Hlnterhalwttgsölatt des vorwärts Nr. 3. Mitttvoch ven 6. Januar. 1909 (vMdibcuä tetSsien.) 2] Oae tägliche Brot. Roman von C. V i e b i g. Cilla hatte sich der Schwester an den Arm gehängt und tuschelte ihr noch allerlei in die Ohren.„Schaff der bald 'nen Schatz an— mit Freiers Emil war's doch nischte— einen vons Milletär, Hörste,'nen Schneidigen I Und schreib wer ooch dervon!" Mine nickte.„Kannst der Freiern nur sagen, ihr Emil kann mir jetzt den Buckel lang rutschen! um den wer ich mer wahrhaftig nich mehr haben." „Das glaub ich. Un höre, Mine, schickst mer ooch balde ne schöne Schörz, oder sonst waS. Ich tu der dafor ooch mal wieder cn Gefallen." Mine versprach alles. Wie Schatten glitten an ihrem umflorten Blick die stillen Hütten rechts und links vorüber: noch schliefen die Nachbarn, nur ganz in der Ferne klappten zwei Dreschflegel— klip klap— klip klap. Am allerletzten Haus, wo der Meilenstein an der Ehaiissee steht— Schwerin a./W. 7,6 Kilometer— nahmen die Geschwister Abschied. Rüstig schritten Mine und Mar, den Korb zwischen sich, über die einsame Chausiee. Noch war die Sonne nicht ganz durchgebrochen, sie kämpfte noch immer. Auch der feurige Sckwnn auf dem Gipfel des Golmiitzer Sandbergs war wieder erloschen, die Kiefern waren nicht mehr rot angestrahlt. Dichte weiche Schleier hüllten den goldnen Ball wieder ein: über die Aecker, rechts und links vom Weg. flogen weiße Nebelfetzen, vom Morgenwind ge- trieben. Es graute und braute in den Gründen und wogte und quirlte. Leise tropfte es von den Ehausseebäumen. die Gräser am Grabenrand glänzten versilbert, und die niedrigen Wacholderbüfche trugen Schleierhauben. Die Gestalten der beiden Geschwister gingen wie in lauter Dämpfe gehüllt. Das lange Band an des Mädchens Hut flatterte im feuchtfnschen Herbstwind; jetzt wurden die Weiber- röcke fest an den Körper gepeitscht, jetzt blähten sie sich gleich Segeln in der unruhigen Morgenluft. Kommen mer ooch nich zu späte, Marc?" fragte Mine ängstlich und beschleunigte ihre Schritte.„Die Jescbahn geht gegen sieben— weeßte's ooch genau?!" „Zeit de Masse." sagte der Bursche phlegmatisch.„Renn doch nich su! Kannst's wohl nich mehr dcrwarten. Na, paß uf, wann ich beis Milletär komme, mach ich ooch nach Berlin." „Da freu ich mer,»venu de kommst!" „I, da wirschte wenig von mer zu sehn kriegen. Da Hab ich mehr zu tun: bei der Garde seh ich alle Tage den Herr Kaiser. Un ich laß mer den Schnurrbart stehn. Un Sonntags geh ich tanzen. Das wird en Leben!" Er reckte seine schlanke Gestalt noch höher und drückte die Brust heraus.„Da wird mer inal ufatnien, beis Milletär!" Sie lachte ihm ins Gesicht.„Drillen werden se der!" Er maß sie mit einem verächtlichen Blick.„Was Du weeßt, dumme Trine!" „Dummer Bengel!" Mit einem plötzlichen Ruck setzte er den Korb nieder. „Da, kannst Der Deinen Dreck allcene tragen." „Aber Marc!" „Nä. nä. ich will nich. Du bist mer zu frech!" „Aber Mare, Du has doch angefangen! Ich han ju gar nischt gesaot. Maxe, faß doch an, die Jesebahn wart nich! Maxe!" Dummtrotzig und breitbeinig stand er da. hatte ein Holz- ihen au3 der Westentasche gezogen und stocherte sich damit in den Zähnen.„Da siehste'sch. immer kujonieren � nä, nä. Der Alte kujoniert, die Alte kujoniert, un nu willst Du ooch noch kujonieren?! Ich bin froh, daß he fortmachst, Du Drachel" Er sah sie mißmutig an; dann spuckte er aus. „Verfluchte Schinderei! Nä, nä. nur kecn Bauer I Nä, ich will nich. Du has's gutt. Du machst nach der Stadt." „Maxe, so helf mer doch! Maxe!" Sie legte sich aufs! Bitten.„Ich schick Der ooch was Scheenes." ».Wahrhastig?" fragte er mißtrauisch. 1 „Wahrhaftig." „Na, denn los!" Schnell versöhnt lachte er sie an, daß man seinen letzten Zahn sah. Rascher eilten sie voran. Mines blühende Wangen wurden röter und röter, sie hastete sich in Angst wegen der Eisenbahn. Max fluchte schon. Da— Rädergeroll hinter ihnen. Sie sahen sich um. Aus dem Nebelgewoge, in dem das Dorf verschwunden war, löste sich ein dunkler Gegenstand und kam rasch näher. Ein Pferdekopf schnaufte sie an, ein Kalb blökte. Das war Wohl der reiche Bauer Obst aus Rokitten, der ein Mastkalb nach Schwerin zu Markte fuhr. „Morjen." Bescheiden traten die zwei an den Graben» rand. „Morjen." Eine helle Mädchenstimme schrie:„Ihr miiß Euch scheene schleppen!" Ueberrascht blickte Mine auf— ei. war das nicht Fidlers Berta, die Tochter von der„Weisen Frau"?! Richtig, da tauchte ihr blonder Kopf hinten im Wägelchen neben dem Kalb auf! Sie hatte dem großäugigen, ängstlich dreinblickenden Tier den Arm um den Hals gelegt und lachte nun übermüttg.„Wir beide vertragen uns ganz gutt, was meenste, Schatz? Muhl" Sie küßte das Kalb auf die Schnauze. Der Wagen hielt: der Bauer mußte sich ausschütten bor Lachen.„Nä, is das eenel Hahahaha!" Die konnte einem den Weg verkürzen. Gut. daß er der erlaubt hatte, aufzu» sitzen, als sie ihn in Golmütz anhielt. „Seid Ihr nich ooch aus Golmütz, dem Varthel Heinze seine?" rief er wohlgelaunt die Geschwister an.„Steigt nur ooch uf!" Sinn hätte Max füglich umkehren können,— der Reisekorb stand ganz gut hinten im Wägelchen, die beiden Mädchen setzten sich darauf— aber Schwerin ließ er sich nicht so leicht entgehen. Es war ihm ein Hochgenuß, die Hände in den Hosentaschen, die Zigarre im Mund, über das holprige Pflaster des Städtchens zu schlendern. Wie ein Herr! Und so kroch er eilends, der Schwester nach, hinauf und kauerte sich, wie ein Türke mit untergeschlagnen Beinen, zu Füßen der Mädchen nieder. Das ängstliche Kalb guckte ihm über die Schulter. „Machste nach Berlin?" fragte Fidlers Berta Heinzes Mine. „Ju ju. Und Du?" „Ooch nach Berlin." „Ei, das trifft sich scheene! Da können mer uns ju zu» sammentun!" Mine vergaß ganz, daß ihr Fidlers Berta nie recht gefallen hatte, und daß sie bis dahin kaum mit der gesprochen. Sie waren auch wenig in Berührung gekommen. Mine schaffte hart auf dem Feld: die Witwe Fidler hatte keinen Acker, die war mehr städtisch. So saß die blonde Berta am Fenster hinter den halb zurückgezogenen Gardinchen und häkelte Kanten: oder wenn's hoch kam, schlenderte sie in den kleinen Garten am Hans und wirtschaftete ein bißchen an dem schmalen Gemüsebeet herum. Meist aber waren der Salat und die Rüben von Unkraut überwuchert, und die Tochter, in einer zierlichen Schürze, stand an der Haustür und schwatzte mit den Kunden der Mutter. Frau Fidler war viel begehrt und mehr auswärts auf den umliegenden Ortschaften als daheim. Jetzt wo Mine so allein hinaus in die Fremde sollte, zu lauter Unbekannten, kam ihr die Berta wie eine Freundin vor. Sie preßte zutraulich deren Hand. „Nä, wie mer das aber freit! Warum haste mcrsch denn nich ehndcr gesaot, daß de ooch nach Berlin machst?!" Die andre lachte.„Kcencn Schimmer nich han ich vorher davon gehatt! Es gefällt mer aber uf eenmal nich mehr ze Hans. Alles alleene klauen— de Mutter is immer weg un wenn se zu Haus is, kippt se cenen: und dann schnarcht se entweder, oder se räsoniert. DaS paßt mer noch lange nich. Un als se gestern so geschimpft hat. dacht ich:„Na wart.'" Hent nacht is se beim Bauer Reim zu Liebuch, der hat se gestern abend mit dem Wägelchen geholt: de Frau kriegt's sechste. Da läßt se sich's imnier wohl sein, da dauert's lang«; Wenn fc von da tokberfommf, Bin ich Bald in Berlin. Haha- hahal" Sie lachte ihr Helles Lachen. „Nä— aber," stotterte Mine ganz verBlüfft« „Recht hat se," brummte Max beifällig. „Was ich brauch, hau ich vorerscht," sagte Berta und stieß mit dem Fuß an ein nachlässig zusammengerolltes Bündel und eine Pappschachtel.die sie unter das Kalb geschoben.„Das andre Gelumpe kann se behalten; da is nischt mit los. In Berlin schaff ich mer doch alles neu an. Du sollst mal sehn, was ich forn Hütt krieg l Vom erschien Lohn wird er an- geschafft." Sie hielt den hübschen Kopf so aufgereckt, als trüge sie schon einen Florentiner mit lauter weißen Federn darauf. „Du bis eenel" stieß Max hervor und betrachtete sie mit bewundernden Blicken. Sie fuhr ihm mit leichter Hand ums Kinn.«Gefall ich der? Das ist recht, Jüngelchenl" lFortsetzung folgt.) Alarum? Von Ilse Frapan-Akunian. l Schluß.) Verzerrt von Hunger und Kummer, die schwieligen Arbeits- Hände machtlos, mit hageren Armen, gebeugtem Rücken, krummen Beinen, schmutzig, zerlumpt, elend, ausgestoßen, krochen die zwei Gestalten über die einsame Straße an dem breiten, stummen, über- fließenden Schloßgraben hin� hinter dem die üppigen Wipfel sich bogen und das weiße, prächtige, leere Schloß lauschte. Die Frau seufzte laut auf; die Schnur entglitt ihrer Hand, sie sank am Grabenbord zusammen. Der Mann sah sich um und starrte sie hoffnungslos an. „Mariekcn?" Da sie keinen Laut von sich gab, kam er heran:„Magst woll «ich mehr?" sagte er langsam. Sie hob ein wenig die roten Augen, aus denen die Tränen liefen. „Nee," seufzte sie.„'s all!" Er streckte die Hand aus, um sie in die Höhe zu ziehen. „Lat mi liggen," sagte sie. Er nickte uud ließ sich schwer zu Boden fallen, nicht weit von ihr. „Ick bün ook— sowiet— sagte er, seinen Kopf mit der Hand schützend:„Nu hagelt't oook noch." „Lat hageln." „Ward ook all Nacht." „Lat Nacht warn." Sie saßen und neigten die Köpfe, auf d,e der Hagel schlug. „Gottlow un Tank," sagte die Frau, plötzlich starker auf. weinend. Sein Gesicht furchte sich. „Wat seggst Du?" Sie legte die Hände zusammen. „De Lütten sünd ünner Dack." „Een Glück, dat wi ehr nich mit hebbt," sagte er. „Se ward ehr woll'n bceten Melk un Brot geben, nich?" Der Mann zuckte die Achseln. „Ja, Maricken, ick glölv dat ook!" Ter Hagelschauer war vorüber, weiß lag es in den Rissen und Furchen des Bodens. Schaudernd in den nassen Lumpen hockten sie am Grabenrand, zu erschöpft, um aufzustehen. Seit drei Tagen waren sie unterivcgS, um Arbeit zu suchen. Arme, arbeitslos« Arbeiter, was gibt es Aermercs auf der Welt? Ehrliche Leute, die von ihrer Hände Arbeit gelebt haben bis jetzt. und die die Arbeitshand nicht zum Betteln ausstrecken können, weis gibt es Hilfloseres? Wer waren sie? Zwei Namenlose, zwei mit Hirn und Blut begabte Maschinen, die bei dem letzten Streik brotlos geworden. Er toar nicht unmittelbar beteiligt gewesen, er gehörte nicht mit zur Organisation, er war nur ein ganz bedeutungsloser Gelegenheitsarbeiter. Aber er hatte Partei ergriffen für seine Freunde und Lebensgcnosse», er hatte— so lautete die Anklage— Arbeitswillige mit Gewalt von der Arbeitsstätte fern zu halten gesucht. Tie Anklage war unwahr. Es hatte keiner Gewalt bedurft, um die neu Zugezogenen zurückzuhalten. Einfache Worte,«ine Darlegung ihrer Lage hatte genügt. Aber er hatte trotzdem«ine monatliche Gefängnishaft zu verbüßen, und als er herauskam, gab es keine Arbeit wieder. Ter Hauswirt, den er nicht bezahlen konnte, nahm ihm die tvenigen Sachen, die letzten Kleider, und setzte ihn mit Frau und Kindern vor die Tür. Den Arbeitslosen, Brotlosen nahm niemand auf. sie blieben ohne Obdach. Sein Leben lang hatte er gedarbt, ihr Leben lang hatte die Krau gedarbt— der Lohn reichte zerade hin, um das arme Leben zu fristen. Aber sie waren doch eine ordentliche Arbeiterfamilie g» wesen, so gut und so schlimm daran wie Millionen anderer. Heute waren sie obdachlose Landstreicher, nutzlose, ausgestoßene Menschen, mit Hunger im Magen, mit Angst im Herzen, und mit der ungc- hcuren, faffungsloscn Verwunderung darüber, daß man sie nirgends mehr haben wollte. Vor drei Wochen hatte die Frau geboren. Das Kind lebte so gut wie seine zwei älteren Geschwister, aber die Mutter konnte nicht bei ihnen bleiben, sie mußte ihnen erst durch ihre Arbeit ein Obdach und Nahrung schaffen. Mit dem Manne war sie jetzt weggegangen, Arbeit zu suchen. Eine gutwillig« Nachbarin hatte die drei Kleinen einstweilen behalten. Sie hatte ihr dafür ihren Hut und ihre Schuhe gegeben. 3!ackt und bloß hatten sie sich auf den Weg gc- macht. Die Frau zerfloß fast in Tränen über die Trennung von ihren Kindern; der Mann war wie versteinert von dem Unglück. das sie betroffen. Arbeit und Obdach! Arbeit und Obdach! Seit drei Tagen wanderten sie, vom Gewitterregen verfolgt, auf unbekannten Wegen. Sie waren aus der Großstadt, keine Fußwanderer. Ihre Füße schwollen und wurden wund, der Hunger quälte. Man wies sie überall ab, denn für Arbeiter sahen sie zu heruntergekommen aus, und für Landstreicher waren sie zu ungewandt. Scham und Er» schöpfung ließ sie fast nichts sagen. Dazu die Furcht vor den Gendarmen. Der Mann grübelte fort und fort. Die Erde hatte keinen Platz für sie. Für sie brannte kein Herdfeuer, kochte kein Suppentopf, stand kein Bett bereit, nicht einmal«in Strohlager. Dieser furcht- hare Gedanke, dieser.tötende Gedanke setzte sich in des ManueS Kopf fest, bis er jede Spur von Lebenskraft und Lebenswillen er- schlagen hatte. Die Frau litt körperlich schwer und weinte um ihre Kinder. Und nun lagen sie hier am Grabenrand im Schmutz, und hinter den Wipfeln, die ein kühler Wind bewegte, schimmert« das weiße Schloß, das leere Schloß, mit seinen zweihundert Zimmern voll weicher Polster und schwellender Diwans, voll von weichen, sauberen, duftenden Betten, Betten, so groß wie eines armen Mannes Tanz- saal, Betten, die niemand besteigt, seidene Armstühle, die keinen er- quicken. Die Frau zeigte mit der matten Hand; ihre geschwollenen Augen sahen nicht deutlich mehr. „Is dor'n Hus?" „En Hus? Nee. wonehm denn, Maricken?" „Tor. dücht mi. achter de Böhm." Der Mann blickte gleichgültig nach dem Schloßgartcn. Ein neu heranziehender Wettcrsturm rüttelte die Bäume, riß die Kronen voneinander, und auf einen Augenblick enthüllte sich das weiße, seelenlose Geheimnis der Mauern und Fenster uud Türme. Und auch die Schildwache war zu sehen. Der Mann spie seitwärts auf den Boden. „Nee, Marieken, dat is keen Hus." Mi dücht doch, dat ick Finster seh—". «Ach, dat is ja bloß de oll Palast, weest Du woll, Marieken?" „Ach de! Wo kamt wi denn ook dorhen!" seufzte die Frau und warf sich lang auf den Boden. Der Mann blickte zu der Schildwachc hinüber. „Kumm, Marieken, wieder gahn." Sie rührte sich nicht. „De Posten dor— he kiekt all röber,— kumm, stah op." Sie öffnete die Augen, ängstlich, erschrocken. Wankend stand sie auf. „Wonehm is de Posten?" „Tor— he kiekt all her! Hs hett' Gewehr in'n Arm. Kumm, kumm. gau!" Sie machten ein paar eilige Schritte. Die Frau keuchte. „Wokeen wahnt denn dor in'n Palast?" „Wokeen? Keen Een. Wat geiht mi dat DingS an? Nee, hür' to, Marieken,— ick denk— wi wöllt dat nu dohn,— hier is dat still— keen Minsch so wiet— hier gliek op de Stell." Er nahm den Stock und stieß ihn in den Graben zwischen die fetten, grünen Algcnkaäuel. Er fand keinen Grund. „Hier geiht't ganz good. Wist Du, Marieken? Du seggst je ook, Du magst nich mehr." Ihre Augen wurden plötzlich weit und angstvoll. Sie klammerte sich an seinen Arm. „Wat bebcrst Tu so, Mariekcn? Büst Du bang? Is ja man'n Ogenblick. Gliek sünd wi weg." „De Küll'! bloß de Küll' I" flüsterte sie mit blauen Lippen,„und denn— min Kinner." Er nahm die Schnur mit dem Pack und band sich eng mit der Frau zusammen. Er war ganz ruhig. „En Steen deiht woll nödig. De Packen is nog." Mit der letzten Kraft ihrer sinkenden Arme umschlang die Frau ihres Mannes Hals. Er ballte die Faust. „Verflucht! Verflucht?— Slop woll, Maricken." Sie küßten sich und sagten sich noch einmal gute Nacht, und unter dem Kusse zog er die Frau von dem weichen Grabenrand hinab in das braune aufspritzende Wasser. Kein Schrei, kein Zurückbäumen, kein Bereuen.-- Sie sanken gleich.—— Mer dann— nach einer Weile— erhob sich ein Kopf über Wasser, des ManncS Kopf mit wild aufgerissenen Augen. Er wollte herauf, zurück, aber wie Blei hing die Frau an seinem Halse. Er schüttelte sie, sie regte sich nicht, er sah ihren offenen bleichen Mund, die toten, verglasten Augen. Da schrie er auf, grell, fürchterlich, heulend wie ein Tier. Die Vögel flogen davon, die Blätter erbebten. Er sah das leere Schloß hinter den Bäumen, er verstand alles, er begriff alles, er fand eine neue Sprache auf seinen armen blöden Lippen, einen hellen flie- genden Schein in seinem dumpfen, dunklen Hirn. ..Warum? Warum? Da wär' ja Platz! Da wär' ja ein Dach! Da wär' ein Lagerl Da wär' ja Obdach für Tausend für uns? Stuben und Betten und Tische und Teller. Alles da, was man braucht? Viel mehr als man braucht! Und wir? Und wir? Wir ersaufen im faulen Graben! Wir verfaulen hinter der Hecke! Wir verhungern im Brennesielkraut! Warum tun wir das? Warum sind wir so feig? Warum find wir so toll? Warum? Warum?" Und das neue Licht wirbelte um ihn, er fühlte schon sich sinken, atemlos keuchend versuchte er, den Kopf seiner Frau emporzuheben: „Marieken," schrie er gurgelnd,„waak Weddel op; waak gau opl Da is ja Platz op de Eer! Platz vor all' un jedwereinl Wi wölt rin gähn! Wer hett seggt, dat ick bang bün? Ick bün nich mehr bang! Nich mehr— nich mehr bang---" DaS schmutzige Wasser drang ihm unaufhaltsam in den Mund, erstickte ihn; er sank zurück; einmal noch schlug die anklagende Hand in die Höhe, dann verschwand alles� unter der Algendecke. Weiß und prächtig stand das leere Schloß, aber es war nicht mehr, was es gewesen; es knisterte und krachte in den Mauern; was unversehrt schien, war getroffen; kein Blitz von oben— der Schrei aus der Tiefe hatte das Fundament gespalten. (Nachdruck verboten.) Die neuaufgcfundeneii ältesten inenrchUchen Skelettreste. Von Dr. Ludwig Reinhardt. 7. BiS jetzt sind nur vereinzelte und dazu noch meist in ihrem wirklichen Alter schwer zu bestimmende Ueberreste des Menschen gefunden worden, so daß es als ein hochwichtiges Ereignis begrüßt werden muh, daß kürzlich zwei neue Funde gemacht wurden, die weitaus die ältesten menschlichen Skelettreste bedeuten und unsere Ahnen mit Sicherheit um einige Hunderttausend Jahre zurückver- folgen lassen. Was will das heißen, wenn man bedenkt, daß die als uralt angestaunten ägyptischen Mumien nur etwa vier- bis fünftausend Jahre alt sind und die Skelettreste der Gräber der jüngeren Steinzeit in der Regel nicht sehr viel älter sind. Aller- dings lebten die Mammut- und Rennticrjäger der frühen Nach- ciszeit, die uns stellenweise, besonders m Südwcstfrankreich und Nordspanien, ihre merkwürdig naturgetreu gezeichneten und teil- weise mit bunten Erden bemalten Tierdarstellungen an den Höhlen- wänden hinterließen, nachweisbar vor zwanzig bis fünfundzwanzig- tausend Jahren. Doch haben sich von chnen wie von den bedeutend älteren Menschen der eigentlichen Eiszeit nur ausnahmsweise ein- zeln« Bruchstücke von Skelettknochen erhalten, so daß wir erst seit kurzem die Eigentümlichkeiten ihres Körperbaues genauer kennen gelernt haben. Die älteste bis dahin in ihrem anatomischen Bau bekannt gc- wordene Menschenrasse, die um die Wende der vorletzten Eiszeit und in der ersten Hälfte der sogenannten Waldphase der letzten Zwischeneiszeit, d. h. nach den neuesten geologischen Bestimmungen vor wenigstens dreihunderttausend Jahren lebte, war die N e a n» d e r t a l e r, so genannt nach den im Jahre 18S6 von Dr. Fühl. r o t aus Elberfeld in Neandertal bei Düsseldorf für die Wissen- schoft geretteten Knochcnresten, besonders einem überaus massiven Schädeldach mit niedriger, fliehender Stirne und starken Ueber- augenwülsten, Eigentümlichkeiten, die dem heutigen Menschen voll- kommen fehlen und, statt für normale aber altertümliche, für krankhafte und nicht sehr alte Bildungen angesehen wurden. Die richtigen Anschauungen über die Merkmale dieses Men- scheu gewann man erst, als in Frankreich, dann in Mähren und zuletzt in Kroatien noch weitere Ueberreste von ihm gefunden wurden, in Begleitung von typischen Feuerwerkzeugen, die wir nach dem Vorgange des Pariser Altertumsforschers Gabriel de M o r t i l l e t nach einem der ersten bekannt gewordenen Fundorte, Le Moustier in Südwestfrankreich, als Maust erien bezeichnen. Besonders der vom Agramer Geologen Prof. Gorjanovic- Kramberger vor einigen Jahren bei der Ausräumung einer ehemaligen Höhle bei Krapina in Kroatien gemachte Fund war von großer Bedeutung, indem an einer einstigen Herdstelle mit Ueberresten von Asche und Kohle außer zerschlagenen und teilweise angebrannten Tierknochen gegen fünfhundert ebenfalls zerschlagene und teilweise angebrannte Knochenbruchstücke von insgesamt zehn Individuen verschiedenen Alters und Geschlechts des Menschen ge- funden wurden. Diese müssen einst hier in dieser Höhle von übe!« wollenden Nachbarn überrumpelt, niedergemacht und verspeist worden sein, wobei nicht nur die Schädel zur Entnahme des Gc« Hirns, sondern auch die Markknochen zur Erlangung des lebens« warm wie das Blut und die Eingeweide als Leckerbissen verzehrten Markfettes eröffnet wurden. Das waren die ältesten sicher beglaubigten menschlichen Ueber« reste, und in so wenig vorteilhafter Weise präsentierte sich der Mensch bei seinem ersten Auftauchen aus dem Dunkel der Vor« geschichte, bis im Laufe dieses Sommers ein noch weit älterer Funb in Südwestfrankrcich gemacht wurde, der uns unseren Ahnen auch von einer weit liebenswürdigeren Seite, denn als mitleidlosen Verzehrer von seinesgleichen zeigt. Diese hochwichtige Entdeckung verdanken wir einem schiveizeri sehen Archäologen, Herrn Otto H a u s e r, in Basel, der seit vier Jahren die schon längst be« kannten, aber unvollständig erforschten, der älteren Steinzeit an» gehörende Fundorte und dazu noch verschiedene neue, von ihm selbst aufgespürte, systematisch ausgräbt in Anlehnung an eine von ihm selbst durch einen geübten Geometer vorgenommene Landesver- Messung des betreffenden Gebietes, welche die absoluten Höhen über Meer der einzelnen Fundschichten und der in ihnen gefundenen Feuerstcinwerkzcuge oder sonstigen Fundobjekte zu bestimmen er« laubt. Im oberen Tale der Vezere in der Dordogne liegt an einer Talverzweigung unter einer jähen Felswand aus weißem Kreide- kalk der Ort Le Moustier, auf dessen unterer Felstcrrasse die Pioniere der prähistorischen Forschung, L a r t e t und C h r i st y, schon zu Ende der fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts eine an typischen Werkzeugen aus Feuerstein reiche Fundschicht aus« beuteten, die, wie bereits erwähnt, der Kulturstufe des Neander« talers den Namen Mousterien gab. Zehn Meter unterhalb jener Terrasss begann Herr Hauser im November 1907 in einer bis dahin durch moderne Bauten der wissenschaftlichen Erforschung unzugäng- lichen kleinen Höhle zu graben, aus der in der Folge eine Menge ausschließlich der A ch e u l e e n kultur angehörender Feuerstein» geräte zutage gefördert wurden. Diese dem Mousterien voraus» gehende Kulturstufe aus dem letzten Viertel der ganz außcrordent- lich lange währenden vorletzten Zwischeneiszeit ist besonders durch eigentümliche mandelförmig zugeschlagene flache Faustkeile aus Feuerstein charakterisiert, und hat ihren Namen von demselben Gabriel de Mortillet von einem ihrer berühmten Fundorte bei St. Acheul, einer Vorstadt von Amiens in Nordfrankreich. Sie ist eine Weiterbildung des noch älteren und primitiveren C h e l l e e n. so genannt nach dem Fundplatze der diese Stufe kennzeichnenden, grob zugeschlagenen, großen, dicken Faustkeile bei Chelles an der Marne. Bis zum 7. März vorigen Jahres waren fast ausschließlich Feuersteingeräte, besonders zahlreiche Faustkeile des Acheuleen« aus der an der Basis der Felswand erschlossenen Höhle von Le Moustier herausgeschafft worden, als am Nachmittag dieses TageS dem Borarbeiter beim Graben in 1,6 Meter Tiefe, ganz nahe dem schützenden Felsdache, einige Knochenfragmente auf die Schaufel fielen, die er sofort richtig als menschliche Extremitätenreste er» kannte. Der seiner Weisung gemäß sofort davon benachrichtigte Herr Hauser kam alsbald herbei, obschon er der überraschenden Botschaft zunächst keinen Glauben schenkte. Und als er sah, daß die vom Vorarbeiter geäußerte Vermutung vollkommen richtig war, und Bruchstücke eines menschlichen Unterschenkelknochens waren, ließ er die Grabung sofort unterbrechen und die Fundstelle hoch mit Erde bedecken, um die noch im Boden ruhenden Skelettreste vor den für sie verderblichen WitterungSeinflüssen zu schützen. Freitag, den 10. April wurde in Gegenwart einer Anzahl fran» zösischer Beamter und Aerzte der Gegend das Skelett soweit frei» gelegt, daß der Schädel sichtbar wurde, und ein notariell ausge» strtigteS Protokoll mit den Unterschriften der anwesenden Zeugen aufgenommen, um von vornherein alle Zweifel an der Echtheit der in vollkommen unberührten Schichten liegenden kostbaren Reste zu beseitigen. Mit der definitiven Hebung seines einzigartigen FundobjektcS wartete Herr Häuser bis nach Beendigung des Frank« furter Anthropologcnkongrcsscs eine aus neun namhaften Prä» Historikern und Anthropologen bestehende Gesellschaft, worunter die Professoren Hans Virchow, Karl von der Steinen und Gustav Kossinna aus Berlin und Herrmann Klaatsch aus Breslau, auf seine Einladung hin am 9. August im Vezerc» tale eintrafen. Als man mit der höchst sorgfältigen Ausgrabung der Skelett- reste begann, zeigte es sich sofort, welch ungeheure Schwierigkeiten der überaus morsche Erhaltungszustand dieser uralten Knochen- reste, die bei der Freilegung zum größten Teile in Staub zerfielen, der Hebung bereiteten. Besonders von einer Loslösung des ganzen Schädels konnte durchaus keine Rede sein, und so versuchte Prof. Klaatsch, als der in solchen Dingen geübteste, mit Herrn Häuser zusammen von den kostbaren Resten zu retten, was nur anging. So wurde in mühevoller anatomischer Präparation Stückchen für Stückchen unter beständiger Feststellung der Zusammengehörig- kcit und unter Fixierung des Bildes der gegenseitigen Lage durch photographische Aufnahmen herausgelöst, bis die überaus schwierige Arbeit am 11. August vollendet war. Die zunächst durch Durch» tränkung mit Leim gehärteten Einzelstückchen wurden nach ihrer Austrocknung sorgfältig in Watte verpackt und nach Breslau ver« kracht, wo sie durch Prof. Klaaisch mit Hilfe bon Plastizin kunstvoll gu einem Ganzen zusammengefügt wurden. Am 5. November wurden die restaurierten Stücke bei Gelegen- Ijeit eines Vortrages von Herrn Hauser in einer wissenschaftlichen Gesellschaft Hamburgs zuerst gezeigt, dann auch in Berlin und Frankfurt a. M. vor einem geladenen Publikum demonstriert. Am Ll. November hatte ich mit einem St. Galler Prähistoriker, Herrn Emil Bächler, als einzige Schweizer, die grosse Vergünstigung, die für uns nach Basel gebrachte,! kostbaren Dokumente einen ganzen Vormittag hindurch untersuchen zu dürfen. Was lvar das für ein unvergesslicher Moment, als mir der trefflich restaurierte Schädel dieses uralten Acheuleenjägers, der nach einer sehr bescheidenen, durch geologische Untersuchungen fest- gestellten Schätzung vor etwa 400(XX) Jahren lebte, in seiner tierischen Urwüchsigkeit entgcgengrinstc! Das war ein Vertreter zener noch halb als Tiere unter Tieren hausenden Vorfahren des heutigen Europäers, und eine grössere innere Erregung ergriff mich, als da ich im vorletzten Sommer zum ersten Mal im Pro- dinzialmuscum in Bonn die Ueberreste des berühmten Neander- talcrs in Händen hielt! Das war fürwahr kein Mensch von unserer Art. der diesen unheimlich an die Menschenaffen er- inncrndcn Schädel sein eigen nannte! Fassen wir nun in Kürze zusammen, worin sich dieser Ureüropäcr von den heutigen Bcwoh- nein Europas unterschied. Zunächst sei konstatiert, dass diese Menschenrasse in? allge- meinen dem zwar etwas jüngeren Neandertaler sehr nahe stand, wenn sie sich auch durch einige altertümliche Merkmale von jenem unterschied. Diese Ureuropäer waren noch recht klein, jedenfalls unter Mittelgrösse. Unser Individuum von Le Moustier war ein etwa löjähriger Jüngling von annähernd 148 Zentimeter Körper- länge. Die Gelenkenden seiner Röhrenknochen waren noch nicht knöchern mit den Schäften verbunden, die dritten Molaren oder Weisheitszähne waren noch nicht durchgebrochen und der linke untere Milcheckzahn war anormalerweise noch in Tätigkeit, tväh- rend der bleibende Eckzahn tief unten in der Knochenlade stak. Besonders auffallend an ihm, wie auch am Neandertaler, war die Gedrungenheit und Kürze der Glieder, besonders der Vorder- arme und Unterschenkel im Verhältnis zu dem langen Rumpfe, ein Berhültnis, das heute nur die Kinder in den ersten Lebensjahren aufweisen als Reminiszenz an frühere Dascinsstufcn, bei denen dieses Verhältnis noch bei den Erwachsenen herrschte. Erst im Verlaufe des späteren Wachstums strecken sich bei ihnen die Glieder, bis die heute bei den Ertvachscnen normalen Verhältnisse einge- treten find. Eine andere Eigentümlichkeit, die er mit dem Neander- talcr gemeinsam hatte, war die enorme Krümmung der Speiche, eine Biegung des Oberschenkels nach vorne und ein Bau des Knies, die sich bei keiner jetzt lebenden Menschenart mehr, sondern nur noch bei den Menschenaffen vorfindet. Wie am unteren Ende des Oberschenkelknochens die Gelenkhöcker stark nach hinten verlängert und die Gclentgrube weit mehr vertieft ist als beim heutigen Menschen, ist gleicherweise der Kops des Schienbeins ausfallend stark nach hinten abgeknickt. Wenn wir nun die Bcinknochen auf- einandcrstellen und sie gegeneinander, wie eS einst im Leben ge- schab, bewegen, so erkennen wir mit Staunen, dass der Bau des Kniegelenks ein solcher ist, dass es jenen Menschen ganz unmöglich war, mit gestreckten Knien zu gehen oder sie gar durchzudrücken, wie es von? heutigen Menscben beim Paradeschritt verlangt wird. Auch die einzig erhaltene oberste Rippe und das Schlüsselbein sind höchst zierlich gebaut, so dass sie durchaus nicht zu dem cnor?>?cn, grobgeschnittencn Schädel zu passen scheinen, und doch gehören sie zu>am?i?cn. Am Schädel tritt lvie bei den Menschenaffen der Stirn- teil vollständig gegenüber dem schnauzcnartig vorspringenden Kieferteil zurück. Nach den gewaltigen Augenhöhlen zu schliesscn, müssen die jedenfalls dunkclgefärbtcn Augen eine unheimliche Grösse gehabt haben. Um nun diese weitaus wichtigsten Sinnes- crganc bei den grimmige:? Kämpfen, die diese Menschen unter sich und?nit den wilden Tieren auszufcchtcn hatten, vor etwaigen Vcr- letzungen zu schützen, waren die Augenhöhlen oben von vorsprin- grndcn Knochcnwülsten begrenzt, von denen wir nur noch bei den Australnegcrn Spuren finden. Bei unserc?n jugendlichen Jndivi- duum waren diese Ueberaugentvülste noch nicht so stark ausgebildet, wie wir sie bei älteren Exemplaren des Neandertalers antreffen, da sie bei diesen wie bei den Menschenaffen erst nach Abschluß des Körpcr!vachstu?ns zu ihrer vollen Grösse ausgebildet wurden. Durch eine seichte Grube von ihnen getrennt, beginnt die überaus niedrige, schmale Stirne, die noch stark gegenüber dem ge- wältigen,.mehr den vegetativen Funktionen dienenden Hinter- Haupte zurücktrat, als Beweis dafür, dass das Organ des über- legenden Verstandes noch nicht so stark ausgebildet war als beim heutigen Menschen, besonders dem Kulturmenschen. Auffallend klein ist der hinter deln schmalen Gehörgang gelegene Zitzenfortsatz: auch die Jochbogen stehen nicht stark vor, obwohl gewaltige Kau- muskeln zur Bewegung des imlnensen Gebisses unter ihnen hin- durchtreten. Seitlich erstreckten sie sich an den Schläfen vorbei so loci? nach oben, dass sie wie bei den Menschenaffen in der Scheitel» linic zusammentrafen. Von den heute lebenden niederen Menschen- stammen zeigen die Eskilnos noch am deutlichsten diese primitiven Verhältnisse. In dem massig hohen Gesicht stehen die Augenhöhlen auf» sallelid weit