Anterhaltungsvlatt des Horwärts Nr. 261. Dienstag den 29 Dezember. 1903 (NachdrvS«kbsfeHj i3 Drei Uocte. ErzMnng von Leo Tolstok, I Es war Herbst. Auf der Landstraße sichren im schnellsten Schritt zwei Wagen dahin. In der vorderen Kutsche saßen zwei Frauen: die eine, die Herrin, war mager und bleich, die zweite, die Dienerin, hatte rosige Wangen und üppige Formen. Die kurzen, trockenen Haare drängten sich unter dem der- fchossenen Hute hervor, die rote, in einem zerrissenen Hand- sckuh steckende Hand nesielte beständig an ihnen. Die hohe, mit einem gewirkten Tuch überdeckte Brust atmete Gesund- heit. die lebhaften, schwarzen Augen sHveisten bald durch das Fenster über die dahinschwindenden Felder, bald betrachteten sie furchtsam die Herrin, bald nnisterten sie unruhig die Ecke der Kutsche. Vor dem Gesicht der Dienerin schaukelte in einem Rehe der Hut der Herrin, auf ihren Knien lag ein Hündchen, ihre Füße standen auf den Schachteln, die am Boden des Wagens lagen, und trommelten kaum hörbar vor dem Knarren der Federn und dem Klirren der Scheiben. Die Dame hatte die Hönde in den Schoß gelegt, die Augen geschtosim und wiegte sich sägvach in den Kissen, die man ihr unter den Rücken gelegt hatte. Ihre Stirn war leicht ge- rrnewkr, und sie hustete hohl. Auf dem Kopfe trug sie ein weißes Häubchen, um den zarten, bleichen Hals war ein blaues Tüchlein geschlungen. Ein gerader Scheitel, der unter dem Häubchen herworscch, teilte das blonde, ouffailend dünne, pomadisierte Haar in zwei Teile. Es lag etwas eigentümlich Trockenes, Abgestorbenes in der weißen Haut dieses breiten Scheitelcs. Die welke, ein wenig gelbliche Haut lag nicht fest ans den dünnen und schönen Umrissen des Gesichts und rötete sich auf den Wangen und Backenknochen. Die Lippen waren trocken lind unruhig, die dünnen Wimpern kränselten sich nicht, und der Reise-Tuchmantcl machte auf der eingefallenen Brust gerade Falten. Obgleich die Augen geschlossen waren, druckte doch das Gesicht der Dame Müdigkeit, Erregung und Gewöhnung an Leiden aus. Der Diener auf dem Bock saß zusammengesunken da und schlief: der Postkutscher trieb unter lebhaften Zurufen einen kräftigen, schweißtriefenden Viererzug und schaute sich von Zeit zn Zeit nach dem andern Kutscher um, dessen Zurufe von dem Wagen hinten herüberkamen. Die gleichlaufenden breiten Spuren der Wagenräder zeichneten sich regelmäßig und schnell in dem talkartigen Schmutz der Straßen ab. Der Himmel Uar grau und kalt. Feuchter Nebel bedeckte Felder und Wege. Im Innern der Kutsche war es dumpf, roch es nach Kölnischem Wasser und Staub. Die Kranke legte ihren Kopf zurück und öffnete langsam die Augen. Ihre großen Augen waren glänzend lind von schöner, dunkler Farbe. Schon wieder, sagte sie und stieß nervös mit ihrer schönen bagcrn Hand den Mantelzipfel der Dienerin zurück, der kaum ihre Füße berührt hatte, und ihr Mund zuckte schmerzhaft zu- sammen. Matroscha nahm mit beiden Händen ihren Mantel auf, erhob sich aus ihren kräftigen Beinen und rückte ab. Ihr frisches Gesickt bedeckte sich mit hellem Rot. Die schönen dunklen Augen der Kranken folgten fieberhaft den Bewegungen der Dienerin. Die Tame stützte sich mit beiden Händen auf den Sitz und wollte sich auch erheben, um sich höher hinauf- zusetzen, aber ihre Kräfte versagten, ibr Mund zuckle. Ihr ganzes Gesicht ward durch den Ausdruck ohnmächtiger, bos- haffer Ironie entstellt. Wenn Du mir wenigstens helfen walltest!... Ack. es ist nicht nötig, ich werde allein fertig. Aber lege mir. bitte, nicht Deine Säckchen in den Rücken!... Nun, laß schon lieber. Tu verstehst es doch nicht! Die Kranke schloß die Augen, dann öffnete sie wieder schnell die Lider und warf der Dienerin eitlen Blick zu. Matroscha biß sich in die retc Unterlippe, während sie sie ansah. Ein schwerer Seufzer kam aus der Brust der Kranken, aber ehe er ansklang, ging er in Husten über. Sie wandte sich ab. runzelte die Stirn und faßte mit beiden Händen nach der Brust. Als der Husten vor- über war, schloß sie wieder die Augen und saß unbeweglich da. Die Kutsche und die Kalesche kamen in ein Dorf. Matroscha zog ihre rundliche Hand unter dem Tuche vor und machte das Zeichen des Kreuzes. Was soll das heißen? fragte die Dame. Eine Station, gnädige Frau. Ich frage, warum Du Dich bekreuzest? Eine Kirckie. gnädige Frau. Die Kranke tvcmdte sich zu dem Fenster und begann sich langsam zu bekreuzen, sie öffnete ihre Augen weit und bö- trachtete die große Dorfkirche, um welche ihre Kutsche herum- fuhr. Tie Kutsche und die Kalesche hielten gleichzeitig an der Station. Aus der Kalesche stieg der Gatte der Krauten und der Arzt, sie traten an die Kutsche heran. Wie suhlen Sie sich? fragte der Arzt und legte seine Hand an den Puls. Nuil, meine Liebe wie geht's, bist Du nicht müde? fragte der Gatte französisch. Willst Dl: nicht aussteigen? Matroscha nahm ihre Bündel zusammen und drückte sich in die Ecke, um die Sprechenden nicht zu stören. Immer unverändert, antwortete die Kranke. Ich will nicht aussteigen. Der Mann stand noch eine Weile, dann ging er in daS Stationsgebäude. Matroscha sprang cius der Kutsche und lief auf den Fußspitzen durch den Schmutz zum Tore.. Daß ich nicht wohl bin. darf Sie nicht abhalten zu sri'ch- snicken, saate die Kraute mit leichtem Lächeln zum Arzte, der noch am Wagen stand. Sie kümmern sich nicht lim mich, fügte sie noch vor sich hinsprechend hinzu, als der Arzt sich mit leisen Schritten von ihr entfernt hatte und eilig die Treppen des Stationskiauws hinaufstieg. Ihnen ist wohl, alles übrige ist ihnen gleichgültig. O mein Gott! Nun. wie, Eduard Jwano'.vitsch? fragte der Gatte, indem er dem Arzte entgegenkam und sich mit fröhlichem Lächeln die Hände rieb. Ich habe das Reisekästchen holen lassen. Wie denken oic darüber? Warum nicht? antwortete der Arzt. Aber wie geht's mit ihr? fragte der Gatte mit einem Seufzer, indem er die Stimme senkte und die Augenbrauen hochzog. Ich sagte Ihnen, sie kann unmöglich bis nach Italien kcmmen. Gott geb s. daß wir nach Moskau kommen. Besonders bei diesem Wetter. Was ist also zu machen? Ach, mein Gott!— Der Herr bedeckte seine Augen mit der Hand.-7 Gib her, rief er dem Diener zn, der das Nteisekäsichen hereinbrachte. Wir hätten zu Hanse bleiben sollen, antwortete Her Arz! und zuckte die Achseln. Segen Sie doch selbst, was habe ich tun können? erwiderte der Gatte. Habe ich nicht alles getan, um sie zurückzuhalten? Ich hielt ihr die Kosten vor. die Kinder, die wir allein lassen mLssen, meine Geschäfte, sie will nichts hören. Sie macht Pläne für das Leben im Auslande, wie eine Gesunde, und ihr die Wahrheit über ihren Zustand sagen, das hieße geradezu sie töten. Sie ist nicht mehr zu retten, das müssen Sie missen, Wassilis Dmitritfch. Der Mensch kann nicht leben, wenn er keine Lunge hat: Lungen wachsen nicht wieder. Traurig, betrübend, aber was ist da zu tun? Meine und Ibre Auf- gäbe besteht nur darin, ihr Ende so leicht als möglich zu ge- stalten. Wir brauchen einen Geistlichen. O mein Gott, so begreifen Sie doch mehre Lage. Wie kann ich ihr von ihrem letzten Willen sprechen!... Es komme, wie es will, ich kann ihr das nicht sagen. Sie wissen doch, wie gut sie ist... Versuchen Sie doch, ihr zuzureden, daß sie warte, bis es Schneewege gibt, sagte der Arzt, bedeutsam derr Kopf hin imd her wiegend. Es könnte uns unterwegs schlimm ergehen. Aksiuscha, he Aksiuscha, rief gellend die Tochter des Post- balters. indem sie die Katzawaika über den Kopf warf und über die schmutzige Hintertreppe lief.— Komm, wir wollen uns die GulSherrin von Schirkin ansehen. Sie ist brustkrank, heißt es, und reist ins Ausland. Ich habe noch nie ehren Schwindsüchtigen gesehen. Aksiuscka kam eilig an die Schwelle, die beiden Mädchen faßten sich bei der Hand irnd eilten zum Tore hinaus. Ja lengsamerem Schritte gingen sie um die Kalesche herum und blickten durch das herabaelaskue Fenster hinein. Die Kranke wandte ihren Kopf nach ihnen um. als fie aber ihre Neugierde bemerkte, wurde sie unwillig und wandte sich zurück. Du lie— ie— fccr Himmel, sagte die Posthalterstochter, hastig den Kopf zurückwerfend, was war das für eine Frau, und wie sieht sie jetzt aus! Ach entsetzlich! Hast Du gesehen, Utuuscha. hast Du gesehen? Ach, wie mager sie ist, stimmte Aksiuicha zu.— Komm, Wir wollen noch einmal hinsehen, als ob wir an den Brunnen gingen. Siehst Du, sie hat sich umgedreht und ich habe sie noch nicht gesehen. Wie traurig, Mascha. lFortsetzung folgt.) (SNtädniik verbolen.) OnentaUfcbe Schwanke, Von Roda Roda. I. Heiri, Gurkur, Bubalo. Der Kadi von Pasargadä war so bcriibmt ob seiner Weisheit und Gerechtigkeit, datz seine Urteile im Wilajet Ekbatana geradeso galten, als däue sie der Kalif selbst zum Gesetze gemacht. Zu die« ein Kadi kamen eincZ Tages drei ionderbare Kläger: Heiri. das 5kamel— Gurlur, der Eicl— und Bubalo, der Ochse. Heiri war itir Sprecher und sagte: „Erhabener Kadi 1 Gesas; und Inhalt der Gerechtigkeit! Glanz- spender deö weihen Barles I Stütze des Thrones und du Stab des Botksoerlrauens I Ich Heiri— dieler hier: Gurkur— und jener: Bubalo— ericheinen vor deinem milden Angesichte, um Klage gegen die Menschen zu führen, die unsere Geschlechter venniglimpicn und unsere ehrlichen Slaimnesnamen zu Schimpf und Schande für einander mißbrauchen. So oft einer von den Menschen eine Dumm- heil begehl, sagen ihm die anderen:. Du Kamel I Du OchS I Du Esel!... Sprich, weiser Kadi, ist daö gerecht?" Der Kadi überlegte lange und sprach dann: „WaS ihr da sagt, scheint richtig— und doch ist schwer abzu- hellen— eS steht ein uralter Brauch entgegen. Die Menschen ballen euch nun einmal für dumm. Indes— gehet hin— du Heiri'gen Ost. du Gurkur'gen Süd— und du Bubalo nach Westen und suchet, ob ihr einen Menschen fändet, der dümmer ist als einer von euch. Kommt wieder in sieben Tagen und meldet mir von eurer Wanderung. Dann will ich eni'cheiden. wie'S künftig sein soll." Als sieben Tage vergangen waren, standen die drei wieder vor dem Richterituhle des Kadi von Pasargadä und wollten berichten, was sie gesunden. Bubalo erhielt zuerst das Won und begann: „Ich weidete auf einer Wiese, da kamen zwei Menschen deS Weges— eine Jungfrau und ein Mann. Er sprach auf fie ein; sie ober schüttelte nur immer den Kopf. Da sagte der Mann:„Ich liebe dich— ja— ich schwöre dir. daß ich dich liebe I" Sie wollte immer noch nichts von ihm wissen. Er sei wankelmütig, sagte sie, morgen werde er sie vergessen haben.—„Nie, Geliebte." rief er,„ich schwöre dir, das; ich dich in alle Ewigkeit so heih lieben werde wie heute."— Als sie das hörte, sank sie an seine Brust und ste tühlen einander.—— Sprich, Kadi, ist der Mann, der das mit ehrlichem Gewissen geschworen— nicht dümmer als ein Ochse? Und ist fie. die ihm das geglaubt..?" „Genug," unterbrach der weise Richter,„du hast deinen Prozeß gewonnen... Laßt hören, was Gurkur, der Eiel, zu bieten hat." „I— a, j— ti", sagte Gurkur,„auch ich bade, glaube ick;, meine Aufgabe gelöst.— Ich trabte durch die Straßen von Gaugamela vor den Rebellen her, die die Burg ihres Stadtältesten stürmten. Sie fingen den Aeltestcn und hielte» Gericht über ihn. Er sollte selbst- üÄng und heuchlerisch gewesen sein. Sie verbrannten ihn aus dem Scheiterhaufen und hoben Omer ib'n Selini an seine Stelle. Der versprach ihnen, nur tiir's allgemeine Wohl wirken und in allen Slücken ehrlich sein zu wollen. Da jubelicn sie ihm zu und freuten sich sehr, daß fie nun einen Bessern Sladlvater hätten, als der vorige gewesen.-- Sprich, weiser Kadi, sind diese Menschen nicht dümmer als die Esel?" Nachdenklich nickte der Richter Beifall und winkte Heiri, dem Kamele, zu sprechen. „Ich Höne in Arbela eine Streitsrage vor dem Gerichts an." erzählte Hein. Es stand gefesselt Aivdi. ein junger Mann da. der dem Armenier GygoS einen Beutel GoldeS gestohlen haben sollte— just zu der Zeit, da GygoS beten gegangen war. Aivdi hatte allein «n Laden deS GygoS geweilt und trug, wiewohl er auS armer Familie stammte, viel Gold bei sich, als man ihn gefangennahm. Gleichwohl beteuerte er seine Unschuld und jammerte— er sei damals nicht im Basar, sondern bei seiner Mutter gewesen." „Wenn es s» ist", sagte der Kadi von Arbela,„dann laßt uns die Mutler vernehnten, die ich als überaus fromme und rechtliche Frau kenne."— Und sie sandten nach der Mutter.— Sprich, edler Kadi, sind diese Leute nicht dümmer als die Kaniele, die da glauben, eine Mutter werde nicht meineidig werden für ein Kind?" „Ihr habt alle drei recht behalten", entschied der Kadi,„und bei meinem Barte: fürderhin soll eS keinem Muselmaim beifallen, einen Menschen ob seiner Dummheit mit dem Namen euer Geschlechter zu belegen.— Ihr seid entlassen." Die drei gingen.— Bor dem Tore sagte daS Kamel:„WaS gilt die Wette, Brüder? Der alte Eiel da drimien meint, mit seinrttt Spruche sei unS nun geholfen l" EL Der fro m in e Abdullab. JijN Mekian, einem Dorfe bei Granada, lebte zur Zeit der maurischen Herrschast ein Gelehrter, namens Abdullah, der nicht nur den Kor'an von vorn und von hinten auswendig hersagen konnte, sondern auch wegen seiner Macht über die Krankheiten deS mensch- lichen Leibes weit und breit berühmt war. Lange Jahre hatte er sorgenlos und hochverehrt im Kreise von Mekian gewirkt, als sich eines TaqeS der Derwisch Edhem im Orte niederließ. Der rühmte sich, ein Tabeaj tabiin, alko ein Mann zu fem, der Leute gekannt habe, die andere Leute gekannt, die Allahs Abgesandten Mohammed mit eigenen Augen gesehen hatten— und lockte durch diese Lüge groß und klein, hoch und niedrig an sich. Das verdroß den froimnen Abdullah sehr. Er erinnerte sich jetzt ebenfalls, in seiner Kindheit Leute gekannt zu haben, die anders kannten, die Mohammed gesehen hatten— und— man lachte ihn aus. „Warum verhöhnt ihr mich?" fragte der alte Abdullah auf» gebracht.„Glaubt ihr mir etwa nicht?" „Wie sollten wir—" antwortete man ihm,„wie sollten wir dir glauben, da doch seit deS Heiligen Tode zwei Jahrhundert» ver» flössen find?" „Aber der Terwisch Edhem ist jünger als ich," erwiderte Abdullah. „Hahaha!" lachten nun alle.„Hört nur— Abdullah will älter sein als der Derwisch, der doch vierzig Jahre in ver Wüste geiefien hat, vierzig Jahre am Meeresuser und vierzig Jahre im Schatten einer von Mohammed aloihi selam wo seilen) ge- pflaiizien Palme!" Durch so viel Lüge wurde der fromme Abdullah schmerzlich berührt und ging stumm und betroffen nach Hause. Siebzehn' Tage hielt er sich im Zimmer eingeschlossen und befragte die gelehrten Bücher. Am achtzehnten Tage schritt er, ernster denn je. durch den Bazar. An der Schwelle des Richters saßen die Häupter der Gemeinde um den Derwisch Edhem versan'.mett. Abdullah grüßte sie segnend, ging aber gemessenen Schrittes weiter.— Als er an das Ende des Dorfes kam, sah er Maurer- leule an der Arbeit. „Woö tut ihr da?" fragte der fromme Abdullah verwundert. „Wir bauen ein Haus für den überaus gelehrten Derwisch Edhem, dem es in Mekian so wohl gefällt, daß er zu bleiben gedenkt. Aber nun fehlen unS dreiundtreiß'ig Bretter und ein Pfahl von dritthalb Ellen Länge— lind wir überlegen, wo wir den Bauherrn finden könnten, damit er uns die fehlende» Hölzer beschaffe." „Dort ist er," sagte der fromme Abdullah und wies die Maurer nach einer falschen Richtung. Er selbst aber kehrte um und setzte sich dem Derwnch gegenüber vor des Richters Hauö mitten unter die Häupter der Gemeinde. Als einige Zeit vergangen war und der Terwisch seine Zu- Hörer mit immer neuen, immer größeren Lügen betört und wieder betört hatte, rief der Richter:„Sieh hin— dort naht dein Maurer. Was mag er wollen?" „Weiß ich's?" sagte der Derwisch leichthin und zuckte die Achseln. Da sprach der fromme Abdullah: „Wenn mich nicht alles trügt und ich in de» letzten Wochen nicht Allahs Unwillen erregt habe, so wird der Maurer dreiunddreißig Bretter und einen Pfahl von dritthalb Ellen Länge fordern." Indessen war der Maurer Heiaugekommen und— verlangle wirklich alles haar-— haargenau so, wie eS der fromme Abdullah vorhergesagt hatte. Am selben Abend ergriff der Derwisch seinen Wanderstab und pilgerte von daimen. Vorher aber schlug er noch dem frommen Abdullah die Fenster ein. HI SuleymanS Esel Eines TageS öffnete der arme Suleyman die Tür feines Stalles und vermißte den Esel. Er suchte ihn vor dem Hause, im Garten, aus dem Felde, im Buschwerk, die Dorfstraße entlang— überall.— Vergebens. Der Esel war unauffindbar am ersten, zweite» und dritten Tage. „He!" rief der arme Suleyman einen kleinen Jungen an, der sich am Weiher umhertrieb,„hast Du nicht einen Esel gesehen? Einen kleinen, jungen, fetten, fleißigen, hellgrauen Esel? Er tragt eine Schelle am Hals, blaue Korallen am Halstcr und hinten am Schweif eine rote, wollene Ouaste. Hast du den gesehen?" „Natürlich." antwortete der Bengel unverfroren.„DaS ist ja derselbe Esel, der seit drei Tagen uns gehört." „Euch gebön?— Wieso gehört denn der Esel euch?... Wer bist du denn?" fragte Suleyman. „Ich bin der Sohn des Kadi, und der kleine Esel, von dem du sprichst, trägt seit zwei Tagen unser Korn zur Mühle und gehört schon unS.", Der arme Suleyman meinte vor so viel Tücke und Falschheit in die Erde sinken zu müssen.— Als er sich erholt hatte, eilte er schmlrsiracks vor taS HauS des Kadi und horchte begierig am Spalt deS HofloreS. Richtig, da drinnen schrie ein Esel, sein Esel ein schmetterndes „Ueda"— o. voit tausend Eseln konnte daS kein anderer so schmetternd schreien. Guleyman überlegte lange. Endlich glaubte er die richtige Form für sein Gesuch gesunden zu haben und trat höflich w das HauS. „Weisester, gerechtester, gnädigster Kadi." begann er,„vor drei Tagen hat sich mein Eielcheu verlaufen, ein sette-Z, junges, fleisigeS Eselchen— mit einer Schelle am Hals, so grost wie eine handreller- groste Schildkröte— blauen Korallen am Halfter, so blau wie himmelblaue Glaskiigelchen, und einer roten Wollquaste, wie eben die roien Wollguaften alle find—" „Nun— und? Was soll'S?" fragte der Kadi. „Und nun soll mir ihn jener wiedergeben, der ihn hat, edelster, erhabener Kadi. Nicht wahr, er soll mir ihn wiedergeben?" „Natürlich, das mug er," erwiderte der Richter in würde- voller Ruhe. „So gib mir ihn denn, großmütigster Kadi, gib mir meinen jungen, selten Esel wieder!" „Ich?" fragte der Kadi erstaunt und vornehm abweisend.„Ich habe keinen Esel." „Doch— edler Herr, du hast ihn. Er trägt seit zwei Tage» dein Korn nach der Mühle." „Mensch, wer tiu auch innner seist, ick) sage dir: ich habe keinen Esel.«.. Glaubst du mir etwa nicht?" „Ja Herrl Gewiß-- aber..." „jck) versichere dir noch einmal: Ich habe keinen Esel." „Aber höre doch, edler Kadi, eben schreit er wieder in deinem Hofe." „Du glaubst also einem Esel mehr al-Z iiilr. Elender?— Faßt zu, ihr Schergen, und säbelt dem Schurken fünfzig Hiebe aus die Fußsohlen herunter." Nach dieser kurzen, aber schmerzhaften Zeremonie war»uleijrnnn entlassen. (Nachdruck bcuColen.) 3Rie man in der ßafulle lebte. Von Karl Eugen Schmidt, Paris. Von dem Leben in der Bastille macht man sich immer noch eine recht falsche Vorstellung. Die einen glauben an die entsetz- lichsien Martern und Qualen, welch« den Gefangenen daselbst zu- gesiigt wurden, die anderen meinen, eS sei das fidelste Gefängnis von der Welt gewesen. Ter jüngst verstorbene Sardou zum Bet- spiel, der mit der Geschichte der großen Revolution sehr gründlich vertraut war, meinte, er hätte lieber drei Monate in der Bastille als in einem modernen Gefängnis sitzen wollen, und Funck-Bren- tano, der gründlichste Bastillekenner der Neuzeit, pflichtet dieser Ansicht Eardons bei. Trotzdem darf man sich auf das Urteil dieser Bostillesorscher nicht ohne weiteres verlassen, ebensowenig wie man den übertriebenen Schilderungen der Verherrlicher der Bastillezer- störer glattweg Glanben schenken darf. Um wirtlich zu erfahren, wie es in der Bastille herging, wie man hinein und wieder heraus- kam, und welche Behandlung man daselbst erfuhr, muß man de, den Leuten anfragen, die selbst darin gewesen sind. Deren gibt oder gab eS nun zwar tausende, aber trotzdem gibt eS nur stchr wenige Zeugnisse von ihnen. Das kommt daher, daß es nicht nur den Sträflingen, sondern auch den Entlassenen aus das strengste untersagt war, irgend etwas über die Bastille auszuplaudern oder gar zu veröffentlichen. Sobald ein ehemaliger Gefangener dieser Verordnung zuwiderhandelte, wurde er ohne weiteres wieder in die Bastille gebracht. Allein dieser Umstand zeigt übrigens schon, daß eS in den modernen Gefängnissen doch ein klein wenig anders zu- geht. Die einzigen ehemaligen Gefangenen, die den Mund auf- zutun wagten, waren Leute, die sich nicht mehr auf französischem Boden befanden, und unter diesen steht an erster Stelle Conjtmitin de Renneville, der von 1702 bis 1713 in der Bastille war und nach und nach so ziemlich alle ihre Räume kennen lernte, von den höchsten Turmgelassen bis zu den unterirdischen Kerkern. Renne» ville wird auch von Funck-Brentano häufig angeführt, um die an- genehme Seite der Bastille zu beweisen, aber wen» man dann da» Buch RennevilleS liest, das soeben in neuer Auslage") erschienen ist. merkt man bald, daß Funck-Brentano sehr parteiisch zitiert hat. Man kann auö Renneville ebensogut entnehmen, daß die Bastille ein fidelcS Gefängnis war. wie daß sie den Gefängnissen in Marokko entsprach, zu denen die Touristen geführt werden, um den halbverhungerten Gefangenen, die ihre Arme flehend zwischen den Gitterstäben durchstecken, ein Almosen zu reichen. Man blickt da in einen finsteren und feuchten Raum, der übel riecht, und wo sich halbnackte und hungernde Menschen in Dreck und Unrat wälzen. Solche Orte gab es auch in der Bastille, so Aut wie es daselbst gut möblierte Räume gab, deren Bewohner tresslich aßen und tranken. In Marokko können die Angehörigen der Gefangenen diesen nach •) Constaniin de Renneville. I-a Vie-> la Bastille. Paris, Louiö Michaud. Lust Essen und Trinken, Kleider und Decken bringen, in der Bastille konnte der Gefangene sich für sein Geld die teuersten Weine und Speisen, die schönsten Möbel und Kleider kommen lassen. In der Bastille hatte eS der reiche Mann gut. für ihn war es wirklich ein fideleö Gefängnis, worin c» ihm beinahe so trefflich ging wie in seiner eigenen Wohnung, worin ihm kaum mehr fehlte als die Freiheit. Daran denkt Funck-Brentano, und daran dacht? Sardou, als er die Bastille pries. Wie aber erging es den Armen und Mittellosen? Genau wiederum wie den Gefangenen auf der Kasbah in Tanger, oder vielmehr schlimmer, denn das Klima in Marokko ist milder als an Vor Seine, und da unten frieren die Leute kaum trotz ihrer?iackt- heit. In der Bastille aber hungerten und froren die unbemittelte» Gefangenen: ja. sie verhungerten und erfroren mitunter. Und noch häufiger verloren sie den Verstand, wa» man alles bei Renne- ville nachlesen kann. Das steht also etwas anders aus als das von Funck-Brentano geschilderte fidcle Gefängnis, obgleich auch diese» in der Tat existierte, wie schon gesagt. Renneville hat also die verschiedenen Stufen kennen gelernt, er hat in der ersten Zeit, wo man ihn in der Bastille für einen wichtigen Politiker hielt, der vielleicht sckion bald wieder frei- gelaffen würde, lind wo er auch noch Geld hatte, außerordentlich gut gelebt. Er schreibt uns mehrere seiner Menüs aus der ersten Zeit auf, und da mag sich mancher die Lippen lecken und denken: In einem solchen Gefängnis möchte ich wohl auch einmal einge- sperrt sein! Aber die Kehrseite fehlt auch nicht. Nachdem man gesehen bat, wie die reichen und hochstehenden Gefangenen behandelt werden, sieht man in den unterirdischen Kerkern vollständig nackte Menschen, d,e in dunklen und kleinen Zellen mit schweren Ketten an die Mauern angeschmiedet find, die sich die ganzen Nächte mit den angreifenden Rattenheeren herumschlagen müssen, die vor Kälte und Hunger wahnsinnig werden oder sterben. Die Bastille war alles in allem ein Erdball im Kleinen, und es gab da Leute, die schmausten und wohllebten, andere, die darbten und an ihrem Elend zugrunde gingen. Im allgemeinen lebten die Gefangenen zu zweien, dreien und vieren in einem Räume, und außerdem gelang eS ihnen, durch die Schornsteine oder durch die in Decke und Fußböden gebrochenen Löcher mit ihren unter und über ihnen de- smdlichen Lcidcnsgenossen in Verblndnng zu kommen. Auch die Teller, auf welcben man ihnen ihr Essen trachte, dienten als Korrespondenzmittel. Offenbar wurden sie nie gewaschen, denn sonst hätten sich die Gefangenen nicht ihre Sckücksale, fein sauber- licki auf die Unterselte der Teller geschrieben, gegenseitig erzählen können. Dieses Mittel war übrigens von den in der Bastille sehr zahlreichev Deutschen erfunden worden, und Renneville sagt, so lange eS nur von den Deutschen benutzt lvorden sei, wäre die Sackie trefflich gegangen, als aber auch die Franzosen die Teller beschrieben, hätten die Wärter den Spaß bemerkt, und von da an seien die Teller nach jeder Benutzung abgewischt worden. Außer den Deutschen traf Renneville eine Menge Engländer, Holländer und Italiener in der Bastille. Das erklärt stell dadurch, daß die Bastille ein StaaisgefäugniS war, worin man nicht Krethi und Plethi, sondern im allgemeinen solche Leute unterbrachte, die sicb gegen den König oder, loa» damals das nämlickie war. gegen den Staat vergangen hatten, lind da damals schon der Franzose in jedem Ausländer, über dessen Erwerbsmittel er nickst» wußte, einen Spion witterte, so setzte man in die Bastille vor alleni jene ausländischen Protestanten, die vielleicht mit ihren.n Frankreich verfolgten Glaubensgenossen sbmpatisiertcn und daher besonder» geneigt schienen, den katholischen König an seine protestantischen Feinde zu verraten. Ueberhaupt war die Bastille zur Zeit Renne- villeS, der selbst Protestant war, voll von französischen Protestanter» und von anderen mit der katholischen Geistlichkeit in Konflikt ge- ratencn Lewken, und im ganzen saßen da solche Gefangene, die daS begangen hatten, was man heut? politisches oder Preßvergehcn nennen würde. Renneville nennt zahlreiche Deutsche mit Namen, die er in der Bastille getroffen hat, und erKblt, warum sie gelangen gesetz: worden waren. Da war ein Apothekergchilfe namens Christian Heinrich Linck aus Leipzig, Christoph Ai. schütz. Sohn des Bürger- meisterS von Heidelberg, der in der Bastille wahnsinnlg wurde, der Baron Karl von Rietzschwitz aus Sachsen, eingezogen als Spion und Zuhälter, Johann Wenzel Lustich, ehemaliger Benediktiner- mönch ans dem Kloster Eberbach bei Mainz, der Protestant ge- worden war und zwei adeligen Französinnen, die den gleichen Glauben angenommen hatten, zur Flucht aus Frankreich geHolsen hatte, Johann Christian Schräder von Peck, genannt Wippermann, hannoverscher Dragonerleutnant, der Spionage verdächtig, ebenso wie sein Brnder Georg, der einige Tage vor ihm in die Bastille geschickt worden war, Christian Grinzer oder Kreutzer auS Torgau, ein reicher Juwelier, der angeklagt wurde, mit dein Auslände tn Briefwechsel zu stehen, und den man ans sein Versprechet! entließ, innerhalb drei Monaten das Land zu verlassen oder katholisch zu werden; da er nach seiner Freilassung weder auswandert? noch katholisch wurde, setzte man ihn wieder gesangen und hielt ihn im ganzen fünf Jahre fest. Einige dieser Leute saßen nur ein paar Monate, andere viele Jahre, wenn sie nicht gar wie An schütz ihr Leben im Gefängnis beschlossen. Da das Schicksal dieser Deutschen besonderes Interesse für uns hat, sei hier kurz nacherzählt, was Renneville von dem i Apothckergehilfen Linck berichtet. Man ersieht daraus sehr an, fdbimKdt, wie man zu jencr Zeit bcrhastct n?urbc, und wie cö einem in der Bastille erging wenn umneld hatte. Renneville erzählt, wie er in dir schönste Kammer der Bastillc gebracht wurde, in daZ oberste Turmgew.ach, die sogenannte <5alotLe oder Mütze der Tour de Coin..-Ich traf daselbst einen jungen Mann, der aus seinem Bette säst und sich nicht rührte, alZ ich eintrat. Als sie mich mit meinem neuen Genossen cm» geschlossen hatten und wir allein waren, ging ich hin, um ihn zu umarmen. ES war ein schöner junger Mann, zwanzig oder ein» rendzwan-rg Jahr- alt, aber sehr niedergeschlagen und traurig. Er trug einen Schlafrock auZ gestreifter Seide, gefüttert mit grünem" Tafft. Ich fragt- ihn nach??amcn und Herkunft, aber er antwortet- mit einem„camct verstau", woraus ich entnahm, dast er ein Deutscher war. In schlechtem Holländisch, das ich ein wenig verstand, fragte ich dann weiter, und er sagte mir, daß er aus Leipzig sei. Ich fragte ihn, ob er lateinisch verstehe, und er antwortete mir in dieser Sprache. Dann fand ich. dast er so gut wie ich selbst geläufig italienisch sprach. Er Kiest Christian Heinrich Linck und war der Sohn eine? sehr reichen Arztes in Leipzig. Er erzählte mir, durch welches Unglück er in diesen Sitz- gr und" geraten war." Sein Vater, der ihn zärtlich liebte, hatte ihn nach Beendigung seiner Studien an mehr«? deutsche Höfe und endlich nach Part? geschickt, wo er bei dem Apotheker CharraS, dem Sohne des berühmten ArztcZ M-ys- Charras. Ruc des Boucheries im Faubourg Ct. Eermain wohnte. Der jung- Mann besuchte die medizinische Schule, die Krankenhäuser und den Pflanzengarten, wo er seine Studien fortsetzte, als man ihm die Weisung bracirte, er müffe das Königreich verlassen, wo er in» folge der zwischen Oesterreich und Frankreich durch den Tod d-Z Königs von Spanien auSgcbrochenen Streitigkeiten nicht sicher sei. Aus diesem Grunde begab sich Linck mit vielen seiner Landsleute nach Versailles zu Madame, der Schwägerin des Königs(cö bandelt sich um Liselotte von der Pfalz, deren Erbansprüche nach dem Tode ihres Bruders von Ludwig XIV. zur Verwüstung der Pfalz benutzt wurden, und deren Briefe ein ausgezeichnetes Bild von den Zuständen am Berfailler Hofe gebe»), um sie zu bitten, ihnen zu sagen, ob sie in Fraulreich bleiben könnten oder nicht. Sie antwortete, sie hätten nichts zu fürchten, aber sie wolle sofort mit dem Könige darüber sprechen. Ties tat sie auch und kam sogleich zurück, um ihnen zu sagen, dast sie ruhig bleiben könnten. und dast sie ihnen Mitteilung machen würde, falls sie später ab- reisen müstten. Trotzdem wurden sie fast alle am nächsten Morgen verhastet. Acht Tage vorher sÄon waren Anschütz, der Sobn deL Bürgermeisters von Heidelberg, und einige ander Deutsche verhaftet worden, aber ihre LaubSleute glaubten, cs sei wegen Schulden, und ließen sich dadurch nicht ängstigem Am 5. September morgens klopfte es an die Tür Lincks, und es traten drei oder vier Unbekannte herein, die ihm er- zählten. Anschütz habe sie zu ihm geschickt, um seine Schuld� zu regeln. Er solle sich anziehen und mit ihnen zu Anschütz gehen. der ihm das geliehene Seid zurückgeben werde. Obgleich er sich wunderie, dast sie ein Inventar seiner Habseligkeiten aufnahmen, musttc er ihnen doch folgen und wurde in einem geschlossenen Wagen cur die Vastille gebracht, wo man ihn in die Calotte der Tour du Goin führte. Erst sechs Tage später, als man ihm einen Sc- ■nossen zuführte, erfuhr cr, wo er sich überhaupt befand, und dast mau ihn wahrscheinlich verhaftet hatte, weil er als Ausländer verdächtig sei. Der Genosse LiuckS war ein br-tonisch-r Edelmann, der sich mit dem Deutschen lateinisch unterhielt und sinn sciüiest- lich einen kostbaren Ring abnahm, den cr nach seiner Freilassung verkaufen sollte» um für Linck zu arbeiten. Der Mann wurde auch lvirklich freigelassen, aber Linck hörte uichks mehr von ihm. (Schluß folgt.) föewes femttewn. Tprachwiffenschaftliches. „(St was auf dem Kerbholz haben". Die Be- dcutuug dieser Redensart,„bei jemand in einer Schuld stehen", vielfach auch übertragen„etwas auf dem Gewissen haben",-dürfte wohl allgemein bekannt sein. Weniger die weitverbreitete und selbst bei aus noch nicht ganz ausgestorbene Sitte, von der der Ausdruck sich herleitet. Er stammt nämlich aus jenen Zeiten, wo Rechnen, Lesen und Schreiben weiten Kreisen der Bcvölke- rnng noch böhmische Dörfer waren. DaS Kerbbolz vertrat die Stelle eines Kontobuches. Es wurde hergestellt, indem ein ge- glätteter Stab oder ein Vrettchcn mit auffallenden Jahresringen oder Knorren der Länge nach in zwei Teile geschnitten wurde. die beiden«stücke mußten genau aneinander passen; hielt man sie nun zusammen und machte quer über sie hinweg Einschnitte, Kerben, so hatte man eine Urkunde von größter Beweiskraft. wenn z. B. Käufer und Verkäufer die Stückzahl der Ware oder die Summe Geldes durch die entsprechende Anzahl von Kerben be- Zeichnet halten, da jeder sein Teil vom Kerbholz behielt und beide Teile sie!» übereinstimmen mußten. Arabisch« Ziffern konnten natürlich nicht dabei verwendet werden: mm, bediente sich der römischen Zahlzeichen k und X. So hatten viele Familien bis ins 17. Jahrhundert hinein beim Geschäftsmann ihr Kerbholz, auf dessen Rückseite Same oder Hofmarke eingebrannt war. Eine Nlmcr Gerichtsordnung von 1621 erkennt ausdrücklich den Kerbhölzern eine gerichtliche Beweiskraft zu. Auch jetzt ist das Kerbholz noch nickst anSgeßorde»; in einigen altertümlichen thüringischen und baherisckcn Schenken ist cS noch statt Tafel und Kreide üblich. Im Böhmerwald rechne» Bauer und Holzhauer in der Weife miteinander ab, dast auf zwei genau zueinander passenden Holzfpäncn, von denen jeder einen behält, jeder Arbeitstag mit einer Kerbe bezeichnet wird. Irl Oberhessen trägt der Pflug so diel Kerben, als der Bauer Stück Rindvieh im Stalle hat, und viele Hirten zählen noch die ihnen unter- gcgcbene Herde nach der Anzahl der 5icrbe» in ihrem Hirtensiab. Astronomisches. Die Spektra der Planeten. An der Lowell-Siemwarle sind im Lause der letzten beiden Jahre wichtige Neuerungen in der phatographnchen Snstmhme der Spektra der grösseren Planeten ge- rnadn worden. Tie Bedeutung jede? neuen Erfolges auf diesem Gebiete liegr in der Rögliä-keit. die Znsammensetzung der Planeten sowie ihre Atmosphäre da du eck gcnauer kennen zu lernen. Der mit Lowell zusamineiiarbeiiende Astronom Slipher hat ein Verfahren cr» inuden. vhoiographiiche Planen auch für die Teile'des Spektrums empfindlich zu machen, die sehr weit auf dessen roter Seile liegen. Zu dieicin Ztvccke werden die Platten vor ihrer Benutzimg in eine Lösimg geraucht. die nach einer Mitteilung von Lowell an die„Namre" aus PauKpanol. Pinvverdol, Ticymiin. Alkohol und Wasser besieht. Mit den so hergorichreten Platten wurden Auf- nahmen sämtlicher grösseren Planeten gemacht, alio des Jupiter, des Saturn. deS UraiiuS und des S-pmn. Zu De roleichszw ecken wurde auch der Mond photographierr, der bekanntlich nickit daS geringste Eigenlichr besitzt,"also einfach das Sonncnspcktrnm wi-dersirablt. Die so erhaltenen Ergebnisse scheinen eine sehr erhebliche Errungenschaft für die Planetcnsocschnng zn bedeuten. Eine grosse Zahl von neüsn Linien und Bändern ist durch die neuen Spektralanfnahmen zutage gefördert worden, namentlich in den Spcktra de? Uranus und deS Neptun. zum Teil aber auch in denen der näheren Planeten Jupiter und Saturn. Die Linien und Bänder, die nicht vom Sonnenlicht herrühren, nehmen an Zahl und Stärke zu, je weiter der Planet von der Sonne entfernt ist. Insbesondere ist die Ber- stärkimg zweier Linien de? Element-? Eassernoss in den Spektren des Uranus und Neptun auffallend. Durch diese Totfachen Werden neue Anschauungen über d«n Zustand auch der fernsten Planeten angebahnt werden. Gerade diese— nach der WeltbildungScheorie von.Kant— ältesten Trabanten der Sonnen scheinen sich eine ge- wisse Jugendlichkeit erhalten zu haben. Aus dem Tierreiche. Die Borfahren des Hundes. Dast der Hund schon in vorgeschichtlicher Zeit der treue Genosse deS Menschen ist, Weist man seil ziemlich laiiger Zeit durch Höhlenfunde tmd Ausgrabimgen. namentlich aus der Zeit der P'ahlbauien. Dr. Studer hat in den Mitteilungen der Nauirsorsckendcn Gesellschaft in Bern den Schädel eines Haushundes, der an einem vorgeschichtlichen Wvbnptatz der sogeuamucn Hallsiatt-Periode in der Nähe von.Karlstein bei Ncicvenhall gesunde» war. genau nrucrsucht und bei dieser Gelegenheit die bisherige Kenntnis der Hundearten aus vorgeschichtlicher Zeit zusammengefasst. In der älter» Stein» zeit hat der Mensch Hunde geholten, die swoit in allen Haupt- eigenschasten dem heutigen Hausbunde ähnlich waren. Immerhin lassen sich nach den gestandenen Ckelcttrcsten besondere Ber- wandtschaftSmerkmale ablesen. Dieser Hnnd der älteren Steinzeit halte etwa die Grösse eines deutschen Schäferhundes, glich aber sonst wahrscheinlich am meisten dem alistralischen Dingo und dem javanischen Hunde. Vermutlich lebte cr noch in halbwildem Znstande neben dcm paläolitiichen Menschen und paarte sich wohl auch noch häufig mit dem Wolf, woraus eine neue Rasse entstanden z» 'ein scheint, die dem sibirischen Hunde(Laiki) geglichen haben mag. Reste dieser Rasse sind in den Pfahlbauten des Renenburger See? in der Schweiz und des Ladoga-S«es in Nussland gesunden worden. Ausserdem muss noch eine Kreuzung mit dem Wolfe von flacher Schädelsorm stattgefunden habe», der als die Urform der heutigen Fagdbundc gilt. In einer anderen Linie des Stammbaums zweigte» von dem der älteren Rasse der Steinzeit unsere Schäserhunde ab und in einer noch anderen Linie die Hunderassen, die im Bronze- zeitalter die Kameraden des Menschen waren. Wahrscheinlich sind noch weitere Kreuzungen mit dem Wolf erfolgt, von denen z. B. der kleine Haushund der Pfahlbauten abzuleiten ist. Der beschriebene Hundescdädel von Karlsie in gehört zu einer Rasse. von der die Rüden der heutigen Saujagden stammen, und diese Rasse erschie» erst mit der Eiszeit und scheint auf die Alpen beschränkt gewesen zu sein, wo sie»roch jetzt durch die Bernhardiner vertreten wird. Verantwortk. Redakteur: Hau? Weber, Berlin.— Druck u. Vorlag: Vorwärts Buchdruckerei u.Verl«g«ansta!tPaul Singer ScCo..BerlinLPi!.