Hlnterhaltungsblatt des Horwärls Nr. 3. Freitag� den 8. Januar. 909 (Nachdruck Iierboteu.) 4] Das tägliche Brot» Roman von C. Viebig. Mine sah nicht auf die Straße, unverwandt guckte sie in den Eierkorb auf ihrem Schoß. „Sie sind wohl fremd zujezogen, Fräulein?" fing die Frau neben ihr, die ein mageres blasses Gesicht und hungrige Augen hatte, ein Gespräch an. Sie nickte nur. „Nu ebent, det sah ik Sie gleich an! Sie suchen wohl Stellung zu'n ersten Oktober? I, det is noch'ne jlückliche Zeit,»venu man for nischt nich zu sorjen hat, als for den Reise- korb und de Kommode. Alle vier Wochen uf'ne andre Stelle, wenn die Madame zu ville Krach macht. Ach ja,"— sie stieß einen kläglichen Seufzer aus—„nu is nischt mehr los mank all die Jähren.„Mutta" hier un„Mutta" dal" Die beiden Arbeiter gegenüber, zwischen denen Berta saß, zeigten Anteil. „Ich bin ooch vcrheirat," sagte der eine: Mine hätte ihn für kauni zwanzig gehalten.„Schonst lange, drei Jahre!" „Jotte doch, wenn der Mann arbeet, jeht's ja noch," rief die Frau.„Aber meiner hat erst sechs Wochen in's Scharretee jelegen, un nu hockt er mir schonst das janze Monat zu Hause rmn. Happen pappen, jawoll! Aber verdienen is nich. Was meine älteste is, die Klara, die war mit de Ferienkolonie vier Wochen ins Jebirje, nu Hab ik ihr aber seit vierzehn Tage wieder da, un alles is beim alten: Kopfweh, müde, plierige Augen. Lotte und Fritze haben Stickhusten, un was de kleenste is, de Mieze, ik jloobe nich, det se't durchmacht. In's Polle- klinik sagen se:„skrophelös, Milch trinken, Eier, alle Tage zwei frische Eier!" Jotte, wo soll man's hernehmen?!" Die beiden jungen Männer lachten:„Schlagen Se'nen reichen Juden tot!" Die Frau achtete nicht auf den Scherz; mit der Redselig- keit der Armut, die nichts weiter hat als ihre Leiden, fuhr sie fort:„Un die Miete! Und allens so teuer! Denken Se an, de Mandel Eier eine Mark, un denn sind immer noch'n paar faule mank— die Ausverschämtheit!" Unverwandt ruhten ihre hungrigen Augen auf dem Korb des Mädchens.„Ik würde die Kleene so jerne en paar frische Eier jeden, man nur cn paar!" Sie beugte sich dicht auf Mines Korb, ihre mageren Finger streckten sich aus und zogen sich wieder zurück— nun konnte sie sich doch nicht bezwingen, sie tippte auf ein Ei und nahm es dann in die Hand.„Janz frisch, wat?" Mine erschrak: wollte die Frau ihr eins wegnehmen? Zugleich wurde sie böse: was gingen fremde Leute sie' an? Sie nahm der Frau daS Ei aus der Hand, legte es zu den übrigen und zog das deckende Tuch, das verrutscht war, fest darüber. Es war ein trauriger Blick, mit dem die blasse Frau zusah: noch eine kurze Strecke, dann erhob sie sich seufzend und stieg aus. Berta schien von alledem nichts gemerkt zu haben, unver- wandt guckte sie durch die Scheibe. Als der Kondukteur„Büloff- straße" rief, war ihr der Hals von der unbequemen Drehung ganz steif geworden. Was die hier in Berlin„nah" nannten. Ter Weg von der Bülow- bis zur Göbenstraße dünkte den Mädchen zwei- mal so weit, wie der durchs ganze Dorf. Und immer blieb Berta an den Schaufenstern stehen, besonders an den Kon- ditorlädcn konnte sie nicht vorüber: dann funkelten ihre Augen in einem schimmernden Glanz, hurtig leckte ihre Zunge über die roten Lippen, als schmeckte sie schon Süßes. Endlich kamen sie an die Göbenstraße. „Eins, zwei... sechse, sieben, achte!" Mine zählte laut, und doch wäre sie noch in ihrer Verwirrung'vorbeigelaufen, hätte Berta nicht:„Halt!" gerufen. Mehl und Vorkost Obst und Gemüse von Jakob Reschke stand mit großen weißen Buchstaben auf der mit glänzend- himmelblauer Oelfarbe gestrichenen unteren Wandhälfte des Parterres. Die Holzstnfen, die hinunter führten in den Keller, waren rechts und links flankiert von hohen Körben. Obenan ein mit schon welkenden Bohnen gefüllter: diesem gegenüber einer rot von der Suppe, die zerplatzte und zerdrückte Preißelbceren vergossen. Das Fenster, in gleicher Höhe mit dem Trottoir, bot ein buntes Durcheinander: Kohlköpfe, Gurken. Aepfel, Zitronen, Bücklinge, Birnen, Pflaumen, Heringe, Brot und weißer Käse; in der Mitte ein Körbchen:„Garantiert frische Trinkeier." An Inschriften war überhaupt kein Mangel, überall baumelte ein Pappstückchen. Täglich frisches Landbrot. Feinstes Salonöl, pr. Liter 18 Pf. Einmacheessig. SHems Fuhren werden gefahren. Pcrleberger Glanzwichse. Rollmops. Alle Sorten Biere, frei ins Haus. Hier kann gerollt werden. Größer aber als alle, prangte ein Zettel: Gesindevermictnngsbureau von Frau Amalie Reschke Die Stufen waren feucht, glitschig von zertretenen Ee» müseresten. Hier lag ein Kerngehäuse, da ein ausgespuckter Pflaumenstein, dort schimmelten Traubenschalen: alle die Mädge, die unten Obst geholt hatten, probierten auf der Treppe davon. Es war ein sehr frequentiertes Geschäft, den ganzen Tag schlug die Klingel an, die sinnreich unter einer Treppenstufe angebracht war: sie keifte und gellte und zeterte in einem hohen, ohrenzcrreißenden Diskant. War Frau Reschke wirk- lich einmal hinter der Glastür mit den vergelbten Gardinchen, die in die Wohnung der Familie führte, verschwunden, gleich rief das durchdrinqende Geschrill sie wieder herbei. Da gab's kein Sich-unbemerkt-in-den-Laden-schleichen, wenn auch die blaulackierten Türen weit in den Angeln zurücklagen und sich erst abends, lange nach zehn, schlössen. Die Mädchen stellten ihr Gepäck oben nieder und tappten die schmierige Treppe hinunter. Mine schrak zusammen, daß ihr das Herz im Leibe er- zitterte, als unter ihrem derben Tritt auf die Stufe die ver- borgene Klingel ertönte. DaS war ein scharfes, nicht enden- wollendes Läuten, ein warnendes, bösartiges, bissiges Gebelfer. Sie wagte nicht, sich zu rühren, der Schweiß brach ihr ans. Gott sei Dank, jetzt hörte es auf! Berta hatte sie die Treppe vollends hinabgezogen. Nach der Helle der Straße schien es unten völlig dunkel. Erst allmählich gewöhnten sich die Augen daran und-lernten unterscheiden. Da stand eine kleine dicke Frau hinter dem Ladentisch, der mit Schachteln und Körben, Glaskrausen, Broten und Kruken so hoch bepackt war, daß sie kaum darüber wegsehen konnte. Eine helle Kattunschürze saß prall um die mächtigen Hüften; der Busen, über den der Schürzenlatz sich spannte, zeigte den Schmuck einer rosa Aster. „Was soll's denn sein?" fragte sie außerordentlich freund- lich und schmunzelte die Mädchen an. „Das is se," wisperte Berta und puffte Mine in den Rücken.„Nu sei nich ufs Maul gefallen!" Mine machte ein paar zögernde Schritte gegen den Laden- tisch; den Eierkorb wie zum Schutz vor sich haltend, stotterte sie:„Ich— bin et— de Mine!" „Wer?" „Nu, die von Hcinzes, aus Golmütz!" „Jotte doch. Heinzes Mine aus Golmütz?!" Die Frau schlug die Hände zusammen.„Warum sagste det denn nich jleich?! Ik kenne so ville Minens. Na, det's ja reizend, daß de hier bist!" Sie reichte der Nichte die Hand.„Ik sagte schon zu Reschken:„Wetten?! Tie kommt nich, die is bange vor Berlin."" „O ne." „Na. denn setz der!" Scharf musternd überflog der Bl-ck der Kennerin die zierliche Gestalt Bertas.„Wen haste denn da mitjcbracht?" ,/ne guite Bekennte/.-'' „So, Fräulein, Sie suchen Wohl auch Stellung? Was? Det wird nich schwer halten." Wohlgefällig lächelte die Frau und wendete sich dann gegen die Glastür.„Reschke, Reschkel" „Was's denn los? Ich bin bei's Bücherführen," grunzte hie Stimme des Mannes hinter der Tür. „Quatsch! Deine Nichte is anjekommen! Man fix!" „I da soll doch!" Die Glastür öffnete sich, und Reschke in Hemdärmeln und niedergetretenen Schlüssen erschien neu- gierig. Mit einem geübten Griff faßte er Berta unters Kinn. „Na, Mächen, Du hast der ja janz vermost rausjemausert! Als ich vor neun Jahre bei de Schwester zu Besuch war, warste znan noch recht unbedeutend. Aber nanu!" „Ich bin de Mine, Onkel," sagte Mine. „So-- Du---?!" Er sagte es etwas lang- gezogen.„Na freilich, nu kenne ich der ans Jeschlechte! De Knochen von der Anne, uu de Nase von ihm, Heinzen. Na, mach der's bequem, tu, als wärste zu Hause!" „En scheenen Gruß von Vatter un Mutter," murmelte Mine und suchte unter alle dem Wirrwarr auf dein Ladentisch ein Plätzchen für ihren Eierkorb.„Selbstgelegte, linse sein allezusammen gesund derheeme. Un de Male wird Ostern eingesäjnet." Es hatte sie zwar kein Mensch gefragt, aber es war ihr so selbstverständlich, von den Ihren zu sprechen, hier, bei den nächsten Verwandten. Ter starke Mann da, mit der klumpigen Nase und den freundlichen kleinen Aeugelchen, war doch der einzige Bruder der Mutter, ihr Stolz, der Krösus, von dessen Glück sie ihren Kindern und auch andren Leuten gern und viel erzählte. Mine trat dicht an ihn heran und gab ihm die Hand. „Sei bedankt, Onkel, wenn de mer zu'uer gutten Stelle ver- hilfst! Ich möcht auch mein Glück hier machen!" (Fortsetzung folgt.) Die Ausstellung der Sczeffion. Die Winterausstellung der Berliner Sezession beschränkt sich, einem herkömmlichen Brauch folgend, auf das Gebiet der graphischen oder zeichnenden Künste. Zeichnungen in Bleistift, Kohle, Kreide, Pastell und Tusche, Holzschnitte, Radierungen und Lithographien sind vertreten. Auch Äquarell- und Gouachemalereien hat man zugelassen, obwohl diese, streng genommen, nicht mehr in den Rahmen des Ausstellungsprogramms gehören. Der Katalog umfaßt, einschließlich der Plastiken, gegen anderthalb Tausend Nummern Man hat den Vertretern des naturalistischen Impressionismus öfters den Vorwurf gemacht, daß sie nicht zeichnen können. Es war ja recht eigentlich das Ziel jener neuen Bewegung in der Malerei, alles, was man Zeichnung, Kontur, Linie nennt, in Licht und Farbe auszulösen. Indem man jeden Gegenstand in einem flimmernden Meere von Reflexen sah, die er auf seine Umgebung und seine Umgebung auf ihn hinüber- und herüberstrahlte, indem man nicht nur die einzelnen körperlichen Dinge, sondern auch die Luft und das Licht mit tausendfältig schillernden Farben- flecken erfüllte, mußten alle ausgeprägten Umrisse sich ver- wischen und die scharfen Grenzen zwischen dem einen und dem anderen in zarte Uebergänge verschwimmen. Ein Künstler aber— so folgerte man— der sich entwöhnt hat, die Linien in der Natur zu sehen, kann auch nicht zeichnen. Die moderne naturalistisch- inrpression istische Art, die Natur aufzufassen und malerisch wieder- zugeben, muß in dem Augenblick versagen, wo man dem Künstler die Palette entzieht. Betrachten wir von diesem Standpunkt aus einmal die zahl- reichen Zeichnungen, Pastelle und Radierungen von Max L i e b e r m a n n. Eine Anzahl der Zeichnungen und Pastelle sind Vorarbeiten zu größeren malerischen Werken. Sie zeigen das erste Entstehen des Kunstwerks und charakterisieren die Schaffensweise Licbermanns, dessen persönliche Note in diesen oft sehr flüchtigen Entwürfen meistens deutlicher zum Ausdruck kommt, als in den vollendeten Arbektcn. Mit schlichten, herben Strichen fixiert der Künstler den Gesamteindruck des Gcschauten. Die Konturen sind unbestimmt; nicht eine straff gezogene Linie, sondern ein ganzes Bündel von parallel oder durcheinander laufenden Wellen bezeichnet die Umrisse der Gegenstände. Die Kontraste von hell und dunkel werden scharf betont. Nach durchaus malerischen, nicht nach zeich- nerischcn Prinzipien sind die Blätter entworfen und ausgeführt. Man erkennt die Manier des impressionistischen Hellichtmalers Liebcrmann in den Kreidezeichnungen vollkommen wieder, und der nach allen Schulbcgriffen urteilende Kunstrichter wird vielleicht sagen, daß dies gar keine Zeichnungen, sondern kleine Gemälde in Schwarzweiß seien. Aber auch dieser oft gehörte und nichtssagende Einwand wird hinfällig, sobald man die kleinen Radieningen Liebermanns in Betracht zieht. Hier, wo es sich nicht um vorbc- reitende Studien und zeichnerische Notizen, sondern um fertige Werke handelt, beweist Liebermann, daß seine Zeichcnkunst auch den strengsten Regeln der Schultradition zu genügen imstande ist. Mit wenigen haarscharf hingesetzten Linien zaubert der Künstler daS Porträt und die Stimmung eines umfangreichen Landschaftsstückes hervor. Die kleinen Kaltnadelblätter(namentlich das Fischerdorf und die Flachlandschaft) können dem besten, was Rembrandt in dieser Art geschaffen hat, als ebenbürtig an die Seite gestellt werden. Wenn Liebermann nicht zeichnen kann» so konnten es die alten Meister auch nicht. Dasselbe, was über den Zeichner Liebermann gesagt ist, gilt im Prinzip auch für die meisten anderen Vertreter des natura- listischen Impressionismus, für Max Slevogt, Leopold v. Kalckreuth, Dora Hitz, Philipp Franck, Erich Hancke, Otto Feld u. a. Um ihren Blättern vollkommen ge- recht zu werden, mutz man sich zum Teil von den herkömmlichen Schulbegriffen emanzipieren können. Man wird dann eine ftühere unerhörte Schärfe der Beobachtung und die Gabe, die Natur mit unbefangenen Augen zu betrachten und Reize zu erspähen, die vor- dem noch keiner sah, bewundern. Man wird angesichts dieser schwarzweißen Impressionen zu der Einsicht kommen, daß die mo- dcrne Richtung nicht nur die Malerei als Handwerk reformiert, sondern auch eine absolut neue Art der Raturbetrachtung geschaffen hat. Den Beweis dafür liefern diese schlichten Zeichnungen meines Erachtens in noch überzeugenderer Weise als fertig ausgeführte farbige Kunstwerke es vermögen. Alle diese Künstler können ebensogut und viele erheblich besser zeichnen als die Vertreter der alten Schule, und wo sie sich neuer technischer Ausdrucksmittel be- dienen und von den herkömmlichen Regeln abweichen, da geschieht es nicht aus Unfähigkeit, sondern aus dem echt künstlerischen Be- dürfnis, für neuen Inhalt neue Formen zu finden. Wer auf dem Gebiet der zeichnenden Künste die Errungen» schaften des modernen Naturalismus recht würdigen will, der ver- gleiche mit den Arbeiten der genannten Künstler die umfangreiche Kollektion von Zeichnungen Franz Krügers(1707— 1857), die das 6. und einen Teil des 5. Zimmers füllen. Dieser rechtschaffene Biedermeier wirkte seinerzeit in Berlin als Maler und Zeichner, und er kann in gewisser Hinsicht als ein kleiner Vorläufer von Menzel gelten. Seine nüchterne, auf das Gegenständliche ge- richtete Kunst sagte dem damaligen Zeitgeschmack ungemein zu. Wollte ein Mitglied der oberen Fünftausend ein getreues Abbild seiner vergänglichen Persönlichkeit, seiner Pferde oder seiner Hunde besitzen, wollten die höchsten Herrschaften sich selber oder ihre Herr- liche Garde im Manöver oder in der Parade, oder weltbewegende Ereignisse, an denen man persönlich beteiligt war, wie festliche Ein- züge, Huldigungsakte usw., im Bilde verewigt sehen— so wandte man sich an Franz Krüger, der alles, die geistvollen Züge der höchsten Herrschaften wie den unscheinbarsten Knopf der Füsiliers- hose, mit derselben reellen Sorgsalt in seinen Bildern dokumen- tarisch festlegte. So wurde dieser tüchtige Berliner der mcistbeschäf- tigte Rcpräsentationsmalcr seiner Zeit, und wenn man ihn mit seinem Nachfolger Anton v. Werner vergleicht, so beneidet man jene Zeit. Phantasielos sind sie beide, und malen können sie beide nicht; aber Krüger verstand wenigstens zu zeichnen und wollte nicht für etwas gelten, was er nicht war. Er hielt sich ftei von jeder Genialitätspose, von jeder schwülstigen Affektation und jeder ver- logcnen Phrase. Das ist für einen amtlich beglaubigten. Darsteller von Haupt- und Staatsaktioistn immerhin ein nicht zu unter- schätzender Vorzug. Und was seine Nüchternheit und Steifheit an- belangt, so ist sie eben die Nüchternheit seiner Zeit und seines Milieus, die würdevolle Steifheit der Bicdermeierepoche. Aber mehr als hausbackene Redlichkeit und eine gewisse technische Ge- wandtheit darf man in seinen Blättern nicht suchen, und die Be» geisterungshymncn, die der Krüger-Ausstellung von verschiedenen Seiten gesungen werden, sind nur Kundgebungen eines nach neuen Moden gierenden Snobismus. Die Art von Kunstübung, die Franz Krüger vertritt, erscheint heute als völlig überwunden. Aber auch der impressionistische Naturalismus ist nicht mehr die allein herrschende Richtung in der modernen Kunst. Eine neue Generation von Künstlern kam auf. die sich neue Ideale gebildet hat und neuen Zielen entgcgenstrebt. „Stil",„Monumentalität",„dekorative Linie" heißen die neuen Schlagworte. Vor allem soll die Linie, an deren allmählicher Auf- lösung die ganze EntWickelung der Malerei seit Ende der Gotik gearbeitet hatte, wieder in ihre Rechte eingesetzt werden. „Gebt jedem Ding einen deutlichen Umriß", lautet eine der Grund- regeln der neuen Schule. Der monumentale Wand- und Raum- schmuck, die Dekoration im großen Stil gilt als das letzte Ziel des Strebens. Nicht nur die Malerei, sondern auch die graphischen Künste lenkten in die neue Richtung ein, und gerade auf einem Spezialgebiet der Zeichenkunst, in der Buchillustration und in der Karikatur, gelangten die modernen Tendenzen zuerst zum Durch- bruch. Die Küvstler des„Simplizissimus", in erster Linie Thomas Theodor Heine, der jüngst verstorbene Rudolf W i l k e und Olaf Gulbransson, waren es, die das Ver- ständnis für die neue Linienkunst in weiteste Kreise trugen. Wer an den Schöpfungen dieser Karikaturisten Gefallen findet, dem ist ein guter Teil vom modernen künstlerischen Geiste aufgegangen. Denn in dem, was nottut, stehen diese Meister der Illustration auf vollkommen gleicher Höhe mit den Vertretern der sogenannten hohen Kunst. Eine Rangordnung, die die Künstler, die für die Journale arbeiten, von den andern scheidet, findet heute nicht mehr statt. Freilich dauerte es eine ganze Weile, bis das große Publi- kum Begriff, daß die künstlerischen Ausdrucksformen, die man in der Karikatur und allenfalls im Plakat gelten ließ, auch Bei den ernsten Darstellungen der hohen Kunst anwendbar seien. Einer der ersten jungen Maler, die das Evangelium der neuen Kunst in Deutschland zu predigen unternahmen, war der Norweger E d v a r d Münch. Als er vor etwa IS Jahren mit einer größeren Kollektion von Gemälden und Zeichnungen vor die Berliner Oeffentlichleit trat, da erhob sich ein solcher Sturm der Entrüstung in der Preffe und beim Publikum, daß die Ausstellung im Architektenhaus nach wenigen Tagen geschloffen werden mußte. Die Kunstkenner waren sich darüber einig, daß man es in diesem Falle entweder mit einem talentlosen Frechling oder mit einem Wahnsinnigen zu tun haben müsse. Heute zählt Münch zu den anerkannten Größen der mo- bernen Kunst, und Berliner Bankdirektoren lassen sich von ihm porträtieren. Wenn man auch die elementare Genialität dieses Künstlers noch nicht in ihrer ganzen Kraft und Tiefe zu würdigen versteht, so hat man sich doch an die Aeußerlichkeiten seiner Eigenart gewöhnt. Man ist vertraut mit dieser seltsamen Technik, die aller malerischen Kultur Hohn zu sprechen scheint, die in primitiven und Brutalen Linien den Extrakt der kompliziertesten Stimmungen wiedergibt. Man empfindet die überquellende Fülle von Leben, die aus den bizarren Bildern zu uns spricht, den tiefen Ernst und die packende Charakterisierungskunst dieser scheinbaren Karikaturen. Mit der magischen Gewalt phantastischer Traumbilder wirken diese Lithographien und Holzschnitte, in denen alle Einzelheiten vcr- schwimmen und nur das Eine, das Wesentliche, was der Künstler ausdrücken wollte, sich unauslöschlich der Phantasie einprägt. Die deutschen Künstler haben sich verhältnismäßig spät der neuen stili- sierenden Richtung angeschlossen. Einige Vorläufer, di« gewisser- maßen die Brücke von Naturalismus zum Neuidealismus bildeten und mehr oder weniger deutlich auf das Kommende hinwiesen, gab es bei uns freilich schon zu der Zeit, da die ältere Richtung noch unangefochten. die Herrschaft führte. Der im vorigen Sommer ver- storbene Walter L e i st i k o w und Ludwig v. Hof mann sind hier in erster Linie zu nennen. Di« Pastelle, Zeichnungen und Radierungen dieser Künstler, von denen die Sezessionsausstellung eine schöne Auswahl bietet, zeigen den prinzipiellen Gegensatz, in dem ihre Kunstübung zum naturalistischen Impressionismus der Liebermann-Schule steht. Die Studien, di« Hosmann und Leistikow angesichts der Natur entwerfen, sind kaum noch realistisch zu nennen. Jeder Wirklichkeitseindruck nimmt in der Phantasie dieser Künstler sofort stilistische Formen an, tvenn sie auch noch mit vielen Fasern im Nährboden des Naturalismus wurzeln. Einen Schritt weiter ging Emil Orlik. Er holte seine entscheidenden Anregungen aus Japan, aber die Eindrücke, die er dort in mehr- jährigem Studienaufenthalt gewann, vermochten seine persönliche künstlerische Handschrist nicht zu verwischen. Nicht aus strenge Wiedergabe der Wirklichkeit, sondern aus Flächendekoration ist sein Streben gerichtet. Seine Holzschnitte und Radierungen zerfallen in streng begrenzte farbige Felder. Jedes dieser Felder wirkt für sich, und das Ganze klingt zu einer wunderbar seingestimmten Harmonie zusammen. Ter vorwiegend dekorative Zweck der Blätter, der auch in den Porträts zutage tritt, hat jede Neigung zu naturalistischen Effekten unterdrückt. Dabei zeichnen sich die Arbeiten Lrliks, abgesehen von ihren koloristischen Reizen, auch durch eine überaus graziöse Linienführung aus. Im Lause der letzten zwei oder drei Jahre sind dann zahlreiche junge deutsche Künstler in die Fußstapfen der zu den neuen Zielen führenden Meister getreten. Nicht immer zu ihrem Vorteil. Denn die großen modernen Stilkllnstler sind durchweg starke Jndividuali- täten, deren ganz persönliche Ausdrucksformen ein Schüler nicht nachahmen kann, ohne selber jede Eigenart zu verlieren._ Die Blätter von L e n i, Meid, Pechstein, Scheurich, VrieS- landet, W e r e s k i n u. a. wirken wie Parodien auf Münch, Beardsley oder Gauguin. Andere— ich nenne vor allem Alfred Ehlers, Franz Nitsche, Walter Klemm, Erich Büttner und Gustav Bechler— gehen selbständiger vor, und wenn auch noch vieles an ihren Arbeiten unfertig, kraß und ungelenk erscheint, so sind sie doch auf dem rechten Wege und man wird sich ihre Rennen für die Zukunft merken müssen. Alles in allem ist die gegenwärtige Ausstellung der Sezession eine der interessantesten und wertvollsten, die in dieser Art den Berlinern jemals geboten wurde, aber der Zuspruch des Publi- kums scheint leider wieder nur ein recht geringer zu sein. Die große Masse der sogenannten Gebildeten bringt erfahrungLmäßig den zeichnenden Künsten sehr viel weniger Interesse entgegen als der eigentlichen Malerei. Den erhöhten Anforderungen an die Phantasietätigkeit des Beschauers, wie die Griffelkunst sie stellt, vermag die breite Masse unseres Bürgertums nicht zu entsprechen. Dem einfachen, rein künstlerischen Reiz der Linie stehen die Aus- stellungsbesucher meist verständnislos gegenüber. Man findet auch kein Vergnügen daran, sich in das Entstehen eines Kunstlverks zu vertiefen und in den leicht hingeworfenen Notizen des Slizzen- bucks die persönliche künstlerische Note eines liebgewordenen Meisters zu studieren. Dem Gros des Berliner Publikums fehlt leider noch immer die künstlerische Kultur, die zu solchen intimen Genüssen befähigt. J o hn S ch i k o w s k i. ivkachtruck verkeleckZ Die neuaufgefunclenen ältesten menscklicben Skelettreste. Von Dr. KudwigReinhardt. III. Nach dem Tod« dachte man sich den Geist noch mit Vorliebv im Leichnam als seiner altgewohnten Hülle oder wenigstens zu» nächst noch in dessen Nähe hausend; nach dessen Auslösung sollte er dann bald in diesem, bald in jenem Naturgegenstaude Wohnung nehmen. So war die Natur für den Primitiven nnt zahllosen! Geistern erfüllt, die sich im rätselhaften Lufthauch, in Donner und Blitz, in Krankheit und Tod, kurz in allem Unerklärlichen über- Haupt kundgaben und den Menschen nachts in allerlei SpukgestalteiZ ängstigten. Bei dieser unheimlichen Allgegenlvart der Geister und ihrer in alle Lebensverhältnisse eingreifenden Macht galt eS vor allen» sie sich günstig zu stimmen, um nicht ihrer Bosheit und Rachsucht zu verfallen. Dies geschah nach dem allgemein verbreiteten, weil menscklich gedachten Glauben am besten durch kleine, ihnen dar- gebrachte Spenden an Speise und Trank, sogenannte Opfer. Mit der Zeit kam man dann im Weiterspinnen dieses Gedankens dazu, schon vorbeugend alle in das Geisterreich eintretenden Seelen durch eine Bestattung des Leichnams in Verbindung mit einer Be» schenkung durch allerlei Grabbeigaben(Speise und Trank, Waffen und Werkzeuge, die der Geist gebrauchen sollte) zu ehren und sie damit von vornherein für sich zu gewinnen. So denken und hau- dein nicht nur die heutigen Wilden, sondern dachten und handelten bereits die überaus kulturarmen Jäger der vorletzten Eiszeit, indem sie ihre Toten, wenn auch armselig genug bestalteten. Dev Acheul6enjäger von Le Moustier wurde in Schlafstellung auf dcv rechten Seite liegend geftmden. An Stelle der zu Staub zerfallenen linken Hand fand sich ein prächtig bearbeiteter, über handgroßer mandelförmiger Faustkeil aus graugrünem Feuerstein von reinem Acheuleenthpus, und nicht weit davon ein ebenso vorzüglich zu- geschlagener Rundschaber aus schwärzlichem Feuerstein. Offenbar sind beide hervorragend gut hergestellte Werkzeuge dem Toten für sein Weiterleben als Geist mitgegeben worden. Als ebensolchs Grabbeigaben sind wohl auch die um das Skelett herum zerstreutet» und mit seinen Teilen vermischten aufgeschlagenen und teilweise angekohlten Knochen des großen wilden Urrindes(dos primi» genius), des Ahnherrn unserer erst viel später gezähmten HauS- rindet, zu deuten. Nicht nur bekam der Tote sein Teil von dem hier einst am Tage seiner Bestattung von seinen StammeSgenoffei» verzehrten Wildbrets, sondern diese scheinen auch die von ihnen abgenagten Knochen als ebenso viele Beweise ihres Wohlwollens! über den Toten geworfen zu haben. Trotzdem wir von dem von Dr. Schötensock als Homo Heickelbergensis bezeichneten Borfahren des Menschen nur dieses eine Zwischenstück besitzen, können wir aus Analogie daraus schließen, daß er der Abgrenzung des Menschenastes von dem der Menschenaffen schon recht nahe stand, daß wir, wenn er leibhaftig vor uns träte, in die größte Verlegenheit gerieten, ob wir ein so überaus affenähnliches Wesen bereits mit dem Namen Mensch be- ehren sollten oder nicht. Durch die Kombination überaus primitiver, sonst nur den Affenmenschen zukommender Merkmale übertrifft dieser Unterkiefer weitaus alle bisher bekannt gc» wordenen. Abgesehen von den Zähnen, die rein menschlich gebildet sind und als solche auch keine borstehenden Eckzähne ausweisen, ist die Bildung noch ganz außerordentlich äffisch. Als das Schluß- ergebnis seiner anatomischen Untersuchungen, die der betreffende Autor in einer Monographie veröffentlichte, sagt er:„Dieser Kiefer läßt den Urzustand erkennen, welcher dem gemeinsamen Vorfahren der Menschheit und der Menschenaffen zukam. Dieser Fund bedeutet den weitesten Vorstoß abwärts in die Morphogenese des Menschengeschlechts, den wir bis heute zu verzeichnen haben.— Airgenommen, es würde ein noch älterer Unterkiefer aus der Vor- fahrenreihe des Menschen gefunden, so stünde nicht zu erwarten, daß er viel anders aussehen würde als unser Fossil, das nnS bereits zu jener Grenze führt, wo es spezieller Beweise bedarf(wie hier des Gebisses), um die Zugehörigkeit zum Menschen darzutun. Noch weiter abivärts kämen wir zum gemeinsamen Ahnen samt» licher Primaten." Nehmen wir auch nur an, daß dieser Unterkiefer in den De- ginn der Eiszeit gehört, so ist er mindestens anderthalb Millionen Jahre alt. Der Sihl-Limmattalboden der ersten Eiszeit liegt auf der Höhe des Uetliberges genau 567 Meter über dem von der letzten Eiszeit geschaffenen, in dem jetzt der von einer Siirnmoräne bei Zürich abgedämmte Zürichsee sind befindet. Nehmen wir nun mit dem kompetentesten heute lebenden Eiszeitgeologen. Professor Albrecht Penck, an, daß auch bei den vermehrten Rieder» schlügen der Eiszeit wenigstens 3660 Jahre zur Abtragung von 1 Meter der Landoberfläche der Mittelschweiz nötig waren, so kann«in jeder sechst nachrechnen, wie viel Zeit vom Schlüsse der ersten bis zum Schlüsse der letzten Eiszeit, die vor annähernd 20 000 Jahren zu Ende ging, verflossen ist. Jedenfalls ist dieser Unterkiefer von Mauer der weitaus älteste körperliche Ucberrest deö Mcnschenvorfahren und wenigstens eine halbe Million Jahr, BItet als die im Jdjre 1894 von Dr. Eugene Dubais auf Java in vulkanischen Tuffen, die neuerdings durch die Unter- suchungen von Dr. Volz statt spättertiäre als nicht einmal früh- diluvial bestimmt wurden, gefundenen Ueberrcste des etwa (1,7 Meter großen, aufrecht gehenden UitlrecantKropus erectus, d. h. aufgerichteten Affenmenschen. Dieser, der das Interesse der Forscher in hohem Maße erregte, gehört einer blind endigenden, desondere Verwandtschaft mit dem heute noch in denselben Gc- bieten hausenden Menschenaffen Gibbon zeigenden Seitenlinie des Menschen an. Denn bei der Menschwerdung sind zweifellos verschiedene Seitenäste als weniger hierfür begünstigt nach und nach in Stillstand geraten und abgedorrt. Der Schadelraum dieses aufrecht gehenden Affenmenschen von Trinil betrug bei 1,7 Körpergröße 859 Kubikzentimeter, während nnter den größten Menschenaffen der männliche Gorilla höchstens b09 Kubikzentimeter, der weibliche sogar nur 459 Kubikzentimeter, der männliche Orang-Utan 459 Kubikzentimeter und der weibliche 389 Kubikzentimeter aufweist, während der Reandcrtalmensch bereits etwa 1239 Kubikzentimeter und der moderne Europäer gegen 1599 Kubikzentimeter Gehirngröße besitzt. Bei uns Deutschen, dem„Volke der Denker und Dichter", steigt sie nur bei einem Viertel der Männer über 1599 Kubikzentimeter. Daraus ergibt sich, wie sehr die hauptsächlich durch stärkere EntWickelung des Stirnhirns, des Organs des Verstandes, bedingte Gehirn- gunahme im Laufe der Menschwerdung sich hob. Noch sehr viel weiter als dieser Homo Ickeickelbergeusis führen illnS die ältesten noch einigermaßen sicher als von einem iiiberlegcndcn, sich über das sich mehr von seinem Instinkte leiten- lassenden Tiere erhebenden Wesen herrührenden Eolithen, deren. früheste Fundschichten uns weit in das Tertiär hineinführen. So find nicht bloß im Miocän, sondern seit der letztjährigen Entdeckung des Dr. M u n ck in Brüssel auf den Hantes Fagnes in Belgien, sogar noch im oberen Oligocän unzweideutige Eolithen mit allen Spuren des Gebrauches durch einen später sich zum Menschen er- bebenden Menschenaffen nachgewiesen worden. Diese ältesten Eolithen mögen rcichlick acht Millionen Jahre alt sein, und so alt sind also auch die ältesten Spuren des für uns nachweisbaren Menschcnahnen, der sich dann im Affenstamme verliert und von luns nicht mehr als Vorfahr erkannt zu werden vermöchte. Jedenfalls ist es eine ungeheuer lange Spanne Zeit, während der wir den Menschenstamm zurückverfolgen können. Nach seinen öußcrst primitiven, eigentlich nur aus Feuersplittern bestehenden Werkzeugen aus Feuerstein zu urteilen, hat er viele Millionen Jahre hindurch stagniert, bis er vor kaum zehntausend Jahren einen jähen Aufschwung zu höherer Kultur nahm. Und diese Menschcnwcrdung an Händen der zahlreichen bisher zutage ge- förderten Funde Schritt für Schritt zu verfolgen, ist ein für jeden denkenden Menschen höchst reizvolles und üntercssantes Unter- (nehmen*). Es ist durchaus keine Schande für uns, zu wissen, daß wir Menschen als höchster Gipfel des Lebensbaumes aus dem Tier- reiche hervorgingen; darin liegt vielmehr der Ansporn für uns, die wir uns schon so hoch über das Tier erhoben, das Höchste zu erstreben. Denn wir stehen erst am Beginn der Beherrschung unserer Erde und all ihrer Hilfsmittel und Naturkräftc, und un- begrenzt sind die geistigen Fähigkeiten, die das Menschengeschlecht im Laufe der kommenden Jahrtausende der geistigen Entwickclung «rlangen wird. kleines feuilleton. Technisches. Wie man e i n e E I e k t r i s i e r m a s ch i n e verfertigt. Mit Recht wird darüber Klage geführt, daß die heutige Spielwaren- Industrie unsere Kinder verwöhnt, indem sie ihnen alles fertig in die Hand gibt und sie ihre Geschicklichkeit und ihren Scharfsinn nur dazu gebrauchen läßt, sie wieder entzwei zn machen. Einige Besserung auf diesem Gebiete scheint sich allerdings vorzubereiten, obgleich viele der sogenannten Beschäftigungsspiele auch nur einen sehr ge- ringen Aufwand an eigener Bemühung erfordern. Dagegen muß es die größte Freude bereiten, sich eine Maschine oder einen Apparat. mit dem man experimentieren und anderen Vorstellungen geben kann, selbst zu verfertigen. Daß dies auch mit schwierigeren Appa- raten gelingt, lehrt die Schilderung der Selbstherstellung einer Elektrisiermaschine in der Wochenschrift„English Mechanic" nach folgendem Rezept. Man baut sich zuuächst init Säge und Leim einen geeigneten Rahmen, besorgt sich zwei Glasscheiben von viel- *) Der Verfasser dieses Artikels hat selber in seinem Küche:„Der Mensch zur Eiszeit in Europa -und seine Kulturentwickelung bis zum Ende der Steinzeit"(2. Auflage, mit zirka 699 Abbildungen im Verlage von Ernst Reinhardt in München) eine auf gründlicher Beherrschung des zerstreuten Materials beruhende, höchst fesselnde Darstellung dieser Entwickclung gegeben. Sie sei bei dieser Ge- legenheit unseren Bibliotheken und Lesern wie die früheren Bände (seiner Entwickelungsgeschichte„Vom Nebelfleck zum Menschen" bestens empfohlen. Die Redaktion. m- Verantwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: leicht 18 Zentimeter Durchmesser und beklebt diese auf der Außen- seite mit je 16 Stanuiolblättern. Statt der Lchdener Flaschen werden gerade Gaslampenzyliuder benutzt, innen mit Stanniol gefüllt und in etwa 3 Zentimeter Entfernung vom Rande der Glasscheiben auf- gestellt. In die Zylinder werden die aus Hartgummi verfertigten Stäbe hineingesetzt, die zum Tragen der von den Glasscheiben die Elektrizität aufnehmenden Metallkämme bestimmt sind. Diese befinden sich an Metallkugeln, denen außerdem die gebogenen Drähte mit den kugeligen Enden aufsitzen, zwischen denen die Funken überspringen sollen. Die Messingkugeln, die man freilich wohl bei einem Mclalldreher bestellen muß, werden mit ihrem Stiel in ein Loch am Ende der Hartgummistäbe eingeführt und dort mit geschmolzenem Schwefel befestigt. Die Kämme sind mit dem inneren Belag der Leydener Flasche leitend verbunden. Der äußere Belag der beiden Zylinder kann beliebig durch Drähte verbunden werden. Die Glasscheiben werden durch Räder mit einer Kurbel betrieben, die an dem Rahme» einfach anzubringen sind. Die selbstverfertigte Elektrisiermaschine ergab Funken von drei Zentimeter Länge. Die Lenkvorrichtungen der Flug«t aschinen. Bei der Konstruktion der Flugmaschinen muß die Stabilität im Fluge entweder automatisch erzielt oder mittels geeigneter Lenkvorrichtungen durch den Führer bewirkt werden. Jenes ist nicht nur zurzeit noch nicht erreicht worden, sondern liegt möglicherweise überhaupt nicht im Bereiche der Ausführbarkeit. Daß eine Flugmaschine aus jeder Verschiebung ihrer Gleichgewichtslage in die richtige Stellung zurückkehrt, wird sich kaum jemals verwirklichen lassen, und man lvird sich dainit begnügen müsien, eine möglichst große Annäherung an eine solche automatische Stabilisierung zu gewinnen, die innerhalb gewisser Grenzen die selbst- tätige Wiederherstellung der Lage gewährleistet. Wie es mit den Steuervorrichtungen der heutigen Flugmaschinen bestellt ist, lehrt ein fachmännischer Ausiatz in der„Deutscheu Zeilschrift für Luftschiffahrt". Es ist überhaupt nötig, die Gleichgewichtslage dadurch zu sichern, daß man alle auf den Apparat einwirkenden Kräfte konstant erhält. Bei Windstößen oder Unregelmäßigkeiten in der Arbeit des Motors ist der Führer gezwungen, einen Ausgleich mittels des Steuers vor- zunehmen. Da nun der Flugapparat meist sowohl in der Länge wie in der Querrichtnng aus der Lage gebracht wird, muß sein Führer unaufhörlich steuern, was umso schwerer ist, als er seinen Feind nicht wie etwa der Automobilist schon von weitem wahrnimmt, sondern ihn— z. B. einen Windstoß — meist erst bemerkt, wenn er ihm schon zu Leibe geht. Die Steuer- Vorrichtungen bei den gegenwärtig gebrauchten Flugmaschinen sind doppelter Art: das sogenannte Scitensteuer, das dazu dient, das Fahren in Kurven zn ermöglichen, nnd das Höhcnsteuer, das eine Drehung des Apparates um eine dorizontale Querachse ermöglicht. Zur Verhinderung einer Drehung um die Längenachse ist jedoch keine Einrichtung vorgesehen, außer der Verlegung deS GesamtschwerpunktcS unter den ideellen Druckmittelpunkt aller'tragenden Flächen. Man ist noch nicht darüber einig, ob es vorteilhafter ist, die Tragflächen vorn oder hinten anzubringen, obschon von vornherein die Anordnung am rück- wältigen Ende als die vorteilhaftere erscheinen würde. Farman hat bei seinem neuen Aeroplan diese Stellung gewählt, während Delagrange, die Brüder Wright u. a. das Höhensteuer vorn und nur das Seitenstcuer hinten anbringen. Die beiden Steuer müssen nun unaufhörlich be- wegt werden. Um dies zu erleichtern, hat Voisiu eine Einrichtung getroffen, die es ermöglicht, beide Steuer von einem einzigen An- griffspunkt aus zu bewegen. Die Lenkung erfolgt hierbei mittels eines Handrades nach Art des vom Automobil her bekannten. Die Drehung des Rades betätigt das Seitensteuer, während die Verschiebung auf seiner Achse das Höhensteuer verstellt. Zur Herstellung deS seitlichen Gleichgewichts ist meist eine Abweichung ans der Fahrt- richtung nötig. Doch haben die Brüder Wright diese Schwierigkeiten dadurch umgangen, daß sie schraubenförmige Tragflächen verwenden, so daß sie auf der Seite, wohin der Apparat sich neigt, eine stärkere Krümmung annehmen und damit durch Vergrößerung des Lust- Widerstandes ein Zurückkehren ins Gleichgewicht erzielen. Trotz aller Verbesserungen ist die Leukfrage noch mancher Vervollkommnungen bedürftig. Wasserverbrauch bei Lokomotiven. Auf langen Eisenbahustrccken muß die Maschine gelegentlich gewechselt werden. Es hängt das nicht mit der mangelhaften Leistungsfähigkeit der Lokomotiven zusammen, sondern damit, daß sich das Material für die Dampferzeugung verzehrt' hat. Und zwar ist es nicht der Kohlenvorrat, der sich zuerst erschöpft, sondern das Wasser. Es ist ermittelt worden, daß eine v-Zng-Maschine, die einen normal zusammengesetzten Zug mit einer Geschwindigkeit bis zu 199 Kilo- meier in der Stunde fährt, auf den Kilometer etlva 84 Liter Wasser verbraucht, wenn Wind und Wetter leidlich günstig sind. Diese Menge kann man sich klar machen, wenn man bedenkt, daß sie fast 1�/« Zentner wiegt I Da die neuesten Tender bei uns 31 Kubik- meter, also 31 999 Liter fassen, so findet man durch eine einfache Division von 31 999 durch 84, daß ein Zug mit ausgewählter Ma- schine und großem Tender rund 379 Kilometer fahren kann, ehe der Wassermangel dazu zwingt, anzuhalten und den Tender neu zu füllen, oder schnell eine neue Maschine anzuspannen, deren Kohlen- und Wasservorräte noch vollständig sind. Vorwärts Buchdruckerei u. Verl«g»anstalt Paul Singer ärUo.. Berlin SlV.