MnterhaltMgsblatt des Horwärts Nr. 2! 3. Dienstag, den 3. November. 1903 lNachdru« verbolea.) «'«näress VöCt. Bauernroman von Ludwig Thoma. Otteneder las diese Beschuldigung mit Aufmerksamkeit tMd schüttelte den Kopf. ..Klingt eigentlich sonderbar," sagte er.„Warum schreibt der Mann das auf? Wenn es die Leute wußten, war es überflüssig. Wußte es niemand, dann konnte der Pfarrer nur zufrieden sein, daß die Sache wenigstens kein Aergernis erregte." Folium sechs. Ergebene Mitteilung des Pfarrers Jakob Baustätter, daß sich in der Gemeinde ernsthafte Stimmen gegen die Wahl erheben. I>e Zuto 28. November. Folium sieben. Dringende Beschwerden, nach- träglich erhoben von Erlbacher Gemeindebürgern gegen die Person des Andreas Böst.„Ein hohes Bezirksamt möge die Wahl ungültig erklären, indem die Betreffenden keine Kennt- nis hatten, daß etwas vorliegt. Die gehorsamst Unter- fertigten sind im christkatholischcn Glauben erzogen und sehen mit Furcht und Schrecken, daß ein öffentlicher Feind der Kirche an der Spitze steht."„Hm! Der Satz kommt aus dem Pfarrhof."—„Die Unterfertigten bitten dringend, daß nicht Streit und Haß in die Gemeinde kommt, indem bereits der Adreas Böst die gläubigen Christen am Halse würgt und bedroht und es jedenfalls noch viel ärger wird." Folgen die Unterschriften: Sebastian Stollreiter, Hieranglbauer. Jakob Ertl. Lorenz Deindl. Kaspar Umbricht, Heißbauer. Martin Salvermoser. Georg Fent. Johann Geitner. Lorenz Amesreiter. Acht Leute. Das muß dem Herrn Baustätter Arbeit gs- kostet haben!" Noch etwas? Bescheinigung des Beigeordneten Kloiber. In der Angelegenheit k. Sllhneversuch abgehalten. Int Verlauf desselben geriet der Bürgermeister Vöst so in Wut, daß er den Hieranglbaucrn Sebastian Stollreiter angriff und mißhandelte. „Hm! Endlich etwas Positives! Wenn die Sache so weit gediehen ist, daß es zu Tätlichkeiten kommt!" Otteneder trat wieder ans Fenster. Da unten stand noch immer der Schuhmacher Prantl; er hielt die geballte Faust an die Stirne. Offenbar wollte er recht überzeugend wirken. Und der Bezirksamtmann sagte vor sich hin:„Es schadet nicht, wenn die Leute den Zügel spüren. Ich werde die Be- stätigung versagen." 11. Kapitel. Sylvester Mang war ein stiller und bescheidener Mensch. Er fügte sich in den Willen derer, welche ein Recht auf seinen Gehorsam hatten, und dachte nicht viel über seine eigenen Wünsche nach Er hatte sich nicht gefragt, ob ihm der geistliche Beruf zusage. Er wußte es nicht anders, als daß er Theologie studieren müsse. So war es bestimmt von Anfang an; von der Stunde an, in welcher die alte Veronika Mang ihrem Schwager, dem reichen Sponninger von Pasenbach, in die Hand versprach, es solle der kleine Sylvester auf das geistliche Fach studieren und dereinst die Messe lesen zu Ehren Gottes. Sylvester erinnerte sich oft an jenen Tag. Wie die Mutter so stolz war und geschwind aus der Stube lief, daß sie es gleich der Nachbarin sagen konnte. Und wie sie dann mit ihm zum Schneiderfranzl ging, der zwei Anzüge anmessen mußte. Einen schwarzen dabei auf den besonderen Wunsch des Vetters, damit sich die Sache gleich geistlich ansah. Das gab ein Staunen und Bewundern, als der schwarze Rock fertig war! Er hing dem kleinen Sylvester über die Knie herunter, die Schnlternaht saß auf halber Brusthöhe, und die Aermel streckten sich vor bis auf die Fingerspitzen. Ueberall war der Rock zu weit und zu lang. Aber der Schneiderfranzl sagte, so wäre es recht, und so müsse es sein. Denn die engen Röcke sähen so windig aus und paßten nicht für das studierte Wesen Da lachte die Veronika Mang von Herzen vergnügt und freute sich über den kleinen Sohn und den großen Rock. Und dann mußte Sylvester seine schuldige Aufwartung machen beim alten Pfarrer Maurus Held. Der lachte auch, wie er den neuen Lateiner sah, und sagte:„Du schaust ja aus wie nochmal ein geistlicher Rat. Verlier nur den Mut nicht! Discendo crescimns oder crescendo discimus muß es bei Dir heißen: im Wachsen lernen wir. Wenn Dir der Rock einmal knapp sitzt, hernach bist Du schon ein Gelehrter." Und er holte sein Lieblingsbuch vom Spinde herunter, Forsteneichers Naturbilder.„Das will ich Dir schenken, pnrvule," sagte er, ,>es ist ein herrliches Buch. Darin sollst Du lesen, wie brav es der liebe Gott meint mit unserer Welt." Dann schrieb er auf die erste Seite: „Uerker et obdura, labor hic tibi proderit olim. Halte aus und arbeite, kleiner Sylvester, später wird es Dir nützen. Denke zuweilen an Deinen geistlichen Lehrer Maurus Held." Wohl dachte er oft an den gütigen Mann, der ihn später fragte, ob er auch die Kraft fühle für den geistlichen Stand. „Es ist nicht immer leicht, auf dem einsamen Weg zu gehen. Manches Mal hält man den Schritt an und möchte lieber umkehren." Damals durfte er die Frage heiter bejahen. Er lernte gern und dachte nicht über die Schule hinaus. Oder nur so, daß er sich auf die Ferien freute. Auf das Herumschlendern in des Herrgotts grünem Wald, an der Seite des würdigen Pfarrers Held. Der fragte ihn ordentlich aus. ob er die Pflanzen und Tiere kenne und die Sprache der Natur verstehen lernte aus den Schilderungen des Meisters Forsteneicher. Und Sylvester bestand die Prüfung mit Ehren. Denn ihm selber war das Buch, welches so treuherzig erzählte, lieb geworden. Und dann mußte er ihm berichten, wie das Studium vorwärts ging. Der Alte hörte lächelnd zu, wenn der Junge in Eifer kam und die Schönheit des Gelernten rühmte. „So ist es recht, parvnle. Bleib nur dabei und verlier mir die Wärme nicht!"—„Es wird einmal trockener kommen," sagte er ein anderes Mal,„die artes liberales werden in den Winkel gestellt, wenn es über die Dogmatil und Homiletik hergeht. Vergiß darüber nicht alles, was Dich jetzt freut. läbri amici optimi; die Alten bleiben uns gute Freunde." Und an einen Tag erinnerte sich Sylvester oft und gerne. Es war ein Sonntag im August. Nach der Kirche gingen Held und er über die Felder gegen Webling zu. Das Korn stand in der Reife. Von Hügel zu Hügel dehnte sich der gold- gelbe Segen. Ueber den Wald herüber kam der frische Morgen- wind und rauschte in den Kronen der Bäume. Dann ging er liebkosend über die Fluren. Die Halme bogen sich, und leichte Schatten liefen über das Gold vom Fuße des Hügels bis hinauf, wo die Nehren in den blauen Himmel ragten. Da nahm Maurus Held den Hut ab und sah mit leuchtenden Augen in die schöne Gotteswelt. „So denke ich mir den Herrn Christus am liebsten," sagte er,„wie er segnend durch die Felder wandelt. Und just so müßte sich das ansehen wie hier. Daß es wie ein Hauch geht über die Halme, die sich ehrfürchtig beugen vor des Menschen Sohn. Vor der Menschen Freund, parvnle, der die Armut weihte und den Reichen den Himmel verwehrte: das haben wir vor ihm als besten Gewinn, daß er das Leben der Kleinen und die Arbeit verklärte. Die Menschen wissen es freilich nicht mehr, und die am wenigsten, welche seine Lehre den Fürsten und Herren mund- gerecht machen. Auch Du kannst mich heute verstehen, parvnle. Nein, nein! Später einmal, wenn Dir die tiefe Wahrheit klar wird, daß aus dem alten Fluche ein Segen wurde. Int Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen!" Sylvester verstand den Alten nicht, aber er dachte wohl, daß es gut sei, wie alles, was er sagte. Er hing mit gläubiger Verehrung an dem Manne, und es war sein erster großer Schmerz, als ihm die Mutter nach Preising schrieb, die Woche vorher fei Pfarrer Held nach längerem Leiden gestorben. Das war wenige Monate nach jenem Sonntage. Als Sylvester zu Ostern heimkam, war sein erster Jang in den Friedhof. Da stand auf vrunkvoller Marmortafel der Name Maurus Held. Und darunter der Satz:„Er lebte einzig seinem Gotte und fand sein Labsal nur im Gebete." Seine wohlhabende Schwester hatte ihm dieses Denkmal gesetzt, das jedem in die Augen fiel. Sylvester war nicht zufrieden damit. Am wenigsten mit der Inschrift. Er wußte es besser als viele, daß der heitere Mann seine Erholung nicht ausschließlich im Gebetbuche suchte und fand. Er hatte von ihm oft kräftige Worte gehört, wenn er diese Welt pries, welche nur Dummköpfe als schlecht ver° schreien. Ein eifriger Kooperator hatte sogar arge Zweifel gehegt, ob Pfarrer Held sein Brevier fleißig lese. Er steckte wohl das heilige Buch in die Tasche, wenn er in den Gurten ging, aber er nahm es selten heraus. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck derdoten.) 11, Die Kofaben. Von Leo Tolstoi. Warum bist Du gekommen? Die Krankheit in Dein zerkratztes Maull Warte nur. wenn der Herr kommt, er wird Dir schon zeigen, wo Du hingehörst... ich brauche Dein verfluchtes Geld nicht. Da seh mir einer, mit seinem Drccktabak will er mir das Haus einschmutzen, und dafür will er zahlen. Die Pcstl Tot schießen sollie man Dich! schrie sie mit gellender Stimme. „Wanjuscha scheint recht zu haben, dachte Olenin, der Tatar ist besser." Er ging aus der Hütte. Die Schimpfreden der alten Ulitka folgten ihm. In dem Augenblicke, wo er hinausging, huschte zilfällig Marianka an ihm vorüber. Sie war noch immer in dem bloßen rosa Hemd, hatte aber das Gesicht bis unter die Augen mit einem weißen Tuche verbunden. Ihre nackten Füßchen eilten schnell die Treppe hinunter. Unten blieb sie stehen, warf mit lächelnden Augen dem jungen Manne einen Blick zu und verschwand hinter der Ecke des Hauses. Der feste, jugendliche Gang, der sonderbare Blick, die glän- zcnden Augen, die unter dem weißen Tuche hervorguckten, und die Schönheit ihrer kräftigen Gestalt überraschten Olenin jetzt noch mehr.„Sie ist es,"' dachte er. vergaß immer mehr die Wohnung. da sein Blick Marianka folgte, und kam so zu Wanjuscha. Sieh, das Mädchen ist ebenso wild, sagte Wanjuscha, der sich � immer noch an dem Wagen zu schaffen machte, aber schon in besserer Laune war: wie ein Steppenfüllen. Lafamml fügte er mit lauter, feierlicher Stimme hinzu und lachte. n. Gegen Abend kehrte der Hausherr vom Fischfang heim, und als er hörte, daß ihm das Quartier bezahlt werden sollte, beruhigte er sein Weib und befriedigte Wanjuschas Forderungen. Im neuen Quartier ging alles gut von statten. Die Wirts-- lcute zogen in das warme Zimmer, und dem Junker gaben sie für drei Münzen monatlich das kalte. Olenin aß, dann legte er sich schlafen. Als er gegen Abend erwachte, wusch er sich, machte sich zurccht, speiste, zündete sich eine Zigarette an und setzte sich an das Fenster, das auf die Straße führte. Die Hitze hatte nach- gelassen, der schräge Schatten des Hauses mit seinem geschnitzten First breitete sich über die staubige Straße und fiel sogar über den unteren Teil des gegenüberliegenden Hauses. Das seitliche Schilf- dach des gegenüberliegenden Hauses glänzte in den Strahlen der untergehenden Sonne. Die Luft wurde kühler. Im Dorfe herrschte Stille. Die Soldaten waren untergebracht und waren ruhig ge- worden. Die Herden waren noch nicht eingetrieben, und das Volk war noch nicht von der Arbeit heimgekommen. Olenins Quartier lag fast am Rande des Dorfes. Von Zeit zu Zeit ertönten weit vom Tcrek her von der Seite, von der Olenin gekommen war, dumpfe Schüsse— in der Tschetschnja oder in der Ebene der Kumhkcn. Olenin fühlte sich nach dem dreimonatlichen Biwaklebcn recht behaglich. Das Waschen hatte seinem Gesichte eine fühlbare Frische gegeben, sein kräftiger Körper empfand die Sauberkeit, die er auf dem Zuge entbehrt hatte, allen seinen Glic- dem brachte die Erholung Ruhe und Kraft, in seiner Seele war es frisch und hell. Er rief sich den Kriegszug, die überstandencn Gefahren in Erinnerung. Er erinnerte sich, wie trefflich er sich in der Gefahr gehalten hatte, daß er nicht schlechter gewesen als die anderen, und daß er in die Kameradschaft der tapferen Kaukasicr aufgenommen sei. Die Moskauer Erinnerungen waren schon, Gott weiß wohin, entschwunden, das alte Leben war weggewischt, ein neues hatte begonnen, ein ganz neues Leben, in dem es noch keine Erinnerungen gab; er konnte hier, ein neuer Mensch unter neuen Menschen, sich einen neuen guten Namen erwerben. Er empfand das jugendliche Gefühl grenzenloser Lebensfreude, und während er bald zum Fenster hinaus die Knaben betrachtete, die fßl Schatten des Hauses ihre Kreisel trieben, bald fein ncueS, schön hergerichtetes Quartier, dachte er darüber nach, wie er sich tu diesem für ihn neuen Standortleben angenehm einrichten sollte. Er ließ auch seinen Blick über die Berge und den Himmel schweifen, und in alle seine Erinnerungen und Träume mischte fich das ernsto Gefühl der majestätischen Natur. Sein Leben hatte nicht so bc» gönnen, wie er eS erwartet hatte, als er Moskau verließ, aber doch unerwartet schön. Die Berge, die Berge, die Berge drängten stch in all sein Denken und Empfinden. Er hat eine Hündin geküßt, einen Krug beleckt...> Onkel Jeroschka hat eine Hündin geküßt, riefen plötzlich die Kosakenkinder» die vor seinem Fenster mit den Kreiseln spielten und jetzt in eins Gasse einbogen.— Eine Hündin hat er geküßt! Seinen Dolch hat er vertrunken! schrien die Knaben, bald zu einer Gruppe zu» samm engedrängt, bald auseinanderlaufend. Dieses Gcschrc» galt Onkel Jeroschka, der eben, die Flinte auf dem Rücken und die Fasanen im Gürtel, von der Jagd heimkam. Meine Sünde, Kinder, meine Sünde, sagte er, indem er kräftig die Arme schwenkte und in die Fenster zu beiden Seiten der Straße hineinblickte.— Hab ich die Hündin geküßt, ist's meine Sünde. Ev ärgerte sich offenbar, tat aber, als wäre es ihm gleichgültig. Olenin war verwundert darüber, wie die Knaben den alter» Jäger behandelten, mehr aber noch überraschten ihn die ausdrucks» vollen klugen Züge des Mannes, der Jeroschka genannt wurde. Alterchen, Kosak, wandte er sich an ihn. Der Alte sah nach dem Fenster, und blieb stehen. Guten Tag, guter Freund, sagte er und lüftete sein Mützchcri auf dem kurz geschorenen Kopf. Guten Tag, guter Freund, antwortete Olenin, was rufen Di« die Jungen nach? Onkel Jeroschka trat an das Fenster heran. Sie necken mich Alten. Tut nichts, ich habe daS gern. Mögen sie ihre Freude mit dem Onkel haben, sagte er mit der wohl- klingenden Betonung, mit welcher alte und ehrwürdige Leute zu sprechen pflegen.— Bist Du ein Vorgesetzter der Armeesoldaten oder was? Nein, ich bin ein Junker. Aber wo hast Du die Fasanen ge» schössen? fragte Olenin. Im Walde habe ich drei Hühner erlegt, antwortete der Alte und kehrte seinen breiten Rücken, auf dem die drei Fasanen hingen, dem Fenster zu. Sie waren mit dem Köpfchen am Gurt befestigt und hatten seinen Tschcrkcssenrock mit Blut befleckt.— Hast Du noch keine gesehen? fragte er. Willst Du. so nimm Dir ein Paar, da!— Und er reichte zwei Fasanen zum Fenster hinein. Bist Du Jäger? ftagte er. Ja, ich bin Jäger. Ich habe im Fcldzuge selbst vier ge- schössen. Vier? Das ist viel, sagte der Alte spöttisch.— Bist Dt» auch ein Trinker? Trinkst Du Most? Gewiß, ich trinke auch gern. Ich sehe, Du bist ein schneidiger Junge! Wir müssen gute Freunde werden, sagte Onkel Jeroschka. Komm herein, sagte Olenin. Latz uns den Most versuchen. Gut» ich komme, sagte der Alte, da, nimm die Fasanen! Man sah es dem Alten an. daß ihm der Junker gefiel. ES war ihm auch sofort klar geworden, daß'man bei ihm Most trinken und daß man ihm daher ein Paar Fasanen schenken könne. Nach einigen Minuten erschien Onkel Jeroschkas Gestalt an der Tür des Häuschens. Nun erst erkannte Olenin die ganze Größe und den kraftvollen Wuchs dieses Mannes, obgleich sein rotbraunes Gesicht mit dem schneeweißen ungeheuren Barte von den tiefen Runzeln eines in Mühen erreichten GrSisenaltcrs durch- zogen war. Die Muskeln seiner Füße, Arme und Schultern waren so voll und rundlich, wie sonst nur bei jungen Leuten. Auf seinem Kopfe waren durch das kurze Haar hindurch tiefe, vernarbte Schrammen zu sehen. Der nervige, dicke Hals war wie bei einem Stiet mit Kreuz- und Ouerfalten bedeckt. Die muhen Hände waren zerschlagen und zerschunden. Leicht und gewandt trat er über die Schwelle, legte seine Flinte ab, stellte sie in die Ecke, er- faßte mit einem schnellen Blick die im Zimmer befindlichen Sachen, schätzte sie ab und trat leisen Schrittes in die Mitte des Zinimers. Zugleich mit ihm war in die Stube ein kräftiger, aber nickt unangenehmer Geruch gedrungen, gemischt aus Most, Schnaps, Pulver und geronnenem Blut. Onkel Jeroschka verneigte sich vor den Heiligenbildern, strich sich den Bart zurecht, trat auf Olenin zu und reichte ihm die schwarze, kräftige Hand. Koscbkilcty. sagte er, das heißt im Tatarischen: Wünsche Wohlsein, Friede mit euch. Koschkildy, ich weiß wohl, antwortete Olenin und reichte ihm Ei, Du weißt cS nicht, Du kennst den Brauch nicht. Narr!— sagte Onkel Jeroschka und schüttelte vorwurfsvoll den Kopf.— Sagt jemand zu Dir kosdikilcky, so mußt Du antworten: �IIn rasi bo sun, Gott schütze Dich. So, Freundchen, aber nicht kosebkilcky. Du sollst alles bei mir lernen. Vor Jahren war ein Landsmann von Dir hier, ein Russe, Jlja Moisscitsch. Wir waren auch Freunde. Ein schneidiger Mensch. Ein Trinker, ein Spitz- bubc, ein Jäger— und was für ein Jäger! Ich habe ihm alles beigebracht WaZ willst Dl» mir veidringcn? fragte Olcnin, dessen Teil- Kahm« kür den Alten immer mehr wuchs. Auf die Jagd will ich Dich führen, Fische fangen lehren, die Tschetschenzen will ich Dir zeigen, ein Schätzchen, wenn Du willst, auch da? will ich Dir schaffen. Siehst Du, solch ein Kerl bin ichl Bin ein Spaßvogel l— und der Alte lachte.— Ich will mich setzen, Freund, ich bin müde; karga) fügte er fragend hinzu. Was bedeutet karga? fragte Olenin. DaS bedeutet„gut" auf grusinisch. Ich sage oft so, eS ist so eine Redensart von mir, mein Lieblingswort: karga. karga; wenn ich das sage, so scherze ich. Aber Freund, laß doch den Most bringen. Hast Du einen Soldaten zur Bedienung, ja? Iwan, rief der Alte, nicht wahr, bei Euch heißt jeder Soldat Iwan? Deiner heißt auch Iwan, nicht? Recht, Iwan. Wanjuscha, laß Dir von den Wirtslcuten Most geben und bringe ihn her. fgortsetzung folgt.)> Der Garten cles LaubenholomCten. November. Schon früher habe ich einmal erklärt, daß Prictzke sich nicht durchaus zu den sogenannten ältesten Leuten gezählt wissen will, aber er ist bereits Großvater. Seine älteste Tochter, die ich auch gern gehabt hätte, hat kürzlich einen kleinen Jungen bekommen und die zweite hat schon die Erstlingswäsche im Spind, wenn sich, wie sie hofft, auch bei ihr ein kleiner Prinz anmeldet. Trotz- dem aber Prietzke keiner der Aeltesten ist, gehört er auch nicht zu den Jüngsten, denn er steht, wie er selbst sagt, gerade in den besten Jahren. Wenn man in diesen Jahren steht, so hat man sicher schon manches erlebt, aber ein so trockenes Jahr wie das gegenwärtige, namentlich einen so trockenen Herbst, will Prietzke tatsächlich noch nicht erlebt haben. Schon der Vorsommer war für den Laubenkolonisten ungünstig. Vom 14. Juni bis 4. Juli, also durch 21 Tage, ist in Berlin auch nicht ein Tropfen Regen gefallen. Dann setzte die Trockcnperiode wieder am 27. September ein, und ist in dieser ganzen Zeit nur einmal, in der Nacht vom 24. zum 23. Oktober, durch einen ganz schwachen Regen unter- brachen worden, von dem aber nur etwas in Berlin und nichts jn den östlichen Vororten gefallen ist. Nicht nur Prietzke, sondern auch vielen anderen Kolonisten, die sich die Brunnen selbst gebaut haben, sind sie zugleich mit dem Petershagener Dorfteich ausgetrocknet, aber auch der be° rühmte Fischteich bei Prietzke liegt trocken. Als das Wasser mehr und mehr verschwand, die Ufer steiler und steiler wurden, und die Fische schon auf dem Rücken schwammen, machte ich Herrn Prietzke. der sich viel mit naturwissenschaftlichen Problemen be- schäftigt, den Vorschlag, nun einmal in seiner Teichwirtschaft die Darwinsche Theorie von der Anpassungsfähigkeit bei den Fischen zu erproben. Ich sagte ihm, da das Wasser immer weniger wird, würden sich die Fische vielleicht in Landtiere verwandeln, so daß sie ihm sväterhin, wenn der Grundwasserstand steigt, womöglich ersaufen könnten. Auf diese Probe ließ sich aber Prietzke nickt ein, was ich ihm kaum verdenken kann. An der tiefsten Stelle des Teiches hat er für die Trockenzeit die große Waschbütte seiner Frau eingegraben, mit Waffer gefüllt und die kaltblütige Ge- sellschaft hineingetrieben, und Frau Rosine hat ihm feierlichst der- sprechen, mit der großen Wäsche zu warten, bis das Grundwasser wieder hochgekommen ist. In dieser Trockenzeit las Prietzke ver- schiedencs über Wünschelrute und Waflersuche. In seiner Rot hat er sich selbst eine Rute geschnitten, mit der er in der ganzen Kolonie nach Wasser suchend vergeblich umhergelaufen ist, bis er schließlich die Wassersucherei zum Teufel wünschte. Wir haben übrigens draußen in Neu-Vogelsdorf. wo ich mich nebenbei bemerkt, auch angesiedelt habe, um möglichst m der Nähe meines Freundes Prietzke zu sein, den Wassermangel in diesem Jahre noch in besonderer Weise fühlen müssen. Wir haben dort einen großen Gemcindesee mit viel Schlamm und wenig Fischen. der an einer Stelle aber einen sandigen Strand zeigt. Trotz alleb Proteste der„hochwohllöblichen Amts- und Gemeindevorsteher" haben wir diesen See zum Familienbad gemacht, wo Mann, Weib und Kind nach Herzenslust und harmlos zusammen baden, da für Vogelsdorf bis heute glücklicherweise weder Auskleidekabinen noch die Form und Farbe der Badehosen vorgeschrieben wurden. Die lleberkultur, die alle Welt beleckt, hat sich noch nicht nach Vogels- dorf erstreckt. Prietzke, der gewöhnlich mit seiner ganzen Familie an den Strand kommt, ist als Mitglied des Vereins„Wasserfrosch" Oberschwimmer, Kopfspringer und Solotaucher zugleich und erregt bei seinen Schwimmübungen das allgemeinste Aufsehen. Durch die andauernde Trockenheit hat aber auch der Vogclsdorfer See schließlich das Wasser lassen muffen, wodurch die Familienbade- anstalt durch höhere Macht, d. h. durch Naturereignis, zur Auf- lösung gelangt ist, und die gemeinschaftlichen Bäder, da es auch zu kalt geworden, nun, nach Geschlechtern getrennt, in den städtischen Schwimmbassins genommen werden. Prietzke und anderen mag es ein Trost sein, daß auf trockene Jahre immer, vorausgesetzt, daß alles glatt abläuft, ein gutes Obstjahr folgt Vezlv. folgen kann. Die Dürre hat den Holztrled der Bäume gemäßigt und einen kolossalen Blütenansatz beförderte Von Schuppenhüllen vielfach umschlossen, überstehen diese Blüten» knospen schadlos den Winterfrost, um mit Erwachen des nächst- jährigen Frühlings weithin die Obstpflanzungen in blenden�» weißen und rosafarbigen Blütenschnee zu hüllen. Wesentlich ver. zögert wurden durch die Dürre die verschiedenen Herbstarbeiten, namentlich die Reupslanzung von Bäumen. Durch die große Trockenheit zögerten die Baumschulen mit dem Ausgraben und Versenden der bestellten Pflänzlinge, die erst jetzt zum Versand kommen und nach der Pflanzung reichlich bewässert werden müssen. Daß meine Ratschläge im vorigen Bericht, frostcmpfindlichs Pflanzen, Blumenzwiebeln und Knollen bald einzuwintern, an» Platze waren, bewiesen die Nachtfröste. Der erste Frost, dem die empfindlichen Gemüsepflanzen, wie Gurken, Kürbisse, Tomaten und Bohnen, zum Opfer fielen, stellte sich in der Nacht vom S. zum 7. Oktober ein. der zweite, weil stärkere Frost, in der Nacht vom 20. zum 21., in welcher das Thermometer auf— 7 Grad Celsius fiel. Was an Edeldalien. Begonien und sonstigen emp- findlicheren Blumen noch von diesem Frost getroffen wurde, das hatte den Todesstoß. Hier und da sind in einigen Gärten auch die spätesten Birnen und' Aepfel, di? man sonst gern bis zun, November an den Bäumen läßt, so von der Kälte getroffen worden» daß nichts anderes übrig bleibt, als sie rascheftcns zu MuS, oder bei größeren Massen zu Gelee zu verarbeiten. Die Hauptarbeit dcS Herbstes ist und bleibt das Graben. Im Sandboden muß aber auch mit dieser Arbeit noch gewartet werden, da das Erdreich, wie Prictzke sagt, immer noch Pulver» trocken ist, woran auch Nebel und Nachttau nichts ändern können, so daß es wie Staub vom Spaten herunterfällt. Der Parzellen, besitzer und Laubenkolonist soll aber bereits Vorbereitungen für diese Arbeit treffen, um bei geeigneter Witterung gleich damit beginnen zu können. Die wichtigste dieser Vorarbeiten ist die Beschaffung des Dunges. In Groß-Berlin liegen die Verhältnisse so, daß man sogenannten Straßenschlick fast umsonst und Kuh» dung sehr billig, für höchstens 10 Pfg. pro Zentner, bekommt, da die Meiereien im Innern der Stadt froh sind, wenn die Händler den Mist fortholcn, während Pferdedung doppelt, gewöhnlich aber dreimal so hoch bezahlt wird. Nun ist es aber verkehrt, anzu- nehmen, daß Pferdemist, weil er am teuersten, auch am besten sei. Nichts ist unrichtiger als dies; für unseren Sandboden ist Kuhmist entschieden vorzuziehen, weil er die Feuchtigkeit anhält und lange wirkt, während Pferdedung Hitze erzeugt und den an und für sich schon warmen Sandboden noch wärmer und trockener macht. Der hohe Preis des Pferdedunges rührt daher, daß er zur Anlage von Mistbeeten in Gärtnere ibctrieben fast unersetzlich ist, dazu kommt noch, daß er mit der Ueberhandnahme der, wie Prietzke sagt, verfluchten Automobile solange rarer wird, bis der letzte Gaul beim letzten Roßschlächter das Zeitliche gesegnet hat. Dann wird man vielleicht im Museum für Naturkunde in der Jnvalidenstratze einige präparierte„Pferdeäpfel" als Raritäten anstaunen. Wenn man die Gartenstädte der östlichen und nördlichen Vororte und die Laubenkolonien durchwandert, so sieht man häufig, daß die Kolonisten den angefahrenen Dung Wochen- und selbst monatelang auf Haufen liegen lassen. Es dürfte an der Zeit sein, daraus hinzuweisen, daß dies eine ganz verkehrte Maß- nähme ist, durch welche der Dünger ganz erheblich an lvichtigen Nährstoffen einbüßt. Er wird, auf Haufen liegend, durch das Regcnwasser ausgelaugt, abgesehen davon, daß bei solchem Lagern der Stickstoff in Form von freiem Stickstoff und als Ammoniak in die Luft entweicht. Schließlich kann man die Beobachtung machen, daß nur der Platz, auf welchem der Haufen lag, durch das Lagern überreichlich Nährstoff zugeführt erhielt, während von dem Mist, dessen Preis durch Verladen, Fracht und Fuhrspescn sich wesentlich verteuert, nichts als ein verhältnismäßig kleines Humushäufchen übrig blieb. Muß der gekaufte Dünger durchaus einige Wochen liegen, so empfiehlt es sich, den Haufen vollständig mit dem ihn umgebenden Erdreich abzudecken, um wenigstens das Enttveichen des Stickstoffs zu verhindern, und kann man das Grundstück nicht sofort graben, so ist es immer noch besser, den Dung schnellstens gleichmäßig über die Beete zu verteilen, für welche er bestimmt ist, weil dann wenigstens die durch die Niederschläge ausgelaugten Nährstoffe dem ganzen Lande gleichmäßig zugute kommen. Was ich vorstehend ausführte, das habe ich Herrn Prietzke haarklein mündlich auseinandergesetzt. Er hat'S begriffen und weiter erzählt, und von jedem, dem er es erzählt hat, ist er an- gestaunt worden. Prietzke will, ich muß es immer wieder in seinem Namen erklären, durchaus nicht berühmt werden, und wenn man ihm bei Lebzeiten in der Kolonie einen Denkstein errichten würde, er selbst ginge ihm immer, dessen bin ich sicher, aus innerer Scheu aus dem Wege, aber er kann es nicht verhindern, daß er bekannt und bekannter wird. Eine Folge dieses Bckanntseins ist es, daß er ständig mit brieflichen Zusendungen überlaufen wird; die Redaktionen von Fachzeitungen, Jahrbüchern und Kalendern er- suchen ihm um seine„hochgeschätzte" Mitarbeit, die verschiedenen Kolonisten- und Grundbesitzervereine um die Abhaltung von Vor- trägen. Die elfteren ziehen meist leer ab, denn Prietzke hat, offen gestanden, für literarische Tätigkeit keine rechte Meinung, weil er noch nach der alten Orthographie schreibt, mit welcher er es übrigens auch nicht so genau nimmt, lieber den„Kleingarten" als Dudens orthographisches Wörterbuch stubiert, tveil er keine B Minuien ruhig fitzen kann, und schließlich behauptet er, daß bei der Gelbgictzerei sein Hände zum Schreiben zu hart geworden lvären! jedesmal wenn cr einen Grundstrich machen will, gibt es einen furchtbaren Spritzer cmfs Papier, tlber auch mit den Vorträgen hat Pnetzke großes Pech; wohl kann cr reden, wenn auch nicht so gut wie seine Frau, aber er hat keine Lust, umsonst zu reden, denn auch die Abgeordneten lassen sich, wie er sagt, Diäten auszahlen, selbst diejenigen, die im Reichs- oder Landtage höchstens den Mund einmal zum Gähnen aufmachen. Prietzke vertritt als Redner den Grundsatz, nicht bonoriz causa, d. h. nicht der Ehre halber, sondern nur..kionoraris causa", also für bares Geld zu reden. Körperlich arbeiten will cr gern für TB Pf. die Stunde, aber reden nicht unter 10 M. Auf jede Einladung antwortet nun Prietzke zunächst mit seiner Forderung, weil aber in den Berliner Kolonien wohl Kartoffeln und Kohlrüben, aber keine Gold- und Silbererze gegraben werden, herrscht in den Kassen der Kolonistenvereine meist eine gähnende Leere, während das Bankkonto der wenigen Grundbesitzervereine, die sich rühmen, ein solches zu besitzen, meist furchtbar angegriffen ist, so daß man es wohl oder übel vorzieht, auf Prietzke als Vortragskünstler zu vcr- sichten. �16. Kleines f euilleton» Haarveränderung nach Krankheilen. Vor mehreren fahren erregte cS allgemeines und großes Aufsehen, daß jemand Krankheiten lediglich dadurch erkennen und danach heilen zu können erklärte, daß er, ohne die Leidenden sonst irgendwie zu untersuchen, ja vielfach ohne sie auch nur zu sehen, einige ihrer Haupthaare untersuchte. Tausende von Kranken eilten zu ihm hin, wohl aus Verzweiflung und Schwäche, und man wunderte sich, wie so etwas sich in unserem Zeitalter der Naturwissenschaft derart breit machen konnte. Und dennoch steckte in diesem Unsinn ein Pünktchen Wahrheit, freilich ohne daß der Heilende selbst davon Kenntnis hatte, und selbstverständlich ohne daß ihm dies auch nur irgendwie zur Ent- schuldigung angerechnet werden kann. Man weiß schon lange, daß nach gewissen Krankheiten die Haut sich in kleineren oder größeren Stücken vom Körper ablöst und von ihm abfällt. Man erklärt dies so. daß in der Krankheit die im Organismus-enthaltenen Sub- stanzen, die zur Ernährung und zum dauernden Wiederaufbau des Körpers dienen, stärker als sonst zur Heilung des erkrankten Körperteils herangezogen werden, so daß für die dauernd wieder- wachsende Haut wenig übrig bleibt, diese also sich in dieser Zeit nur schwach entwickelt, und diese schwachen Hautteile fallen dann sehr leicht ab. Aufmerksame Beobachter werden auch schon be- merkt haben, daß während einer Krankheit an einem oder mehreren Fingernägeln eine Querfurche entsteht, die nur ganz langsam verschwindet. Diese Erscheinung beruht auf einer ähnlichen Ursache, wie die an der Haut gemachte Beobachtung: in der Krankheit kann weniger Substanz zum Aufbau der Fingernägel verwendet werden, und so bildet sich in ihnen eine schwächere Stelle, die sich-eben als Ouerfurche darstellt. Vor einiger Zeit haben nun Aerzte. besonders Spezialisten für Haarkrankheiten, an den Haaren eine entsprechende Tatsache festgestellt. Sie fanden, daß bei Leuten, die gewisse Krankheiten, besonders solche fieberhaften Charakters überstanden hatten, an den Haaren eine ganz besondere Veränderung zutage tritt. Das Haar stellt dann nicht eine zhlindcrische Rühre mit überall gleicher Dicke dar, sondern es zeigt an einer Stelle eine Einschnürung, eine Verdünnung. In vielen Fällen kann diese üünnere Stellung nur bei der mikroskopischen Beobachtung erkannt werden, cS kommt aber auch vor, daß der erfahrene Arzt, der mit dem Aussehen der Haare durch vielfache Beobachtung genau vcr- traut ist, schon bei der Beobachtung mit dem bloßen Auge die Ver- ünderung merkt. Er sieht dann, daß der Betreffende, der ihn viel- leicht einer ganz anderen Ursache, einer Haarkrankheit wegen auf- sucht, eine Fieberkrankheit durchgemacht hat. Ja, er kann noch mehr aus der Veränderung de? Haares herauslesen. Er weiß, um wieviel ein Haar durchschnittlich in einem bestimmten Zeitraum, in einer Woche oder einem Monat, Ivächst, und wenn er dann zu- sieht, wie weit von der Haarwurzel die schwächere Haarstelle ent- fernt ist, kann er dem Patienten sagen, daß er vor so und so langer Zeit eine Krankheit hatte, und der Patient erstaunt nicht selten darüber, daß der Arzt ihm diese Mitteilung machen kann, ohne daß der krank Gewesene selbst etwas davon gesagt hat. Bei Männern freilich, die sich ja die Haare häufiger abschneiden lassen, kann diese Krankheitscrkenntnis nicht nach gar zu langer Zeit vor- kommen, weil eben inzwischen schon die verdünnte Haarstelle abgeschnitten ist; Frauen aber pflegen das Haupthaar niemals schneiden zu lassen, bei ihnen bleibt also auch die veränderte Stelle des Haare? noch lange erhalten, und bei ihnen kann der Arzt seine �Beobachtung auch noch nach längerer Zeit machen.— Literarisches. Ernst Preczang:„Im Strom der Zeit�. Gedichte. (Stuttgart. 1908. Verlag I. H W. Dietz Rachf.) Nicht der Titel. der in diefem Falle konventionell und verbraucht anmutet, sondern der Inhalt ist hier entscheidend. Was in den Blättern eines Buches geborgen ist, gilt als Aeußerung des Autors. Wenn er ein unbe- schricbenes Blatt geblieben, wird auch farblos nichtssagend sein. waS er gedacht und gedichtet hat. Der Kenner wird ihn sich zusammen- lesen müssen aus Teilchen, die anderen, dritten Individuen eigen sind. Ich sage mit Vorbedacht: der Kenner: denn eS gibt Leute, denen Talent nicht abgesprochen werden kann, die aber trotzdem bloß eine virtuose Assmulalionsfähigkeil besitzen. Unseren Poeten aber bewegt, indem er die Leiden und Kämpfe seines persönlichen Daseins bloßlegt, zugleich die gewaltige Idee des Vorwärtsdrängens. Seine Schmerzen sind die Schmerzen aller, seine Streite lind Siege sind auch die der Allgemeinheit. Beim arbeitenden Volke in erster Linie ist mithin der Platz, wo dieser Dichter hingehört, weil er hier wahrhaft verstanden wird. Man schlage sein Buch auf. wo man wolle: überall zeigt sich die befreiende, veredelnde Macht deS Sozialismus. Und diese Kraft tönt wieder in reinen, weihevollen Klängen. Da ist nichts von hohler Phrase. Bei Preczang ist alles echt und alles tief. Wir wollen aufwärts steigen. Es führt ein Weg zum höchsten Grat Durch Dornen und Gestein. Wir schlagen in den Felsen Die Stufen uns hinern. DaS ist mehr ab? Hoffnung und Glaube: daS ist jubelndes Siegesbeivnßtsein I Ich sage also- wo wir PreezangS gewichtiges Buch aufschlagen, sei es be, den prachtvollen„Sozialen Gedichten", die nahezu die Hälfte des Bandes füllen, sei es die Rubrik„Aus Natur und Wanderschaft", wo das Echo von der Kraft deS Werdens symbolisch mit dem Echo des volklichen Emporsprossens zusammen- klingt, sei es bei dem ZqkluS„Liebe", der die eigene Welt deS keuschen proletarischen EmpsindenS, aber auch des proletarischen Not- und KampflebeuS zart enthüllt, sei es endlich die Abteilung„Vermischte Gedichte", wo Ernstes und Nachdenkliches, LebenStöne und sinnbildliche Deutsamkeilcn ineinanderbcben:— allüberall spricht ein eckrer Poet. Preczang? BerS- und GedankcnrhythmuS bildet, eine schöne Harmonie. Seine bewundernswerte Formvollendung wird erllärlich durch die Quelle eines tiefen GemütSlebenS, aus der sie hervorsprudelt und durch welche sie ihre beseelte und beseelende Melodie empfängt. o. k. Ans dem Tierreiche. Die Familie der Giraffen. Obgleich die Giraffe in keinem größeren zoologischen Garten zu fehlen pflegt, ist es noch nicht allzu lange bekannt, daß die Gattung der Giraffe eine ganze Reihe von Arren oder Unterarten enthält, die sich durch die Form deS Schädels und das Fell unterscheiden. Die englischen und deutschen Naturforscher unterscheiden deren nicht weniger als elf, die in wohl abgegrenzten Gebieten zu Hause sind, da ja das Vor- kommen der Giraffe stets an den einer beftiminten Baum- art, der.Aoacia giraffaa, gebunden ist, deren Laub ihre Lieblingsnahrung bildet. Die Menagerie des Jardin deS Plantes in Paris bat nun. wie in dem Sitzungsbericht der Pariser Akademie der Wissenschaften mitgeteilt wird, ein be- sonders interessantes Giraffeneremplar erhalten, dcsien Studium eine wertvolle Bereicherung der zoologischen Kenntnisse verspricht. Es«st ein junge? Tier aus der Gegend von Timbuktu. d. h. au§ der nord- westlichen Ecke deö gesamten Verbreitungsgebietes. ES ist wohl die erste Giraffe aus jener Gegend, die man lebend zu beobachten Ge- legenheit hat, da die Giraffe der zoologischen Gärten und Menagerien fast ausschließlich aus Oberägypten stammt, sie gehört zum Typus der Giraffe des südlichen Sudan und ist ein Mämicheu von neun Monaten, daS nur zweieinhalb Meter hoch ist. DaS Fell weist polygonale verstreute Flecken von hellkastanienbrauner Farbe auf weißlich-gelbem Grund auf. Der Sudan-Typus tritt in der Zeich- nung dadurch hervor, daß mehrere Flecken an der Basis des Halseö und an den Schultern ein„Auge" in hellerer Färbung besitzen. An der Spitze der Hörner stehen große, schwarze Haarbüschel. Die Kopfform ist sehr eigenartig. Die Schnauze ist spatel- förmig abgeplattet, und die Nüstern treten nur hervor, wen» das Tier einen Gegenstand beschnuppert. Die Ober- lippe ragt sehr stark über die llntcrlippe vor. Die Schädel- bildung nähert sich der Form der Giraffen aus Kordofan und Nigeria. Im allgemeinen zeigt das Tier die Eigenschaften, die man mit Hin- blick auf seinen Ursprung erwarten konnte. Ganz selbstverständlich ist dies jedoch nicht, da die meisten Säugetiere SenegambienS, namentlich die Affen und Antilopen, sich sehr deutlich von denen des östlichen Afrika unterscheiden. Die Mittclform zwischen der nubischen Art einerseits und der in Nigeria und Kordofan heimischen andererseits ist zum erstenmal zur Beobachmng gelangt. Jedenfalls hebt sich diese ganze Gruppe scharf von der Giraffe des SomalilandeS, der des Kiltinandscharo oder des Gebiete« der großen Seen und der von Ostafrika ab Namentlich die Zeichnung unter- scheidet die verschiedenen Arten in sehr augenfälliger Weise. So stehen bei der Soinali-Giraffe die Flecken so dicht, daß sie fast zusammenfließen und man einfach ein weißes Netz auf braunein Grunde sieht. Berantiv. Redakteur: Georg Davidsohn« Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerci u.Verl»g»anjtaItUaul Singer LrEo..BerlinL Vi.