahrender nordischer Sänger können sich in ihrer Bedeutung nicht messen mit dem Strom von Musikbegeisterung, der damals alle die Städte durchzog, in denen die dem Höhepunkt ihrer Macht zustrebenden Araber heimisch waren oder wurden. Sia hatten das ganze persische Musikshstem übernommen; allein von ihrem Lieblingsinstrument, der„el oud", besaßen sie dreißig Ab» arten, daneben nicht weniger als 14 verschiedene Typen von Streich» instrumenten. Von diesem Reichtum ist wenig geblieben; nur bis Rebab und die Kermantsche haben den Sturm rauher Jahrhunderts überdauert. Aber sie erzählen kaum noch etwas von dem märchen» haften Glanz vergangener Tage. Der zerlumpte Stratzengänger, der in Kairo von Cafö zu Caf6 streift, um seine Lieder zu fingen. er weiß nicht, daß dies meist einsaitige Instrument noch ein Zeug- nis jener Glanzzeit ist, da seine Vorfahren siegreich in Europa ein- drangen, Spanien unterwarfen und nahe daran schienen, die Welt» Herrschaft zu gewinnen. »»» Diese Zeit höchster arabischer Macht und Lebenskultur gibt der leise fich entfaltenden Blüteepoche des ritterlichen Mittelalters daS Instrument, das zur Fortbildung ausmündet in die Streich« instrumente, die heute uns die Klänge Mozart? und Bachs ver» Mitteln. Die Kreuzfahrer und die Minnesanger zogen mit dem neuen Instrument durch die Lande und sangen den Preis ihrer Herzensköniginncn. Streichinstrumente wurden ja damals all- bekannt und beliebt. Bereits aus dem S. Jahrhundert besitzen wir die Darstellung einer einsaitigen Gigue, und bei Otfried taucht bereits die Fidula auf. Im Museum zu Rouen findet man eh» Basrelief, der um 1666 errichteten St. Georgs-Kapelle von Boscer» ville entstammend, auf dem man eine Gestalt gewahrt, die zwischen den Knien ein anscheinend dreisaitiges Streichinstrument hält, auf dem sie mit dem Bogen spielt. Hier sind die alten eckigen Formen der Rebab ganz aufgegeben: weiche, wellige Linien und runde Kurven, die überraschend mit unserer heutigen Geigenform überein- stimmen. Außerordentlich interessant ist ein Marmor-Basrelief aus dem 12. Jahrhundert, das im Kölner Museum bewahrt wird und daS eine vollkommene Kniegeige von auffällig hochentwickelter Form erkennen läßt. Aber diese wachsende Vertrautheit mit dem Saiten» spiel brachte im Mittelalter kaum weitere technische Fortbildungen auf dem Gebiet des Jnstrumentenbaues. Den Improvisationen der sangesfrohen Troubadoure genügte die Fiedel, wie sie war. Es blieb der Renaissance vorbehalten, dem Bau der Streichinstruments in kürzester Frist eine Vollendung zu geben, die auch die selbst« bewußten Kinder des 20. Jahrhunderts nicht mehr zu erreichen ver« mochten. > So wenig wie die Violine, so wenig ist auch daS Cello„??« funden" worden. Beide, und mit ihnen die zahllosen Zwischen« stufen, die rasch vergessen wurden, sind der Endpunkt einer allmäh« lichen EntWickelung, die nur durch den Fleiß und die Kunst viele« Generationen von Geigenbauern schließlich zu so großen Erfolgen führen konnte. Wo das erste eigentliche.Cello" aebaut wurde, ik« heuts ebensowenig zu ermitteln» wle etw» der Meister, der die erste eigentliche„Violine" baute. Die süddeutschen und die ober- italinischen Jnstrumentenmacherfamilien müssen sich ganz allgemein in den Ruhm teilen. In Lyon konstruierte der aus Freising stammende Bayer, der in Frankreich unter dem Namen Duisfo Orcucart berühmt wird, tSSS seine prachtvollen Violinen; in Nürn- berg verfertigt Hans Frey, Dürers ehrenwerter Schwiegervater, seine erste Violine; gemeinsam mit Jean Ott war er sogar, um 1449, längere Zeit in Brescia; in Nürnberg, in Lyon, in Mantua, in Brescia und in Cremona arbeiten in aller Stille die Meister, die ihre immer mehr sich verfeinernde Kunst auf Kind und Kindes- linder forterbend, alle zum großen Gelingen beitragen. Schon hat die Viola a gamba, die direkte Vorläuferin unseres Cellos, sich eingebürgert. Mit der Erfindung des Notendrucks, mit der Musik der niederländischen Schule ersteht dann jene technisch gerüstete Komponistenschar, die die Improvisationen der Alien beiseite drängt. Mit der wachsenden Herrschaft der Technik beginnt auch die Auf- lehnung der Instrumente gegen die tyrannische Alleinherrschaft der Menschenstimme, sie mündet schließlich in eine Emanzipation, die auf den Jnstrumentenbau anfeuernd einwirkt. In der Kunst zeigt uns das öftere Auftauchen von Violen und Geigen den Wechsel; Raffael, Melozzo, Tizian und Veronese malen ihre Engel, Frauen oder Heiligen mit Violen, aber in Wirklichkeit bekümmerten sich damals nur wenige einsame Enthusiasten um den großen Um. schwung zum Streichinstrument. Man fragte nicht viel nach einem Andrea Amati, der im idyllischen Cremona seine unvergleichlichen Instrumente schuf. Mitte des 16. Jahrhunderts erscheint das voll- kommen durchgebildete moderne Cello; als Amati seine erste Geige vollendet, beendet in Brescia Gasparo da Salo sein erstes Violon- cello. Noch fteilich stehen die neuen Instrumente nicht so hoch im Kurse wie heute, wo ein Herr von Mendelssohn für das Violoncell Piattis, übrigens das letzte Cello, das Stradivarius 1729 fertig- stellte, den niemals wieder erreichten Preis von 89 999 M. bezahlte. Allein mit der Emanzipation des Instrumentes von der Sing- stimme begann auch das Cello seine Karriere als Soloinstrument, ja, im 18. Jahrhundert überholt es sogar auf kurz« Zeit die Violine; die vornehme Dame besaß ihr Cello, während die Violine verpönt war. Die Vollendung im Bau des Violoncellos, die die Meister des 16. und 17. Jahrhunderts erreichten, die da Salos, Amati, Stradivarius und Guarnerius und die deutschtiroler Meister, ist später nie mehr erreicht worden. Es gibt seitdem nur eine Geschichte des Cellospiels und der Celloliteratur: Das Cello als Instrument hat seine ideale Vollendung zu Anfang des 18. Jahr- Hunderts erreicht O. Vf. (Nachdruck vetEoltn.) Im frankenland. Da? Sonderbarste im Leben ist, daß es doch eine Art Erfüllung gibt. Das Goethische Wort, daß man im Alter in der Fülle hat, was man in der Jugend wünscht, kann ja einen wegen seiner grenzenlosen Unwahrheit zum Aufbäumen bringen; und doch ist eS wieder wahr. Mir wenigstens geht es oft so. Ich weiß kein schöneres Lied in den Bergen zu singen als das Scheffelsche: Wohlauf, die Lust geht ftisch und rein, Wer lange sitzt, muß rosten." Wie oft haben wir es schon als Sechzehnjährige in die kahle Bergluft hinausgeschmettert und uns vom„heiligen Veit von Staffelstein" unsere Sünden vergeben lassen! Aber jedesmal, wenn der Vers kam, daß wir„WS Land der Franken fahren" wollten, überschlich mich eine seltsame Sehnsucht nach diesen unbekannten Gefilden Deutschlands. Die Begriffe gesund, herb, mannhaft waren bei mir immer mit der Vorstellung ftänkischer Lande und fränkischer Menschen verbunden. Was ist nur der eine von ihnen, Albrecht Dürer, für ein Kerl, und wer kann nur ein einziges Mal durch Nürnberg gegangen sein, ohne die schwerblütige Wucht, vereint mit der frohen Sinnlichkeit, des Frankentums empfunden zu haben. Wenn alle rassenphilosophischen Theorien und ethnographischen Grübeleien verschwunden sein werden, so wird immer das eine davon übrig bleiben: daß der Charakter und die Gemütsverfassung. kurz, der innere und äußere TypuS des Menschen in allererster Reihe bestimmt wird durch die Scholle, auf welcher der Mensch geboren ist, und im weiteren Sinne durch die Landschaft, in der er wohnt. Die Freuden der Natur, die er teilen kann, oder ihre Gefahren, die er bestehen muß, daS prägt sich wie ein Spiegel auf weichem Wachs in den Gesichtern, in der Körpergestalt und natürlich auch in der Gesamtveranlagung der einzelnen Stämme eines Volkes aus. Damit wird weder die innere Zusammengehörigkeit der Menschheit noch die Gemeinschaftlichkeit großer politischer Ziele zwischen bestimmten Klassen einzelner Nationen in Frage gestellt. Nirgends geht einem der Zusammenhang zwischen Natur und Mensch, Landschaft und Stamm mehr auf, als im Frankenland Zählebigkeit und Schwerblütigkeit, Intelligenz, vereint mit Tatkraft und gänzlicher Mangel an Sentimentalität, dabei eine etwas derbe Sinnenfreude, das ist, was sowohl das Volk der Franken, als auch sowohl seine bedeutenden Vertreter in der Geschichte, der Wissen- schaft, in der Kunst auszeichnet. Es ist zum Beispiel gar kein Zufall, daß die bedeutenden Politiker in der.Geschichte Baden? nicht etwa gemütvolle Alemannen, sondern tatkräftige Franken a2> der Taubergegend waren. Goethe, derjenige Mensch, welcher irt höchstem Maße einen genialen Geist und eine unermeßliche Ge, mütstiefe mit nüchternster Tatkraft verkand, war Mainfranke« Wer kann sich in der Parteigeschichte der Sozialdemokratie eins wohltuendere, kräftigere Gestalt als den Franken Grillenbergeit denken? Es kann natürlich jeder deutsche Stamm große Männea für sich reklamieren: aber nie spiegelt sich der Geist der Landschaft so unverfälscht wieder, wie bei großen Söhnen Frankens. Ein Stück Erde, dessen Hauptmerkmale Fruchtbarkeit des! Bodens, großzügige Schönheit der Hügellandschaft, schöner Schwung der Flußverläufe und ein nach allen Seiten hin weiter Blick übe« ruhevolle Fernen, das ist das Frankenland. Und dahin hat ein gütiges Geschick mich jetzt verschlagen, als ob es meine stille altck Sehnsucht endlich einmal begleichen wollte. Ein charakteristischer Ausschnitt Frankens, den man als Teil fürs ganze nehmen kann, ist die Gegend zwischen Schweinfurt und> Bamberg. Schweinfurt ist eine jener deutschen Kleinstädte, die den alten Geruch nach Schildbürgerei nicht mehr losbekommen, obwohl der scharfe Luftzug der modernen industriellen EntWickelung auch durch sie gefahren ist. Neben schwergebauten alten Patrizier» Häusern wackeln kleine, biedere Handwerkerhütten mit den morschen Giebeln. Aus ehrsamen Wirtshäusern hängen einladende Schilder» und hinter leis zurückgeschobenen alten Fenstcrvorhängen blicken spitze alte Nasen neugierig hervor. Und um all dieses kleinstädtische Stilleben qualmen Hohe Schlote von Fabriken, deren Tore jeden Morgen Arbeitermassen vom Lande einsaugen und abends ent» kräftet wieder ausspeien. Bekannt ist Schweinfurt durch sein giftiges Grün, durch seine großen Ochsenmärkte und durch Friedrich Rückert, von dem ich ebenso wenig begreife, daß er aus Schweinfurl stammt, wie es Heinrich Heine je begriffen hat. daß Shakespears ein Engländer gewesen sein soll. Wenn man von Schweinfurt hinaus gegen Bamberg zn wandert, dann geht es einem auf, was eine ruhevolle Landschaft ist. Zwischen grünem Gelände, das sich in sanften Bodenwellen bis zum Horizont erstreckt und steil ansteigenden mit Hunderten von kleinen Lusthäuschen geschmückten Weinbergen, zieht die breita Landstraße, die Doppelspur des Schienenweges und der ruhig, abev doch rasch fließende, gelbbraune Strom. In weitem majestätischen Bogen verliert sich das Silberband des Main in die Ferne. Oft sind über die langen Bodenwellen, Wiesen, Felder und Becker wlg verschiedenfarbige Teppiche sanft hingelegt, oft sind von dunklen sanften Waldsäumen gekrönt. Der milchblaue Himmel, das grüna Land und die goldbrauen Rebhügel sind alle von einem silbergrauen Nebel umwoben. Der hohe Feuchtigkeitsgehalt der Luft gibt den Landschaftsbildern am Main etwas von jenen fein opalisierenden Tönen, die wir so sehr in den Landschaften der alten Hollände» bewundern. Ein unvergeßliches Bild, fast wie die Erscheinung eine» Gralsburg, ist der Blick auf daS im Maintal gelegene Schloß Mainberg. Es liegt auf einem grünen, vorgeschobenen Hügel, de» sich an höhere Rebberge anlehnt. Unter Baumkronen versteckt ducken sich zu Füßen des Schlosses die kleinen Häuser des Dorfe?» als wären sie in seinem Schutz geborgen. DaS graue Schloß selbst zeigt die Front dreier mächtiger Stufengiebel in der steifen, grad» linigen Frankengotik. Die verwitterten Kreuzblumen der Giebel sind von grünen Baumwipfeln umrauscht. DaS Schloß Mainberg hat seit tausend Jahren den Stürmen in diesem reichen Erdenwinkel zugeschaut, hat das nie endenda Waffenklirren in den Fehden der alten Reichsgrafen gehört, hat den üppigen Bischöfen von Würzburg als Sommerresidenz gedient» ist nach der Säkularisation vom bayerischen Staat verludert worden, war eine Zeitlang Farben- und Tapetenfabrik und dient jetzt, soviel ich höre, einer freien Gemeinde von Menschen als Wohnsitz, die in aller Stille und Arbeit für sich das Problem deS Lebens zu lösen versuchen. Während der ganzen Wanderung Bamberg zu verläßt uns nicht der Strom. Wie ein Symbol des Lebens zieht er dem Man» derer entgegen. Flöße gleiten seinen Rücken herab, auf zahllosen Fährten setzen Menschen und Vieh, ganze Heuwagcn und vie» Ochsen davor, oder Fuhrwerke mit schweren klobigen Gäulen über. In den kleinen Dörfren herrscht Herbstleben. Die Wagen fahren ein und aus. Ein wahrer Kindersegen quillt aus den Häusern« Nirgends sieht man so viele gesunde, stille und frohe Kinder, wis hier. Wie reich ist ein Land mit dem Glück rotbackiger Jugend I In Frankreich bin ich einmal durch ein großes Weindorf gewandert und habe zwei magere kleine Buben gesehen. Man sehnt sich dort oft förmlich nach Kindern. Hier wimmelt es. Dieses Blut stirbt nicht so bald aus. Die Väter und Mütter sind wie Gestalten aus Dürers Zeichnungen. Lange, eckige Gestalten mit Hakennasen odev starke Frauen mit dem stillen Glück hoffender Mütter auf dem Gesicht. So ist daS Frankenland, so ist Unterfranken. Mir wenigstens ist es so erschienen. In Bamberg gibt es gute, kleine Wirtshäuser» und als ich am ersten Abend mit Freunden durch alte mond» beglänzte Gassen zog, betete ich» diesmal nicht ohne Grund, abe» mit Inbrunst: O heiliger Veit bon Staffelstein Vergib uns unsere Sünden« R. —< Kleines Feuilleton. LoSnischs Kaffeehäuser. In seinem Werke über die Moslims In Bosnien und der Herzegowina, das jetzt ja gerade wieder sehr oktuell ist» plaudert Anton Hangi unter anderem auch über die bosnischen Kaffeehäuser, die eine große Rolle im gesellschaftlichen Leben spielen und von unseren modernen Cafes bollig abweichen. Denn wenngleich Bosnien faktisch schon seit drei Jahrzehnten zu lOcsterrcich gehört, ist es doch heute noch ein Land mit vollkommen orientalischem Gepräge; zählen doch die Bewohner fast durchweg zu den treuesten Anhängern Muhammeds. Während bei uns die Cafes immer mehr mit allem Komfort der Neuzeit ausgestattet zu sein pflegen, sind die landesüblichen bosnischen Kaffeehäuser, die Kahvanas, nur räucherige, oft genug bedenklich baufällige alte Buden, in denen der Kahvedzija am Feuerherde sitzt und seinen Kaffee„brät", wie man hier eigenartigerweise sagt. Die Zahl derartiger Kaffeehäuser in BoSnien ist zirka eine Legion, da jeder BoSniake sozusagen von Geburt an eine Kaffceschwester ist. Die Einrichtung der Kahvana ist außerordentlich primitiv: an den Wänden entlang einige feste, grob gezimmerte Bänle mit blau oder rot gemusterten wollenen Kissen. In einer Ecke befindet sich gewöhnlich ein etioas breiterer Sitzplatz, wenn man so sagen kann, der Stammtisch irgend eines reichen Junggesellen, eines Aga oder Beg. In den Kaffeehäusern einfacheren Genres schlägt mitunter auch ein Barbier seinen Laden auf. So primitiv die ganze Ein- richtung ist, so vorzüglich soll nach dem Urteil von Kennern der Kaffee selbst in der erbärmlichsten bosnischen Kaffccschänke sein. Das Geheimnis soll darin bestehen, daß man die Kaffeebohnen nur leicht bräunen läßt, weil sie sonst das köstliche Aroma verlieren. fn einem einfachen Holzmörser wird der Kaffee so lange gestoßen, is er ein wie Mehl ist. Der Kaffee wird für jeden Gast besonders gebraten und in kleine buntbemalte Porzellantassen gefüllt, die in der Regel 2 bis 4 Heller kostet. Seinen Stammgästen kreditiert der Kaffeewirt nach altem Brauch ihre Zeche mit größter Libe- ralität. In der Regel wird nur einmal im Jahre die Zeche bezahlt, entweder am St. Georgstage, am 23. April, oder vor dem Bajram- fest. Kaffeehausschulden gelten als Ehrenschulden und werden stets ohne weiteres bezahlt. Deshalb wird dem Gast, mag er seinen Freund in seiner Privatwohnung, im Kaufladen oder sonstwo be- suchen, stets Kaffee angeboten. Bei allen Festen werden unheimliche Quantitäten Mokka vertilgt; ja, selbst jedes Kaufgeschäft wird mit Kaffee besiegelt. Ci» japanisches Schachspiel. Der Wiener„Neuen Freien Presse" wird geschrieben: Wenn auch die Japaner Künstler in der Perwertung von fremden Bräuchen und Einrichtungen sind, so haben sie doch ureigene Einführungen. Schon seit uralten Zeiten kennt Japan das„S ch o g i- S p i e l", das fogar in den niedersten Volksschichten sehr verbreitet ist und gepuß auf die EntWickelung des Bolkscharakters Einfluß genommen hat. In seinem Wesen gleicht das Schogi-Spiel unserem Schachspiel, besitzt aber so auf- fallende Eigenheiten, daß es ein besonderes Spiel für sich bildet. Auch in dem Schogi-Spiel fußt die Grundicdee auf einer nicht erlahmenden Offensive, ohne jedoch eine entsprechende Vorsicht aus dem Auge zu lassen. Aus dem Grunde, daß die 40 keilartigen Figuren des Spiels(20 für jeden Partner) einander gleichen, werden sie im Spiele nur nach der Richtung ihrcS schmäleren Keilendes von den Partnern unterschieden. Dieser Umstand ermöglicht es jedem Partner, die von seinem Gegner erbeuteten Figuren als eigene ins Spiel einzusetzen. Letzteres entweder, um seiner Offen- sive Nachdruck zu verleihen, oder•— falls er sich im Nachteil fühlt — seine Tefensivstellung zu verstärken. Auch hierin prägt sich deutlich der Charakterzug der Japaner aus, die es so gut verstehen, fremde Einrichtungen für sich nutzbar zu machen. Noch eine weitere Variante liegt darin, den eigenen Figuren, sobald sie in die gegne- rische Zone gelangen, einen höheren Rang zu geben, was einfach durch Umdrehen der betreffenden Figur geschieht, die auf ihrer Reversseitc die höhere Bezeichnung trägt. Darin liegt ebenfalls eine Aneifcrung nach vorwärts, die aber nur durch Findigkeit und geschickten Kalkül möglich ist. Das nach dem letzten Feldzug mit Japan von den Russen nach Europa gebrachte Schogi-Spiel läßt ungezählte Kombinationen zu, erfordert aber nebst großer Ueber- lcgung und Beharrlichkeit auch eminente Vorsicht. Trotz feiner Kompliziertheit und seiner eigenartigen Figurenbezeichnung, dann der letzteren verschiedenartigen Züge kann das Schogi-Spiel selbst von Nichischachtspielern leicht erlernt werden, da jede Figur mit ihrem Namen und mit Pfeilen verschen ist, die ihre BewcgungS- richtung andeuten. Literarisches. Dr. Robert Heindl,„Geschichte, Zweckmäßig- keit und rechtliche Grundlage der Theaterzensur". (München 1V07. Karl Schüler, Lt. Ackermanns Nachf.) Der Vcr- fasier gibt in seinem 6 Bogen umfassenden Werkchen eine Darstellung der Geschichte der Theaterzensur, er zeigt, wie sie im alten Griechen- land und Ron,, wie sie im Mittelalter und wie im neuzeitlichen Frankreich, England, in der Schweiz und Deutschland gchandhabt wurde, er prüft gründlich und objektiv die Zweckmäßigkeit und Rechtmäßigkeit der Eiinichtung, schlägt vershiedene Abänderungen der für Teutschland in Betracht kommenden gesetzlichen Bestimmungen vor und kommt schließlich zu dem Resultat, daß die beste„Reform� auf diesem Gebiet eine gänzliche Aufhebung und Beseitigung der Theaterzensur sei. Sollte sich die Oeffentlichkeit und namentlich das Parlament in absehbarer Zeit wieder einmal mit dieser Frage be- schäftigen, so wird man die Heindlsche Abhandlung als reichhaltige und gut geordnete Materialsammlung benutzen können. Aus dem Gebiete der Chemie. Die angebliche Umwandlung der Elements. Die Mitteilung des berühmten Londoner Chemikers William Ramsay, es sei ihm gelungen, eine Verwandlung von Kupfer in Lithium nachzuweisen, hat vor etwa einem halben Jahr ein außer- ordentliches und berechtigtes Aufsehen erregt. Dem allgemeinen Begriffe nach soll ein Element ein Grundstoff sein, der sich nicht verändern, also mich nicht in einen anderen Stoff verwandeln läßt. Wenn dieser Grundsatz aber erst einmal erschüttert wäre, sso würde auch einem Wiederaufleben der Alchemie, diesmal auf wissen- schaftlicher Basis, nichts im Wege stehen. Daher ist es begreiflich. daß die Verkündung von Professor Ramsay mit Erregung in den fachwissenschaftlichen Kreisen erörtert worden ist. Seitdem haben sich gewichtige Stimmen gemeldet, die sich gegen die von Ramsay behauptete Tatsache wenden. Zunächst hat Frau Curie, die Ent- deckerin des Radium, die Gründe dargelegt, weshalb sie an einer Verwandlung von Kupfer in Lithium, Neon und möglicherweise noch andere Stoffe zweifelt. Jetzt hat Professor Hartley einen neuen Vortrag vor der Britischen Natnrforscher-Gesellschaft über denselben Gegenstand gehalten. Er geht von den Worten RamfayS aus, daß Kalium und Natrium wahrscheinlich die Hauptprodufte des Kupfers sind, und daß das Lithium ein unwahrscheinlicher Bestandteil von Staub, Glas, Kupfer usw. ist. Man sieht aus dieser Aeußerung, wie alchemistisch bereits die modernsten An- schauungen der Chemie geworden sind, indem ein so hervorragen- der Forscher glattweg mit der Möglichkeit rechnet, daß aus Kupfer andere weit verbreitete Elemente entstehen können. Professor Hartley aber wendet sich gegen diese Meinung. Zunächst erwidert er, daß Kalium und Natrium sehr viel häufiger auf der Erde der- breitet sind als das Lithium. Die allbekannten Elemente, aus denen unsere wichtigsten Salze entstehen, darunter das Kochsalz (Chlornatrium) sind zwar reichlicher vorhanden als das Lithium. aber nach den eingehenden Untersuchungen von Hartley ist das Lithium vermutlich ebenso oft auf der Erde zu finden, wenn auch nicht in so großen Mengen. Namentlich wird der Angabe von Ramsay, daß es in Staub, GlaS, Kupfer usw. nicht zu finden sei, widersprochen. Hartley hat mit einem Fachgenossen 170 gewöhnlich« Erze und Mineralien, in denen Kali und Natrium enthalten sind, untersucht und Lithium nebst Rubidium fast immer darin gc- fiinden, so auch in gewöhnlichen Kalksteinen, Tonschichten, tönernen Tabakpfeifen usw. Ferner fand er Lithium in dem Staub, der aus größeren Höhen der Luft herabfällt, in vulkanischem Staub, in Ruß, im Rauch chemischer Fabriken und in dem von Kupfer- werken. Der Rauch von Fabriken, in denen Kupfer geschmolzen und raffiniert wird, enthält überhaupt eine unglaubliche Menge von Elementen, wovon Hartley L2 nennt. Bezüglich der Selten- heit des Lithium hat also Ramseh wohl seine Auffassung zu ändern, doch ist zuzugeben, daß dadurch die Möglichkeit einer Entstehung des Lithium aus Kupfer vielleicht noch wahrscheinlicher wird Medizinisches. Wann sollen die Mandeln entfernt werden? Es gibt Menschen, die ihre vergrößerten Mandeln ihr lebenlang mit sich herumtragen und gar nicht daran denken, sie entfernen zu lassen. Bei anderen sind die vergrößerten Mandeln wohl mit gewissen Be- schwerden verbunden, aber die werden leicht ertragen, und nameut- lich die Furcht vor der Mandeloperation verhindert, daß die Be- schwerden ihre richtige Würdigung finden. Es gibt aber zahlreiche Fälle, wo unter allen Umständen zur Operation geschritten werden muß und eine Verzögerung schwere Gefahren für die Gesundheit herbeiführen würde. Geheinirat Hopman in Köln erachtet diesen Zcilpunft dann für gekommen, wenn die Mandeln häufig sich entzünden, namentlich wenn eS zu Eiterungen und Gcschwürbildung in den Mandeln kommt, oder wenn vergrößerte Mandeln mechanische Störungen hervorrufen, Behinderung der Nasenatmung, nächtliches Schnarchen, Verschluß der Ohrtrompete. Schlingbeschwerden oder Erschwerung der Lautbildung. Die Mandeln müssen ferner dann entfernt werden, wenn sie Stauungen in den oberen Luftwegen verursachen. die auf Nase, Lugen oder Ohr zurückwirken, Kehlkopf oder Luftröhren in Mitleidenschaft ziehen, wenn sie die Lhmph- driisen bedrohen und Gelenk-, Lungen-, Nieren- oder Blinddarmentzündungen die Folge sind. wenn sie gesteigerte Empfindlichkeit der Halsschleimhäute oder üblen Geruch erzeugen und auf Stimme und Stimmung übel einwirken. In all diesen Fällen kann von einer harmlosen Vergrößerung der Mandeln nicht mehr die Rede sein. Wenn Danerhcilung erzielt werden soll, so müssen die Mandeln gründlich entfernt werden; das kann in einer Operation geschehen, doch nur unter Anwendung allgemeiner Narkose. Diese Operation ist aber nicht angreifender und gefährlicher als eines der üblichen Verfahren, lvelches in der Regel nur triltoeise Entfernung der Mandeln bezweckt. Verantw. Redakteur: Georg Tavidsohn» Berlin.— Druck u. Verlag: vorwärts Buchdruckerei u-PeriagSanstalt Paul Singer LrEo�Berlir. LA!.