Nnterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 231. Sonnabend den 28 November. 1903 (Nachdruck v«bot«n.1 421 )Znäreas Völt. Bauernroman von Ludwig Thoma. Die Ehehalten des Schuller verbreiteten es bald im Dorfe, daß ihr Bauer den Glauben abgeschworen habe und kein Christ, mehr sein wolle. Aber die Erlbacher hätten das auch ohne die Rederei bald gemerkt, denn bei allen heiligen Handlungen, die in dieser Zeit schnell hintereinander folgen. fel,ltc der Andreas Vöst. Er trank nicht vom gesegneten Johanneswein: er war nicht bei der großen Salz- und Wasserweihe, die am Abend vor dem Dreikönigstage gehalten wird, und er ging am Licht- meßtage nicht mit einer geweihten Kerze in der Prozession. Die Schullerin brachte freilich geweihtes Salz heim und vermengte es mit dem Johanncswein, auf dafj die Mischung das ganze Jahr aufbewahrt bleibe und davon jedem Stück Vieh gegeben würde, welches in den Stall käme. Aber wie konnte es helfen und den Schaden abwehren, wenn der Hausherr den Brauch nicht ehrte? Sogar den Blasiussegen verschmähte er. Er war nicht unter den Leuten, welche am Tage nach Lichtmeß vor dem Altare knieten; er ließ sich nicht die ge- kreuzten Kerzen an den Hals legen, daß er von Krankheit der- schont bleibe. Aber wenn der Schuller glaubte, daß er für sich allein nach eigenen Gesehen leben könne, irrte er sich. An seine Feindschaft mit dem Pfarrer hätten sich viele nicht gekehrt: die gab es zu allen Zeiten, voraus jetzt, wo sich die Bauernbündler zusammentaten. Aber wer sich von Herkommen und Brauch losmacht, ver- liert den Boden unter den Füßen. Darin hatte die Schullerin mit ihrem Weibervcrstande klarer gesehen wie der Bauer. Das Ansehen wurde ihm gemindert, in der Gemeinde, wie im Hause. Denn die Sitte ist älter als die Menschen. Und sie ist stärker. Weil sie das nüchterne Leben segnet, ist sie ehrwürdig, und weil sie ehrwürdig ist, kann sie keiner ohne Schaden ver- letzen. Sie ehrt die Arbeit,'sie gibt der Fröhlichkeit und der Trauer Bedeutung. Absonderlich der Bauer hängt mit zäher Treue an ihr. Sie begleitet ihn von dem Tage an, wo der Göd seinen Einbindtaler dem Täufling in die Windeln steckt, bis zu der Stunde, wo ehrsame Nachbarn seinen Sarg dreimal auf die Schwelle des Hauses niederlassen, bevor sie ihn auf die Schultern heben. Daß der Schuller heraustrat aus dem festgefügten Kreise, mißfiel allen, Auch dem Haberlschneider. Er sagte dem Freunde offen, daß er unrecht damit tue, und daß ihn jeder tadeln müsse, der es gut mit ihm meine. Wenn jetzt der Pfarrer seinen Schmerz über den un- christlichen Haushalt auf der Kanzel verkündete, dachte mancher Rechtschaffene, daß er damit seine Pflicht tue. Und im eigenen Hause mehrte sich dem Schuller der Ver- druß. Zu Lichtmeß sagten ihm alle Dienstboten auf. Sie wollten einem Herrn nicht dienen, der im Gerede stand; denn von dem Spotte fiel auch etwas auf sie. Die neuen, welche kamen, taugten nicht viel. Sie glaubten von Ansang, daß sie in diesem Hause das Recht zur Liederlichkeit hätten. Wenn sie dann straffes Regiment spürtem wurden sie störrisch und mißmutig. Der Roßknccht war das Jahr zuvor bei einem Bauern in Webling gewesen, der alle fiinf gerade sein ließ und seinen Stall unrein hielt. Gerade in dem Punkte war der Schuller genauer wie ändere: er hatte nicht bloß in seinem eigenen Anwesen alte Mißbräuche abgeschafft, sondern auch Nachbarn und Freunde darüber belehrt, daß die alte Manier schädlich sel. Er sah streng darauf, daß jede Futterzeit Dünger und Streu entfernt wurden, damit die Pferde ein trockenes und reinliches Lager hatten Dem neuen Knechte war die Arbeit zu viel. Als ein richtiger Faulenzer wußte er immer Gründe anzugeben, wenn er die Streu liegen ließ. Der Boden sei zu hart, sagte er, und er dürfe doch nicht jedesmal einen großen Haufen ausbreiten; da sei es ge- scheiter, frische Streu auf die alte zu legen. Der Schuller machte ihm begreiflich, daß es ihm auf ein paar Strohbündel nicht ankomme. Uebertreiben müsse man es ja nicht; und ein hartes Lager sei immer noch besser, wie Schmutz oder Nässe. Der Hansgirgl hörte zu und faxte, er wolle in GotteS Namen jedesmal frische Streu aufschütten; aber die alte warf er liederlich in eine Ecke des Stalles. Da mußte ihn der Schuller wieder mahnen. Er habe ihn doch angeschafft, daß er die alte Streu auf den Misthaufen bringen solle. Der Hansgirgl sagte, es sei draußen zu kalt, und er habe die Stalltllre nicht aufmachen dürfen, sonst wäre die'Luft hereingekommen. Der Dallhammer von Webling sei scharf darauf gewesen. daß die kalte Luft nicht in den Stall komme. Das sei eine alte Dummheit, entgegnete der Schüller. Bei ihm müsse es anders gemacht werden. Nur auf mit der Tür, dreimal im Tag, und den M st hinausgefahren! Die Luft sei was Gutes für Mensch und Vieh. Ein paar Wochen tat es gut. Bis eines Tages der Hansgirgl wieder frische Streu aiss die alte warf. Diesmal faßte der Schuller schärfer an. „Ja, Hab' i Dir's it g'sagt, daß i dös it mag? Js mei Reden für gar nix?" „'s Roß liegt oamal z'hart, und de alt' Strah is gar it naß; beim Dallhammer Hamm mir de Strah glei drer und vier Täg liegen lassen." „Was geht denn dös mi o, was der Dallhammer tuat?" „Der sell hat aa was verstanden, und's Roß braucht it so hart liegen." „Bei mir g'schieht dös, was i will. Und dös wirkst Dir amal guatl" Der Hansgirgl räumte verdrossen den Mist zusammen und streute frisch auf. Wie er mit der Arbeit fertig war, band er den Schurz ab und zog seinen Janker an. Eine Viertelstunde später saß er beim Wirt, und drei Stunden später saß er noch dort. Seinen Hut schob er von einem Ohr auf das andere, und jedesmal, wenn ihm die Kellnerin eine frische Halbe brachte, ließ er sia trinken. Er sagte, daß er sich nichts gefallen lasse. Und das müsse schon eine ganz andere Herrschaft sein, von der er sich was gefallen lasse. Er wolle die Arbeit tun, akkurat so, wie beim Dallhammer von Webling; das Neumodische kenne er nicht und wolle er nicht, und es reue ihn, daß er vom Dallhammer weggegangen sei. Die Pferde daheim wurden unruhig, als zur Futterzeit niemand kam. Da ging der Schuller in den Stall und sah, daß der Hansgirgl ausgeblieben war. Er schüttete selber vor und war zornig über den Knecht, der nach so kurzer Zeit schon liederlich wurde. Als er ihn später durch den Hof gehen sah, trat er auf ihn zu. „Wo kimmst denn Du her?' .,J?" '.�Ja. Du. Woaßt Du it, wann Fuattcrzeit is?" „I waar scho kemma." „Du waar'st scho kemma! Müassen d' Roß warten, br' Du g'nua g'soffen hascht. Du stinkst nach'n Bier!" „J ho gar it g'soffen. Wegen dera Halbe brauch' i m' net schimpfen lassen." „Balst ma dös nomal tuast, daß d' unter der Zeit zu'» Wirt laafst, nacha schmeiß' i Di außi.' „So, Du schmeißt mi außi?" „Jawohl, schnell g'nua." „Na, dös tuast Du net! I geh' a so und schaug mir um an richtigen Deanst in an richtigen Haus." „Nimm Di z'samml" „I nimm mi gar it z'samm. Mi hat's a so den ersten Tag g'reut, daß i zu Dir kemma bi. A jeder Mensch sagt's, daß ma bei Dir it bleib'n soll. Du bist ja gar koa Christi Du bist ja gar neamdl" '„Geh in Tei Kammer und pack Dei Sach't Morg'n in da Fruah machst, daß D' weiter kimmst. Dei Büachl und Dein Lohn für dös Monat schick' i Dir umi. Und sehg'n will i Di nimmer!" Der Hansgirgl zog am nächsten Morgen ab. Einige Tage später ging auch die Mitterdirn nach einem gering- fügigen Wortwechsel mit der Bäuerin. Die Bäcker Ulrich Marie wußte ihr einen besseren Platz, wo sie ihr Seelenheil nicht auf das Spiel setzen mußte. tFortsetzung folgt.) (Nachdruck verbalen.) Lg, Die Kosaken. Bon Leo Tolstoi. DaS hat noch Zeit, sagte der Fähnrich etwas mürrisch. Das Mädchen ließ den Kopf sinken. Aber warum sollen wir nicht davon sprechen, sagte die Alte, die Sache ist abgemacht, so ist auch die Zeit nicht mehr fern. Schwatz' nicht, sagte wieder der Fähnrich, jetzt heißt es fertig werden.� Hast Du Lukaschkas neues Pferd gesehen? fragte die Alte. Das, was ihm Mitrij Andreitsch geschenkt hat, das hat er nicht mehr, er hat es umgetauscht. Nein, ich habe es nicht gesehen, aber ich habe beute mit dem Knecht unseres Mieters gesprochen, sagte der Fähnrich,«r hat wieder tausend Rubel bekommen, meinl er. Ein reicher Mann, gewiß, bekräftigte die Alte. Die ganze Familie war heiter und zufrieden. Die Arbeit ging lustig vorwärts. Die Trauben waren reicblicher und besser, als sie selbst erwartet hatten. Nach dem Mittagessen gab Marrana den Ochsen Gras, rollte ihr Beschmet unter dem�Kopf zusammen und legte sich unter den Wagen auf das niedergetretene, saftige Gras. Sie trug ein rotseidenes Kopftuch und ein blaues, ver- schossenes Zitzhemd; aber es war ihr doch unerträglich heiß. Ihr Gesicht glühte, ihre Beine konnten keinen rechten Platz finden. ibre Augen waren von Schlaf und Müdigkeit matt; ihre Lippen öffneten sich unwillkürlich, und ihre Brust atmete schwer und tief. Die Arbeitszeit hatte schon vor zwei Wochen begonnen, und die schwere ununterbrochene Arbeit füllte das ganze Leben des jungen Mädchens aus. Am frühen Morgen, wenn der Tag graute, sprang sie aus dem Bett, wusch ihr Gesicht mit kaltem Wasser, warf ein Tuch um und lies barfuß in den Stall. Dann zog s>e eilig Schuhe an, warf den Beschmet über, nahm Brot in ihr Bündel, spannte die Ochsen an und fuhr auf den ganzen Tag in die Weingärten. Dort ruhte sie nur eine Stunde, schnitt Trauben ab. schleppte die Körbe herbei, machte sich abends, heiter und nicht ermüdet, auf den Heimweg, führte die Ochsen an einem Strick und trieb sie mit einer langen Rute an. Wenn sie in der Dämmerung das Vieh besorgt hatte, nahm sie Kerne in den breiten Aermel ihres Hemdes mit und ging an die Ecke, um mit den Mädchen lustig zu fein. Aber kaum war das Abendrot erloschen, so kam sie wieder nach Haus, aß in der dunklen Kammer mit Vater. Mutter und dem Brüderchen zu Abend, dann ging sie sorglos frisch in die Stube, setzte sich aus den Ofen und lauschte im Halbschlaf den Gesprächen ihrcS Mieters. Kaum war dieser fortgegangen, so warf sie sich auf's Bett und schlief bis zum andern Morgen einen festen, fricd. lieben Schlaf. Der nächste Tag verlief ganz ebenso. Lukaschka hatte sie seit dem Tage der Verlobung nicht gesehen, und sie sah ruhig dem Tag der Hochzeit entgegen. An den Mieter hatte sie sich gewöhnt und empfand es mit Vergnügen, wenn seine un» verwandten Blicke auf ihr ruhten. 30. Obgleich man nicht wußte, wo man vor Hitze hin sollte, ob- gleich die Mücken in Schwärmen in dem kühlen Schatten des Wagens umherflogen, und obgleich ihr Brüderchen sich hin und her wälzte und sie dabei anstieß, war Mariana doch, das Tuch über das Gesicht gezogen, schon eingeschlafen. Da kam plötzlich die Nach- barin Ustjenka herbeigelaufen, schlüpfte unter den Wagen und legte sich neben sie. Nun schlaf, Mädchen, schlaf! sagte Ustjenka, während sie sich unter dem Wagen zurechtlegte.— Halt,. sagte sie, so ist'S schlecht. Sie sprang auf, brach einige grüne Weinreben ab, hängte sie zu beiden Seiten an die Räder des Wagens und breitete noch ein Bcschmet darüber aus. Du geh, rief sie dem Knaben zu, als sie wieder unter den Wagen schlüpfte— ist etwa für die Buben der Platz bei den Mäd- chen? Geh fort. Ustjenka war mit der Freundin unter dem Wagen allein. Sie umfaßte sie plötzlich mit beiden Armen, drückte sie an iljre Brust und begann sie auf Wangen und Hals zu küssen. Mein Liebchen, mein Freundl sagte sie und brach in ihr feines, helles Lachen aus Schau, das hast Du wohl beim»Großvater" gelernt, antwortet« Mariana und machte sich los. So laß doch. Und sie brachen beide in so schallendes Gelächter aus, daß die Mutter sie anschrie. Bist wohl neidisch? sagte Ustjenka flüsternd. Ach, schwatz' nicht I laß mich schlafen. Nun, wozu bist Du hergekommen? Ustjenka aber ließ nicht nach. Also höre, ich will Dir's sagen. Mariana richtete sich auf dem Ellbogen auf und rückte ihr verschobenes Kopftuch zurecht. Nun, was willst Du mir sagen? Ich weiß was von Deinem Mieter. Was gibt's da zu wiffen? antwortete Mariana. Ei, Du bist ein Schalk, Mädchen, sagte Ustjenka, stieß sie mit dem Ellbogen an und lachte; Du erzählst auch gar nichts. Er besucht Euch? Nun ja, er besucht uns, was ist dabei? sagte Mariana und errötete plötzlich. Siehst Du, ich bin ein einfaches Mädchen, ich erzähle alles. Warum soll ich es Euch verbergen, sagte Ustjenka, und ihr heiteres. rosiges Gesicht nahm einen nachdenklichen Ausdruck an.— Tue ich denn jemand etwas Böses? Ich liebe ihn, und das ist alles. Den Großvater, wie? Nun ja. Aber ist das nicht Sünde? versetzte Mariana. Ach, Maschcnka! Wann soll man denn lustig sein, wenn nicht, solange man ledig ist?— Tann heirate ich einen Kosaken, bekomme Kinder und lerne die Not kennen. Heirate Du nur erst den Lu- kaschka. dann ist die Freude auch vorüber, dann kommen die Kinder und die Arbeit Warum? Manche sind auch in der Ehe glücklich. Wie es kommt, antwortete ruhig Mariana. Aber so erzähle doch wenigstens einmal, was Du mit Lukaschka gehabt hast. Was? Er hat um mich geworben. Der Vater hat es auf ein Jahr verschoben: jetzt sind wir verlobt, im Herbst ist die Hochzeit. Aber was hat er Dir gesagt? Mariana lächelte. Was soll er denn gesagt haben? Er hat gesagt, er liebt mich, er bat mich immer, in die Weingärten mit ihm zu gehen. Der Schmierfink! Du bist doch nicht gegangen, nicht wahr? Aber was er jetzt für ein tüchtiger Bursche geworden iftl Der erste Dshigit. Immer steckt er bei den Soldaten. Neulich ist unser Kirka gekommen und hat uns erzählt, was er für ein Pferd em- getauscht hat! Aber nach Dir bangt er sich immer. Und was hat er noch gesagt? fragte Ustjenka weiter. Alles muß Du misien... sagte Mariana lachend.— Einmal kam er zur Nacht an'S Fenster geritten, betrunken. Er wollte herein. Nun, und Du hast ihn nicht eingelaffen? Das fehlte?! Wenn ich einmal etwas sage, so bleibt'S dabei. Fest wie ein Stein bin ich. antwortete Mariana ernst. Aber ein tüchtiger Bursche ist erl Wenn er nur will, weist ihn kein Mädchen ab. Mag er zu anderen gehen, antwortete Mariana stolz Tut er Dir nicht leid? Er tut mir leid, aber Dummheiten mache ich nicht.— Das ist schlecht. Ustjenka ließ plötzlich ihren Kopf an die Brust der Freundin sinken, umfaßte sie mit ihren Armen und schüttelte sich am ganzen Körper vor verhaltenem Lachen. Ach, töricht bist Du. eine Närrin, sagte sie herausplatzend; Du willst kein Glück l und dabei begann sie wieder Mariana zu kitzeln. Ei. so laß doch, sagte Mariana, unter Lachen aufschreiend. Sieh, die Teufel, was sie für einen Lärm machen, erklang wieder hinter dem Wagen die verschlafene Stimme der Alten. Du willst kein Glück, wiederholte Ustjenka flüsternd und richtete sich auf. Und Du hast Glück, bei Gott! Wie Dich die Menschen lieben i Du bist so garstig, und sie lieben Dich. Ach. wenn ich an Deiner Stelle wäre, wie würde ich dem Mieter den Kopf ver- drehen. Ich habe ihn beobachtet, wie Ihr bei unS wart, am liebsten hätte er Dich mit den Augen verschlungen. Mein.Großvater" — was hat mir der nicht alles geschenkt! Und Eurer soll einer von den reichsten Russen sein. Sein Bursche sagt, er hat sein» eigenen Bauern. Mariana richtete sich auf und lächelte nachdenklich. Was er mir einmal gesagt hat, dieser Mieter!— sagte sie und zerbiß dabei einen Grashalm.— Ich möchte der Kosak Lu» kaschka sein, sagte er, oder Dein Brüderchen Lasutka... warum hat er wohl so gesprochen? Das schwatzt er so. wie eS ihm einfällt, antwortete Ustjenka. Was spricht meiner nicht alles zusammen I Wie ein Verrückterl Mariana warf ihren Kops auf das zusammengelegte Beschmet zurück, schlang den Arm um Ustjenka und schloß die Augen. Heute wollte er in die Weingärten zur Arbeit kommen; der Vater hat ihn eingeladen, sagte sie nach einer kurzen Pause, dam» schlief sie ein. .(Fortsetzung folgt.)! Htmcn, Sprechen, Singen. Immer wieder geschieht es in einer Versammlung oder der» gleichen, daß der Redende von den meisten Zuhörern nicht verstanden und nun gemahnt wird durch den Zuruf.Lauter!' Dann verstärkt der Redner seine Stimme, wird dielleicht zunächst ein wenig besser verstanden, sinkt aber bald wieder in seine frühere Weise zurück und wird abermals von den meisten nicht verstanden. Kommt der Zurus wiederum, oder regt den Redner seine Sache, vielleicht auch ein Widerspruch, sehr ans. so spüren wir nun gleichsam seine An- strengiing mit: er schreit, sein Gesicht rötet sich, die Stimme schlägt vielleicht über und wird heiser, mit einem Produzieren von Lauten, die uns komisch oder tragisch anmuten. Etwas vernünftiger schon würde der Zuruf lauten:.Deutlicher!* Sin leises, aber verständliches Sprechen»st uns mehr wen. als ein lautes, aber unverständliches. Auch der musikalische Spieler und Sänger macht sich nickt erst durch ein FoNe, sondern schon durch ein Pianissimo verständlich; und zwar deshalb, weil jeder wirklich musikalische Ton in geläuterter Weise erzeugt ist. Dazu gehöN ober sehr viel— im Spielen wie im Singen wie im Sprechen. Folglich genügt auch kew Zuruf.Deutlicher ft. sondern eine Erlernung der Kunst des Sprechens muß vorhergehen, falls man über das Privatgespräch hinaus größere Leistungen voll« bringen, also namemtich in einem weiten, etwa gar schlecht akusli« schen Räume sprechen will. Es handelt sich um«ine physische Angelegenheit, nicht um eine g e t st i g e. die allerdings auch nock, aber erst nachher dazukommt. Ihre Erlernung ist Fachsache und autodidaktisch kaum zu erreichen; ihr einzig geeigneter Lehrer ist nickt etwa ein.erfahrener Versammlungsredner", sondern lediglich der spezielle Sprechlechniker. der aber gewöhnlich auch schon im voll« kommenen Gesangslechniker steckt. Die menschliche Sing- und auch Sprechstimme ist im wesent« licken gleich der Wirkung eines Blasinstrumentes. Vier Bestandteile und Tätigkeiten machen das Ganze aus: erstens die Lunge mit ihrer Erzeugung des Atems; zweiten? der Kehlkopf mit der Er» zeugung des Tones in einer bestimmten Tonhöhe; drittens der Mund und zum Teil die Rase mit der Verleihung der verschiedenen Klangfarben an den Ton; endlich viertens die Schädelhöhle und zum Teil die Brusthöhle mit der Beschaffung einer Resonanz, die den Ton ebenso voller macht, wie es der Körper der Geige oder der Resonanzboden des KlaviereS mit dem Ton der Saiten macht. Diese vier Stücke werden sowohl in der Theorie wie in der Praxis leider sehr ungleichmäßig berücksichtigt. Gewöhnlich beachtet man hauptsächlich nur das Zweite, also die Erzeugung eine» so und so hohen ToneS. DaS Dritte, also die Stellung des Mundes als des.Ansatzrohres der Pfeife", wird auch von den besten Theoretikern vernachlässigt. Das Vierte, zumal die.Kopftesonanz", ist noch un- günstiger daran. Das Erste, unsere.Puste", bedarf theoretisch keines besonderen Aufgebotes von Wisten, wird aber praktisch leider meist ebenso an letzter Stelle beachtet, wie eS seiner Bedeutung nach an erster Stelle beachtet werden müßte. Wir gewöhnlichen Menschen atmen in der Regel falsch. Am richtigsten tun wir eS als unverdorbene Kinder, und jederzeit im Schlafe, wohl auch beim körperlichen Sport lim guten Sinne des Wortes). Am falschesten tun wir es bei dem nicht kimstvoll aus- gebildeten Singen und Sprechen, zumal als Redner. Unser.Blas« balg", d. h. die Lunge, fitzt im Brustkasten, den hauptsächlich die Rippen und nach unten das(über dem Magen liegende) Zwerchfell bilden. Ziehen wir Lust ein, so muß der Brustkasten sich natur« gemäß gleichmäßig ausdehnen, insbesondere durch AuS« einandergehen der Rippen und Hinuntergehen des sich ausbreitenden Zwerchfelles, das dann die Bauchwand noch vorne tteibt. Nun kann jeder Leser sofort ausprobieren, ob er richtig ein- atmet, etwa durch Beobachtung im Spiegel sowie durch Auflegung der Hand auf die und die Partien des Brustkastens. Er wird wohl unschwer bemerken, daß es an der Gleichmäßigkeit der Ausdehnung gar sehr fehlt. Namentlich versteifen fich einzelne Teile deS Ganzen. wie z. B. der Hals, und die Schultern heben fich in einer mindestens unnötigen Weste, gehen auch meist eher nach vorn als, wie sie sollten, nach hinten. An die Stelle der T o t a I a t m u n g ist die P a r t i a l»(Teil») Atmung getreten. Allein nicht die partielle, sondern die totale Atmung brauchen wir schon beim gewöhnlichen und noch mehr beim gesteigerten Sprechen und Singen. Die Partialatmungeu haben rhren besonderen Wert für bestimmte hygienische und thera« peutische Zwecke; so neben der.Flankenatmung" die.Bauchatmung", die als innere Massage des Unterleibes wirken kann, die.Spitzen- atmung" für eine in den Oberpartien leidende Lunge ldie»Salz- fäster" an den Schlüflelbeinen deuten auf eine solche Unvollkommen- Ijeit und können durch Uebung des Spitzenatmens.ausgefüllt" werden)— endlich die.Schulleratmung" für Herzleidende. Von all dem sehen wir für unsere Normalbelrachlung ab. nur noch mit dem Bedauern, daß im Alltagsleben auch quantitativ zu (gering geatmet wird, im Gegensätze zum.Tiefatmen", das sich von elbst z. B. beim Bergsteigen sowie durch Kunst bei besonderem Vor» gehen einstellt. Das untiefe Atmen läßt große Teile der Lunge uniätigs: und welchen Schaden dies für fie wie für den ganzen Körper bedeutet, ist leicht auszudenken. Nochmal: wir bedürfen emes totalen und vollen Atmens, zumal beim gesteigerten Singen und Sprechen, also beim Kunstgesang und hei der Kmistrede. Daran haben wir auch gleich einen Anhalt, um zu beurteilen, ob jemand für uns ein guter Lehrer ist: er wird un zweifelhaft, wenn er mit einer Partialatmung kommt. sSpricht er von.Zwerchsellalmung", so meint er damit wohl nur die richtige Totalalmung, bei der ja meist das notwendige Hinuntergehen deS Zwerchfelles fälschlich durch eine Schulter- oder sonstige Atmung ersetzt wird.) All das ist historisch nicht neu. Die hohe Ausbildung der italienischen Gesangskunst seit dem 17. Jahrhundert kann gar nicht anders vorgegangen sein, als mit dieser Behandlung des AtemS— und selbstverständlich zugleich der drei übrigen Hauplstücke der.Ton- bildung". Auch der vielberufene Verfall der Gesaugskunst im IS. Jahrhundert und in unseren Tagen besteht nur darin, daß die wahre Gesangstechnik sich auf kleinere Kreise zurückzieht und in weiteren Kreisen vom Pmscherlum übenvuchert wird— d. h. daß fie hauptsächlich ihre Basis, die Atcmbildung als Vorstufe der Ton- bildung, verliert. Was Komponisten des 18. Jahrhunderts ihren Sängern(und Bläsern) zumal durch den Anspruch an das Aushallen des AtemS zumuten konnten, das findet heute nur spärlich ein genügende« Können. Aber denken wir uns mit Stichproben die Vergangenheit geprüft. beispielsweise etwa Berlin vor 20 Jahren, so läßt sich wetten, daß all dies noch immer und ebenso von Fachleuten vertteten wurde, wie in anderen Kunstzenlren und um 200 Jahre früher oder um 20 später. Noch mehr:.man" kannte schon immer die hygienische und therapeutische Bedeutung der Grundlage des richtigen Sprechens und Singens, also der Almungskunsl. Fragt fich nur. wie weit.man" wirlre, namentlich gegenüber dem Verkümmern unserer im Stadtleben ungenügend betätigten Lunge und gar gegenüber dem höchsten Grad einer solchen Verkümmerung: der Tuberkulose. Leider ist die Welt noch nicht so weit, daß in den Fabriken und Hauswerkstätten, deren Arbeit ja Musterbeispiele von Atmungsfehlern enthält, eine vor- beugende«tiiiungsgymnasttk eingerichtet wird. Höchstens wird etwa Zigarrenarbeiterinnen gestattet, beim Wickeln im Chore zu fingen; und sonst ersetzt ein oder der andere.Volkschor", was dem Arbeiter an Atmung fehlt. Doch für solche, gar nicht utopische.Zukunftsmusik" gibt eS Vorarbeiten genug. Namentlich haben Aerzte von Fach, aber mit einer den herrschenden medizinischen Richtungen widerstreitenden Richtung einer.naturgemäßen", zumal.physikalischen" Therapie, ein Heil-Atmen empfohlen. Am geläufigsten ist der Name SchreberS geworden, dessen Zimmergymnastik geradezu eine Eroberung bedeutet. Speziell aber wurde an die immer schrecklicher auftretenden Lungen« krankbeiten angeknüpft, mit dem Nachweise, wie viel die Atmungs- gymnastik da heilend und vorbeugend helfen kann. Aerzre wie Niemeyer, Sonderegger. Gerster u. a. haben in literarischem und persönlichem Wirken längst das Ihrige getan. Bleiben nur noch systematischere Zusammenfassungen und breitere Anwendungen besten übrig, was feststeht. Auf solche Weise gegen das Vorgeben von Neuem gewappnet und auf Verwettung de» Alten hoffend, hören wir Votträge über Atmungskunst, über Ge- sangstechnik usw. an. wie fie jetzt häufiger werden. Einen derattigen Doppelvortrag hielt kürzlich in Berlin die.Spezialistin für Gesang, Deklamation, hygienisches Sprechen und Atemgymnastik". I e a n n s van Oldenbarnevelt. Man darf, ww schon angedeutet; nicht glauben, daß hier Dinge zum Vorschein gekommen wären, für die der Freund unserer Sache nicht bequem schon vorher Fachleute empfehlen könnte; und der etwas imperatottsche Ton, mit welchem die Vottragende sich Neues zuschreibt, ist mindestens unnötig. Aber die Konsequenz, mit der fie ihre Bestrebungen in den Dienst nicht nur der Aesthetik, der Hygiene und der Frauenbewegung söhne Mieder, aber mit einem.eisernen Muskelkorsett"), sondern auch der Heilung oder Linderung von Krankheiten stellt— diese Konsequenz könnte von sehr vielen, die eS sehr angeht, beachtet werden. Galt es zuerst der .Atmungskunst des Menschen im Dienste der Wistenschast sHeil- künde)", so versuchte der zweite Vorwog die musikalische Ergänzung, also.die Atmungskunst des Menschen in Verbindung mit Ton und Wort im Dienste der Kunst— Basis de» Gesanges". Auf die interessanten, zumal heilgymnastischen Demonstrattonen einzugehen, mit denen die Vottragende ihre Wotte erläutett. fehlt uns der Raum oder vielmehr insofern die Absicht, als es fich un» immer wieder um die uralte Hauptsache handelt: Atembildung alS Grundlage des Sprechens, Singens und Gesundseins. m, Kleines f eiiilleton. Schwulst. Der Schwulst ist eine unter den Tagesschriftstellern weit verbreitete Krankheit. Nicht daß ihnen die Arme und Beine öfter augeschwollen wären als anderen Sterblichen: man gebraucht das Wott Schwulst in übettragener Bedeutung auch von einer ge- wisten Fülle der Schreibweise, und zwar dann, wenn mehr Wotte gebraucht werden, als der Gedanke verlangt oder der Sache an- gemessen ist. Besonders die Verben kommen und bringen haben'S ihnen angetan. Verwenden ist nichts, wohl aber zur Verwendung kommen oder bringen, ausgeführt werden ist fimpcl. keineswegs aber zur Ausführung kommen oder der Abwechselung halber zur Ausführung gelangen. Heutzutage wird ein Stück nicht mehr aufgesühtt, sondern es gelangt zur Aufführung oder wird zur Auf- sührung gebracht. Ebenso wurden vor einigen Tagen einige Glanz- Nummern mit Klabiervegleitimg von Herrn Direktor Nelson in Donaueschingen zun, Vortrag gebracht. So klingt es großartig und so ist es dem erhabenen Augenblick angemessen. Doch gehen wir zu ganz geivohnlichen Begebenheiten über. Ein Automobil stößt nicht mehr mit einem Straßenbahnwagen gnsammen, sondern eS findet ein Zusammenstoß zwischen dein stinkenden und dem geruchlosen Gefährt statt. Bei der letzteren Ausdrucksweise hört man im Geiste wahrscheinlich ein größeres Krachen.»Sich zeigen" scheint gänzlich aus dem Wörterverzeichnis verschwunden zu sein, denn jetzt tritt alles in die Erscheinung. Man weiß wirklich nicht, ob man mitleidig lächeln oder den philosophischen Tiessinn des Schreibers bestaune» soll, wenn man Sätze ivie den folgenden liest: Hierbei trat deutlich in die Erscheinung, daß die Prügelstrafe eines der ungeeignetsten Mittel ist, die Unarten der Kinder zu beseitigen. Soviel ich mich erinnere, rührt diese Redens- ort von Kant her, der damit den Gegensatz bezeichnen will, der angeblich zwischen den Dingen als Wahrnehmung, also als Er- fcheinung, und dem Dinge an sich besteht. Bei ihm hat das Wort einen ganz bestimmten philosophischen Sinn und bat gewissermaßen immer den Nachdruck. Für gewöhnliche Verhältnisse reicht das ein- fächere und kürzere„sich zeigen" recht gut aus und hat den Vorzug einen nicht lächerlich zu niachen. Nicht ganz so unsinnig, aber nicht weniger geschmacklos sind die Fälle, wo ein ganz einfaches Verbum unnützcrwcise durch eine Redensart ersetzt wird, wie Folge leisten, Verzicht leisten, Abbitte leisten usw. oder durch eine schleppende Weiterbildung ver- drängt wird. Geld wird nickt mehr eingenommen oder ausgegeben, sondern nur noch vereinnahmt oder verausgabt, das Porto wird nicht mehr ausgelegt, sondern verauslagt. Selbst einfache Adverbien wie oft und viel genügen nicht mehr, sondern sie werden durch häufig, deö öfteren, bedeutend und unverhältnismäßig ersetzt, jedes ..sehr" und„mehr" wird durch in hohem Grade, in ausgedehntem Maße, in höherem Grade oder in ausgedehnterem Maße umschrieben. Selbst die Aushängezettel eines gewöhnlichen Hausbesitzers, die doch nicht hinter dem allgemeinen Stil zurückbleiben können, kündigen an, daß der Laden per sofort zu vermieten ist. Sie machen eben alle den Geschwollenen, und doch würde alles ohne den Schwulst viel besser und einfacher aussehen. E. W. Erziehung und Unterricht. Selbstregicrung i>< der Schule. Von einem inter- sssanten pädagogischen Versuche, der in der Polytechnischen Schule in Los Angeles in Kalifornien mit glücklichem Erfolge angestellt wurde und sofort bei einer Reihe amerikanischer Lehranstalten praktische Nachahmung gefunden hat, berichtet die Beilage der „Münchcner Neuesten Nachrichten" nach...Atlantic Monnthly": »Es handelte sich darum, Ordnung, Betragen und Disziplin der Schüler dem Urteil und gewissermaßen der Oberaufsicht der ge- samten Schülerschaft zu unterstellen, um damit ihren Stolz und schon in früher Zeit ihr eigenes Vcrantwortlichkcitsgcfühl zu wecken und zu stärken. Ein Schuljnngcnstrcich war der Ausgangspunkt des interessanten Reformversuchcs. Der giinstige Erfolg dieses ersten Versuches vcranlaßte den Direktor, die Wahl eines ständigen Auffichtskomitces anzuregen, dessen Urteil alle Schüler anHeim- gegeben wurden, die gegen die Schnldisziplin verstoßen oder sonst durch ihr Betragen Tadel verdient hatten. Damit fiel die Uebcr- wachung der Schüler während der Pausen und Erholungsstundcn fort, denn das Komitee übernahm die Aufsicht und die Bestrafung all jener kleinen Ausschreittmgcn, die in einer Schule, in der eine gesunde Jugend beisammen ist, nie völlig verschwinden werden. Die Autorität des Lehrers beschränkte sich auf die Unterrichts- stunden, und wenn ein Schüler durch sein Benehmen Anstoß erregte, so pflegte der Lehrer selbst den Schuldigen dem Komitee zur Ab- urteilung zu überweisen. Da in den meisten amerikanischen Schulen Koedukation �gemeinsame Erziehung beider Geschlechter) herrscht, beschloß man darauf, diese„Sclbstregicrung" auch auf die Schülerinnen auszudehnen, und so bildeten sich zwei Komitees, ein Knaben- und ein Mädchenkomitce, die die Aufsicht über die Schüler- schaft übernahmen. Alle sechs Monate wurde ein neuer Präsident und eine neue Präsidentin gewählt, denen als Ratgeber je zwei Vertreter jeder Klasse zur Seite standen. Es ist bemerkenswert, mit welchem Ernste die Zöglinge an ihre neuen Rechte und Pflichten herantraten;.selbst die unverbesserlichsten Störenfriede wurden in dem Augenblick, als sie zu Mitgliedern des Komitees gewählt wurden, zu strengen und unparteiischen Richtern, die eifrig bemüht schienen, die Würde ihres Amtes� zu wahren. In dieser Hinsicht hat die neue Einrichtung auf die Charakterbildung der Schüler einen außerordentlich günstigen Einfluß gezeigt und das Vcrant- wortlichkeitsgcfühl gefestigt. Die Amerikaner betrachten es als eine ideale Vorbereitung für den künftigen Bürger. Die Schüler selbst fügen sich widerspruchslos der„öffentlichen Meinung" ihrer Gc- fährten, und sie nehmen die verhängte Strafe als gerecht hin, wo früher durch die Strafgcwalt erwachsener Vorgesetzter nicht selten heimliche Verbitterung und Trotz aufkeimten. Bezeichnend für den guten Einfluß dieser Schülcrjustiz ist cS, daß während der vier Jahre, in denen dies System in Los Angelos in Anwendung ist, nicht ein einziges Mal Beschwerden an den Direktor gelangten, der als höchste Berufungsinstanz sich das Recht vorbehalten liat, die Urteile des Komitees nötigenfalls zu korrigieren. Selbst die strengsten von dem Schülcrgcricht verhängten Strafen wurden von dem Betroffenen widerspruchslos hingenommen. Hygienisches. Die Gefahren des Telephon?. Aeußerst inler» essante Mitteilungen über das Vorkommen von Tuberkulosebazillen in den Mikrophonen der Telephonapparate werden in der Zeitschrift für Schwachstromtechnik gemacht. Danach hat Dr. Francis I. Allan, der Medizinalbeamte von Westminster, eingehende Versuche an eincni öffentlichen Telephon in der Londoner Zentralbörse an« gestellt, die in der ärztlichen Welt Englands großes und berech- tigtcS Aufsehen erregt haben. Die Mundöffnung des Apparates wurde mit einem Tuch abgewischt und der Inhalt des Tuches dann zu Versuchen an zwei Meerschweinchen benutzt. Das erste Meer« schwcinchcn starb 23 Tage, nachdem ihm von dem Inhalt des Wisch- tuchs etwas eingeimpft worden war, und die Sezierung ließ aus- gesprochene Symptome der Lungentuberkulose erkennen. DaS zweite Meerschweinchen starb 27 Tage nach der Injektion und zeigte ähnliche Zeichen der Ansteckung. Diese Experimente be- weisen, daß Tuberkulosebazillen von öffentlichen Telephon- apparaten, wie sie jetzt allgemein im Gebrauch sind, leicht über- tragen werden können. Sie legen ebenso die Notwendigkeit dar, alle Telephone, seien sie im öffentlichen oder privaten Gebrauch, in bestimmten Zwischenräumen zu desinfizieren. In der Londoner Warenbörse werden bereits nach einem Uebereinkommen mit der englischen Postverwaltung VO Telephone täglich mit einer desinfizierenden Flüssigkeit abgewaschen. Es ist auch für Deutsch- land und namentlich für Berlin mit seinen zahlreichen öffentlichen Fcrnsprechstcllen von Wichtigkeit zu wissen, daß die dunklen Telcphonzcllcn mit ihrer stickigen Luft, den schmutzigen Erdböden, dem Staub, der von der Straße hineingebracht und von jedem das Telephon Benutzenden eingeatmet wird, den denkbar günstigsten Nährboden für schädliche Mikroben darstellen. lieber experimentelle über die Infektion S- aefahr in Phthisikerwohnungen und im Krankenbause sowie über die soziale Bedeutung der neuesten Tuberkuloseforschungen hielt Donnerstag Dr. A. W o l f f- Eisner in der Gesellschaft für soziale Medizin einen längeren Vortrag. Der Vortragende gab zunächst ein übersichtliches Referat über den vor kurzem in Amerika abgehaltenen Tuberkulose-Kongreß und seine Eindrücke von der Tuberkulosebekänwfung in Amerika. Wie er berichtete, ist die Tuberkulosesterblichkeit in Amerika außerordentlich groß, speziell in Groß- Newyork und in Brooklyn. Auf den Straßenbahnen werden den Fahrgästen Billetts in die Hände gedrückt, auf denen gedruckt steht, daß in Brooklyn jeder dritte Mensch an Tuberkulose stirbt und jeder, der des Nachts schivitzt, ersucht wird, einen Arzt aufzusuchen. ES ist eine merk« lvürdige Erichciiiung. daß die Krankheit nicht nur in den ärmeren Kreisen so verheerend auftritt, sondern auch in den besseren Gesell- schaftskrcisen. Der Vortragende wteS darauf hin, daß in der Stadt New Aork ungeheuerer Staub vorhanden ist. worauf vielleicht die große Erkrankungszahl an Tuberkulose zurückzuführen ist. DaS Interesse an der Bekämpfung der Seuche in Amerika ist sehr groß, die Hauptdifferenz aber besteht jenseits deS Ozeans in dem Fehlen der sozialen Gesetzgebung. Die Staub- und Rauchplage hat sich seit einigen Jahren dort ge- mindert, während sie sich bei uns durch den gesteigerten Straßen- verkehr vermehrt hat. Im Zentralpark und auf Landchausieen hat man in New Aork insofern für Staubfreibeit gesorgt, als die Chausseen geölt werden. Dagegen sind unsere Grüne- wald- und Havelchausseen nicht zu betreten wegen der Staubwolken, die dse Automobile hervorrufen, sodaß von Erholung und reiner Luft keine Rede mehr ist. Die Rauch- plage hat in New Dork insofern eine prakrische Lösung gefunden, als dort keine Weichkohle, sondern nur Anthrazit in den Oefen gebrannt werden darf. Die Hunderte von Zügen, welche den Tag über New Dork durchfahren, müssen bis zwei Meilen vor der Stadt eine elektrische Lokomotive vorgespannt erhalten. Sehr ernst wird das Spuckverbot gehandhabt; strenge Strafen stehen auf der Nichtbefolgung, Gefängnisstrafe bis zu einem Jahre und Geldstrafen bis zu bOV Dollar. Als wünschenswert bezeichnete es Dr. Eisner, wenn auch bei uns ernstlich gegen die Unsitte des Ausspucken? Front gemacht würde. Zu der Heilstättenfrage übergehend, betonte er, daß die Heilstätten ihren Zweck deshalb nicht erfüllen, weil zu viel Kranke mit sog. inaktiver Tuberkulose aufgenommen werden. Er gab auch die Mittel an die Hand, dies zu verhindern, um so zu einer einwands- freien Statistik der Heilstättenerfolge zu gelangen. Sodann wandte er sich den Versuchen zu, welche den experimentellen Nachweis der Tuberkulose- infektionSgcfahr unter den Verhältnissen des täglichen Lebens be- treffen. Diese Untersuchungen sind im Krankenhanse Friedrichshain und gemeinsam mit der Ortskrankenkasse der Kaufleute in der Weise angeltellt worden, daß Meerschweinchen mit Phthisikern zusammen- gebracht wurden. Während eS bisher nicht möglich war, Tuberkel- bazillen in der Luft von Krankenräumen nachzuweisen, verlangen die Ergebnisse der angestellten Versuche doch die folgenden Postnlate notwendig: 1. Die Trennung Tuberkulöser von anderen Patienten, L.Trennung der Jnaktio-Tuberkulosen von den Patienten mit offener Tuberkulose und 3. absolute Trennung der Verdächsigen von den Tuberkulosen; diese sind in erster Linie die Gefährdeten. Wohl ist diese Trennung energisch schon in Angriff genommen, nicht nur bei Tuberkulose, sondern auch bei Typhus, aber noch nicht vollständig durchgeführt. Aeranttvortl. Redakteur; HiurS Weber» Berlin.— Druck ii Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.Verlogsanitalt Paul Singer S-Eo.. Berlin LW.