ZtnterhaltungsSlatt des Vorwärts Nr. 2. Dienstag � den 5. Januar. 1909 (Nachdruck verboien.) 1] Oas täglicbe Brot Roman von C. V r e b i g. IL Hinter dem sandigen Hügel hebt sich eben die Sonne empor. Die Kiefern auf der Höhe werden rot umstrahlt. haarscharf zeichnet sich jede Nadel der struppigen Aeste auf dem durchglühten BiZorgenhiinmel ab. Ein scharfer Frühwind weht: das Hungermoos. das. grauweißen Bartzipfeln gleich. an den Stämmen hängt, flattert. Zuckende Lichter über- huschen die spärliche Grasnarbe, die kaum die knorrigen Wur- zeln deckt: fingernde goldene Strahlen greifen hierhin und dorthin, strecken sich länger und länger, leuchten wärmer und wärmer. Unten in der endlosen Weite der Felder noch bleichgrauer kalter Därnmersck?ein. Dampfende Nebel steigen aus den Senkungen und ziehen ihre weißen Gespinste über den Acker. bis sie fern an der blauen Wand des Waldes in Fetzen zer» flattern. Zjahl schimmern in der Dorfgasse die gekalkten Giebel der Hütten, nur die hol)en Mauern der Kirche zeigen schon warme Reflexe. Die Kastanienbäume am Portal schütteln sich, daß ein Regen von nachtfeuchten, gelben Blättern nieder» trieft: ein herber bitterlicher Herbstduft steigt auf vom fallen- Ken Laub. Auf dem Pfuhl an der Straße rudert eine Schar Enten: lautlos, langsam, wie verschlafen, folgt eine der anderen, «inen helleren Streifen im dunklen Wasser nach sich ziehend. ?etzt richtet sich der Enterich kerzengrade auf. schlägt das Wasser mit den Flügeln, daß Tropfenperlen rings ver- sprühn—, die ganze Schar bricht in lautes Geschnatter aus. Auf Barthel Heindes Dunghaufen erhebt der Hahn ein Lurchdringendes Kikeriki: feurig glühn die Firste der niedrigen Strohdächer, die Heinzen stößt die Läden auf— in der Stube wird es hell. Der Tag ist da. „Mach der nu uf," sagte der Bauer zur ältesten Tochter und erhob sich schwerfällig hinterm Tisch, der die Reste deS Frühstücks: Brotkrumen, Kartoffelfchalen und den geleerten Suppennapf zeigte...Laß der'sch gutt gehn, un schreib ooch! Halt der brav! Daß de tüchtig was sparst im Dienst! Schick's Geld nur glei hecme, ich tu's in Schwerin auf de Sparkaß. Saß der nich beifallen, daß de's verjuxst! Das sao ich der: kommste heeme un hast nischt vor der gebracht, kriegste de Hucke voll!' „Ich wer' schon, Batter, ich wer' schon," versicherte die Tochter. „Ei. die Mine is doch en guttcs Kind." sagte die Mutter weicher und strich mit der knochigen Hand dem Mädchen die Falten am kornblumenblauen Sonntagskleid herunter.„Was der Stoff sich scheene trägt! Verrujenier nischt. Mine! Ei, Heinze, laß nur, se wird sich schon schicken in Berlin. Arbeiten kann se— ju, ju, das Hammer se gelehrt. Da is keine Herr- schaft nich betrogen. Laß der nischt vormachen. Mine, laß der nich die Butter vom Brot nehmen, ooch von de Herrschaft nich! Kuck, daß de zu was kommst, schick brav heeme und bleib gesund!" „Ich— wer'— schon!" Nun schluchzte das Mädchen. Obgleich Wrlhelmine Heinze schon zweiundzwanzig Jahre zählte und eine große, breitschultrige Person war, d,e ihren Zentnersack Kartoffeln auf dem Rücken schleppte, so weinte sie doch wie ein Kind. Nun es ernstlich an den Abschied ging. wurde ihr der so schwer, wie sie es nie für möglich gehalten. Mit einem langen Blick sah sie sich im Zinnner um. wo die Kuckucksuhr an der Wand tickte und neben dem Ofen das hochgetürmte Bett der Eltern an der Wand stand. Sie machte ein paar Schritt nach dem schmalen Türchen hin. das in die Kammer führte, darin sie so lange mit den drei jüngeren Schwestern gehaust. Da drinnen hing das Jahrmarktsspiegelchcn, vor dem sie sich Sonntags innner ge» pufft, denn jede wollte zuerst hineinschauen: da standen auf dem Fensterbrett die Geranien und Pantoffelblumen, die so überreich blühten, Mit einem Schmerzenslaut sank Mine wieder auf den Sesiel zurück und hielt sich die Hände vors Gesicht. „Nu. nu," begütigte die Mutter,„barm nich gar so schrei" Sie schnüffelte gerührt und wischte sich mit dem Handrücken unter der Nase her.„Hast ja selber partu nach Berlin machen wollen— Mine, sei doch verständig! Denk an. was de verdienen kannst, bares Geld! Ihr seid der Kinder sechse, ju ju." „Was willste denn ooch derheeme?" sprach der Vater. Ter Mare und die Cille sind lang groß genug, de Male wird Ostern eingesägent— wer schaffen unsre Arbeit alleene." Mit feuchten Blicken sah Mine die Geschwister der Reihe nach an. Ja ja. der Vater hatte recht, groß genug! Da war der Mar, ein kräftiger Bursche von nahezu achtzehn, gewachsen wie eine Tanne. Da war die Eilla, stämmig und breithüftig, wie eine Frau anzusehn trotz ihrer sechzehn Jahr. Da die Male, die die Zöpie auch schon aufsteckte: da der Heinrich, der-die Gänse, die Schweine und die Kuh hüten konnte, und da die Emma, die auch schon zur Schule ging. Mine nickte verständnisinnig— so war's schon recht, eine mußte weg! Das waren der Mäulcr gar zu viele für Barthel HeinzeS Acker: das Haus war eng. man konnte doch nicht so aufein» ander hocken. Wenn nicht der Peter und die Lisa, die nach ihr im Alter kamen, schon als Kinder miteinander im Enten» psuhl ertrunken wären, hätte sie längst fortgemußt. Und hatte sie denn auch nickst selbst den Wunsch, endlich einmal einen Groschen eigen zu haben? Die Mädchen, die nach der Stadt gezogen waren, erzählten Wunderdinge. Zuweilen kam eine zu Besuch nach Haus, dann lief das ganze Dorf zu» sammen. stellte sich vor der Tür auf oder lugte durch die kleine blasige Scheibe, hinter der die Heimgekehrte, in der Pelerine nnt Perlenbesatz, in dem großen weißen Strohhut mit Seidenband und langer weißer Feder stand und sich von den stolzen Eltern bewundern ließ. Selbst recht wohlhabende Bauerntöchter verschmähten es nicht, für ein oder zwei Jahre nach Berlin zu gehen- in„Pennßjohn", wie sie sagten. Mit Blitzesschnelle zogen die Gestalten städtsich geputzter Mädchen an Mines innerem Auge vorüber— manch eine kam heim mit'nem schönen Sparkassenbuch, heiratete gut oder machte auch in Berlin eine Partie, die sich sehen lassen konnte. Da lag ja ohnehin das Glück auf der Straße: leichte Arbeit, hoher Lohn. Nein, es war doch gut, daß sie selber ging und sich nicht von der Eilla zuvorkommen ließ, die innner drum redete. Gut. daß sie zu der gesagt:„Hör uf mit dem Gebelfer. ich bin die ält'ste, ich hau die Vorhand." Mit einem energischen Ruck sprang Mine auf und wischte sich, wie vorhin die Mutter getan, mit dem Handrücken die Nase: dann auch die Augen. Groß und stark stand sie vor den Eltern und reichte ihnen die Hand zum Abschied. „Adje! Bleib gesund, Vatter! Adje, Mutter! Bleiö gesund!" „Adje. Mine." sprach der Vater, nahm die Pfeife aus dem Mund und betrachtete sie kritisch.„Scheene is je nich mchr. Kannst mcr zu Weihnachten'ne neue schicken. Geh ooch zur Kirche. Mine!" „Ju ju." fiel die Mutter ein. „Spar fleißig!" „Un schick's glei hecme!" „Schreibt bald!" Nun kamen der Tochter doch wieder die Tränen. „Schreib dn ooch bald!" Mine reichte den Geschwistern der Reihe nach die Hand. erst den Großen, dann den 5kleinen. Emma hing sich ihr an den Hals: sie hatte das Knd. das sie von seiner ersten Stunde an gewartet, immer sehr lieb gehabt, nun küßte sie es schallend auf Mund und Wangen. Immer tiefer bückte sie sich, um ihren Kummer zu verbergen. „Bist Du tvehlcidig," lachte Eilla und gab ihr einen freundschaftlichen Klaps auf den Rücken.„Siehste, hättste mir zielm lassen!" „Ich geh schon," murmelte Mine und richtete sich auf. „Adje all zusammen, bleib gesund! Komm, Maxe, faß an." Vcrdrosien schlorrte der lange hübsche Bursche heran. Sie zogen den Reisekorb aus der Kammer: klein war der nur und nicht schwer, aber funkelnagelneu, für vier Mark funfjts auf dem Schweriner Jahrmarkt erstanden. Mit Stolz ruhte Mines Blick auf ihm. Alle gaben sie der Scheidenden das Geleit bis zur Tür. „O du mein Harre," schrie plötzlich die Mutter auf,„de Ccier for Tante Male!" So rasch ihr offner Beinschaden, an den sie litt wie alle Weiber in ihren Jahren, es erlaubte, humpelte sie ins Zimmer zurück, wo unterm Bett der Henkel- korb stand mit den seit Wochen gesammelten„frischen" Eiern. Mit einem beruhigten„Su!" kam sie wieder zurück und hing der Tochter den ziemlich schweren Korb an den noch freien Arm. „Tie Reschken möchte scheene kucken, wenn ich ihr nischt mitschicken täte vors Geschäft. Gib Obacht, Mine, zertepper nischt I Und sprich zur Muhme:„En scheenen Grusi von der Mutter, fünf Bdandeln, ganz frisch gelegt!" Es kommt Dir zu gutte, Mädel, sie verschafft Dir dafor en reichen Dienst. Ün sprich ooch, dasi sie nicht vergißt, daß sie Malen ihr Pate is, zu Ostern wird die eingesägent. JDldjel" Tie Eltern blieben auf der Schwelle stehen, die Ge- schwister liefen noch ein Stück Wegs mit. Die Kleinen halfen Max den Korb tragen und zankten sich mit ihm, weil er be- hauptete, sie machten ihm die Last nur schwerer. Male blieb ein wenig zurück und las die Pflaumen auf, die über die Planken der Gartenzäune gefallen: es kam ihr auch gar nicht drauf an, den überhängenden Ast eines Apfelbaumes derb zu schütteln, �Fortsetzung folgt.) Alamm? Von Ilse Frapan-AkuniaN. Das Schloß stand leer, vollständig leer. Ein Riesenbau mit zweihundert Zimmern, weiß und prachtvoll, mit Prunksälen für tausend Menschen, alles leer, leer, wie ein ausgeblasenes Ei. Wer wohnte jetzt dort?„Ter Geist der Geschichte", sagten die Byzan- tiner und lächelten gläubig. Aber wie andere Geister war auch der Geist der Geschichte unsichtbar und körperlos, und das Schloß war leer, leer, vollständig leer. Einmal war es ein Residenzschloß gewesen, doch der König, der eS damals bewohnt, war gestorben und vermodert, trotz der Ein- balsamierung— so ein morscher, alter König. Und lange, eh' er gestorben und einbalsamiert war, hatte ihm sein Vetternachbar sein Reich und dieses Schloß weggenommen, um seinen eigenen Besitz „abzurunden". So stand das Schloß denn leer. Es tröstete sich aber damit, auch jetzt königliches Besitztum zu sein. Eins von vielen könig- lichcn Besitztümern war es freilich. Der Vetternachbar, der es dem alten, morschen König weggenommen, kam fast nie hierher. Er hatte andere Unterkünfte. Er konnte jeden Tag in einem anderen Saal tafeln und jede Nacht in einem anderen Gemach schlafen, das ganze runde Jahr. Dafür war er ein König. Es war Gottes Gnade, die ihm alles das verliehen, sagte er, auch die Kanonen mit denen er den morschen, alten König aus seinem Reich verjagt hatte. Gern faltete er die Hände zum Dank für Gottes Gnade. Seit vielen Jahren schon stand das Schloß leer. In seinen zweihundert Zimmern erscholl kein Laut, als das Springen der Mäuse auf dem Parkett, als das Rattengeraschcl hinter den ver- goldeten Täfelungen. Hie und da nur ertönte auch der ehrfurchts- volle Schritt des Kastellans. Und zweimal im Jahre, im Frühling und im Herbst, belebten sich die öden ausgestorbenen Gänge und Räume mit Scharen von Dienern und Mädchen. Dann klopfte man den Staub aus den Tep- pichen, die nie ein Fuß betrat, aus den Polstern, auf denen nie- mand ruhte, aus den Betten, in denen niemand schlief; dann wichste man, auf den Knien liegend, wochenlang das Parkett, über das die Mäuse und Ratten gesprungen waren, rieb die Fenster blank, durch die kein Auge sah, putzte die Spiegel, in denen sich niemand be- spiegelte, säuberte die Kronleuchter, in denen nie ein Licht brannte, kratzte den Rost von den alten Harnischen, die leer waren wie die Prunksäle, leer wie das ganze leere Schloß, das niemandem diente, niemandem nötig war, aber doch erhalten werden mußte. Und dann kam wieder die Stille, die Totenstille in den zwei- hundert Zimmern, mit dem lautlosen Sonnenschein auf den ver- dlichcnen Gobelins, mit dem gleitenden Mondlicht auf den leeren seidenen Divans mit den verblaßten Blumen. Und in den üppigen rcichgepolstertcn Plaudcrecken, die soviel verstelltes girrendes Lachen, soviel Galanterie und Koketterie gehört und gesehen, daß sie noch heut davon träumten, piepten die Mäuse, und in den Kaminen dröhnte die Stimme des Sturmes, die mächtige, ernsthafte, grol- lende Stimme, die mit dem leeren Schlosse drohende, dcrb-respekt- lose Worte sprach in schaurigen Winternächten. Heut war ein Frühsommerabcnd. Diese Abende waren es, in denen das Schloß seine ganze hochmütige Fassung wiederfand. Dann sah es aus, als träume es von einem neuen glanzvollen Er- wachen, dann war es wie ein Märchenschloß, wie ein Dornröschen- Lchlotz. Lauschend stand es hinter den hellgrünen Buchen und den bräunlichen Ahornwipfeln auf einem dunkelgrauen Gewitter» Himmel. Das Buchenlaub hatte noch den Atlasglanz und die blonde Kinderwimper des Frühlings. In den AHornblättern schwoll der Saft wie rötlicher Wein. Und um das stumme leere Schloß jauchzte die liebeberedte Nachtigall und weckte kein Echo. Stumm prangte das feierliche großmächtige Halbrund mit seiner breiten säulenumfaßten Rampe. Nur ein Sperling hüpfte auf der weißen Paradetreppe. Blutigrote Rhododendren, dicht aneinandergereiht, umgaben den weißen Unterbau des leeren Schlaffes, eine still und ungesehen für sich verblühende Pracht. Wie aus einer Woge von Blut stieg das Schloß auf. Zur linken Seite dehnten sich prächtige halb- offene Arkaden, leer auch sie, schimmernd auch sie mit dem Pompe» janischen Rot ihrer Wände, wie eingetrocknete Blutflecke auf dem sanften lebendigen Grün des Hintergrundes. Unbeweglich, mit ewigem, erfrorenem Lächeln, schwebte die zierliche Tänzerin auf der roten Wand, in der hoch erhobenen Hand die durchscheinende Bernsteinkugel. Auf den köstlichen Mosaiken des Bodens kein Fuß- tritt, in den Arkaden kein Laut,— keine Bewegung hier als das Spiel des Windes mit einer losen Ranke wilden Weins. Zur rechten Seite gab es keine Arkaden, keine pompejanischen Tänzerinnen; nichts als ein— in den Schloßgartcn keck vorsprin- gcndes, in den neuen Landesfarben bemaltes Schilderhaus. Davor marschlerte,— auf— ab, hin— her, wie ein aufgezogenes Uhr- werk,— eine buntröckige Figur— der Wachtposten. Die Leere des Schlosses, die Verödung der Arkaden— sie mußte doch bewacht werden. Die Sonne war seit Tagen schon hinter den Wolken gewesen, seit Tagen schon hatte es bald im Osten, bald im Süden gegrollt. Von Zeit zu Zeit waren schwere Rcgcngüffe gefallen, jähe Hagel- schauer heruntergebraust. Die Nachtigall hatte dazu gejauchzt, unb die Frösche hatten keinen Augenblick geschwiegen. Feucht und schwer war die Luft; voll vom Dufte der Traubenkirschen und des jungen Grases und dazu von einem süß-fauligen Geruch, den der vom Regen aufgewühlte breite, stille Schloßgraben aushauchte. Hinter dem öden Schloßgarten mit den verblühenden Tulpen- bäumen, hinter der mannshohen Sandsteinmauer, die das frühere Eisengittcr umschloß, das dem neuen Besitzer nicht mehr genügt hatte, trotz seiner starrenden, pikenähnlichen, vergoldeten Stachel- spitzen, zog sich dieser breite stumme Graben hin, geschwellt wie ein Fluß, zum Ucbersließen voll, mit einzelnen Weidenbäumcn am Rand, die hineinhängen, die Zweigenden gelblich und aufgckrümmt von der üppigen Nässe. Ganz still lag das gärende braune Wasser, unter fettgrünen Schlauchalgen und Wasserlinsen. Eben blitzte aus schwarzen Wolkcnlidern ein scharfer scheeler Sonnenblick gegen die obere Fensterrcihe des Schlaffes. Gemalte Fenster waren es, das Gemach war der Rittersaal. Ritter- unb Roßpanzer standen an den Wänden. Vom plumpen alten grotesk- abschreckenden deutschen Stechhelm bis zu den geschmeidigen Ring- und Schuppenpanzern florentinischer Arbeit war die Sammlung vollständig. Der neue König hatte sie dem alten weggenommen. und seine Freude daran war die echteste und aufrichtigste Freude seines Lebens. Die Ueberzeugung von der über ihn ergossenen Gnade Gottes vermischte sich hier mit einem Gesiihl wehmütiger Dankbarkeit und Pietät. Wieviel verdankten er und seine Vettern auf den Thronen Europas diesen teueren Reliquien! Von selbst falteten sich seine Hände vor diesen so fertig, so tatcnbereit da- stellenden Gehäusen. Wie wenig schien zu fehlen, damit sich diese Arm- und Beinschienen höben, diese Schilde sich richteten, diese Speere geschleudert, diese cisenvermummten Rosse in Galopp ge- setzt würden! In solchem Aufzuge mußte selbst ein Strohmann wie ein Held aussehen. O glanzvolle Zeiten! „Hurra!" rief der König, wenn er durch den Waffensaal ging. Er rief es unwillkürlich und wirbelte den Schnurrbart empor. Dann sah er sich schnell um, ob es jemand gehört hatte. Er wurde rot, sein Kopf duckte sich, er lächelte scheu und versöhnlich und mur- melte:„Nein! nein! Mein Reich ist der Frieden". Und säbelrasselnd, sporenklingcnd schritt er weiter bis zur Kor- ridortür. Dort aber kehrte er scharf um. Denn dort, in einem Glaskasten, stand eine ethnographische archäologische Merkwürdig- keit, die ihm unangenehm war. Eine ägyptische Königsmumie wau es. mit weiß grinsenden Zähnen in dem schwarzvertrocknetcn Ge- ficht, mit leeren Augen und beinerner Nase. Der säbelrasselnda Friedenskönig warf einen widerwilligen Blick auf den fleischlosen Brustkorb, dessen Rippen deutlich voneinander getrennt waren durch leere Räume, auf das Bündel weißblauer Mumienleinwand, das alles übrige verhüllte. Ein trauriger König! Das sollte ein König sein? Unglaublich! Jeder Zoll ein Mensch! Und der König kehrte zurück von der leeren Königsmumie, die ihm gar nichts sagte, zu den prächtigen Streitkolben, den scharfen Morgensternen, und sein Geist hielt Zwiesprach mit dem Geiste jener erhebenden alten Zeiten. Rührende früheste Steinschlotz- flinten, so rührend in ihrer Unbcholfenhcit! Begeisternde erste Kanonen! Der König zog eigenhändig sein Taschentuch und wischte sich erst die feuchtgcwordenen Augen und dann eins der lieben alten plumpen Rohre, auf dem ein Staubhauch lag. Es tat ihm wohl, etwas für die zu tun, die stets die treucsten Diener der Könige gewesen. Und keinen Blick weiter nach der unangenehmen archäologischen Merkwürdigkeit. Sie war einst von dem grillenhaften Vorgänger 6cä morschen alten Königs für schweres Geld erworben worden. Sie war zu kostbar, um weggeworfen zu werden. Vielleicht bot sich einmal Gelegenheit, sie gut zu verkaufen. Unter der Hand, ohne Aufsehen! Sie grinste zu abschreckend. Seit den letzten Jahren waren die seltenen Königsbesuche in dem leeren Schlosse noch seltener geworden. Nur der Kastellan war da und der Gärtner, und die Totenstille und der langsame Verfall trotz der jährlichen Säuberung, und der leise Schimmelgeruch der unbewohnten Räume, und der Mäusetanz auf dem Parkett, und der zürnende Sturm in den kalten Kaminen. Und der Wächter der Ocde und Leere, die Schildwache, marschierte wie ein Spielzeug auf und ab, hin und her, im schweren Regen. Große Tropfen be- gannen prasselnd auf die jungen AHornblätter zu fallen.— Da kamen auf der Landstraße am Schloßgraben langsam zwei Menschen daher. Zwei Menschen, ein Mann und eine Frau, ganz arme Leute. Er voran, hinkend, mühsam, auf einen großen, derben, knotigen Stock gestützt, ohne Rock; das graugestreifte Hemd klebte an dem hageren Körper, an den Armen, an denen die Muskeln wie Stricke hervorstanden. Der Kot der Landstraße hatte aus seinen Stiefeln unförmige Klumpen gemacht. Von dem löchrigen Strohhut floß der Regen über sein breiteö Gesicht mit dem kleinen, spärlichen Stoppclbart und den gutmütigen, kummervollen, blauen Augen. Hinterdrein schleppte sich die weit jüngere, blasse und vcr° weinte Frau. Aus ihren schlaffen Gliedern schien alle Kraft ge- wichen. Das dünne, blonde Haar hing in nassen Strähnen um die eingesunkenen Schläfen, die entzündeten Augen waren rot, die Haut der Wangen blank vor Nässe. Sie trug in der Hand ein Paar Holzpantoffeln; barfuß ging sie durch den Sckimutz, den Kopf tief am Boden; mit der Rechten schleifte sie ein kleines Bündel in Wachstuch hinter sich her. Es schlurrte ihr nach durch die Wasser- gefüllren Gleise, ruckte über Steine, sie sah sich nicht danach um. Sie stöhnte leise vor sich hin, während sie wie blind dem Manne folgte. In beiden Gesichtern lag der blöde, stumpfe Ausdruck völliger Erschöpfung. (Schluß folgt.) Oer lUiibenKolomft: als Gärtner und Kleintlerziicbtcr. Von der Hühnerzucht. Es dürfte als eine bekannte Tatsache gelten, daß in den Kreisen der Arbeiter, kleineren Handwerker und Geschäftsleute die Liebe zur Natur außerordentlich entwickelt ist. In der bescheiden- stcn Wohnung ist so ein Stückchen Natur heimisch, zum mindesten ein Blumenstock am Fenster, meist aber auch noch ein gefiederter Sänger im Käfig, ein Glasbehälter mit Wasserpflanzen und Fischen oder irgend ein kleines Haustier. Auch der Laubenkolonist ist natürlich Tierfreund, mag die Parzelle noch so klein sein, irgend etwas Lebendes muß gehalten werden: ein Hund, eine Katze, einige Tauben im winzigen Schlage auf der kleinen Laube, oder, wenn die Liebe zur Kreatur mit dem Nützlichen verbunden werden soll, eine Ziege, die man nicht mit Unrecht die Kuh des kleinen Mannes nennt, einige Kaninchen, die sich ihrer verblüffenden Vermehrungs- fähigkeit, ihrer Zutraulichteit und nicht zum wenigsten der von vielen Züchtern gerühmten Schmackhaftigkeit ihres Fleisches halber großer Beliebtheit erfreuen, oder schließlich einige Hühner. Von allem Federvieh erfreut sich in den Laubenkolonien und auf den Landparzellcn die Henne unstreitig größter Beliebtheit. Von Hause aus ist sie, oder sagen wir besser, ihr weitherziger und gestrenger Gemahl, eigentlich dazu berufen, auf dem Hofe zu Herr- schen, indessen haben sich unsere flatterhaften, aber nicht leicht- sinnigen Hofdamen, die Hühner nämlich, auch der Lebensweise auf beschränkten Gartenparzcllen angepaßt. Die Hühnerzucht hat seit den Zeiten des seligen Ocrtel, des Begründers der Hühner-Rassen- zucht, dem man als solchen in Görlitz ein Denkmal gesetzt hat. immer weitere Kreise ergriffen und wird heute von den weitaus meisten Züchtern mehr als Sport denn des Gewinnes halber be- trieben. Für viele, und namentlich für solche, die sich auf dem kleinen Laubengrundstück oder auf der Parzelle Hühner halten, dreht sich freilich die Sache weniger um den Sport oder das Ver- gnügen, das man gern kostenlos mit in den Kcrnf nehmen möchte, sondern um den Nutzen. Er ist indessen nicht so groß, daß er hoch- gespannten Erwartungen entsprechen könnte, doch versetzt die Hühnerhaltung den vielgeplagten Ehemann in die Lage, die dauernde Zuneigung seiner besseren Hälfte zu festigen, da sie immer großen Wert auf frische Eier legt, die natürlich besser schmecken und billiger zu sein scheinen, wenn sie dem eigenen Hühnerstoll entnommen sind. Und ein frisch geschlachtetes Suppen- oder Brathuhn ist gelegentlich auch nicht zu verachten, wenn es mich noch nicht so weit gekommen ist, daß jeder Bauer— auch der Kolonist ist gewissermaßen ein solcher— Sonntags sein Huhn im Suppentopfe hat. Wenn die Hühnerhaltung auf der Parzelle richtig betrieben wird, so trägt sie auch dazu bei, die Gartenwirtschaft zu fördern. Wenn dies der Fall sein soll, müssen die Hühner aber von den Kulturbceten streng getrennt auf einem für sie abgetrennten Lauf» räum beschränkt bleiben, denn das Scharren wird man dieser Ge» sellschaft niemals abgewöhnen können, und auf kleinen Grund- stücken werden sie durch Scharren und Zertreten so viel verderben, daß überhaupt nichts aufkommen kann, daneben sind sie. wie die Menschen auch. Freunde frischer grüner, also junger Salate und süßer Früchte jeder Art. Andererseits können auf der Parzelle durch Hühnerhaltung die verschiedensten Gartenabfälle vorteilhaft verwertet werden, und dann liefern Hühner und überhaupt Ge» flügcl jeder Art einen ganz vorzüglichen Dünger, der an Dung- kraft nicht nur den sehr teuren Peru-Guano, sondern auch fast alle sonstigen organischen und anorganischen Düngemittel weit über» trifft und in bezug auf Nährkrast gleich hinter dem Taubendünger kommt. Dieser Dünger kann entweder kompostiert werden, dünn und gleichmäßig auf das Land gestreut, oder in Wasser gelöst als Jauche bei Obst- und Gemüsekulturen Vorteilhasteste Verwendung finden. Für kleine Verhältnisse baut der Kolonist den Hühnerstall wenn möglich an die Süd- oder Ostscite der Laube. Für einen Hahn und fünf Hühner genügt ein Stall von löst Zentimeter Länge und 1 Meter Höhe und 1— 1% Meter Breite, ausgestattet mit einer an geeigneter Stelle eingelassenen Scheibe, mit zwei Lcgenestern, einer Sitzstange oder zwei, die dann in gleicher Höhe stehen sollen, mit einer Falltür und einer kleinen Leiter, der sogenannten Hühner- treppe; etwas größere oder geringere Höhe spielen keine Rolle. Die Sitzstangen werden aus gewöhnlichen, an den Kanten stumpf ab- gehobelten Dachlatten hergestellt; das ganze Innere des Stalles wird jährlich ein- bis zweimal mit Kalkmilch, auS frisch gelöschtem Kalk angemacht, gestrichen. Auf den Boden gibt man als Belag trockenen Sand, Asche oder besser noch Torfmull, durch dessen Ver» Wendung der Dung noch wesentlich verbessert werden kann. Von außen wird der Hühnerstall entweder wie die Laube mit einer krischen Farbe gestrichen oder mit Dach- oder Ruberoidpappe be- kleidet. Falltür und Leiter des Hühnerstalles führen in den ab- gegrenzten Lauf- und Scharrauum. Die Größe dieses Raumes hängt nicht nur von der Zahl der zu haltenden Hühner, sondern auch von der Rasse ob; ebenso die Höhe der Einzäunung. Hühner sind ja bekanntlich sehr schlechte Flieger; aber die leichten, flüchtigen Rassen, die, wenn sie legen sollen, viel Raum bedürfen, fliegen doch noch so gut. daß sie mit Leichtigkeit 2 und selbst 3 Meter hohe Drahtzäune nehmen, so daß man es oft vorzieht, sie auch in oben geschlossenen Volieren zu halten. Leichte, flugfähige Hühner, zu denen die gewöhnlichen Landhühner und die auS ihnen herausgezüchteten, zum Teil wirtschaftlich sehr wertvollen Nassen, wie Ham- burger, Latenfelder, Belgische Kräher, Thüringer Bausbäckchen, von fremden Rassen namentlich Italiener, Spanier und Minorka ge- bören, sind alle ziemlich gute Flieger, die sich auf engbegrenzten Räumen nicht wohl fühlen. Solche Rassen hält man in unbebauten. wenig belebten Gegenden, in welchen die Parzelle an weite Oed- landflächen grenzt. Hier bringt man an der Straßenseitc des Laufraumes, der in diesem Falle nur klein zu sein braucht, ein Schlupfloch an, durch welches die Hühner auf die Ocdlandflächcn gelangen können. Unter solchen Verhältnissen, wo Beschädigung der Nachbargrundstücke durch diese Hühner ausgeschlossen ist, macht sich die Haltung und Pflege gut bezahlt, da hier die Tiere vom Frühling bis in den Winter hinein reichlich Grünkraut, Unkraut- sämereien und Insekten finden, so daß nur abends vor dem Schlafengehen mit einer kleinen Körnerration nachgeholfen zu werden braucht. Anders liegen die Verhältnisse in dicht bevölkerten Kolonien. Hier ist es durchaus geboten, die Hühner auf den ihnen angewiesenen Laufraum innerhalb der Parzelle zu beschränken. Man wählt unter diesen Verhältnissen schwerere Rassen, die ein- mal schlecht oder gar nicht fliegen, dann aber auch höheren Körper» gewichts halber phlegmatischer sind und sich deshalb mit einem kleineren Laufraum begnügen, für den unter Umständen schon öO bis 75 Quadratmeter genügen. Für schwere Rassen ist es voll- ständig ausreichend, wenn die Umfricdigung dieses LaufraumeS 100— 120 Zentimeter Höhe hat; sie wird hergestellt mit grob- maschigem Maschinengeflccht. Die besten schweren Nutzhühnerrassen der Gegenwart für die eben geschilderten Verhältnisse sind die in Amerika gezüchteten Wyandotteshühner, die ihren Namen zu Ehren eines ausgestorbenen Jndianerstammcs tragen, und die in England gezüchteten Orpingtonhühner. Diese Nassen kommen in den ver- schiedensten Farbenschlägen vor. Die besten Wirtschaftsticrc sind indessen die weißen Wyandottes und die gelben Orpingtons. Beide Rassen liefern einen guten Braten und sind fleißige Legehühner. namentlich gute Winterlcger, die als solche auch dann legen, wenn die Eier am teuersten sind, und nur bei äußerst strenger Kälte aussetzen. Diese und die übrigen schweren Rassen führen in ihren Adern Blut zweier früher weit verbreiteter indischer Hühncrrassen, der Cochinchina- und Brahmaputra-Hühner. Diese beiden Rassen sind federfüßig. Die Befiederung der Füße soll sich bei ihnen bis auf die Mittelzehe erstrecken, sie werden deshalb durch Scharren weniger lästig, doch schaden sie viel durch Zertreten. Als Nutz- Hühner kommen sie weniger in Frage, weil sie einerseits als Fleischhühner durch ihren kolossalen Knochenbau minderwertig sind und andererseits schon nach dem Legen verhältnismäßig weniger Eier von unbezähmbarer Brutlust befallen werden. Indessen haben in neuester Zeit die praktischen Amerikaner aus dem Brahmahuhn ein noch ganz annehmbares Nutzhuhn herausgezüchtet, ko daß man M dieser Rasse jetzt zwei Zuchtrichiungcn, die nützliche amerila» Nische und die englische Sportzucht, unterscheidet, Von viele» großen Rassen gibt es auch Miniaturausgaben, d. h. Zwergzüchiungen, die natürlich ihrer geringeren Körvergröße halber nur verhältnismäßig wenig Futter brauchen, dafür aber euch nur kleine Eier legen, die mitunter kaum größer als Tauben- eier sind. Die federfüßigcn Hühnerzwcrge werden in der Regel als sogenannte.Gartenhühner" empfohlen, weil sie wenig zertreten und wenig oder gar nicht scharren, also unter gemissen Umständen auch im Garten gehalten werden können. Die Vorliebe für frisches, saftiges Grün. d. h. für jungen Salat, jungen Kohl und Blumenpflänzlinge verleugnen aber auch diese Zwerge mit befiederten Läufen und Zehen nicht, und wenn man sie auch auf der Parzelle oder im Laubengarten in zwei oder drei Exemplaren frei umherlaufen lassen kann, so sollte man sie doch in den Saat- und Pflanzmonaten mit Rücksicht auf ihre Vorliebe für Saat und junges Grün in der Voliere halten. Die besten dieser Garten- Hühner sind die porzcllanfarbigcn Zwerghühner, ihres bunten Ge- fiederS halber in Frankreich und häufig auch bei uns Millefleurcs- Hühner genannt: in zweiter Linie ständen dann die etwas größeren Zwcrgcochins zur Wahl. Es ist mir nicht möglich, im Rahmen eines Artikels das Ganz« der Hühnerzucht zu behandeln, auf weiteres komme ich später zu- rück. Es sei heute nur noch darauf hingewiesen, daß es k>-i der Hühnerhaltung auf große Sauberkeit im Stalle und im Lauf- räum ankommt, daß in letzterem ein gegen Niederschläge geschützter kleiner Scharraum vorhanden ist, der von Zeit zu Zeit init frischem Sand beschickt werden muß, in dem sich die Hühner gründlich„buddeln" und dadurch ungeziefcrfrei halten können. Bei der Fütterung unterscheidet man Weich- und Trockenfiitterung. In neuester Zeit gibt man ausschließlicher Trockenfütterung den Vor- zug, doch muß man, wenn nian HauShaltungSabfälle in der Hühner- zucht verwerten will, auch mit Weichfutter rechnen. ES besteht aus Gemüse-, Fleisch- und Fettabfällen de» Haushalts, alles klein zer- schnitten, vermengt mit gekochten und gestoßenen Kartoffeln und, falls das Gemenge zu feucht sein sollte, mit einem entsprechenden Quantum Weizenklcie. Die fertige Mischung muß mehr trocken als naß, also bröckelig sein und darf, wenn man eine Portion in die Hand nimmt und zusammendrückst, nicht fest zusammenpappen. Dies Weichfuttcr gibl man morgens, die zweite Fütterung erfolgt nachmittags mit Körnerfutter. Als solches kommen in erster Linie Gerste und Weizen in Frage, dann aber auch geschroteter Mais «der PerlmaiS. Bei Hühnern mit beschränktem Laufraum muß man aber mit der Maisfütterung vorsichtig sein, da sie den Fett- onsatz begünstigt, und fcttgewordcnc Hühner legen bekanntlich nicht mehr. An frischem und im Winter warmem Trinkwasser darf es ine fehlen, ebensowenig an Grünfutler. Als solches kommen im Sommer verschiedene Gartenunkräuter, namentlich Gras sQuccken) und Vogclmicrc sowie Salat in Frage, im Winter Futterrunkcln (Preis 1— 2 M. pro 50 Kilogramm) und Grünkohl. Eine gute junge Henne einer Lcgrassc produziert im Jahre 130— 150, wenn es hoch kommt auch 100— 170 Eier. Frühreife Nassen, wie Landhühncr und Italiener, beginnen gewöhnlich schon im sechsten bis siebenten Monat mit dem Legen; die übrigen durch- schnittlich im Alter von 8— 9 Monaten. Die bestes Winterleger sind jene Hühner, die man aus Frühbruten im März und AprU gezogen hat. Nach zurückgelegtem dritten Lebensjahr läßt die Henne im Legen nach und ist dann bald reif für den Suppentopf. Ilm sich stets über das Alter seines Ecflügelbcstandes orientieren zu können, legt man den selbstgczogcnen Tieren im Alter von 3 bis 4 Monaten, Wenn man die Geschlechter unterscheiden kann, je einen der jetzt überall im Handel erhältlichen Aluminium-Fußringe niit Jahreszahl um den reckten Fuß. Die Größe dieser Ringe richtet sich nach der Größe der Rasse und ist für Hähne stets eine Nummer größer als für Hennen. IM. Das Scbickfal eines Kometen» Der im vorigen Jahr cutdeckte Komet Morebouse erweist sich immer mehr als einer der merkwürdigsten Himmelskörper, die je- rnals dem Blick und der photographischcn Platte der Astronomen sich dargeboten haben. Tic wichtigste Erscheinung ist vielleicht die imrch photographisch« Aufnahmen an zahlreichen Sternwarten fest- gestellt« Tatsache, daß der Schweif dieses Kometen eigentümliche Veränderungen aufgewiesen hat, nämlich ein« Art von Ebbe und Flut seiner Ausdehnung und Helligkeit, die vermutlich der Begcg- nung des Kometen mit meteorischen Massen verschiedener Dichte zuzuschreiben ist. Außerdem haben einzelne Verdichtungen in dem Schweif des Kometen zu der Annahme geführt, daß die von dem Kopf des Kometen ausgeschleuderten Massen eine Beschleunigung mit ihrer Entfernung vom Ausgangspunkt erfuhren. Ueber die Gesamtheit der Beobachtungen bringt jetzt die Wochenschrift »English Mechanic" aus der Feder des bekannten Pariser Astro- «amen Flammarion eine Zusammenstellung, die alle Merkwürdig- tkeiten dieses Himmelskörpers behandelt. Der Komet wurde von Morchouse am 1. September an der Uerkes-Sternwarte und unab- hängig davon au der Sternwarte in Marseille entdeckt. Damals war er nur ein blasser unscheinbarer Nebel von der neunten Helliz- keitsklasse, nahm aber schnell an Glanz zu. Der Glanz stieg bis über die sechste Klasse, die bereits die Sichtbarkeit mit bloßem Auge ermöglicht. Flammarion meint zwa-. daß dies Gestirn nie ein „populärer Komet" sein werde, weil er sich nicht zu einer Himmels» «rscheinung von jener Großartigkeit entwickeln werde, wie z. B. der Donatische Komet 1858, schreibt ihm al.r bereits Eigenschaften von ganz außergewöhnlichem Interesse zu. An der Sternwarte Flam- marionS in Juvisy wurde er seit den ersten Tagen seiner Entdeckung beobachtet und bis Ende Oktober sicbzigmal photographiert. In dieser Zeit zeigten sich wahrhaft verblüffende Veränderungen an dem Kometen. In den ersten Tagen begann sich ein Schweif zu bilden, der allmählich wuchs und eine Neigung zur Teilung bewies. Neue Lichtstrahlen schössen von dem Kern aus und trennten sich von einander bis zu großem Winkelabftand. Dank der Klarheit des Himmels in diesem wunderbaren Herbst konnten damals Photo- graphien von drei- und mehrstündiger Dauer aufgenommen werden. Tie merkwürdigsten Veränderungen stellten sich bei den Aufnahmen des 1. Oktober dar. Sie verrieten ei-,- geradezu phantastische Um» wälzung des Bildes. Von dem Kopf gmgen nun gleich einem Pfeil zwei Strahlen in einer geraden Linie aus, jenseits derer sich der Schweis ausbreitete, bis et mit dem Himmelsraum verschmolz. Es gilt seit langem als ein Lehrsatz, daß die Schweife der Kometen immer der Stellung der Sonne entgegengesetzt sind und daß sie durch eine rückstoßende Kraft, die von der Sonne aus wirkt, erzeugt werden, als ob die Sonne diese meteorischen Massen gewissermaßen von sich fort bli.se. Nach der Meinung von Flammarion ist noch niemals ein solches Beispiel dieser Sonnenkraft der menschlichen Beobachtung geboten worden, wir in diesen photographischen Auf- nahmen. Es ist merkwürdig zu sehen, wie der Komet den Gesehen der Anziehung ebenso sklavisch gehorcht wie ein Stern, und seine Bahn mit geometrischer Genauigkeit um die Sonne beschreibt; daß aber gleichzeitig die Massenteilchen, au? denen er zusammengesetzt ist. unter dem Einfluß einer ganz entgegengesetzten Kraft stehen, die darauf ausgeht, sie zu verändern und in scheinbare Unordnung zu bringen. Nach diesen neuen Erfahrungen ist es ganz begreiflich» daß Kometen zu Atomen zerschmettert werden und sogar völlig auS dem Weltraum verschwinden können, wie es mit dem Bielaschen Kometen der Fall gewesen ist. Der Schweif des Kometen Marc- house hatte damals eine Ausdehnung über 17 Himmclsgrade oder wenigstens 43 Millionen Kilometer, und sein Kern nach den Be- obachtungcn etwa 460 000 Kilometer. Gerade am 1. Oktober, als Flammarion seine denkwürdig« photographische Aufnahme gemacht hatte, meldete Bigourdan von der Pariser Sternwarte, daß der Schweif de? Kometen überhaupt verschwunden wäre. Flammarion prüfte diese Erklärung nach, und fand die Strahlungen des �wmetcnkernes allerdings für das Aug« fast unsichtbar geworden. Für den fckarfen Blick der photographischen Platte aber blieb der Schweif noch immer ein deutliches Objekt. Der Komet setzte seinen Weg nach der Sonne fort. Gleichzeitig bewegte er sich von der Erde fort. Die Untersuchungen des Spektrums dieses Kometen haben nicht weniger merkwürdige Enthüllungen mit sich gebracht als die Be- obachtungen seiner Gestalt. Danach besteht der Komet vermutlich nicht wie die meisten seiner Genossen, aus Kohlctvasserstoffen, son- dcrn aus einer Verbindung von Stickstoff und Ltohlenstoff, dem so- genannten Cyanogcn, dem Miutterstoff der Blausäure. Zu den sonstigen Wundern des Kometen kommt also noch hinzu, daß er von einem außerordentlich giftigen Gase zusammengesetzt ist. Flam» marion hat also das Recht zu sagen, daß ein Zusammenstoß mit diesem Kometen die Erde in Berührung mit einigen Millionen Kuhikkilometern eines Gases gebrach: haben würde, dessen Wirkung genügt hätte, alle internationalen und nationalen Streitigkeiten mit einem Schlage zu beenden. Bei einer Entfernung von 150 Mil» lionen Kilometern bleibt diese Erwägung freilich theoretisch. Die Natur der Kometen gehört überhaupt noch zu den Mysterien der Naturwissenschaft und diese neuen Entdeckungen beweisen insbe» sondere, welche Ueberraschungen die Forscher auf diesem Gebiete noch erleben können. Da ist. sagt Flammarion, ein« Art von Gas- ball, größer als die Erde, der mit einer(Geschwindigkeit von 150 000 Kilometern in der Stunde die Unendlichkeit des Weltraumes durch- rast und dabei nicht hinter sich, sondern immer auf der von der Senne abgewandten Seite eine Wolke von Rauch, Dampf, Gas Millionen und Millionen Kilometer weit in den Raum hinaus- sendet. Diese Gase verlassen ihn vielleicht ganz und schwimmen ii» den Aethcr hinaus. Diese rätselhaften Kometenschweife werden erzeugt durch eine von der Sonne ausgehende Stoßkraft. Gleich- zeitig aber sind mechanische, chemische und physische Kräfte an der Arbeit, die den Kometen selbst in seiner Existenz bedrohen, seine Gestalt verdrehen und vollständig umzuwälzen imstande find. Wahr- schcinlich ist dabei die Elektrizität im Spiel, ebenso wie bei der 'trahlenden Materie einer Hittorfschen Röhre. Auch die Sonnen- wärme übt ihren Einfluß aus, und diese leuchtenden Töchter des Weltalls entwickeln sich bei der Annäherung an die Sonne zuweilen mit erstaunlicher Schnelligkeit zu unerhörten Ausmaßen. Aber alle diese Erscheinungen greifen in dem Busen des Weltraums Platz» der eine Temperatur deZ absoluten Nullpunktes d. h. von— 173 Grad besitzt. Man muß also zugelvn, daß eine wirkliche Vorstellung von diesen Gebilden und den mit ihnen verbundenen Vorgängen bisher dein Menschen noch nicht möglich ist. lverantwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdcuckerei u.VcrlagSanstaltPaul Singer ScEo..Berlin5V.