Mnterhaltungsblatt des Horwärt s Nr. 220. Donnerßtaq den 12 November. 1908 (Nachdruck verdoken.) 811 Hndreaa Vsrt. Bauernroman von Ludwig T li o m a. „Her— rein!" Otteneder wandte sich um und blickte auf die zwei Bauern, welche eintraten. Der jüngere, hochgewachsene Mann kam ihm bekannt vor: er hatte das scharfgeschnittene Gesicht schon irgendwo gesehen. „Wer sind Sie? Was wollen Sie?" „I bin der Schuller von Erlbach. Andreas Bost schreib' i mi." „Ach, richtig! Der zum Bürgermeister gewählt war?" „Ja. Wo Sie dös Schreiben'nausgeschickt Hamm." „Mhml Sie kommen vermutlich wegen der Sache?" „Desweg'n bin i da." „So. so. Warten Sie einen Augenblick!" Ter Bezirksamtmann stand auf und zog die Klingel. Der Amtsdiener trat ein. „Gel>en Sie zum Herrn Offizianten hinüber. Er soll Ihnen den Akt geben: Gemeindewahl in Erlbach." „Jawohl, Herr Bezirlsaintmann." Otteneder setzte sich wieder und schlug das rechte Bein über das linke. Er nahm ein Lineal vom Tische und spielte nachlässig damit. „Sie wollen sich beschweren?" „Z'erscht kimm i zu Eahna selm, Herr Bezirksamtmann." „Schön. Aber wer is denn Ihr Begleiter?" „Dös is der Florian Weiß von Erlbach: früherSzcit war er der Metzbauer, jetzt lebt er im Austrag." „Hat er mit der Sache was zu tun?" „Eigentli Hab' i mit der Sach' selm nix z'toa," sagte Weiß.„Da Schuller hat mi g'rad mitg'numma. weil i Kirchapfleger g'wen bi und an Psarra Held guat kennt Hab'." „Das ist doch nicht von Belang! Ich denke. Vöst, bei dieser Unterredung haben wir besser keinen Zeugen. In Ihrem Interesse." „Herr Bezirksamtmann, is dös vcrbot'n im G'setz, daß da Weiß dableibt?" „Nein: für so etwas gibt es kein Gesetz. Aber eS ist unnötig und vielleicht auch für Sie unangenehm." „Wenn's net verboten is, nacha lassen S' an Weiß dal Was i sag', derf a jeder hör'n." „Gut, meinetwegen. Haben Sie den Akt, Maperhofer?" Der Amtsdicner überreichte Otteneder ein blaues Hest. Dieser las die Aufschrift. „Betreff Gemeindewahlen in Erlbach. Stimmt. Sie können gehen, und wenn jemand kommt, soll er warten. Ich will nicht gestört werden." Otteneder legte das Heft vor sich hin und schlug es auf. „Also. Vöst. Sie sind am t8. November zum Bürger- Meister gewählt worden. Mit neun Stimmen Mehrheit. Die Wahl ist ordnungsgemäß verlaufen. Das stimmt?" „Ja. Herr Bezirksamtmann." „Dann gehen wir weiter. Sie wissen, daß jede Ge- meindewahl von dem zuständigen Bezirksamte bestätigt Werden muß. Die Ihrige also von mir. Die Wahl ist erst gültig, wenn ich als Vertreter der Aufsichtsbehörde die Ge- 'nehmigung erteile." „Dös is alles so cing'richt," sagte Weiß. „Was ist eingerichtet?" moan bloß, weil i an Schuller scho dös nämliche ausdeutscht Hab' beim Einafahr'n." „So? Das ist ja anerkennenswert, wenn Sie Bescheid wissen, aber unterbrechen Sic mich nicht I Also die Gültigkeit hängt von der Bestätigung ab. Es ist wohl nicht notwendig, daß ich Ihnen ausführlich erkläre, warum die Staatsregierung sich dieses Recht gesetzlich vor» behalten hat?" „Mir wissen's recht guat." sagte Weiß. «Das bezweifle ich. Uebrigens Hab ich es nicht mit Ihnen zu wn. sondern mit dem Vöst. Wünschen Sie eine Nechtsbelehrung? Ich verweigere sie grundsätzlich nie." „Na, Herr Bezirksamtmann, j will ganz was ander» wissen." „Darauf kommen wir gleich. Mein Recht, einer Wahl die Bestätigung zu versagen, ist durch das Gesetz festgelegt. Und ich habe in Ihrem Falle von diesem Rechte Gebrauch ge- macht." „Warum. Herr Bezirksamtmann?" „Das ist in meinem Beschlüsse ausführlich begründet. Ich will es Ihnen vorlesen, wenn Sie darauf bestehen." „I dank schö. Dös hat gestern scho inser Lehrer to." „Schön. Dann kann ich mich darauf beschränken, aus diese Griinde hinzuweisen. Kurz und gut. Vöst. ich habe ouS den Ihnen bekannten Tatsachen die Ueberzeugung gewonnen, daß Sie sich für diese Ehrenstelle nicht eignen." „Also, daß i a Lump bin." „Wir wollen keinen solchen Ausdruck wählen. Das führt zu nichts." „Derf i jetzt reden?" „O ja." „Sie Hamm g'sagt, kurz und guat, Herr Bezirksamt» mann. Dös is aber net guat, und dös derf net kurz sei, wenn ma'r an Menschen sei Ehr' nimmt. Sie Hamm g'sagt, wegen de bekannten Tatsachen halten Si mi net für den richtigen Mann. De Tatsachen san aber net bekannt: net amal mir. Weil's überHaupts koane Tatsachen net san. sondern auf und auf nix als wia miserable Lugen und Verleumdungen." „Einen Augenblick, Vöstl Ich habe nichts dagegen, Sie anzuhören, aber Sic dürfen nicht in diesem Tone reden." „Vielleicht Hamm Sie schönere Wörter, als wia'r i. I bin bloß a Bauer. Aber was taten Sie dazua sag'n, wenn auf amal über Eahna was g'sagt wurd', toas recht Gemein's? So was Gemein's, wo Sie glei merken, es is a so herg'richt, daß's Eahna recht schad'n soll? Und Sie wissen, net oa Silben is wahr, taten Sie net aa reden von aa Lug? Oder was gibt's da für an andern Nam'?" „Ich würde mich nicht auf Schimpfen verlegen, sondern mit Ruhe und Anstand das Unrecht nachweisen." „Entschuldigen S' halt! Und erlauben S' de Frag', Herr Bezirksamtmann, was hat Eahna zu der Ueberzeugung bracht, daß i z'schlecht bin, oder net geeignet, wia Sie sag'n?" „Zunächst der Umstand, daß Sie Aergernis gegeben haben, durch die Mißhandlung Ihres Vaters." „Und woher wissen Sie den Umstand." „Das ist Ihnen doch bekannt! Warum fragen Sie michF Aus der Aufschreibung Ihres verstorbenen Pfarrers." „Vom lebendigen Pfarrer Held hätten S' des kaam g'hört. An de Aufschreibung glaab i net, Herr Bezirksamt- mann." „Wie können Sie das sagen?" „Weil i an Herrn Held kennt Hab'. Ob de Ausschreibung wahr is. dös muaß i do wissen I I muaß do wissen, ob i mein Vater mißhandelt Hab' oder netl" „?lllerdings." „Ja. allerdings. Und weil i lvoaß, daß's net ivahr iS, kann i sag'n, dös hat der Herr Held net g'schrieb'n. Der war koa Lump." „Noch einmal. Vöst, führen Sie Ihre Sache mit Ruhe, oder ich breche diese Unterredung abl" „Ja sol I bin scho wieder grob g'wen. Vielleicht hat'S der Zorn g'macht, daß ma den Mann no als a Toter in de Sach' da rei'ziagt." „Wer zieht ihn herein? Es handelt sich um seine eigene Aufschreibung."' „Und i glaab's net. Na. wcrn S' net ungeduldig. Herr Bezirksamtmann! Sie Hamm an Herrn Held vielleicht a paarmal g'sehg'n, vielleicht aa gar net. Mir hat er von kloan auf Religionsunterricht geb'n, hat mi in der Christenlehr' g'habt. Er hat mi und mei Bäurin kopuliert, is auf meiner Hochzeit als ehrcngeachteter Gast g'wen, und hat meine Kindel aus da Tauf' g'hob'n. Wo i mit eabm z'samm'troffen bin, is er freundli g'wen zu mir, hat mi tröst, wenn i'L braucht Hab', und hat mir an Rat geb'n. Er hat mi g'lobt, alloa und vor Zeugen, weil er recht guat g'wußt hat, daß i mi recht- schaffen Hab' plag'n müassen. Und dös is allawei gleich g'wen, es hat nia ausg'hört: no vierzehn Tag' vor sein Tod ls er bei mir g'wen, in mein Haus. Und jetzt müaßt i glaab'n. Ser Hütt' a Verleumdung über mi g'schriebeu. Was tva ,r den,'Ls?" „Tt.rüber'tmn ich nicht urteilen; ich weiß das alles Nicht." „Was nm k et selber woaß, ko ma dersrag'n. Ta is der Weiß, der mir dös bestätig'n muaß." „WaS soll er bestätigen?" „Wia der Herr Held geg'n mi g'wen is." „Das kommt jetzt nicht.. Weiß unterbrach die von Gott gesetzte Obrigkeit mitten im Satze. Er hielt es für angezeigt, endlich ein richtiges Wort zu sa.-en. Nicht schnurgerade wie der Schuller, sondern so, wie es einem Manne ansteht, der das heimliche Getriebe durchschaut und sich gründliche Kenntnisse verschafft hat. Er stellte den rechten Fuß vor. und blinzelte schlau. Seine Augen sagten dem Bezirksamtmann, daß sie zwei sich wohl verständen, wenn sie auch nicht deutlich redeten. (Fortsetzung folgt.)? (Nachdruck verdotcn.Z � Die Kolakcn. Von Leo Tolstoi. Der Geizhals, ich mag ihn nicht, antwortete der Alte. Ver- reckt er, so bleibt doch alles hier. Für wen sammelt er? Zwei Häuser hat er gebaut. Einen zweiten Garten hat er dem Bruder abgezwackt, und wag für ein Hund ist er in Schreibsacken! Von den anderen Dörfern kommen sie zu ihm. um Schriftstücke auf- zusetzen. Und wie er schreibt, immer geht's gut aus. Er trifft immer das Richtige. Aber für wen sammelt er? Er hat nur einen Knaben und ein Mädchen. Die verheiratet er, dann bleibt nie- mand im Haus. So sammelt er also zur Mitgift? Was für Mitgift? Das Mädchen nimm» man so. Ein präch- tigeI Mädchen! Aber er ist ein solcher Teufel, er sucht nach einem reichen Schwiegersohn. Er möchte noch ein großes Brautgeld her- ausschlagen. Da ist ein Kosal Luka, mein Nachbar und Verwandter, ein vortrefflicher Junge, der den Tschelschenzen getötet hat, der wirbt schon lange um sie, aber er gibt sie ihm nicht. Bald hat er dies, bald jenes. Das Mädchen ist noch zu jung, sagt er. Ich weiß aber, was er meint. Er will, daß sie ihm mit Geschenken kommen. Aber der Lukaschka kriegt sie doch, denn er ist der erste Kosak im Dorfe, ein Dshigit, er hat den Abreken getötet und wird ein Kreuz bekommen. Und waS bedeutet daS? Als ich gestern auf dem Hofe hin und her ging, sah ich, wie die Wirtstochter einen Kosaken küßte, sagte Olenin. Das kann nicht wahr sein, rief der Alte und blieb stehen. Wahrhaftig, sagte Olenin. DaS Weib ist ein Teufel, sagte Jcroschka nachdenklich. Wie sah der Kosak aus? Das habe ich nicht gesehen. WaS für ein Abzeichen trug er an der Mütze? Ein weißes? Ja. Und einen roten Rock? In Deiner Größe etwa? Rem größer. Er ist's.— Jcroschka lachte.— Er ist's, mein Marka. Kein anderer, Lukaschka. Ich nenne ihn Marka zum Scherz. Wahr- haftig, er ist'S, so habe ich ihn gern. Ganz so war ich, mein Freund. Sind sie denn nur zum Ansehen da? Mein Schätzchen konnte mit der Mutter, mit der Schwägerin zusammenschlafe!!, ich kroch doch zu ihm. Einstmals, sie wohnte hoch oben— die Mutter war eine Hexe, ein Teufelsweib, nicht ausstehen konnte sie mich— ich komme mit meinem Kumpan— will sagen mit meinem Freunde—, Girtschik hieß er, ich komme an das HauS, krieche auf seine Sckultern. hebe das Fenster aus und taste herum. Sie schlief ganz nahe auf der Bank. Ich wecke sie. Sie springt auf. Sie hatte mich nicht erkannt. Wer da? Ich durfte doch kein Wort sprechen. Schon rührte sich die Mutter. Ich nahm die Mütze vom Kopfe und drückte sie ihr auf das Frätzchen. Sic erkannte mich gleich an dem Saum, der an meiner Mütze war. Sie sprang auf. Es kam auch vor, daß ich gar nichts wollte. Da holte sie Eierkuchen und Weintrauben. Alles schleppte sie herbei— fuhr Jeroschka fort und erläuterte alle? mit Gebärden.— Und sie war nicht die einzige. DaS war ein Leben l Und was jetzt? Jetzt wollen wir dem Hunde nachgehen, und haben wir einen Fasan auf einen Baum gejagt, dann geht das Schießen los. Würdeft Du Mvrianta nachstellen? Achte lieber auf den Hund. Abends will ich Dir zu Ende er- zählen, sagte der Alte und wies auf seinen Lieblingshund Ljam hin. Sie schwiegen«ine Weile. Nachdem sie dann etwa hundert Schritte plaudernd gegangen waren, blieb der Alte wieder stehen und zeigte auf eine Rute, die über den Weg lag. Was denkst Du davon? sagte er. Du denkst, das bedeute nichts. O nein, dieser Stock liegt schlecht. Schlecht? warum? Er lachte.__ Du weißt auch gar nichts. Paß ausl Wenn ein Stock so liegt, gehe nicht über ihn weg, gehe entweder herum oder schiebe ihn aus dem Wege, und sa�e das Gebet:„Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes." Dann gehe in Gottes Namen weiter. Dann tut'S Dir nichts. Das haben mich die Alten gelehrt. Ach was für Unfinnl sagte Olenin. Erzähle mir lieber etwas von Mariana. Sag', sie geht mit Lukasckka? St.... still jetzt, unterbrach der Alte wieder flüsternd dieses Gespräch. Paß nur auf, wir gehen jetzt um den Wald herum. Und der Alte ging in seinen Porschni unhörbar voran, den schmalen Pfad entlaug, der in den dichten Urwald hineinführte. Er sah sich mehrmals mürrisch nach Olenin um, der mit seinen großen Stiefeln Geräusch mackte und öfter mit seiner Flinte, die er unvor- fichtig hielt, an die welken Zweige stieß, die über den Weg hingen. Mach' kein Geräusch, geh' leiser, Soldat, rief er ihm ärgerlich flüsternd zu. Man fühlte an der Lust, daß die Sonne aufgegangen war. Ter Nebel teilte sich, hing aber nock in den Gipfeln der Bäume. Der Wald ersckien ungeheuer hoch. Mit jedem Schlüte, den sie vorwärts gingen, veränderte sich die Aussickt. Was ein Baum zu sein schien» erwies sich als ein Strauch; ein Schilfrohr hatte wie ein Baum aus- gesehen. 19. Der Nebel stieg höher und ließ nur die feuchten Schilfdächer unsicktbar oder er verwandelte sich in Tau und benetzte den Weg und daS Gras an den Zäunen; überall stieg Rauch aus den Schorn-' steinen empor. Die Alten kamen aus den Dörfern. Die eine» gingen zur Arbeit, die andern an den Fluß, noch andere noch der Grenzwache. Die Jäger gingen nebeneinander über den feuchten, grasbewachsenen Steg. Die Hunde liefen neben ihnen her. wedelten mit den Schwänzen und sahen sich nach ihren Herren um. Myriaden von Mücken schwirrten durch die Luft, verfolgten die Jäger und be- deckten ihnen Rücken, Augen und Hände. Es duftete nach Gras und feuchtem Wald. Olenin sah unaufhörlich nach dem Wagen, in welchem Marianka saß und die Ochsen mit der Rute antrieb. Rings war es stille. Die Laute, die bisher aus dem Dorfe herüber- geklungen waren, erreichten die Jäger nicht mehr. Nur die Hunds knisterten im Gebüsch und bellten von Zeit zu Zeit die Vögel an. Olenin wußte, daß der Wald gefährlich sei, daß die Abrelen sich immer an diesem Ort verbargen, er wußte auch, daß im Wald die Flinte ein starker Schutz für den Fußgänger war— nicht daß er Furcht gehabt hätte, aber er fühlte, daß ein anderer an seiner Stelle Furcht haben könnte. Und er spähte mit angespannter Auftnerk- samkeit durch den nebeligen Wald und lauschte auf die schwachen Laute, die sich selten vernehmen ließen, faßte die Flinte fest und empfand ein angenehmes Gefühl, das er noch nie empfunden hatte. Onkel Jcroschka ging voraus. Bei jeder Pfütze, an der er Doppel- spuren des Wildes wahrnahm, blieb er stehen und betrachtete sie aufmerksam und zeigte sie Olenin. Er sprach fast nichts. Nur selten und flüsternd machte er seine Bemerkungen. Der Weg, auf dem sie gingen, zeigte Spuren eines Wagens, war aber längst mit Gras bewachsen. Der Ulmen- und Platanenwald war von beiden Seiten so dicht und laubreich, daß man nirgends hindurchsehen konnte. Fast alle Bäume waren von oben bis unten mit wildem Wein umschlungen. Unten wuchsen dichte Schlehdornsträucher; jedes kleinste Fleckchen war mit Brombeergebüsch und Schilf bewachsen, dessen graue Köpfe sich hin und her bewegten. An vielen Stelleu führten große Wildfährten, kleine tunnelartige Fasan-nspuren von dem Walde in das Dickicht. Dies üppige Wachstum des Waldes, den das Vieh nie betreten, überraschte Olenin, der in seinem ganzen Leben nie etwas Aehnliches gesehen hatte, bei jedem Schritte. Dieser Wald, die Gefahr, der Alte mit seinem geheimnisvollen Flüstern, Marianka mit ihrer mannhaften, schlanken Gestalt und die Berge— alles erschien Olenin wie ein Traum. Er hat einen Fasan gestellt, flüsterte der Alte, schaute sich um und drückte seine Mütze ins Gesicht.— Decke Dein Gesicht! ein Fasan!— Er winkte Olenin ärgerlich zu und kroch fast auf allen Vieren weiter.— Ein menschliches Gesicht hat er nicht gern. Olenin war noch weit zurück, als der Alte stehen blieb und nach dem Baume spähte. Der Hahn kräht« herab auf den Hund, der ihn anbellte, und Olenin bemerkte den Fasan. In diesem Augenblick ertönte ein kanonenähnlicher Schuß aus JeroschkaS großer Flinte.. Der Hahn schüttelte sich, sträubte seine Federn und fiel zu Boden. Während Olenin auf den Alten zukam, schreckte er einen zweiten auf. Er legte an, zielte und traf. Der Fasan überschlug sich, blieb in den Zweigen hängen, dann fiel er wie ein Stein in das Dickicht nieder.- Vortrefflich! schrie der Alte, er hatte eS nicht fertig gebracht, im Fluge zu schießen. Sie hoben die Fasanen auf und gingen weiter. Olenin. den die Bewegung und daS Lob angeregt hatten, ward nicht müde, auf den Alten einzureden. Hall hier geht'S weiter. Gestern habe ich hier eine Hirschfährte gesehen. Sie bogen in das Dickicht ein, gingen etwa dreihundert Schritt, dann kamen sie auf eine Wiese, die mit Schilf bestanden und hi« und da mit Wasser bedeckt war. Olenin blieb hinter dem alten Jäger zurück, und Onlel Jeroschka, der ihm etwa zwanzig Schritte voraus war. kauerte zusammen, nickte ihm bedeutungsvoll mit dem Kopse zu und lvinkte mit der Hand. Als Olenin ihn erreicht hatte, bemerkte er die Fußspuren eincZ Menschen, auf welche der Alte hinwies. Siehst Du? Ja, nun was? sagte Olcnin und bemühte sich, ruhig zu sprechen— eine Menschenspur. (Fortsetzung föißr.j Sardou und das deutfebe tTbeater. Die literarische Anekdote erzählt's und vielleicht ist es Wahr- heil, daß Sardou, der Tausendkünstler des Bühneneffekts, einmal als Dichter begonnen hat und dann erst, als er kern Verständnis fand. Bühnenware zu fabrizieren begann Was immcr daran ist. das bat er jedenfalls meisterhaft verstanden, ein Publikum zu be- friedigen, das von der Bühne weder Kunst noch geistigen Gehalt, wohl aber atemraubende Spannung und angenehmes Gruseln ver- langte. Dieses Publikum selber war ein Ergebnis der kapiia- listiichen Enlwickeiung, das dem Bürgertum jede höhere und tiefere Richtung genommen hatte. Als Deutschland nach 70 in ähnlicher Weise„luliurreis" wurde. waren die deutschen Geschäftsreisenden in Literatur, die, kapitalistischer Instinkte voll. Literatur und Thealer zu ihrer Geschäftsdomäne erkoren, sogleich an der Arbeit. Sardou bei uns auszuschlachten und nachzumachen. Das goldene Zeitalter der Lindau, und Lubliner dezeichnet den tiessten Stand des deutschen Theaters, daS zu einer reinen Domäne der franzöfischen Theoterroulme und schlechter deutscher Nachahmung wurde. Die deutsche Bourgeoisie begann ihren nationalen Ausichwuirg mit dem Verrat an der nationalen Literatur, die nicht mehr und noch nicht ihren neuen Instinkten angepaßt war, und deckte ihre Bildungs- und Unterhalrungs- bedürstiisie durch Export aus dem Lande, das ihr in der neuen Phase bürgerlicher Eulwickelung bereits vorausgeeilt war: aus Frankreich. Heber die Rolle, die Sardou damals und später auf dem deutschen Theater gespielt hat. schreibt Dr. P. Landau: Die eigentlichen Vorkämpfer ffir das Drama der Franzosen und besonders für Sardou wurden die beiden Helden damaliger deutscher Kritik, Paul Lindau und Oskar Blumenthal. Lindau wies immer Wieder auf die Kunst der Franzosen hin. von denen di« Deutschen „das Handwerk d«ö Dichtens" lernen müßten, denn.die Bühne wirkt wesentlich durch das Aeußerlichc*. In seinem Schauspiel „Maria und Magdalena" übertrug er zuerst den Geist und die Technik des Sardouscheu GesellichaftsstückeS auf deutsche Berhältuiffe. Sein Erfolg eiferte die anderen Dramatiker zur Nachahmung an. Selbst L'Arronge verließ den goldenen Boden des VolkSstückes und schloß sich in.Haiemannö Töchtern" an die.Familie Benoiton" au. Der sklavischste Nachahmer SardouS ist damals der vielgespielte Hugo Lubliner geweien, der sich Bürger nannte. Seine„Gabriele" zeichnet die Figuren und Situationen aus SardouS„Fernande" in einer plump unmöglichen Form nach; die Horts konnten mit Recht von dem Fluch lalenilofex Nachäfferei reden, dem di« deutschen Bühnendichter versallen seien. SardouS Vorliebe für Kriminalstücke, die große Gerichts- Verhandlung in„Ferröol" Veranlaßken selbst Wilbrand und Richard Loh. ähnliche Sphären auszusuchen. Sowohl Ml- brandS„Tochter des Herrn Fabricius" wie Boß' Dramen „Alexandra" und„Schuldig" lasten deutlich den Einfluß d«S BerfafierS der„Dora" erkennen. Blumenthal ist in seinem Lob SardouS zurückhaltender; er verwirft den Schilderer menschlicher Tragödien, läßt aber dafür desto uneingeschränkter den überlegenen Spötter und Humoristen gelten. So zeigt ihm denn die„edlere Hülste des Erben ScribeS daS geistbelebte, von einem Lächeln um- spielte Profil eine« Satirikers, desten fich das Baterland von Maliere. Rabelais und Bollair nicht zu schämen braucht". Blumentbals erste und beste Lustspiele, fein„Probepseit" und„Die große Glocke". zeigen noch deutlicher als die« literarische Lob, welch' große Bor- züge er in den lomikchen Szenen SardouS fand und wie geschickt er sie für seine Zwecke auszunutzen wußte. Die sensationellen Sittenstücke SardouS, in denen gesellstbastliche Probleme bebandelt wurden, haben manchen Zug in der Dramatik Sudermanns be- ftimmt. Das Milieu von„SodomS Ende" gemahn» etwa an die Sphäre der„Odette", und nicht nur der Chor der räsomerenden Rebenpersonen, sondern auch die Helden der„Heimat" finden ihre Parallelen in dem Werk des Franzosen. Als letzter Nachfahr der Sardouichen Manier tritt dann Felix Philipps aus, der oen Hang zum Aktuellen und Sensationellen bis inS Unerträgliche vergröbert. Nnlerdesten aber hatte längst in Deutschland der Kampf gegen Sardou eingesetzt. Die Brüder Hart zogen in ihren„kritischen Wastengängen" gegen diese Veräußerlichende Bühnenmache, die alle inneren Werte de« Gefühls und der wahren Leidenschast ausschied. mannhaft zu Felde und Heinrich Bulthaupt schrieb 1887 sein kluges Schrislchen„Dumas, Sardou und die jetzige Franzosenhernchast auf der deutschen Bühne". Die nawralistitchc Kunst schuf neue Werte und brachte neues Leben. Wie Zola zuerst m Frankreich gegen Sardou aufgetreten war, so verdrängten die deutschen Naturalisten den Franzosen und seine deutschen Nachahmer aus der Literatur und verwiesen ihn aus das Gebiet der reinen Theaterwirkung, das er noch lange beherrsch e. Z e» lärmende Erfolg seiner bunten Szenen aus der Geschichte, vie,:£*. midor" und„Madame Sans-Gsne" hat die Enüvickelung der dei lschen Literatur nicht mehr berührt. �eitgernälks über die Blinden fcbrift. Kon Karl K u h l S. Es liegt mir der Brief eineS Blinden vor, der folgende charakteristische Stellen enthält: „ES war im Jahre 1901, als ich, damals zwanzig Jahre alt, bei Ausübung meines Berufes infolge schwerer Explosion meines Sehvermögens fast vollständig beraubt wurde.... Durch diesen schweren Unfall zur Untätigkeit verurteilt, wurde ich in der Folge- zeit oft von Langeweile geplagt. Sie werden mir doch glauben, daß ich mich glücklich sÄ)ätzte. als ich im vorigen Jahre Gelegenheit hatte, durch Herrn E. in Bielefeld das System der Punktschrist zu erlernen.... Zum Schluß hoffe ich, daß es Ihnen nicht unmöglich sein werde, diese Zeilen zu lesen. Ich habe dieselben eigenhändig unt Hilfe einer von mir erfundenen Schreibtasel geschrieben. Dieser Apparat ist sehr einfach, für jeden Schicksalsgenoffen mit Leichtigkeit anzuwenden.... Es würde mir eine Freude sein, so manchem mit dieser Tafel«in» Wohltat erweisen zu können..., \V. W." AuS diesem Schreiben ist zunächst zu ersehen, daß ein in- telligenter Mensch, der schon im Jahre 1901 das Unglück hatte, zu erblinden, erst im vorigen Jahre„so glücklich war", das System der Punktschrift zu erlernen. TaS muß im höchsten Grade be- fremden, denn es ist doch kaum denkbar, daß es dem Manne au Jntereffe oder Fleiß gefehlt habe, sich diese für die Blinden so wichtige Kenntnis anzueignen, um so mehr, als er selbst darauf bedacht war, einen für Blinde verwendbaren Schreibrahmen für gewöhnliche Schrift zu konstruieren. Es bleibt also nur Raum zur Annahme daß er jahrelang vom Vorhandenseiu der Punkt- schrift nichts wußte, oder daß die Erlernung für ihn mit den größten Schwierigkeiten verknüpft war. Diejenigen, deren Pflicht es wäre, für die Verbreitung der den Blinden unentbehrlichen Kenntnisse Sorge zu tragen, glauben genug getan zu haben, wenn fie ihnen bei der Erlernung behilflich sind,— falls ihre Hilfe gesucht wird. Da nun aber auch unter den Sehenden ein nur verhältnismäßig geringer Teil von der Existenz der Blindenschrift oder der Bibliothek für Blinde etwas weiß" so ist es gar nicht zu verwundern, daß, wenn einer dieser Sehenden das Unglück hatte, zu erblinden, er keine Ahnung davon hat, welche Hilfsmittel ihm zu Gebote stehen. Doch fürs erste einige Worte über die Blinden- oder Punkt- schrift. Es ist bekannt, daß sich bei den Blinden der Tastsinn meist außerordentlich fein ausbildet. Darauf beruht das Prinzip der Schrift. Es gibt deren mehrere Systeme. Für den praktischen Gebrauch kommt gegenwärtig hauptsächlich die vom Blinden LouiS Braille, einem Lehrer der Pariser Blindenanstalt, bereits im Jahre 1829 erfunden? in Betracht. Die Braillesche Punktschrift besteht aus 63 Zeichen, wovon keines mehr als ü Punkte hat. Außerdem gibt es noch Rotenzeichen. Die Zeichen werden aus Punkten zu- sammengesetzt, die mittels geeigneter Vorrichtungen in das Papier eingedrückt werden. Es find meist Apparate, welche durch geeignete Tafeln und Lineale dem Blinden die Möglichkeit geben, die Buch- staben sicher in geordneten Zeilen zu schreiben oder vielmehr ein- zudrücken. Der vielfach im Gebrauch stehende englische Apparat besteht aus einer Tafel als Unterlage und zwei linealartigen Metallstreifen, die genau aufeinauder paffen. Im obersten Lineal befindet sich eine laufende Reihe rechteckiger Ausschnitte. Die Reihe entspricht einer Zeile. Jeder Aussckmitt bildet den Umriß für einen Buchstcchen, und ist doppelt so hoch als breit. Er bietet Raum für 6 Punkte, und zwar: für 2 Punkte in den beiden oberen, für zwei in den beiden unteren Ecken und für zwei an den beiden Rechtcckseiten in der Mittellinie. DaS untere Lineal dient dazu, daß die Punkte stets an der richtigen Stelle eingedrückt werden. Es sind nämlich entweder darin der Form deS Rechtecks entsprechend die Punkte durch Vertiefungen markiert, oder das Lineal hat seiner ganzen Länge nach drei Rillen, welche der oberen, mittleren und unteren Linie der Rechteckreihe entsprechen. Ter Bogen Schreibpapier wird durch 3 Stifte auf der Tafel be- festigt und dann werden die Lineale so gestellt, daß das unterste unter, das oberste über den Papierbogen zu liegen kommt. Run kann der Blinde mittels eines Schreibstiftes mit Leichtigkeit Buch- staben an Buchstaben reihen; er braucht eben nur dem Gefühl nach in die sechs markierten Stellen eines jeden Rechteckes die dem Buchstaben entsprechenden I. 2, 3 usw. Punkte einzudrücken. Da fich aber die Eindrücke nur auf der erhabenen Seite durch den Taftsinn mit Leichtigkeit wahrnehmen lassen, so schreibt der Blinde von rechts nach links und drückt daS umgekehrte Bild der Buch- staben in das Papier ein. Nach Fertigstellung der Schrift brauch das Papier nur umgekehrt zu werden, um durch Betastung mit den Fingerspitzen in der Zr.lenrichtung von links nach rechts gelesen werden zu können. Beim ebenfalls sehr verbreiteten Dresdener System kommt nur ein oberes Lineal mit Ausschnitten zur Verwendung und dafür ist die ganze Tafel durch Rillen markiert. ES ist klar, Käß eine große Hebung dazu gehört, um in ge- tvöhnlicher Punktschrift einigermaßen sckmell schreiben unt> lesen gu können. Dannt die hcrgestclllen Schriftstücke dauerhaft sind, müssen sie auf ziemlich festem Papier geschrieben werden. Die verhältnismäßige Größe der Buchstaben und die notwendigen Ab- stände verlangen auch sehr vielen Raum und infolgedessen haben in Punktschrift hergestellte Bücher einen verhältnismäßig sehr Jlrvßen Umfang. Ilm diese Uebelstände zu beseitigen, hatte der in einem 25. Jahre erblindete, am 8. Mai dieses Jahres in Nowaweö verstorbene Kaufmann Paul Schneider die vom Blindenlehrer Krohn in Kiel erfundene. 1885 von den Blindenanstalten bereits akzeptierte Blindenkurzschritt in jahrelanger, mühevoller Arbe� Hu hoher Vollendung gebracht. Wie schwierig diese Aufgabe war, ist begreiflich, wenn man bedenkt, daß bei der geringen Zahl der inarkierbaren Punktstellen die Kombimerung uner Kurzschrift große Schwierigleiten darbieten mußte. Denn diese Kurzschrift bedeutet für Blinde ja dasselbe wie für Sehende die Stenographie. ES gibt schon jetzt viele Bücher, die in Blindcnkurzschrift gedruckt oder geschrieben worden sind, wodurch den geschulten Blinden er- hebliche Vorteile geboten werden. ES ist natürlich, daß gerade Blinde sehr darunter leiden viüssen. wenn es ihnen an geeigneten Bcschäftigungs-, Zerstreuungs- und Fortbildungsmitteln fehlt. Das hat man in anderen Staaten schon längst begriffen und die Franzosen können sich rühmen. bereits 1884 die durch die„Association Valentin Hauy" begründete öffentliche Bibliothek für Bände unter dem Namen„Bibliothek Braille" ins Leben gerufen zu haben. Diese Bibliothek kann auch von Ausländern gegen Portovergulung— sonst kostenfrei— benutzt werden. Da die Bücher jedoch vorwiegend französische sind, so kann sie nur ein kleiner Kreis gebildeter deutscher Blinden be- nutzen. Deutschland soll zwar an der Spitze der Nationen marschieren, hat sich aber erst im März 1905 durch private Initiative zur Gründung einer Bibliothek nach französischem Muster aufgerafft. Sie befindet sich in Hamburg. Breitenfelder Straße 21. unter dem Titel„Zentralbibliothck für Blinde in Hamburg". Man wird mir vielleicht entgegnen, daß in vielen Blinden- anstalten— auch Preußens— schon seit Jahren Bibliotheken in Punktschrift beständen. DaS wohl. Aber es darf nicht vergessen werden, daß diese Bibliotheken meist nur den Zöglingen der bc- treffenden Anstalten zugänglich sind und daß die Auswahl der Bücher nach dem Rezept des preußischen Kultusministeriums zu- geschnitten ist, daß also von einer freien geistigen Entwickclung Blinder bei andauernder Benützung nickst die Rede sein kann. Die Hamburger Bibliothek will alle diese Uebelstände be- seitigcn. Es ist gewiß auch schon ein recht hübscher Erfolg zu nennen, daß die Anzahl an Büchern und Musikalien Ende lSl>7 ibcreitS 7422 Bände betrug. Um so auffälliger ist es, daß die Bibliothek im Verlauf des Jahres nur von 500 Lesern benutzt wurde! Denn man muß bedenken, daß in Deutschland auf je 10 OOO�Bewvhner 8,79 Blinde entfallen t das macht auf daS ganze Reich über 57 000. Bringt man die Zöglinge der Blindcnailstaltcn hiervon in Abzug, so verbleibt immer noch eine sehr große Ziffer, die zur bisherigen Frequenz in gar keinem Verhältnis steht. Sckmld daran ist entschieden der Umstand, daß eS in den breiten Volksschichten noch sehr viele Blinde gibt, die— wie wir ja oben sahen— nicht einmal die Punktschrift kennen! In diese Kategorie gehören hauptsächlich BerufSardeitcr, die mit Sprengstoffen zu tun haben, in chemischen Fabriken arbeiten, oder Feld- und Marine- artilleristen. Für solche Personen ist die Punktschristlcktüre zur weiteren Fortbildung von besonders hohem Wert. Allerdings entspricht der größte Teil de» Lesestoffes der Harn- hurger Bibliothek nur unseren Volksbibliothcken: er ist vorwiegend belletristisch. Da jedoch auch Nachfrage nach allgemein- und fach- wissenschaftlichen Werken vorhanden ist. so ist die Zcntralbibliothek erfreulicherweise beflissen, auch diesen Wünschen Rechnung zu tragen, und cS sind bereits eine Anzahl philosophischer, natur- wissenschaftlicher Werke, auch Bücher über Massage, über ver- schiedene, für Blinde geeignete BcschästigungSwciscn in Punktschrift hergestellt worden. Hierauf einen jeden, der in späteren Jahren das Unglück hakte zu erblinden, aufmerksam zu machen, wäre die Pflicht eines jeden Augenarztes, Und da die Tageszeitungen über solche Dinge, die als allgemein bekannt vorausgesetzt werden, nur selten etwas schreiben, so wäre es gewiß zweckmäßig, wenn auf den Bahnhöfen, in Postanstalten und anderen geeigneten öffentlichen Orten die Bevölkerung durch Plakate auf die für die Blinden existierenden Hilfsmittel aufmerksam gemacht werden würde. Dann wären Fälle, wie der oben mitgeteilte doch wohl kaum denkbar, und die Bibliothek würde mindestens zehnmal soviel dankbarer Leser haben als gegenwärtig. Ueber die Verleihung sei noch bemerkt, daß die Bücher ent- Weder an einzelne Blinde— in größerer Partie— an den Leiter eincS BlindcnlcsczirkclZ portofrei versandt werden. DaS Rück- Porto hat der Leser zu tragen. ES wurde bereits erwähnt, daß die in Punktschrift hergestellten Bücher verlstiltnisstläßig sehr umfangreich sind. Beispielsweise hat Schillers„Tell", der sich in der Reklamschen Ausgabe bequem in der Rocktasche tragen läßt, einen Umfang von zwei starken Bänden. Man wird kaum fehlgehen, wenn man das durchschnittliche Ge- wicht der Bücher und Zeitschriften in Punktschrift im Verhältnis zur Jnhaltsquantität gewöhnlicher Drucksachen um zehnmal so schwer taxiert. Dieser Umstand veranlaßte verschiedene Blinden» anstalten und Vereine kurz vor Schluß des letzten Reichstages um Portocrmäßigung für die in Punktschrift gedruckten Bücher zu petitionieren, da Punttschriftbriefe im Weltpostverein bereits nur das Porto für Drucksachen zu zahlen haben. Die bald darauf er» folgte Auflösung des Reichstages zerstörte jedoch die Hoffnung der Bl indenfreunde auf baldige Erledigung ver angeregten Frage. Infolgedessen wurde im vorigen Jahre der zuständigen Postbehörde eine Bittschrift eingereicht. Die Bitte wurde jedoch durch den Stellvertreter des Herrn Kraetke mit der Motivierung zurück- gewiesen, daß an eine Portoermäßigung gar nicht gedacht werden könne, da sonst auch andere Vereine und Gesellschaften für ihre Drucksachen gleiche Vergünstigungen verlangen könnten. Daß die Punktschrift nur von Blinden benutzt wird, deren LoS zu erleichtern die Pflicht und Schuldigkeit des Staates ist. vermag der heilige BureaukratiSmus unserer Poswerwaltung natürlich nicht ein- zusehen, da er in dieser Beziehung leider von Blindheit geschlagen ist. Es wäre daher Herrn Kraetke und seinen Stellvertretern das Studium der Blindenschrift, der Gewichtsverhältnisse usw. ganz besonders zu empfehlen. kleines feuilleton. Medizinisches. Arznei auf elektrischem Wege. Ein durchaus eigen» artiges und neues Verfahren, das von einer erheblichen Bedeutung in der Mebizin zu lein verspricht, hat die sogenaiuile Kalaphorese oder die Verabfolgung von Arzneien auf elektrischem Wege oder »och genauer, auf elektrolytischem Wegr Die Sache beruht darauf. daß sich zwischen zwei Polen eine Salzlöiiinglvurch die Einwirkung deö elektrischen Stroms zerfetzt. Wenn nun dteie Zerieyuiig im Innern des menschlichen Körvers hervorgerufen wird, so ist es möglich, durch Anlegimg eines der Pole an einen bestimmten Körperteil die betreffende chemische Substanz genau dorthin zu lenken, wo sie als Arznei wirken soll. Als Beispiel kann eine Lösung von ializqliaurem Natron erwähnt werden, das durch den elektrischen Strom serart zerlegt wird, daß das Natrium zum negativen und das Salizyl zum positiven Pol wandert. Klassisch für die Entwickeluiig des Verfahren» sind die Experimente des durch diese Leistungen schnell berühmt geivordenen Prosessors Lcvuc von der Universität Nantes. Einer dieser denk- würdigen Versuche beschäftigt« sich mit zwei Kaninchen, die nebeneinander gesetzt und io mueinander verbunden wurden, daß je ein rechtes und ein linkes Ohr mit einem feuchten Leinenstreifen zusammengebunden wurden. An die freien Ohren wurden dann zwei mit einer Slrychninlöinng befeuchtete Kissen befestigt und mit einer elektrischen Batterie verbunden. Es zeigte sich, daß nur das eine Kaninchen an Strychniiivergifning starb. daS mit dem positiven Pol verbunden war. Wurde der Strom umgeschallet, so starb das andere Kaninchen auch, weil dann dieses dem pontioen Pol ausgesetzt war. Die Hauptlehre, die sich ans dielen Forschungen ergeben hat, liegt in der Tatsache, daß bei Solcher Anwendung, bei der die Elektrizität gewisiermaßen als Vorspann herangeholt wird, Arzneimittel schon in ver- dältnismäßig kleinen Meiigen mit emer unglaublichen Ge- schwindigkcit wirken. Die mit aller Vorficht'päler auch an Menschen angestellten Veriuche haben daS bei solchen Mitteln wie Chinin, Lithiumialzcn, Salizylsalzen. Jodsalzen, örtlichen Vclänbungs- Mitteln usw. schlagend und mit auffallendem Rnyen für die Patienten bewiesen. Dr. JoneS ermittelte, daß auf dieselbe Weise bei elekiro» lytiichcr Anwendung von schwefelsaurer Magnesia Warzen ohne jeden Schmerz und ohne Narbe beseitigt werden könnten. Auch auf Hübneraugen soll sich die Wirkiamkcit des neuen Verfahrens er- strecken, und zwar wird dabei salizhlfaures Nairon gebraucht. Nach einem Aufsatz von Dr. Clague tm„Pharmaccutical Journal" wirken manche dieser Experimente wie Zauberei. Da hatte zum Beispiel jemand mehrere schwarze Flecken im Gesicht._ die viele Jahre zuvor durch den Gebrauch einer arienikhaltigen Salbe entstanden waren. Die Hand des Patienten wurde in ein Gefäß mit Wasier gesteckt, daS mit dem positiven Pol einer Batterie von sechs Zellen verbunden war. Der negative Pol führte zu einem angefeuchteten Kisien, das über einen der schwarzen Flecken gelegt wurde. Der entstellende Fleck war nach einer Viertelstunde vollständig verschwunden, während auf dem Kissen die Spuren von Arsenik aufzuweisen waren, woraus_ sich ergibt. daß es durch die.Kalaphorese" auch möglich ist. chemische Stoffe au» dem Körper zu entfernen. Die Neuheit wird in Einzelheiten jedenfalls noch sorgsam erprobt werden müssen, aber die wunderbare Art der Wirkung scheint doch bereit» festzustehen. Nur macht Dr. Clague zum Beispiel daraus aufmerksam, daß man bei der Wahl des positiven Drahtes, der in Berührung mit dem Körper kommt, vor- sichtig fein müsse und ihn nicht aus Esten. Kupfer oder Silber, sondern au» Plattn und allenfalls aus Alumiuium nehmen dürste. Auch die Stromstärke ist zu beachten und nötigenfalls durch einen besonderen Apparat zu messen. Berantwortl. Redakleur: HanS Weber. Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.Berl«g»anstalt Paul Singer«cEo..BerlinL>V.