NnterhalllmgMatt des HorwSrts Nr. 207. Sonnabend den 24 Oktober. 190» (Nachdruck errdsten.) 18J Hndrcas Vöft Bauernroman von Ludwig Thoma. Der Geitner war nie ein guter Hauser und nie ein richtiger Mann gewesen. Er hatte sein Gütl schuldenfrei vom Vater übernommen: seine Frau, eine Kistlertochter von Webling brachte Bargeld in die Ehe. vielleicht vierlausend Mark. Und so hätte er ein leichtes Machen gehabt, denn das Giitl war nicht schlecht. Es waren zweiunddreißig Tagwerk Acker und Wiesen dabei und elf Tagwerk Wald, darunter vier mit schlagbarem Holz. Aber vom ersten Tag an war es nichts mit ihm. Er hatte keine Freude an der Arbeit und auch keinen Verstand dazu. Das Beste an ihm war sein Mundwerk. Mit dem konnte er gut vorwärts. Er wußte von jedem im Dorfe, wie er seine Sache besser machen könne, und verwaltete alles, was ihn nicht anging. Zu allen Tageszeiten war er im Wirtshaus zu treffen, und kein Weg verdroß ihn, wenn in der Gegend ein Preis- kegeln ivar oder ein scharfer Tarock. Mitunter kam es über ihn, daß er sein Gütl in die Höhe bringen wollte, um den Erlbachcrn zu zeigen, wie man die Oekonomie treiben müsse. Dann schaffte er die neueste Maschine an oder kaufte ein teures Roß oder probierte es mit neumodischen Erfindungen, die in landwirtschaftlichen Büchern gepriesen werden. In solchen Zeiten saß er noch einmal so gerne im Wirts- haus und rühmte sich vor den Leuten, daß er eine neue Acra auftun wolle in Erlbach. Lange blieb er nicht bei dem Eifer: über eines kurze Weile war die neueste Maschine von ihm billig zu haben, das teure Roß dazu, der Chilisglpeter lag unbenutzt hinten in der Scheune, und der Sieg der Neuzeit wurde hinausge- schoben. Der Geitner warf wieder die Kegel um, sechs auf einen Schub, wenn es schlecht ging, und wartete mit der Schellenaß auf den Zehner. Es war leicht zu glauben, daß bei einem solchen Hau- tieren kein Gedeihen sein konnte. Zuerst ging das'Bargeld der Frau auf Reisen: hinter- drein mußte wie bei allen schlechten Wirten der Wald daran glauben, und als der letzte Stamm zu Brettern geschnitten war, ging das Borgen an. Zu Anfang war.es nicht schwierig. Die ersten zwei Hypotheken waren schnell unter Dach, aber für die dritte brauchte es schon Zeit und Ueberredung. Damals hätte der Schuller Gelegenheit gehabt, einen dankbaren Schuldner zu finden. Aber es fehlte ihm der rechte Blick für den Vorteil: er sagte zum Geitner, bloß Narren borgen einem Spieler, und es sei zweimal eine Schande für einen verheirateten Mann, wenn er mit ledigen Burschen und Knechten auf der Kegelbahn herumstehe. Der Geitner ließ als ein nobler Mensch keinen Verdruß über die Abweisung sehen: aber sie wurmte ihn. und er faßte einen Groll gegen den Mann, der ihm kern Geld, aber gute Lehren mit heimgeben wollte. Er gab es wohl nicht zu erkennen und blieb angenehm nach wie vor. Denn er mochte das laute Wcl-n und Zank und Streit nicht leiden. Im stillen aber rüstete er zum Kampfe, und bei der Wahl erwies er sich als nützliches Werkzeug der Kirche. Und er verweigerte seine Diensie auch jetzt nicht, als ihm Baustätter den neuen Auftrag erteilte. Wenige Tage später ging'n seltsame Reden über den Schuller um. Niemand wußte so recht, was und wie, und niemand wußte, woher. Aber die Ungewißheit mochte bas Gerücht nicht kleiner: es wuchs von einer Türe zur anderen und die letzte Nachbarin bekam es grausamer aufgetischt, al? die vorletzte. Eines wiederholte sich sinmev: daß es der alte Pfarrer schriftlich gemacht habe, wie schlecht der Schuller sei. Das Gerede blieb nicht unter den Weibern. Die Männer, denen es mit der Suppe auf den Tisch ge- stellt und des Abends aufgewärmt wurde, konnten es nicht beiseite schieben. Der Schuller selbst blieb kalt und sagte, daß er nicht den Finger rühre gegen die dummen Lügen. Er ließ sich auch durch den Haberlschncidcr nicht irr? machen. „Wen soll i denn verklagen?" fragte er.„Vielleicht de alt'n Weiber von Erlbach?" „Ganz guat sei lassen, dös sell ko'st aa net." „Warum it? Dös woaß do a jeder, daß i mein' Vater net mißhandelt Hab'. Na, über dös G'red ärger' i mi gar net. weil's z' dumm is!" „I Hab' heut' mit'n Blasibauern g'red't. Er sagt do? nämliche, wia'n i. Dös is an abg'machter Handel.'' „An alter Weibertratsch is', sinscht nix." „Mir kimmt's it so vor. Wann's bloß a Tratscherei waar, nacha hätt'n mir scho länger was g'hört.'' „Döt» ko'n aa scho länger umgeh'." „Na: mei Bäuerin sagt, dös is aufganga wia Pulver Früher hat ma koa Silben net g'hört davo'." „Was moanst nacha Du?" „I gang schnurg'rad in Pfarrhof und fraget, was dös is mit dem Schreiben von Herrn Held." „Dös woaß i z'erscht, daß dös nix is." „I fraget do." „I geh' nimmer in Pfarrhof, Haberlschneider. Und überHaupts, wann i jetzt auf oamal kam, nacha kunnt's der Pfarrer so außabringa, als wenn i a schlecht's G'wifsen hätt'." Der Haberlschncider wollte nichts mehr daivider sagen unk ging. Das war an einem Samstag. Schon den Tag daraus hatte die Sache ein anderes Gesicht. Der Paulimann ging nach der Kirche ins Wirtshaus und trank sich einen Rausch an. Er war sonst ein stiller. wortkarger Mensch und fleißig bei der Arbeit. Aber»venu er ein Glas über den Durst getrunken hatte, wurde ei lebendig. Er fing dann mit jedem Gaste Streit an und rückte allen Leuten ihre Sünden vor. Obwohl er ein ange- scheuer Bauer war, geschah es ihm oft, daß er Schläge bekam und hinausgeworfen wurde. An dem Sonntag hatte er schon drei oder vier Leuten die Freude am Essen und Trinken genommen und wollt» gerade über einen fünften herfallen, als er den Schuhwölsl sah, einen Schwager vom Schüller. Er saß am Nebentisch beim Haberlschncider. SBie> ihr der Paulimann sah, schrie er hinüber, ob er ihm das vierw Gebot Gottes nicht sagen könne. Er bitte gar schön, daß er ihm das vierte Gebot hersage: er könne sich nicht mehr daraus besinnen. Als der Schuhwölfl keine Antwort gab. fragte er, ol es nicht so heiße:„Ehre Vater und Mutter, auf daß du lange lebest auf Erden." „Paulimann. laß guat seil" sagte der Haberlschncider. „Warum denn? I sag' ja nix Unrecht's. I mächt' g'rad wissen, ob's dös vierte Gebot no gibt." „An Nuah gib!" „Ehre Vater und Mutter. I glaab, so hamm's mi» g'lcrnt. aber bei'n Schuller hoaßt's anders." „Du brauchst wieder amal Schlag', gel', Paulimann?" schrie der Schuhwölfl. „Na, jetzt no net. I wart, bis mei Bua groß gnua is, daß er nii schlag'n ko." Der Schuhwölsl sprang auf. „Bischt Du der Tropf, der ganz ausg'schamtc, der de Lug ausg'sprengt hat?" „I sag' bloß, was d' Lcut' sag'n." „Und beweisen muaßt os Du!" „Geh zu Dein' Nachbar." schrie der Paulimann, ,M Hierangl hat's schriftli g'sehg'n." � „So, is der aa dabei? Dös is g'schndt, daß Du doS sagst. Jetzt derwisch'n mir enk amal. Du... Du ganz schlechter!" „Net so schlecht als wia'r ös! Bei unS iS dos net der Brauch, daß ma sein Vater'n haut." ».Maßt Du bo§? „Io, woaß i'S." „Nacha kennst Du doS aa?" schrie der Schuhwölfl und schlug dem Paulimann ins Gesicht. Der sprang in die Höhe und hieb mit der Faust zurück. Es wäre dem Paulimann wieder einmal schlecht gegangen. denn der Schuhwölfl war ein starker Mensch und nüchtern. Aber da mischte sich ein anderer ein und half ihm. Und der war noch dazu der beste Freund vom Schüller. Der Haberl- schneider zog den Schuhwölfl zurück und sagte ruhig:..Mit Schlagen werd die Sach' it besser. De wcrd wo anders vusg'macht." Der Schuhwölfl ließ ab und setzte sich wieder auf seinen Platz. Aber der Paulimann glaubte, daß er einen HU'- reichen Freund gefunden habe, und schöpfte neuen Mut. Cr schlug mit der Faust aus den Tisch und schrie, so laut er konnte:„Und dös vierte Gebot, dös laß i amal net aus. Da ko kemma, wer mag, dös is mir ganz gleich. Dös vierte Gebot Gottes, dös muaß Herl Ehre Vater und Mutter, daß du lange lebest auf Erden I" Ter Schuller ließ zwei Tage später den Paulimann und den Hierangl vorladen. Beim Wirt im Nebenzimmer war der Sühneversucy-, der frühere Bürgermeister Kloiber, welcher jebt zum Beige- ordneten gewählt war, leitete ihn. und der Lehrer Stegmüller führte das Protokoll. Die Parteien waren anwesend. Der Schuller stand hart neben dem Tische, auf dem Stegmüller schrieb. Er zeigte keine Aufregung und keinen Zorn. Auch der Hierangl machte ein gleichgültiges Gesicht. Man hätte meinen können, daß er bloß zufällig da sei. «lid daß ihn die amtliche Handlung nichts anginge (Lortsctzung folgt.) (Nachdruck verdoten.) v, Die Kofaken. Von Leo Tolstoi Mutter Ulitka, die Frau des Fähnrichs und Schullehrers. ist. wie die anderen, vor das Tor ihres Hauses getreten. Sie er- wartet das Vieh, das ihr Mädchen Marianka auf der Straße heran- treibt. Sie hat kaum den Zaun öffncn können, als eine riesige Büffelkuh, von Mücken umschwärmt, brüllend durch daS Tor bricht; ihr folgen langsam die satten Kühe, die mit ihren großen Augen der Hausherr!» ihre Huldigung darzubringen scheinen und sich gleichmäßig mit den Schwänzen die Hüsten schlagen. Die schlanke. hübsche Marianka kommt zum Tor l>erein. Sie wirst ihre Rute fort, schließt den Zaun und jagt ausgelassen das Vieh auseinander »n den Hof hinein. Zieh das Schuhzeug aus. Teufelsmädel, rust die Mutter, Deine TschuwjakS sind ganz abgetreten. Marianka fühlt sich keineswegs durch den Beinamen„Teufelsmädel" gekränkt, sie nimmt diese Worte als eine Liebkosung hin und setzt fröhlich ihre Arbeit fort. Mariankaö Gesicht steckt in einem Kopftuch, sie trägt ein rosa Hemd und ein grünes Beschmet. Sie verschwindet hinter dem Schuppen des HofcS, indem sie dem fetten, kräftigen Vieh folgt, und aus dem Stall ettönt ihre Stimme, wie sie zärt- lich der Büffelkuh zuredet:„Kannst nicht ruhig stehen! Ach. so stehe doch. Herzchen I...." Bald geht das Mädchen mit der Alten aus dem Stall in die Milchkammer, und beide tragen zwei große Töpfe Milch— den Ertrag des heutigen Tages. Aus dem irdenen Schornstein steigt bald der Rauch des Kuhmists auf; oie Milch wird zu Rahm verarbeitet; das Mädchen schürt das Feuer, die Alte geht vor das Tor. Schon lagert die Dämmerung über dem Dorfe. Die Luft ist ganz von dein Geruch des Gemüses, des Viehs und dem duftigen Rauche des Kuhmists erfüllt. An den Toren und aus den Straßen rennen Kosakcnweiber hin und her und tragen in den Händen brennende Lappen. Auf dem Hose hört man daö Keuchen und das ruhige Wiederkäuen des arbeitslosen Viehes, nur die Stimmen von Frauen und Kindern unterhalten sich aus dem Hofe und in den Straßen. An Wochentagen hört man manchmal, wenn auch selten, die trunkene Stimme eines ManncS. Eine von den Kosakinnen, eine alte, hochgewachsene Frau von männlichem Aussehen, kommt vcm dem gegenüberliegenden Gehöfte an Frau Ulitka heran und bittet um Feuer; sie hat einen Läppen in der Hand. Run, Mutter, fertig? sagt sie. Das Mädchen heizt.' Braucht Ihr Feuer? sagt Mutter Illitka, stolz darauf, einen Dienst e'wcisen zu können. Tie beiden Kosakcnfrauen gehe», ins Haus hinein; ihre groben Hände, nicht gewohnt, mit kleinen Gegenständen zu hantieren, reißen zitternd den Deckel von der kostbaren Schachtel mit Streich- hölzern herab, die im Kaukasus eine Seltenheit sind. Die fremde Kosakcnfrau mit dem männlichen Aussehen läßt sich auf die Baak Nieder. Sie hat offenbar die Absicht zu plaudern. Deiner ist Ivohl in der Schule. Mutter? fKgt die Fremde. Immer unterrichtet er die Kinder, Mutter. Er hat geschriebett« daß er zu den Feiertagen kommt, sagt die Fähnrichsfrau. Er ist wirklich ein gescheiter Mensch; hat alles seinen Nutzen. Gewiß,'s hat seinen Nutzen. Und mein Lukaschka ist an der Grenzwache und darf nicht nach Hause, sagt die Fremde, obgleich die Fähnrichsfrau das längst weiß. Sie hat das Beoürfnis. über ihren Lukaschka zu sprechen, der eben erst zu den Kosaken gegangen ist. und den sie gern mit Mariana, der Tochter des Fähnrichs, verheiraten möchte Und immer liegt er in der Grenzwache? Ja, Mutter, fett den Feiertagen ist er nicht hier gewesen. In diesen Tagen habe ich ihm durch Fomuschkin Hemden geschickt. Er sagt, es geht ihm gut, oie Vorgesetzten sind mit ihm zufrieden. Sie sind wieder auf der Suche nach Abrckcn. Lukaschka, sagt er, ist heiteren und frohen Muts. Nun, Gott sei Dank, sagt die Fähnrichsfrau, ein Reißer, mit einem Wort. Lukaschka hatte den Beinamen„der Reißer" wegen seiner Kühnheit, weil er ein Kosakenkind aus dem Wasser gezogen, den Wellen entrissen- hatte, und die Fähnrichsfrau erinnerte oaran. um ihrerseits Lukaschkas Mutter etwas Angenehmes zu sagen. Ich danke Gott, Mutter, ein guter Sobn; ein tüchnger Junge, alle loben ihn, sagt LukascbkaS Mritter. Wenn ich ihn erst der-, heiratet hätte, würde ich ruhig sterben. Nun, keblt es etwa an Mädchen im Dorfe? antwortet die schlaue Fähnrichsfrau, indem sie sorgfältig mit ihrer rauhen Hand den Deckel auf die Streichholzschachtel schiebt. Genug. Mutter, genug, bemerkt Lukaschkas Mutter und wiegt den Kopf hin und her. aber Dein Mädchen, die Marianuschka, das nenne tch ein Mädchen. So eine findet man im ganzen Dorf nicht wieder. Die Jähnrichsfrau weiß, welche Absichten Lukaschkas Mutter bat, und obgleich sie Lukasckika für einen tüchtigen Kosaken hält, weicht sie doch diesem Gespräche aus, erstens weil sie Fähnrichs- frau und reich, Lukaschka aber der Sohn eines einsacken Kosaken und ein Waisenkind ist; zweitens weil sie sich nicht sobald von ihrer Tockter trennen möchte; hauptsächlich aber, weil der Anstand daS erfordert. Nun, wenn Marianuschka heranwächst, wird sie auch ein präch- tigcs Mädchen sein— sagt sie zurückhaltend und bescheiden. Dann schicke ick die Freiwerber, ja, ich schicke sie, wenn wir erst die Gärten bestellt haben, dann kommen wir und machen Dir unsere Ankwartung, sagt Lukaschkas Mutter, dann machen wir Jlja Wassiljewitsch unsere Aufwartung. Wozu Jlja? sagt die Fähnrichsfrau stolz, mit mir müßt Ihr reden. Konimt Zeit, kommt Rat.. Lukaschkas Mutter liest in den strengen Zügen der Fähnrichs- krau, daß es nicht ratsam sei, das Gespräch fortzusetzen. Sie zündet mit einem Streichholz den Lappen an, erhebt sich von ihrem Platze und sagt: Vergiß nickt. Mutter, gedenke dieser Worte. Ich gehe, ich mutz einheizen, fügte sie hinzu. Während sie über die Straße geht und mit gestrecktem Arm den glimmenden Lappen schwenkt, kommt ihr Mariana entgegen und begrüßt sie. „Hübsch wie eine Fürstin, und eine Arbeiterin ist das Mäd, ckenk denkt sie, während sie ihre Schönheit bewundert.— Wozu soll die noch wack-sen? Es ist Zeit, daß sie heiratet und st» ein gutes Haus, Lukaschka muß sie heiraten. Mutter Ulttka aber hat ihre eigenen Gedanken; sie ist auf dev Sckwelle sitzen geblieben und sitzt da, in ernstes Nachsinnen»er-, funken, bis ihre Tochter sie ruft. s. Die männliche Bevölkerung des Dorfes bringt ihr Leben auf Kriegszügen, auf den Grenzwachen ooer, wie es die Kosaken nennen, Posten- zu. Lukaschka oer Reißer, eben der, von dem die Frauen im Torfe gesprochen hatten, stand gegen Abend auf dem Wachturme des Postens von Nischnc-Protozk. Der Posten von Nischne-Protozk lag unmittelbar am Ufer des Terek. Er hatte sich an das Geländer deS Turmes gelehnt und schaute mit gerunzelter Sttrn hinaus in die Ferne jenseit des Terek und hinunter zu den Kameraden und plauderte von Zeit zu Zeit mit ihnen. Die Sonne näherte sich schon, dem Schneegipfcl, der über den krausen Wolken weiß glänzend hervorschimmerte. Die Wolken, die am Fuße deS Berges lagerten, nahmen immer dunklere Sckattcn an, die Abend- luft war klar und durchsicktig. Aus dem dickten Urwald webte es frisch herüber. Bei dem Posten aber war es noch heiß. Die Stim- men der Kosaken hallten, von der Luft getragen, klangvoll wider, der braune, reißende Terek hob sich mit seiner ganzen, bcwealickien Fülle scharf von den unbeweglichen Ufern ab. Er war im Fallen. und hie und da schimmerte an den Ufern und auf Sandbänken dunkler Sand hindurch. Am jenseitigen User, gerade gegenüber der Grenzwache, war alles öde; nur niedriges Stevpenschilf zog sich endlos bis an die Berge hin. Ein wenig seitwärts sah man an dem niedrigen User die Lehmhütten, die flachen Dächer und die trichterförmigen Sckornsteine eines Tschctschenzen-Auls. Dia sckarfcn Augen des Kosaken, der auf dem Turme stand, verfolgten durck den Abcndrauch des friedlickcn Dorkes die schwankenden Gestalten der in weiter Ferne sichtbaren Tschctschenzenfrauen st» ihren blauen und roten Kleidern. (Fortsetzung folgt.1 Vas Odirtfchaftgleben der alten Germanen. in. Zu Casars Zeilen erschien die Völkerschaft alS einzige G r u n de i gen t ü m e r i n; die Sippe hatte den korporativen Nießbrauch an den ihr aus Jahresfrist geliehenen Grundstücken. Hansien vermutet, daß die Bestellung und die Ernte durch die Glieder der Sippe gemeinsam erledigt, der Ertrag aber an die einzelnen Familien der Sippe verteilt worden sei. Diese Wirt- schaftsform ist übrigens noch für das 14. Jahrhundert in Wales nachgewiesen. In taciteischcr Zeit aber gab es anders wie zu Casars eilen feste Wohnungen. Diese Wohnungen sind als feste entren der einzelnen Familien aufzufasien, die das Wohnhaus und die Wirtschaftsgebäude umfaffcnde Hofstätte ist zweifellos als die erste Form des individualisierten Eigentums bei den Germanen zu betrachten: sie war Eigentum der Familie, der Haushaltung. In der Einzelfamilie haben wir die Gruppe zu erkennen, die in taciteischcr Zeit als Inhaberin der jährlich wechselnden Nutzungs- flächen erscheint. Als Eigentümerin des Bodens aber dürfte in taciteischcr Zeit wohl kaum mehr die Bölkerschast, sondern die Sippe aufgetreten sein. Sie ist die„Gesamtzahl" — die Gesamtzahl nämlich mehrerer untereinander Verwandtschaft- lich verbundener Einzelfamilien. Die Sippe ist im allgemeinen identisch mit der taciteischen Dorfgemeinde. Es ist jedoch nicht ausgeschlosicn, daß sich in einem Dorfe mehrere Sippen vereinigten. Nicht unmöglich ist es schließlich, daß die einzelne Feldgenosienschaft nicht bloß ein Sippendorf, sondern mehrere Sippendörfer umfaßte. Eines müsien wir noch herausheben: die germanische Agrarver- fasiung war in der Zeit des Cäsar und des Tacitus wohl durchaus sozialistisch, aber nicht absolut demokratisch. Tacitus hat bei den Germanen Ackerlose von verschiedener Größe vorgefunden, die »nach dem Rang" verteilt worden sind. Es gab, wie von Cäsar und auch anderweitig von Tacitus bezeugt wird, in altgcrmanischcr Zeit einen Verdienstade 1. Man wird mit Lamprecht die Größe eines Familienanteils, der, wie wir sehen werden, in allen Gewannen der Markgenosien- schaft zerstreut lag, auf 3l> bis 40 Morgen ansetzen. Der„Morgen" war das Maß einer Fläche, die man in einem Arbeitsmorgen be° stellen konnte. Der Anteil der Familie hieß die„Hufe". Um das Bild der altgermanischen Agrarverfasiung vollends zu erklären, müssen wir die administrative und soziale Gliederung der germanischen Volksstämme etwas genauer betrachten. Karl Lamprecht Hält dafür, daß die Feld- oder Mark- genosienschaft ursprünglich mit dem militärischen Aushebungs- bezirk, der Hundertschaft oder Cent, gleichbedeutend gewesen sei und daß der Hundertschaft, die Tacitus in der Schilderung der germanischen Kriegsverfasiung als die niederste taktische Einheit des germanischen Heeres') bezeichnet,„ein genealogisches Ferment Zugrunde lag". In seiner Wirtschaftsgeschichte des Mosellandes schätzt Lambrecht für kultivierte Gegenden den Ansiedelungsbczirk der Hundertschaft oder Feldgenosienschaft auf 1 bis 2 Geviert- rncilcn. Aber was ist eine Hundertschaft? Ist sie wirklich, wie Tacihis sagt, eine militärische Formation von„je hundert aus einem Gau?" Und was ist der Gau? Je mehr man in diese Dinge hineindringt, je weiter man in der germanischen Verfasiungsgeschichte herabsteigt, desto mehr wankt die technische Festigkeit dieser Rcck;ts- begriffe. Es kann nickt-die Aufgabe einer populären Studie sein, in diese Diskussionen hineinzuführen; genug, wenn der Leser von der Unsicherheit der Dinge einen ungefähren Begriff bekommt. Historiker, die aus der karolingischen und merowingischen Periode rückwärts schreiten, erklären die Hundertschaft alS einen Verband von 1 oder 120 Familie n.') Der genealogische und militärische Ursprung der Hundertschaft, die der germanischen Agrarfaffung als Trägerin des Eigentums an der bebauten Flur insofern zugrunde lag, als sie mit der Geschlechts- und Markgenossenschaft identisch war, ist jedenfalls außer Zweifel. Auch der G a u scheint ursprünglich grundsätz- l i ch mit der Markgenossenschaft und Cent gleichbedeutend gewesen zu sein. Bei besonders großen Völkerschaften, bei kleinen Ge- schlechtsgenossenschaftcn mochte ein Gau freilich auch mehrere Hundertschaften umfassen. Außer der bebauten Feldslur, die zur Auslosung in schmale Streifen eingeteilt wurde, besaßen die Feldgenossenschaften inner- halb ihrer Gemarkung große Flächen nicht aufgeteilten Landes. Dies nicht aufgeteilte Land hieß die Allmende; dies Wort bedeutet soviel wie allgemeines Eigentum und hängt mit dem Wort„allgemein" etymologisch zusammen. Wenn Tacitus auch von der Allmende nicht berichtet, so haben wir doch bis in die jüngste Vergangenheit, ja bis in die Gegenwart Bei- spiele des Bestandes der Gemcindeallmendc gehabt, die bcispiels- weise in Altpreutzen erst durch das Gcmciuheitstcilungsgcsctz vom ?. Juni 1K21 beseitigt worden ist. Die Allmende, ein kommu- ') In Kapitel 12 setzt TacituS auch die Zahl der Schöffen eines Gcrichtsbezirkcs auf IVO an. *) 120 ist das germanische„Groschundert". nistischcS Rudiment, stammt auS alkgermanischer Zeit; pe war unmittelbar kommunistischer Nutzbesttz alle» selbständigen Markgenossen, die das Reckt hatten, w der Allmende zu jagen, zu fischen. Vieh aufzutreiben, zu holzen» zu roden, wo und wann immer sie wollten. Bei zunehmender Bevölkerung wurden in der Allmende korporative Rodungen vor» genommen; daS neugewonnene Bauland, die neugewonnene „Gewanne"') wurde in Gewannftreifen aufgeteilt, die an die Markgenossen jährlich in der Weise verlost wurden, daß jede Fa» milie nach dem Maße des Bedarfs, das heißt der Kopfzahl, in jeder Gewanne einen Streifen erhielt. So entstand schon in altgermanischer Zeit vor der Ausbildung des Privat- eigentums an der Fcldflur der S t r e u b e s i tz, die„Gemenge- I a g e"� die ihrerseits eine bestimmte Methode der Bewirtschaftung vorschrieb: Der„Flurzwang" bestand darin, daß die Ge- nossenschaft als solche bestimmte, waö und wann in den einzelnen Gewannstreifen gebaut werden sollte. Tacitus unterscheidet in seiner Schilderung deS germanischen Wirtschaftslebens Einzelhöfe und Dörfer. Diese Doppel» heit der BesiedelungLweise war rcchtsgesckichtlich bedeutsam. Die Kelten, die Borfahren der modernen Franzosen, besaßen in den letzten Jahrhunderten der heidnischen Zeitrechnung das Hofsystem. Der keltische Bauer saß isoliert auf seinem Hof und hatte das umliegende Acker- und Brachland zu eigen, während der germanische Bauer der taciteischen Zeit nur Haus und Hof, nicht aber Ackerland zu eigen hatte. Dies keltische System übernahmen die Germanen, wo immer sie keltische Bevölkerung vertrieben; denn der Kelte saß in vorchristlicher Zeit weit drinnen in heute deutschem Lande, auch rechts des Rheines. Aus keltischen Ein- flüsien erklärt sich das Hofsystem am deutschen Niederrhein und in Westfalen. DaS Hofsystem entstand jedoch in gewissen Teilen EermanienS auch unabhängig vom keltischen Einfluß. In der Gebirgswelt der Alpen� des Schwarzwaldes, der Vogesen erschwerte die natürliche Beschaftenheit der Landschaft die Anlage von ge» drängten Dörfern; in der schmalen Talsohle siedelte sich der Bauer in großem Abstand vom Nachbar an; die langgestreckte Feldslur ward hier früh zum Privateigentum, die Allmende aber lag oben auf den Höhen oder an moorigen Stellen des Tales. Bei der Größe der Entfernungen verzichtete man auf die jährliche Aus- wechselung der Felder. So entstand das Privateigentum an der bebauten Flur In Germanien zuerst in den Landesteilen, wo das Hofsystem Gewohn- heit war. Aber nicht bloß daS Hofsystem begünstigte diese Ent- Wickelung. Es scheint Rechtens gewesen zu sein, daß der Bauer, der in der Gemeindcallmende mit seiner eigenen Kraft und der seiner Familie rodete, das gewonnene Neuland sich dauernd zu- eignen durfte. TacituS unterscheidet bei den Germanen vier soziale Stünde: den kriegerischen, arbeitsscheuen Verdicnstadel, die Gemeinfreien, die Sklaven(die entweder unterjochte Voreinwohner. Kriegsgefangene oder Spieler') waren) und die Freigelassenen Sklaven und Freigelassene unterschieden sich wenig; beide lebten in eigenem(geliehenem) Hause wie Pächter und leisteten ihren Herren Dienste, zahlten ihnen wenigstens Abgaben. Der Sklave war nicht waffenfähig und nicht rechtsfähig; wohl aber der Frei- gelassene, dessen Verwundung oder Tötung mit einem Wergeld") zu büßen war. Außer den Freigelassenen, den Greisen und Schwachen ob- lagen selbstverständlich auch die sozial Deklassierten der Feldarbeit. Erst nach der Völkerwanderung gewöhnte sich der freie Germane allgemein an die harte Baucrnarbeit. Sckon Cäsar freilich erzählt, daß die kriegerischen und volkreichen Sueben die waffenfähige Mannschaft stets nur zur Hälfte ins Feld rücken ließen, die zweite Hälfte aber zur Vichwartung und Jagd zurückbehielten und im zweiten Jahre jeweils gegen die andere Hälfte austauschten. Es dürfte kaum wundernehmen,'daß ich vom gewerblichen Leben der alten Germanen wenig sage. Es beschränkte sich auf die gewerbliche Hausarbeit. Der technische Ausdruck für das häusliche Gewerbe ist„Likenwirtschaft"'). Die Frauen stampften den Loden, fertigten den Fries, spönnen das Garn, woben das rohe Linnen. Die Männer oblagen der Arbeit des Schnitzens und des Schnnedens. Das Schmieden wurde für die einzige eines freien Mannes eigentlich würdige Arbeit gehalten. An den römischen Reichsgrenzcn, also im Donau- und Ähcingcbiet, ent- wickelte sich im 1. christlichen Jahrhundert ein ziemlich lebhafter Grenzhandel. Die Ausfuhr von Eisen nach Germanien war den Römern vom Kaiser verboten; so brachten die Römer allerhand 's Die„Gewanne", das der Allmende korporativ abgewonnene Neuland, heißt so viel wie„Gewinnst". Althochdeutsch giwinnan gleich erstreiten, mühsam erarbeiten. ') TacituS erzählt in Kapitel 24:„Verwunderung erregt ihr Würfelspiel. In nüchternem Zustand... treiben sie es mit solcher Tollkühnheit.... daß sie, wenn alles hin ist. auf den letzten Wurf ihre Person und Freiheit setzen. Der Verlierende gibt sich frei- willig in die Knechtschaft; weny er auch vielleicht der Jüngere, Stärkere ist. läßt er sich ruhig fesseln und verkaufen: so hartnackig sind sie in vertoerflicher Sache, sie selbst aber nennen es Ehre. ') Manngeld(Wer— lateinisch vir, der Mann� •) Oikos(griechisch) das Haus. -"828— T Rassen das Profiiprinzip: denn der Handel mit Fremden galt dem j Germanen als eine Art von Krieg, der Marktsriede des Grenz- gebietcs als eine schwer erträgliche Einschränkung. Es obliegt uns zum Schlüsse, das altgermaniichc Wirtschaftsleben, dessen Bild ja Züge von breitester Typik cntlmlt, im Rahmen der vergleichenden Wirtschaftsgeschichte zu betrachten. kleines feuilleron. Naturwifs«nschaftli,s)es. Tempcraturgrenzen. innerhalb deren daS Leben noch möglich i st. Tie böber entwickelten Tier- und Pflan�enkörper bcsixen nur verhältniSmästig geringe WiderstaudS- fäbigkeit besonders gegen höhere Temperaturen, den» schon bei 45 bis 60° G. fängt ihr Protoplasma an zu gerinnen und damit bort seine LcbenSsäh' gleit auf. Viele n edere Pflanzen und Tiere find aber in dieser Beziehung viel wideritandSsähiger: sie haben ein viel zäheres Leven und erirogen ohne Schaden Teniperaturen von LS bis 80° E. Im Wasser des Karlsbader Sprudels befinden sich, wie im„Prometheus" ausgeführt wird, verschiedene Algen« arren. in den 75° C. Hoisten Quellen dcS Fellowstone-ParkS in Nordamerika gedeihen gleichfalls Algen uno Bakterien. und in mehreren warmen Quellen bei Neapel leben nicht nur ein- fach« Pflanzen, sondern auch Jnsekielilarven und eine Art kleiner Krebse in einer Temveraiur von 00° C. Noch höhere Temveraluren erlragen Samen von Gras- und Getreideanen, die, wenn idnen vor- her der Wassergebalt enlzogcn war. sehr lange einer Temperatur von 100° C. ausgesetzt werden köuncn, ohne dast dabei die Keim- säbigkeit leidet. Eine gleiche Temperatur ertragen auch die Sporen vieler Bakterien, z. B. die Sporen des Mitzbrandes, die erst nach dreistündiger Erhitzung auf 140° C. absterben. Als ver- hältniSmästig hoch entwickelte Lebewesen, die durch hohe Temperaturen nicht getötet werden, sind die Rädertierchen und Bärentierchen zu nennen, kleine Süstwasserbelvobner, die zu den Würmern gerechnet werden, llild die auch in anderer Beziehung ein sehr zähcS Leben haben. Wenn nämlich ihr Ledenselement, da« Wasser, cinirockuct. so trocknen diese Tierchen im Schtamm mit ein und erwachen wieder zu neuem Leben, wenn sie nach nicht gar zu langer Zeit wieder Wasser bekommen. Diese Tiere hat man im eingetrockneten Zustande längere Zeit einer Teinperatur bis zu 1lü°(5. ausgefegt, und sie leben trotzdem bei späterer Wasserzufuhr weiter. Auch gegen hohe Kältegrade besitzen viele Lebewesen«ine groste Widerstandsfähigkeil. Pcstbazillen werden bei— 3l°C.in mehreren Monaten nicht zum Absterben gebracht, Diphiheritisbazillen über- dauern— CO Grad Celsius, und die Tuberkelba. allen find noch lebensfähig, nachdem sie eine Stunde lang einer Temperatur von — 100 Grad Celsius ausgesetzt waren: sie sterben erst bei— lCO Grad Celsius, während die Eiler-Slreptokokken sogar— 252 Grad Celsius aushalten. Sebr viele Samen sind, wenn sie vorher getrocliicl wareii. auch fast nnempfindlich gegen sehr tiefe Teniperaturen. Aber auch einzelne höhere Tiere halten hohe Kälte auS, wie z. B. Fische, Schlangen. Frösche usw., die mau einfrieren lassen und dann weiter bis auf etwa—25 Grad Celsius abiüblen kann, ohne dast das Leben erlischt, wenn nur das spätere Sujlauen mit einiger Lorsicht geschieht. Technisches. Automatische Verbindung am Telephon. Wenn eS ein Mittel gäbe, das dem Benutzer eines Telephon? auf m- verlässige Weise' gestattete, die gewünschte Verbindung mit einem anderen Teilnehmer selbst herzustellen, so würden damit alle Teile zufrieden sein. Die Telephonverwaltung würde eine graste Zahl der zur Bedienung der Aemter jetzt erforderlichen weiblichen Hilfs- kräste spareii, und der Sprecher selbst würde die Zuversicht haben. dast er um manchen Aergcr und Zeitverlust herumkommt. Sehr fraglich ist es nur. ob ein solches System mit wirklich un- bediiigter Zuverlässigkeit zu arbeiten vermag, denn andern- falls Ivürde der Aerger med Schaden noch gröster sein. Bekanntlich wird jetzt eine Verbindung durch daS Amt derart hergestellt. dast zwei durch ein kurzes Kabel verbundene Sröpsel in zwei Löcher gesteckt werden, die das Ende der mit einander in Verbindung zu setzenden Leitungen darstellen. Auf diese Weise kann eine graste Zahl von Kombinationen ausgeführt werden; das ist aber auch uokwendig, weil eS bei 100 Teilnehmern schon 4S50 verschiedene Möglichkeiten der Ver- büidung gibt. Der Feind der Telephone, der auf ihre Abschaffung binarbeitel, ist das amerikanische DioSkuren-Paar Loriiuer, das in Amerika schon einen znmlichen Erfolg mit seiner Er- filldung einer selbsttätigen Telephonverbindung errungen hat und jetzt auch auf europäischem Boden, nämlich zuerst in Italien, festen Fust zu fassen' scheint. Infolgedessen hält eS der„Elektrotechnische Anzeiger" für zeilgemäst, dieser Neuheit eine kurze Schilderung zu widmen. Leusterlich kennzeichnet sie sich zunächst darin, dast sich am Apparat selbst eine Barrichtung zur Einstellung der gewüiiicklen Zabl vorfindet. Die Zahl wird auf diese Weise naw der Zenirale telcgrapoierr und dort wird dann die gewünictne Verbindung ietbstiätig hergestellt, ebenio wird das Gespräch nacb seiner Beendigung selstiätig unlcrbrocben. wie es jetzl schon bei vielen Apparaten geichiehr. Iii die gewünschte Leitung bereits be<- seyr, so mutz der Anrufende diesen Schlug freilich lediglich auS der unerfreulichen Wahrnebmiing ziehen, dag er keine Aniwort erhält. Zur Beruhigung der Telephonistinnen«ei bemerkt, dag für große Netze die Erfindung noch nicht als bewährt zu beirachten ist. AuS den Verbandlungen deS Eisen- und Stahl» JnstilutS. Unter den Gegenständen, die in der JahreSversamm- tung deS Eiien- und SrahliiistiliilS in den ersten Otroberwgen be- bandelt wurden, erregte insbesondere ein Bericht von S. Cowper- Cotes(London» graste Ausinerkiamtelt, der einen Ersatz der bisber üblichen Eiienbearbeitungsnielboden zur Herstellung von Blecken, Röhren. Schrauben usw. durch ein elektrolynickeS Verfahren zum Gegenstande bat. Es lassen sich danach die genannten Erzengnisse obne SchmcU- oder Walzpro«est aus Roh- oder Schmiede» ei'en. ja selbst aus dem Ei'enerz direkt zu unglaublich viel mcdrigeren Preisen als den jetzigen herstellen. Das gleiche Ver- sabren kann aucy zur Fabrikation nadtloser zylindrischer Kesäste an» gcivandr werden. Das Material selbst ist chemisch sehr Widerstands« täbig. Der elektrische Herstellungsvrozest gestattet auch dort zu arbeiten, wo nur Wasserkräfte zur Vor ügung stehen. Er«st sehr einfach und weit reinlicher und hygienischer als die bisher gebrauch- lichen Verfahren. Gleichfalls von«ebr grotzern Interesse waren die Mareiuuigen von Professor Campbell(Michigan! über die chemische Beschaffenheit d>s Stahls. Der leitende Gedanke ist der. man habe sich die Verbindung zwischen Koyte un» Eile» so vorzustellen, dast die Wasierstoffatoine von Olesinen ldas sind ungesättigte Kohlenwasserstoffe von hohem Molekulargewichlj durch Eisen vertreten sind. Diese Auf- iassiing gesiattel eine gure Deumiig verschiedener bisher dunkler Probleme aus der Metallurgie deS Stahls, z. B. der merkwürdigen Ericheiiiung, dast o'l ein geringer Zuiatz eines anderen Metall« die Eigenichanen des Stahls so tiefgreifend ändert, dast der Zusatz an und für sich kein Erklärnngsgrund sein kann. Man könnte sich jedoch vorstellen, dag jener Zusatz in die olcfinartigen Kohlcnverbindungen eintritt und dabei ihre Atomgruppierung in durchgreifender Werse verschiebt. Verwendung von KanalisationSschlamm und Müll. Im Elektrizitätswerk un'crer N'chbarfladt Köpenick wird rinler den Tampfkesielii in der Haupliache Kanalisationsschlainnr ver- feuert. Die Abwässer der Stadt werden durch einen Zusatz von Braunkohle und schivefeliaurer Tonerde geklärt, und die zurück- bleibenden Rückstände, der Koblebrrr-Kläi schlämm, werden mit ei»em kleinen Zuiatz von Braunkohle als Brennmaterial verwertet. Der Schlamm wird in dem Klärbecken an der Luft getrocknet. bis er stichfest geworden ist. Dann wird er durch Lagerung in einem Trockenichuppen noch weiter getrocknet und von dort der Kesselanlage zugeführt. Die Emziehuiig des Wassergehaltes— der Schlamm von 90 Proz. Feuchtigkeit must bis auf 50—60 Proz. Feuchtigkeitsgehalt gebracht werden— kaim auch durch Fillerpressen. durch zentri» iugieren oder andere Methoden erfolgen. Dieler Schlamm kann dann trotz seine« verhälmismästig hohen Wassergehalts mit einem Zusatz von 5—10 Proz. Kohle dauernd brennen. Durch dieses Ber» fahren eröffnet sich für Städte die Aussicht, den KanaliiationS- schlämm auf hygienische Weise loS zu werden und dabei noch Energie, fei e« in Form von Dampf oder Elektrizität, zu gewinnen. Die Frag« d«r Verbrennung der Kanalisationsrückiiände hat eine graste Aehnlidikeit mit der Frage der Müllverbrennung. Au« Müll lästt sich sogar in der Regel ohne besonderen Kohlen- zu'atz nutzbringend nnler Kesseln verbrennen. Dr. Heine hat in einem Vortrag interessante Daten für die Müllverwertiiiig gebracht. Während man in Frankfurt a. M. pro Tonne Müll mit einer jährlichen Ausgabe von 2 M. rechnet, betragen diese Kosten in Wies- baden, wo eine Müllverbrennungsanstalt besteht, nur die Hälfte. Unter der Boraussetzung, dast pro Person und Jahr 130 Kilo« gramm Müll angenommen werden, würden auS diesem Müll, wenn er unter Dampfkesseln einer elektrischen Zentrale verbrannt wird, zirka 8 Kilowatt-Stunden pro Person gewonnen werden können. Diese Energie ist ausreichend, um eine moderne 25kerzige Metallfaden lampe fast das ganze Jahr hindurch täglich eine Stunde brennen zu lassen. In England sind bereits in 160 Städten iolch« MüllverbrennungSanstalten eingerichtet. und wäre nur zu wünschen, dast man dieser Frage auch ln Deutschland«in grösteres Interesse schenkte, da wohl die Verbren- nung de« Müll, wie auch die Hamburger Choleraepidemie gezeigt har, die hygienischste Art und Weise ist, den Müll zu vernichten. Die bei der Verbrennung des Mülls noch übrig bleibenden Rückstände sind auf keinen Fall mehr gesundheitSgetahrlich und könnet» auch praktisch verwertet iverden. Die Schlacken können nämlich zum Herstellen von Fustwegen und Beton, zur Fabrikation von Mauer- steinen und dergleichen verwendet werden. AuS der Flugasche werden gleichfalls künstliche Steine und dergleichen sowie auch eu» DeSinfeöionspiilver gemacht. Die in der Schlacke vorhandene!» Eiienreile können auf elektrischem Wege ausgezogen und gleichfalls nützlich verivendet werden. Verantiv. Redakteur: Georg Davidsohn, Verl«.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerI«g«a»>tall Paul Smger äcEo..Birim 8 W.