Anterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 244. Donnerstag, den 17. Dezember. 1903 tNachdru« verl'sten.) 55] Hndreas Vöft Bauernroman von Ludwig Thoma« veröffentlichte. Für Gutzkow war Börne nicht nur der politische Wegweiser, son- dern auch der Charakterbildnor. Diesen Einfluß fühlte Gutzkow nicht nur, sondern er suchte ihn sogar bewußt. In dem Aufsätze „Vergangenheit und Gegenwart" äußert er, daß er seine Gesinnung von früh auf an Börnes Charakter gestählt habe. Zum Einfluß- kreise Börnes gehörte auch der Schlesier Wolfgang Menzel. der von Stuttgart aus als Leiter des„Cottafchen Literaturblaties" dem literarischen Geschmack in Deutschland seine Meinung auf» redete. Menzel war ein alter Burschenschafter; gegen alles Weich- liche. Philisterhafte, Unwahre, Unnatürliche der damals in den breiten bürgerlichen Schichten herrschenden, noch heute verrufenen Literatur der Kotzebue und Clauren zog er unerbittlich zu Felde, aber in Kunsldingen blieb er doch selber in philisterhafter Borniert- heit stecken und er, der anfangs vm, gewissen liberalen Freiheit»- ideen beseelt war. verfiel später, was gerade der junge Gutzkow zu fühlen bekam, in schlimme reaktionäre Charaklerlosigkeit. Seins Kritik untersuchte nach dem Gefichtspunkte, ob ein Work Dings enthielte, die ihm undeutsch, unchristlich und unsittlich erschienen, prüfte also nach altem burfchenschaftlichem Rezept uick» kam auf diesem Wege auch zur heftigsten Bcsehdung des noch lebenden Goethe. Hier fand er sich mit Börne zusammen. Was er an An- griffen gegen Goethe geleistet, half später mit, den jungen Gutzkow, der einige Jahre hindurch sein Adjutant war, von ihm zu trennen, und all das ist längst erledigt, aber was er gegen Heinrich Heine losließ, das lebt noch heute fort: Adolf Bartels hat es da über- nominell, wesentliche Teile von Wolfgang Menzels Arbeit fortzu- setzen, lind doch hat dieser Mann, der übrigens nie seinen iu jungen Tagen eingesogenen Haß gegen Polizeiwillkür verlernt hat. auch in den Zeiten nicht, da er der Reaktion Dienste leistete, doch hat er einmal die Besten anfeuern können. Inwiefern, das wissen wir von Gutzkow, der als junger Mann schrieb:„Menzel hat es zum ersten Male frei ausgesprochen, daß in unserer sturmbewegten Zeit ein anderer Hauch durch die Saiten wehen müsse als tünst- lichcr Blascbalgwind, und ein ander Feuer in uns lodern als ein künstlich angefachtes Zunderfcucr.... Ter Geist der Zeit hat sich wunderbar genährt und gestärkt an all den Richtungen, die der brausende Sturm vergangener Tage einer schwankenden und wogenden Flut gegeben hat. Wer jetzt in die Saiten greifen will und angehört zu werden beabsichtigt, muß die Vergangenheit in sich haben aufgehen lassen und mit prophetischem Seherblick die Zukunft enträtseln." Aber der so schrieb, blieb nur ein paar Jahrs bei dem Stuttgarter Literaturpapst, und schnell trat der Bruch ein: in Gutzkow wuchs eine neue Generation kraftvoll über Menzel hinweg, eine Generation, die von den drängenden Zeitideen tiefer erfüllt war und in der auch dem Kampfbewußtsein größere Ziels deutlicher vorschwebten. Auf diese junge Generation stürzte sich Menzel in demselben Augenblick, als sie sich durch Gründung einer Zeitschrift festeren Zusammenschluß geben wollte. Die Erregung der Zeit— eben war auch ein Werl wie das Leben Jqu von David Friedrich Strauß wie eine Brandfackel hineingeworfen—• loderte ohnedies hoch, und die Reaktion war zum Einschlagen ein- gestellt. Gutzkow war zum Widersacher Menzels geworden unk» über ihn. den die geplante Zeitschrift vollends zum Führer der jungen Generation machen mutzte, fiel nun Menzel her. als der Roman„Wallt,, d i e'Z w e i f le r i n", erschienen war(1830). Der Roman, durchaus kein bedeutendes Werk, zeigte die jung- deutsche Eigenart: Erzählung und mitten hinein allerlei an- griffsspibc Kritik der gesellschaftlichen und geistigen Zustände der Zeit. Menzels Kritik war ein fälschendes, übertreibendes, rasfi- niert berechnendes Phamphlct, das dem Buche Gutzkows Gottes- lasterung und schlimmste Unsittlichkeit zuschrieb, und es tat die gewünschte Wirkung: die Metternichsche Reaktion verhängte Acht und Bann durch Bundestagsspruch über die Schriften des Jungen Deutschlands, das als Partei hingestellt wurde, ehe es noch eine geworden war, über Heine, Gutzkow, Laube, Wienbarg, Kühne. Wie dieser Schlag empfunden wurde, dafür ein briefliches Wort Börnes als Zeuge:„Wir sind alle dabei beteiligt, das ganze Deutsch- laud. die gesamte deutsche Jugend wird in den Fünfen geschädigt, mißhandelt, gekreuzigt; darum sollen und müssen wir alle, in denen noch ein Tropfe» Jugcndblut ist. uns ihnen anschließen, auf daß.der Bund eines„jungen Deutschland" immer weiter und weiter greife. Der herrliche Kämpfer Börne! Ihn hatte der bundcStägsichs Dannftlick- in der Eile ganz vergessen. Run wollte der Vergehens das Versehen gründlich korrigieren.—- Der jnngdeutsche Zcitschriftplan war natürlich nun nicht durch- zuführen. Gutzkolv mutzte monatelang im Gefängnis sitzen, in Mannheim. Dann ging er nach Frankfurt und im„Telegraph" schuf er sich für eine Reihe von Jahren eine beachtetes Organ füo literarische Kritik und literarische Unterhaltung. WaS wir in Gutzkow haben, das ist aber das Erzeugnis der dreißiger Jahre, dieser Zeit der beginnenden Auflösung und Neubildung In Deutsch. land. Gutzkow hat vom Wesen jener Zeit vierzig Jahre später einmal in einem Briefe geschrieben:„Als ich zur Literatur kam, 1830, da mußte man es mit dem Verstände, mit dem haarscharfsten der ernstesten Polemik! Heiteres Plänkeln galt damals als nichts oder wenig. Das Gemüt ist rezeptiv(nimmt auf). Damals gab es nur Dinge zum Abwehren, nicht viel zum Aus- nehmen." Und mitten in dieser Abwchrzeit, die zu realistschem Schauen der großen und kleinen Erscheinungen und Ereigvisse des Lebens erzog, wuchs auch der für da» junge Teutschland charaktc- ristischc Drang, von Aphorismus, Skizze, Feuilleton unb_ kurzer Novelle zu großen Werken, die das Leben umfassend auffingen, vorwärts z» kommen; also das zu bauen, wozu weder Börne» noch Heines Kraft ausgereicht hatte. Auch daS trieb diese Jungen zur Verehrung Goethes, de» künstlerischen Gestalter» großer Lebens- Iverke. Tie Juiigdeutschen zeigten da denselben Zug, der sich bei Seft französischen Rouiantikern, diesen großen Goethc-Verehrern, stark hervordrängte. Laube legte schon in den dreißiger Jahren frisch draufgängerisch Hand ans Werk: er schrieb den großen drei- teiligen Roman»Das junge Europa"(Max Hesscs Verlag gibt ihn jetzt neu und wohlfeil heraus). Auch Gutzkow machte den ersten Schritt noch in jenem Jahrzehnt mit einem dreibändigen komischen Roman, der dein Problem der Erziehung gewidmet war. Aber erbittert durch den Widerstand und die Angriffe, die er aus dem Lager der Halleschen Jahrbücher erfuhr, wandte er sich dem Theater zu. Schon 1834 hatte er einmal zu dem ganz ungläubig dreinschauenden Laube geäußert, man müsse versuchen, der Bühne Bedeutung zu verschaffen dadurch, daß man Stoffe auf ihr bc- handeln ließe, die mit den Interessen der Gegenwart zusammen- hingen. Er ging auch sofort mit ganzer Kraft an die Arbeit, dem zum schemenvollen Buchdrama herabgesunkenen deutschen Trama eine Wiedergeburt zu bringen. Das Drama»Dantons Tod" von Georg Büchner, das Gutzkow herausgab, ist sicher nicht ohne Einfluß auf seinen Schritt gewesen, und nun hat er in Teutschland das getan, was drüben in Frankreich der junge Viktor Hugo zehn Jahre früher tat: er hat das Drama wieder an ernsthafte Probleme, an bedeutsame Dinge des Lebens herangeführt und damit der Bühne wieder eine Rolle im öffentlichen geistigen Leben verschafft, die sie eingebüßt hatte. Die vierziger Jahre hindurch ging Gutzkow in dramatischem Schaffen auf— auch sein Bekenner-Drama„U r i e l A c o st a" entstand in diesen Jahren, das ihm schließlich das Amt eines Dramaturgen am Dresdener Hofthcater verschaffte. Erst nach 1843— er erscbte die Berliner Märzereignisse in Berlin selbst und griff in die Kämpfe mit lenkendem, vor allzufrühsm Vertrauen warnendem Worte ein— erst nach der Revolution, als die Reaktion wieder obenauf war, nahm er die Romanarbeit in großem Stile wieder auf, und jetzt erschien in erstaunlich schneller Produktion zunächst das neunbändige Werk„Die Ritter vom Geist", das nach dem Riederbruch der Hofsnungen und Träume den deutschen Zeitgenossen helfen wollte, sich in dem Dunkel der neuen Knecht- schaft wieder auf einen festeren Weg hinzufindcn. Wie sehr Gutzkow liberalerJdeologe war, verrät dieser große vielgelesene Roman. Gegen seine Ideologie hatte sich schon Georg Büchner(gestorben 1836) gewandt, der nichts erwartete von den Versuchen,„die Gesellschaft mittels der Idee, von der gebildeten Klasse aus zu reformieren". Jetzt ging Gutzkow von den Berliner Ereignissen in und nach 1848 aus und er forderte„einen neuen Bund des allgemeinen Mcnfchengeistes gegen den Mißbrauch der phnfischen Gewalt". Weg von der Revolution von oben und weg von der Revolution von unten? Man solle die Neaktwn sich selbst überlassen, kann»verde ihr Staac schon von selbst unv beicklennigt zusammenbrechen, und inzwijchcn solle alles,»vas oppositionell gc- sinnt sei, sich in innerer Sammlung menschheitlich zusammenfinden, — eö gab«„eine kleine Leiter von Begriffen, die so einfach, so tief in der Menschenbrust begründet find, daß sie die einfachste Jnt.'lli- genz erklimmen kann". Auf diese Begriffe hin solle sich die Menschheit die Hand reichen, um so reif zu werden, das Erbe anzutreten, das die reaktionäre Alleinlvirtschaft ihr beschkeunigt überliefern werde. Ein Ausweg»var das nicht, aber immerhin ein Versuch, der Resignation, die die fünfziger Jahre beherrschte, nicht ganz zu verfalle». Zeitgeschichtliche Bedeutung hat dieser Roman auch in anderer Hinsicht noch. Er setzt sich mit der Arbeiterfrage auseinander. Die Anschauungen, die der revolutionäre Geist des Proletariats im Kommunistenbuild herausgereift hatte, spürt man freilich nicht, aber Fouriersche Gedanken spielen eine große Rolle. Honben hat daraus hingewiesen, daß ein Freund Gutzkows, der Hamburger Schrift« stcller Georg Schirgcs, in den dreißiger Jahren Frankreich als Fabrikarbeiter durchwanderte, und wohl als Vermittler Fourier- scher Ideen für Gutzkow gelten könne. In den„Rittern von» Geist" spricht ein Fürst, der als Handarbeiter durch Frankreich gereist ist, und dort die kommunistische Gedankenwelt gläubig aufgenommen hat, die Forderung aus:„Die Arbeit muß als eine Quelle der höchsten Freuden dargestellt werden und Institutionen inüssen auf- tauchen, die die Arbeit und alles, was mit ihrer Förderung zu- sammenhängt, in den Vordergrund aller Politik stellen. Be- lohnungen, Auszeichnungen, Erhöhungen des LolmcS, Sorge sü: die Angehörigen der Arbeiter, unmittelbare Beziehungen der Staatsformen nur zur Arbeit, Vertretung der Geivcrbe im Borzug gegen alle anderen Stände, die nur die Diener dessen sein können, der arbeitet? Ich»vill, daß auch der Arbeiter gebildet ist. Ich will ihm nichlS entziehen von dem, was sich der Bevorrechtete zum Schmuck seiner Seele beschaffen kann. Der Staat soll eS ihm geben. Der Staat soll aushören, nur die Garantie desBefitzeszusein.ersoll einzig und allein e i n e S ch n tz- Ivehr der Arbeit werden. Die Arbeit muß endlich aufhören, eine Ausgesetzte, eine Paria der Gesellschaft zu sein." Das stand im ersten Bande des Romans, der 1856 erschien. Grundbau des neuen Staates sollte die freie Presse sein und krönen sollte den Bau das Recht der Arbeit. So blieb Gutzkoto in den bürgerlich- demokratischen Forderungen stecken. Aber den Arbeiter kannte er, das beivieS auch dieser große realistische Roman, der nach dem Worte des Verfassers den bisherigen Roman des Nacheinander durch den �ioman d«S Nebeneinander ablösen sollte. Houben dürfte mit der Vermutung recht haben, daß es der erste Roman gewesen sei, durch den der Fabrikarbeiter in Deutschland literatnrfähig geworden sei. Sehen in einer Kritik, die Gutzkow 1838 über ein Drama von Viktor Hugo schrieb, hatte er sich gegen die eben von Hugo beliebte Methode gewendet, die Sache der„Geringen und Elenden" durch Lakaien, Prostituierte, Bagnovrrbrecher. Gaukler führen zu lassen; er bestritt, daß„die Neigungen und das Elend des Volkes in der Person eines Lakaien repräsentiert werden könnten". So etwas mußte damals erst noch bestritten werden; aber der kleinbürgerliche Klassendnnkel sorgte dafür, daß diese Aufgabe vorhanden war, und es ist»mmer.nn b« nertenswert, dap Gutzkow an diesem Punkte ab» wehrend kr-tisch einsetzte. Es zeiat. daa seiner scharfen Be-- obachtung und seinem Ernste auch dies wichtige Stück Wirklichkeit nicht entzogen und verschlossen geblieben war, daß er es zu»vürdigen wußte, längst ehe es im Roman und auf der Bühne sein Lebe« geben konnte, wie es»var. Das Vorbild für seinen großen Roman tat Eutzkolv in Frank- reich gefunden: bei Eugen Eue, dem sozialen Modeschriftsteller der Zeit. Aber man denkt bei Gutzkow heute besser an das Werk Emile Zolas, das den Roman des Nebeneinander in künstle- rischem Sinne erst auf seine Höhe erhoben hat. Gutzko!» kannte zwar die Menschen seiner Zeit durch alle Schichten hin, aber»ch all das realistische Einzelne zu einem Ganzen zusammenzufassen, kam er nicht ohne das Mittel einer allzu sensationellen-küiiülichen Hand» lung aus. Das Getühl für die Tatsächlichkeit der Vorgänge� das im einzelnen oft stark erregt wird, wird so immer wieder zerstört. Zola hat das Einzelne tiefer gesehen und ist auch in dieser andere»« Hinficht weit über Gutzkow hinausgelangt. Der Zufall wollte es. daß der Tod zu diesen beiden geschichtlich einander so nahe stehenden Männern in t>er>oaiidter Gestalt kam: Zola erstickte im Schlaf an Kohlengas und Gutzkow erstickte— in der Rächt vom 15. zun» 16. Dezember 1878— bei einem Zimmerbrande, den er im Zu» stände der Cbloralbetäubung durch Umstoßen der Lampe verursacht hatte. Ter schreckliche Tod hat ibn wahrscheinlich davor behütet, die letzten Jahre seines ruhelosen Lebens als ein geistig Toter hin- bringen zu müssen. ftch Oer Tannenbaum s Die natürliche Heimat der Weißtannc oder Edeltanne umfaßt in Teutschland die Alpen, den Schivarzivald, die Bogcsen und den Thüringer Wald und schließt wohl auch den Harz ein. Bezüglich des Harzes gehen die Stimmen auseinander. Forstleute und Vota« niker sprachen dem Baume meist das Hcimatsrecht im Harze ab. Tie Weißtanne sollte dort nur angepflanzt vorkommen. Diejenige!« aber, welche die aus alter Zeit vorliegenden Urkunden eingehender studierten, kamen zu der Ansicht, daß auch der Harz zu ihren» natürlichen Verbreitungsgebiet gehöre. Diese Meinung lvird durch die Untersuchungen Webers, des Botanikers der Bremer Moorver« svchsstation. unterstützt. Schon öfter haben in den Mooren erhalten gebliebene Pslanzenreste pflanzengeschichtlichc Fragen entscheiden geholfen. Nicht große Wurzelstöcke und Stämme, auch nicht Zapfen und benadelte Ziveige sind dazu nötig. Oft genügt ein mikroskopisch kleines, im Moorschlamm genindcncZ Ucberbleibsel. um Licht über Klima und Pflanzemvelt eine« weit entlegenen Zeit zu verbreiten. In unserem Falle waren es Pollenkörner in den Brockenmooren, die Weber zu der Ueberzcugung führten, daß die Weißtanne vor alters schon im Harze zu Hause gewesen sei. Die größten Edeltannenivälder Deutschlands liegen in, Frankenivald, dem Schwarzlvald und den Bogcsen. Auch in« bayerischen Wald und in den bayerischen Alpen ist die Weißtanne reichlich vertreten. Ein Besuch im Schivarznxrld mag uns einen Einblick in die Natur des Tannenwaldes geben. Weißtannenwald bedeckt dort die steilen Abhänge der Täler und die ausgedelpcks Hochebene, soiveit sie nicht als Feld und Weide genutzt wird. Dicht und stammröich können diese Wälder sein, und eS dringt dann ebenso lvenig Licht ins Innere ivie im Fichtenhochnxild. Au, schönsten aber sind die lichteren Bestände, ,n denen die Sonne helle Flecke aus die graue, hier und da von grünem Moos und weißlichen Flechten bedeckte Rinde zeichnet und auch den Boden erreicht wo sie große Gräser und Stauden belebt und ernährt. Die Tann? hat unter fast allen unseren einheimischen Holz- arten die größte Fähigkeit. Schatten zu ertragen. Auch unter dichtem Schirm entwickelt sich der Keimling, und viele Jahre lang, kann er als kleiner Busch im Schatten fortleben und dann dock, noch, wenn die Axt oder ein Zufall eine Licht einlassende Lucks schafft, zum kräftigen Stamin heranlvachsen. Die größte Wuchs- kraft zeigt die Tanne etwa zwischen dem 3V. und 76. Lebens, ahre. Vom 166. Jahre an nimmt der Höhcnwuchs merklich ab. aber noch im 136. Jahre ist er nicht ganz erloschen. Der Keimling er- scheint einige Wochen nach der Aussaat und entwickelt im erste»« Jahre einen Quirl von nadelähnlichcn Keimblättern, die merk- würdigerweise ihre von weißem Wachs umgebenen Spaltöffnungen, die bei allen späteren Nadeln auf der Unterseite stehen, an ibrer Oberseite tragen. Der Gipseltricb bleibt auch in den nächsten Jahren noch verhältnismäßig kurz, lvährcnd die Seitenzioeige sich ausbreiten, so daß schon hicrourch die junge Tanne von der nrngci« Fichte sich unterscheidet. Später aber konunen beide sich im» Wachstum gleich, und die Tanne hat nun noch den Vorzug, daß •) Aus dem eben erschienenen Buche:„Der deutsche Wald", Von Prof. Dr. M. Büsgcn.(Naturwissenschaftliche Biblioihek für Jugend und Volk. Herausgegeben von K. Hqllcr und G. Hinter.)! In Originallcinenband. 1,80 M. Vorlag von Quelle u. Mctzer in Leipzig. — ÖIO— bei ihr fit 5 Wachstum länger andauert als bei jener, so baß sie noch gewaltigere Stämme zu bilden vermag. Auch der Umstand läßt die Tanne kräftiger erscheinen als die Ficlste. daß ihre Neste Dicht abwärts sich neigen wie die Fichtenzweige, sondern zu breiten Schirmen sich entwickeln, die völlig wagerecht rings um den Stamm sich ausbreiten. Wenn die Tanne altert und sich ihr Lüngenwachs- tum wieder vermindert, so sammeln sich solche Schirme am Gipfel des Baumes. Ter Baum schließt dann mit einem dichten breiten Busch ab, dem»Adlerhorst", an dem man die Tanne von der stets fpitzgipfeligcn Fichte leicht unterscheiden kann. Die Tanne l'edarf ver Pyralnidcnform nicht. Sic besitzt wie die Kiefer eine Pfahl- trurzel, die auch heftigen Winden widersteht. Wo freilich der Boden steinig und wenig tiefgründig ist. da kdcn starken Riesen, die allmählich für den Hieb heranreifen. Die Verjüngung des Tannentvaldes kann man der Ratur überlassen. Die Samen werden reichlich entwickelt und keimen leicht, und die jungen Pslänzchen sind nicht sehr empfindlich gegen Beschädigungen. So braucht man nur durch zweckmäßige Hauungcn zur rechten Zeit dafür zu sorgen, daß sie gute Beding- ringen zum Aufkeimen finden. Sie bedürfen des Schutzes alter Bäunie, dürfen aber nicht allzu stark beschattet werden. Krachende Axtschläge ze!gen den Weg zu den Holzhauern, lange ehe man sie im wechselnden Spiel de? Lichtes zwischen den ver- schiedcnfarbigen Stämmen unterscheiden kann. Es sind nicht große, aber kräftige Gestalten, mit schwarzem Haar und dunklen Augen in dem gebräunten Gesicht. Ohne Jacke, mit aufgekrempelten Hemdsärmeln über den dunkelbraunen sehnigen Armen, schwingen sie die Art. Schwarze Kniehosen, weiße Flanellgamaschen»wer lrästigen Nagelschuhen und eine runde gestrickte Mütze aus hell- «blauer Wolle, geziert mit einem roten Streifen ringsum, vollenden die eigenartige Kleidung der Männer, die aus ihre Zunft wohl nicht, lvenig stolz sind. In der Tat gehört Kraft und Können dazu, einen der gewaltigen Stämme kunstgewecht zu fällen und zu der Riese zu befördern, der Holzrinne, in der er bergabwärts bis zur Straße gleiten soll.. � Der größte Teil des Tannenwaldes ist in Gemeinde- und Privatbesitz. W-il er ohne Schaden stets alle Altersstufen neben- einander enthalten kann, gibt er jederzeit Erträge und eignet sich deshalb mehr als andere Wälder für private Wirtschaft. Vielleicht hat der bäuerliche Waldbesitzer sich schon vor Jahren»seinen" Stamm ausgesucht und auf oft wiederholten Gängen sein Wachstum be- obachtet. Jetzt ist die Zeit der Hiebsreife gekommen und die Holz- Hauer beginnen ihre Arbeit, nachdem sie mit den Augen den Baum geschätzt und die Richtung bestimmt haben, in der er zu fallen hat. Bor allem mutz sein unteres dickes Ende bergabwärts liegen, damit er dem Transport keine allzu großen Schwierigkeiten macht. Ferner darf eS nicht zu viele von all den jüngeren Genosten, die ihn um- stehen, im Falle mitreißen oder verletzten, namentlich keinen er- wachscnen Nachbar, der schon hohen Wert erlangt hat. Endlich ist alles überlegt, zwei Holzhauer treten an den Stamm heran und schwingen taktmäßig ihre Aexte. um auf der der Fallrichtung zu- gewandten Seite und der Gegenseite je eine Kerbe zu hauen. Ist die Kerbe der Gegenseite tief genug, so treiben sie Keile hinein. Gespannt haften die Blicke der Umstebenden am Wipfel des Baumes und weiter schallen im Takt die Schläge. Endlich beginnt der Riese sich langsam zur Seite zu neigen. Ein Rauschen erhebt sich in den Zweigen, sie berühren zum letzten Male die Nachbarkronen und mit immer stärkerem Sausen und in immer rascherer Bewegung be- schreibt der Baum seine Bahn bis zum dumpfen Aufschlag aus den weithin erzitternden Waldboden. Ohne lange zu fackeln, sino die Holzhauer wieder bei der Hand. Einer drängt sich in das Astgewirr der ltcgcnden Krone, um die Zweige abzuschlagen, ein anderer macht sich mit katzcnartigcr Gcsckwindigleit daran, mit einem flachen Beil die weiche Rinde aufzuschlitzen und in großen Streifen abzulösen. In kaum einer Viertelstunde ist alles getan und der entästete und entrindete Stamm kann der Riese zugeführt werden. Das voran- gehende Wurzclende wird mit einigen kunstgerechten Hieben z» einem stumpfen Kegel abgerundet, damit der Stamm beim Auf- schlagen am unteren Ende der Riese möglichst wenig beschädigt wird. Das Schleppen ersordert viel Kraft und Geschick. Am Wipfel- ende des Stammes wird eine starke Kette eingehakt, ums untere Ende ein Seil geschlungen. Starke Männer halten beides, damit die riesige glalle Walze auf dem steilen Hang nicht ins Rollen kommt und unberechenbaren Schaden anrichtet. Auf ein lang- gedehntes„Oh, oh" lüften zwei Leute den Stamm durch unter- gesteckte Haken. Der obere am Berg stehende Mann läßt ein Stück der Kette nach, und langsam gleitet die Tanne abwärts, noch ge- hemmt durch das Seil am unteren Ende, das zur Vorsicht noch um einen Nachbarstamm geschlungen wird. So geht es streckenweise bald gerade, bald in schräger Richtung unter geschickter Vermeidung aller Hindernisse allmählich bis zur Riese, einer festgefügten Rinne in welcher der Stamm schließlich Hunderte von Metern weit fre> von jeder Feste! bergab schießt. Am unteren Ende verringert sicb !die Neigung der Rinne nnd schließlich steigt sie sogar eilvaS aufwärts, damit die Wucht der Stämme sich mäßigt, die wie glänzende Schlangen, mit einem unheimlichen Leben begabt, in der Riese dahersausen. Dennoch konnte eS geschehen— wenigstens erzählt man sich das dort im Wald—, daß ein Stamm, der durch Zufall aus der Riese heraussprang, durch ein Bauernhaus hindurchschoß, zur Vortür herein, zur Hintertür hinaus. Schaden soll der un- gebotene Gast dabei nicht angerichtet haben. kleines Feuilleton. Medizinisches. Sonnenskbein und Tuberkulose. Die allgemeine bakterientötende Wirkung der Sonnenstrahlen macht ihre Heilkraft auch bei tuberkulösen Erkrankungen verschiedenster Art geltend. ES liegt auf der Hand, daß insbesondere Höhenkurort« dieser günstigen Wirkung teilbaktig werden. Eingebende Versuche zur Erforschung der Sonnenheilkratt hat Dr. Oskar Bernhard in St. Moritz viele Jahre lang angestellt. Wie der„Lancel" mitteilt, beziehen sich diese Untersuchungen auf einfach« infizierte Wunden, Tuberkulose der Haut, Drinen, Gelenke und Knochen, auf HaulkrebS und sonstige schwere Harnleiden. In fast all diesen Fällen hat die Sonnen- bestrahlung eine heilkräftige Wirkung gezeigt. Die Kranken wurden in sehr großer Höbe, lStX)— 3000 Meter über dem MeereSniveau, der Behandlung unterzöge»:, wodurch im Verein mit der außer- ordentlich trockenen Luft die Heilwirkungen zweifeNoS erheblich ge- fördert wurden. Die starke Durchblutung, die durch den Reiz der Lichtbestrahlung hervorgerufen wird, ist sicher ein Heil- faktor. Der erste Nachweis der bakterienzerstörenden Kraft des Lichts wurde von den engsischen Aerzten DowneS und Blunt im Jahre lS77 erbracht. Dr. Bernhard verwendet bieg- same metallische Spiegelblänchen. um Fisteln von verschiedenem Durchinefier und verschiedener Tiefe zu behandeln. Auch der französische Arzt Dr. Rollier hat mit der Einwirkung der Sonnenstrahlen sehr werlvolle Ergebnisse erzielt. Er berichtet von llO Fällen tuberkulöser Erkrankungen, die er seit dem Jahre lSOZ in dem in einer Höhe von ltSO Metern gelegenen Kurort Leysen in der Nähe von Atgle im Kanton Wallis behandelt hat. Die operativen Eingriffe ivurden»ach Tunlichkeit vermieden, und die Ergebniffe waren auch hier höchst zufriedenstellende. Erst in letzter teil hat Dr. Rollier zehn neue Fälle von komplizierten tuberkulösen rkrankungen der Gelenke und Knochen beschrieben, die sehr wesent- lich« Besserung erfuhren. Naturwissenschaftliches. Naturwissenschaftliches für die Jugend und da» Volk. Die uralte Lehrmethode de» Dialoges hat Dr. Karl Kraepelin mit großem Geschick in seinen»Natur st udien im Garten" und»Naturstudien in Wald und Feld' (beide im Verlage von B. G. Teubncr. Leipzig; Preis jede« Buche» gebunden 3.60 M.) verwendet. Die hübsch ausgestatteten Bücher sind denn auch bereits in dritter Auflage erschienen. Die Art, wie im Gespräch zwischen dem Dr. Ehrhardt und seinen drei Söhnen die »Handlung" fortschreitet und der Bater Stück um Stück den Kindern die Geheimnisse der Natur aus Wald und Feld und Garten in sehr leichtverständlicher Weise entschleiert, ist sehr ansprechend zu nennen. Die Bücher sind besonder» Knaben zu empfehlen, die das Glück haben, vom Vater an Sonntagen in» Freie geführt zu werden. Aber auch für die Lektüre daheim passen sie durchaus und spielend führen diese Plaudereien den Wißbegierigen durch einen großen Teil naturwissenschaftlicher Kenntnisse. Nicht gerade be- sonders für die Jugend gcschneben. doch für ältere Knaben mit vor- teil lesbar, sonst für jeden Nawrftcund bestimm», ist»Der deutsche Wald" von Prof. Dr. M. BueSgen(Verlag von Quelle u. Meyer, Leipzig. Preis gebunden 1,30 M) Ein ebenfalls gut ausgestattetes, reich illustriertes Büchlein, das zu den erfreulichen Erscheinungen der heute so üppig inS Kraut geschossenen populär- wissenschaftlichen Literatur gehört. Der Verfasser hofft, wie er im Vorwort sagt, dem Waldstcunde manche Frage zu beantworten, die er sich auf seinen Wanderungen wohl gestellt ha«, und ihn vielleicht auch auf andere Geheimnisse de» Wäldes erst auf- nrerksam zu machen. Kein Waldsteund wird in der Tat die Anschaffung des Werkchens zu bereuen haben. Klar und einfach ist die Sprache, in der der Berfasier uns den deutschen Wald schilden und Kiefer, Tanne, Fichte, Eiche ustv. be- schreibt. Hervorzuheben sind die gut ausgewählten Abbildungen.— Einen ausgezeichneten Ueberblick über Algen. Pilze, Flechten. Moose und Farrnpflanzen gibt Prof. Dr. M. Möbius in seinem Bändchen „Kryptogamen".(Verlag von Quelle u. Meyer in Leipzig. Preis gebunden l.LS M.) Es gibt für die erwähnten Pflanzenklassen leicht verständliche, doch immerhin mehr in wissenschaftlicher AuSdrucköwcise geschriebene Darstellungen, die— ohne viel auf Einzelheiten einzu- gehen— überall die wesentlichen Urnerichiede herausheben und durch gute Abbildungen erläutern. Das Vändchen ist daher für Fort- geschrittenere bestimmt, die ein lebhaftere» Jmcresse für die eigen-, artige Welt der»blumenlosen" Pflanzen empfinden und denen viel- leicht der Besitz eines Mikroskopes das weitere Eindringen ermöglicht. st. Derantwortl. Rcdaktckur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: VorwärtsBuchtruckerei u.Verl-gSanstaltPaul Singer LiCo.,B-rlinst>V.