Anterhaltungsölatt des Horwärts Nr. 245. Freitag, den 13 Dezember. 1903 (Nachdruck verbsteii.) 661 Hndrcaa VöTt. Bauernroman von Ludwig Tboma. „Sie dürfen mich nicht falsch verstehen. Herr Mang. Ich erzählte Ihnen nur. wie Ihr Vetter das aufnimmt. Und begreiflich ist es am Ende doch, daß er sich getäuscht fühlt." „Niemand hat ihn getäuscht. Aber vielleicht ist ihm das feht so hingestellt worden." „Das ist ein harter Vorwurf gegen meinen Kooperator!" „Der Herr Sitzberger hat schon bei meiner Mutter Schwätzereien gemacht. Ich kann mir denken, daß er bei meinem Vetter noch stärker aufgetragen hat. Ich nehm' ihm das nicht übel weil ich nichts danach frage. Ich meine bloß, daß es ihn nichts angeht." „Persönlich nicht. Aber als Priester muß er es be- dauern, daß Sie keine größere Liebe zu unserem Stande zeigten." „Deswegen braucht er keine Geschichten herumzutragen." „Sagen Sie es ihm doch selbst!" „Das ist mir nicht der Mühe wert. Herr Pfarrer." „Sie sind sehr stolz geworden. Aber eins muß ich Ihnen doch sagen. Warum machen Sie selbst Schwätzereien, wenn Sie dieselben verdammen?" „Ich?" „Ja. Sie, Herr Mang. Und darüber muß ich mit Ihnen noch reden." „B.tel" „Es ist mir mitgeteilt worden, daß Sie für den Schuller Partei nehmen und überall erzählen, es sei ihm unrecht ge- schchen." „So Hab' ich es nicht gesagt." „Also haben Sie doch darüber gesprochen? Was wissen Sie eigentlich von der ganzen Sache?" „Ich weiß nur. was mir erzählt worden ist." „Und das genügt Ihnen, mich anzugreifen? Was Sie im Vorbeigehen aufschnappen, paßt Ihnen, wenn es gegen mich geht!" „Gegen Sie habe ich kein Wort gesagt." „Nicht? Gegen wen sonst? Das ist eine merkwürdige Verdrehung der Wahrheit! Sie taugen allerdings nicht zu einem Priester." „Sic werden mir keine Lüge nachweisen können." „Wenn Sie überall herum erzählen, daß man den Schuller verleumdet hat, gegen wen richtet sich das? Wen greifen Sie damit an? Da wollen Sie sich ausreden, daß Sie meinen Namen nicht genannt haben? Was wissen Sie denn überhaupt von der Sache?" Baustätter stand mit blitzenden Augen vor Sylvester und erhob seine Stimme zum Schreien. „Sie kommen dahcrgeschneit, schnappen etwas auf und erfrechen sicl,...." „Herr Pfarrer!" „Jawohl, erfrechen sich, gegen mich zu hetzen. Aber wenn Sie es noch so heimlich machen, ich erfahre es doch! Ich weiß alles." „Sie Nüssen gar nichts." Snlvcstcr sagte das in so barschem Tone, daß Baustätter einen Augenblick inne hielt. „Sie wollen es leugnen?" fragte er. „Ich sage Ihnen noch einmal, ich habe nichts z-u leugnen. Sie könnten sich genauer erkundigen, bevor Sie Jtrir Grobheiten machen." „Ich mache Ihnen keine Grobheiten." „Sie haben mir Frechheit vorgeworfen." „Ich sagte nur, es wäre frech, wenn Sie behaupten, daß ich dem Schuller unrecht getan babe." „Ich habe mich gewundert, daß man solche Anklagen gegen ihn erhebt, und... „Sie haben sich gewundert, und Sie haben es jedem ge- sagt oder überall durchblicken lassen, daß Sie es für unwahr halten/ „Darf ich ausreden, Herr Pfarrer?" „Nein. Schweigen Siel" schrie Baustätter.„Ohus Beweis fallen Sie über mich her! Natürlich, nur ich bin schuld. Ich habe Anklage erhoben gegen den braven Schüller! Was wissen Sie davon? Wer hat ihn angeklagt? Da! Da ist der Ankläger!" Baustätter öffnete mit einer heftigen Bewegung daZ Pult und warf ein Blatt Papier vor Sylvester auf den Tisch. „Da ist der Ankläger! Ihr verehrter Herr Pfarrer Held! Wollen Sie den auch verdächtigen?" Sylvester nahm das Blatt langsam auf. Er las die ersten Worte mit Widerstreben. Dann las er die Schrift hastig durch und las sie wieder. „Wollen Sie jetzt noch den Leuten herumerzählen, daß dem Schuller unrecht geschehen ist?" Sylvester antwortete dem Pfarrer nicht. Er fragte mit erzwungener Ruhe: „Von wem haben Sie den Zettel?" „Im Kirchenbuch war er." „Legen Sie ihn nicht mehr hinein, Herr Pfarrer." „Was soll das heißen?" „Der Zettel ist falsch! Die Schrift ist gefälscht!" „Sie wagen, mir das vorzuwerfen?" „Das ist nicht die Schrift des Herrn Held!" „Geben Sie daL Blatt her! Sofort geben Sie es mirk" Sylvester legte es auf den Tisch, und Baustätter riß es ungestüm an sich. Er kreischte, daß ihm die Stimme überschlug. „Sie setzen Ihrer Frechheit die Krone auf! Ich will sehen, ob Sie mich einen Fälscher heißen dürfen!" „Das habe ich nicht getan." „Lügen Sie nicht!" „Ich habe gesagt, daß die Schrift gefälscht ist. Ilnd daZ kann ich beweisen." „Sie wollen es wieder herumdrehen! Das will ich sehen!" Sylvester nahm seinen Hut und ging ohne Gruß aus dem Zimmer. Als er den Psarrhof verlassen hatte, regte sich erst sein Zorn über den Austritt. Er war nicht zufrieden mit sich. Warum hatte er nicht schärfer geantwortet auf die Be» schimpfungen? Er hätte wenigstens sagen können, daß diese sinnlose Wut verdächtig sei. Wenn der Pfarrer den Zettel wirklich gefunden habe, könne es ihm nur recht sein, daß die Fälschung entdeckt wurde, daß man das Unrecht wieder gutmachen konnte. Und wie plump das gefälscht war! Im Texte war die Schrift nicht einmal nack>gemacht: nur der Namenszug war ähnlich. Daneben war das Siegel auf- gedrückt, als wenn so etwas eine amtliche Bestätigung sein könnte. Sylvester blieb stehen. Das war ihm nicht gleich ein- gefallen, das Siegel war ja ei» Beweis, daß der Pfarrer den Zettel gefälscht hatte! Wer hätte sonst das Amtssicgel benutzen können? Ee ging wieder rasch vorwärts. Was sollte er jetzt tun? Dis Wahrheit mußte heraus, und war es nur dem alten Herrn zuliebe. Zum Lehrer gehen und ihn um Nat fragen? Der tvürde nur abmahnen und den lieben Frieden predigen. Und bitten, daß man ihn aus dem Spiele lasse. Oder die Mutter ins Vertrauen ziehen? Sie würde sich ängstigen. Das einfachste war, eS dem zu sagen, der ein Recht auf die Wahrheit hatte. Und ja, das wollte er tun. Sylvester eilte durch das Dorf und kam erhitzt in den Schullerhos, Die Bäuerin stand unter der Tür. „Ist der Schuller daheim?" „In der Stub'n hockt er. Aber sagm S' no mir an Griiaß Good, Herr Mang!" „Ja, ja! Ich Hab' jetzt keine Zeit." „Wo brennt's denn?" Sie erhielt keine Antwort: Sylvester war schon in der — 9' Stube. Ter Schuller schaute über seine Ieitunc, weg auf den Eintretenden. „Was geit's" fragte er kurz- „Ich muß Ihnen ivas Wichtiges sagen?" „Was nacha?" „Ich Hab' den Zettel gesehen, wegen dem Sie so viel Verdruß gehabt haben." „So?" „Der Herr Pfarrer hat ihn selber hergezeigt." „Dös is mx Sonderbar'S. Ter hat'» scho viel Leut' zoagt. Bloß mir net." „Der Zettel is falsch. Schuller." „Dös woaß neamd besser, wia'r i, daß dös verlog'n is." „Verstehen Sie mich recht! Die Schrift ist gefälscht." „G'fälscht?" „Jedes Wort und die Unterschrift dazu." Ter Schuller faßte Sylvester mit einem derben Griffe am Arm. „Sie, Herr Mang, i leim' Eahna do guat und glaab net, daß Sie an Spott über mi Hamm. Was is dös, was Sie da sag'n?" „Ich sag' Ihnen, daß der Herr Pfarrer Held kein Wort über Sie geschrieben hat. Daß nmn seine Schrift nach- gemacht hat." „Nacha waar ja dös offenbar, daß alles mit Fleiß der- log'n is?" „Ja, daß es erfunden ist. Und daß man den alten Held dazu hergenommen hat." „Ada. ko ma dös beweisen?" „Das ist gar nicht schwer. Das sieht jeder, der die Schrift kennt." „Und dös is g'wiß und wahr, Sylvester? Sie Hamm Sahna net täu'cht?" „Eine Täuschung ist gar nicht möglich. Was ich Ihnen gesagt habe, vertrete ich vorm Gericht." „Ja, Herrgott!" Schuller stand von der Bank auf und packte Sylvester an beiden Schultern und schüttelte ihn herzhaft. „Ja, Herrgott! Manndei! Was sag'st ma denn Du? Gel, Du lügst it? Manndei, was sagst d' ma denn Du?" Er sehte sich wieder. „Sie müassen ma's nomal g'nau sag'n. So schnell ver- steh' i dös net." Sylvester erzählte nun ausführlich, wie er im Pfarrhof war, wie ihn Baustätter zur Rede stellte, und wie alles kam. Ter Schuller unterbrach ihn oft. „Z'erscht recht freundli. gel? Und giftig bei da Freund- lichkcit, und nacha auf oamal in da Wuat? Ja, i kenn' an Herrn Baustätter!" lFortsetzung folgt.) Foiiirter�ieKiiiig und künftkrircbe Kultur. i. Im europäischen Kunstgewerbe wnr die Tradition der alten handwerklichen Techniken während der ersten Hälfte des 19. Jahr- Hunderts verloren gegangen. Das eigentliche Kunst Handwerk wurde durch die moderne Kunst i n d u st r i e verdrängt, die mit Maschinen arbeitete und die alten vornehmen Stilformen auf ihre Weise nachzuahmen suchte. Aber die charakteristische Schönheit der alten Ornamentik, die vom Handwerk und für das Handiverk ge- schaffen war, ließ sich im masckiinellen Fabrikbetriebe nicht nach- ahmen. Denn gerade die handwerkliche Herstellung hatte jenen dekorativen Formen ihren besonderen Reiz gegeben. Und tausenderlei Feinheiten der alten, reinen Stilmuster'konnten im Fabrilbctriebe überhaupt nicht reproduziert werden. Man suchte sich daher auf die Weise zu helfen, daß man die guten, auf die Arbeit des Hand- werkers berechneten Vorbilder für die Maschine zurechtschusterte. So entstanden jene entsezgichen Mißgebilde, die sich für gotische, Nenaissance- oder Nokokoformen ausgaben, in Wahrheit aber nichts anderes als geschmacklose Karikaturen waren, die jedem Stil- empfinden Hohn sprachen. Mit dem Verfall der Technik ging eine vollkommene ästhetische Versumpfung Hand in Hand. Auf der Londoner Weltausstellung des JahreS 1831 trat zum erstenmal� der enorme Niveauunterschied zwischen den handwerklichen Erzeugnissen der alten � Zeit und der Gegenwart zutage. John R u s k i n und etwas später William Morris begannen daraufhin eine rührige und erfolgreiche Reformaktion, die deni englischen Kunst- 8— gewerbe ein völlig neue? Gepräge gab. Aber fie schatteten in einer Hinsicht das Kind zugleich mit dem Bade auS. indem fie die auf maschinellem Betriebe beruhende moderne Kunstindustrie überhaupt und prinzipiell bekämpften. Tie Maschine sollte auS dem Kunst» gewerbe verbannt und alles wieder durch handwerkliche Arbeit her« gestellt werden. So nahm die Reform einen teilweifen reaktionären Charakter au. Morris webte, färbte und bedruckte seine Stoffe in den primitiven Arbeitsmethoden des Mittelalters und Ruskin ging in seinem spleenigen Haß gegen alle technischen Errungenschaften der Neuzeit so weit, daß er seine Bücher, um die Eisenbahn zu ver» meiden, auf Leiterwagen befördern ließ. Aber das Hauptziel wurde erreicht: man nahm wenigstens im Kunsthandwerk die verloren ge» gangcuen allen soliden Techniken wieder auf. In der Schmiede- kunst, in der Tischlerei und Schnitzerei, im Bucheinband und in der Lederplastik, in den Meralltechniken des Treibens und ZifelierenS, in der Kunstverglai'ung, in Gold- und Silberarbciten usw. wurden die alten handwerklichen Traditionen wiederhergestellt. Kunstgewerbe» schulen dienten der Pflege und Ausgestaltung der Technlken und Kunstgewerbemuseen trugen das Jntereise und das Verständnis für die Sache in weitere Kreise. Dem englischen Beispiel folgte etwa zwei Jahrzehnte später der Kontinent und auch Deutschland schloß sich auf seine besondere Weise der reformatorischen Bewegung an. Mit dem den Deutschen eigen- tümlichcn Bedürfnis, alles zunächst theoretisch in Angriff zu nehmen, ging man an» eine systematische und schematische Begnindung von Kunstgewerbemuseen und Kuiistgewerbeschulen, die bald in reicher Fülle, aber schulmeisterlicher Einförmigkeit allenthalben entstanden. Ein ganzes Heer von„Künstlerbeamten" wurde groß gezogen, von waschechten Bureaukraten. die, anstatt die Bewegung zu fördern, zu einer direkten Gefahr für die gedeihliche Ennvickelung wurden. Man wußte nichts Besseres zu tun. als die blöde Nachahmung, nicht bloß der alten guten Techniken, sondern auch der alten Stilsormeu, als höchstes Ziel hinzustellen. In England schützte der stets auf den praktischen Zweck gerichtete Sinn vor argen Ausschweifungen des Kunstbandwerks, in Deutschland aber konnte sich eine vollständige Verrrottelung und Verwahrlosung ungehindert vollziehen. Dre Zöglinge der neuemstaudeuen deutschen Kunstgewerbeschulen er» hielten eine ganz ungenügende technische Vorbildung und wurden dafür mit allerhand überflüssiger Gelehrsamkeit� be» lastet. Die Fühlung mit deni realen Leben ging vollständig verloren, von den wirkliche» Bedürfnissen des Publikums, für das man schaffen sollte, halte man keine blaffe Ahnung. Anstatt Hand- werker auszubilden, züchtete man Zwittergebilde aus halben Künstlern und halben Gelehrten. In der Blütezeit dieses Treibens, während der 1870er und 183ver Jahre, galt dre Nachahmung der deutschen Renaissance als das Ziel aller kunstgewerblichen Betätigung; der sogenannte„alldeutsche" Butzenscheibenstil und das Muschelornament beherrschten die Möbelmagazine. Die Verhältniffe hatten sich also nicht gebessert, sondern eher noch verschlimmert, und von den„maß- gebenden" Stellen auS wurde, trotz aller anscheinenden Rührigkeit und trotz aller pekuniären Aufwendungen, in Deutschland so gut wie nichts getan, um die verrotteten Zustände zu reformieren. Inzwischen hatte sich in den bildenden Künsten eine neue Strömung Bahn gebrochen, die auch das Kunstgewerbe mit sich fort» riß. Der frische Wind kam den bureaukratil'chen Perücken natürlich sehr ungelegen und die„Maßgebenden" beinübten sich, der Aus- breitung der modernen Bewegung jedes nur denkbare Hindernis in den Weg zu legen. Angesichts dieies bornierten Widerstandes mußten sich die Führer und Vorkämpfer der neuen Richtung wohl oder übel dazu entschließen, die nötigen Reformarbeiten selber in die Hand zu nehmen. Die deutschen Kunstgewerbler beschntten den Weg der Selbsthilfe. Vernünftigerweise ließ man die Theorie zunächst beiseite und zog gleich mit praktischen Unternehmungen ins Feld. Zahlreiche kunstgewerb» liche Werkstätten wurden gegründet, die erste»n München, andere in Dresden, Wien usw. Die ökonomischen Schwierigkeiten, mit denen diese privaten Etablissements zu kämpfen halten, erschienen anfangs niigeheuerlich, aber sie wurden allmählich und im allgemeinen schneller als man hoffen durfte überwunden. Ueber diese Seite deS modernen kunstgewerblichen Problems gibt eine vor kurzem er» schienen« kleine Schrift von Hermann MuthefiuS*) eine knappe, aber sehr klare und lehrreiche Uebersicht. Der Verfasser weist darauf hin, daß den deutschen Künstlern das Verdienst zukommt, als erste auch die K u n st i n d u st r i e im Sinne der veredelnden Tendenz der neuen kunstgewerblichen Bewegung beeinflußt zu haben. In England wurde nur das Handwerk reformiert, in Deutschland suchte man auch auf die mit Maschinen arbeitenden Fabrikbetriebe einzu» wirken, die allein imstande sind, billige und daher den breiteren Volksschichten zugängliche Produkte herzustellen. Man bemühte sich, neben den Entwürfen für die Handarbeit auch solche zu schaffen, die für die moderne fabrikmäßige Herstellung geeignet waren. Das Problem ist, da alle Vorarbeiten fehlen, ein außerordentlich schwieriges und konnte bisher nur zum kleinsten Teile gelöst werden. MuthesiuS be» richtet von einer Werkstätte, die seit zwei Jahren den Versuch macht, die bessere Möbelfabrikation, bei der vorher eine Herstellung in großen Auflagen kaum möglich war, in die Massenproduktton über» zuführen. Durch Zusammenarbeit deS technischen Leiters mit dem künstlerischen Mitarbeiter sind einfache GebrauchSmöbcl entwickelt worden, bei denen die maschinenmäßige Herstellung so weit getrieben, *) Wirtschaftsformen im K u n st g e w e r b e. Berlin Verlag von Leonhard Siniion Nf. 1808. Preis t M. ist, als sie überhaupt bei Möbeln eintreten kann, von diesen Möbeln werden vom selben Slück stets Auflagen von 100 auf einmal angefertigt. Die Arbeiten zeigen echtes Holz im Aeuhern und Innern, find frei von alle» Dutzcndverzierimgen, haben guten Beschlag und gute Schlösser, sind von ansprechender, dabei aber keineswegs auf« dringlicher lünstlerischer Form und konkurrieren im Preise mit den mittleren Magazminöbeln. Die meisten Möbel find zusammen- legbar und können so zu einem billigeren Tarif versandt werden als sperrige Stücke. Die Herstellung dieser sogenannten Maschinen- möbel ist vielleicht der erste Schritt— allerdings nur ein kleinwinziger Schritt— zur völligen Gesundung unseres modernen k.mstzrwerblichen Betriebes. Die auf diesem Ge- biete arbeitenden Künstler haben bisher fast ausschließlich Prunkstücke für Millionäre geschaffen. Die neue künstlerische Kultur. die sie anbahnten, konnte daher nicht ins Volk dringen und blieb auf wenige kleine Kreise beschränkt. Was aber vor allem not tut. sind billige, geschmackvolle und stil- gerechte kunstgewerbliche Produkte für die große Masse. Darauf sollten die Führer der Bewegung ihr Haupt- augenmerk richten. Ich glaube, die Künstler würden damit auch für ihre Person besser fahren, indem das Arbeiten für den Massenbetrieb erheblich einträglicher sein dürfte, als die Herstellung von relativ wenigen Elitestücken, deren Abnehmerzahl stets sehr eng begrenzt bleiben muß. Man wird vielleicht einwenden, eine Popularisierung de? mo- dernen kunstgewerblichen Stfls sei ja schon längst und aus breitester BafiS unternommen worden. Billige Möbel und andere Gebrauchs- gegenstände im.Jugendstil" und.Sezessionsstil" würden überall feilgeboten. Aber diese Produkte haben mit dem modernen Kunstgewerbe nicht das geringste zu tun. Sie geben nur gewisse oberflächliche, leicht in die Augen fallende Eigentümlichkeiten des neuen Stils in geist« und geschmackloser Verhunzung wieder. Ihre �Hersteller begehen genau denselben Fehler wie die Kunst- industriellen der früheren Verfallzeit: sie versuchen Modelle, die für die Handarbeit geschaffen sind, im maschinellem Betriebe nachzuahmen und bringen daher nichts weiter zustaitde als unsimiige Verzerrungen der ursprünglichen guten Vorbilder. Die moderne kunstgewerblicheBewegung ist ein kulturgeschicht- licher Faktor, die Jugendstil-Jndustrie lediglich M o d e s a ch e. Schon heute verkünden die Fachblätter des Kunst- gewerbes, der„neue Stil" habe abgewirtschaftet, in den Koffern der Handlungsreiscnden finde sich in diesem Jahre kein einziges «modernes Muster" mehr. Für die Industrie, die mit„Saison- Neuheiten" arbeitet, war der Jugend- und Sezessionsstil eben ledig- lich eine vorübergehende Mode wie jede andere. Die EntWickelung des modernen, von ernsten Künstlern geschaffenen und gepflegten Kunstgewerbes geht trotzdem unbeirrt ihren Weg. Bedauerlich ist nur, daß das große Publikum die Schöpfungen der Kunst von den kunstindustriellen Schleuderwaren nicht unterscheiden kann. Den weitesten Kreisen auch der sogenannten Gebildeten fehlt noch jedes innere Bedürfnis nach ästhetisch einwandfreien Erzengnissen, und selbst diejenigen, bei denen die etwaige Preisdifferenz keine Rolle spielt, begnügen sich mit künstlerisch wertlosen Surrogaten, weil sie den fundamentalen Unterschied zwischen diesen und jenen gar nicht empfinden. Der Grund liegt in der trostlosen künstlerischen Unkultur des Publikums, die ihrerseits eine Folge der langen Verfallzeit ist, aus Ider wir uns erst seit kurzem mühsam herausarbeiten. Um die Grundlagen einer neuen künstlerischen Kultur zu schaffen, bedarf eS daher nicht nur einer Erziehung der Künstler und Kunstgewerbler, sondern auch des Publikums. Diese ist vielleicht noch wichtiger als jene; denn wenn erst das allgemeine Bedürfnis nach Besserung ge- weckt ist. so werden die Mittel und Wege zur Befriedigung bald ge« funden sein. Welche Ansätze zu einer Kunsterziehung im modernen Sinne bei UNS in Deutschland während der letzten Jahre gemacht worden sind —- darüber wollen wir unS in einem zweiten Artikel orientieren. John Schikowski. (Nachdruck verbeten.) Puppen von beute. Von Hans O st w a IÄ- Berlin. Es kliitgelt an der Tür. Ein Bote bringt ein Päckchen. Die Mutter nimmt es ihm ab, geht geheimnisvoll in ihr Zimmer, öffnet das Paket und wickelt eine fertig angekleidete Puppe heraus, die auf dem Weihnachtstisch unter dem strahlende» Bauin liegen wird. So ist es jetzt in den meisten Familien. Nur ivenige Mütter kaufen, wie einst alle, einen Balg, krönen ihp mit einem Porzellan- kcpf oder einem solchen aus unzerbrechlicher Masse und schließen sich in den erwartungsvollen Wochen vor Weihnachten ab, opfern wohl gar noch die Nachtstunden, um aus dem Balg ein zierlich ange- pvtztes Fräulein zu machen. Klcidcrstoffreste, alte Scidenbändcr und Spitzcnüberbleibsel, die verachtungsvoll in einen Beutel gestopft worden waren, feiern in diesen Tagen eine frohe Wiederkunft. So war es früher, als es noch keine Puppenfabriken gab, in allen Familien. Die letzten zwei Jahrzehnte haben diese Vorfreuden fast ganz dem Familienkreis geraubt. Die fabrikmäßige Herstellung der fertigen Puppen überwiegt jetzt. Große Industrien haben sich der Buppcnfabrikation bemächtigt, und Tausende von sleißigcn Ar- beitskräften verdanken der Puppe, diesem beliebtesten Spielzeug der kleinen Mädchen, ihre Existenz. Ja, die Puppe ist ein großer Han- delsartikel geworden. Nicht nur für das Deutsche Reich. Auch das Ausland bezieht die kleinen buntgeputzten Körper millionenweise. So hat sich die Produktion der Puppe ungeheuer gesteigert. Und mit der Vergrößerung der Produktion spezialisierte sie sich auch. Es gibt heute große Etablissements im Puppensach, von denen sich die einen nur mit der Herstellung von Rohteilen, mit Fabri- kation von Rümpfen und Gliedmatzen, andere nur mit Bekleidung und wieder andere mit Beschaffung von Zubehörteilen befassen. Nur in einer der ältesten Fabriken in Schnecberg im sächsischen Erzgebirge kann man die Entstehung dev Puppe vom ersten Stadium bis zum fertigen Spielzeug verfolgen. Die Gründung der Fabrik ist typisch für die Entwickclung zum Fabriksystem. Die Frau eines Arztes hatte vor etwa t-l) Jahren eine kleinere Anzahl Puppen zu eigenem Vergnügen und für die armen Kinder dei Stadt angekleidet; das sah ein Kaufmann, der zur Messe reiste. Die Puppen gefielen ihm, er nahm sie mit— und sie hatten einen solchen Erfolg auf der Leipziger Messe, daß die Frau SamtätSrätin von Jahr zu Jahr immer mehr Frauen und Mädchen beim An- kleiden von Puppen beschäftigen mußte. Aus diesem Ansang ist die heutige große Fabrik entstanden, die an hundert Menschen sin Fabrikgebäude und und mehrere hundert Hausindustrielle zur Er- ledignng der Bestellungen gebraucht. Es mutz doch aus dem Markt das Bedürfnis nach fertigen Puppen bestanden haben; viele Müttei haben eben nicht die Zeit zum Ankleiden der Körper. Aber ihrem Liebling wollen sie doch das ersehnte Spielzeug aus den Weih- nachtstisch legen. Nur so ist es zu erklären, daß sich aus einer Spielerei ein Fabrikzweig entwickeln konnte. Die Glieder und Körper der heute so beliebten Gclenkpupven werden aus einem zemcntartigen weichen Teich geformt. Jeder von den Formern bekommt einen runden, tüchtig durchlnet;teri Kuchen der Masse, nimmt ein Stück davon, rollt es mit den Händen aus und legt es in eine harte Form, die das Bild des Rumpfes» des Beines oder des Armes vertieft zeigt. Die beiden Hälften der Form werden zusammengepreßt— in wenigen Sekunden ist daS Glied entstanden. Nun kommt es auf Trockcngerüste, wo es lang- sam zu fester Masse wird. Ist das Glied trocken, so wird eS von den Formrändern befreit, mit Farben gestrichen und lackiert und kommt in den Raum, wo es mit Rumpf und Kopf zusammengefügt wird. Das besorgen häufig junge Burschen. Nur wenige Hand- griffe sind nötig, um die Verbindungsdrähte durchzuschieben, um, zubiegen und abzukneifen. Der edelste Teil der Puppe, der Kopß erfordert allerdings ein wenig mehr Aufmerksamkeit und Zeit bei seiner Herstellung. Er will besonders geformt und behandelt sein. Das Bestreben nach Dauerhaftigkeit, nach Unzerbrechlichkeit hat nun eine ganze Auswahl von Köpfen neben den immer noch nicht ganz verschwundenen Köpfen aus Porzellan oder Wachs in die Welt gesetzt. Da gibt es solche aus gestanztem Blech, andere aus Papiermache, wieder andere aus Zelluloid. Die letzten Jahre haben nun noch Gummoid auf den Markt gebracht. Das ist eine sehr haltbare und billige, gummiähnliche Masse, die nur an kalten Tagen geformt werden kann und die bis auf die halbe Größe der ursprünglichen Form eintrocknet. In die Köpfe werden erst, nach- dem sie bemalt sind. Augen und zierliche Porzellanzähnchcn ein»,. gegipst, die aus den roten geöffneten Lippen so blank uifl> frisch�M blinken. Die zusammengesetzten Puppen kommen in den Zuschneidcsaal. Dort wird allerdings nicht mit solch kleiner Sckere an Resten oder alten Lappen herumgeschnitten wie im Familienkreis. Eine große Maschineuschere schneidet Röckchcn und Hemdchcn, Jäckchen und Mänlcl. alle Zutaten der Ober- und Unterkleidung aus zwanzig- bis dreißigsack aufeinandergelegten Stoffen aus. Ja, da werden große Stofsstücke verbraucht, die eigens zu diesem Zweck gcwebt, deren Muster für Puppen berechnet sind. Mehrere Mädchen tun nichts weiter, als nur immer neue Muster, neue Moden zu» sammenjtcllcn. Ja, auch die Puppen haben ihre Moden l In oen letzten Jahren machte sich, besonders im Erzgebirge, die Rich- tung bemerkbar, die Puppcnmode der Kindermode anzupassen— in dem richtigen Gefühl, daß die kleinen Mädchen sich zur Puppe Wie eine Mutter zum Kinde stellen. Das zugeschnittene Material wird nun mit schmalen, feinen Puppenspitzen und Pupvenkanten und kleinen Knöpfen besetzt und zusammengenäht. Dutzende von den zwerghaften Kleidungsstücken werden in einer Stunde fertig. Mit großer Sicherheit wird das in wenigen Minuten vollbracht, wobei sich sonst manche Mutter die Augen in nächtlicher Stunde wund sah. Die genähten Stücke werden mit den Körpern aus dem Haus gegeben. Vielfach wandern auch gleich die Zutaten in die Hände der Hausindustriellen, die an bestimmten Tagen ihre Körbe voll angekleideter, nahezu fertiger Puppen zurückbringen. Das Ankleiden ist nämlich nicht das letzte. Jede Mutter, die einmal selbst eine Puppe für den Weihnachtstisch angekleidet hat, wird wissen, daß dabei die Frisur der Puppe zerzaust wird. So bekommen denn auch die Puppen in der Fabrik ihr Haar zuletzt. Die Perücken, die ja fast nie aus wirklichem Haar, sondern fast immer aus präparierter Wolle eines exotischen Tieres bestehen, werden aufgeleimt. Und zwar nicht ganze Perücken, sondern nur einzelne Lockenwickel, die vorher über Glas gerollt sind und nun ausgekämmt werden. Da wird im Handumdrehen mit Vinkel, mit Bremteifcn, mit Kamm inA Schere eine glänzende Frisur erzielt. die das Werl so vieler Hände zu einem vollkommenen macht. Von der Direktrice geprüft, werden all die herrlichen Gc- palten in Kartons verpackt und nach dem Lagerraum geschafft, jju Hunderten wandern sie in große Kisten auf Eisenbahnen uno Schiffen hinaus in alle Welt, um ihren Zweck zu erfüllen: von zärtlichen kleinen Händen unter dem Weihnachtsbaum gefunden zu werden_ Kleines f euUleton. Zur Bcrlandung der märkischen Seen und zur Entstehung der Kiesenmoore liefert Paul Gräbner in seinem soeben er- schicnenen Buch.Die Pflanzenwelt Deutschlands' interessante Bei. träge. Eine Bcrlandung von Seen und ihre Verwandlung in Moore und Wiesen, wie wir sie in nächster Röhe Berlins z. B. im �Grunewald. dem Nikolassee und den Rchwiescn bei Schlachtcnsee überaus häufig beobachten können, tritt meist bei solchen Seen ein, die keinen oder nur sehr geringen Abfluß haben. Auf dem Boden dieser Seen festgewurzelt oder frei in ihnen schwimmend wuchern stets Wasserpflanzen in großer Menge, deren abgestorbene Teile, be» sonders zahlreich im Herbst, zusammen mit den Resten von aller- Hand Tieren zu Boden sinken. Ihre Zersetzung kann stets nur eine mangelhafte sein, da der Luftzutritt fehlt. Zu dem immer mehr und mehr sich anhäufenden Schlamm und Schlick kommt noch der sich aus dem Wasser niederschlagende Kalk hinzu. Ständig werden auch vom Rand des SeeS her Laub und verdorrte Stengel von Land- und Uferpflanzen ins Wasser getrieben. Auf den schwimmenden Resten siedeln sich allerhand Sumpfpflanzen an, die sich durch Aus- läufcr vermehren und schließlich eine zusammenhängende, grüne Decke bilden helfen, auf der bisweilen schon höhere Pflanzen festen Fuß fasten können, indem sie durch diese und das darunter befind- liehe Wasser hindurch ihre Wurzeln in den Boden senken. Infolge der fortgesetzten Aushöhung deS Bodens, besonders in windstillen Buchten, wohin kein Wellenschlag dringt, wird es der Ufcrvcgetation ermöglicht, immer weiter in den See vorzurücken. Wenn schließlich die Wassertiefe keine beträchtliche mehr ist, so wuchern die Pflanzen oft so stark, daß der Wellenschlag vollkommen ausgehoben wird und nicht mehr in die Tiefe dringt. Wer im Kahn einen solchen See durchguert, kommt oft nur mit Mühe durch derlei umherschwimmende Wiesen hindurch. Je mehr Pflanzen, desto mehr Reste sammeln sich aber auf dem Grund an, desto weiter rücken die Teichbinsen,„Buinskeulen", und Rohrgräser, die Wasser- aloö usw. vor. Die freie Wasterfläche wird immer kleiner, bis sie schließlich ganz überwuchert ist. Aus dem Wasser ist ein Riede- rungsmvor geworden. Anfangs ist dieses Moor nur mit Hilfe von langen, unter die Füße geschnallten Brettern bctrctbar. Stärkere Winde versetzen sogar noch die Decke in eine schaukelnde Bewegung; daher der Name .Schwapp- oder Schaukelmoor'. Auf das im Entstehen begriffene Neuland wandern bald allerlei Kräuter ein, besonders Gräser, die gewissermaßen als Kolonien feste Büschel, die.Bülte', bilden, die man getrost betreten kann, ohne in die Gefahr zu geraten, unter- zusinkcn. Die einzelnen Nasen flecke streben immer mehr zusammen, vereinigen sich und werden so mit der Zeit trag- und damit auch kulturfähig; der Boden kann als Wiese ausgenutzt werden. Jedoch birgt diese moorige Wiese an den weniger dichten Stellen noch große Gefahren; wer da einsinkt, kann sich ohne fremde Hilfe nicht herausarbeiten, sondern ist unrettbar verloren. Falls die Wicsenwirtschaft eine sehr intensive ist. d. h. daS Heu jedes Jahr em oder gar mehrere Male abgeerntet wird, bleibt die Wiese noch lange in diesem halbmoorigen Zustand. Denn dadurch, daß die oberirdischen Teile weggeschafft werden, wird verhindert, daß der Boden durch Aufhäufung neuer Stoffe dichter und fester werde. Geschieht dies aber nicht, so sinkt die Decke immer tiefer, bis die darunterliegende Wasserschicht vollkommen verschwunden ist. Aus dem See ist eine trockene Wiese geworden. Damit Hand in Hand geht aber eine Veränderung des Grund- Wasserstandes. Die auf der Wiese bislang wachsenden Sumpf- pflanzen können allein von den atmosphärischen Niederschlägen nicht leben und machen böhcrcn Platz; Sträucher und von Bäumen auch die Wirke und die Kiefer siedeln sich an. Denn solange der Boden noch moorig war, konnten sie sich darin nicht halten. Moorboden ist infolge der durch die feste Decke verhinderten Luftzirkulation stets lustarm, weshalb wir auch bei Sumpfpflanzen verschiedene Vorrichtungen zur Durchlüftung besonders der unteren Organe in Form hohler Stengel u. dergl. finden. e. g. Kulturhistorisches. Vom ältesten Schriftweien der Chinesen. Die jüngsten Entdeckungen Dr. Siems in Turlestan und Tibet, von denen in der Presse schon mehrfach berichtet worden ist, haben auch auf daS älteste Schrift» und, wenn man so lagen darf, Biicherweien der Chinesen manche» neue Licht geworfen. Dr. Stein fand nämlich, wie die„Imperial and Asiatic Quartesly Review' mitteilt, einige literarische Urkunden auS den» älieften China, deren früheste bis ins Jahr 209 v. Chr. hinaufreicht, und die somit der wenige Jahre später von einem über die Liieraten erzürnten Kaiser angeordneten Vernichtung aller schriftlichen Aufzeichnungen der Chinesen entgangen waren. Das Material dieser Schriftstücke waren zugeschnittene Streifen auS Bambus, auf denen die Zeichen einer Bilderschrift mit tuschartigcr Tiute oder Firnis aufgetragen wurden; dagegen wurde in jenen ältesten Zeiten weder Pergament noch Papier von den Chinesen zum Schreiben benutzt. Bei dieser Art von Material stand den Schreibern natürlich immer nur eine kleine Fläche zur Verfügung, die nur in der Länge erdeblich abgeändert werden konnte; in der Tat stellte Dr. Stein fest, daß die Länge der verwandten Streifen mit der Bedeutung deS Inhalts wechselte, so daß alio z. B. klassische Schriften. Staats« Urkunden uiw. auf Streifen von 2l/t(engl.) Fuß, minder wichtige Aufzetchnuugen dagegen auf S'reifen von der halben Länge nieder» geschrieben wurden. Diese Bambus- oder Holzstreifen gleichen in der Form etwa unseren hölzernen oder beinernen Papiermessern, die ja auch häufig mit Schriftzeichcn oder Bildern bedeckt sind, und man kann ermessen, daß eine größere Niederschrift auf diesen Streifen, die höchstens mit 90 Bildzeichen bedeckt werden konnten, ein ebenso unhandliche» wie gewichtiges Litcraiurerzeugnis gewesen sein muß; würde doch ein Buch mittleren Umfanges in dieser Schreib- ort etwa einen ZenMer wiegen. Die einzelnen Kapitel dieser„Bücher' — auch dieses Wort erinnert ja noch an das einstige Eiiiritzen von Schriftzeichcn in buchene Holzstäbe— wurden durch Lederriemen oder Seidenfäden zusammengefaßt, die am oberen Ende der Streifen durch Oesen liefen, und wurden häusig noch zur Erhöbung deS Schutzes in köchcrartigen Futteralen untergebracht. Außer diesen Streifen wurden auch viereckige Holztafeln von etwa einem Fuß Breite zur Ausnahme wichtiger StaatSurkuuden, Proklamationen uiw. verwandt, während kleinere Ptällchen aus Holz oder Bambus zur Aufnahme von Visitenkarten. Briefen, geschäftlichen Mitteilungen und ähnlichem Verwendung fanden. Volkskunde. Die WeihnachtSr ute. Sie war lange dabei, die Weih« nachtSrnte; unter dem Christbaum stand sie mitten zwischen den Puppen und Bleisoldaten al» ein Symbol für den Ernst des Lebens! Wie kam der strenge Gast unter allen Glanz der Festesfreude, wie wagte sich dieser Geist der Strafe hinein in die Welt der Liebe?... Die Rute bat im Lause der Jahrbunderte ibren Zweck und ihre tiefere Bedeutung»ehr verändert; aufklärerische und pädagogisch gesinnte Zeiten haben aus ihr, die ein Segenszweig und ein Unterpfand neuen Btühens und Gedeihens war,� daS böse Werkzeug gemacht,„das da zu Lehre und Disziplin gehöret'. Der altgermanische Baumkultus sah im Zweige ein unzerstörbares Element der Kraft, das durch die lange Winlerszett sieb fort und fort erhalte bis zu schönerer Wiederenffaltung im Frühling. So brach man denn am Winteranfangstage Ziveige von den Bäumeil und stellte sie feierlich auf. Durch einen Schlag mit solch einem Segenszweige, glaubte mau, werde dem Getroffenen Glück und Ge» deihen gespendet. Solch Berühren mit Baumzwcigen ist ein in der Baum» Verehrung vieler Völker wiederkehrender Zug. der sich z. B. auch im alten Indien findet. Man schlug daher in manchen Gegenden die Bäume mit Zweigen, damit sie im nächsten Jahre viele Früchte brächten. Doch schlugen vor allem die Burschen des Dorfes die Mädchen, die sie dafür mit Bier. Branntwein und Kuchen bewirteten. Allüberall taucht im weihnachtlichen Volksbrauch des Mittelalters die beilige Rute auf, der blühende Zweig der deutschen Winteranfangs» feier; sie erscheint als Marimsgerte, als Rikolausbäumchen, als blühender Loszweig in Tirol und als der uns auch noch heule so vertraute Tanuenziveig. Das Schlagen mit den Zweigen wurde gewöhnlich am 28. Dezember, am Tage der unschuldigen Kinder vorgenommen; dieser lluschuldige Kindertag bildete den Abschluß der weihnachtlichen Festzeit im Mittelalter; so- lange dauerte die selige Zeit der Kinderherrschaft. da ein Kinderbischof geivöhlt war und die Kleinen einmal im Jahre die erste Rolle spielten. Da der 28. Dezember als der Gedächtnistag deS belh- lehemitischen Kindermordes der einzige Tag de» christlichen FestjahreS war, deffen Sage mit Kindern in Berührung stand, so trafen gerade an diesem Tage christliche und heidnische Vorstellungen zusammen. Der altgermanische Glaube an die fruchlbare, segenspendende Wirkung der Zweige verschwand allgemach; an die Stelle der„großen, starken Knechte, so zu Weyhnachten daS Kindlen oder Dingel» treiben, indem fie die Mägde und Weiber mit Gene» und Ruten hauen', traten im Anfang des siebzehnten Jahrhunderts ganz allgemein die Kinder. Die Kleinen schlugen die Eitern oder sonstige Verwandte und Bekannte mit einem Ziveige, der ur- sprünglich als blühend gedacht ivar, und erhielten dafür Geschenke; das Schlagen galt also noch als etwas Gutes. Mit der allmählichen Einführung der Weihnachtsbescherung in unserem heutigen Sinne, die erst nach der Reformation m der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts geschah, wurde dann die„Christrutle' der„Christbürven' beigefügt, jenem geheimnisvollen Bündel, in daS die Geschenke zusammengebunden wurden, um dann den Kindern i ins HauS getragen zu werden. Diese Rute erhielt nun ganz langsam den gestrengen lehrhaften Nebensinn. Die Sitte, daß die Kleinen Verwandte und Freunde schlugen, be» stand noch weiter fort. Noch um 1899 berichtet davon der Leipziger Magister Eberhard, ober er versteht den Sinn dieses Brauches nicht mehr, tlnierdeffen hatte jedoch die Weihnacht-Z» rure längst jene moralische Ausdeutung erhalten, die in ihr neben all den Freuden des weihnachtlichen Festes des Lebens BitteruiS und Strenge repräsentiert sah. Verantwortl. Redakteur: Hans Weber. Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. Verlaasmutalt Paul Sinaer LcCo..Berlin SVL