Nnterhaltungsblatt des Horwärls Nr. 230. Freitag den 27 November. 1908 rl:« verboten.» 411 Hndreaa Vöft. Kauernroman von Ludwig Thoma. „Da Haberlschneider sagt's aa. Du gibst an Pfarra bloß a G'teg'nheit. daß er schlecht reden ko über Di." „Wenn dös da Haberlschneider glaabt, is sei Sach'. I glaab's änderst und bleib dahoam." Und die Schullerin mußte allein gehen. Die Nacht war klar und kalt. Aus der Kirche drang Helles Licht und legte sich auf die Schneedecke. Und leuchtete weithin in die Gassen und Winkel und zu den Hügeln hinauf, von denen eilige Menschen herunterkamen. Sie schritten über die Felder dem Lichte zu, wie vor vielen hundert Jahren die Hirten, denen die frohe Botschaft ver- kündet wurde. „Heute ist euch der Erlöser geboren worden. Ihr werdet ein Kindlein finden, das in einer Krippe liegt." Da verließen sie ihre Herden und eilten, um das Er- eignis zu sehen. Es muß wohl ein armer Häusler gewesen sein, bei dem der Herr Joseph eingekehrt war. Bloß ein Ochs und ein Esel standen hinter dem Barren: kein Roß fraß von der Raufe, keine Kuh lag auf der Streu. Der Stall war niedrig und eng, daß er die Wärme hielt für das wenige Vieh. Und weil die Hirten keinen Platz darin hatten, blieben sie an der Türe stehen. Das Kindlein lag nackend, wie es zur Welt gekommen war, und die Magd des Herrn kniete davor und faltete fromm die Hände. Man sah ihr das Leiden an, denn sie ist gar ein zartes Frauenzimmer gewesen und hat noch in den Wehen hcrumirren müssen, bis sie endlich das Obdach fanden. Der Joseph ist sorgsam dabei gestanden in zwiefacher Sorge lim die Mutter und das Kind: wenn er seine schwie- ligen Hände zum Beten zusammenlegte, hat er in die Krippe geschaut, ob die Tiere das Stroh nicht unter dem.Kinde weg- zogen, und ob er noch ein Büschel unterlegen müsse. Das waren drei arme Menschen. Aber die Hirten sind vor ihnen niedergekniet. Es ist ein lichter Schein von der Krippe ausgegangen und auf sie gefallen. Der leuchtet noch heute den Armen. In diesem nackten Kindlein erstand ihnen ein Streiter. Wie es neben der Hobelbank aufwuchs und in ehrfürch- tiger Liebe an den Händen der Eltern die Ehrenmale der Arbeit sah, ist in ihm der heiße Wunsch groß geworden, den Menschen zu helfen. Und es ist der erste Kämpfer geworden gegen die Reichen und Mächtigen. Die leidenden Menschen wissen es kaum: in der lauten Verehrung seines Namens ist gerade das zur Vergessenheit gckonimen. Aber einmal im Jahre müssen sie daran denken. In der stillen Winternacht, wenn man die Geburt des Kindes feiert. Da mögen die Armen glauben, daß der Mann sein Leben lang zu ihnen gestanden ist, der im engen Stalle auf die Welt kam. Dichtgedrängt standen die Leute in der Kirche, und immer noch ging die Türe auf und zu. Vorne am Altare und NN den Seitcnwänden brannten Kerzen: davon war die gewölbte Decke erhellt: unten auf der Menge lag tiefes Dunkel. Aber hier und dort flackerte ein Licht, und in seinem gelben Scheine hob sich scharf umrissen ein ernsthaftes Gesicht ab. Eine alte Bäuerin, die ihren Wachsstock angezündet hatte und iin Gebetbuche las. Man sah die Lippen sich bewegen und den Hauch vom Munde geben. Die Menge stand nicht still. Viele rührten sich, daß sie die Kälte mcht so empfindlich merkten. Die Füße scharrten den Boden, unterdrücktes Husten kam aus dem Dunkel heraus »md ballte vom Gewölbe zurück. Mit einem Male verschlang voller Orgelton das Ge- räusch: Herr Stegmiiller griff drei oder vier kräftige Akkorde und ging zu einer Melodie über. Eine dünne Frauenstimme fiel ein, und wer zum Chor hinaufblickte, sah in schwacher Beleuchtung die Näherin, die Schallmaier Zenzi, welche auch des Sonntags das Hochamt begleitete. Für gewöhnlich mußte sie lateinische Worte singen; heute war es ein deutsches Lied. Den Brauch hatte vor vielen Jahren der Pfarrer Held so eingeführt. Es ist ein Rof entsprungen Aus einer Wurzel zart Wie uns die Allen sungen, Aus Jesse kam die Art. Nnd hat ein Blümlein bracht Mitten im kalten Winter Wohl zu der halben Nacht. Als das Lied zu Ende war, zog der Mesner dreimal an der Sakristeiglocke: der Pfarrer schritt iin goldgestickten Kleide zum Altare hin, die Ministranten klingelten, und einer schwang das Weihranchfaß. Jetzt kam wieder das Lateinische zu seinem Rechte. Die Schullerin war in dem Gedränge bis zur Seiten« kapelle geschoben worden. Hier hatte der Mesner eine Krippe aufgerichtet: darstellend die Geburt des Herrn. Ueber die Hälfte des Raumes nahm der Stall von Bethlehem em: es war aber kein Stall, wie sie vielleicht in Palästina gebaut worden sind: es war ein richtiger, ordentlicher Stall, wie man sie hierzulande hat. Alles darin war genau und gut nachgemacht: Barren und Raufe, ein hölzerner Verschlag, in dem man die Schweine unterbringt, oben die Luke, durch die man das Heu herunter- wirft: dazu Geräte und Handwerkszeug, ein Schubkarren, Trankkübel und ein Melkstuhl waren da: Heurechen und Gabeln waren an die Wand gelehnt. Und hinter dem Barren stand ein Ochse: aber kein Ochse, wie man sie in Palästina hat, sondern ein richtiger Pinz- gauer, rot und weiß gefleckt. Der Esel daneben ist eher orientalisch gewesen, denn der Meister hatte ihn ohne Vor- bild geschnitzt. Vom Stalle weg dehnte sich eine Landschaft aus: eine richtige, deutsche Schncelandschaft mit Hügeln und Bäumen. Am dunklen Himmel leuchteten die Sterne: einer besonders bell. Das war der Stern, der die Weisen ans dem Morgen- lande herbeiführte. Zu dem sahen die Hirten hinauf: sie mußten aber die Augen vor seinem Glänze bedecken. Andere Hirten hatten sich vor dem Stalle aufgestellt und schauten andächtig hinein. Da saß die Jungfrau auf dem umgestülpten Schubkarren und hielt zärtlich blickend das Kindlein im Schöße. Der Joseph stand daneben: mit der linken Hand strich er sich den langen Bart, die rechte hielt er freudig in die Höhe, und sie stieß beinahe an der Decke des Stalles an. Die Schullerin schaute gar andächtig auf die Gruppe. Das war so, wie es im Liede gesungen wurde. lind hat ein Blümlein bracht Mitten im kalten Winter Wohl zu der halben Rächt. Da mußte sie an ihr eigenes Kind denken, das sie den letzten Herbst zur Welt gebracht hatte. Und das ihr der Pfarrer in ungewcihter Erde neben der Friedhofmaucr einscharren ließ, weil es nicht getauft war in dem Glauben dessen, der da drinnen in der Lirippe so hilflos auf seiner Mutter Schoß lag. Es steht aber geschrieben:„Acht Tage später wurde daS Kind beschnitten und ihm der Name Jesus gegeben." Eine ganze Woche später. Wenn da ein Unglück ge- schehen wäre, ob sie im Morgenlande gegen die Mutter auch so grausam gehandelt hätten? Das ihrige war keine Stunde alt geworden und durfte doch nicht liegen neben den Eltern, um auf die Auferstehung zu warten. Daran mußte die Sckullerin denken. Wenn das nicht geschehen wäre, hätte vieles ein anderes Aussehen bekommen. Von dem Tage an war der Verdruß angegangen und hatte nicht mehr aufgehört. Ja. wäre das iHdfit gewesen, dann stünde jetzt der Bauer neben ihr und fehlte nicht am beiligsten Abend in der Kirche. Eine lebhaste Bewegung kam unter die Leute; am Altare sang der hochwürdige Herr ein lateinisches Wort be- sonders langgedehnt und feierlich durch die Nase. Tie Mette war zu Ende. lFornetzung folgt.l lNachdruck' VerSolen.) 2kj Die Kofaken. Von Leo T o l st o i. Lieber wie di-di-li und andere ähnlich-e.Herrenlieder" hatte er nur für Olenin gesungen; alS er aber dann noch drei GlaS Wein getrunken hatte, trat die gute alte Zeit in seine Erinnerung, und er stimmte echte Kosaken- und Tartarcnlicder an. Mitten in einem seiner Licdlingsliet.cr erzitterte plötzlich seine Stimme, er verstummte, und nur seine Finger klimperten noch auf den beiden Saiten der Balalaika. Ach, Du mein Liebster, sagte er. Llenin sah bei dem sonderbaren Klange seiner Stimme auf: der Alte weinte, Tränen stillten seine Augen, und eine flost die Wange herab. Du bist dahin, meine liebe Zeit, nie kehstt du wieder! sagte er schluchzend und versank in Schweigen— trink, warum trinkst Du nicht?— rief er plötzlich mit seiner dröhnenden Stimme, ohne seine Tränen abzuwischen. Besonders rührend war für ihn ein tawlinisches Lied. EL hatte nur wenig Worte, sein ganzer Reiz lag in dem klagenden Kehrreim: Ai-dai-dalalai! Jeroschka übcrseyre di: Worte des LicdeS: Ein junger Bursche hatte seine Herde auS dem Aul ins Gebirge getrieben. Da kamen die Russen, steckten den Aul in Brand, töteten alle Männer und führten alle Weiber in die Gefangenschaft. Der Bursche kam aus dem Gebirge heim: wo einst der Aul gewesen, war nun eine öde Stätte; die Mutter war nicht mehr, die Brüder waren nicht mehr, das Haus war nicht mehr, nur ein Baum war stehen geblieben. Der Bursche setzte sich unter den Baum und weinte. Allein bin ich geblieben, wie du allein. Und der Jüngling sang:..Ai-dai- dalalalai!" Und diesen rührenden, herzergreifenden Kehrreim wiederholte der Alte viele Male. Als Jeroschka den letzten Kehrreim gesungen hatte, riß er plötzlich die Flinte von der Wand, stürzte auf den Hof hinaus und schoß aus beiden Läufen in die Luft. Dann sang er wieder noch klagender:„Ai-dai-dalalalai.... a-a." Dann verstummte er. Olcnin war ihm auf dem Trcppcnflur gefolgt und blickte schweigend in den dunklen Sternenhimmel nach der Ricktung, wo die Schüsse aufgeblitzt waren. Bei den Wirtsleuten im Haufe war Licht, hörte man Stimmen. Auf dem Hofe drängten sich die Mädchen an Treppen und Fenster und liefen zwischen Stuben und Flur hin und her. Mehrere Kosaken kamen herausgestürzt, sie konnten nicht an sich halten und begleiteten den Schluß des Liedes und Onkel Jeroschkas Schüsse mit ihrem Jauchzen. Wie kommt es. daß du nicht bei der Verlobung bist? fragte Olcnin. Laß sie gehen, laß sie gehen! sagte der Alte, den man offenbar dort gekränkt hatte.— Ich mag sie nicht, ich mag sie nicht— ach, was für ein Voltl Gehen wir in die Stube I Mögen sie für sich lustig sein und wir für uns. Olenin ging in die Stube zurück. Sag', ist Lukaschka heiter? wird er mich nicht besuchen? fragte er. Ach waS, Lukaschka! sie haben ihm vorgelogen, daß ich Dir das Mädchen zugesührt habe, sagte der Alte flüsternd.— Und was meinst Du? Das Mädchen?— Sie ist unser, wenn wir wollen: gib nur das nötige Geld, und sie ist unser! Das will ich Dir schon machen, wahrhaftig! Nein, Onkel, Geld macht hier nichts, wenn sie mich nicht liebt. Sprich nicht mehr davon. Waisen ohne Liebe sind wir beide, sagte plötzlich Onkel Je- roschka und brach wieder in Tränen aus. Olenin trank mehrmals gewöhnlich, während er den Erzählungen des Alten lauschte.»So, jetzt ist mein Lukaschka glücklich," dachte er; aber eS war ihm traurig zu Mute. Der Alte vetrani sich an diesem Abend so, daß er ans den Fußboden hinschlug und Wan- juscha sich einen Soldaten zu Hilfe rufen mußte, um ihn mit Mühe fortzuschaffen. Er war auf den Alten ivegen seines schlechten Benehmens so wütend, daß er kein französisches Wort mehr sprach. Lg Es war im August. Tagelang hatte kein Wölkchen am Himmel gestanden; die Sonne brannte unerträglich, und vom frühen Morgen an wehte ein warmer Wind, der in den Dünen und aus der Landstraße glühende Sandwolken auftrieb und sie über das Schilf, die Bäume und die Dörfer dahintrug. Das Gras und das Laub der Bäume war mit Staub bedeckt; die Wege und die Moräste waren rein und hart und klangen unter dem Tritt des Wanderers. Das Wasser im Terek war schon lange gefallen und floß reißend die Gräben entlang und trocknet« dort ein. Die vom Vieh zertretenen sumpfigen User des Dorsteiches waren ans» getrocknet, und den ganzen Tag hörte man im Wasser dasjßlät- schein und Schreien der Mädchen und Knaben. In der Stepp« waren die Dünen und das Schilf trocken, und das Vieh lief brüllend am Tage aus die Felder. Das Wild suchte seine Weide im fernen Schilf und in den Bergen jenseits des Terek. Mücken und Fliegen summten in dickten Schwärmen über den Niederungen und den Dörfern. Tie schneebedeckten Berggipfel hatten sich in einen grauen Nebel gehüllt. Tie Lust war dünn und übelriechend. Die Abrekcn, so ging das Gerücht, waren über den seichte» Fluß herüber- gekommen und tummelten sich am diesseitigen Ufer. Tie Sonne ging allabendlich wie eine große Feuerkugel unter. Es war der Höhepunkt der Arbeitszeit. Die ganze Bevölkerung des Dorfes arbeitete in den ütelonenseldern und Weingärten. Die Gärten waren dicht mit üppigem Grün bewachsen und boten küblendcn Schatten, lieberall schimmerten durch das breite, durchsichtige Laub die reifen Trauben hindurch. Aus dem staubigen Wege, der zu den Gärten fübrte, zogen knarrende Wagen dahin, die hoch mit dunklen Weintrauben belaoen waren. Auf dem Wege lagen die Trauben umber, welche die Räder zerdrückt hatten. Knaben und Mädchen liefen in ihren von Beerensaft fleckigen Hemdchen und mit Trauben in den Händen und im Munde hinter ihren Müttern einher. Aus der Landstraße begegnete man ununterbrochen zcr- lumpten Arbeitern, die aus ihren kräftigen Schultern Körbe mit Weintrauben trugen. Weiber in Kopftüchern, die ihnen bis an die Augen reichten, führten die Ochsen, die die hochaufgchäusten Wagen mit Wein zogen. Begegneten einem Wagen Soldaten, so baten sie die Kosakenweiber um Trauben, und das Kosakenweib klettert im Fahren auf den Wagen, greift eine Handvoll Trauben und schüttet sie dem Soldaten in den tochoß. In einzelnen Hören wurden die Trauben schon gepreßt. Der Duft der Weintrestec erfüllte die Luft. Blutrote Tröge schimmerten unter den Schuppen hervor, und auf den Höfen sah man die nagaischen Arbeiter mit den ausgestreiften Hosen und den rotgesärbtcn Waden. Schwein« fraßen grunzend die Schalen und walzten sich auf ihnen. Dia flachen Dächer der Hütten waren über und über mit dunklen bcrn- steinfarbenen Trauben belegt, die in der Sonne trockneten. Krähen und Elstern flatterten in dichten Scharen Kerne aufpickend um die Dächer und hüpsten von Ort zu Ort. Die Früchte jahrelanger Arbeit wurden fröhlich eingebracht. und in diesem Jahre waren die Früchte besonders reich und schön. In den schattigen kleinen Weingärten inmitten eines MeereS von Weinstöckcn vernahm man von allen Seiten her Lachen. Singen, Lustigkeit; üb.rall schimmerten die grellen, bunten Kleider der Frauen hindurch. Gerade um die Mittagsstunde saß Mariana in ihrem Garten im Schatten eines Psirfichbaumes und holte unter dem abgeschirrten Wagen das Mittagessen für ihre Familie hervor. Ihr gegenüber saß auf einer ausgebreiteten Pferdedecke der Fähnrich, der auS der Schule heimgekehrt war, und wusch sich die Hände in einem Krug. Ein kleiner Knabe, ihr Bruder, kam eben vom Teiche her- gerannt und atmete schwer, er wischte sich mit dem Aermel ab und sah die Schwester und die Mutter in Erwartung des Mittag- essenS unruhig an. Di« alte Mutter hatte ihre Aermel hoch über die gebräunten Arme gestreift und teilte auf einem niedrigen, runden tartarischcn Tischchen Weintrauben, getrocknete Fische, Rahm und Brot auS. Der Fähnrich nahm, nachdem er sich die Hände abgetrocknet hatte, seine Mütze ab, bekreuzte sich und rückte an den Tisch heran. Auch im Schatten drückte die Sonne unerträglich. Die Luft, die über dem Garten lag. war stickig. Der warme, starke Wind, der durch die Zweige fuhr, brachte keine Kühlung, er beugte nur einförmig die Gipfel der über die Gärten zerstreuten Birnen-, Pfirsich- und Maulbeerbäume. Der Fähnrich betete noch einmal, holte ein kleines Krüglei» mit Most hervor, das hinter ihm unter dem Weinlaub stand, trank aus seinem dünnen. Halse und reicht« es der Alten. Ter Fähnrich trug nur ein Hemd, das am Halse aufgeknöpft war und seine muskulöse, behaarte Brust durchsehen ließ. Sein feines schlaues Gesicht schaute lustig drein. Weder seine Stellung noch seine Sprechweise ließen seine gewöhnlich« listige Natur erkennen; er war heiter und ungezwungen. Gegen Abend werden mit dem Streifen hinter der Scheuer fertig, sagte er und wischte sich den nassen Bart ab. Wir wcren fertig, antwortete die Alte, wenn nur das Weiter sich hält. Die Djomkins sind noch nicht mit der Hälfte fertig, fügte sie hinzu.— Rur Ustjcnka arbeitet und rackert sich ab. Ja. die Leute, sagte stolz die Alte. Na, trink, Marianuschka, sagte die Alte und reichte dem Mädchen den Krug.— So Gott will, werden wir reichlich haben, um Dir die Hochzeit zu richten, sagte die Alte. (Fortsetzung folgt.) Maller und Land» In einer Vortragsreihe über die Allgemeine Meereskunde und die Methoden der Meeressorschung sprach Herr B a s ch i n, KustoS des Instituts für Meereskunde an der Universität Berlin, über die Verteilung von Wasser und Land auf der Erdkugel. Wir geben die interessanten Ausführungen, die natürlich auch viel Bekanntes Bringen, etwas ausführlicher wieder, weil allein schon die Anord- nung des Stoffes für den Laien den Reiz des Neuen hat. Die Verteilung von Land und Wasser auf der Erde bedingt die groben Züge im Antlitz unseres Mutterplaneten. Aber noch mehr, sie beding» auch die Wärme- und die Klima- Verteilung in hervorragendem Matze, soweit �ie astronomischen Bedingungen, unter denen die Einstrahlung der Sonnenwärme auf den Erdkörper vor sich gehen, das noch gestatten. Auch die Meeresströmungen werden durch den gleichen Faktor be- dingt. Das erkennt man an» besten. n>enn man sich denkt, datz ein« Landbrücke von Europa nach Grönland sich hinzöge. Die Folge würde das Aufhören des Golfstromes sein, dem unsere Nordküjten zum grotzen Teil« ein so mildes Klima verdanken, und wir würden unter einem weit rauheren Klima leben müssen. Schlietzlich wird durch die Verteilung des Festen und Flüssigen auch noch die Nieder- schlagSverteilung erheblich beeinsluh:. Alle diese Einzelfaktoren beeinflussen das Klima in empfindlichster Weise. Das Wasser hat die Eigenschaft, autzerordentlich viel mehr Wärme aufspeichern zu können als daö feste Land. Die Sonnenstrahlung dringt tief in das Wasser hinein und wird auch schwerer und langsamer wieder abgegeben als vom Lande. Tie natürliche Folge ist. datz das See- llima und das Klima solcher Länder, die an der See liegen oder rings von ihr umgeben sind, viel gemätzigtcr ist alö das tontinen- tale Klima. Im Sommer wird viel Wärme vom Wasser verschluckt und die übermätzige Temperatur in der darüber liegenden Luft hcrabgedrückt, im Winter gibt das Meer immer noch von seinem Wärmevorrat ab und kann damit die Kälte mildern. Im Innern der Kontinente kommen dagegen die Umerschiede hart und scharf zum Ausdruck und bedingen grotze klimatische Schioankungcn in den Jahreszeiten. Betrachtet man die Verteilung von Wasser und Land unter dem Gesichtspunkte der Menge, so erfahven wir, datz von den 509 Svl 000 Quadratkilometern der gesainten Erdoberfläche nur 148 8LS 000 oder 29,2 Proz. mit Land, dagegen 861 129 000 gleich 70,8 Proz. mit Wasser bedeckt find. Noch während des Zeitalters der Entdeckungen tobte ein grosser Streit darum, ob die Erde mehr Waffer- oder mehr Landflächcn bejähe, und»nan neigte der letzteren Ansicht zu. Mercator, von dem die nach ihm benannte Dar- stellungsweise der Erde in Karten herrührt, meinte, datz eine Gleichheit in der Verteilung vorhanden sei, uitd erst Kant beseitigte diese Anschauung, indem er darauf hinwies, datz es durchaus nicht nötig fei, datz die Erdkugel gcwiffermatzen überall und nach jeder Seite hin gleichm ätzig belastet sei. Wie recht er hatte, beweisen unsere Zahlen, noch mehr aber die Ungleichheit der beiden Hemi- spharen. Die Nordhalbkugel hat etwa 39.3 Proz. Land, 60.7 Proz. Wasser, wohingegen die Südhalbkugel blotz 19 Proz. Land und 81 Proz. Waffcr aufweist. Das Waffer überwiegt also auf beiden Halbkugeln stark. Aber auch da findet nicht etwa eine glcichmätzige Verteilung statt, sondern man kann fast eine ganze Halbkugel auf der Erde abteilen, die säst alles Land und eine andere, die fast gar kein Land enthält. Dte Kugel größter Landbedeckung hat ihren Mittelpunkt etwa im Kanal, nicht weit von London. Auf der Halb- kugel kleinster Landbedeckung liegt nur Australien mit einem Teile seiner Inselwelt und die Südspitze Südamerikas. Außer diesen allgemeinen Gesichtspunkten sind noch eine grosse Menge von Einzelheiten von Jntercffe. So zeigt sich, daß der Rumpf fast aller Kontinente nach Süden zu in Spitzen ausläuft. Wir finden diese Eigentümlichkeit bei Nord-, bei Südamerika, bei Grönland, in Europa bei Spanien, Italien, Griechenland und Skandinavien, bei Afrika, bei Asien in Arabien, Vorder- und Hinterindien, bei Tasmania. Die meisten Kontinente sind ferner durch Zivischenländer miteinander verbunden: Afrika und Asien durch den Isthmus von Suez, Asien und Australien durch die Inselgruppe, die geologisch als eine Brücke zwischen beiden Kontinenten nachgewiesen ist, Europa und Asien durch dm Kaukasus, die beiden Amerika durch die Landenge von Panama. Tie Verwandtschaft der Kontinente kommt ferner durch Halb- und Fastinseln(Arabien, Krim) zum Ausdruck, weiter durch die Einbuchtungen in den beiden Amerika, Afrika. Grönland, Australien, durch die Enduug in drei Spitze», durch die vorgelagerten Jnselgirlandcn, wie sie klassisch an der Westküste des pazifischen Ozeans vorkommen. Unter den einzelnem Länderteilen und-Gebilden treten auch Aehnlichkeitcn auf; es sei da nur erinnert an die Aehnlichkeit in der Gestaltung Italiens und Neu-SeelandS und derjenigen von Eelebes und der benachbarten Insel Djilolo. Alle diese verwandten Züge veranlassten viel« Geo- graphen. hier nach Gesetzmäßigkeiten zu suchen. Alexander von Humboldt warnte davor, indem er darauf hinwies, datz hier mehr der Zufall walte als daß Gesetzmäßigkeiten vorlägen, daß jedenfalls jede Grundlage für irgend welche Gesetzmäßigkeiten fehlt. Das zeigt sich besonders, wenn man weitere Eigentümlich- keilen der Kontinente betrachtet, z. B. ihre Gliederung. So weifen auf; Rumpfland Halbinseln Inseln Mittlere Höhe , Proz. Proz. Pro;. Meier Europa.. 73 19 8 300 Asten... 80 14 6 940 Afrika... 98 0 2 670 Nordamerika 7S 8 17 760 Südamerika 99 0 1 580 Australien. 80 6 15 360 Des meiste Jnselland gehört also zu Nordamerika, weil diesem im Norden die vielen Inseln gegen den Pol zu vorgelagert sind. An Halbinseln ist das alte stark gegliederte Europa am reichsten. Di« Ozeane der Erde werde: drei grotze Wasserbecken zu» geteilt, dem Atlanlischen, dem Pazifischen und dem Indischen Ozean. Um die Schwierigkeiten ihrer Abgrenzung nach Süden zu erleichtern, betrachtet man die Merioianc, welche von Tasmanien, von der Südspitze Afrikas und Kap Horns, nach dem Südpol gehen. als die Abgrenzungen. Manche nehmen noch ein Südpolarmcer an. das ist aber unpraktisch. Neben den grotzen Ozeanen unterscheidet man noch acht M i t te l m ee r e, z. B. unser M ttelländischcs Meer. und zehn Rand meere, z. B. das Aeringsmeer, das Japanische Meer usw. Die Mittclmccre erfahren weitere Einteilungen in solche erster Ordnung, z. B. das Mittellänoische Meer, zweiter Ord- nung, z. B. das Schivarze Meer, und dritter Ordnung, wie daZ Asowsche Meer.— Bekannter sind die Unterscheidungen der Meer- busen, Meerbuchten und der Meeresftratzen. Bei der Betrachtung der großen Meercsbeckcn drängt sich die Frag« nach der Entstehung der Erdmeerc auf. Nach den Forschungsergebnissen der Geologie können wir annelimen, daß seit dem Mittelalter des Lebens auf der Erde, dem sogenannten Mesozoikum, die grotzen MeercSbccken unverändert geblieben sind. Die in der Erdatmosphäre vorhandenen ungeheuren Wassermassen schlugen sich, sobald die kritische Temperatur des WasserS bei der Abkühlung der Erde erreicht war, nieder und füllten die Uneben- heiten der Erdoberfläche auS. Man unterscheidet demgemäß Jngressionsmeere, solche, die flaches Land üderschwemmlen, und EinbruchSmeere, meist langgestreckte Meere wie das Rote Meer und andere, die durch Ausfüllung sich senkender Erdstriche oder durch die Faltung der Erdrinde bei der immer weiter fortschreitenden Abkühlung des ErdkörperS entstanden. Während uns bisher nur die horizontale Ausdehnung von Wasser und Land interessierte, wollen wir uns nun auch mit der Ausdehnung in die Höhe und Tiefe beschäftigen, also mit der Reliefgestaltung der Erdoberfläche. Erst die Neuzeit bc- gm vn, sich mit dem Meeresboden zu beschäftigen. Die ersten Lotungen wissenschaftlicher Art wurden ausgeführt auf Zwei Schissen der preußischen See Handlung, die sechs Reisen unternahmen und eine Menge Beobachtungsmaterial mit nach Hause brachten. Die erste zu rein wissenschaftlichen Zwecken unternommene Forschungsreise aber wurde ausgeführt unter Thomson(Lord Kelvin) auf dem„C h a l l e n g e r". Tie Expedition war von der britischen Regierung ausgerüstet und vollfüörte in den Jahren 1872 bis 1876 eine Reise um die Erde. Die R.ise war seit Columbus Entdeckungsfahrt in wissenschaftlicher Beziehung die erfolgreichste. Tie Ergebnisse der Expedition sind in e�jva 50 Bänden je von der Güte einer Altarbibcl niedergelegt. Nach dieser Forschungsreise wurden dann weitere Expeditionen ausgerüstet. In der ersten Zeit waren eS hauptsächlich die Kabeldampfcr, die eine reiche Ausbeute mit nach Hause brachten. Man rüstete bald Untcrsuchungsschisfe aus, die die geplante Strecke der Kabellegung erforschten, damit unnütze Kosten vermieden und Schwierigkeiten vor der LUibellennng erkannt und dann leichter umgangen werden tonnten. Diese Vor» Untersuchungen machten sich bezahlt allein schon durch die Er- sparuiS an der Länge des Kabels. Um die vielen Aufgaben, welche die MeereLforschung stellt, und deren Lösung nicht bloß für die Wissenschaft, sondern auch in hervorragendem Matze für die Praxis des Lebens wichtig ist, einer systematischen Bearbeitung üiuerwerfen zu können, haben sich die nordeuroväischen Staaten der.Internationale n MeereLforschung" zusammengetan. Diese stellt sich die Aufgabe, die Verhältnisse der nordischen Meere genau und fort- dauernd unter Beobachtung zu halten. Die nordischen Meere haben für uns das nächstliegende Interesse, und da nicht die Mittel vor- Händen find, um alle Meere gleichzeitig zu erforschen, so mutz man sich auf diese zuerst beschränken. Teutschland hat diesem Zweck den in Kiel stationierten Dampfer„Poseidon" gewidmet, der alle Jahre eine Rckognoszicrungsrcise durch die Ostsee unternimmt und immer dieselbe Strecke abfährt und dort die Beobachtungen sammelt. Zentralstelle für den gesamten Seedienst ist fiir das Deutsche Reiche die Deutsche Seewarte in Hamburg. In Berlin existiert das Institut für Meereskunde, das eine Art wiffenschaftlick'.er Zentralstelle für die Bearbeitung des mcercs- kundlichen ForschnngsmatcrialS ist. Ter Meeresboden ist viel ebener als das Festland. Das ist eigentlich nicht verwunderlich; fehlen doch die Faktoren dort, welche dem Lande seine zerrissene und zerklüftete Gestalt geben, die Flüsse und die Luft. Ter Meeresboden hat sogar die Tendenz, sich je länger je ebener zu gestalten und auszugleichen. Er bildet eine Ablagerungsstätte für alle möglichen iiiedersintendcn Stoffe. Aus Grund der Lotungen, die schon an vielen Stellen des Meeres stattgefunden haben, untersck�iden wir der Hauptsache nach drei Zonen: den Strand, das ist der Teil innerhalb des Ebbe- und Flutbereiches, dann die F I a ch s c e bis zu einer Tiefe von 200 Meter und schliesslich die Tiessee mit grösseren Tiefen. Die Grenze von 200 Meter'st durch die Tatsachen gegeben, denn es hat sich herausgestellt, datz die Flach- oder Schelft'ee bei dieser Grenze gewöhnlich stark und plötzlich zu grotzen Tiefen abzustürzen pflegt und somit durch die Tiessee scharf untcrschcidbar abgelöst wird. In der Tiessee herrscht ein beständiger Regen von festen Stoffen. Staub, Tierleichen, die Kalkschalen der zahllosen Seeticre sinken hier, wo das Wasser ganz ruhig ist. zu Boden. Die Ablagerungen find«icht unbedeutend und häufen sich in langen Zeiträumen zu «mschnlichen Schichten auf. Auch der vulkanische Staub trägt dazu bei. Der Ausbruch des Krakataua lieferte allein 18 Millionen Kubikmeter Asche, deren größter Teil in das Meer gefallen ist. Der Meeresboden ist aber an vielen Stellen ebenso der Ver- Änderung ausgesetzt Mi- das Land, nämlich dort, wo vulkanische Kräfte wirksam sind. Aber auch die Erdbeben bringen oft große Veränderungen hervor. Die Faltung der Erde betätigt sich naturgemäß besonders da. Ivo schon tiefe Spalten und Falten vor- Händen sind. Sonst bemerkt man noch ganz langsame Hebungen und Senkungen, die ganz beständig vor sich geben. So hebt sich zum Beispiel der Meeresboden der Ostsee bei Schweden; im Kaspischen Meere wurde 1W4 an einer Stelle, die 2ö Meter unter Wasser lag, in einer Auödebuung von 5 Kubikmetern eine Senkung um weitere 23 Meter festgestellt. Die größere Ebenbeit des Meeres- bcdcns findet ihren Ausdruck in viel kleineren Böschungswinkeln, als wir sie auf dem Lande haben. Neuerdings sind aber auch in Iben großen Brücken, die wir längs mehrerer Kontinente und Hnscln finden, starke Neigungen festgestellt worden, östlich von Australien bei Neu-Seeland zum Beispiel von 73 Grad. Auch wo sich große Flußrinncn im Meere weiter fortsetzen, wie das am «usgeprägtesten beim Kongo und beim Hudson zu beobachten ist. frndcn wir so große Winkel. Ter Hudson setzt seine Rinne bis gu «incr McereStiefc von 2000 Meter fort! Da die Ausdehnung der Meere sehr viel größer ist. als die der Kontinente, so ist es nicht verwunderlich, daß die größten Tiefen nicht hinter den größten Erhebungen aus dem Lande zurückstehen. Tie größte ans dem Lande festgestellte Höhe ist der Moni Euere st mit 8840 Meter. Der Gaurisankar ist— wie ganz neuerdings erst festgestellt wurde— ein anderer viel kleinerer Berg. Die größten Mcerestiefen sind noch größer als die höchste Erhebung. Schon im Jahre 1874 wurde von dem amerikanischen Schiff„Tuskarora" 200 Kilometer südöstlich von der Kurileninscl Kurup, einer der vielen kleinen Nordinscln Japans unter 44 Grad 33 Minuten nördlicher Breite und 132 Grad 26 Minuten östlicher Länge die Tiefe von 8313 Meter gemessen, welche lange Zeit als die größte Meercsticfe galt. Später aber hat das englische Kriegsschiff„Pinguin'' zwischen den Gescllsckafts- und Kermandekinseln, nordöstlich von Neu-Secland drei große Tiefen von über 0000 Meter gelotet. Die t i e f st e liegt nördlich, dicht bei den Kermandekinseln und beträgt 9 4 2 7 Meter, die beiden anderen liegen große Strecken von ihr entfernt und sind durch Gebiete von weit geringerer Tiefe von ihr getrennt. Sie betragen 9184 und 941? Meter. Das bestätigt übrigens die Regel daß die größten Tiefen nicht auf offenem Ozean, sondern in der Nähe des Landes angetroffen werden. Auf dem Lande aber gibt es auch negative Höhen, das heißt Stellen, die tiefer liegen als der Meeres- ispicgcl und doch nicht von Wasser eingenommen sind. Die tiefste Stelle dieser Art liegt am Baikalsee. Dieser selbst liegt mit seinem Wasserspiegel 1212 Meter unter dem McercSnivcau. Da er an seiner tiefsten Stelle 476 Meter tief ist, hat die tiefste Stelle seines Bodens eine Tiefe von 1688 Meter. Die größte unter dem Meercsnivcau liegende Fläche ist dos Kaspische Meer, das 26 Meter tiefer liegt als der Meeresspiegel. Im ganzen ist die mittlere Tiefe der Meere viel größer als die mittlere Höhe des Landes. So hat eine mittlere Tiefe von der Atlantische Dzemv..... 3858 Meter der Indische Ozean...... 3929„ der Pazifische Ozean..... 409?„ die acht Mittelmeere..... 1232„ die 10 Randmcere..... 971„ Die mittlere Höhe des ganzen Landes der Erde beträgt 700 Meter, die mittlere Tiefe aller Ozeane dagegen 3500 Meter. Davon entfällt das meiste auf das Flachland; nur 2 Prozent deS ganzen Landes ragen über 1000 Meter hoch. Natürlich sind diese Kahlen nicht feststehend bis in alle Ewigkeit, denn es finden ja fortwährend Bodenbcwegungen im Waffer wie aus dem Lande statt. Leider sind diese sehr schwer feststellbar, wenn man nicht fort- während forscht und mißt. Ein großer Teil dieser Aufgaben fällt t>en wissenschaftlichen Forschungsreisen zu, die aber auch sonst «och viele Geheimnisse des Meeres zu lösen haben. Heber alle erwähnten Verhältnige findet man im Museum für Meereskunde sehr viele lehrreiche und anschauliche gravMctv und Reliefdarstellnngcn sowie reiches Karten- und sonstiges Llnschauungömaterial, das sich dem Gedächtnis viel besser einprägt plS die Zahlen. Ein Besuch dieses Museums ist daher sehr lohnend. kleines Feuilleton. Technische?. Der Knallgasmotor. Die letzten Jahrzehnte haben eine gewaltige Umwälzung auf dem Gebiete unserer Kraft- Maschinen gebracht, die namentlich durch die Automobilindustrie in ihrer Entwickcliing gefördert worden und jetzt der lenkbaren Lust» schiffahrt zugute gekommen ist. Mittels der Dampfmaschinen, auch in ihrer vollendetsten Konstruktion, wäre weder der Betrieb eine» Kraftwagens auf der Straße noch der eines lenkbaren Luftschiff» möglich. Neben der Dampfmaschine hat sich die Gaskraftmaschine und der Benzinmotor allmählich zu höherer Vollkommenheit ent» wickelt. Allerdings hat auch die Dampfmaschine eine große Wand- lung durchgemacht, und die Dampfturbine, dre heute groß« Schnell« Kämpfer über den Ozean treibt, bedeutet eine ganz neue Errungen» schaft. Wenn man nun den Blick in die Ferne wendet, um zu über« legen, nach welcher Richtung weitere Verbesserungen zu gewärtigen seien, so scheint wohl dem Knallgasmotor die Zukunft zu gehören. Wer die verheerenden Wirkungen und erschreckenden Erscheinungen zu sehen Gelegenheit gehabt hat, die beim Verpuffen selbst ganz kleiner Knallgasmcngcn auftreten, wird zunächst in dem Gedanken, diese unbändige Naturkraft als Betriebsmittel einer Kraftmaschine verwendet zu sehen, ein mit starken Zweifeln gemischtes Gruseln empfinden. Gleichwohl lehrt eine ruhige Uebcrlegung, daß zwischen dem detonierenden Lcuchtgasgcmisch und unseren Gasmaschinen und der Knallgasexplosion denn doch kein so erheblicher Unter» schied besteht, daß man einer praktischen Verwirklichung skeptisch gegenüberzustehen brauchte. Die heutige Technik ist wohl imstande, dieser Schwierigkeiten Herr zu werden, denn die industrielle Her- stellung komprimierter Gase, die in Stahlflaschen mit zweckcnt- sprechenden Reduzierventilen versendet werden, läßt die Ver» Wendung des genannten explosiven Gasgemische? zu. Gerade die Möglichkeit, mit solchem komprimierten GaS zu arbeiten, läßt den Grundgedanken hervortreten, der dem Knallgasmotor eine große Zukunft sichert. Es ist ohne weiteres einleuchtend, daß zur Her- stellung Wasserkräfte verwendet werden können, durch die der clek» Irische Strom erzeugt wird, der seinerseits die clektrolytische Spaltung des Wassers in seine beiden Bestandteile, Wasserstoff und Sauerstoff, ermöglicht, aus denen sich das Knallgas zusammensetzt. Damit aber ist gegeben, daß die Kraftmenge. die das herab- fließende Gewässer in sich birgt und in der Turbincnanlage frei werden läßt, durch die Prozesse der Elektrolyse und Gasverdich- tung transportabel gemacht wird und durch die Verwendung des Knallgases als Betriebsmittel in gewissem Sinne ein Analogon zur elektrischen Kraftübertragung geschaffen ist. Mit vollem Recht weist die„Umschau", in der Dr. I. Hundhausen das Problem des Knallgasmotors erörtert, darauf hin, daß dieses Problem die Frage unserer industriellen Zukunft nach Erschöpfung der Steinkohlen- lager umschließt. An Stelle der schwarzen Lager im Erdinnern» deren Energicvorrätc letzten Endes auch nur eine Aufstapelung jener Sonnenenergie darstellt, die vor unzäbligen Jahrtausenden von dem Zentralgcstirn auf unsere Erde niederstrahlte, wird das immer erneute Spiel des strömenden Wassers treten, das ja auch durch die Sonne gelenkt wird. Die Sonnenwärme jjicht die Feuchtigkeit zur Höhe, durch deren Verdichtung unsere Bäche, Flüsse und Ströme zustande kommen. Der Knallgasmotor gibt in seinen Leistungen die Wärme in verwandelter Form wieder, die unS die Sonne in unerschöpflichen Mengen zuströmen läßt. Der Vorteil der Knallgasvcrwendung gegenüber der direkten elektrischen Kraft- Übertragung liegt darin, daß das Knallgas nicht allein zur Her- stellung mechanischer Kraft, sondern auch zur Erzeugung von Licht und Wärme benutzt werden kann, wobei an Stelle schädlicher Ver- brcnnungsprodukte nichts als reiner Wasscrdampf gebildet wird. Namentlich hinsichtlich der Wärmeerzeugung ist daö Knallgas der Elektrizität ganz bedeutend überlegen. Die Zukunft deS billigen Aluminiums. In letzter Zeit ist der Aluminiumpreis so ungeheuer zurückgegangen. daß es durchaus möglich erscheint, daß dies Metall in ausgedehnter Weise an Stelle von Kupfer, namentlich bei der Herstellung von elektrischen Kabeln, verwendet werden kann. Es geschieht dies übrigens in Form von Aluminiumbronze bereits seit längerer Zeit in den Vereinigten Staaten. Es ist auch möglich, daß es in vieler Hinsicht die Stelle des Zinns vertreten wird. Ansänglich ergab sich eine Schwierigkeit daraus, daß es nickt gelang, Aluminiumblech zu denselben geringen Stärken auszuwalzen, wie dies beim Stanniol (dem Zinnblcch) möglich ist. Inzwischen hat man jedoch Mittel und Wege gefunden, dies mühelos zu erreichen. Es erscheint, wie die„Rature" ausführt, sehr wahrscheinlich, daß in einer nahen Zukunft derartige Aluminiumsolie das Stanniol in sehr vielen Ver- Wendungen, z. B. in der Umhüllung von Schokolade und Nahrungs- Mitteln, ersetzen wird, ebenso bei der Verkleidung von Materialien, die mit Dampf in Berührung gelangen. Zinn ist hcute ja doppelt Eo teuer wie Aluminium, und cS ist überdies noch zu bedenken. aß das spezifische Gewicht des Aluminiums etwa nur ein Achtel des Zinngewichts beträgt. Man kann also aus Aluminium achtmal mehr Folie herstellen als aus Zinn. Zinnsalze sind mehr oder weniger giftig, dagegen Aluminiumsalze zum mindesten in kleineren Mengen tatsächlich harmlos, so daß Kinder, die etwa vergessen, das Stanniol von den Gcnußmitteln, die damit umlüillt find, zu entfernen, unter Umständen von Beschwerden heimgesucht werden, während dicS bei der Umhüllung mit Aluminiumfolie ausgeschlossen scheint Kerantwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buckdruckerei u.Verlaasaunalt Paul Siuaer LcCo..Berlin S W.