Anterhaltungsblatt des Horivärts Nr. 199. Mittwoch, den 14. Oktober. 190S tZZachdrult vervsten.I i0] Hndreas Vöft. Bauernroman von Ludwig T�o ma« -..Das denkt die Negierung auch. Sehen Sie, da kriege ich immer Schreiben. Man erwartet, daß die Bewegung nicht um sich greift. Na, Sie wissen das ja!" „Ich habe vor vierzehn Tagen mit der Exzellenz darüber gesprochen." „Und?" „Der Minister meint eben auch, der persönliche Einfluß." „Tja, der persönliche Einfluß. Das heißt, man macht uns dafür verantwortlich." „Das nicht, aber..." „Nu natürlich. Herr Dekan I Ich weiß doch, wie das ist. Läßt sich die Geschichte nicht aufhalten, dann heißt es, wir haben die Gefahr nicht erkannt, oder wir haben es nicht ver- standen, auf die Leute günstig einzuwirken. Wir müssen es ausbaden: die Herren oben natürlich nicht." „Unter Einfluß, da verstehe ich doch nicht bloß Ueber- redung, Herr Bezirksamtmann." „Sondern?" „Sondern, ja! Da gibt es viel. Alles, was halt die Aufsichtsbehörde... wie soll ich sagen? Was halt die Auf» sichtsbehörde sonst anwendet. Es gibt aber doch manches." Otteneder setzte sich und spielte nachdenklich mit einem Lineale. „Was meinen Sie damit. Hochwürden?" „Nichts Bestimmtes, Herr Bezirksamtmann. Aber ich denke, zum Beispiel, wenn Versammlungen stattfinden sollen. Man liest, daß hie und da eine Versammlung verboten wird." „Aber nicht jede. Und was hilft es dann?" „Man könnte auf die Wirte einwirken, daß sie kein Lokal hergeben. Ein Wirt ist doch immer angewiesen auf das Be» zirksamt." „Einigermaßen ja. Aber das sind Mittel, einmal Helsen sie, einmal nicht. Und übertreibt man sie, dann schreien die Leute noch ärger." „Auf alle Fälle muß man jetzt vor den Gemeindewahlen etwas tun. Daß uns nicht lauter Bündler als Bürgermeister hingesetzt werden." „Ich bin der Sache schon näher getreten, Herr Dekan." „Ich weiß, mit der Umfrage. Haben Sie überall Aus» kunft bekommen, Herr Bezirksamtmann?" „Von den meisten." Otteneder schloß den Schreibtisch auf und nahm einen umfangreichen Aktenbündel aus der Lade. „Sehen Sie, das sind die Antworten. Namen genug, fast zuviel." „Ich habe unter der Hand dafür gesorgt, daß die Be- teiligung möglichst allgemein war. Herr Bezirksamtmann." „Nachträglich meinen Dank, Hochwürden. Aber nun sagen Sie einmal selber! Da sind mir von etlichen vierzig Ge- meinden vielleicht dreihundert Männer bezeichnet, die als Bündler gelten, und die nicht in die Ausschüsse kommen sollen. Dreihundert, Herr Dekan! Wie kann ich das verhindern?" „Nicht bei allen. Aber doch bei den Gefährlichsten. Zum Beispiel in meiner Pfarrei der Stuhlberger und der Mei» singer! Das ist ganz ausgeschlossen, daß einer davon Bürger- meister wird I Das hieße geradezu den Aufstand proklamieren, das hieße die Stellung des Pfarrers unmöglich machen. Der Meisinger tut mir seit sechs Jahren alles an, was er nur kann. Geradezu verbrecherisch." Der Dekan geriet in Eifer. Er schlug mit der Hand heftig auf die Papiere, welche den Namen Meisinger ent» hielten. „Hochwürden, ich habe mir die Namen besonders notiert." „Der Mensch hat Verleumdungen gegen mich begangen und Personen hereingezogen. Ich will mich nicht weiter aus- drücken. „Herr Dekan, Sie können sich darauf verlassen.. „Dieser Mensch ist ein Gottesleugner, ein Kirchenschänder. Er hat die boshaftesten Lügen über mich in der Zeitung ver- breitet. Entschuldigen Sie, wenn ich heftig werde!" „Es sind Ihnen einmal die Fenster eingeworfen worden� „Ja, das war der Meisinger. Und kein anderer." „Ich notiere mir's, Herr Dekan. Das ist jetzt einer. Aber dreihundert?" „Ich blicke wirklich trübe in die Zukunft, Herr Bezirks» amtmann." Otteneder machte eine verbindliche Bewegung. «Ich hoffe, daß die Herren selbst Einfluß haben. Did Wahlen fallen vielleicht besser aus, als wir denken." „Ich fürchte, ich fürchte, es gibt Ueberraschungen. Abex ich habe Ihre Zeit lange in.Anspruch genommen." „Bitte, ich bin sehr dankbar für Ihren Besuch. Und für jede Unterstützung. Ich empfehle mich Ihnen." Der päpstliche Hausprälat näherte sich der Türe. Unteh derselben blieb er stehen. Er hatte noch etwas vergessen. „Herr Bezirksamtmann, pardon I" „Sie wünschen?" «Mein Amtsbruder in Erlbach schreibt mir, daß er mit solchen. Schwierigkeiten zu kämpfen hat." «So. so?" „Ich möchte ihn warm empfehlen."� „Was sich tun läßt..." „Nochmals besten Dank, Herr Bezirksamtmann." Die Türe schloß sich, und Otteneder war allein. Er setzt» sich an den Schreibtisch und sah zur Decke hinauf. „Meisinger, Stuhlberger, der Pfarrer von Erlbach. EA hätte noch mehr sein können," sagte er. Und sein Gesicht nahm wieder den mürrischen Alls» druck an. Ungewohnte Arbeit und eine neue Verantwortlichkeit, das sind Dinge, die einen nicht fröhlich stimmen. Diese Neuerungen, welche überall störend eingriffen und das Amtieren erschwerten! Früher, ja, da war alles besser gewesen. Wer achtete früher auf die Unzufriedenheit der Bauern? Sie drang nicht in die Oeffentlichkeit: wenn einer mit seiner Klage in das Amt kam, sagte man ihm, es werde schon einmal besser werden, und man wolle überlegen, wo zu helfen sei. Man schrieb und verordnete, und die Regierung war zu, frieden, wenn auf dem Papiere alles in Ordnung war. Jetzt sollte mit einem Male alles aus großen Gesichts» punkten geschehen. Und dabei war alles im Ungewissen- nirgends eine feste Richtschnur. Schimpften die Bauernbündler, dann empfand man et oben sehr unangenehm: schrien die Geistlichen in ihrer Presse- dann war es zweimal nicht recht. Das pendelte hin und her. Dazu eine heillose Angst vor dieser lärmenden Bewegung, weil sie Volksschichten auf» wühlte, die bisher so angenehm teilnahmslos waren. In der Politik wird das Zuwenig gleich ein Zuviel, und ganz selten wird die Mitte eingehalten. Solange noch etwas zu richten war, hatte man nicht auf die Bauern geachtet. Jetzt zeigte man eine übertriebene Furcht, die von den Geistlichen sorgsam genährt wurde. Zum Beispiel dieser vortreffliche Erlaß der Regierung!„Die Vor- stände der Bezirksämter sollen ein besonderes Augenmerk haben, daß die bevorstehenden Gemeindewahlen ein gutes Er» gebnis lieferten, daß insbesondere nicht die Fiihrer der Be, wcgung in Vertrauensstellungen gelangten." Das war richtige Stubenweisheit, und der Versassex mochte glauben, wie klug er mit ein paar Federstrichen nütz» liche Verhaltungsmaßregeln angegeben hatte. Freilich, der persönliche Einfluß mußte hier das Beste tun. So sagte auch der Abgeordnete. Hochwürden Herr Dekan Metz. Das dachten sich die Leute so. Franz Heinrich Otteneder. der Sohn des Landrichters gleichen Namens, und der Enkel des Salinenadministrators Johann Otteneder, zuerst Schüler eines Gymnasiums, Student in München und späterhin durch lange Jahre Assessor in einer fränkischen Kreisstadt, sollte seinen persönlichen Ein- fluß geltend machen. Bei den Dickschädeln der oberbayerischen Hochebene, deren Sprache er kaum verstand, und die ihm so fremd waren wie die Neger an den Strömen Afrikas. Aber eines war gewiß. Er durste den Erlaß seiner vorgesetzten Regierung nicht einfach beiseite legen: er mußte Eifer zeigen. Nach längerer Ueberlegung hatte er das vertrauliche Schreiben an die Pfarrer seines Bezirkes gerichtet, betreffend Gemeindewahlen. Mit der Bitte, die Leute namhaft zu machen, welche sich in der Agitation für den Bauernbund her- vortaten oder von denen solches zu erwarten stand. Das Ergebnis war befriedigend. Otteneder konnte einen umfangreichen Akt anlegen, der als Beweis für einen bereitwilligen gleist gelten durfte. Nicht jeder Pfarrer schickte eine Liste. Aber der Ausfall Wurde gedeckt durch den Eifer der anderen. Tie längste kam aus Erlbach. Von 106 Gemeindebürgern mußte Herr Jakob Baustätter leider 59 als schlechtgesinnt bezeichnen. Sein Bericht begann mit der Erklärung, daß nicht etwa seit kurzem eine betrübende Abneigung gegen die Kirche und jegliche Autorität zu bemerken sei. Diese wäre bereits zutage getreten, als der hochachtungs- vollst Unterfertigte den Bau eines neuen Turmes beantragte. Was damals von einem königlchen Bezirksamte vielleicht nicht so gewürdigt worden sei. Natürlich in woblmeinendster Absicbt. Nach dieser Einleitung kam das Verzeichnis der Ab- trünnigen: bei jedem Namen eine Randbemerkung. Der Schluß lautete wörtlich:.. „Einem hohen Bezirksamte kann ich nicht umhin, noch eine sehr wichtige Mitteilung zu machen. Es verlautet, daß in diesem Jahre Andreas Vöst Bürgermeister werden soll. Dieses wäre von den schwersten folgen begleitet. Vöst ist die Seele des Aufruhrs und ein rachsüchtiger Mensch. Ich möchte hinweisen, daß ich zur rechten Zeit gewarnt habe, wenn sich ein unermeßlicher Schaden ergibt." (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Oer(ZeneraliulpeKtor. Von Roda Roda. Eines TcigeZ, als ich auf einem Kanonenrohr der Belgrader Festung saß und über Saoe und Donau hinweg in die Ferne blickte, kam mein Freund Milan auf mich zu und rief: „Ra, wie geht's, wie stehl's, Mütterchens Goldsohn? Was machst Dn?" „Ich denke über meine Zukunft nach und schwanke noch, ob ich Löwenbändiger oder Tanzlehrer werden soll." „Wähle den Mittelweg. Bruder, und werde Generalinspektor I Ra, sieh mich nickt so groß an. ich meine es ernst. Du mutzt wissen, ich bin seit acht Tagen eine Art Anekuranzkönig von Serbien im Dienste der La Terre, Zemlja—(Die Erde)— Erste internationale Hagel-,, Feuer- und Lebensversicherungsgesellschaft. Da brauche ich einige Dutzend Generalinspektoren." „Wie... n»d Du... Du willst mich ernennen?"— Vor Freude stand mir das Herz im Leibe still. „Was gibt's da zu verwiruderu? Natürlich. Ich drücke mein Sultansfiegel darunter und Du bist Generalinspektor." Das sagt er so einfach. Rein, wer hätte das in dem kleinen Milan gesucht? „Bist Dn einverstanden?" „Aber natürlich. Mit tausend Freuden. Ich bitte Dich: schon ein General schlechthin ist ein hoher Herr. Juipektor... auch nicht zu verackiten. Und ich soll nun mit einem Schlage Generalinspektor werden?" „Ra. latz Dir? nur nicht in die Krone fahren. Ohne weit'reS Seht's ja auch nicht. Du wirst Dich zu einer Probeleistung der- ehen müssen?" „Auch das tue ich; überhaupt alles, was Du willst." „So komm nur erst mit mir, da sollst Du alles hören." Wir gingen im Kalimegdankpark auf und ab. Dort erklärte mir Milan meine Pflicdten und wie ich es anstellen müsse, die Leute zu bewegen, datz sie sich versichern lietzen. „Denn gern tun sie es nicht," erzählte mir Milan.„Manchem mutz man zureden wie einem kranken Pferd. Zuerst fragt man ihn nach der. Schwägerin in Nisch und ob der Onkel noch in Poscharclvay im Kerker sitze... unschuldig natürlich. Dann kommt man langsam, ganz langsam ans die Politik zu reden. Ist der Kerl radikal, so schimpft man über die Schwaben, sonst über die Russen. aber immer nur mätzig und ohne Hitze. Kommt die Sprache auf die Negienmg. so wiegst Du bedächtig den Kopf und sagst:„Sie werden seben, es kommt bei diesen» Shsten, nichts Gutes heraus"— und bist gleich beim Wetter. Davon kann man viel erzählen. Nach und nach lenkst Du das Gespräch entweder auf den Hagel, ans den Blitz oder die vielen Halsentzündungen— je nach dem. was ver» sichert iverden soll. Du spielst mit der Hand in der Tasche, und auf einmal hast Du ein Prospektchcn in den Fingern. DaS wäre dir rein zufällig untergekommen, sagst Du— und so gibt ein Wort das andere Wenn Du aber Generalinspektor werden willst, mutzt Du mu geute noch den Joso Bojanitsch verfichen». Er wohnt auf der Terassija, gleich beim alten Baumen. Versuch's doch einmal, Alterchen. Viel Glück auf den Weg I" Er klopft mir noch auf die Schulter— und weg ist er. „Gestmdheitl Guten Tag!" sagt Joso Bojanitsch ungemein zärtlich. Ich freue mich über die gute Vorbedeutung des ersten Empfanges. „Rehmen Sie doch Platz bei mir. Auitze l Anitze! Bring Schnaps für den�Herrn!" „O, ich danke" entgegnete ich geschmeichelt.«Zu viel Ehre!" „Nehmen Sie mit wenigem vorlieb, Herr.. „Roda", ergänze ich. „Tja, ja. Herr Nodal Schade, datz Sie nicht gestern ge- kommen sind, wir haben so herrlichen Kuchen gehabt. Aber immer- hin— Sie sind auch heute willkommen. Meine Schwägerin in Nisch.. „Wie, Sie haben auch eine Schwägerin in Nisch?" ftage ich— fast erschrocken vor Freude darüber, datz Milans Rezept so prächtig zutrifft. „Fa. Haben Sie auch eine Schwägerin in Nisch?... Gesund- heit, Herr Roda! Stotzen Sie an!... Brr I Grotzartige Ware. der Schnaps, was?'s ist aber auch Eigenbau. Da? heitzt nämlich eigentlich kein Eigenbau, dem» er stammt von meinem Oheim, der ihn leider Gottes nicht trinken kann." „Ob I Ist er tot, Ihr Oheim?" „Schlimmer als das. Denken Sie nur: er ist in Poscharewatz eingesperrt... Wa? haben Sie? Was staunen Sie?" „Hm... nichts, wirklich nichts... Sagen Sie doch, bitte, Herr Bojanitsch, hat jede Belgrader Familie einen Oheim in Pascha- rewatz sitzen?" „Wie witzig Sie sind! Ja, die Herren Ausländer! DaS bringt den Geist ans der Welt mit. Ein anderes Leben da draußen als hier auf dem Balkan— wie? Na, es wird- auch bei uns einmal anders werden. Denn, nehmen wir an, der Berliner Vertrag wird eines schönen Tages revidiert.. „Um Gottes willen, nur nicht zu diel von der Politik!" rufe ich, eingedenk der Warnung Milans. „Sie haben recht. Es ist ein undankbares Ding. Was dich nicht brennt, das blase nicht. Sie sind ein Oesteaeicher. nicht wahr? Tja, ja— zunächst hängt»mser Heil doch mir von Oester- reich ab..." Joso Bojanitsch beginnt den Kopf zu wiegen.„Anitze, sag ich immer zu meiner Frau, Anitze..." Ich wiege mit.—„Du wirst sehen, es kommt bei diesem System nichts Gutes heraus." Joso blickt auf— erfreut darüber, datz ich seine Gedanken so gut errate.„Freund," schreit er,„Sie gefallen mir! Wie Sie doch die Dinge so richtig zu beurteilen wissen!" „Wenn man schon so lange hier ist—?" „Ach, schon lange hier? Aber dennoch: Grütze mutz man im Kopfe haben. Hat man die. findet man sich überall gleich zurecht. Und gefällt'S Ihnen bei uns?" .„Sehr gut. DaS Klima. „Herr," ruft er.„Sie find ein Gedankenleserl Eben auf das Klima wollt' ich zu reden komme»». In Silber sollte man Ihre Worte fassen. Tja, ja. Sch«»«tzlich, dieses Wetter. Sind Sie Land- wirt?" „Nein. Ich.. „Also Hausbesitzer, nicht wahr?" „Nein. Ich..." „Tja. ja, ein mörderisches Wetter. Wenn man in Belgrad umhergeht und die schönen Menschen sieht, meint man. es müsse weiß Gott wie gesund sein, hier zu leben. Alle sehen auS, als sollten sie dereinst ihr Brot mit e»nem Zahn kauen. Aber, aber: sie sind wie die Pappeln, diese Belgrader— der Stmnm ist groß, das Holz»st morsch. DaS lebt wie die Made im Speck und denkt nicht an die Zukunft... Roch ein Gläschen. Herr Roda?... Zur Gesu»»dheit!" Ich stoße fröhlich an. So leicht habe ich mir die Sache nicht gedacht.— Ich habe ein verbindliches Lächeln auf den Lippen, ich stelle das Gläschen hin und greife in die Tasche. Jetzt mutz ja bald mein Prospekt heraus. „So find die Leute; Sie haben wahr gesprochen. Herr Boja- nitsch. In den Tag hinein leben sie und denken nicht daran: Was wird aus meinen Lieben, wenn ich einmal nicht mehr bin?" „Bravo, junger Mann I Ich wollt', ich hätte eine Tochter. Ihnen würde ich sie anvertrauen." „Ich erkenne den guten Willen an.— We»m man sieht, wie so mancher in Saus»md Braus lebt..." „Richt wahr? Und alles verbraucht, so datz Weib und Kinder dereinst darben muffen, weil ihnen das Familienoberhaupt nichts zurückgelassen hat?... Herr," ruft Bojanitsch.„wenn ich was z»» befehlen hätte, müßte jederniann.. „Ein Viertel seines Einkommens in einer LebenSverflchenlngS- polize anlegen." '„Was sagen Sie, ein Viertel? Ein Drittel wenigstens, ein volles Drittel." Jetzt heraus mit dem Prospekt! Aber wo Hab ich ihn. zum Kuckuck? Auf einmal fängt Bojanitsch herzlich an:.Sehen Sie. da Hab ich rein zufällig ein Prospektchen bei mir: vm: der Ozean, Jnter- nationale Versicherungsgesellschaft, einem Unternehmen ersten Ranges." .Aber..." Ich strecke ihm hilflos den Prospekt meiner„La Terre" entgegen. „Kein Aber, junger Mann! Sie muffen unbedingt eine Polizze nehmen. Ich sage nur auf vierzigtausend Dinar." „Aber.. „Kein Aber! Sie sind nicht verheiratet, wollen Sie sagen? Denken Sie nicht an die armen Eltern, an die Geschwister? Sollen die verhungern, wenn Sie einst nicht mehr sind?" „Aber...' „Lächerlich. Vierzigtausend Dinar, denken Sie nur! Sie gehen auf der Straße, ein Ziegel fällt Ihnen auf den Kopf und schlägt Sie tot. Weinend umringt Sie Ihre Braut. Doch vierzigtausend Dinar sind da. Haha I" „Aber..." „Unterschreiben Sie, junger Mann, ich rate Ihnen I So was von Gesellschaft, wie die Ozean, gibt's doch nicht zum zweitenmal. Sie zucken noch mit Händen und Füßen, und die Gesellschaft zahlt schon aus. Dabei ist die Prämie lächerlich billig, vierteljährlich drei- hunderteinundzwanzig Dinar und zwanzig Para... Anitze, schnell noch einen Schnaps! Schreiben Sie. junger Mann, morgen um neun Uhr ist der Arzt bei Ihnen.... So! Nun setzen Sie noch das Datum über Ihren Namen! So!... Zur Gesundheit, Herr Roda l Mögen Sie sich, Gott behüte, recht bald von der Solidität der Ozean überzeugen!" Vernichtet und geschlagen kehre ich zu den Kanonen in' die Festung zurück.. 's nützt nichts. Ich Hab' kein Talent zum Verficherungsgeichäst. Die Ausstellung belgischer Kunft. „Rubens stattet Meister Dürer seinen Besuch ab." Dieses Wort sprach Herr C. G. Grisar, der Präsident des Antwerpener Kunstler- Vereins„Art Contemporain", als er die Ausstellung belgischer Ge- mälde, graphischer Arbeilen und Plastiken im S e z e s s i o n s h a u s e eröffnete. In Anbetracht der feierlichen Situation durfte man die rheiorische Floskel passieren lasten; zu meinem Erstaunen aber höre ich sie seitdem allenthalben wiederholt und selbst zurechnungsfähige Kritiker scheuen sich nicht, die unsinnige Phrase allen Ernstes zu reproduzieren. Wer von dem tatsächlichen Entwickelungsgange der belgischen Malerei auch nur eine oberflächliche Kenntnis besitzt, der muß aber wissen, daß die heute dort herrschenden Richtungen von Rubensscher Kunstansckauung genau ebenso wenig beeinflußt sind, wie die moderne deutsche Malerei vom Geiste Albrecht DürerS. Die belgische Kunst hat im IS. Jahrhundert denselben Weg zurückgelegt. der allen Kulturländern des europäischen Kontinents bescbieden war. Im ersten Drittel deS SäkulumS schlummerte der Genius der Malerei, und bei seinem Erwachen fand er die Brücken zur jüngsten Vergangenheit abgebrochen. Es war die Zeit unmittel» bar nach der Revolution(1830), die Belgien von Holland trennte; das belgische Bürgertum schwelgte in nationaler Begeisterung und in der Kunst kam eine Richtung auf, die die„alten nationalen Traditionen" pflegen wollte. Damals allerdings knüpfte man an den pathetischen Barockstil des RubenS an, und es entstand auf dieser Grundlage eine Schule von Historienmalern, deren bekannteste Vertreter— Wappers, Gallait und de B i d f v e(sprich: Biähf)— aus Kosten der begischen Regierung riesige Leinwand- flächen mit patriotischen Oelgemälden bedeckten. Diese Schule hat leider auch auf Deutschland befruchtend eingewirkt. Im Jahre 1842 machten einige Bilder von Biefve und Gallait eine Rundreise durch die deutschen Kunststädte und erregten eine gewaltige Begeisterimg, deren Frucht die berüchtigte Historienmalerei der Piloty und Genoffen war. Dies alles aber blieb glücklicherweise Episode und verschwand schließlich fang- und klanglos, ohne merkbare Folgen zu hinterlassen. Die Denkmäler jener Episode hängen in den Schreckenskammern des Brüsseler Museums, die Kunstrichtung selbst ist mausetot. Der neue Geist kam in die belgische, wie auch in die deutsche Kunst, aus Frankreich. Den ersten Umschwung erzeugte Courdet. Er lehrte die Maler, statt auf anfpruchsvollen Gemälden bombastische Phrasen zu dreschen, erst einmal die Natur ernsthast und bescheiden zu studieren und das Beobachtete schlicht und redlich wiederzugebeir. Die entscheidende Anregung aber brachte dann Manet, der große französische Kunstrevolutionär. Die moderne Freilichtmalerei und der Impressionismus dieses genialen Meisters fanden in den siebziger Jahren Eingang in Belgien und schlugen hier rasch und lrättig Wurzel. Die neue malerische Technik wurde durch die belgische Schule der Pointillisten— der.Tüpselmaler"— nach wissenschaftlichen Prinzipien erfolgreich fortgebildet, und von da an erst darf man von einer wirklich modernen Kunst in Belgien sprechen. Diese knüpft zwar hier und dort an ältere Vorbilder— aber nie und nimmer an Rubens— an, hat sich aber int wesentlichen auf durchaus neuen Grundlagen ihr eigene? Gebäude errichtet. Die kleine Ausstellung im Sezessionshause, die 200 Kunstwerke enthält, kann von diesem Entwickelungsgange natürlich kein rechtes Bild geben. Sie zeigt an einigen Beispielen nur ganz ungefähr, wie man heute in Belgien malt. Von älteren, verstorbenen Künstlern, die die jetzige Generation entscheidend beeinflußt haben, ist fast gar nichts»u leben. Ein Hauch aus der Epsgonenzeit, in der man noch die alten Meister als unbedingt klassische Vorbilder verehrte, weht uns aus den Tierbildern des I o s e p h S t e v e n S an, der sich die Technik des großen Snyders für seine meist anekdotisch pointierten, aber durchweg solide gemalten Darstellungen zu eigen machte. Als ein modernisierter Paul Potter erscheint Verioee, der die weiten Ebenen des belgische,: Tieflands mit krältigen Rindern und schweren Brabanter Gäulen bevölkert, und zwar keine Luft zu malen versteht, aber doch die kühlen Farben unter dem von Wolken bedeckten filbergrauen Himmel recht gut wiedergibt. Auch Henri de Braekeleer (1840— 88) knüpfte an alte Meister, namentlich an Pieter de Hooch und den Deister Vermeer an— aber diese Anknüpfung bleibt doch nur ganz äußerlich. Er behandelt dieselben malerischen Probleme. die jene Alten sich gestellt hatten, aber er löst sie selbständig aus seine eigene Art. Dieier ausgezeichnete Künstler war bisher in Deutschland kaum dem Namen nach bekannt, und es ist ein Verdienst der Ausstellungsarrangeure, daß sie ihn imserem Publikum gleich mit einer größeren Serie von Werken vorführen. Allerdings findet sich darunter leider keine von den kleinen, seinen, hellfarbigen Land- schasten, die jeden Besucher des Brüsseler Museums entzücken. Wir sehen hier nur Interieurs. Meist find eS, wie beim alten Pieter de Hooch, Räume in gedämpfter Beleuchtung, in die durch ein Fenster oder durch eine Tür ein helleres Licht fällt. Durch die Zusammen- stellung von buntfarbige» Kleidern, Teppichen, Tapeten, Möbelstoffen und allerband Gerät entstehen in diesen sektsam beleuchteten Räumen komplizierte koloristische Effekte, die der Künstler mit außerordentlich feinfühligem Blick beobachtet und in virtuoser Technik wiedergegeben hat. Ein wahres Wunderwerk dieser Art ist„Das Mahl", auf dem ein Sprühregen von zahllosen, zum Teil scharf kontrastierenden Farbennuaneen zu einer ruhigen und vornehmen Harmonie zusammengestimmt ist. Zwar leider das Bild an dem elementaren Fehler, daß sein Hintergrund keine klare Raum- Vorstellung gibt, aber das koloristische Raffinement bleibt trotzdem bewundernswert. Sehnliche Effekte strebtmit weniger voniehmen Mitteln Alfred Berhaeren an. Sein Jnterieurbild„Die Sakristei" zeigt kräftige, üppige, leuchtende Farben, aber das Ganze gibt keinen ruhigen und einheitlichen Zusammenklang, dem koloristischen Temperament mangelt die weise abwägende künstlerische Kultur. Auf der Grenze zwischen der älteren belgischen Malerei mid der modernen Schule der Jmpresfionisten und Freilichtmaler steht Alfred Stevens(1823—1906), ein geschickter imd gefälliger Macher, dem aber ernstes künstlerisches Wollen und Tiefe mangelte. Er hatte es in seinen jungen Jahren verstanden, die Errungenschaften der großen französischen Kunstrevolutionäre zu popularisieren. Während Mauet noch von allen Kum'tphilistern verabscheut wurde, war Stevens, der zu dem Kreise des Meisters gehört hatte, bereits der verhätschelte Liebling des Pariser Publikums. Namentlich als schicker Porträtist der in Samt und Seide prangenden Weiblichkeit genoß er des höchsten Ansehens. Was er gab. war Talmikunst. beruhte im Grunde auf konventioneller Verwäfferung und Verzuckerung dessen, was die damaligen Kunstrevolutionäre wollten und lehnen." Aber er zuerst brachte eS dahin, daß die moderne Malerei „salonfähig" wurde, und er erreichte dies, da er wirkliche» Talcni besaß, ursprünglich durch relativ annehmbare Leffrungen. Erst mit der Zeit, als seine Beliebtheit ihren Höhepunkt erreicht hatte, wurde er zum ungenießbaren Routinier und Kit'cknnaler. Das Bild „Harfenspielerin" zeigt ihn von seiner besten,„Eine peinliche Gewiß- heit" von seiner unerfreulichsten Seite. Den ersten großen Erfolg erzielte in Belgien mit einem Freilichtgemälde Charles H e r m a n s. DaS Anstehen erregende und vielfach nachgeahmte Bild erschien im Jahre 1373, hieß„L'Aube"(Morgendämmerung) und stellte in lebensgroßen Figuren einige Arbeiter dar. die auf dem Wege zu ihrem Tagewerk einem vom Ball kommenden Wüst- ling begegnen. ES hängt heute im Brüsseler Museum, und man be- greift bei seinem Anblick nicht, ivie dieser rohe und knallige Seusationsschinken in der Entwickelungsgeschichte der belgischen Malerei hat Epoche machen können. Auch die auf unserer Slus- stellung vorhandenen Gemälde„Ciree" und„Der Fechtmeister" geben von dem Streben und Können Hermans' keinen sonderlich hohen Begriff. Als direkter Nachahmer Manets begann seinerzeit James E n s o r, von dem wir hier ein nichtssagendes Stilleben und einige feine Radie- rungen— darunter ein phantastisches Spukbild und ein sehr lebendiges Herrenporträt— sehen. Den Uebergang von der Manet- schule zum Stil der Allermodernsten bezeichnet das Schaffen des hochbegabten, leider schon in jungen Jochren verstorbenen Henri Evenepoel, dessen Bedeutung erst nach seinem Tode recht verstanden und anerkannt worden ist. ES war ihm nicht vergönnt; sich zu steier, selbständiger Meisterschaft vollkommen durchzuringen. In seinen Arbeiten lasten sich mühelos die Einflüsse der verschieden- artigsten Meister und Richtungen nachweisen. Die Flaschen und Gläier aufseinem„BildniSeineS Chemikers" könnte Eezanue, die Pariser Nachtrafoszene„Le Caveau du Soleü ck'or� mit ihren seltsam ge- buchteten Konturen und herb karikierten Typen Toulouse-Lautrec gemalt haben. Evenepoel schwankt zwischen naturalistischem Impressionismus und dekorativem Plakatstil. Er stellt die Gegen- stände teils plastisch von Lust und Licht umflossen dar. teils gibt et sie unter starker Betonung der Silhouetten alö bloße farbige Flächen wieder. Die'e Stillosigkeit wirkt besonders störend in dem Chemikerporträt, das sonst wegen der kühnen und meisterhaften Farbengebung— man beachte den hellroten Tischvorhang, die bordeauxrote Krawatte, das Zitronengelbe Buch und daS mattbioletts Lesezeichen Bewunderung verdient. Im allgemeinen haben die jungen belgischen Maler aber dem von ihnen übernommenen Kunsistil der modernen Franzosen ihren eigenen nationalen Stempel aufgedrückt. Ihnen fehlt meist die romanische Grazie und der elegame gallische Esprit. Eine gewisse behagliche Ruhe und kräftige Derbheit ist ihnen eigen. Jan Stobbaerts malt enge, halbdunkle Stallinterieurs, in denen man den Geruch des warmen Düngers zu spüren meint. Albert Baertsoen gibt in seinem bekannten Gemälde„Dämmerstunde in einem flandrischen Städtchen" ein wunderbares Stimmungsbild kleinstädtischen Abendfriedens. Auf den roten Dächern der niedrigen. weißgelünchten Häuser spielt daS warme Licht der niedergehenden Sonne, während unten der weite, fast menschenleere Marktplatz schon in kühlem, bläulichem Dämmerschatten liegt. Jacob Smits wählt die denkbar anspruchslosesten Motive—„Die weifte Kuh"; „Die Frau am Fenster";„Goldiger Abend"—, weift aber seinen Gemälden durch die herbe Kraft des körnigen Farben- auftrags und die eindrucksvolle Schlichtheit der Linien- spräche einen Zug von Monumentalität zu geben, der teils an Millet, teils an Segantini erinnert, aber daneben die ganz persönliche Note des Künstlers nicht verkennen läftt. Typen russischer Auswanderer stellt Charles Viktor Hage- mann auf einer kräftigen, mit Pastell durchsetzten Zeichnung dar: müde, frierende Weiber, deren mit dicken Tüchern bewickelte Köpfe den charakteristischen blöden und stumpfen Ausdruck zeigen; das Ganze wirkt, trotz der zahlreichen Einzelfiguren, als eine einheitliche schwere Masse. Von Alexander StruyS, dem genialen Schilderer modernen Proletarierelends, zeigt die Ausstellung seit- samerweise nur ein einfaches Stilleben, da§ zwar die technische Bravour und koloristische Feinheit des Künstlers ahnen läftt, von seiner überragenden Bedeutung innerhalb der zeitgenössischen belgischen Malerei aber keinen Begriff gibt. Ueberhaupt ist es ebenso merk- würdig wie bedauerlich, daft die Da'rstellungen aus dem modernen Arbeiterleben, an denen gerade die belgische Kunst so reich ist wie keine zweite, aus dieser Ausstellung fast ganz fehlen. Fürchteten etwa die Arrangeure, die sich bei ihrem Unternehmen der hohen Protektion der deutschen Reichsregierung und des preuftischen Kultus- Ministeriums erstellten, durch diese nicht immer sehr rücksichtsvollen Darstellungen nach oben hin Anstoft zu erregen? In Belgien frei- lich sieht man die zu diesem Stoffgebiet gehörenden Gemälde von Charles de Groux, der ans unserer Ausstellung gar nicht, und von Leon Frederic, der mit ein paar wenig charakteristischen Werken vertreten ist, in den königlichen Galerien i von Brüssel und Antwerpen— in Deutschland, der frommen Kinder- stube, trägt man offenbar Bedenken, dergleichen zu präsentieren. Innerhalb der modernen belgischen Malerei nimmt die viel- umstrittene Kunstrichtung des sogenannten PointilliSmuS, der die reinen Farben in einzelne» Tüpfeln neben einander auf die Leinwand setzt und die Mischung erst im Auge des Beschauers sich vollziehen läftt, eine besonders wichtige Stellung ein. Die all- gemeine Anwendbarkeit seiner Technik ist noch immer nicht erwiesen und die meisten seiner Schöpfungen machen mehr den Eindruck geist- reicher Experimente als fertiger Kunstwerke. Indessen gehören der Richtung mehrere belgische Maler allerersten Ranges an— ich nenne nur Emil Claus und Theo vomRysselberghe—, von denen unsere Ausstellung einige vortreffliche Arbeiten zeigt. In Frankreich hat der PointilliSmuS namentlich bei groften dekorativen Wandmalereien eine oft sehr glückliche Verwendung gefunden, in Belgien dagegen scheint man ihn für diese Zwecke nicht gebrauchen zu können. Was wir hier von Entwürfen und ausgeführten monumentalen Dekorationen sehen—„Der koloniale Aufschwung" von Emil Fabry,„Sacra snb ardors" von Eon st antin Montald,„Die Schule des Plato" von Delville,„Die Frauen" von Albert Ciamberlani— ist teils fade und füftlich, teils theatralisch-bombastisch, teils akademisch-langweilig. Trotzdem darf man nicht glauben, in der belgischen Malerei herrsche ausschlieftlich ein derber und nüchterner Naturalismus. Belgien ist nicht nur eines der ersten und modernsten Industrie- känder der Welt, ein Land der rastlosen Arbeit und des lärmenden Kampfes ums Dasein: eS ist auch die Heimat der füllen Grachten und träumenden Beguinenhöfe. Die modernste Gegenwart tritt uns hier mit robuster Nüchternheit entgegen und zugleich umweht uns noch lebendig der Hauch längstvergangener Zeiten. Dieser Zug Welt- flüchtiger Romantik findet auch in der belgischen Malerei seinen Susdruck. Die zarte Kunst eines Fernand Khnopff zaubert UNS die sanften, schattenhaften Gestalten paradiesischer Traumländer vor Augen, CourtenS und D e l a u n a i S schildern die Maeter- linck-Stimmungen in den schweigenden Klöstern und kühlen, einsamen Äirchenhallen der alten flandrischen Städte. Und selbst da, wo die Mottve dem realen Leben der Gegenwart entnommen sind, bekommt die Darstellung häufig einen Zug des Phantastischen und Gespenster- haften. DaS ist der Fall bei dem seltsamen Eugen Laer- manS—„Der Betrunkene" und„Der Blinde"—, der sich in Farbe und Linie die primitive AuSdrncksweise dcS älteren Breughel zu eigen gemacht hat, und zum Teil auch bei Felicien RopS, dem diabolischen Satiriker und grotesken Symbolisten. Ueber die moderne belgische Plastik wäre manches zu sagen, aber die Ausstellung bietet dazu leider nicht die geringste Handhabe. Die Auswahl der Kunstwerke hing offenbar lediglich vom Zufall ab, Berantw. Redakteur: Georg Davidsohn. Berlin.— Druck u. Verlag: und ein leitendes Prinzip wäre nur etwa darin zu erblicken, daß man auch hier die für die belgische Kunst so charakteristischen Dar- stelluugen aus dem Proletarierleben nach Möglichkeit ausgeschlossen bat. Eon st antin Meunier, von dem auch einige imeresiante Gemälde zu sehen sind, ist als Bildhauer lediglich mit dem Gips- modell zu seiner bekannten Gruppe„Das Schlagwetter" seine Mutter findet den Leichnam ihres vom Grubengas getöteten Sohnes) ver- treten, das keinen Begriff von der Wirkung des fertigen Werkes geben kann, da die Schatten und Lichtreflexe hier, im beschmutzten Gips, natürlich ganz anders erscheinen als in der dunkeln und glatten Bronze. Von Georg Mnne, der neben Meunier als die stärkste und eigenartigste Individualität in der modernen belgischen Plastik gilt, ist überhaupt nichts vorhanden, und wenn man die über die einzelnen Zimmer verstreuten Statuen, Büsten und Statuetten von Lagae, Dubais, Rousseau und van der Stappen sieht, so ahnt man nicht, welche Stellung im Kunstschaffen der europäischen Völker die Bildhauerei Belgiens heute einnimmt. Ein einziges groftes Meisterwerk enthält die plasfische Abteilung: es ist die dem Antwerpener Museum gehörige Bronzegruppe„Der Kuft" von Jef Lambeaux, dem in diesem Frühjahr verstorbenen Meister. Zwei wundervolle, jugendliche Akte: ein Jüngling, der im Lauf ein Mädchen eingeholt hat und der scherzhaft sich Sträubenden einen Kuft zu rauben sucht. Die rasche und komplizierte Bewegung der beiden Figuren ist brillant gesehen und mit aufterordentlichem Temperament und zugleich weise abwägendem Kunstverstand fest- gehalten. Es gibt keinen Punkt, von dem aus gesehen die Gruppe nicht als ein in sich geschlossenes Bild erscheint und von dem auS das Bild nicht in allen Details völlig klar und deutlich ist. Wer an einem in jeder Hinsicht vollendeten Werke das Wesen der Plastik studieren will, der vertiefe sich in diese herrliche Arbeit. Im übrigen kann ich nur sagen, daft ein flüchtiger Spaziergang durch die statuen- geschmückten Terrassenanlagen des Brüsseler Botanischen Gartens einen gründlicheren und umfassenderen Begriff von dem eigenartigen Charakter und der hohen Bedeutung der modernen belgischen Plastik gibt, als die Ausstellung im Sezessionshause. John Schikowski. kleines feuitteton. Verkehrstvcfen. Der Nord- Süd- Kanal in den vereinigten Staaten. In Deutschland wird die Erschließung von Wasser- wegen, die für den Transport der Wassergüter und damit für die wirtschaftliche Entivickelung von entscheidender Bedeutung sind, durch die preußischen Agrarier künstlich hintangehalten. Die ge- plante Verbindung des Westens mit dem Osten ist ausgegeben, die projektierte Kanalabgabe bedroht unser ganzes Kanalsystem. Andere Länder bieten inzwischen alles auf, um ihren landwirtschaftlichen und industriellen Produkten den billigen Wasserweg zu schaffen. Ein große? Projekt— der Bau eines Nord-Süd-Kanals— nimmt da? Interesse der Amerikaner neben dem Bau des Panamakanals gegenwärtig lebhaft in Anspruch. Es handelt sich in diesem Falle um die Verbindung der„Großen Seen" mit dem Golf von Mexiko, unter Benutzung des Mississippiflusses. Durch die Schaffung dieser neuen Verbindungsstrafte würde der äußerste Norden der Ver- einigten Staaten mit dem äußersten Süden des Landes auf dem billigen Wasserwege verbunden werden, und hieraus ergibt sich die große wirtschaftliche Bedeutung des Kanals. Handelt es sich doch, wie PromeiheuS nach der„Zeitschrift für Binnenschiffahrt"(Heft S, 1W8) mitteilt, uni die weitere wirtschaftliche Erschließung der Mississippi-Staaten, deren jährliche Produktion sich gegenwärtig auf IV Milliarden Dollar Wert beziffert, während 4v Prozent dieser Länder unter den unzureichenden Absatzmöglichkeiten leiden, sodaft hier eine umfassende Ausbeutung der Bodenschätze kaum in An- griff genommen ist. DaS Tal deS Misfissippi weist nicht weniger alS IS VVV englische Meilen Stromläufe auf; zur Herstellung einer unmittelbaren Wasserverbindung von Chicago nach New Orleans wären fünf Kanalstrecken zu bauen, von denen ein Teil, von Chicago nach Joliet, bereits von der Stadt Chicago unter Aufwendung von 55 Mill. Dollar fertiggestellt worden ist. Für die noch übrig bleibenden Strecken sind die Gesamtkosten auf 125 Mill. Dollar berechnet. Diese Summe ist in einer Forderung von 5VV Mill. Dollar flir den Ausbau neuer Wafferstraften enthalten, die dem Parlament der Vereinigten Staaten zur Genehmigung unterbreitet wurde. Die obengenannte Zeitschrift äuftert sich über den Wert des Nord- Süd- Kanals wte folgt:„Zweifellos wird dieser Kanal gebaut werden, und seine Rückwirkung auf Industrie und Landwirtschaft ist kaum auszumalen. Man wird die Kohle aus Pennsylvanien billig Tausende von Meilen über Ohio auf dem Misfissippi verschiffen können und damit Industrien dort anpflanzen können, wo sie lohnend erscheinen. Am fühlbarsten wird sich die Leistungsfähigkeit dieser amerikanischen Riesenkanäle in dem deutschen Ausfuhrhandel nach Südamerika und dem fernen Osten machen; Stahl aus Pittsburg, Getreide aus Iowa und Maschinen aus Chicago werden dann nach irgend einem Lande der Welt genau so billig befördert werden können, als wenn diese Städte und Staaten am Ozean lägen." Vorwärts Buchdruckcrei u.Verlugsanstalt Paul Singer LcCo..Berlin LiV.