Nnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 234. Donnerstag, den 3 Dezember. 190? lNachdruck verboien.) �)Znäreas Völt. Baüernroman von Ludwig Thoma. Sylvester ließ feine Blicke suchend über die Gäste gleiten. „Jetzt!" dachte er. so oft die Türe geöffnet wurde.„Nein. Wieder nicht." Seine Hoffnung sank. Vermutlich würden sie nicht kommen. Vermutlich hatte Madame Sporner erfahren, daß Leute erscheinen würden, welche sie schon einmal hatte zurechtweisen müssen. Und da hatte Madanie Sporner gewiß erklärt, eZ sei unpassend, diese Unterhaltung zu besuchen. Die tiefe Baßstimme Hufnagels weckte ihn aus seinen düstern Gedanken. „Mang, glaubst Du nicht, es wäre allmählich Zeit, mit dem Engagieren zu beginnen?" Sylvester blickte den Freund verständnislos an. Was bedeutete diese Sache für ihn? Was bedeutete der ganze Ball für ihn? Er antwortete irgend cttvas und sah nach der Türe, die sich soeben wieder auftat. Dal Die majestätische Gestalt der Frau Sophie Sporner er- schien. Ihr Seidengewand rauschte so lebhast, wie sich das ein echter und gediegener Swsf erlauben darf. Dann kam eine junge Dame in Weiß, deren Augen ein wenig forschend im Saale herumwandertcn und lustig blitzten, als sie auf Sylvester fielen. Und dann kam im Bratenröcke der gutmütige Papa. Es war nicht mehr anzuzweifeln, die Firma war anwesend. Sylvester überlegte. Sollte er hineilen und die Eltern begrüßen? Merkte hatte die? vorgeschrieben: aber seine Lehre war kür geübte Truppen berechnet, nicht für Jünglinge, denen Ehrfurcht die Kehlen zuschnürt. Sylvester sagte sich, daß er auf Schratt warten müsse. In drei Minuten war es acht Uhr. und er hatte ver- sprachen, pünktlich zu seil?. Wieder sagte die Baßstimme neben Mang: „Jetzt sollten wir zum Engagement schreiten!" Zum Glück für Sylvester war der zweite Vorstand des Vereins, �Herr Theodor Schmelzle, ein Jurist und erklärte, daß der Wortlaut des Programmes maßgebend sei. Hiernach beginne der Ball Punkt acht Uhr. das Engagieren bilde aber einen Bestandteil des Balles, und ergo treffe auch hierfür die Zeitbestimmung zu. Ob das richtig war oder nicht, jedenfalls dauerte die Jnterpretion so lange, daß in der Zwischenzeit der ungeduldig erwartete Schratt auftauchte. Sylvester begrüßte ihn stürmisch.„Ich habe schon ge- glaubt, Sie kommen zu spät. Das Engagieren kann.nicht mehr verschoben werden!" „So? Na, einen Platz werde ich noch kriegen. Ist die angesehene Bürgcrsfamilie bereits anwesend?" „Ja." „Die wollen wir aufsuchen." Schratt ging aus die Familie Sporner zu mit einem Mute, der Sylvester Bewunderung einflößte. Er fand freundlichen Willkommen. Und Frau Sporner sagte mit sichtlichem Vergnügen:„Der Herr Assessor! An Sie hätte ich wirklich nicht gedacht." „Das klingt beinahe wie ein Vorwurf und tut mir in der Seele weh. Aber erlauben Sie, daß ich Ihnen einen jungen Freund vorstelle? Herr Studiosus Mang." „Ja. der Herr Mang! Wie geht's Ihnen denn? Und warum sieht man Ihnen denn gar nimmer?" Papa Sporner hatte ein schlechtes Gedächtnis, und er verstand eS nie, seine Gefühle zu meistern, zu temperieren und zu dirigieren. Er schüttelte Sylvester so herzlich die Hand, als hätte man ihm niemals angeraten, vorsichtig zu sein, und er brachte es fertig, diesen jungen Mann ganz ehrlich zu fragen, warum er so plötzlich seine Besuche unterlassen habe. Vielleicht zog er sich durch dieses Benehmen gerechten Tadel zu: vorerst aber verscheuchte er damit alle Verlegen, heitem Madame Sophie war gütig, Traudchcn war fröhlich. und in Sylvester erwachte eine seltsame Kühnheit. Als man das Zeichen zur Polonäse gab, bot er dem jungen Mädchen furchtlos seinen Arm an und führte es sicher und männlich durch die Reihen der Gäste, daß sich der Kan- didat Hufnagel höchlich darüber wunderte. Denn er selbst war erst nach manchen Fährlichkeiten vo» Merkte an die führende Stelle gebracht worden. An seinen Armen hing der eine von den rosafarbenen Engeln und reichte ihm kaum zum zweiten Knopfe seiner Weste. Anfänglich hatte das Mädchen versucht, ein Gespräch zi. führen, aber seine Stimme drang nur schwach zu dieser Höhe hinauf. Und seine Mitteilungen klangen wehmütig und trostlos Hufnagel hörte zuerst darauf und beugte seinen Ober» körper vor, als blicke er in einen Brunnen, aus dessen Ties. jemand um Hilfe schrie. Er schickte seine Stimme herunter zu dein armen Wesen und sagte ihm, daß der Boden glatt sei und daß man sich vor dem Fallen hüten müsse. Nach diesen Warnungen schwieg er. Das Mädchen konnte nicht leugnen, daß sie berechtig! waren, denn als die Polonäse begann und Hufnagel mit seinen langen Beinen weite Spuren setzte und das Mädchen atemlos neben ihn? herlief und den Arm immer höher strecken mußte, um den letzten Halt nicht zu verlieren, da hatte es oftmals die Füße in der Luft und dankte jedesmal den? lieben Gott, Zvenn es wieder festen Boden gewann. Aber was bedeutete das gegen die Schrecknisse d« Walzers? Gegen die Gefahren, als jetzt Hufnagel um die Jungfrau herumsprang? Als seine Beine sich gebürdeten, als wären sie ganz für sich allein wahnsinnig geworden, während der Oberkörper immer steifer wurde? Als seine Stiesel die wütendsten Angriffe gegen ihre kleinen Ballschuhe machten, auf sie lostraten, wo sie sich nur blicken ließen? Was blieb ihr übrig, als angstvoll auf den Boden zu stieren und ihre Füßchen vor diesen rasenden Ungeheuern zv retten? Sie konnte nicht fliehen, denn zwei derbe Hände hielten sie fest, sie konnte nicht schreien, denn die Musik verschlang ihre Stimme. Sie konnte nichts tun. als dulden und durch verzweifelte Sprünge ihre Zehen in Sicherheit bringen. Endlich war der Tanz zu Ende. Die feindlichen Beine machten noch einige Zuckungen und kamen langsam zur Ruhe. Und dann führte Hufnagel das zitternde Mädchen zu seiner Mutter imd verbeugte sich vor ihm und lächelte ihm zu und sagte, er würde hoffentlich noch einmal die Ehre haben. Sylvester war glücklich. Aber das Glück machte ihn nicht gesprächig: er ging schweigend neben seiner Tänzerin und freute sich, ihre kleine Hand auf seinem Arme zu fühlen. Einmal fanden sich ihre Augen, da wurden die zwei jungen Menschen rot. Und nach einer Weile sagte Sylvester: „Ich habe Sie seit dem Abend nur zweimal gesehen." Traudchen lächelte. „Das letztemal auf dem Maximiliansplatz." „Ja, ich wollte mir erlauben, Sie anzusprechen und mifh nach Ihrem Befinden erkundigen." „Warum habeck Sie cS nicht getan?" „Ich war nicht allein, und Sie waren in Gesellschaft." „Meine Freundin, die Käthl Hauck. Sie ist heute auch da: Sie müssen mit ihr tanzen."« „Gerne." „Können Sie jetzt tanzen? Sie haben mir früher er» zählt, daß Sie nie dazu kamen." „Ich habe es jetzt gelernt." „Mama war, glaube ich, überrascht, daß Sie auf den» Ball sind." „Sic auch?" Traudchen errötete leicht, und dann lachte sie fröhlich „Ich habe gewußt, daß Sic koinmen." „Wer hat es Ihnen gesagt?" / - 934- ..Die Kathl Hauck. und die fiat es von Herrn Hufnagel gehört oder von seiner Schwester. Das ist das ganze Ge- heinmis. Aber jetzt kommt der Walzer." Sylvester machte sein Kompliment nach der Vorschrift des Herrn Merkle und nabin das frische Mädel um die Mitte. Und schwenkte es tapfer im Neigen. Nach dem Tanze führte er Traudel zu den Eltern, plauderte mit ihnen, ließ sich dem Fräulein Hauik vorstellen und benahm sich mit einer so fröhlichen Sicherheit, daß der alte Schratt ihn vergnügt betrachtete. Auch Madame Sporne'- sah ibn prüfend an. Dieser junge Mann hatte sich verändert: nicht zu seinem Nachteile, oas niußte sie gestehen, aber sein Wesen bestärkte sie in einer Vermutung. Manche flüchtige Bemerkung des alten Schratt war ihr aufgefallen: sie hatte nicht bloß das warme Interesse für Sylvester herausgehört, auch eine bestimmte Absicht. Es war so, als wollte er andeuten, daß ein Kandidat der Theologie nicht innner Pfarrer werde. Die Bemerkungen waren in scherzhaftem Tone gemacht, so nebenbei und unouf- fällig. Aber Madame Sporner hatte gute Ohren. Michael Sporner nicht. Michael Sporner war ahnungslos und schwor, daß keine Klatscherei von bissigen alten Jung- fern ihn abhalten könne, brave musikalische Jünglinge zu be- Wirten. lgortsetzung folgt.) (Nachdrud vervolen.) 62} Die Rofakcn. Von Leo Tolstoi. Tag für Tag sehe ich in der Ferne die Schneeberge vor mir und dieses erhabene, glückliche Weib. Dieses einzig mögliche Glück in dieser Welt ist nicht für mich, dieses Weib ist nicht für mich. Das Entsetzlichste und das Süßeste in meiner Lage ist, daß ich fühle, daß ich sie be- greife, sie aber mich nie begreifen wird. Nie begreifen wird; nicht etwa, weil sie unter mir stünde<— im Gegenteil, sie darf mich nicht begreifen, sie ist glücklich; sie ist wie die Natur, ewig gleich und friedlich. Sie ruht in sich selbst. Und ich verkrüppeltes, schwaches Geschöpf, ich will, daß sie meine Mißgestalt und meine Qualen begreife! Nächte hindurch habe ich nicht geschlafen, habe ich ohne Zweck und Ziel unter ihrem Fenster verbracht und habe mir keine Rechenschaft über das gegeben, was mit mir vorgebt. Am acht- zehnten machte unsere Rotte einen Ausfall. Ick verbrachte drei Tage fern vom Standort. Mir ward traurig zu Mute. Alles war mir gleichgültig. Der Gesang, das Kartenspiel, die Gelage, die Gespräche über die Auszeichnungen im Felde— alles war mir im Felde widerwärtiger als sonst. Heute bin ich nach Hause zurück- gekehrt, habe sie, mein Hauschen. Onkel Jeroschfa, die Schneeberge von meiner Treppe auS gesehen, und ein so mächtiges, neues Ge- fühl der Freude hat mich ergriffen, daß mir alles klar wurde, �fch liebe dieses Weib mit der wahren Liebe, das erste und einzige Mal in meinem Leben. Ich weiß, was mit mir vorgeht.... Ich fürchte nicht, mich durch mein Gefühl zu erniedrigen, ich schäme mich meiner Liebe nicht— ich bin stolz auf sie.... Ich bin nicht schuld daran, daß ich liebe. Es ist gegen meinen Willen geschehen. Ich habe Rettung gesucht vor meiner Liebe in der Selbstvcrlcug- «uitg. Ich hatte mir eingebildet, ich könnte mich an der Liebe deS Kosaten Lukaschka zu Marianta erfreuen, und habe nur meine Liebe und Eifersucht angefacht. Das ist nicht die ideale, die so- genannte erhabene Liebe, die ich dereinst empfunden habe; nicht das Gefühl der Zuneigung, bei dem man seine eigene Liebe liebt, in sich selbst die Quelle seines Gefühles fühlt und alles selbst tut. Auch das habe ich erfahren. Es ist noch weniger der Wunsch nach Gunst: es ist etwas anderes. Vielleicht liebe ich in ibr die Natur; die Verkörperung alles Schönen in der Natur; aber ich habe nicht meinen eigenen Willen; ich bin das Werkzeug für die Liebe eirwr elementaren Kraft der ganzen GoiteSwelt, die ganze Natur preßt diese Liebe in meine Seele und spricht: liebe. Ich liebe sie nicht nicht mit dem Verstände, nicht mit der Einbildungskraft, sondern mit meinem ganzen Sein. Indem ich sie liebe, fühle ich mich als einen untrennbaren Teil der ganzen glücklichen Gotteswelt. Ich habe vorhin von meinen neuen Uebcrzeugungen gesprochen, die ich aus meinem einsamen Leben davongetragen habe: aber niemand kann wissen, wie mühsam ich sie mir errungen habe, mit welcher Freude ich mir bewußt wurde und den neuen, offen vor mir liegen- den Lebensweg erblickte. Köstlicheres als diese Uebcrzeugungen habe ich nie in meiner Brust getragen... und dann... ton die Liebe, und sie waren dahin, dahin auch der Schmerz um fiel �Ja, «s wird mir sogar schwer, zu begreifen, daß eine so einseitige, küble, verstandesmäßige Anschauung mir so teuer sein konnte. Die Schönheit kam, und all die heiße, innere Lebensarbeit zerfiel in Staub. Und ich empfinde keinen Schmerz um das Ents-Kwundene l Selbstverleugnung— Torheit ist alles, Unnatur. Nur Dünkel. Flucht vor verdientem Unglück, Rettung vor dem Neid ans fremdes Glück. Für die Nebenmenschen leben, Gutes tun... wozu?— wenn in meiner Seele nur ein Gefühl lebt, die Liebe zu mir selbst, und der eine Wunsch, sie zu lieben und mit ihr ihr Leben zu leben. Nicht für andere, nicht für Lukaschka begehre ich dieses Glück. Ich liebe jetzt diese anderen nicht mehr. Damals hätte ick mir gesagt, das ist schlecht. Ich hätte mich gequält mit Fragen: Was wird aus ihr, aus mir. aus Lukaschka? Jetzt ist mir alles gleich Ich lebe nicht durch mich selbst. Mich leitet eine Kraft, die stärker ist als ich. Ich quäle mich; aber damals war ich tot, jetzt erst lebe ich. Heute noch will ich zu ihnen hin und ihr alles saaen." »4. Nachdem Olenin diesen Brief geschrieben hatte, ging er in später Abendstunde zu seinen Wirtsleuten. Die Alte saß auf der Ofenbank und spann Seide. Mariana nähte mit unbedecktem Kopfs bei einem Licht. Als sie Olenin erblickte, sprang sie auf, nahm ihr Tuch uud ging auf den Ofen zu. Bleibe dock; bei uns sitzen, Marianuschka, sagte die Mutter. Nein, ich bin barhaupt.— Und sie spang auf den Osen. Olenin konnte nur ihr Knie und das herabhängende wohl» geformte Bein sehen. Er pflegte die Alte mit Tee zu bewirten. Die Alte bewirtete den Gast mit Rahm, den Mariana holen mußte. Nachdem Mariana den Teller auf den Tisch gestellt hatte, sprang sie wieder oiis den Ofen, und Olenin fühlte nur ihren Blick. Sie unterhielten sich über die Wirtschaft. Mutter Ulitka war ganz aus Rand und Band, und es überkam sie eine Verzückung der Gast- freundschaft. Sie brückte Olenin eingelegte Trauben, Weinbecr- kucken und den besten Wein und bewirtete ihn mit der eigcntüm- liche» derben und stolzen Gastfreundschaft deS Volkes, die man nur bei Menschen antrifft, die durch körperliche Arbeit ihr Brot ver- dienen. Die Alte, die anfangs Olenin durch ihre Grobheit so ab» geschreckt hatte, rührte ihn jetzt oftmals durch ihre schlichte Zärt- lichkeit in dem Verhältnis zu ihrer Tochter. Ja. man darf Gott nicht erzürnen. Väterchen! Wir haben alles, Gott fei Dank! Wein haben wir. Eingesalzenes. Wir ver» kaufen drei Faß Wein und behalten noch für uns zum Trinken. Bleibe Du noch bei uns; gehe nicht fort. Wir wollen noch die Hoch- zeit zusammen feiern. Und wann ist die Hochzeit? fragte Olenin und fühlte, wie ihm plötzlich alles Blut ins Gesicht stieg und das Herz lebhaft und qual- voll pochte. Hinter dem Osen regte es sich und ließ sich das Kauen von Kernen vernehmen. Ich meine, man müßte sie in der kommenden Woche feiern. Wir sind fertig, antwortete die Alte, einfach, ruhig, als wäre Olenin nickt anwesend oder gar nicht vorhanden.— Ich habe für Maria» nuschka alles vorgcsorgt und vorbereitet. Wir geben sie gut fort. Etwas nur ist nicht ganz, wie es sein soll: unser Lukaschka ist gar zu ausgelassen geworden. Er läßt sich ganz gehen. Treibt eS bunt! Jüngst war ein Kosak von der Kompagnie hier und erzählte, er sei zu den Rogaiern geritten. Wenn ihm nur kein Unglück geschieht, sagte Olenin. Ich sage zu ihm: Tu, Lukaschka, treibs nickt so arg. Aber er ist ein junger Mensch, und die Fugend prahlt gern. AlleS hat doch seine Zeit. Nun, er hat Beute gemacht und einen Abrelen getötet. Er ist ein tapferer Bursche! Nun könnte er doch ruhig leben. Da wird eS aber gerade ganz schlimm. Ja. ich habe ihn zweimal im Felde gesehen. Er zecht be» ständig. Auch sein Roß hat er verkauft, sagte Olenin und warf einen Blick aus den Osen._ S Große schwarze Augen funkelten ihm streng und unfreundlich zu. Er schämte sich seiner Worte. Was ist dabei I Er tut niemandem was BöseS, sagte plötzlich Mariana. Er vertrinlt sein eigenes Geld. Sie ließ die Füße vom Osen henab, sprang herunter, ging hinaus und schlug die Tür heftig hinter sich zu. Olenin folgte ihr mit den Augen, so lange sie noch in der Stube war; dann sah er nach der Tür horchte auf und verstand nichts von dem, war die Mutter Ulitka erzählte. Nach einigen Minuten traten Gäste ein: ein alter Mann. Mutter UlittaS Bruder mit Onkel Jeroschka, und unmittelbar nach ihnen Mariana mit Ustjenka. Geht eS gut? fragte Ustjenka mit piepsender Stimme. Jmmcr wohlauf? wandte sich Ustjenka zu Olenin. Ja. immer wohlauf, antwortete er, und es überkam ihn Scham und Unbehagen. Er wollte gehen, aber et konnte nicht. Dazubleiben und kein Wort zu sprechen, schien ihm auch nicht recht. Der Alte kam ihm zu Hilfe: er reichte ihm Wein zu, urid sie tranken. Olenin trank mit Jeroschka, dann auch mit den anderen Kosaken, dann wieder mit Jeroschka. Und je mehr Olenin trank, desto schwerer wurde es ihm umss Herz. Die Alte aber wurde lustig. Die beiden Mädchen hatten sich aus den Ofen gesetzt, schauten ihnen zu und tuschelten miteinander. Die Männer aber tranken bis zum Abend. Olenin sprach kein Wort und trank mehr alö alle anderen. Die Kosaten wurden lärmend, die Alte jagte sie hinaus und gab ihnen keinen Most mehr. Die Mädchen machten sich über Onkel Jerosckka lustig, und es war schon zehn Uhr, als sie alle aus die Treppe hinaus- traten. Die Alten luden sich siebst zu Olenin ein, um die Nacht hindurch zu zechen. Ustjenka lief nach Hause, Jeroschla begleitete Jen Kosaken zu Wanjuscha. Die Alte ging in die Kammer, um aufzuräumen, Olenin suhlte sich frisch und munter, als wäre er eben vom Schlafe erwacht. Er hatte alles beobachtet, hatte die Alte vorausgehen lassen und kehrte in das Zimmer zurück. Mariana wollte eben schlafen gehen. Er trat zu ihr und wollte ihr etwas sagen; aber die Stimme versagte ihm. Sie setzte sich auf das Bett, zog die Beine an sich, rückte von ihm fort bis in die äutzerste Ecke und sah ihn mit erschrockenem, wildern Blicke schweigend an. Sie hatte offenbar Furcht vor ihm. Olenin fühlte das. Es tat ihm weh und er schämte sich Gleichzeitig aber empfand er die stolze Freude, wenigstens dieses Gefühl in ihr zu erregen. (Fortsetzung folgt.) Oie Hhncn des Pferdes. (SSlust.) Allerdings würde man sich dabei wohl auf keinen Fall denken dürfen, daß eine Tierart, die vom Rhein bis zur chinesischen Grenze reichte, sich dabei nicht schon wild in verschiedene Lokalvarietäten gerspalten haben sollte. Sehen wir doch heute noch selbst auf der tieinen chinesischen Ecke zwei solcher Przewalskivarcanten einander ablösen. Wie die Onager, Kulans, KiangS, Dschiggetaiö bei den heutigen Wildesel», so werden auch jene alten Przewalskicr zahl- reiche Sonderformen gebildet haben, die im Prinzip alle Prze- Walskier waren, aber doch in Einzelheiten voneinander ablvichen. Und auS solchen verschiedenen Lokalrassen würden nun auch jene örtlich verschiedenen Parallelzähmungcn naturgemäß ihr Material haben entnehmen müssen. Das aber wieder erklärt uns, wie von Anfang an auch in die Zuchtrassen trotz der Anknüpfung an eine im wesentlichen gleiche Wildart lokale Verschiedenheiten hinein- gekommen sein mögen. Seit längerer Zeit schon ist allen feinen Kennern unserer zahmen ißferderasscn aufgefallen, daß darin ganz offendor gewisse anato- misch; Gegensätze stecken. Man braucht das nicht zu übertreiben, indem man sechs, acht scharf geschcdene Skelettypen hcraußsondcrn will. Aber um bestimmte Gegensätzlichkeiten, die auf irgendein tiefes Eirtstehungßgeheimnis deuten, kommt man wirklich nicht herum. Gerade in die höchste Vollendung, die unsere moderne Pferde- gucht erreicht hat, spielt eine hinein. Seit alters ist in den uörd- lichen, mittleren, westlichen Teilen Europas ein anderer Schlag Pferde kultiviert worden als im Orient. Hier llotzschwere Tiere mit massigem Knochenbau und riesigen groben, meist wulstig gc- wölbten Rasen. Dort drüben ein feiner nervöser Schlag mit kürzerer graziöser Rase, deren gerades Profil bei leichter Aus- Höhlung die schönste Linie erzeugt, auf festen und doch zierlichen Gliedmaßen. Zu ihrem Grundhabitus könnte man die beiden Formen definieren als den ewigen Karrengaul und das ewige Luxuspferd, als das Pferd des gepeitschten Phlegmas und das Pferd des mühsam gezügeltcn Feuers, als das unschöne brave Pferd der Arbeit und das Edelroß, das dem Menschen fast ein ästhetischer Wert geworden ist, das Pferd als ArbeitsmnSkel und das Pferd als Rerv. Zwei Sorten Landschaft und an diese Landschaft angeschlos- sener Kulwr scheinen in ihnen aufzutauchen. Das eine gibt sich als das Pferd eines rauhen, kargen Landes, wo mit geringen Mitteln eine langsam sich emporkämpfende Kultur eine ungeheuere zähe Arbeit widerwillig zu leisten hatte. Unwillkürlich stellt sich das Bild dar einer Regcnlandschaft im Norden, wo ein solcher klotziger Gaul sich beschmutzt und keuchend mit einem klotzschwcren Lastwagen durch den nassen Lehm arbeitet, in dem die Räder jeden Augenblick versinken wollen. Bei jenem anderen ahnt man die freie Fläche unter glänzenden Sternen, luftige Zelte und in fliegenden Halb- gcwändern nackte leichte sehnige Reiter, die mit ihrem Tier förmlich sicelisch verlvachsen sind, anstatt scheltend mit der Peitsche hinterher zu laufen; man aHirt das Schmuckpferd, das bewundert und gefeiert wird, dessen Name sich wie der eines Helden forterbt, das von den Dichtern deS Volkes besungen wird. Karrengaul und Araber! Ganz gewiß stecken in diesem Gegen. sah wirklich geschichtliche Schicksale weit gesonderter Kulturzentren. Dag okzidentalische Pferd, wie man die schwere dicknasige Sorte genannt hat, ist lange das entscheidende Bedürfnisprodukt eigeneurppäischer Kultur gewesen. Es war das Pferd der Nor- mannen, das typische Heimatspferd der ganzen Nordseeküsten, aber auch das Tiroler und Steicrmärkcr Gebirgspferd. das altfranzü- fische wie das altenglische Pferd. Vom Arbeitspferd des Bauern zum Kriegspferd gemacht, ist dieses Klotzpferd das typische Ritter« pferd geworden, auch als Reitpferd hier vor allem ein schweres Tragpferd, das den Mann mit der Rüstung schleppen konnte und gar selber noch«inen Harnisch trug, wie eine Art künstliches Kultur- rhinozcros. Das ist das.Kriegspferd, das die Sage zum un- geheueren Roß Bayard vergrößert, auf dessen einem Rücken alle vier Haimonskinder zugleich auf Abenteuer reiten: das Göttcrroß Motaiiö, dem man gern wieder je einen Hus mehr angedichtet hätte, die äußerste Last zu tragen, indem die Phantasie unwillkürlich wieder zu den wirklichen alten Naturwegen der Nashörner zurück- lenkte. Bis zu gewissem Grade lebt dieses alte Blut noch in all unseren kalten Schlägen, all unseren fortgesetzt auch von der nw- dcrnen ArbcitSkultur weiter verlangten schweren Ziehern und Schleppern fort. Am reinsten ist es vielleicht heute noch im Tiroler und Steiermärker Pferde, in der Pinzgauer Rasse zu finden, dann in den schweren B> tgiern, den Percherons, den nordschleswiger »Dänen", endlich alo altes Riesenblut auch in den Giganten der englischen Korrenpferde. Keine dieser lebenden Nassen ist ja heute mehr ohne Mischblut, nranche schon so, daß gerade das Gesicht nicht mehr stimmen will. Trotzdem ist der alte Einsatz zweifellos als das noch immer Ueberwiegcnde. Umgekehrt steckt in dem echt»orientalischen Pferde". bei dem wir heute in seiner eigentlichen Heimat an den„Araber" denken, dort das ursprüngliche Alt- und Stammkulturpferd der ganzen edlen orientalischen Kultur von Babylon an. Der Begriff des Arabers ist dabei geschichtlich viel zu eng, wie denn schließlich sogar heut« die Edelpferde dieses Typus keineswegs gerade aus Arabien stammen müssen. Auf den altassyrischen Bildwerken taucht schon ganz unverkennbar das schöne Pferd mit dem„trockenen Gesicht" aus, eine so vornehme Rasse, daß man sagen kann, eS sei der „Araber" eigentlich damals und so früh schon in der ganzen Anlag!: dort fertig gelvesen. Als ein vornehmes, als ein Herrentier tritt das Pferd hier in die Geschichte im Gegensatz zu den Arbeitstieren auch dieses Orients. dem Esel, dem Rinde, dem Kamel. Es führt zu den großen Er- cignissen des LebenS: zum Fest, zur Jagd, in die Schlacht. Auch bei ihm ist offenbar in der Kulturzuchi eine große Evoche vorauf- gegangen, wo das Reiten noch viel weniger seine Rolle spielte, sondern das Pferd ebenfalls den Wagen zog; aber es zog nicht die langsam ächzende Karre, sondern riß den schwebend leichten Luxus- und Streitwagen mit. So erscheint es noch in der Kulturepoche, die in den homerischen Gesängen geschildert wird. In Ländern, wo das Pferd nie selber gezähmt worden war, sondern von außen erst als Edelpferd eingeführt wurde, wie es be- stimmt im alten Aegypten der Fall gewesen ist, hat man noch ver- stärkt den Eindruck, daß es lang« ein reines Luxustier war, eine Kostbarkeit der Könige und der Großen im Laude. Vielleicht liegt gerade in dieser ursprünglichen Kostbarkeit des Pferdes als orienta- lischer Edelrasse der Grund auch der seltsamen Abneigung gegen das Essen von Pferdefleisch, die schon durch die ganze Antike von Osten her heraufkommt. Man liest wohl, das Pferdefleischverbot sei erst ein Erzeugnis des Christentums gewesen, das gegen Heid- nische Qpfermahle vorging. Lokal mag das der Fall gewesen sein, aber es handelte sich dann um nordische Volksstämme, zu denen im Christentum überhaupt zum erstenmal die Welt des Mittel» meereS und der Orient gekommen ist. Die Abneigung gegen Pferdefleisch in dieser Welt ist aber selbst viel, viel älter als das ganze Christentum. Soviel Wechsel der Kulturkreise und Völker über den Orient seit jenen Tagen der assyrischen Pferdedarsteller hingegangen ist: diesen wunderbaren Schatz seines Edclpferdes hat er sich nie mehr entreißen, nie vom Sandsturm der Geschichte verschütten lassen. In den ganzen drei Jahrtausenden bis heute ist offenbar fort und fort dort an dem höchsten Edeltypus der orientalischen Pferde noch weitergezüchtet, weitergefeilt worden, bis eben in das Ideal des heutigen Arabers hinein. Als die abendländische Kultur spät den engeren Orient von ihrer fernen Eigenentwickelung aus wieder „entdeckte", da trat ihr dieses Ergebnis mehrtausendzähriger Liebe nicht als verspätetes Trümmerstück abgegriffen und entwertet wie eine alte Münze, sondern inmitten von so viel anldercm Verfall in geradezu strahlender Schönheit entgegen. Es ist nun in hohem Grade interessant, daß sich noch jetzt ver- folgen läßt, wie aller Wahrscheinlichkeit nach gerade in diese beiden extremsten Sonderzüchtungeii, die massige alteuropäischc und die edle orientalische, in beiden Fällen bereits ursprünglich verschiedene Sonderrassen des benutzten Urwildpferdes selbst hinein- gearbeitet haben. In der okzidentalischen rambnasigen Plumpgaulrasse steckt ganz unzweifelhaft noch immer das Blut jener plumpen, langschädeligen und wulftnasigen ureuropäischcn Wildpscrdc, deren Bild uns die prähistorischen Höhlenzeichnungen bewahrt haben. Mit absoluter Deutlichkeit schließen sich hier auch die diluvialen Kuochenrcste noch an die typischsten Rassenskelette von heute an. Umgekehrt besteht aber an der extrem andersartigen Ecke des alten orientalischen EdelPferdeL eine mindestens hohe Wahrscheinlich- keit, daß zu ihm schon von Beginn an ein zierlicherer wilder Prze- walskier mit feinerem Profil und»trockenerem Gesicht" benutzt worden ist. Ich glaube dabei aber, daß auch die Zähmung auS diesen beiden Urvarianten, der plumpen langschädcligen und der n»»t dem feineren Gesicht, nicht bloß auf ein cngeS Revier und eine einzige geschichtliche Tat beschränkt werden darf. Mindestens für die urorientalische Form kann ich mir die Dinge nicht anders deuten, als daß sie außer in Babylon, wo sie speziell in die„arabische" Edelform übergegangen ist. auch noch an den versckiedcnstcn anderen Orten sonst Ausgangspunkt von selbständigen Zähmungen gewesen ist. Nicht echte Araber, aber wohl Kulturpferde von einem unverkennbaren Grundanklang des Echädeffiaues und ganzen Habitus an die orientalische Raffe find gang offenbar schon seit alters auf einem iliigeheuercn Areal der alten Welt verbreitet gelvesen. Sie gehen als alte Grundform durch die Raffe der östlichen europäischen Mittelmeerländer und des ganzen Riesengebietes vom Kaukasus bis Ungarn und nach Rußland hinauf. Sie beherrschen China und Indien und lassen sich bis in die ponhhaften Formen«ruf Java und im Japanischen verfolgen. Kleines f euiUeton. Völkerkunde. Neues über die Gauchos. Unter Gauckios versteht man kurzweg die Vertreter der ländlichen Bevölkerung der Pampas Südamerikas mit ihrem eigenartigen Typus, wie er sich riuS der Mischung der eingeborenen Indianer mit den spanischen Eroberern im Verlauf von mehreren Jahrhunderten heraus- aebildet hat. Die Gauchos sind ein kräftiger, gut gewachsener, hübscher Menschenschlag von dunkler, bräunlicher, bis ins Gelbe spielender Hautfarbe, mit dunklen Augen und kohlschwarzem, straffem, langem Haar. Negelmäszige, nicht unsympathische Ge- fichter, die stark an die kaukasische Rasse erinnern, findet man bei den Frauen, insbesond-we sind die jungen Mädchen von auf- fallender Schönheit. Durchweg aber ist bei allen die indianische Abstammung unverkennbar, was sich leicht aus dem Umstand er- klären lästt, daß erst lange, lange Zeit nach der Eroberung des BikindeS durch die Spanier die ersten europäischen Frauen zum Rio de la Plata gekommen sind. Aus jener Mischrasse, der Kreolenbevölkerung oder Eriollos, tvie sich die Argcntiner selbst mit Stolz gern zu nennen pflegen— und dabei eine gewisse Verachtung gegen den„Gringo". den eingewanderten Fremden, hervorkehren—, bildete sich allmählich ein rauhes, verwegenes Reitervolk heraus, da? die gewaltigen Ebenen beherrschte, dort in der ungeheuren, endlosen Pampa seiner Zahl nach verschwindend, frei mit Lassos und BoleadoraS-) und Daga') auf der Jagd umherstreifte und in ausgedehntem Maße Viehzucht betrieb. Auf den mit herrlichem Graswuchs bestandenen Flächen hatten die von den Spaniern eingeführten Haustiere, wie Pferde, Rinder und Schafe günstige Lebensbedingungen gesunden und bei den austerordentlich zuträglichen Klima- und Bodenverhältnisien und der ungebundenen Freiheit sich in ungeahntem Mäste der- mehrt. Teillveise waren'die Herden sogar verwildert. Die Bc- völkerung des Landes war gering und infolgcdeffen auch der Konsum an Fleisch, so dast das Vieh nur wenig Wert hatte. Fleisch aber war auf dem Lande in Hülle und Fülle vorhanden; es twir daher die Hauptnahrung für den Gaucho, der, an Entbehrungen gewöhnt, ähnlich den Wilden, das Bedürfnis regelmäßiger Mahl- zciten kaum zu kenne» scheint.„Ich habe dies," sagt der ForschunaSreisende W. Vallentin in seinem soeben ersckicnencn Werke„Sireifzügc durch Pampa und Kvrdillere Argentiniens", ..vielfach aus meinen Reisen dort im Lande beobachten können und, der Not gehorchend, nicht dem eigenen Triebe, kräftig mit- machen müssen. Wochenlang hat unsere Nahrung mir aus Fleisch, Guanaco-, Straußen-, Pferdefleisch und Paraguahtce bestanden, ohne jede Zutat von Brot, Mehl oder Gemüse, ohne jeden Tropfen von Alkohol. Da habe ich die wohltätige Wirkung von Mat6 tTec aus den Blättern einer Jlexart) kennen gelernt, die nerven- anregend ist, nicht aber nervcucrrcgcnd, wie z. B. die des Kaffees und Tees." Als dann im Lause der Zeiten geregeltere Verhältnisse Platz griffen, als sich aus dem unermeßlichen Gemeingut allmählich die großen Besitzungen, die EstanziaS der Mächtigen, der alten Gaucho- führer, Caudillos. als Privateigentum abgrenzten, blieb dem ge- wohnlichen Gaucho die Aufsicht über die nach Tausenden zählenden Viehherden in den unendlich weiten, gewaltig sich dehnenden Flächen. Dort war er allein Herr und Gebieter und sorgte für daö Bich des reichgcwordenen Besitzers, so gut eS eben ging. Mit der Verseinernng der Viehzucht indessen, mit der durch den Ver- kehr und insbesondere durch den Ackerbau immer weiter vor- dringenden Kultur wurde dann der Gaucho mehr und mehr in entlegene, unwirtliche Gegenden geschoben. Bielfach ist die Gauchobcvölkerung heute schon seßhafter ge- worden als ehedem. Viehzucht ist ihre Hauptbeschäftigung. Als Verwalter, Mayordomo. als Aufseher, Eapataz, als Knecht, Pcon, oder als Viehhirte verdingt sich der Gaucho heute gegen Lohn auf irgendeiner Estanzia und lebt dort mit seiner Familie schlecht und recht; oder er hat sich ein kleines Besitztum erworben und treibt dort selbst Viehzucht; viele indessen ziehen unstet umher, genießen die Gastfreundschaft ihrer Landesgenossen und helfen hier und da in der Wirtschaft gegen Bezahlung oder Beköstigung «ntS, solange es ihnen gefällt. Andere wieder leben nnr von Spiel und Wettrennen. Mit ihren gut zugerittenen Pferden reiten sie von einer Schenke zur anderen und werden dort nur zu oft zum Verderben derer, die sich als nicht berufsmäßige Spieler auf jenes unsichere Gebiet gewagt haben. Noch andere leben von der Jagd. In jenen weit entlegenen, gänzlich unbewohnten Gegenden der Pampa und Patagoniens jagen sie den Strauß, das Guanaco, den Pnma usw. und tauschen die Federn und Felle dieser Tiere in der ersten besten Volichc oder Pulperia(Schenke) gegen Tabak, (Spirituosen, Pulver. Blei usw. ein. *) Der Lasso ist eine aus zäher, weicher Haut kunstvoll ge- drehte Leine in der Stärke eines Fingers und zirka öl) vis 80 Meter lang; sie läuft an einem Ende in eine Schlinge aus. ') BoleadoraS— Kugclschleudcr, die zu Jagdzwecken und zum Einsangen von Tieren benutzt wird. ") Daga— langes Dolchmeffer. Technisches. Technik und Landwirtschaft. In einem Aufsatz über die erweiterte Anwendung des elektrischen Betriebes in der Landwirtschaft macht Kurt Krohne einige inter- essaute Angaben über die ArbeilSersparnis, die durch moderne landwirtictiaftliche Maschinen erzielt wird. So sind z. B. zum Ausdreschen und verjaudfertigen Sacken von tOOO Kilogramm Getreide, wenn alle Arbeiten mit der Hand gemacht werden: 104 Leuteslundcn. wenn eine kleine Dreschmaschine mit Göpel und ReinigungSmaschine angewendet wird zirka 41 Leutestunden unter teilwciser Verwendung zweier Pferde erforderlich. Wenn jedoch ein elektrisch betriebener Dreschkasten, angetrieben von einem Mpserdigen Elektromotor bcnuyt wird, verringert sich die Zahl der Leutestunden ans zirka 26 und sinkt bei Verwendung eines elektrisch betriebenen Rieiendreschkastens mit Ferneinlcgcr, Kaff- und Kurzstrohbläier, Strohpresse und Elevator, angetrieben von einem övpserdigen Motor, auf nur 10,5 Leuteslunden, also auf den zehnten Teil der bei Hand« arbeit erforderlichen Arbeitszeit. Aber auch bei den nur von der Hand betriebenen Arbeiten bringt die Technik durch Verbesserung der Arbeitszeit der Land- Wirtschaft große Vorteile. Während z. B. die alle Heugabel 4 Kilo- gramm schwer war, wiegt eine neue Heugabel jetzt nur 2l/a Kilogramm. Die alte Heugabel hatte ein unnützes Mehrgewicht von I Vg. Kilogramm, das beim Arbeiten immer mit gehoben werden mußte. Es wird durch die neue leichte Form der Heugabel ein Arbeitsgewinn von nicht weniger al? 43 Proz. erzielt. Aehnlich Verhaltes sich mit anderen Hcbegcraten, Mistforlen, Siakforken usw., bei denen durch geringe Gewichte jetzt Arbeitsgewinne erzielt werden. Wie iveit bereit? der Ersatz der menschlichen und tierischen Arbeitskraft durch die Maschine in der deutschen Landwirtschast fort- geschritten ist, zeigen folgende Angäbet». Während in der Periode von 1882 bis 1905 die Zahl der in der Landwirtschaft verwendeten Zugpferde und Ochsen nahezu konstant geblieben, die Zahl der be- schänigten Arbeiter sogar gesunken ist, wurden im Jahre IllOö 3000 Dampfpflüge gegen 836 im Jahre 1882 und 300 000 Kraft- drcschmaschine» gegenüber zirka 75 000 verwendet. Durch die immer wachsciide Ausbreitung der elektrischen Zentralen wird eS dem Landwirt immer leichter gemacht, sich dieser bequemsten Energieform zum Autrieb seiner Maschinen zu bediene». Von land- wirtschaftlichen Maschinen können, ganz abgesehen von den Maschinen der eigentlichen Landmdustrien, wie z. B. der Brennereien, Molkereien. Schneidemühlen usw., in erster Linie Maschinen, die den Rohertrag erhöhen sollen, durch Elekiromotoren angelrieben werden. Dazu ge- hören z. B. die bereits erwähnten Dreschmaschinen, ferner Rüben- Heber, Kartoffelernteniaschiiien, Mähmaschinen mit Selbstbinder, ferner Maschinen für die Bestellung des Ackers, wie GetrcidereinigungS- Maschinen für Saatgut und elektrische Pflüge. Ferner können durch Elektromotoren eine Reihe von Maschinen angetrieben werden, die die Unkosten des landwirtschaftlichen Betriebes herabsetzen. Zu diesen Maschinen sind die verschiedenen Hebevorrichtungen und Entladevorrichtungen, Ele- Valoren usw. für Heu und Getreide, Transpvrtrinnen. Feldbahnen und Winden zu zählen. Schließlich werden auch die Fulterbcreitungs» Maschinen für die Viehzucht, wie Häckselmaschinen, Kartoffelquetschen, Wasserpumpen und dergleichen mehr init Borteil elektrisch angetrieben. Die einzelnen elektrotechnischen Firmen haben der Verwendung des Elektromotors in der Landwirtichast in richtiger Erkenntnis der großen Absatzmöglichkeit besonderes Interesse zugewendet und für diese Zwecke eine Reihe von Spezialkonstruklionen geschaffen, die die Verwendung von ortsfesten und besonders auch von beweglichen Motoren geschaffen. Sehr schwierig war das Problem deö elektrischen Pfluges zu lösen. Aber auch dafür scheinen bereits eine Reihe von Konstruktionen sich praktisch bewährt zu haben. Das am meisten verbreitete und bis jetzt beste System ist das so- genannte Einmaschinensystem. das aus einem Windenwagcn, einem Ankcrwagcn und dem eigentlichen Pflug besteht. Dieser Pflug wird an einem Stahlseil von der auf dem Windenwagen befindlichen elektrisch angetriebeiren Winde zwischen Windenwagen»md Anker- wagen hin- und hergezogen. Außer diesem System gibt es noch ver- schiedene andere in der EnNvickelung begriffene Systeme. Gar nicht bewährt haben sich die Ausführungen motorischer Pflüge, die am nächsten zu liegen schienen, nämlich der Automobilpflug, bei dem das Ackergerät den Motor selbst trägt, und der Gangpflug, bei dem eine Zugmaschine über das Feld läuft und das Ackergerät hinter sich herzieht. Der Elektropflug soll auch den Dampfpflügen gegemiber eine Reihe von Vorteilen aufweisen. Bor allem sollen bei seiner Verwendung die Pflugkosten am niedrigsten ausfallen. Dann soll er in noch größcrem Maße als der Dampfpflug die sogenannte Tiefkulwr er» möglichen, wodurch eine Steigerung des Flächenertrage» hervorgerufen wird. Auch kann der Elektropflug steile Hänge bearbeiten, die von Gespannpflügeu nur schwer, von Dampfpflügen überhaupt nicht zu bearbeiten sind. Die Vorzüge de» elektrischen Pflügens sind zun» Teil erst nur durch theoretische Ueberlegungen begründet und bedürfen noch der Prüfung durch die Praxis. Es erscheint als im- zweifelhast, daß schon heute unter gewissen Umständen solche Elektro- pfluganlagen von Vorteil sein können. Interessant ist die Tatsache. daß in Preußen die Provinz Posen bei der Verwendung von Dampf- pflügen an der Spitze steht: auch beim elektrischen Pflügen die Füh- rung zu übernehmen scheint. 8tb. «erantwortl. Redakteur: HanS Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.Veri»g»a!,j:aItPaulS,ngic«cCo..BerllnLW.