NnterhaltungsSlatt des vorwärts Nr. 233. Freitag den 4 Dezember. 1903 (Nachdruck perdolen.) 481 Hndrcae Vöft. Bauernroman von Ludwig Tboma. Und draußen im Saale ging der Ball weiter. Merkle sah mit Zufriedenheit, daß der Ton lebhafter wurde. Die jungen Herren suchten nicht mehr mit schmerz- verzerrten Gesichtern nach Unterhaltungsstoffcn: die Mädchen zeigten nicht mehr die Mienen, welche sie für Kondolenz- besuche gelernt hatten: sie waren dankbar für jedes scherz- hafte Wort und belohnten es mit Hellem Gelächter. Sylvester war mitten im Strudel und holte sich von allen Seiten An- erkennimg und Lob. Eine Fränsaise ließ er aus und betrachtete das hübsche Bild als Zuschauer. Schratt suchte ihn auf. „Na, Sie Tausendsassa I Unterhalten Sie sich gut?" „Es ist wundervoll. Wie gefällt es Ihnen?" „Gebt so. Herr Sporner wird allmählich gesprächig. Wir sind jetzt bei der Teestaude." „Hat er etwas von mir gesagt?" „Von Ihnen? Nein." „Haben Sie...?" „Ich? Auch nicht." „Ich meine, ob Sie.. „Ob ich Ihr Loblied gesungen habe? Das hätte doch ein bißchen verdächtig ausgesehen, Verehrtester. Sie wissen, daß die Absicht verstimmt, wenn man sie merkt." „Das habe ich nicht fragen wollen. Sondern, ob Herr Sporner es nicht sonderbar findet, daß ich hier bin?" „Er? Der Herr Michael Sporner?" „Oder seine Frau?" „Die Frage ist eher berechtigt. Ich habe übrigens nicht bemerkt, daß sie Ihre Anwesenheit mißbilligt. Vielleicht denkt sie, der junge Mann will die Welt sehen, bevor er sich von ihr abkehrt." „Hat sie darüber gesprochen?" „Nein." „Oder Andeutungen gemacht?" „Auch nicht. Sie wollen offenbar herauskriegen, was an unserem Tisch geredet wurde. Ich sage Ihnen ja. wir sind jetzt bei der Teestaude." „Was werden sie von mir denken, wenn sie das erfahren?" „Daß Sie der Gottesgelahrtheit den Rücken kehren?" „Ja. Am Ende glauben sie. daß ich aus Vergnügungs- sucht weggehe?" „Hm. Ich kann Ihnen nicht verschweigen, daß Sie merk- würdig viel Talent verraten für das Treiben dieser Welt. Ich habe Sie beobachtet. Ich bin paff." „Im Ernst. Herr Schratt, glauben Sie, daß man mir das übel auslegen kann, daß ich den Ball besucht habe?" „Man? Wer„man"? Ich glaube, daß Fräulein Traudel deshalb nicht an Ihrem Charakter verzweifelt, auch Herr Michael Sporner scheint eine milde Auffassung zu hegen, und Madame Sophie..." „Die wird mich für leichtfertig halten." „Und Madame Sophie ist eine sehr kluge Frau; sie hat mehr Verstand als mancher weise Mann. Das kann Ihnen einmal nützen in ernsteren Dingen und wird Ihnen nicht schaden, wo es sich um solche Kleinigkeiten handelt." „Sie glauben...?" „Heute gar nichts, Sylvester. Ich wollte nur sagen, daß Frau Sophie zu den Menschen gehört, deren Achtung man sich durch Tüchtigkeit verdienen kann. Das liegt für Sie in weiter Ferne, aber daß es möglich ist, bedeutet auch etwas. Jetzt wollen wir dem Tanze zusehen." Sylvester war nachdenklich geworden. Er blickte zerstreut in den Saal. Merkle kommandierte: „Ijü main droitel La inain gauclie! Balancez en ligne!" „Zu meiner Zeit hat man das noch getanzt," sagte Schratt:„die jungen Leute gehen, ja nur. Wer ist denn der lange Sohn Enaks dort vorne? Wenn der nur das Mädchen nicht tottritt!" © ____ jsi___ is..... „Das ist der Hufnagel." «Der Philologe? Das hätte ich ahnen können. Die Herren haben sich seit meiner Zeit nicht der"ndert." *»' Nach dem Kotilion erklärte Frau Sporner. daß man den Heimweg antrete. Schratt und Sylvester schlössen sich an. Als sie im Freien waren, erbarmte sich der alte Herr über seinen Freund und sagte, in dieser milden Februarnacht wolle er noch ein wenig spazieren gehen und die Familie be» gleiten. Er rundete seinen Arm und bot ihn der Madame Sophie an: zu ihrer Rechten ging Herr Michael. Traudel und Sylvester schritten voran. „Ich werde immer an den Abend denken," sagte Sylvester. „Ja, es war sehr hübsch." „Das ist jetzt vorbei. Wer weiß, wann ich wieder ein« mal..." Er sprach den Satz nicht aus und seufzte. Er hatte sich vorgenommen, dem Mädchen zu sagen, welche Pläne er für die Zukunft gefaßt habe. Er wollte ihr sagen, daß er nicht Geistlicher werde. Während des Kotillons wollte er dieses Geständnis machen. Da war eine günstige Gelegenheit. Aber Traudel plauderte so lustig, und da wollte er nicht mit ernsten Dingen komnien. Nach dem Tanze vielleicht. Es ging wieder nicht.„Also auf dem Heimwege," dachte er. Und jetzt ging er wieder neben dem Mädchen und fand wieder nicht den Mut. Der Weg war sehr kurz. Wenn sie um das Eck bogen, kamen sie schon in die Rosengasse. Er sah nach den Hausnummern. 33. Wenn sie bei 34 waren, wollte er reden. Aber da kam 34 und kam 30, und er brachte es noch nicht heraus. Nun merkte er, daß er die ganze Zeit stumm ge- blieben war. Und da vorne kam schon das Eck. „Fräulein Gertraud..." //■vVfl* „Wenn Sie etwas von mir hören, werden Sie deswegen nichts Schlechtes von mir denken?" „Was soll ich von Jbnen hören?" „Ich will..., ich glaube nicht, daß ich Geistlicher werde." Jetzt war es heraus. Sylvester atmete erleichtert auf. Er sah schüchtern zu Gertraud herüber, aber sie begegnete seinem Blicke nicht, und da ihr Kopf mit einem Tuche ver» hüllt war, und da es ziemlich dunkel war, konnte er nicht sehen, daß sie bis unter die Haarwurzeln errötete. Sylvester redete wieder: er war jetzt schon im Zuge. „Sie werden nicht schlecht von mir denken?" „Nein. Ich denke nie schlecht von Ihnen." „Ich habe mich nicht leicht entschlossen, aber ich kann nicht dabei bleiben." „Dann dürfen Sie auch nicht." Sie sah ihn offen an: in ihren braunen Augen lag cm fester Ernst. Als wollte sie ihm sagen, daß er die Kraft haben müsse, das zu einem rechten Ende zu führen, was er sich vorgesetzt hatte. Sie sprachen nichts mehr. Nach wenigen Schritten standen sie vor dem Hause; Schratt kam mit den Eltern nach, und Sylvester vorab- schiedete sich von ihnen. Schüttelte auch dem Fräulein die Hand, und sah ihm nach und sah auf die Türe, welche lang- sam ins Schloß fiel. 16. Kapitel. Ein warmer März. Wenn ein Erlbacher den Pflug über die Wcblinger Höhe hinaufführte, zog er unterwegs den Janker aus und�fuhr sich über die Stirne. Dann blähten sich die Hemdärmel im Winde und hoben sich lustig vom"blauen Himmel ab. Die weißen Birken am Waldrande streckten sich der Sonne entgegen, und alle Wiesen waren gelb von Schlüsselblumen, - 938- Und große, rote Flecken waren über die Ackerschollen verstreut. Wer gute Augen hatte, konnte sehen, dast eS die Kopst tücher der Weiber waren, welche ain Boden knieten und Kar toffel einsetzten. Fröhlichkeit lag in der Luft. Au der Pflugwende rastete jeder und schrie zum Nach- bar» hinüber und lobte den Tag und das Wetter. Es mache warm von oben und unten; da müsse der Same keimen, daß es eine Freude sei. Auch im Torfe waren fleißige Hände tätig. In den Gärten machten sich die alten Leute zu schaffen, legten Beete an und setzten Pflanzen ein, denn eine gute Regel sagt: Sankt Benedikt macht die Zwiebeln dick. Die Kloiberin weißte ihre Küche aus, beim Weßbrunner strich der alte Vater die Fensterläden an, und der Geitner hatte zwei Maurer eingestellt, die ihm das Haus sauber herrichten mußten. Tenn er wollte, daß eine solche Arbeit richtig gcinacht werde. Wieder vor anderen Häusern hingen die Weiber Wäsche auf oder putzten die Fenster. Tie Alten, welche nicht nützlich sein konnten, setzten sich iics Freie und schauten blinzelnd in die Sonne. Auch die Kranken, die sich in der Luft kräftigen wollten. Unter denen war die Veronika Mang. Ihr altes Leiden hattMich wieder eingestellt, und ärger wie früher. Sonst waren ihr die Füße angeschwollen, heuer griff ihr die Krankheit ans Herz, und sie hatte böse Atemnot. Tie Weberin wartete ihr auf und rühmte bei allen Leuten die Geduld, mit der die Mangin ihre Schmerzen trug. Sie erlaubte nicht, daß man ihrem Sohne Mitteillmg machte. „Wcnn's wieder besser werd," sagte sie,„nacha hätt' er si umasinscht kümmert, und werd'S schlechter, nache sag' i's scho, weim's Zeit is." (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) SSs Die Kolakcn. Bon Leo T o I st o i. Mariana, sagte cr, willst Tu Dich niemals meiner erbarmen? Ich lveiß nicht, wie ich Tich liebe! Sie rückte noch weiter fort. Aus Dir spricht der Wein.... Nichts betomugr Tu. Nein, nicht der Wein. Heirate Lukaschka nicht. Ich will Dich heiraten.„Was sage ich da,— dachte er in dem Augenblick, wo cr cS ausgesprochen hatte.— Werde ich das auch morgen sagen?— Ja, gewiß werde ich es sagen, und ich wiederhole es jetzt I" ant- tuortete ihnr eine innere Stimme. Willi Du mich heiraten? Sie sah ihn ernst an und ihre Furcht mar wie vcrscwvunden. Mariana, ich werde wahnsinnig. Ich kenne mich nicht mehr. Was Du befiehlst, will ich tun— und sinnlos zärtliche Worte cnt- fuhren wie von selbst seinen Lippen. Ei, was schwatzest Tu, unterbrach sie ihn und ergriff plötzlich die Hand, die cr ihr entgegenstreckte. Aber sie stieß seine Hand nicht fort, sondern drückte sie kräftig mit ihren starken, nervigen Fingern. >— Heiraten Herren denn Kosakenmädchen?' Gehl Aber wirst Du mich heiraten? Ich... lind wo. tun wir Lukaschka hin? sagte sie lachend. Cr entwand ihr die Hand, die sie festhielt, uird umschlang stür- misch ihren jungen Leib. Aber wie eine Hindin sprang sie auf, rannte barfuß davon und lies hinaus auf die Treppe. Olenin kam zu sich und erschrak vor sich selbst. Wieder kam cr sich unaus- sprecblich häßlich im Vergleich zu ihr vor. Aber nicht einen Augenblick bereute cr, was cr gesagt hatte, cr ging nach Hause, legte sich, ohne den Alten, die bei ihm tranken, einen Blick zu schenken, zu Bcit und versank in einen so festen«chlaf, wie cr ihn lange nicht geschlafen hatte. Der nächste Tag war ein Feiertag,(siegen Abend war alles Bolk im Freien, und ihre Festkleider glänzten in den Strahlen der Sonne. Die Weinlese war ergiebiger gcivesen als gewöhnlich. DaS Volk war frei von Arbeit. Tie Kosaken sollten in einem Monat ins Feld ziehen, und in vielen Familien wurden Hochzeiten vorbereitet. Auf dem Platze bor dem AnitvhauS und in der Nähe der beiden Knden— der einen mit Kuchen, Konfekt und Blnmenkernen, der anderen mit Tüchern und Kattunen— stand das Volk am dichtesten. Auf der Erderhöhung des Amtsgebäuoes saßen und standen die Alten in grauen und schwarzen einfachen Kitteln ohne Bänder und Verzierungen. Die Alten plauderten miteinander ruhig und leise über die Ernte, über das junge Volk, über die Gemcindcangelegcn- Ketten und die gute alte Zeit und sahen erhaben und gleichmütig auf das junge Geschlecht herab. Die Weiber und Mädchen, die an ihnen vorübcrkamen, gingen langsam und senkten die Köpfe. Die jungen Kosaken mäßigten ehrerbietig ihre Schritte, zogen die Mützen und hielten sie eine Zeitlang vor dem Gesicht. Die Alten hörten auf zu sprechen; sie betrachteten die Vorübergehenden, der eine streng, der andere freundlich und grüßten bedächtig, indem si« ihre Mützen abnahmen und wieder aufsetzten. Die Kosakenmädchen hatten ihre Reigentänze noch nicht bc- gönnen. Sie saßen aiKx in Gruppen in thueu hellfarbenen Bcschmets und ihren weißen Tüchern, die um Kopf und Augen gc- Kunden waren, auf der Erde und den Erdcrhöhungen im Schatten der schrägen Sonnenstrahlen, plauderten vergnügt und lachten. Die kleinen Knaben und Mädchen spielten, warfen den Ball hoch in die reine Luft und tunimelten sich schreiend und kreischend auf dem Platze. Die Backfischchen am anderen Ende des Platzes drehte» sich schon im Reigen und sangen mit ihren zarten, schwanken- den Fistelstimmchen ein Lied. Schreiber, Freiwillige und jung« Mannschaften, die zum Feiertag heimgekehrt waren, gingen in ihre» Festtagskleidern, weißen uird neuen roten, mit Tressen geschmückten Tscherkessenröcken zu zweien lind dreien, Arm in Arm, von einer: Gruppe der Weiber und Mädchen zur anderen und scherzten und schäkerten mit den Mädchen. Auf ihren heiteren Gesichtern glänzt« Fciertagsjreudc. Der armenische Händler in seinem blauen, tressenbesetztcn Tscherkessenrock aus feinem Tuch stand an der offenen Tür, durch die man ganze Reihen zusammengefalteter bunter Tücher liegen sah, und erwartete mit der Würde des orientalischen Kauf- nianns und dem Bewußtsein seiner Bedeutung die Käufer. Zwei rotbärtige, barfüßige Tschetschenzen, die über den Terek gekommen waren, um den Feiertag zu genießen, saßen mit untergeschlagene» Beinen vor dem Hause ihrer Bekannten.- Sie rauchten behaglich und oft ausspciend ihre kleinen Pfeifchen und unterhielten sich. während sie das Volk betrachteten, in ihren hastigen Kehltönen. Zuweilen eilte ein Soldat in Alltagsklcidung, in seinem alten Mantel, an den bunten Gruppen aus dem Platze vorüber. Hie und da hörte man schon die trunkenen Lieder zechender Kosaken. Alle Häuser waren geschlossen, alle Treppen den Abend vorher ge- reinigt. Selbst die alten Frauen waren draußen. Auf den trockenen Straßen sah man überall auf der Erde, im Staube Schalen von Melonen- und Pfirsichkernen. Die Luft war warm und windstill, der lichte Himmel blau und klar. Ter mattweiße Bergrücken, der über die Dächer ragte, schien ganz nahe zu sein und strahlte rötlich im Glanz« der untergehenden Sonne. Von Zeit zu Zeit hörte man von drüben her das ferne Rollen eines Kanonenschusses. Das Dorf aber hallte von den niannigfachen lustigen Tönen des Feiertages wieder. Olenin war den ganzen Morgen im Hofe auf- und niedergc- gangen. Er hoffte Mariana zu sehen. Sie war aber zum GotteS« dienste in die Kapelle gegangen. Dann hatte sie mit den Mädchen auf der Erderhöhung, Kerne kauend, gesessen. Jetzt lief sie mit den eingekauften Waren nach Hause und blickte sröhlich und freundlich ihren Mieter an. Olenin scheute sich, sie scherzend und in Gegen- wart anderer anzusprechen. Er wollte das Gespräch von gestern zu Ende bringen und von ihr eine entscheidende Antwort haben. Er wartete wieder auf einen Augenblick, wie der am gestrigen Abend gewesen; aber der Augenblick kam nicht, und er fühlte nicht mehr die Kraft in sich, in dieser Ungewißheit zu bleiben. Eie war wieder aus die Straße hinausgegangen. Er wartete ein wenig, dann folgte er ihr, ohne zu wissen wohin. Er ging an der Ecke, wo sie in ihre»» glänzenden, blauen AtlaSbeschmet saß. vorüber und hörte mit tiefem Schmerz das Lachen der Mädchen hinter sich. Bjelczkijs Wohnung lag an dem Platze. Als Olenin vorüber ging, hörte cr. wie Bjelezkij rief:„Kommen Sie doch herein!"—- und er ging hinein. Sie käme» ins Plaudern und setzten sich an das Fenster. Bald gesellte sich Jcroschka zu ihnen in seinem neuen Beschmet und setzte sich neben sie auf den Fußboden nieder. Siehst Tu, das da sind die Aristokraten, sagte Bjelezkij, zeigte mit der Zigarette auf die bunte Gruppe an der Ecke und Iqcheltc. — Mariana ist auch dabei. Seht, die iin roten Kleid. Das ist neu! Warum beginnt der Reigen nicht? rief Bjelezkij zum Fenster hinaus.— Wartet nur. wenn s dunkelt, gehen wir auch hin. Tann laden wir sie zu Usljcnka; wir müssen ihnen einen Ball geben. Ich komme auch mit zu Usrjenla, sagte Olenin einschlössen. — Wird Mariana da sein? Ja, kommen Sic nur hin, sagte Bjelezkij, ohne jede Verwunde- rung.— Das ist dock, sehr Hübich, nicht wahr? fügte cr hinzu und wies auf die bunte Gruppe hin. Ja, sehr hübsch, bestätigte Olenin und bemühte sich, gleichgültig zu erscheinen.— Bei solchen Festen, fügte er hinzu, muß ich immer darüber staunen, weshalb alle Menschen, bloß weil heute z. B. der Fünfzehnte ist, vergnügt und heiter sind. Allen sieht man den Feiertag an. Die Augen, die Gesichter, die Stimmen, die Bewc- gungen, die Kleidung, die Luft, die Sonne, alles hat ein festliches AuLsehenI Wir aber haben keine Feiertage mehr! Ja, sagte Bjelezkij, der kein Freund solcher Betrachtungen war. >— Was trinkst Du nicht, Alter? wandte er sich an Jcroschka. Jercschka zwinkerte Olenin zu und wies auf Bjelezkij hiir Nicht wahr, cr ich stolz, Dein Freund? Bjelezkij erhob sein Glas..„, .Allab birckyl sagte er und trank.(Allah bircky Heißt: Gott hat's gegeben; es ist der übliche Zuruf der Kosaken, wenn sie zu- sammen trinken.),»(Fortsetzung folgt.) (Nachdrü?' tcvScicn.) Spitzbergen. Im Tczembcr dieses Jahres wird in Kristiania eine intcrnatio- «ale Konferenz stattfinden, um zu enlschcidcn, wer künftig über Spitzbergen die Aufficht führen soll, und damit dürfte die„Herren- lesigkeit" dieses Polarlandes ihr Ende erreichen, wenn man vielleicht auch keinem der beteiligten Staaten das wirkliche unumschränkte iL.sitzrccht zusprechen wird. Die Inselgruppe, die mit ihren 70 000 Quadratkilometern ungefähr der Größe Bayerns ohne die Pfalz gleichkommt, liegt heute nicht mehr so weit aus dem Gesichts- und Verkchrskreis Europas, wie nocl> vor einem Menschenaltcr, als sie mir die Geographen und Polarfahrer interessierte. Seit ungefähr 15 Jahren bringen nach der leicht zugänglichen Westküste der Haupt- inscl Wcstspitzbergen schnelle Salondampfcr allsommcrlich Hunderte von Touristen, denen die früher übliche Reise über den Polarkreis bis zum europäischen Nordkap nicht mehr genügen will; es werden Jagd- und GefeUfchaftSfahrten dorthin unternommen, in der Ad- vcntbucht besteht sei 12 Jahren ein von Norwegern errichtetes Hotel, und es hat auch schon Baedeker— ein untrügliches Zeichen der Zeit— Spitzbergen in den Bereich seiner roten Bände gezogen. Andererseits werden, wie übrigens bereits seit mehreren Jahrhun- Herten, die spitzbergenschen Gewässer von vielen Schiffen aller Na- tioncn aufgesucht, die dort dem Fang von Seefäugetieren und Fischen obliegen, und die Engländer haben mit dem Abbau von Steinkohle begonnen. Es ist die Vermutung ausgesprochen worden, daß ein von einer mvrmänmschen Expedition llv-4 erreichtes Land Svalbard(„Kalte Küste") mit Spitzbergen identisch sei; die alten isländischen Annalen sprechen von dieser Reise. Allein ein sicherer Nachweis ist dafür nicht zu erbringen gewesen, und so muß der holländische Kapitän Willem BarentS nach wie vor als Entdecker Spitzbergens gelten. Als gegen den Ausgang des 16. Jahrhunderts die Eng- länder ihre Versuche, eine Nordostdurchfahrt um Europa und Asien herum zu finden, infolge von Enttäuschungen und aus politischen Rücksichten einstellten, trat Holland an ihre Stelle. Tie Regierung setzte für die Entdeckung einer Durchfahrt eine Belohnung von 25 066 Gulden aus und entsandte zu diesem Zwecke von 1501 ab mehrere Expeditionen. Eine davon, die im Mai 1596 die Heimat verließ, befehligte Barentö. Nachdem er am 12. Juni die Bären- insel aufgefunden hatte, fuhr er westlich von Spitzbergen nord- trärts, nicht weit von der Küste entfernt, doch ohne sie vorläufig zu sichten. Erst am 17. Juni, als er bereits eine Breite von 80 Grad 10 Min. gewonnen hatte und nach Südwesten abbog, sah er eine ost- westlich verlaufende Küste vor sich,„ein hohes, ganz mit Schnee überdecktes Land", ohne Zweifel den westlichen Teil der Nordküste der Westinscl zwischen Hakkluyts und Headland und der Licfdc- bucht. Nachdem er sie ein Stück weit rekognosziert hatte•— wir folgen hier der Untersuchung Sir Martin Conwaps—> segelte BarentS zurück und landete an der Siordwcstecke, etwa 79 Grad 50 Min. nördlicher Breite, wo er einen Pfahl mit dem holländischen Wappen errichtete. Eine andere Landung führte BarentS auf einer der norwegischen Inseln aus, wo er die Brutplätze der ihm aus Holland als Zugvögel bekannten„RotganS" sah und ein Abenteuer mit Eisbären hatte. Vom J!1. Juni ab verfolgte BarentS die Westküste der Westinscl nach Süden, die ihm auf der Auösahrt entgangen war.„Das Land," so erzählt er,„war zum größten Teil gebrochen, ziemlich hoch und bestand nur aus Bergen und spitzen Hügel, weshalb wir ihm den Namen Spitzbergen gaben." Jir- dessen ahnte der holländische Seefahrer nicht, daß er eine neue Inselgruppe vor sich habe; er hielt die Küste vielmehr für einen Teil Grönlands, und dieser Glaube war noch lange nachher vcr- breitet. Am 25. Juni fand Barents einen Hafen, den er„Zahn- bucht" nannte, weil er dort mehrere Walroßzähne fand. Hier scheint er auch das Land für Holland formell in Besitz genommen zu haben. Da Barents annahm, daß die entdeckte Küste im Norden mit Grönland zusammenhinge, mußte er, um die Suche nach der Nord- cslfahrt fortsetzen zu können, die Küste so weit nach Süden ver- folgen, bis sie nach Osten umbiegen würde. Er gelangte, mehrere Buchten, wie Eissjord und Bellsund, anlaufend, bis 76 Grad 50 Min. nördlicher Breite, das heißt bis in die Nähe des Südkaps der West- inscl. Hier aber zwang ihn daS As. von der Küste abzubiegen - und zur Bäreninsel zurückzugehen. Auf den Reichtum der spitzbergenschen Gewässer an T r a n- ticrcn wurde man erst 1607 durch Hudson aufmerksam gemacht, und nun erschienen hier in der Folgezeit zahllose holländische, eng- lische, dänische, russische, französische hanseatische und sogar spanische Schiffe, die vornehmlich dem Walfang oblagen. Allein die Weser- und Elbmündung verließen zur Blütezeit der spitzbergenschen Fang- reisen alljährlich 50 bis 60 Schiffe, die von KriegSfahrzcugen ge- leitet werden mußten, weil die den verschiedenen Rationen angc- hörenden Walfänger im Streit um die besten Fanggründc einander in die Haare gerieten, sodaß es zu förmlichen Seeschlachten kam. So schickte 1013 eine englische Trankompagnic, die sich von ihrer Regierung das Vorrecht hatte erteilen lassen, mit Ausschluß aller Engländer und Fremden bei Spitzbergen auf Sccticre Jagd zu machen, sieben bewaffnete Schiffe auL und vertrieb und plünderte mehrere spanische, holländifche, französische und englische Schiffe; ein holländisches Schiff mit englischer Besatzung und einem Werte ten 130 000 Gulden wurde als gute Prise erklärt. Deshalb kamen die Holländer im nächsten Jahre mit vier Kriegsschiffen, und dies- mal vertrug man sich. Schließlich gelangte» die Regierungen zu einer Verständigung und verteilten 1619 die spitzbergenschen Häfen unter sich. Die Engländer erhielten dabei den Löwenanteil. In liefen Hafen wurden Tranjiedereien und Schuppen für das Dörren der Fische eingerichtet, die Schiffe lieferten hier ihren Fang ab und konnten gleich wieder auf d e Jagd gehen. So entwickelte sich in den Häfen zeitweise ein sehr reges Leben. Allen voraus waren die Holländer, die 1619 auf der Amsterdaminscl(an der Nordwest- ecke der Wesiinsel) die Stadt Smcercnburg errichteten, wo um die Mitte des 17. Jahrhunderts mitunter gleichzeitig 200 bis 300 Schiffe mit 12 000 Mann Besatzung ankerten! Hier hatten sich Kausleutc. Gastwirte, Handwerker, namentlich Bäcker und Schmiede etabliert, die alles Erdenkliche feilhielten. Die Schiffe holten sich täglich auf ein Signal der Bäcker frisches Brot vom Lande. Tiefe Glanzperiode der holländischen Fangindustrie währte ctlva 130 Jahre, bis in die zweite Hälfte des 18. Jahr- Hunderts. Scorcsbh hat berechnet, daß allein von 1660 bis 1778 I1 169 holländische Schiffe auf den Fang gegangen seien, Vorzugs- weife in die Meercstcilc westlich und nodwestlich von Spitzbergen, und insgesamt 57 590 Wale erlegt hätten; der Reingewinn daraus habe über 41 Millionen Gulden betragen. Auch die Engländer, Dänen und Hamburger hatten sehr ansehnliche Erfolge. Die Hain- burger, denen 1619 der Hafen in der Hamburgbucht(an der West- küste südlich der Magdalencnbai, zugefallen war, haben von 1670 bis 1710 nicht weniger als 2289 Schiffe nach Spitzbergen geschickt, deren Beute auf 9970 Wale angegeben wird. Indessen nahm die Ergiebigkeit der Jagdgründc seit etwa 1770 ab, und das Geschäft ging zurück. Von 1810 bis 1818 erschien jähr- lich nur ein holländisches Schiff bei Spitzbergen, dann traten die Holländer gänzlich zurück. Die Hamburger hatten 1795 noch 25 Schiffe'dort, 1802 nur noch 15. In etwa? größerer Zahl kamen i-n 19. Jahrhundert Bremer Schiffe, die bei dem Mangel an Wal- fischen auch mit Robben vorlieb nahmen. Smeerenburg aber war schon seit dem Ende des 17. Jahrhunoerts verlasien worden. Hand in Hand mit der Entwickclung dcS Walfanges giiig natürlich eine allmähliche Erweiteruiig der Kenntnis von der Ausdehnung und den Küstenumrissen der Inselgruppe, iveingstens im Westen, Süden und Norden, während der stark vom Eise blockierte Osten, der mit seinem kälteren Wasser auch lveniger Ertrag bot, lange unbekannt geblieben ist. Im 19. Jahrhundert hat dairn die wissenschaftliche Forschung ebenfalls eingesetzt. Der Nachweis, daß Spitz- bergen nicht mir Grönlano zusamiiienhängt. sondern ein Polarland' für sich ist, wurde 1707 von dem holländischen Walfischfänger GilcS oder GilliS erbracht, der die ganze Gruppe umfuhr und dabei das Nordofiland, deren zweitgrößte Insel, entdeckte. Dann ljatte einer der ersten Versuche, den Nordpol zu erreichen, Spitzbergen zuv! Ausgangspunkt: der englische Polarfahrcr Parrh segelte 1v27 nach der Nordküste der Westinsel und unternahm mit aus Schlitten ge- setzten Böten einen Vorstoß polwärts. Die von ihm erreichte Breit? von 82 Grad 15 Min. wurde erst nach einem halben Jahrhundert — an anderer Stelle— Übertrossen. Auch die schwedischen Reisen. die 1858 begänne,, und an denen Torrell und Adolf Erik Norden- siiöld' mehrfach bcleiligt waren, hatten nach dieser Richtung keinen Erfolg, ebenso wie bekanntlich die jüngsten, mit der Lust rechnenden Versuche dcS unglücklichen Andre« und WcllmanS. die von der Nord- westccke WcstspitzbergcnS aufstiegen. Auch Deutsche beteiligten sich an der Auftlärnngsarbeit. Eine doppelte Durchkreuzung der Westinsel, von der Advent- bucht im Westen bis zum Storfjord im Osten und von da zurück zum Bellsund, war 1896 das wichtige Werk des englischen Alpi- nisten Sir Martin Couway. Vervollständigt wurde es durch die große schwcdisch-russischc Gradmcssungscxpcditiou. Diese, für die bereits 1861 durch Nordenftiöld die Vorarbeit geleistet war. begann 1898 und währte fünf Sommer hindurch bis zum Jahre 1902. Ab- gesehen von der Gradmessung selbst, die sich über ein Meridianstück von 460 Kilometern erstreckte, bestanden die Ergebnisse in der zc- nauen topographischen und geologischen Aufnahme des größtcir Teils vom Innern der Westinscl und auch eines Teils dcS Nord- ostlaudcS. Schweden ließ 1908 geologische und Naturwissenschaft- liche Studien aus Spitzbergen vornehmen. Neben diesen For- schlingen gingen seit einigen Jahren ozeanographische Forschungen in den umgebenden Gewässern einher. Das Ergebnis ist, daß sich Spitzbergen zusammen mit der Bäreninsel und Franz Josephsland auf einem durchschnittlich nur 1000 Meter tieslicgenden unterseeischen Plateau aufbaut, das nach Westen hin zu dem dreimal tieferen Becken des europäischen Polar- mecrcs absinkt. Westspitzbergen(Westinscl) und Nordoftland sind die beiden größten Inseln des Archipel?.. Im Südosten schließen sich an Westspitzbergen die ebenfalls noch ansehnlichen Inseln Barcntöland uns Edgcland an. Viele kleinere Eilande finden sich besonders im Norden und Osten, sowie in der Hinlopciistraßc, die die beiden Hauptinseln trennt. Die meisten Inseln zeigen stark zerrissen? Küsten, überall dringen Fjorde und Buchten tief ins Land, ost gute Häfen bildend. DaS gilt besonders von Wcstspitz- bergen selbst. Die Vergletschcrung dcS Archipels ist andauernd im Rückgange begriffen. Auf der Wcstinscl ist das am deutlichsten zu erkennen. Darüber, wie es in ihrem Innern aussieht, hat unS. wie erwähnt, Conway unerwartete Aufschlüsse gebracht. Danach sind die nach allen Seiten ins Meer gehenden Gletscher der West- insel nicht die Ausläufer einer das ganze Innere ähnlich wie Grön- land überziehenden zusammenhängenden uno die meisten Uneben» Hettev M!sr;Ieichenden Jnland-isdecke. sondem jeder ein« Bildung für sich. Die Lcmdoberfläche ist reich ausgestaltet; sie zeigt im Westen tiefe Täter und gut entwickelte Bcrgformcn von beträcht- lickcr Steilheit und ausgesprochener Eigenart, mehr im Osten die ursprüngliche Plateauform. Die höchsten Gipfel erreichen 17W Meter. In den Tälern der Küste und in. Inneren trifft man im Sommer eine ziemlich reiche Vegetaticm von Gras und blühenden Pflanzen, so daß vier Renntiere leben. Ter Golfstrom, dessen AuS- Imifer im Westen Spitzbergens bemerkbar sind, bewirkt, dast die Westküste der Westinsel in den Sommermonaten zugänglich ist, und hat natürlich auch Einfluß auf das Klima im Innern und auf die Vegetation. Man kennt etwa 20v Arten Gefäßpflanzen auf Spitz- bergen, von denen die meisten auf die mehr begünstigte Westinscl entfallen. Wie eifrig sie den Sommer ausnutzen, geht daraus hervor, daß eine Saxifraginc eine Woche nach dem Verschwinden der Schneedecke in voller Blüte steht, und daß andere Arten bis zu den ersten Schneefällen im September kräftig blühen. Weit rauher ist das Nordoftland, das Plateauform(etwa 700 Meter hoch) und Inlandeis zeigt. Die Tierwelt Spitzbergens ist namentlich reich an Secvögeln. Dagegen fehlen alle Anzeichen dafür, daß es jemals von Menschen — d. h. von einem eingeborenen Polarvolkc— bewohnt gewesen ist. Diese Eigenschaft teilt die Gruppe mit dem östlich benachbarten Franz JoscphSland, während der westliche Nachbar, Grönland, bis zum höchsten Norden hinauf der Schauplatz von Eskimowailde- rangen und Ansiedelungen gewesen ist. WaS die an verschiedenen Stellen, z. B. am Bellsund, am Eisfjoro und an der KingSbucht, vorhandene und jetzt zum Teil abgebaute Steinkohle angeht, so wird sie wohl nur eine lokale Bedeutung erlangen: für die Fangschiffe und Personendampfer. H. Singer. Elte formen der ebcfchUeßung, Die llrwüchsigkeit, mit der, soweit miS schriftliche lieber- lieferungen erhalten sind, die rechtsgültige Vollziehung einer Ehe in deutschen Gauen vor sich ging, wäre in ihrer ungeschminkten Ein- fachheit wohl geeignet, noch manch modernen Hagestolz zur Ehe zu bestimmen. Vor und im 13., im 14. und im 15. Jahrhundert hatten weder Kirche noch Staat mitzusprechen, wenn zwei Menschen das Lebens- bündnis schließen wollten. Das lvar eine Familienangelegenheit, die in der Familie erwogen und von ihr zu gutem Ende geführt wurde. Die Hochzeitsfeier, die gewöhnlich eine ganze Woche dauerte. veremigte bei Schmaus, Gelang und Tanz die ganze Sippe und ihre Freunde. Am Abend des ersten Hochzeitstages wurde die Braut von ihren Eltern oder Vormündern, dem Brautführer und der Braulfrau, denen fich manchmal die ganze Hochzeitsgesellschaft an- schloß, in die Brautkammcr geleitet. Darauf wurde sie von den Frauen entkleidet und dein Bräutigam übergeben. Erst wenn im Beifein der ganzen Zeuge» eine Decke daS Paar beschlagen, d. h. umhüllt hatte, galt die Ehe als rechtmäßig vollzogen. Nach dem Sachienspicgel, dem ältesten Gesetzbuch der Deutschen, setzt sich die Frau durch die? Veilager in alle rechtlichen Vorteile der Ehefrau. Daß diese tief in den Anschauungen des Volkes wurzelnde Sitte zu Mißgriffen führen konnte, geht au? einet» Würz- burgcr Konzil vom Jahre 1330 hervor, das der Braut die Boll« ziebuitg dieser Sitte bei dem unmittelbar nach der Hochzeit ge- storbenen Bräutigam verbot, damit sie nicht der daraus ent- springenden rechtlichen Vorteile teilhaftig würde. Das ganze Mittel- alter hindurch wurde diese Forrn der Eheschließung unverändert gewahrt. Am längsten erhielt sie sich an Fllrstcnhöfen, wo sie aller- ding« nur noch als symbolische Handlung fortbestand. Einer der BrantsiiHrer geleitete die fürstliche Braut zum Beilager: der Bräutigam, von einem Fürsten geführt, ward zu ihr geioiesen, und dann die Decke über ihnen zusammengeschlagen. Dann wurden beide wieder aufgerichtet, worauf der Ebebund als völlig ge- schloßen galt. Bei der Eheschließung dcS Kaisers Maximilians wird iimner ganz besonders dieser Form deS Zeremoniells gedacht, um so mehr, als statt seiner ein Stellvertreter de» Bräutigam.markierte". Jakob Ilnrest, ein alter österreichischer Chronikenschreiber. erzählt davon: „König Maximilian sendete einen seiner Diener, genannt Herbolo von Pvlhaim, nach Bretagne, zu empfangen die königliche Braut. Er wurde in der Stadt Reims mit Ehren empfangen und daselbst beschlief der von Polhaim die königliche Braut, wie der Fürsten Gewohnheit ist, daß ihre Sendboten dir fürstliche Braut gewappnet, rechten Arm und rechten Fuß bloß, und ein bloße-? Schwert dazwischen- gelegt, beschlafen. Also haben die allen Fürsten getan und ist noch die Gewohnbeit."— Dasselbe wiederholte sich, wie Fugger erzählt, bei Maximiliane Heirat mit Maria von Burgund. Auch die Ver- mählung Kaiser Friedrichs III. mit Eleonore von Portugal erfolgt« nach dieser altgermanischen Sitte, die den romanischen Landslemen der Braut sehr befremdend erschien. Erst zu Ausgang des Mittelalters wurde die Sitte dahin modi- siziert, daß sich das Brautpaar angekleidet niederlegte. In Lübeck erfjielt sich der Brauch bis 1613 in alter Weise. Pcrautivvrtk. Redakteur: HauS Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Es hat langjähriger Kämpfe des Klerr.S bedurft, um Hefe lirgermanische Sitte der Eheschließung zu verdrängen. Den Vorwand zum Eingreifen der Kirche gab das häufige Vor- kommen von Doppcl- und Winkelehcn, deren Vollziehung bei der bestehenden Form des Eherechls nicht allzu schwer war. Davon sagt Luther in seinen Tischreden:.Also ging mir eö iin Kloster auch, oder wo man vor den Offizial kam. so schwur sich eines vom anderen, freiten wieder. Danach kamen sie zu mir oder einem anderen in der Beichte und sprachen: Lieber Herr, ich Hab' jetzt eine Frau, der Hab' ich eS heimlich gelobt; wie tue ich-ihr nunmehr? Helft mir, lieber Herr Doktor, daß ich nicht verzweifle. Denn Greta, der ich mich zuerst verlobt Hab', ist mein echtes Ehe- tveib. Aber diese Barbara, die mir danach vertrauet, ist nicht mein Weib." Solche Vorfälle machten eine festere Ehefonn wünschensivert. Die Kirche, die bisher nur vor oder nach dem Bcilager eine Ein- segnung der Eheleute vollzogen hatte. WaS aber für die Gültigleit der Ehe an sick durchaus nicht nötig war. begann auf dem Konzil von Trient eine durchgreifende Rekormierung deS Eherechts. Diese endete damit, daß die katholische Kirche sich in ihrem Machtbereich allein das Recht zuerkannte, eine gültige Ehe zu segnen. DieS„Tridcntinum" genannte Ergebnis deS Konzils von Trient ist in katholischen Ländern ohne Unterbrechung und mit nur wenigen Abänderungen bis in die neueste Zeit in Kraft geblieben und noch heute geltendes katholisches Kirchenrecht. Weniger einfach erschien der protestantischen Kirche die Lösung der Frage. Luther erklärte die Ehe iür ein weltlich Ding. Da die protestantischen Fürsten auch die kirchlichen Oberhäupter ihrer Länder waren und ihre Kirchenordnungen landesherrlichen Gesetzen ent» sprachen, so tat man in der prolestautischen Kirche schließlich beiden Mächten dadurch Genüge, daß kirchliche Eheschließung mit voran» gehendem Aufgebot zum allein rechtsgültigen Trauungsakt er- Hobe» wurde. Erst das Recht der Ziviltraunng vom Februar 137ö hat de» Antelt der Kirche bei Eingehung der Ehe wieder in das Beliebe» des Brautpaares gestellt._ E. K. Kleines f euilletoiis Der Kampf gegen den Straßeulärm in Amerika. Der Kampf gegen den unnötigen Lärm auf den Straßen der großen Städte ist in ganz Amerika mit einer Energie aufgenommen worden, die rasch zu erstaunlichen Erfolgen geführt hat. ES ist interessant daran zu erinnern, daß diese Bewegung keineswegs in den Zdreifen der„Intellektuellen", der Nervösen und Empfindlichen, ihren AuS» gangspunkt hatte; in einem ArbeitSviertel von Philadelphia faßte man zuerst den Plan, gegen allen überflüssigen Lärm zu kämpfen. Denn die Arbeiter, die hier auS den nahen Fabriken heimkehren, zwischen dem Pfeifen der Lokomotiven, dem Rollen vorbeigleitender Eisenbahnwagen oder dem Knarren schwerbeladener Lastfahrzcugc ihre Erholungsstunden verleben sollen, fanden keine Ruhe und keine Ausspannung, und in kurzer Zeit entwickelte sich besonders in diesem Viertel eine wahre Epidemie von Nerven» krankhciten. Die Frauen und Mütter bildeben dann ein Komitee. das bei der Stadtverwaltung vorstellig ward; die Angelegenheit wurde dem Eesundheitsrat uberwiesen und damit kam der Stein ins Rollen. In der Stadt wurden gewisse„Ruhezonen" ein- gerichtet, in denen jedes überflüssige Lärmen bei hohen Strafen verboten war. New Uork griff den Gedanken bald auf und hier erzwang man in kurzer Zeit Verbote, die den Lokomotiven und den Dampfern auf den Flüssen und Kanälen verbieten, zu pfeifen und zu tuten. In der Nähe der großen Krankenhäuser wurden ebenso wie in Philadelphia„Nuhezonen" eingerichtet. Aber die Sorge er- streckte sich nicht nur auf die breite Ocffentlichkcit, man begnügte sich nicht mit halben Maßregeln, und heute hat der New Dorker Mieter schwere Strafen zu gewärtigen, falls er zufällig einen Phonographen oder Hunde oder Papageien besitzt, die den Nach« barsleutcn nicht gefallen. Die Trambahnen werden gezwungen. Schienenftrecken zu erneuern, die zu großen Lärm verursachen. Man hatte gesehen, daß manches nutzlose Lärmen zu vermeiden war, und das Beispiel New DorkS und Philadelphias wirkte wie ein Signal für all« größeren und kleineren Städte der Union. die jetzt einen Eifer in dem Kampfe gegen den Lärm entfalten, der bisweilen auch über das Ziel hinausschießt. In Buffalo und in Detroit können Lokomotivführer, die ihre Maschine pfeifen lassen, sofort festgenommen werden. In Washington ist den Straßen- Händlern da? laute Anpreisen ihrer Waren streng verboten, und die Zeitungsjungen dürfen in der Zeit von 10 Uhr abend? bis 6� Uhr früh ihre Extrablätter oder Nachtausgaben nicht mit lauter Stimme ankündigen. In Boston hat man den Leicrkastcnspiclern und fahrenden Musikanten wenigstens noch gewisse Stunden und gewisse Stadtviertel eingeräumt, allein sie find dann genötigt, ihre Instrumente vorher besichtigen zu lassen, damit nur die Klänge gut abgetönter Instrumente in den Straßen erklingen. Aber in der alten Puritanerstadt geht man noch weiter. Von abends 9 Uhr bis morgens 6 Uhr ist das Dellen der Hunde und daS Miauen der Katzen aufs strengste verboten, und die Bürger von Boston wache» eifersüchtig darüber, daß diese merkwürdige Bestimmung auch innegehalten werde. Vorwärts Buchdrucker« u.Ve:IagtanstaltBaul Singer LeCo..Berlin S W.