Anterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 228. Mittwoch den 23 November. 1903 (Nachdruck verdolen.) � Hndreas Vöft. Bauernroman von Ludwig Tboma� 14. Kapitel. In das Haus vom Schuller war eine schlechte Stimmung eingezogen. Der Mißmut war obenauf, und die Fröhlichkeit hatte nirgends mehr Platz. Den Tag über war der Schuller in seinem Walde bei der Holzarbeit; wenn er heimkam, saß er schweigsam auf der Ofenbank. Die Bäuerin wollte ihn zum Reden bringen. Sie schimpfte über den Pfarrer und den Hierangl, über den Geitner und den Bürgermeister Kloiber. Sie brachte neue Geschichten heim, welche die Schlechtigkeit dieser Feinde offen- bar machten, und sie erzählte alte Geschichten, welche das näm- liche bewiesen. Alles, was der Schuller selber einmal getadelt hatte, brachte sie vor und meinte, das müsse ihm ein Gefallen sein. Aber er gab ihr nicht an oder sagte, sie solle sich um ihre Weiberleute kümmern und das andere mit Ruhe gehen lassen. Dann ging die Schullerin seufzend in die Küche und be- redete mit der Ursula, wie sich der Vater herunter kümmere. Auch mit den Dienstboten redete sie darüber: sie sagte zu den Mägden zornige Worte über die Nachbarn und fragte die Knechte, was sie im Wirtshaus gehört hätten. Eine solche Vertraulichkeit tut nicht gut: sie ist gegen den Respekt und das ordentliche Regiment. Jetzt hatten Knecht und Magd ihr heimliches Getue und wisperten sich Neuigkeiten in die Ohren, wenn sie arbeiten sollten. Und wenn einer faulenzen wollte, stellte er sich in die Küche hin und erzählte der Schullerin, wie er es dem Knecht vom Hierangl hingerieben habe, daß sein Herr kein Pfund Lumpen tauge. Dafür bekam er Dank und billige Nachsicht für seine Faulheit. Die Weibsleute waren zufrieden, wenn sie recht viel Be- dauernis und Mitleid sahen. Was die Schullerin davon übrig ließ, brauchte die Ursula für ihren besonderen Zustand. Die Dienstboten nützten es aus und machten sich darüber lustig. Wenn sie bei den gemeinsamen Mahlzeiten saßen, gaben sie sich heimliche Zeichen und stießen sich mit den Ellen- bogen an. Eine üble Nachrede findet bei niemandem schneller Boden, als bei Untergebenen. Wer von ihnen etwas ent- schuldigen oder erklären will, ist übel daran. Gehorsam muß Achtung haben. Der Schuller merkte an vielen Dingen, daß in seinem Hause die Ordnung gelockert war. Früher hätte er sich schnell geholfen: jetzt schien es ihm nicht der Mühe wert. Alle seine Gedanken waren nur auf das eine gerichtet. Da lag im Kirchenbuch ein Zettel, der ihm zeitlebens Schande anhing. Und noch länger. Wenn die Männer von heute einmal tot waren und die Jungen ans Ruder kamen, dann war das Papier noch da, auf dem es geschrieben stand, daß er ein schlechter Kerl war, dem jeder aus dem Wege gehen mußte. Und dann glaubten es alle: auch die, welche hernach auf dem Schulleranwcsen hausten. Den Kindern von seinem ältesten Buben wurde die Lüge erzählt, noch abscheulicher aufgetragen wie jetzt. Denn jeder mußte denken, wenn es sogar der Pfarrer ins Kirchenbuch gesetzt hatte, mußte es das Aergste gewesen sein. Keiner wußte etwas von ihm. Daß er als ehren- geachteter Mann lange Zeit den Hof regiert hatte. Keiner wußte etwas vom Baustätter und von seinem Hasse. Nur das Geschriebene galt. Wie hätten sie später die Wahrheit finden sollen, wenn er sie selber mit allen Mühen nicht herstellen konnte? Acht Tage war er herumgelaufen von Pontius zu Pilatus und hatte gemeint, er müsse sein Stecht kriegen. Er war im Amtsgerichte und brachte seine Sache vor. Kroiß ließ ihn kaum zu Ende reden und fertigte ihn kurz ab. „Was das für ein Prozeß sei, wenn er nicht einmal wisfc gegen wen er klagen wolle? Und was das Gericht mit dem Kirchenbuch zu tun hätte? Oder mit den Aufschreibungen eines Verstorbenen?" Jetzt fuhr der Schuller nach München und ging zum Landgericht. Die sagten ihm, wenn er wirklich klagen wolle, müsse crs in Nußbach tun: sie hätten gar nichts damit zn schaffen. Er solle doch einen Advokaten nehmen. Und er ging zu einem Advokaten. Der lächelte etwas ungläubig. Was das wieder für eine Geschichte war! Aber er hörte doch aufmerksam zu und fragte dazwischen. „Und Sie haben Ihren Vater nicht geschlagen?' „Na." „Ist alles erfunden? Und kein Wort wahr?" „Koa Wort is wahr, Herr Dokta!" Der Advokat lächelte wieder. Ja, ja, Bauern sind Spitz» biiben. Wenn sie ihren Advokaten anlügen, meinen sie, wie schlau sie sind. Und dann sagte er: „Da wirst nicht viel machen können. Schuller. Det jetzige Pfarrer red't sich auf den alten aus, den alten kannst nicht verklagen, weil er tot is. Wenn Du gegen die anderen klagst, sagen sie. daß sie bloß gesagt haben, was geschrieben steht. Und bringst Du Zeugen, was können die bestätigen? Höchstens, daß sie nie was gesehen haben. Deswegen ist nicht gesagt, daß der Pfarrer Held oder der jetzige gelogen hat. Ich glaub' Dir ja alles, aber das Gericht is nicht so vertrauensvoll. Die Herren sagen:„Ja, der bat halt niemand zuschauen lassen. Sehr einfach." Und der Advokat patschte die Handflächen ineinander. Dann merkte er doch, wie sein Reden dem Manne zu Herzen ging. „Ich tät' Dir gern helfen. Schüller," setzte er hinzu „Aber mit einer Klag' is da nicht viel zu machen. Eines könnten wir probieren. Beschwer Dich beim Ordinariati Das wär' noch ein Mittel. Da geht Du hin und erzählst den Fall wie mir. Die Herren verderben es jetzt nicht gern mit den Bauern. Es kann sein, daß sie Euer» Pfarrer zu einer friedlichen Lösung anhalten." Und dann ging der Schuller die Stiege hinunter und ging mit seinen Kümmernissen und seinem Zorn über breite Plätze und durch enge Gassen, bis er vor der Wobnung des Domkapitulars Späth angelangt war. An den hatte ihn der Advokat gewiesen. Ein altes Fräu- lein öffnete ihm und sagte, der hochwürdigste Herr Bruder sei nicht zu Hause, aber in einer halben Stunde komme er. Der Schuller fragte, ob er nicht warten dürfe, und als es ihm erlaubt wurde, setzte er sich auf eine kleine Bank, die im Hausgange stand. Eine Stunde verging, und der Herr Domkapitular kam noch iminer nicht. Von Zeit zu Zeit streckte das Fräulein den Kopf zu einer Türe heraus und überzeugte sich, daß der fremde Bauersmann noch immer da war. Der saß geduldig und regungslos auf seinem Platze. Das Warten wurde ihm nicht lang, denn er hatte Gedanken genug, die ihn be- schäftigten. Endlich klangen Schritte die Treppe herauf und näherten sich der Wohnungstüre. Ein alter Geistlicher trat ein, und wie er den Schuller sitzen sah, fragte er ihn nach seinem Be- gehren. Er hatte ein kluges, freundliches Gesicht, und der Schüller fing mit größerem Vertrauen seine Erzählung an. Da hieß ihn der alte Herr in sein Zimmer cintreren und Platz nehmen. Und hörte ihn aufmerksam an. Der Schuller erzählte seine Geschichte etwas weitläufig, mit vielen Nebensächlichkeiten. Weil der Advokat ihm so wenig Hoffnung gemacht hatte, wollte er jetzt alles recht ver- ständlich vorbringen und nichts weglassen. Der Geistliche schüttelte manchmal den Kopf und sah den Mann mit prüfenden Blicken am Aber er unterbrach ibn Vicht. Er schwieg auch noch eine Weile, als der Sck Her fertig war. Gewiß bildete er sich nicht ein festes Urteil über die ganze Sache, aber das eine sah er klar, daß hier wieder ein- mal Uebereifer und falsche Auffassung von priesterlicher Würde Unheil angerichtet hatten. Er konnte nicht Partei nehmen für den Mann: vielleicht hatte er sich durch eigenes Verschulden den Unwillen seiner Pfarrer zugezogen, aber auch dann war es töricht, wenn diese ihr persönliches Empfinden so stark gellend machten und in öffentliche Angelegenheiten eingriffen. Solche Dinge waren schuld, daß jetzt der bäuerliche Stand seinen Priestern entfremdet wurde. Die verloren immer mehr die Fähigkeit, Maß zu halten und eine versöhnende Stellung einzunehmen. Das Schlimmste bei solchen Vorkommnissen war. daß man sie selten gutmachen konnte. Diese Herren wagten sich.gewöhnlich so weit vor, daß ein Zurückgehe«» das Ansehen des Standes gefährdete. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) 2� Die Kofahen« Von Leo Tolstoi. 2S. Ja. dachte Olenin auf dem Heimwege, wenn ich mich nur ein wenig gehen ließe, könnte ich mich wahirsinmg in dieses Kosaken» mädchen verlieben. Mit diesen Gedanken legte er sich zu Bette. Er glaubte aber, es würde alles vorübergehen und er würde zu den» alten Leben zurückkehren. Aber das alle Leben kehrte nicht zurück. Seine Beziehungen zu Marianka wurden andere. Die Wand, die bisher zwischen ihnen gestanden hatte, war gefallen, Olenin begrüßte nun schon das Mädchen, so oft er ihr begegnete. Ter Wirt kam zu ihm, um das Geld für die Wohnung zu holen und lud ihn, da er von Oleniins Reichtum und Freigebigkeit gehört hatte, zu sich ein. Die Alte nahm ihn freundlich auf. und Olenin ging nun nach dem Festabend häufig in den Abendstunden zu den Wirtsleuten und saß bei ihnen bis in die späte Nacht. Er glaubte, er führe noch ganz das Leben wie vorher, und doch war alles in seiner Seele von unten nach oben gekehrt. Den Tag ver- brachte er im Walde. Gegen acht Uhr, wenn es dämmerte, ging er zu seinen Wirtsleuten, allein oder mit Onkel Jeroschka. Die Wirtöleute hatten sich schon so an ihn gewöhnt, daß sie sich wunderten, wenn er nicht kain. Er zahlte für seinen Wein reich- lich und war ein umgänglicher Mensch. Wanjuscha brachte ihm Tee. er setzte sich in die Ofenecke, die Alte verrichtete unbekümmert um ihn ihre Arbeit, und sie plauderten beim Glase Tee und beim Wein über � kosakische Dinge, über die Nachbarn, über Rußland. Olenin erzählte, und sie fragten ihn aus. Zuweilen nahm er ein Buch und las für sich. Mariana saß wie eine wilde Ziege mit untergeschlagenen Beinen auf dem Ofen oder in dem dunklen Winkel. Sie nahm an der Unterhaltung nicht teil, aber Olenin sah ihre Augen, ihr Gesicht, hörte es. wenn sie sich bewegte, wen» sie Kerne kaute, und fühlte, daß sie mit ihrem ganzen Wesen auf- horchte, wenn er sprach, und fühlte ihre Anwesenheil, wenn er schweigend las. Manchmal schien eS ihm, als seien ihre Augen auf ,hn gerichtet, und traf sein Blick ihr Funkeln, so verstummte er unwillkürlich und starrte sie an. Dann versteckte sie sich sofort, er tat, als sei er ganz in die Unterhaltung mit der Alten vertieft, und horchte dabei auf ihren Atem, auf jede ihrer Beivegungen und wartete, daß ihr Blick ihn traf. In Gegenwart anderer war sie meist heiter und liebenswürdig gegen ihn. Waren sie allein, so geberdete sie sich sonderbar und unfreundlich. Bisweilen kam er, wenn Mariana noch nicht von draußen zurück war: plötzlich werden ihre kräftigen Schritte vcrnchmbär, und ihr blaues Zitzhemd huscht durch die offene Tür. Sie tritt in die Mitte der Stube, erblickt ihn— und um ihre Augen spielt merklich ein freundliches Lächeln, ihn erfaßt Freude und Bangigkeit. Er begehrte, er verlangte nichts von ihr; doch mit jedem Tage ward ihre Gegenwart ihm mehr und mehr zum Bedürfnis. Olenin hatte sich so in das kosakische Dorflebcn hineingelebt, daß ihm die Vergangenheit wie etwas völlig Fremdes vorkam und ihn die Zukunft, besonders außerhalb der Welt, in der er lebte, gar nicht beschäftigte. Empfing er von Hause, von Verwandten und Freunden Briefe, so kränkte es ihn, daß man offenbar um ihn trauerte, wie um einen verlorenen Menschen, während er in seinem Kosakendorfe alle diejenigen für verloren hielt, die ein anderes Leben führten als er. Er war übe-zeugt, daß es ihn nie gereuen würde, sich von dem früheren Leben losgerissen und sich fa abseits und eigenartig in seinem Dorfe eingerichtet zu haben. In den Feldzügen, in den Festungen hatte er sich tvohl gefühlt, aber erst hier, erst unter den Fittichen des Onkels Jeroichka, in seinem Walde, in seiner Hütte am Ende deS Torfes und'besonders wenn er MarianaS und Lukaschkas gedachte, trat ihm deutlich die ganze Verlogenheit vor die Seele, in der er früher gelebt, die ihn schon! dort empört hatte und die ihm jetzt unaussprechlich häßlich und lächerlich geworden. Mit jedem Tage fühlte er sich hier frei und freier und in höherem Grade Mensch. Ganz anders, als er sich ihn vorgestellt hatte, erschien ihm der Kaukasus. Nichts von alle- dem hatte er gefunden, was in seiner Einbildung gelebt, und was er vom Kaukasus gehört und gelesen hatte. Hier gibt es keine Ftlzmäntel, kein« Schluchten, keine Amalat-BegS, keine Helden und Räuber, dachte er. die Menschen lebe», wie die Natur lebt; sie sterben» werden geboren, verbinden sich, werden wieder geboren, raufen, trinken, effen, freuen sich und sterben wieder, und es gibt keine anderen Lebensbedingungen, als die unveränderlichen, welche die Natur der Sonne, dem Grase, dem Tier, dem Baum gesetzt. Andere Gesetze kennen sie nicht... Und darum erschienen ihm diese Menschen im Vergleiche mit ihm selbst schön, stark, frei, und wenn er sie ansah, überkam ihn Scham und Wehmut um sich selbst. Oft dachte er ernstlich daran, alles von sich zu werfen, in die Reihen der Kosaken zu treten, sich eine Hütte und Vieh zu kaufen, ein Kosarenmädchen zu heiraten— nur nicht Mariana, die er Lukaschka überließ— und mit Onkel Jeroschka zusammenzuleben, mit ihm auf die Jagd und den Fischfang zu gehen und mit den Kosaken rnS Feld zu ziehen. Warum tue ich das nicht? Warum warte ich? fragte er sich selbst. Und so stachelte er sich selbst, so verspottete er sich. Oder scheue ich mich, etwas zu tun. was ich selbst für vernünftig und berechtigt halt«? Ist etwa der Wunsch, ein einfacher Kosak zu sein, am Busen der Natur zu leben, niemandem Schaden zu tun, ja, den Menschen Gutes zu tun, ist etwa dieser Lebens- träum törichter als die Träume, die ich früher hatte— Ministev zu werden oder Regimentskommandeur! Aber eine innere Stimme riet ihm, zu warten und keinen Entschluß zu fassen. Das dunkle Bewußtsein, daß er nicht ganz dag Leben eines Jeroschka und Lukaschka leben könne, weil ein anderes Glück sein»var. hielt ihn zurück— ihn hielt der Gedanks zurück, das Glück bestehe in der Selbstverleugnung. Seine Hand- lung gegen Lukaschka machte ihm noch immer Freude, stets suchte er eine Gelegenheit, sich für andere zu opfern, aber diese Gelegen- heiten boten sich nicht. Zuweilen vergaß er dieses von ihm neu- entdeckte Allheilmittel des Glücks, und er glaubte, frei genug zu fein, um Onkel Jeroschka? Leben zu teilen; dann aber plötzlich be- sann er sich wieder, ergriff den Gedanken bewußter Selbstverleug- nung und betrachtete, auf ihn gestützt, alle Menschen und fremdes Glück ruhig und stolz. 27. Eines TageS vor der Weinlese kam Lukaschka zu Olenin ge- ritten. Er sah noch kühner aus als gewöhnlich. Nun sag. Du heiratest? fragte Olenin und ging ihm heiter entgegen. Lukaschka antwortete nicht gerade heraus. Ich habe Ihr Roß drüben ausgetauscht, das nenne»ch ein Roß! Aus dem Kabardiner-Gestüt von Low«, ich verstehe mich draus.. Sie besichtigten das neue Roß und ließen es auf dem Hofe seine Künste zeigen. Das Roß»var wirklich außerordentlich scbön: ein brauner, breiter und langer Wallach mit glänzendem Fell, prächtigem Schweif und einer zarten, feinen Rassemähne und Rist. Es»var so wohlgenährt, daß man auf seinem Rücken hätte schlafen können,»vie Lukaschka sich ausdrückte. Di« Hufe, das Auge, das Gebiß— alles»var schön und scharf gezeichnet, wie es nur bei Pferden reinsten Blutes zu sein pflegt. Olenin weidete sich an dem Anblicke des Rosses. Er hatte noch nie im Kaukasus ein so schönes Pferd gesehen. Und wie eS läuft, sagte Lukaschka und klopfte ihm den HalS. Was es für einen Gang hat! Und klug ist es— eS läuft seinem Herrn nach. Hast Du viel zugezahlt? fragte Olenin. Nichts Hab ich gezahlt, antwortete Lukaschka lächelnd, ich habe eS von einem Freunde. Ein wunderschönes Ticrl Was willst Du dafür haben? fragte Olenin. Hundcrtfünfzig Münzen sind mir geboten, aber Ihnen gebe ich es so. sagte Lukaschka heiter. Sie brauchen nur ein Wort zu sagen, und ich gebe es Ihnen. Ich sattle ab. und eS gehört Ihnen, mir geben Sie nur ein anderes zum Dienst. Nicht doch, um keinen Preis. Nun, so habe ich ein„Angebinde" für Dich— dabei löste Lukaschka seinen Gürtel und nahm einen der bekoen Dolche ab. die er an einem Riemen hängen hatte.— Ich Habs drüben bekommen. O, ich danke Dir. Und die Weintrauben hat die Mutter-versprochen selber herzu« bringen. Das ist nicht nötig, wir rechnen schon ab. Ich werde Dir doch kein Geld für der Dolch geben. Gewiß nicht, unter Freunden! Mich hat Girej-Chan jenseits des Flusses in sein Haus geführt. Wähle, was Du magst, sagte er, da habe ich diesen Säbel genommen. Das ist so Brauch bei uns. Sie gingen in die Stube und tranken. Sag', bleibst Du eine Zeitlang hier? fragte Olenin. Nein, ich bin gekommen, um Abschied zu nehmen. Man schickt mich jetzt vom Posten in die Kompagnie jenseits des Terek. Noch heute rücke ich mit Nasar, mit meinem Kamc'aden, ab. Und liann ist die Hochzeit? Ich komme bald zurück, dann ist die Vcrlobunz, dann geht'S tvieder in den Dienst, antwortete Lukaschka unwillig. Und Du wirst Deine Braut nicht sehen? Wozu das?... Was habe ich vom Sehen? Wenn Ihr im Aeldgug seid, fragt bei uns in der Kompagnie nach Lukaschka dem Breiten. Und Eber gibt eS dortl Ich habe zwei erlegt. Ich will Sic hinführen.... Nun leb' wohl, der Heiland beschütze Dich. Lukaschka bestieg sein Pferd und ritt in schnellem Schritte, ohne bei Marianka abzusteigen, auf die Straße hinaus, wo ihn Nasar schon erwartete. Gehen wir nicht hinein? fragte Rasar und blinztc nach der Seite, wo Jainka wohnte. Na. sagte Lukaschka, führe das Pferd zu ihr hinein, und wenn ick) nicht bald wiederkomine, gib ihm Heu. Morgen bin ich be- stimmt in der Kompagnie. Sag', hat Dir der Junker nicht noch etwas geschenkt? Nein, Gott sei Tank, ich habe ihm einen Dolch geschenkt. Er hätte beinahe das Roß von mir verlangt, sagte Lukaschka, indenr er vom Pferde stieg und es Nasaria übergab. lJortsctzung folgt.l Machdruck verboten.) Die Karikatur� sJhr Wesen, ihre historische Rolle, ihr inter« nationaler Charakter.) ES gab und gibt kaum etwas, das sich so allgemeiner Popularität erfreut, wie die Karikaiur; die gezeichnete Satire über Personen und Dinge hat immer die Menschen elektrisiert. Trotzdem herrscht über Weien und Bedeutung der Karikatur auck heute noch Unklar- heit. Die Karikatur genießt heute in allen Ländern die größte Popularität, man gretft mit steter und verdoppelter Lust zu den Witzblättern, aber über ihre Bedeutung für die Tagesgeschichle herrschen noch immer verschwommene Borstellungen vor. Picle sehen in der Karikatur fast nur das angenehm erheiternde Unterhaltungsmittel, die lustige und fröhliche Note in den Kämpfen des Tages, und im Karikaturisten nur den Spaßmacher seiner Majestät Volk, der dafür sorgt, daß die Menschlein ob dem Ernst des Lebens das Lachen nicht ganz vergesien. Die die Karikatur derart bewerten, halten deren Bedeutung auch für erschöpft, wenn sie eine solche erheiternde Wirkung auf ihre Beschauer ausübt. Das ist eine sehr primitive Borstellung. In Wahrheit ist die Karikatur eines der wichtigen and unentbehrlichen Mittel, die sich der Mensch geschaffen und entwickelt hat. um damit seine Jntereffen auf«ine eigentümliche, aber gerade darum besonders wirksame Weise zu fördern und durchzusetzen. Gewiß ist die erheiternde Wirkung. die eine gute Karikatur bei den meisten Beschauern auslöst, schon für sich allein ein Hauptzweck der Karikatur, aber auch daS im letzten Grunde eben doch nur. weil in dieser Wirkung die Hauptursachen des angestrebten Erfolges begründet find. Die Karikatur ist inerster Linie ein Kampf» mittel. Zu dieser Rolle wird sie durch die Eigenart ihrer Methode erhoben, durch daS, was man Karikieren nennt. Man erblickt in einer Karikatur gemeinhin bloß eine willkürliche Uebertreibung der Wirklichkeit, einzig geboren aus der jeweiligen Laune eines witzigen geichners und darum legt man sich auch keine besondere Rechenschast darüber ab. in was sich der Eindruck, den der Anblick einer solchen Uebertreibung ausübt, schließlich umsetzt. Indem man aber nur das Allgemeine sieht, bleibt man im unklaren über das Spezielle, über das Planmäßige und die innere Gesetzmäßigkeit der zeichnerischen Prozedur. Wenn wir das Wesen und damit den Wert der Karikatpr richtig analysieren, ergibt sich: Karikatur ist klar bewußtes Ueber- treiben; die Uebertreibung in den Dienst einer bestiminlen Tendenz gestellt. Weil aber daS letztere das Entscheidende ist. deshalb handelt eS sich stets»nn die Uebertreibung des Wesentlichen in einer Sacke, das Hervorkehren der Merkmale, in denen sich der Kern einer Sache oder Person spiegelt. Ausgangspunkt des Karikierens ist daher: daS Wesentliche erkennen und auf die einfachste Form zu bringen. Der Verzicht aus und sogar die Unterdrückung aller Nebensächlichkeiten, durch die der Beschauer von der Hauptsache abgelenkt werden könnte, ist die Voraussetzung der karikaturischcn Wirkung. Hierbei darf nicht übersehen werden, daß das Herausarbeiten des Wesentlichen und die Abstraktion vom Nebensächlichen daS Wesen jeder Kunst ist. ob es sich nun um die Schaffung eines Porträts oder einer Landschaft handelt. Zur Karikatur führt das methodische Verfahren darum erst, wenn der Grad der Uebertreibung so weit getrieben wird, daß man die Absicht deutlich merkt. Eine Darstellung, bei der so verfahren wird, nennt man eine karikaturistische Darstellung. Eine solche haben wir auch dann vor uns, wenn zeichnerisch scheinbar gar keine Uebertreibung nachzuweisen ist und nur eine bestimmte Situation festgehalten ist. Man kann eben auch im rein Geistigen und Gedanklichen alles auf einen Punkt sö ionzentrieren und bieten so herausarbeiten, daß nur diese eine Seite der Sache, nur die vom Künstler erstrebte.Moral" wirksam wird. Entscheidend für die Art der Wirkung einer Karikatur ist natür- lich erst die politische oder moralische Tendenz, in die sie gestellt wird, denn die Karikatur ist an sich tendenziös. Dieser Satz ist nach der oben gegebencn Definition wohl klar. Aber gerade an diese Tat» fache müssen fich die meisten Leute erst gewöhnen, sofeni sie zu, Karikatur überhaupt in eine richtige Stellung kommen wollen. Bis jetzt ist die vorherrschende Ansicht, daß die Karikatur unter allen Umständen verächtlich oder mindestens lächerlich machend wirkt, also immer in gewissem Grade herabwürdigend. Gewiß ist das in der Mehrzahl der Fälle zutreffend. Aber daß die Karikatur Vorzugs- weise in den Dienst der satirisierenden Tendenz gestellt wird, hängt mit dem Wesen der Kritik zusammen, hat aber mit dem Begriff als solchen, nichts zu tun. Wie man die Fehler und Schattenseiten einer Person oder Sacke ins Relief treiben kann, so kann man daS gleiche gegenüber ihrer Größe tun. Die Karikatur ist für den Künstler der Stoff, um alle seine Zwecke zu erreichen, und er diente darum tn der Geschichte auch allen Zwecken. Bon dein Augenblicke an, wo die Züge einer Physiognomie ir, ihrer Gesamtheit oder nur in Einzelheiten übertrieben find, find auch bestimmte Eigenheiten herausgearbeitet und präsentieren sich in der plastischen Wirkung des Reliefs. Denn darauf, daß sich die sämtlichen Charaktereigenschaften der Menschen in deren Getarnt- Physiognomie, wie in den Einzelzügen, des Gesichtes, des Ganges. der Haltung ausprägen, stützt sich ihre Ausbeulung im Dienste der Tendenz im weitesten Sinne. Denn aus dieselbe Weise vermag natürlich ein Künstler in einer Type nicht nur deren persönliche Eigenschaften, sondern auch die Eigenschaften und Merkmale einer Rasse, einer Nation, und nicht weniger die bestiminter Klassen zu kennzeichnen. Das aber macht die Karikatur zum Wahrheitökünder. Und überdies zu einem besonders werlvollen, denn die Karikatur bringt die Wahrheit im abgekürzten Verfahren zutage. Indem der Karikaturist eine Erscheinung von allem Nebensächlichen loslöst und alles an ihr aus daS Wesentliche und Unterscheidende konzentriert, steh» die echte � und wahrhafte Physiognomie einer Person an, raschesten. auffälligsten und darum auch am überzeugendsten vor unseren Augen. Die Zeichen und Symbole der Karikatur wirken ein- dringlicher, überzeugender und vor allem einfacher als die eingehendsten und aussührlichsten schriftlichen Darstellungen. Es ist dies daS Geheimnis des Witzes, der Pointe. ES erscdeint der Kern einer Sache und nur der Kern, das, worauf es ankommt: der springende Punkt. Die Karikatur gibt stets den Extrakt, die knappste und konzentriertest! Eorm einer Erkenntnis, dabei populär und amüsant. Ihr Verbrauch tzt an die Stelle der Arbeit— Vergnügen, Genuß. Dieser letzte Umstand ist vielleicht der wichtigste Schlüssel zum Verständnis ihrer so außerordentlichen überzeugenden Wirkung. Schließlich ermöglichet, die Symbole der Karikamr, daß durch sie Wahrheiten über Per- sonen und Verhältnisse in den Kurs gebracht werden, die in keiner anderen Form vor die Oeffentlichkeit gelangen könntet,. Denn es darf nicht übersehen werden, daß die Karikarur n,i, einigen keck und geistreich hingeworfenen Strichen nicht nur die Grundlinien einer Person treffend zu kennzeichne» vermag, sondern ebenso sehr kom- plizierte Gedanken und Situationen zum klarsten BersrändniS weitester Volkskreiie zu bringen vermag. Alles das macht die Karikatur zu dem. was wir oben von ihr sagten: zu einem Kampfmittel. Und zwar zu einen, geradezu un- schätzbaren Instrument deS Angriffs, z» einer nicht selten furchtbar wirkenden Waffe im Streit der Geister und Parteielt. Indem die Karikatur übenriebene Werte auf ihren wirklichen Wert oder Unwert zurückführt, wird sie zum Totengräber für daö innerlich Ueber- wundene, zum Bahnbrecher neuer Ideen. Läßt sich ihre Wirkung auch nicht mathematisch feststellen, so birgt das Wort„Lächerlichkeit tötet" eben doch«ine absolute Wahrheit. In der Person wird vielfach die Sache getroffen, mit dem Führer stürzt nicht selten die von dem- selben geführte Idee. Von nicht geringerer Bedeutung ist die sittengeschicht» l i ch e Rolle der Karikatur: ihre erzieherische Wirkung aus div Betroffenen. Die Eigenliebe der Menschen wird durch nichts so empfindlich getroffen, als wemt ihre Schwächen der Lächerlichkeit preisgegeben werden. Und was vom Einzelnen gilt, das gilt auch als Maffenerscheinung. Ergibt die reine Komik als Reaktion auf den Beschauer das Gefühl der Erheiterung und der befreienden Fröhlichkeit, so macht die Satire ernst und nachdenklich, sie reizt zu Reflexionen, zu Vergleichen. Eine treffende Satire bringt einen denkenden Menschen, der das Große und Schöne, kennt und erstrebt. in eine feindliche Stellung zu einer verdorbenen Gegenwart, die. als ein Zustand der Torheit und des Lasters, ihm die Verwirklichung seines besseren Bewußtseins und Strebens unmöglich macht. Aus diese Weise wird die Karikatur zum Züchtiger des Einzelnen, den sie immer an seiner verwundbarsten Stelle trifft, und dadurch zum Er- zieher der Gesamtheit. Dies sind nur einige der hauptsächlichsten Wirkungen der Karikatur. Dieses Mittel des öffentlichen Geistes ist natürlich niemals. wenn man so sagen will.„Fabrikgeheimnis" eines einzelnen Volkes gewesen. Der menschliche Geist hat eS auf einer bestimmten Höh« der kulturellen Entwicklung überall herausgebildet und zwar im Wesen in sterS gleicher Art. Gewiß bat er dieses Mittel in dem einen Lande zu einer groben Keule werden lassen, im anderen zu einer elegamen Klinge, im drillen zu einem heimtückisch aus dem Hinterhalt hervorblitzenden Stilen, aber weil die Karikatur überall aus denselben Untergründen hervorging und im Wesen von den- selben Bestandteilen gebildet war, wurde sie trotzdem auch stelS zu einer Sprache, die iitlernational immer durchaus richtig der- ficmbcn wurde. Die Karikatur wurde 5» allen Zelten die Weltsprache des Geistes. deS Witzes, des Genies. Und dadurch erhielt die Kankariir auch einen internationalen Charakter, d. h. sie wurde zu der Sprache, die international stets am besten verstanden wird, sosern es sich um die Kennzeichnung gleichartiger Zustände und Situationen handelt, und für die man sich darum auch stets international interessiert hat. Eine treffende karikaturistische Charakteristik der englischen Bourgeoisie pafft im letzten Grunde auch auf die deutsche, französische und umgekehrt. Weshalb die Pointe auch in allen Ländern stets ohne jedes MiffverständniS begriffen wird. DaS gleiche gilt von der Kennzeichnung allgemein menschlicher Laster und Schwächen und vor allem v?n der satirischen Behandlung politischer Situationen. Aus diesem Grunde ivurde sie auch stelS das internationale Bindemittel derer, die ihre Jntereffenkämpfe auf die Höhe groffer Menschheitskämpfe emporgehoben haben. Diese Jnternationalität wuchs in steigendem Maffe, in dem die Unter- gründe des LrbenS überall gleichartig wurden. Eine kleinbürgerliche Geiellschaftsorganisation zeitigt in Frankreich dieselben Tugenden und auch dieselben Laster ivie in Deutschland. Die„Moral' der auf dem Kapitalismus ausgebauten Gesellschaft unterscheidet fich nir- gendS mehr durch die andersfarbigen Grenzpfähle. Die Denk- und Handlungsweise des englischen oder amerikanischen Bourgeois kann groffzügiger sein, alS die des deutschen und ftanzösischcn, aber in den entscheidenden Linien und im Inhalt sind sich alle gleich. Dasselbe gilt vom Lebensinhalte deS internationalen Proletariats, kurzll», von allen modernen gesellschaftlichen Erscheinungen. Dariii» ist ober auch inieriiational zutreffend. waS an Charakteristik der Gegenwart von der satirischen Karikatur geschaffen wird. Und nur in Einzelheiten herrschen Unterschiede. (Schluß folgt.) kleines feuilleton. Die großen Wasserfälle von Labrador. Obwohl die grohe Halb- insel Labrador der zuerst von den Europäern erblickte Teil deS amerikanischen Festlandes war, so ist diese Halbinsel mit AilSnahme der Küsten noch sehr wenig erforscht. Auck daS groffe Naturwunder der Wasserfälle von Labrador ist noch wenig bekannt. Der Sekretär deS geographischen Klubs in Philadelphia, hol mit mehreren Trappern eine gefahrvolle Forschungsreise durch Gegenden, in denen lein lebendes Wesen zu erblicken war. unternommen. Plötzlich— es war an einen, Seviembertagc— gewahrten sie vor Sonnen- Untergang eine hohe Nebeliäule, die sich wie eine Nanchwolke vom westlichen Himmel abhob. Die? deutete auf die Nähe des Grossen Falles und versetzte die Reisenden in freudige Erregung. In der Nackt zeigte sich ein prächtiges Nordlicht, am folgenden Tage, am 2. September, brachte sie ein mühianicr Marsch über Felsen und durch Sümpfe, und als sie sich dem Flusse näherten, durch Spruce- fichtenwülder,— während der Donner des fallenden Wassers immer deutlicher zu ihrem Obre klang— endlich zum Ufer nahe der Stelle, wo sich der Fluff hinabstürzt. Ein einziger Blick genügte, um zu zeigen, doff dies einer der gröfften Wasserfälle der Welt sei. Eine Szene wilden Aufruhrs cnt- rollte sich, deren Erhabenheit die ersten bewundernden Augenblicke nicht in allen Einzelhcuen zu fassen vermochten. Weit stromauf er- blickte man die brandenden, schäumenden Waffer, deren stürmische Wellen hoch auft'piitzien, mit unwiderstehlicher Gewalt nach dem steilen Felsen zugerissen, von dem sie den wilden Sprung in die Tiefe taten. Sah man über den felngen Rand in diesen hinab, so fesselten_ die herrlichen Farben zahlreicher Regenbogen das Auge, die in dem stäubenden Nebel denändig entstanden und wieder zerflossen, und der majestätische Schall deS stürzenden Wassers tönte fort wie lest Jahrtausenden. Jenieitö des kochenden Kessels erschien der Fluff. wie er seinen stürmischen Lauf zwischen drohenden Klippen und über � meilenlange Stromschnellen fortsetzte. Da» Dröhnen deS Wassers verhinderte jedes Gespräch, und nach eijjem stummen Austausch von Glückwünschen wandten die Reisenden ihr Augenmerk aus die nähere Untersuchung des Flusses ober- und unterhalb der Fälle. Eine Meile oberhalb des Haupisalles ist er ein mächtiger Strom von etwa 400 jjards(336 Meter) Breite, schon mit beschleunigter Bewegung.'iLier Stromschnellen, die sukzessive Bertiefungen des FstiffbeltcS bezeichnen, treten zwischen diese Stelle und den Fall. Bei der ersten Stromschnelle beträgt die Breite deS Flusse« nicht mehr als 160 Meter, und von da a» verschmälert er sich rasch bis zum eigentlichen Absturz, wo die ganze schauinige Wassersäule zwischen felsige Ufer gedrängt wird, die nicht über 46 Meter von einander entfernt sind. Hier erheben sich die Kämme der Woge» hoch über die umgebenden Ufer, ehe sich die Masse herabstürzt. Eine hohe Dunstsäule steigt an der Stelle auf, und daS Donnern des Wasserfalles kann untxr günstigen Umständen 2V Meilen weit gehört werden. Unterhalb deS Flusses wendet sich der Fluff nach Südoilen und wird 25 Meilen weit von senkrechten Gueiff- feli'en eingeschlossen, die sich stellenweise bis zur Höhe von lW Meter erheben. Die Felsenufer ober- und unterhalb des Falles sind dicht bewaldet von Fichten und Sprucefichlen, zwischen denen stellenweise Birken fich zeigen. Bald nach Aiikunft der Reisegesellschaft unter- nahm eS Professor Kenaston, die Höhe des FaffeS zu messen. Dies geichah mittels einerstarken, langen, zu diesem Zweck mitgenommeneu Leine, an welche ein schwerer Fichrenklotz gebunden war. Die Messung ergab 316 Fuß(96,4 Meter): in Anbetracht einer Abweichung von der Senkrechten um einige Grade sowie einer etwaigen Dehnung deS SeileS kann man die Höhe des Falles auf etwas über 9V Meter rechnen. Die Ungunst deS Weilers sowie die fast gänzliche Erschöpfung ihres Proviants bestimmten die Reisenden zum Aufbruch, nachdem sie nochmals beim Morgenlichte das groffartige Schauspiel deS Ortes genossen und vergeblich nach Spuren irgend eine? Tiere» in der Nachbarschaft gesucht hatten. Sie hmterlieffen einen Be« richt ihres Besuches an dem Ufer des Flusses, begaben sich bei strömendem Regen aus den Heimweg und erreichten nach einigen mühseligen Reisetagen glücklich daS Lager, wo Geoffrey in einiger Sorge ihrer harrte. Dort schifften sie sich auf dem Flusse ein, dessen schnelle Strömung sie in sieben Tagen an seine Münduno brachte, eine Entfernung, die stromaufwärts zurückzulegen sie fast einen Monat angestrengter Arbeit gekostet hatte. Die grossen Fälle von Labrador, mit ibrer Umgebung von verwitrerten Felsen, sind eines der Naturwunder de» weillichen Weltteiles, und wären sie zivilisierten Gegenden näher, so würden sie alljährlich von Tausenden von Touristen be- sucht. Sie sind beinahe zweimal so hoch als der Niagara und sind diesem nur in der Breite und der Masse deS Gewässers unter- geordnet. Nach dem starken Gefälle und der gleichzeitigen Ber» engung des FluffberteS läfft eS sich leicht begreifen, mit welcher titaniichen Gewalt das Wasser zum letzten Sprunge ansetzt. Der ndianische Name des Falles Fat-ses-che-wan, d. h. der enge Ort, wo das Wasser fällt, ist, ebenso wie das indianische Wort Niagara— Donner der Gewässer— von einer poetischen Anschaulichkeit, die nickt leicht zu überbieten wäre. Bon der Stelle an, wo der Fluß das Plateau verläfft und in den tiefen Kessel unterhalb des Falles stürzt, geht sein Laus während 25 Meilen durck einen der merlwürdigsten Canons der Welt. DaS Aussehen der Wände dieser Enge und die Zickzacklinien deS Flusses deuten darauf hin. daff der Strom seinen Weg allmählich durch dies Felienbett genagt hat. Fuff um Fuss, von dem Rande der Hochebene bis zu der jetzigen Stelle des Wassersolles. Nach neuen Schätzungen hat es eine Zeit von 40 000 Jahren gebraucht, bis der Niagarafall von seiner ursprünglichen Stelle bei den Höhen von Oueenstown bis zu seinem jetzigen Platze zurück- rückte. Hat nu» der Niagarafall so lange gebraucht. um durch die zernagende Kraft deS Wassers auf einem weichen Schiefer- tonfelsen, der eine Kalksteinschicht trägt, einen Weg von 7 Meilen zu machen, so ist die unendliche Zeitdauer kaum zu ermessen, die die Gestaltinig deS Canons des grossen FlusseS bei der Voraussetzung einer gleichen Eiitstehung in Anspruch genommen hat. umsomehr, da daS Gestein bei de» Labradorfüllen aus hartem Gneis besteht. Und dennoch ist eine andere Erklärung für den Ursprung dieser FelSkehle nicht ivohl statthaft, man nehme denn an, es sei vor Zeiten eine Spalte in dieser Richtung entstanden, die der Strom allgemach zu ihrer jetzigen Gestalt aushöhlte. Aus dem Tierreiche. Ueber die Insekten im Altertum ber Erb» g e s ch i ch t e haben die paläontologischen Funde der letzten Jahre wertvolle Aufschlüsse gegeben. Zwar gab es damals weder Fliegen noch Schmetterlinge, weder Wespen noch Bienen, weder Ameisen noch Wanzen. Aber in den Waldmooren der Steinkoblenzeit flatterten Libellen von Armeslänge und handlange Eintagsfliegen umher: über die Lichtungen hüpften spannenlange Gespenst- Heuschrecken und ebensolche Schaben und noch größere Tausend- füßler krochen zwischen den Steinen umher. Es waren plumpe, ungefüge Gesellen. die da ein stumpfsinniges Dasein führten: noch lockte ja nicht der Honigduft der Blumen- pflanzen, die erst in einer späteren Periode sich entwickelten. AuS faulenden Abfällen und harten Bläuern bestand ihre Mahlzeit. Sicher gab eS bei den damaligen Insekten weder eine Staaten- bildung. noch eine Brutpflege, wie wir sie bei den heutigen Ameisen und Bienen sehen. Ebensowenig kannten sie den Puppenzustand als Uebergang von der Larve zum vollentwickelten Insekt; diese Meta- morphose hat sich erst allmählich mit der fortschreitenden Abkühlung der Erde herausgebildet, indem durch die Jahreszeiten die VegetationS- und damit auch die Fraffperioden abgekürzt wurden und ein Schutz des noch unentwickelten Tieres vor dem Elnfluß der kalten Witterung sich notwendig machte. Aus dem Altertum der Erde sind über hundert Arten von Insekten bekannt, und wenn auch die kleineren Formen fich nicht fossil erhalten haben und wohl der größte Teil der damaligen Jirsekteiiwelt unS immer verborgen bleiben dürste, was will daS sagen gegen die Mannigfaltigkeit dieser Gattung in der heutigen Zeit? Gegenwärtig kennt man ungefähr S85 000 Arten von Insekten. darunter u. a. zirka 9500 heuschreckenartige. 172 000 Käfer. 55 000 Hautflügler(Weipen und Bienen, von letzteren allein 10000 Unter- arten), 2300 Wasserjungfern, 400 Eintagsfliegen, 106 V00 Schmetterlinge und Fliegen. 33 000 wanzenartige usw. Und darunter gibt eS Tiere von solcher Winzigkeit, daß 4000 von ihnen das Gewicht eines Sandkorns erreichen I Perantwortl. Redakteur: HanS Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VirI«g»anjtaIt Paul Singer ckSo.. Berlin SW.