Anterhalwngsblatt des Dorwärts Kr. 224. Mittwoch den 18 November. -1903 lNachdruck verbolm.» asz )Znäreas Voft. Bauernroman von Ludwi a Tboma. Stürmischer Beifall lohnte die schlagfertige Entgegnung. Der Hirner schrie: „Dem hascht guat nauSgeb'n. Laß it aus!" „De schlechte Erfahrung hat uns g'scheiter g'macht. Mir fag'n jetzt, zu was sollen denn mir allawei anderne für uns reden lassen? Mir wollen amal selber sag'n, was uns fehlt. und mir wollen s so laut sag'n. daß ma's hört. Desweg'n bin i zu enk herkemma. I will enk net helfen. wia der Herr da g'sagt hat. So was kann i net versprechen, weil i alloa z'schwach bin dafür. Na. i will nix anders. als enk auffordern, ös solli's enk selm helfen. Wia soll dös der Bauer machen? Ja. i moan halt, g'rad so. als wia de andern Leut' a. DöS is koa neue Sach', de via erst ausprobier'n muaß. Mir sehg'n alle Tag', daß de andern Stand' recht guat geht. De Herrn Beamten, de Geistlichen. Warum is' bei dena änderst?" „Weil sie was gelernt haben." schrie der Amtsrichter. „Dös glaab i net. Wenn bloß d' G'scheitheit zahlt wer'n tat. nacha gang's viele schlecht. ES hamm's aber alle gleich guat. Dös hat scho a andern Grund. Weil de meisten im Landtag drin Beamte und Geistliche san, und de machen's so, daß eahna selber guat geht, und ma hoaßt dös:„Aufbessern"." „Wo und wann sind die Geistlichen aufgebessert worden," rief Kroiß, und der Dekan Metz sagte mit seiner fetten Stimme: „Das ist eine offenbare Lügel" Vachenauer ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. „Vorderhand san amal de Beamten auf'besscrt wor'n: de wer'n nacha scho helfen, daß de geistlichen Herrn aa'r an Brocken kriag'n." Der Amtsrichter sprang auf und fuchtelte mit den Armen: „Wo und wann sind die Geistlichen aufgebessert worden?" Diese Heftigkeit mißfiel den Leuten, am meisten dem Hirner: „Halts Mau, Du Herrgottsackerament l" schrie er, und diele schrien es nach.„Mäu holt'nl" Ein junger Knecht, der auf der Galerie saß. dachte, hier könne man einmal der Obrigkeit eines auswischen. Er steckte vier harte Finger zwischen die Zäbne und pfiff, so laut er tonnte. Ein paar andere machten es nach. Da läutete Prantl und sagte, man müsse nun wieder auf den Redner hören. Als eS ruhiger wurde, erhob sich im Saale ein alter Mann und meldete sich zum Worte. „Das ginge jetzt nicht." sagte Prantl,„einer nach dem anderen, und vorläufig rede der Vachenauer." Aber der Alte ließ sich nicht abweisen. „Er wollte bloß sagen, indem der Amtsrichter gar so zornig getan habe, er wolle bloß sagen, daß die Beamten und die Geischtlichkeit aus einem Sack spieten." Und damit setzte er sich wieder. Es war nämlich der Florian Weiß. Endlich kam der Vachenauer wieder zum Reden. „Schaug'n mir amal an Landtag o. wer sitzt da drin? Da Herr Dekan, da Herr Stadtprediger, da Herr Kaplan. Auf oan Bauern treffen drei Pfarrer." „Uebertreibung! Geschwätz!" schrie Kroiß. „Da muaß ma frag'n," sagte Vachenauer,„gibt'S denn in Kayern lauter Mesner und Ministranten, daß so viel Geist» kicke g'wählt wer'n? Na, Landsleut', mir Bauern wählen de Herr'n. Und was is der Dank? Natürli. solang' ma unsere Stimma braücht, san mir dös biedere Landvolk hinum und herum: alles, was mir wollen, is recht, und nix ist z'viel. Wia f' aber d'rin san, im ersten Augenblick is all'ssamt vergessen. KöS iS net oamal g'schehg'n, na l Oft. und allemal wieder. Beim Viechhandel is der Bauer net so dumm. Da laßt tt sie höchstens oamal über d' Ohren hau'n: aber wenn eahm der nämliche Handler mit dem nämlichen Schwindel zum zwoatenmal kimmt, nacha schmeißt er'n außi. Ma in da Politik I Sagt's amal selber, Hamm mir uns da net allawei aufs neue zum Narren halten lassen?" „Wahr iSl" sagte der Rädlmayer. „Da Metz iS scho dreimal g'wählt wor'n." „Und allemal hat er ins o'g'schwindelt," schrie der Stuhl- berger. Der päpstliche Hausprälat kannte die Stimme seines Feindes und suchte ihn mit zornigen Augen. Aber der Stuhl- berger ließ sich nicht einschüchtern. „Hoscht Du net allemal„ja" g'sagt, hoscht Du g'rad oaw mal„na" g'sagt?" „Ruhet" mahnte Prantl. Und der Vachenauer redete weiter. „J sag', ganz recht g'schiecht uns Bauern. Mir kunnten do so g'scheit sei und wissen, daß alles Schlechte daher kimmt, weil der Bauer net selbständig is: a jeder sagt, daß's änderst wer'n muaß. Und es ko änderst wer'n. wenn d' Leut' z'samm helfen, und daß mir z'samm helfen, z'weg'n dem is da Bauern- bund da." Vachenauer zog aus der Tasche ein kleines Heft, dessen Einband die blauweißen Wecken des bayerischen Wappens zeigte. „I Hab' da a Büachl," sagte er.„Von außen is's guat boarisch, dös könnt's sehg'n. Und was drin steht, hat die näm- liche Färb'. Der Titel hoaßt:„Satzungen für den bayrischen Bauern- und Bürgerbund". Da is alles aufg'schrieb'n, was de Partei will. I ko enk net alles vorlesen, und es werd aa net notwendi sei. weil i hoff', daß si o jeder selber dos Büachl kaaft, und den Aus- nahmsschein, der wo drin is. unterschreibt. Aber dös erste lej' i enk vor, vom Zweck des Bauernbundes. Da hoäßt's:„Der Zweck des bayrischen Bauern- und Bürgerbundes ist E i n i- g u n g der in Parteien zerspaltenen bäuerlichen und bürger- lichen Volksklassen behufs Erhaltung des schwer bedrohten Mittelstandes und behufs Selbstschutzes aller noch selbständigen oder nach Selbständigkeit ringenden Volkselemente." Jetzt frag' i. ob dös was Unrecht's is, z'weg'n dem ma'r uns als gottlose Menschen hi'stell'n derf." „Drucken kann man alles, das Papier ist geduldig." rief der Dekan Metz. „So. moanen S'? Sie glaab'n halt, es is überall wia beim Zentrum. Mir san net o so!" „Das müsien Sie erst zeigen I" „Jetzt bist aber staadl Allawei plärrt er d'reit" schrie Rädlmayer. „Mäu halt'nl" Vachenauer ließ sich nicht irre machen. „Sie sag'n, mir müassen erst zoag'n, ob mir unsere Ver- sprechunga halt'n. Is recht. Aber nacha warten S' und schimpfen S' net vorher!" (Bravo I) „I glaab's aber schwerli. daß Sie dös derleb'n. Als». Landsleut', i Hab' enk vorg'lefen, was der Bauernbund will. Unsere Hauptgegner san de Herrn vom Zentrum. Vom erst'n Tag o Hamm uns de Geischtlichen o'g'feind't und Hamm behaupt', durch den Bauernbund is die Religion in G'fahr. Warum denn? Wenn's ös des Büachl durchlest's von vorn bis hint', steht koa Wort geg'n d' Religion drin. Und wenn ma'r an die Feiertäg in d' Kircha geht, siecht ma soviel Leut'. als wia früherszeiten. Wo gibt's an Bauern, der sein Pfarrer was in Weg legt in sein Beruf? Am Land macht sie neamd spöttisch über d' Religion; bei uns hat sie nix g'ändert, wia vielleicht in andere Ständ': mir Hamm die alten Bräuch' afkurat so als wia unsere Vor- eltern. Und wenn's jetzt mehra Zwietracht gibt als srllhers- zeiten, mir Bauern san net schuld. Dös iS auf Jahr und Tag. seit de Herrn bloß mehtz Politiker san. aber koane Priester nimmer." In den ersten Reihen wurde es lebendig. Die anwesenden Kleriker baten bis jetzt Ruhe bewahrt; dieser Angriff brachte sie in Erregung. Und zornige Stimmen schrien zu Vachen- auer hinauf. „Frechheit! Wer sind Sie denn? Frechheit!" Der Benefiziat Hiergeist von Jrzenham tat sich besonders hervor. Er stammte aus dem Nußbacher Bezirke, und es empört« ihn besonders, daß ein Fremder den bodenständigen Klerus beleidigte. Und er war überhaupt von heftiger Gemütsart. „Sie nehman Eahna viel Kraut'rausl" schrie er.„Was erlaub'n Eahna denn Sie? Sie zuag'roaster Holzbauer!" Jetzt ging es im Saale los. Ans allen Ecken kam wütendes Schreien: viele sprangen auf und schlugen in die Tische hinein. „Schmeißt's'n außi den! Derfst du schimpfen, du ganz Schlechter? Außi damit! Außi damit!" Von rechts und links, von unten und oben johlte, pfiff, heulte es. Ter Lärm steigerte sich, als Metz auf die Tribüne stieg und die Leute beschwichtigen wollte. „Oba dal Du hascht nix z'toa da drob'n! Geh'scht it oba, du Herrgottsakramenta! Außi mit dem andern!" Der Hirner stand auf schwachen Füßen: er hielt sich an der Stuhllehne mit beiden Händen fest und schrie eintönig weiter:„Naus, Metz! Raus, Metz!" Prantl schwang seine Glocke. Aber in dem Getöse hörte sie niemand. Der Assessor stand auf und redete mit Vachenauer. Man sah. wie er die Achseln in die Höhe zog. Da trat Vachenauer vor und hielt seine rechte Hand empor. Der Lärm legte sich. Nicht sofort, nur allmählich ging er in lautes Reden und dann in Murmeln über. Als alle sich gesetzt hatten, stand der Hirner noch hinter seinem Stuhle, und indem er seinen Oberkörper wie einen Pendel bewegte, schrie er gleichniütig fort:«Raus. Metz!" (gortfctzung folgt.) lNachdmck verbolen.) ß2J Die Kofahen. Von Leo Tolstoi. Lukasckka ging allein nach der Grenzwache und hörte nicht auf, über LIcninS Handlung nachzudenken. War auch das Pferd nach seiner Meinung nicM gut, so kostete es doch mindestens vierzig Münzen, und Lukascoka freute sich sehr über das Geschenk. Aber warum dies Geschenk gemacht worden war, das konnte er nickt begreifen, und darum empfand er auch nicht das geringste Tank- gefühlt. Im Gegenteil, durcl, seinen Kopf zogen unklare Per- däcktigungen von schleckten Absichten des Junkers, Worin diese Absichten bestanden, konnte er sich nicht klar mache»'., aber an- zunebmen, daß so mir nichts dir nichts, aus reiner Güte, ein u». bekannter Maim einem ein Pferd schenken sollte im Werte von vierzig Münzen, schien iknn unmöglich. Wenn er nock betrunken gewesen wäre, dann ließe sichs begreifen; er hätte prahlen wollen. aber der Junker war nüchtern gewesen. Er hatte ihn also sicher- lich bestechen wollen zu irgendeinem schleckten Zwecke.»El. da irrst du dich, dachte Lukaschka, das Roß habe ich nun. was nach. kommt, werden wir ja scben; ich bin nicht auf den Kops gefallen. Wollen sehen, wer den andern an der Nase führt." dachte er. Er fühlte das Bedürfnis, Lienin gegenüber auf der Hut zu sein, und erregte so in seinem Innern unfreundliche Empfindungen gegen ihn. Niemanden erzählte er. wie er zu dem Raffe gekommen war. Dem einen sagte er, er habe es gekauft, anderen gab er eine aus- weichende Antwort. Im Dorfe aber erfuhr man bald bie Wahr- heil. Lukaschkas Mutter, Mariana, JIja Wassiljewitsch und andere Kosaken, die von Olenins freiwilligem Geschenke gehört hatten, ge- rieten in Erstaunen und fingen an, den Junker zu fürchten. Trotz dieser Furcht aber erregte Olenins Handlung in jenen eine hohe Achtung vor seine„Schlichtheit" und seinem Reichtum. Hör', der Junker, der bei Jlja Wassiljewitsch, hat Lukaschka ein Roß im Werte von fünfzig Münzen geschenkt.— Er muß reich lein. Ich weiß, antwortete ein anderer tiessinnig.— Er muß ibm wohl einen Dienst geleistet haben. Wollen sehen, wollen sehen, Uns da herauskommt I Hat der Reißer Glückl Ein leichtsinniges Volk, diese Junker! Schlimm, sagte ein dritter, der stiftet wohl noch ein Unheil an oder... 23. Olenins Leben verlief eintönig und gleichmäßig. Mit seinen Vorgesetzten und Kameraden hatte er wenig Verkehr. Die Stel- lnng eineS reichen Junkers ist im Kaukasus in dieser Beziehung besonders angenehm. Zur Arbeit und zum Lehrdienst wurde er nicht herangezogen. Für seine Teilnahme am Feldzuge war er zum Offizier vorgeschlagen, und bis zur Beförderung ließ man ihn in Ruhe. Die Offiziere betrachteten ihn als einen Aristokraten und verhielten sich daher rücksichtsvoll gegen ihn. Das Karten- spie! und die Zechgelage der Offiziere mit ihren Gesängen, die er im Felde mitgemacht hatte, erschienen ihm wenig anziehend. Und er selbst entfernte sich von der Gesellsck>aft der Offiziere und ihrem Treiben im Dorfe. Das Leben der Offiziere in den Kosalendörfern bat schon seit langen fahren seine bestimmte Form. Wie jeder Junker oder Offizier in der Festung regelmäßig seinen Porter trinkt. Roß(ein Kartenspiel) spielt, von Auszeichnungen und seinen Feldzügcn svricht. so trinkt er in den Kosakendörfern regelmäßig mit seinen Wirten Most, bewirtet die Mädchen mit Naschwerk und Met, macht den Kosakinnen den Hof und beiratet sogar bisweilen eine. Olenin lebte immer auf seine Weise und hatte einen un- bewußten Widerwillen gegen die ausgetretenen Wege. Auch hier ?iny er nicht in dem herkömmlichen Geleise� des Lebens der kau- asischen Offiziere. Es machte sich von selbst, daß er mit Sonnenaufgang erwachte. Er trank seinen Tee, ergötzte sich von seinem Treppenflur auS an den Bergen, an dem Morgen und an Marianka. Dann zog er den zerrissenen Riudslederkittel an, das durchweichte Schuhwerk, die sogenanuten Porschni, gürtete seinen Dolch um, nahm die Flinte, seinen Beutel mit dem Imbiß und dem Tabak, rief seinem Hunde und ging am frühen Morgen um sechs Uhr in den Wald, �der jenseits des Dorfes lag. Um sieben Uhr abends kehrt« er müde, hungrig, mit fünf, sechs Fasanen am Gürtel, manckmol mit Wild» pret zurück. Sei Beutcichen. in dem der Imbiß und die Zigaretten lagen, war unberübrt. Wenn die Gedanken im Kopse so ruhig .ägen, wie die Zigaretten im Beutel, so hätte man sehen können, wie die ganzen vierzehn Stunden hindurch sich nicht ein einziger Gedanke in seinem Innern geregt hatte. Er kam moralisch frisch, gekräftigt und vollkommen glücklich heim. Er hätte nicht zu sagen vermocht, woran er die ganze Zeit gedacht hatte. Nickt Gedanken, nicht Erinnerungen, nicht Träume zogen durch seinen Koos— nur Bruchstücke von alledem. Plötzlich fällt es ihm ein und er fragt sich, woran er denkt?— Und er findet sich als Kosaken, der mit seiner kosakischen Frau in den Gärten arbeitet, oder als Abrcken in den Bergen oder als einen Eber, der vor sich selbst entflieht. Und bei alledem horckl er, späht er und lauert auf einen Fasan, einen Eber oder Hirsch. Abends sitzt unbedingt Onkel Jeroschka bei ihm. Wanjuscha bolt ein Acktelcken Most, sie plaudern ruhig, trinken tüchtig und gehen beide vergnügt auseinander, um zu ruben. Am anderen Tage wieder Jagd, wieder die gesunde Müdigkeit, wieder tüchtiges Zechen und Plaudern und wieder dieselbe glückliche Zufriedenheit. Bisweilen sitzt er an einem Feier- oder Erholungstag« den ganzen Tag zu Haute. Dann ist Marianka seine Hauptbeschäftigung. Jeder ihrer Bewegungen folgt er, ohne es selbst zu bemerken, neu» gierig von seinem Fenster oder seinem Trevpenflur auS. Er be» obackteie Marianka und liebte sie(wie er meinte) gerade so, wie er die Sckwnbeit der Berge und des Himmels liebte, er dachte an keinerlei Beziehungen zu ihr. Er meinte, zwischen ihm und ihr könnte es Beziehungen, wie sie zwischen ihr und dem Kosaken Lukascbla möglich sind, gar nickt geben, noch weniger aber solche, wie sie zwischen einem reichen Offizier und einem Kosakenmadchen möglich sind. Er glaubte, wenn er versuchte, so zu handeln, wie seine Kameraden zu handeln pflegten, würde sein voller Genuß, seine Vorstellungen sich in einen Abgrund von Oual, Enttäuschungen und Reue verwandeln. IleberdieS hatte er in seinen Beziehungen zu diesem Mädchen schon eine Tat der Selbstverleugnung vollbracht, die ibm soviel Genuß gewährte; hauvtsäcktick fürchtete er sich vor Marianka aus einer unbestimmten Ursache und hätte es nie gewagt, ein scherzhwteS Liebeswort zu ihr zu sprechen. EineS schönen Tages im Sommer war Olenin nicht zur Jagd gegangen und saß zu Hause. Völlig unerwartet trat ein Moskauer Bekannter zu ihm ins Ximmer, ein sehr junger Mann, dem er in der Gesellschaft oft begegnet war. Ach, rnon eher, mein Bester, wie habe ich mich gefreut, alS ich erfuhr, daß Sie hier sind, begann er in Moskauischem Franzö- sisch und fuhr so fort, indem er seine Rede mit franzosischen Worten spickte. Ich höre:„Olenin". Welcher Olenin? Wie ich mich ge» freut habe! Das Schicksal bat uns zusammengeführt. Run, wie geht es. wie steht es. was treiben Sie? Und Fürst Bjelezki erzählte seine ganze Geschichte: wie er für kurze Zeit in dieses Regiment eingetreten sei, wie der Höckstkom- mondierende ihn zum Adjutanten gemacht, und wie er nach dem Feldzug diese Stellung angenommen, obgleich es ihm vollkommea gleichgültig sei. (Fortsetzung folgt.) Roden Owen. ii. Schon 1812 hatte Owen im engeren Kreis seine Anschauungen über Erziehung erörtert und sie I8l3 in vier Aussätzen„Heber die Bildung de» menschlichen Charakters" näher auseinandergeievt und verteidigt. Er hatte darin folgende Gedanken entwickelt: Der Grundsatz, daß jeder Mensch für seine Taten die Berauiwortung trägt, ist falsch. Was er tut. welchen Charakter er bat, hängt von den auf ihn wirkenden Einflüsien ab. Jedes Kind kann in jedem Glauben, jedem Gefühl, jeder Sitte und Ge- wöbnnng. dte der menschlichen Natur nicht widerspricht, er» zogen werden. Jeder Geineim'chaft, ja der ganzen Welt, kann ibr Charakter, von dem besten bis zum schlechtesten, die größte Un» wisienhett und die höchst« Aufklärung durch geeignete Mitiel gegeben werden. Diese Mittel liegen in der Hand derer, die Einfluß und Macht haben. Jetzt läßt man zu, daß der Charakter von drei — 893- vierteln der Bevölkerung Englands sich unter Umständen dildet, die fie notwendig zum Elend und zum Laster treiben müssen. Wir erziehen ein Geschlecht noch dem anderen zum Verbrechen und sperren die Opfer unserer Erziehung dann wie Tiere ein. Und doch fleht fest, dost die ehrenwerten Stichler, die fie verurteilen, genau so geworden wären, wenn fie von ihrer Kindheit an in jenen ungünstigen Verhältnissen erzogen wären, während umgekehrt die Verbrelver, wenn fie als kleine Sinder in günstige Verhältnisse gebracht wären. es zu gleicher Ehrenhaftigkeit gebracht hätten, wie diese Richter. Man sollte also mit einer rationellen Erziehung der Kinder an« fangen, die von der Regierung durch allgemeine Vorschriften und Geieye zu regeln wäre, und dann dafür sorgen, datz jede Gemein« schaft immer in günstigen Verhältnissen bleibt. Die Gesellschaft hat sich bis jeyt immer aus dem falschen Wege befunden, weil fie von dem fehlerhaften Grundsatz des fteien Willens ausging. alleS sich selbst überliefi und nachher die schlimmen Resultate der eigenen Dummheit durch Getängnisqnalen und durch eine schlechte Armen- gesetzgebung unterdrücken wollte. Würde fie aber jetzt den Fehler einsehen und die richtigen Grundsätze befolgen, so würde eine neue Weltentwickelung, eine Zeit des Glücke» und der Harmonie anheben. Owen verweist dann auf seine Resultate in New Lanark, die die Richtigkeit seiner Grundsätze bewiesen hätten. Er setzt weiter im einzelnen seine Austastung über die Kindererziehung auseinander, deren nochherige Anwendiuig und Praxis wir schon erwähnten. Dann behandelt er die Maßnahmen, die für die Erwachienen die günstigen Umstände verwirklichen und damit dem Verbrechen vor- beugen sollen. Die Schankwirt ichaften mühten beseitigt, die Ärmen geseye verbestert werden; den Arbeitslosen müfie Arbeitsgelegenheit gegeben werden. Nachher fügte er die Notwendigkeit von Arbeiter- schutzgeiegen hinzu, die die schlimme Ausbeut, mg der Kinder und der Erwachsenen verkneten sollten. Eine Inspektionsreise, die er mit seinem ältesten Sohne durch viele Fabriken England» und Schottlands machte, deckte grauenhafte Zustände auf. Owen bemühte fich nun, durch sein wuchtiges Material den Minister Peel zum Ein- greifen zu bewegen. Aber erst 18lS kam ein Gesetz zustande, das weit hinter seinen Wünschen zurückblieb; nur die Kinderarbeit wurde beschränkt, aber nicht die Arbeitszeit der Erwachsenen. Dieser Mißerfolg flötzte ihm ein riefeS Mifirrauen gegen die Politik ein. Nm so mehr erwartete er nun von den vorurteilsfreien, ge- bildeten, wahrheitsbegierigen Elementen aus allen Klassen. Owen lietz es nicht bei dieser ersten Arbeft bewenden. Hatte er tn kindlicher Naivität zuerst erwartet, daß die Enthüllung der richtigen Prinzipien wie ein Blitz wirken und daß jederniann ihm sofort begeistert anhängen würde, so zeigte sich bald, dast ein Um- schwung der Meinungen erst das Reiultat langer, anhaltender Agitation sein konnte. Er fuhr deshalb unermüdlich fort, die oer- hängnisvollen Folgen deS FabriksystemS theoretisch und praktisch va»zuweisen. Aber zugleich wurde er auf dem einmal ein- geschlagenen Wege weilergetrieben. alS ihm die Frage vorgelegt wurde. waS zur Abhilfe der grasten Not zu tun sei, die die Krise von tklb— 16 über die Arbeiter gebracht hatte. In den bei dieser Gelegenheft slSl?) entwickelten Vorschläge» zeigt er sich zum ersten Male alS utopischer Kommuni st. Sein Vorschlag bestand darin, genostenschaftliche oder kommu- mstische Arbeitcrkolonien zu errichten, tn denen Landwirtschaft und Industrie vereinigt werden sollten. Eine solche Kolonie, für die er 1200 Menschen auf einem Terrain von 1000 bis 1500 Hektar in Anschlag brachte, sollte zusammen auf einem grasten viereckigen. einen Platz umgebenden Häusertomplex seinem sogenannten Parallel- logramml wohnen. Er beschreibt ausführlich, wie die Wohn», Eabcik-, Schlaf«, Schul- und andere Räume, wie Aecker- und Wiesen. and- und Jndustriearbeit dort verteilt werden sollen. Er gibt eine Kostenberechnung und zeigt, dast eine solche Kolonie nicht nur keine dauernde Ausgaben erfordern, sondern sogar noch Gewinn abwerfen würde, der zur Tilgung des Anlagekapitals dienen könnte. Solche Kolonien sollte der Staat zur Bekämpfung der ArbeitSlofigkeft er- richten; unbebautes Land gab eS genug. In einer Reihe von Vorträgen, die er in London hielt, und in Zeitungsartikeln arbeitete er dieie Vorschläge noch weiter au«; auf einer Reise über den Kontinent und auf dem Fürstenkongrest in Aachen suchte er 1818 Propaganda für seine Idee zu machen. Auch eine Kommission von Oekonomen, zu denen Ricardo gehörte, emp- fadl einen Versuch mit einer solchen Kolonie, aber eS kam kein Geld daiür ein. Allmählich hatten fich diese Projefte schon wieder um- gebildet. nicht mir blast für Arbeitslose sollten fie dienen, sondern als Sstozialionen von Arbeitern und Angehörigen widerer Klassen, die dannt den ersten Schritt zur völligen Erneue- rung der Gesellschaft tun würden. Die Losung der Kooperation und deS Gemeinschaftssinnes an Stelle des Individualismus traten immer mehr in den Vordergrund. Für dieses neue Prinzip der Gesellschaft begann Owen selbst die Sgiration. Unterdessen war New-Lanark das berühmte Mustcrinstitut geworden, daS von jedem Witzbegierigen. der nach England kam. auch von fremden Fürsten besucht wurde. Aber Owen selbst, der von seinen hochfliegenden Ideen erfüllt war, befriedigte sein Wirken dort immer weniger. So gab er schliestlich dem Widerstände, den seine orthodoxen Teilhaber seinem Wirten entgegensetzten, nach und schied 1824 von dieser Stätte. Er trat jetzt, unbehindert durch geschäftliche Pflichten, als Kämpfer für seine Vorschläge zur Erneuerung der Gesellichast auf; zu dieser Propaganda verwendete er daS große Vermögen, das er als Fabrikant verdient hatte. In London hielt er fetzt Vorträge und gab ein Blatt herau«; hier führte er in öffentlichen Debatten einen scharfen theoretischen Kampf mit deu Vertretern der libe alen Oekonomie nnd allmählich versammelte er eine Gruppe begeisterter und lalenwoller Anbänger leiner Ideen um sich, mler denen William Thompson einer der be» kanutesten wurde. Die berrichenden Klassen hatten sich allmählich immer mehr von ihm abgewandr; seine scharfe Kritik der Religton baue ihr Interesse für ihn erkalten lasten und ieine utopischen Pro» jekte boren ihr nichts Anziehendes. Seine früheren hohen Gönner ließen ihn fast alle im Stiche. Er war zur Verwirklichung iemer Ideen auf sich selbst und auf die kleine Schar seiner treuen Anhänger angewiesen. ES galt jetzt, einen praktischen Versuch zu machen. Owen fiedelte zu vielem Zweck nach dem Lande aller konmuinistischcn ver» suche, nach Amerika über. Er kaufte 1824 eine am Wabasbflust, tn den Siaalen Indiana und Illinois gelegene Kolonie, die von den Rapplstcn. einer christlich-kommunistiichen Bauernsekle. urbar gemacht war. Hierher rief er alle, die mit ihm zusammen den©rundstem der neuen Gesellschaft legen wollten. Eine bunt gemischte Bevölke- rung strömte in diese.New-Harmont)* getaufte Kolonie zusammen. alle voll Eifthufiasmus und gutem Willen, aber weniger tüchtige Arbeiter als begeisterle Kommumsten. Dos freie brüderliche Leben in einer herrlichen Umgebung, die einfache, ja primitive Lebensweise begeisterte die Kolonisten; Owen selbst stellte mft ihnen die Statuten fest, mutzte aber dann wieder öfter nach Europa zurück. Allmählich zeigte sich, dast die Kolonie, von rein geschäftlichem Standpunkte betrachtet, nicht gerade florierte; es wurde zu viel diskutiert und zu wenig gearbeitet, und auch an der Organisation haperte eS. Owen brachte bei seiner Rückkehr wieder Ordnung bin» ein.»Die unermüdUcve Pünktlichkeit OwenS hat wieder Ordnung und System in jeden Betriebszweig gebracht. Unsere Sirasten sind nicht mehr mit Gruppen untätiger Plauderer gefüllt; jeder arbeitet stelstig in seinem Beruf. Unsere Meetings find nickt mehr die Bühne disputierender Redner, sondern es werden dort Geschäfte ver« handelt.* So skizziert das Blatt der Kolonie das Resultat. Darin lieg» ober schon der Uebelftand klar enthalten, an dem die Kolonie notwendig scheitern mutzte. Nicht einander ergänzende, zusammen» gehörige Arbeiter waren hier bei einander, sondern begeisterte Au» Hänger einer lheorettichen Anschauung, oft sehr sonderbare Phonlasten. Nur Owens persönlicher Einfluß konnte die Kolonie noch eine Zeit aufrecht erhalten, aber allmählich wurde der Zusammenbruch unver» meidlich. Differenzen, Zänkereien über Religion und Methode störten die Einigkeit; ein keil spaltete fich ab und gründete«ine neue Koloine; m Owens Abwesenheit geriet alles wieder in Verwirrung. Die Kolonisten gingen 1828 auseinander; Owens Söhne, die in Amerika blieben, übernahmen das Land und Owen selbst kehrte noch England zurück, nachdem er eine halbe Million tn der Koionie ver» loreu hatte. Auch in England war in der Zwischenzeit eine Kolonie, die einer seiner Anhänger errichtet hatte, schon in den Anfängen gescheitert: Dagegen ruht die Ermnerung mit grösterer Freude auf der Kolonie, die ein iriicher Edelmann auf seinem irischen Gut Ralahine errichten liest. Anstatt der Idealisten trat dort eine Gruppe Arbeiter zu» sammen. mietete daS Gut vom Besitzer und errichtete eine tom» munistii'che SrbeitSkolonie. Die finanziellen Resultate waren gM; die Koionie entwickelte fich immer mehr zum Owenschcn Ideal einer zufriedenen. gM gestellten, im heiteren Schaffen begriffenen Brüder- ichaft. Aber ein unglücklicher Zufall machte ihrem Bestehen nach drei Jahren ein Ende. Der Besitzer verspielte in seinem aristokratischen Kasino sein ganzes Vermögen, auch sein Gut und der neue Besitzer verjagte die Kolonie von seinem Boden. Als Owen aus Amerika zurückkam, fand seine ungebrochene Energie ein neues Arbeitsfeld in der inzwischen erwachten Arbeiter» bcwegung. Dem gewaltigen Borsprung, den England in seiner industriellen Entwickeiung vor anderen Ländern hatte, verdankte eS Owen, dast er in einem zum Kampfe erwachenden Proletariat einen neuen Boden für seine Propaganda fand, als die besitzenden Klaffen nichts mehr von ihm wifien wollten. England hatte fich in den letzten 10 Jahren bedeutend ver» ändert. Eine Arbeiterbewegung halte sich mächtig entwickelt und beteiligte sich au allen öffentlichen Angelegenheiten. Owens eigene Propaganda aus dem Anfange der 20er Jahre hatte die Losung Kooperation in die Maffe getragen, und unter der Agitation selner Schüler und Anhänger hatte sie immer tiefere Wurzel gefastt. Ueberall waren Genoffenschasten oft mft äusterst bescheidenen An» sängen gegründet worden; Bildungsvereine und Kiiiderschulea schloffen sich daran und der Geist, der das alles lebendig machte, war Owens Geist, die Erwartung, dast dies der Keim einer nahen Aushebung oller Ucbel bilden würde. � Als Folge der 1825 erzwungenen Koalitionsfreiheit bildeten fich Gewerk» schasten, die zuerst infolge der Krise keine Bedeutung gewannen, aber mft der Prosperität am Ende der zwanziger Jahre zu bedeutenden Kanipfesorganisationen emporwuchsen. Zugleich fand eine lebhaste politiiche Agitation gegen das veraltete Wahlrecht statt, das den rückständigsten Landkreisen und damit den Grundbesitzern die Herrschaft im Staate sicherte. In dieser Zeit der gesellichaftlicher Gärung kehrte Owen zurück und tellt fich an die Spitz« der A-betterbeweguitg. In den Arbeiter» genoffenschasten sieht er jetzt den Ansang der neuen kooperativen Gesellschaftseinrichtung, in der Arbciterkiasie die Macht, die die Umwälzung herbeiführen soll. Seine öffentlichen Vorträge, in denea et die fernsten Ziele der augenblickliKen Bewegung aufdeckt. finden ungeheueren Anklang. Er wird der teilende Kopf, der den zersplitterten Organisationen Einheit gibt. In den ersten Jahren nimml die Wahlrecblsbewegung die Köpfe der Arbeiter nocb stark in Anspruch. Als aber ItÄI' die Reformbill, das neue Wahlgesetz eingerüdrr wird, das der industriellen Bourgeoisie die Herrschaft sichert, während die Arbeiter um die sfriilbte ihres Kampfes geprellt werden, wendete sie sich mit voller Kraft der genosienschaft» lichen und gcwerkscdaftlichen Bewegung zu. In Owens Blatt„Die KristS oder der Uebergang von Irrtum und Leid zu Wahrheit und Glück' bekam die Bewegung ein eigenes Propagandaorgan. Jetzt fand Owen auch die Zeit reif zur Verwirklichung seiner Idee, mittels der Genossenschaften die Kapitalisten auszuichalten. Gemäß einer früher von idm entwickelten Theorie, die auch von Thompson, HodgStin und anderen ans der Ricardoschen Ockonomie ab- geleitet wurde, soll das Geld ausgeschaltet, der Wert aller Waren direkt in Arbeitsstunden ausgedrückt und mit Arbeits- roten bezahlt werden. Er errichtete in London eine zentrale Börse, in der die Arbeiter und Genosienschakten ihre Waren einbrachten und für die ervaltenen Noten andere Waren eintauschten. An die also geformte feste Verbindung aller Genossenschaften sollten sich in dieser Weise immer mehr Produzenten und produktive Asso- ziationen anschließen und so sich eine über das ganze Land ver- breitete Wirtschaftseinheit bilden, die ihren eigenen Konsum pro- duziert und sich zu einer alles umfassenden produzierenden Gemein- schaft entwickeln kann. Die Börse weckte ungeheueres Aufseben und fand unter den Arbeitern große Begeisterung; eine Zeitlang ging unter OwenS ? geschäftskundiger Leitung alles gut. Zugleich nahmen die Gewerk- chaften einen gewaltigen Aufschwung, überall sprangen ihre Ab- teilungen auS dem Boden; sie gingen zum Angriff über, und Owen selbst wurde durch die erwachte Solidarität der Arbeiterklasse und ihre massenhafte Organisation hingerissen, wurde ihr bester Agitator Und erwartete einen baldigen Sieg, lftllä wird ein Zentralverband gegründet, bald zäblt er eiiw halbe Million Mitglieder. Die Re- Sierung und die Kapitalisten werden unruhig; Verfolgungen und lrozesse setzen ein; als einige Arbeiter zur Deportation verurteilt Werden, findet eine Niesendemonstration in London statt. Aber fort- währende ungünstig verlaufende Streiks erschöpfen die Kassen; die plötzliche Begeisterung legt sich und Enttäuschung tritt ein; scharen- weis, wie sie gekommen waren, Verlasien die enttäuschten Arbeiter die Verbände. Zugleich zeigt sich die Börse immer mehr als Fchlichlag; sie bleibt mit unbrauchbaren Waren sitzen, bricht zuiammen, und das gibt auch vielen Genossenschaften, denen eine solide finanzielle Grundlage fehlt, den letzten Stoß. Teilweise ist es die Unreife der Arbeiter. Ungeschicktheit der Verwaltung, teilweise ihre dürftige Lebenslage, die durch die hereinbrechende Krise noch verschlimmert wird, die diesen Zusammenbruch verursacht. Ein Jahrzehnt später mußte alles von neuem begonnen werden. Dainit endet Owens enge Verbindung mit der Arbeiter- bewegung. Als diese sich zu Ende der dreißiger Jahre als polisische Bewegung der Chartisten wieder erhebt, steht Owen ihr fern. Er Patte eme andere Richtung eingeschlagen. In seinem großen Buche über»Die neue moralische Welt' faßt er seine theoretisch- ideologischen Anschauungen zusammen, kritisiert Privateigentum. Religion und Ehe und predigt einen Kommunismus, der auf gegen- seitiger Liebe und einer rationellen Religion der Brüderlichkeu beruht. Er sucht und findet Anhänger unier allen Klassen und stiftet eine weitverbreite Sekte, die nüt den Chartisten, die den Klassen- kämpf predigen, in eine Art Konkurrenz tritt. Die kirchlichen Be- Hörden treten dieser Bewegung dadurch entgegen, daß sie die fanatische Maffe gegen die„göltlose" Sekte verhepen; der fast siebzig- jährige Owen entgeht oft nur mit knapper Not der Mißhandlung. und die Masse seiner Anhänger zerstreut sich in den vierziger Jahren allmählich wieder. Seinen Lebensabend verbringt er mit immer neuen Darlegungen seiner Lehren und gelegentlichen Reden. Die gesellschaftliche Ent- Wickelung geht weiter an ihm vorüber, die Arbeiterbewegung findet neue Bahnen, der wissenschaftliche Sozialismus kommt empor, ohne daß er etwas davon bemerkt. Fast unbekannt und vergeffen stirbt Owen am 17. November 1853. Aber die Arbeiterklaffe vergißt ihn nicht. Der wissenschaftliche Konm, unismus hat die großen Utopisten als seiner Vorgänger anerkannt und ihre Namen in den Herzen der kämpfenden Arbeiter- klaffe verewigt. Heute verehrt die Arbeiterklasse aller Länder Robert Owen als einen ihrer edelsteit und rreuesten Freunde, der sich ihrer Sache annahm, als sie noch machtlos daniederlag und der ihr Freund blieb, als er sich damit den Haß und die Feindschaft der Herrichenden Klassen zuzog. Und vor allem verehrt ihn die englische Arbeiterklasse, mit deren geschichtlichen Anfängen er eng verbunden ist, und auf deren Kampfesmethoden seine Anregungen und Ideen Während deS ganzen 19. Jahrhunderts mächtig emgewirkt haben. A. P. kleines feuilleton. Ans dem Tierleben. Die Entwickclung des Rchgehornes. Heber Wefen Gegenstand liefert Zimmer in den Zoologischen Jahr- büchern, Abteilung für Shstemaiik, eine ausführliche Beschreibung. Beveits im vierten oder fünften Monat seines Lebens lasten sich beim Rchbocke die ersten Spuren der Gehörnbildung erkennen. Und zwar sind cS im Anfang« zwei aus der Stirnfläche hervortretende Haarwirbel, die durch die unter der Haut sich entwickelnden Stirn» zapfen, die sogenannten Rosenstöcke, hervorgerufen werden. Ver- hältnismäßig schnell vergrößern sie sich und gewinnen eine etwa walzenförmige Gestalt. Gegen Ablauf des ersten Lebensjahres entstehen auf ihnen die m eine einfache Spitze auslaufenden Spieße, die von dem„Spießbocke" oder„Spießer", wie das Tier jetzt in der Jägersprache genannt wird, durch Reiben an jungen Baumstämmen oder Aesten von dem umgebenden Felle befreit werden. Ist da» „Fegen" besorgt und das Gehörn von der daranhängenden Haut oder„Bast" befreit, so trägt der Spießer seine Stangen noch bis zum Dezember des zweiten Jahres oder mit anderen Worten bis zu einem Alter von einem Jahre und sieben Monaten, dann werden die Spieße abgeworfen. An ihrer Stelle entwickeln sich jetzt die sogenannten„Stangen", die in ein gabelförmig geteiltes Ende auslaufen. Damit ist der Spießer zum„Gabelbock" geworden. Im Dczemver des dritten Jahres wird auch dieses Gehörn abgeworfen und an seine Stelle tritt ein stärkeres, das drei Enden trägt. Der Bock heißt jetzt„Sechsender" oder„Sechser". Im allgemeinen ist damit die Ausbildung der'Form bis auf eine stetige Zunahme an Stärke und Höhe der Stangen nach jedesmaligem Abwerfen be» endet. Nur selten kommt es bei älteren Böcken zu einer weiteren Vermehrung der Enden. Immerhin sind nicht nur Achterböcke, sondern sogar Zehnender bekannt geworden. Die älteren Böcke verlieren ihre Kvpfzier gewöhnlich früher als Spießer und Gabler und werfen ihre Gehörne bereits im November, während das Fegen dann in der Regel im Laufe des April stattfindet. Von Interesse sind die inneren Vorgänge, welche zum Abwerfen deS Gehörnes führen. Bald nach beendeter Brunst findet ein sehr starker Blut- zustrom gegen die Rosenstöcke hin statt, der im Innern derselben eine Auflockerung des Knochengewebes bewirkt, die sich auch beveits äußerlich durch die sogenannt« Demarkationslinie zu erkennen gibt. Indem dieser Prozeß der Auflockerung fortschreitet, wird allmählich in einer Qucrebene die gesamte Knochensubstanz zerstört und endlich eine solche Lockerung hervorgerufen, daß die Stangen nur noch in ganz losem Zusammenhange mit den Rosenstöcken stehen, um schließlich vollständig abzubrechen. Die Roscnstöcke sehen jetzt gang blutig aus und aus ihrer Oberfläche quillt Blut hervor, das aber bald zu einem Schorf abhärtet. Allmählich wächst dann noch das Fell über die Wunde und verschließt sie vollständig. Unter dieser Haut entwickelt sich dann wieder das neue Gehörn, anfangs in allen seinen Teilen von dem an Blutgefäßen reichen Bast um» kleidet, dem die Ernährung und Schutz der heranwachsenden Stangen obliegt. Das Wachstum des Gehörnes erfolgt nach dem Abwurf durch Ablagerung der Bildungsstoffe, feinster Körnchen von phosphorsaurem Kalk auf der Bruchfläche. Der Kalk stammt auS der Blutflüssigkeit und wird in die neuentstandene Grundsubstang eingelagert. Anfangs besitzen die Stangen nur eine weiche knorpel- artige Konsistenz, verhärten aber allmählich von unten nach oben fortschreitend und werden zu festem Knochen. Ist das Gehörn völlig atisgewachsen, dann beginnen sich die Blutgefäße im Bast- gewebe rückzubilden und der Bast trocknet zusammen, um nun bald von dem Bocke abgefegt zu werden. Im Innern der Stangen selbst bleiben aber noch lange Adern erhalten, bis endlich auch diese mit der zunehmenden Verknöchcrung ganz verschwinden. Jetzt, es ist die Zeit des Hochsommers, erscheinen Rosenstöcke und Stangen als völlig einheitliche,«lfenböinartige Bildungen. Die cigentüm- lichen Skulpturen und Rinnen, welche man äußerlich auf den Stangen erkennen kann, bezeichnen die Bahnen der beim Wachs- tum« eng an die weiche Knochensubstanz angepreßten Blutgefäße des Bastes. Die braune Färbung des Gehörnes aber hat ihre Ursache in der beizenden Wirkung der Gerbsäure der Rinde der Sträucher oder Bäume, an denen der Bock sein Gehörn beim Fegen abgescheuert hat. Jnfolgedeffen hängt auch die hellere oder dunklere Färbung der Stangen von der Art der Bäume ab, die hierzu benutzt wurden. Am dunkelften ist die Färbung naturgemäß in den Rillen und Vertiefungen, da sich hier am meisten Gerbsäure ansammelt und am kräftigsten zu beizen vermag. Was die Größenzunahme der Stangen anbelangt, so nehmen sie bis rnS dritte Lebensjahr erbeblich an Höhe zu. während das Dickenwachstum bis zum fünften Jahre andauert, von da ab ist der Zuwachs nur unbedeutend und hört nach dem zehnten Jahre fast ganz auf. Bei noch höhcrem Alter findet man sogar häufig» daß die Stangen wieder kleiner und unansehnlicher werden, ja bisweilen in der Ausbildung ganz zurückbleiben. Die Maximalhöhe, welche die Rehgchörne bei uns zu Lande erreichen, beträgt ungefähr dreißig Zentimeter, von der Wurzel an gemessen. Bei den Rehen der asiatischen Steppe freilich findet man Böcke, deren Gehörne dieses Maß weit überschreiten. Erwähnt sei endlich noch, daß in seltenen Fällen auch bei Nicken, namentlich bei recht bejahrten Tieren, Gehörne zur Ausbildung gelangen. Sie entstehen an der gleichen Stelle wie bei den männ- lichen Tieren, brauchen aber zu ihrer Ausbildung mehrere Jahre, verknöchern meistens nur unvollkommen und werden auch in der Regel weder gefegt noch abgeworfen. Lerantwortl. Redakteur: Hans Weber. Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckern u.Ver!«g»anstalt ZZaul Singe:&2a..S9eclin SVL