Mnterhaltmigsblatt des Horwärts Nr. G. Sonnabend den 9 Januar. 1909 c] (NaSdruck tcrtJJcn.) Das täöfUcbc Brot Roman von G. V i e b i g. „Hoho, hohohoho"—. Neschko wollte sich ausschütten vor Lachen.„Da denken se alle, das Jcld liegt hier ans de Strohe! Ja, Mächen, da mußte Dich mit nieine Frau verhalten, die hält den Teufel an der Strippe. Soll se'n for Ihnen ooch mal springen lassen. Fräulein?" Gr zwinkerte Berta zu. „Red nich so'n Quatsch," fuhr ihn seine Frau an,„Du weeßt recht jut, wie's heutzutage mit die Herrschaften is, die sind zu wählerisch, mit die nettsten Mächens machen se 5t-rach. lln mit'n Lohn knappsen se. det's schon niehr himmelschreiend. Nu machen se alle von außerhalb nach Berlin, janze Rudel Mächens, nn denken Wunders, was hier los is— ja, Kuchen! Fünwe, zehne, fufzehn— ccne Mandel!" Sie zählte Gier.„Fiinwe, zehne, fufzehn— na, aber wir werden schon sehen— zwei Mandeln! Fünwe, zehne, fufzehn � drei Mandeln! Du brauchst keenc Bange nich zu haben— fümve, zehne, fufzehn— so'n ansehnlichtet Mächen! Vier Mandeln! Fünwe, zehne, fufzehn— fünf Mandeln! Det wär.ja noch schönter. Du kecne jute Stellung kriegen?! So'n hübschet Mächen, so bescheiden, un so tüchtig! Da laß Du nur die Reschken for sorjcn!" „Na siehste't," sagte der Onkel und klopft? sie auf die Schulter. Mine strahlte übers ganze Gesicht: Berta lächelte in sich hinein. 3. Die Reschkesche Wohnung bestand außer dem Laden und dem großen Zimmer hinter der Glastür, wo das Pianmo stand und das durch einen Kattunvorhang verdeckte Bett des Ehe- paars, aus einer Kammer und einer tvinzigen Küche. Rechts von? gntcn Zimmer war noch ein fensterloser niedriger Raum, in dem Kartoffeln und Scheuersand aufgeschüttet lagen und ein mar große Hunde herumlungerten. Mit ihnen fuhr Herr Reschkc zum Markte. Schon des Morgens um drei konnte man ihn auf dem Hof hcrnmschlorren und den Hunden pfeifen hören. Von dem Karreii, der im feuchten Hofwinkel stand, zerrte er die Plane herunter und jagte Flick und Flock, die ihn mit eingckniffncm Schwanz umschlichen, mit einem Strickende vor die Deichsel. Herr Reschke spaiinte an. Sein Ideal war. einmal einen aus- gedienten Militärgaul zu besihcn und mit diesem, wenn der Sonntag die Reihe der täglichen Marktfuhrcn unterbrach, am Nachmittag seine Familie in den Grunewald zu kutschieren. Aber-bis jetzt hatte es immer noch nicht zur Equipage gelangt. Artur sollte studieren, und das kostete viel Geld. So setzte er sich auf den Karren und fuhr einstweilen noch mit den Hunden zur Zentral-Markthallc: die hochbeinigen magren Bestien jagten durch die noch nächtlich stillen Straßen, als hätten sie den Teufel im Leibe. Wenn's not tat. war er um vier schon an Ort und Stelle. Dann ging das Feilschen los, das Bieten und Neberbieten bei den Auktionen, das Durchdrücken und Durchpuffen zwischen all den kleinen Handelslelüen, welche sich»m die noch vom Bahntransport verpackten 5iörbe drängten. Kam Vater Reschke aber mit der hochbeladencn Karre, die die Hunde jetzt mühsam durch die lebendiger werden- den Straßen zogen, nach Hanse, dann legte er sich wieder in das von der stattlichen Korpulenz seiner Ehehälfte noch an- genehm durchwärmte Bett und schlief bis Mittag. Mochte die verborgene Klingel noch so bösartig gellen, mochte fort- »vührcnd im Laden ein lebhaftes Geschnatter sein, er schnarchte tief. Die Kammer, deren niedriges Fensterchcn unterm Niveau beS Hofes lag und vor dessen ewig verstaubten Scheiben der Zugwind allen Kehricht zusammenblies, war dem ältesten Sohn eingeräumt. Acngsilich wachten Vater und Mutter darüber, daß Artur nicht gestört wurde, wenn er dort bei seinen, Büchern saß. Sie hatten sich's nun einmal in den Kopf gesetzt, der Aelteste sollte studieren. Man wußte dann. doch, wenn man einen„Herr Doktor" seinen Sohn nannte, wofür man sich geschunden hatte.„Er is sehr helle," sagte Reschke: seine Frau hatte ihm das eingeredet, auch verfehlte diese nie, hinzuzusetzen:„Außerordentlich bcjabt! Der wird was!" Amalie Reschke betrachtete ihren Artur als ein teures Vermächtnis jenes„Herr Doktor", der. als sie und ihre Mutter -möbliert vermieteten, bei ihnen gewohnt hatte.„Beinah wär ich Frau Doktor geworden." erzählte sie noch mit Stolz,„wenn er nich an die Jalloppierende jestorben wäre!" Gerührt wischte sie sich eine Träne aus dem Auge. Ja. sie trug ihren„Herr Doktor" noch im guten Andenken, wenngleich sie damals, in seinen letzten Kraukheitswochen, schon angefangen hatte, mit Herrn Reschke„zu gehen". Reschke bar zu jener Zeit Haus- diener in einem Materialwarengeschäft: von seinen Erspar- nissen und den mehreren hundert Mark, die der Herr Doktor ihr hinterlassen, gründeten sie einen Grünkam. In der winzigen Küche schlief die älteste Tochter, Trude» die bei Wertheim Verkäuferin war. Siebzehn Jahre war sie, und obgleich sie im Küchentisch schlief, der nachs zu einem Bett auseinandergeklappt wurde, und obgleich sie sich unter der Wasserleitimg waschen mußte, sah sie aus wie eine klein? Dame. Zierlich saßen ihr der billige Lackschuh und der bunt- gewebte Strumpf, die sie gern zeigte, wenn sie, ihr Kleid hebend, auf die Pferdebahn sprang. Sie hielt was auf sich. Da sie's weit zum Geschäft hatte, gestatteten ihr die Eltern für den Winter ein Pferdcbahnabonnement: aber sie löste es nur für kurze Zeit, dann lief sie lieber heimlich sich außer Atem und schaffte von dem so erübrigten Geld ein Jackett an. ganz nach der neuesten Mode, von geringem Stoff, mörderisch dünn, aber„schick bis aufs Tüttelchen". Sie war ganz der- liebt in ihr Jackett, es machte so voll in der Brust, so fehl ruck in der Taille.: an keinem Schaufenster konnte sie vorüber- gchn, ohne sich darin zu spiege.ln. Die lange Federboa flatterte ihr bis auf die schmalen Hüften, in ihren durchsichtig zarten Ohrläppchen einer Blcichsüchtigen glitzerten ein paar Glas- diamanten, die kleine Stumpfnase mit den beweglichen Flügeln guckte in die Luft, hinter den blassen, etwas zu vollen Lippen blinkten die weißen Zähne mit krankhaft perlartigem Schmelz. Morgens stand sie eine gute halbe Stunde früher als nötig auf, obgleich sie wer weiß was drum gegeben hätte, noch neben der Schwester Grete im Lt'iicheiitisch weiter zu schlafen. Sie war immer müde: aber es half nichts, das Haarbrennen dauerte lange. Da lag sie. zähneklappernd, im kurzen roten Wollunterröckchen. auf den Knien vor dem kleinen Stchfpiegel, den sie auf den Herdrand plaziert. Zwanzig-, dreißigmal mußte sie die Brennscheere in den Zylinder der Küchcnlampe stecken, bis alle Wellen des reichen HaareS kunstgerecht saßen und, an den Seiten mächtig aufgebauscht, der kleinen Kopf unnatürlich verdickten. Die zwölfjährige Grete war ein armes Wurm, dessen Sprache man kaum verstand. Ihrem Wolfsrachen hätte wohl beizeiten durch eine Operation, durch einen„Verschluß der Gaumenspalte", wie der Arzt gesagt hatte, abgeholfen werden können: aber Reschkes waren nicht für so was, das kostete zu viel Geld, geringsten FalleS Zeit. Vielleicht, daß die Geschichte von selber wieder in Ordnung kam. So blieb Grete die lächer- lick>e Figur für die Geschwister: da sie infolge ihres Fehlers auch nur langsam schlucken konnte, aßen sie ihr. das Beste vor der Nase tveg. Sie hatte sich nach und nach das Spreck>en fast abgewöhnt: als sie verständiger geworden, genierte sie sich. Swmm und scheu drückte sich das blasse, kränkelnde Mädchen an den Wänden entlang: im Laden durfte sie sich nicht sehen lassen, da jagte die Mutter sie gleich hinaus. Mit der kleinen Elli machten Reschkes d�'to lieber Staat. Das war.,'ne findige Kröte", wie Vater Reichte schmnnzelnd sagte: mit ihren sieben Jahren klüger als manch andre. die doppelt so'alt war. Die ganze Kundschaft amüsierte sich über die. Mit ihrer spitzigen Kinderstinunc sang sie die be- liebtesten GoupletL: hatte sie nur einmal eins gehört, gleich hatte sie's weg. Sie schlief als Nesthäkchen bei den Eltern, in der guten Stube auf dem Sofa. Es hatte einige Schwierigkeiten gemacht, Mine und Berta für die Nacht unterzubringen, denn auch letztere dazubehalten war Frau Reschke willens: zwanzig Pfennige Schlafgeld pro Person und dreißig pro Person fürs Essen. Mine war wie vom Donner gerührt— bezahlen?! Da brauchte man doch nicht zu Verwandten zu gehen und obendrein noch Eier mit- zubringen! Sie wollte vor lauter Bestürzung grob werde». «5er Verla frat ifir verstohlen ans den Fuß und sah sie aus Sen blauen Kinderaugen, so mahnend an. daß sie nichts sagte. Nachher flüsterte ihr Berta zu:„Halt's Maul! Meenste, ich wer' mer nackcher noch lang mit de Reschken aufhalten? Aber jetzt müssen wer still halten, bis se uns en gutten Platz aus- gemacht hat." Und Mine sah das ein. Berta war den Abend von anhaltender Fröhlichkeit, von großer Anstelligkeit gewesen, hals hier, hals da und hatte die Augen überall. Als sie, nach Schluß der blaulackierten Türen. Mutter Reschke noch den Laden ausräumen half, war diese ganz begeistert.„Nee. so'n Mächen! Nee. so was! Sie machen Ihr Ilück. det's jewißk" (Fortsetzung folgt.) Robespiem und die Todesstrafe. Vor kurzem wurde von der französischen Kammer nach lang- vierigen Debatten, die an guten wie an schlechten Reden reich warem der Antrag auf Idschaffung der Todesstrafe abgelehnt. Da ist eS nicht ohne Interesse, ans eine andere Verhandlung einer gesetzgebenden Körperschaft Frankreichs zurückzugreifen, in der über denselben Gegenstand debattiert wurde, und im besonderen einer Rede Maxi- Milien Robe-Zpierres Enoähnung zu tun, in der sich dieser Revolu- Zionär. der nack) bürgerlicher Anschauung«in begeisterter Lobsinger des Fallbeils und ein Heiliger der Guillotine gewesen sein muß. mit guten Gründen und edlem Pathos gegen die Todesstrafe wandte. Es handelt sich um die Sitzung der konstituierenden Nationaloer- sammlung am 30. Mai 1791, in der ein Antrag Lepelletier de Saint- Fargeau aus der Tagesordnung stand, die Todesstrafe für abge- schafft zu erklären; nur in einem einzigen Fall sollte sie zur An- Wendung kommen,„gegen einen Parteiführer, der durch Dekret des gesetzgebenden Körpers zum Rebellen erklärt worden ist, weniger um sein Verbrechen zu bestrafen, als um der Staatssicherheit willen." Der Deputierte von Arras ließ sich zu diesem Antrag, wie folgt, vernehmen:„Als nach Athen die Kunde kam. daß in der Stadt ArgoZ Bürger zum Tode verurteilt worden seien, eilte man in die Tempel und beschwor die Götter, von den Athenern so gransame und unheilvolle Gedanken fernzuhalten. Ich bitte nicht die Götter« sondern die Gesetzgeber, die die Organe und Dolmetscher der von der Gottheit den Menschen diktierten «wigen Gesetz« sein sollen. auS dem Strafgesetzbuch Frankreichs die Blutgesetze auszulöschen, die den Mord„von Rechts wegen" heischen und ebenso ihrer Sittlichkeit wie ihrer neuen Verfassung wider- streiten. Ich werde es Ihnen beweisen: I. daß die Todesstrafe im Wesen ungerecht ist und 2. daß sie durchaus nicht die wirksamste Strafe ist und die Verbrechen erheblich vermehrt» statt ihnen vor- «ubeugcn. Wenn außerhalb der bürgerlichen Gesellschaft ein grimmer Feind mein Leben angreift oder, zwanzigmal zurückgetrieben, doch immer wiederkehrt, um das Feld zu verwüsten, das meine Hände bestellt haben, mutz ich entweder selbst unterliegen oder ihn töten, da ich nur meine persönlichen Kräfte scn feinen entgegen zu stelle» habe; und da rechtfertigt mich das Gesetz der natürlichen Nokwehr. Aber wenn innerhalb der Gesellschaft die Macht aller gegen einen Einzelnen aufgeboten ist, welcher Gerechtigkeitsgrund gestattet ihr dann, ihm den Tod zu geben? Einen Sieger, der seine gefangenen Feinoe sterben läßt, nennt man einen Barbaren! Ein Mensch, der «in Kind abwürgen läßt, daS er doch wehrlos machen und strafen kann, erscheint alz Scheusal! Ein Angeklagter, den die Gesellschaft verurteilt, ist aber für sie nichts als ein besiegter und ohnmächtiger Feind; er ist vor ihr schwächer als ein Kind vor einem erwachsenen Manne. So sind in den Augen oer Wahrheit und der Gerechtigkeit diese Todesszeuen, die sie mit so viel Schaugepränge aiwrimet, nichts anderes als feige Morde, als feierliche Verbrechen, vollbracht nicht von Individuen, sondern von ganzen Nationen, unter gesetzlichen Formen. Mögen diese Gesetze noch so grausam, noch so ausschweifend stün. wundert Euch darüber nicht. Sie sind das Werk einiger Tyrannen: sie sind die Ketten, mit denen sie das Menschengeschlecht zu Boden drücken; sie sind die Waffen, mit denen sie es unteriochcn; mit Blut wurden sie geschrieben.„Es ist nicht gestattet, einen römi- schon Bürger zum Tode zu verurteilen". So lautete das von, Volk erlassene Gesetz, aber Sulla siegte und erklärte: Alle die gegen mich die Waffen geführt haben, find dos Todes schuldig! Oktavius und die Genossen seiner Schandtaten bestätigten dieses Gesetz. Unter TiberiuS war es ein todcSwürdiges Verbrechen. Brutus zu preisen. Caligula verurteilte diejenigen zum Tode, die s. frevle- risch waren, sich vor der Bildsäule des Kaisers zu entkleiden. Als die Tyrannei die Verbrechen der Majestätsbcleidigung erfunden �atte, �ie entlvedcr ganz beiläufige Handlungen oder aber Helden- hafte Taten waren, wer hätte da zu denken gewagt, daß sie eine mildere Strafe als den Tod verdienen könnten, auf die Gefahr hin. sich selbst de, Majestätsbeleidigung schuldig zu machen? Als der Fanatismus, geboren aus der scheußlichen Vereinigung der Dumm- heit und des Despotismus, seinerseits die Verbrechen der göttlichen Majestätsbeleidigung erfand, als er i» seiner Raserei darauf verfiel, Gott selbst zu röchen, da mußte er ihm gleichfalls Blut au ine tan und er zog ihn damit auf den Standpunkt der Ungeheuer herab, die sich seine Ebenbilder nannten. Tie Todesstrafe, sagen die Anhänger dieser überlebten und bar« barischen Gepflogenhett, ist notwendig, denn ohne sie gäbe es keinen hinreichend starken Tamm gegen die Verbrechen. Wer sagt Euch das? Habt ihr alle die Hilfsmittel überdacht, mit denen die Straf- gesetze auf das menschliche Gefühlsleben einwirken können? Ach, wieviel physische und awralifche Schmerzen kann der Mensch noch vor dem Tode überstehen? Tie Gier zu leben steht dem Stolze nach, der herrischsten von allen Leidenschaften, die das Herz des Menschen beherrschen; die schrecklichste Strafe für einen Menschen, der in menschlicher'Lernein- fast lebt, ist die Infamierung, ist die niederschmetternd« Ve: Zündung der gesellschasiiiche» Aechtung. Wenn der Gesetzgeber die Bürger au so viel Stellea und auf so viel Arten treffen kann, warum sollte er sich gezwungen glauben, die Todesstrafe anzuwenden? Tie Strafen find nicht geschaffen, um die Schuldigen zu foltern, sondern um das Verbrechen zu verhüten durch die Furcht, sie zu erdulden. Der Gesetzgeber, der die Tovesstrafe und die harten Strafen den milderen Mitteln vorzieht, die er zu seiner Verfügung hat, ver« letzt das öffentliche Zartgefühl und erstickt da» moralische Empfind«» bei dem Volk, das er regiert, ähnlich wie ein ungeschulter Lehrer durch den häufigen Gebrauch grausamer Züchtigungen die Seele seines Zöglings verroht und erniedrigt; endlich nutzt er die Hilfs- mittel der R egierungSgcwalt ab und schwächt tze, ürdem er sie mit mehr Gewalt zur Anwendung bringen will. Der Gesetzgeber, der diese Strafe aufrichtet, verzichtet auf diesen heilsamen Grundsatz, daß das wirksamste Mittel, die Vor- brechen zu unterdrücken, darin besteht, die Strafen dem Wesen der verschiedenen Leidenschaften anzupassen, di« jene hervordringen, und sie sozusagen durch sich selbst zu bestrafen. Er wirft all« Ideen durcheinander, verwirrt alle Zusammenhänge uud verstößt offen gegen den Zweck der Strafgesetze. Di« Todesstrafe ist notwendig, sagt ihr? Wenn dem so ist, warum haben sich verschiedene Völker ihrer zu entledigen geivutzt? Durch welchen Zufall sind diese Völker die weisesten, glücklichsten und freicsten? Wenn die Todesstrafe am geeignetsten ist, di- Hauptverbrechen zu verhüten, müßten sie doch bei den Völkern, die sie angenommen haben und häufig anwenden, seltener sein. Nun ist genau das Gegenteil der Fall. Man seh« Japan an: nirgends wird die Todesstrafe und die Folter häufiger angewandt als dort; nirgend aber auch sind die Verbrechen häufiger und scheußlicher als dort. Es scheint fast, als wollten die Japaner an Wildheit mit den barbarischen Gesetzen wetteifern, die ihnen ei» Stachel find und sie aufreizen. Boten etwa die Republiken Griechenlands, in denen die Strafen milde waren, in denen die Todesstrafe entweder un- endlich selten oder vollkommen unbekannt war, mehr Verbrechen oder weniger Tugenden als die durch Blutgcsetze regierten Länder? Glaubt ihr. daß Rom, als in den Tagen seines Ruhmes die Lex Porcia die von den Königen und den Dezemvirn erlassene Leibes- strafe beseitigt hatte, durch mehr Schandtaten besteckt wurde als unter Sulla, der sie wieder ausleben ließ und unter den Kaisern, die ihre Strenge bis zu einem Grade trieben, der ihrer schmäh- lichen Tyranncnherrschast würdig war? Ist es in Rußland drüber und drunter gegangen, seit der Despot dieses Landes die Todes- strafe gänzlich abgeschafft hat, als hätte er durch diese Tat der Menschlichkeit und philosophischen Weltanschauung daö Verbrechen sühnen wollen, Millionen von Menschen unter dem Joch der ab- soluten Macht zu halten? Hört auf die Stimme der Gerechtigkeit und der Vernunft! Sie ruft uns zu, daß menschliche Urteile niemals sicher genug sind, um der Gesellschaft zu erlauben, einem Menschen den Tod zu geben, der verurteilt ist von anderen, dem Irrtum unterworfenen Menschen. Hättet ihr selbst die vollkommensten Gesetze ersonnen, hättet ihr selbst die unantastbarsten und aufgeklärtesten Richter ge- nden, eS bliebe noch immer ein Plätzchin für den Irrtum oder s Vorurteil. Warum sich das Mitte! nehmen, sie wieder gut zu machen? Warum sich zu der Unmöglichkeit verdammen, der unter- drückten Unschuld eine hilfreiche Hand entgegenstrecken zu können? Was nützt das unfruchtbare Bedanern, was die trügerische Wiederherstellung der Ehre, die man einem leeren Schatten, einem fühl- losen Häufchen Asche bewilligt? Sie sind das traurige Zeugnis der barbarischen Unbesonnenheit eurer Strafgesetze. Dem Menschen die Möglichkeit rauben, sei» Verbrechen durch Reue oder gute Taten zu sühnen, ihm unbarmherzig jeden Rückweg zur Tugend abschneiden und zur Selbstachtung, ihn gewissermaßen, noch mit dem frischen Flecken seines Verbrechens besudelt, eiligst ins Grab hinabsendcn, das ist in meinen Augen der Gipfel raffinierter Grausamkeit! Die erste Pflicht des Gesetzgebers ist die öffentliche Sittlichkeit, die Quelle aller Freiheit und alles sozialen Wohlseins, z» bilden und zu bewahren; wenn er einem Sondcrzweck zuliebe von diesem Hauptzweck abläßt, begeht er den plumpsten und verhängnisvollsten Irrtum, den er begehen kann. Das Gesetz muß also stets dpn Völ- kern das reinste Borbild der Gerechtigkeit und der Vermin sein. Wenn sie an Stelle der machtvollen Strenge, der matzvollen biuhe. die sie kennzeichnen sollen, den Zorn und die Rache setzen; wenn sie das menschliche Blut vergießen, das sie schonen tonnten und das sie zu vergießen kein Recht haben; wenn sie den Blicken der Völker Qrcuclf�cncn darbieten und Leichen, die mit Martern geschunden worden sind, dann löschen sie in« Herzen der Bürger das Gefühl für das Gerechte und das Ungerechte aus und lassen im Busen der Gesellschaft döse Neigungen keimen, die für ihren Teil neue er- zeugen. Der Mensch ist für den Menschen nichts so heiliges mehr, man hat einen minder großen Begriff von seiner Bürde, wenn die öffentliche Gewalt mit feinem Leben spielt. Ter Gedanke des Mordes erregt weit weniger Abscheu, wenn das Gesetz selbst ein Beispiel und Schauspiel davon gibt; das Entsetzen vor dem Ver- brechen wird kleiner, wenn es nur durch ein andercs Verbrechen bestraft wird. Hütet euch wohl, die Wirksamkeit der Strafen mit einem Uebcrmag an Strenge zu verwechseln: das eine ist dem anderen genau entgegengesetzt. Jeder gehorcht den milden Ge- fetzen; jeder lehnt sich gegen die grausamen auf. Man hat die Erfahrung gemacht, daß in den freien Ländern die Verbrechen seltener und die Strafgesetze milder sind: das hält sich auf einer Linie. In den freien Ländern werden die Menschen- rechte geachtet und infolgedessen find die Gefetze gerecht. Ueberall, wo fie durch ein Uebermaß an Strenge die Menschlichkeit beleidigen, ist das ein Beweis, daß dort die Menschenwürde unbekannt ist. daß die des Bürgers nicht existiert; es ist ein Beweis, daß der Gesetz- gcber dort nur ein Herr ist, de: über Sklaven gebietet und der fie unbarmherzig nach seiner Willkür züchtigt. Ich stimme dafür, daß die Todesstrafe abgeschafft werde." Trotz dieser Rede, die bereits die ganze Dialektik Robespierres, sein Zurückgreifen auf das klassische Altertum wie auch seine Bs- rufung auf die Bürgertugend, nach seiner Auffassung die Grund- läge der Demokratie, enthalt, stimmte die Konstituante in ihrer zweitnächsten Sitzung fast einstimmig für Beibeliaktunq der Todes- strafe'_ (Nachdruck vaSonu.) Kalte fuße. Bon Dr. med. H. Horst. Bon dein m den ersten Jahrzehnten deS 18. Jahrhunderts zu Lehden wirkenden Professor Hermann Voerhave, den ein in China geickriebener Brief mit der bloßen Adresse:„An den berühmten Arzt in Europa" richtig erreicht haben soll, wird erzählt, daß er unter feinen Sachen ein verficgellcS Rezept hinkerloiien habe, daS das Geheimnis enthielt, die Gesundheit bis ins späte Alter zu be- wahren. DaS Testament verordnete, daß daS Rezept öffentlich ver- steigert werden svllte. Ein aeheiinmittellüsterncr Arzt erstand den Zettel um einen hohen Preis. Als er mit gierigen Händen das große Siegel erbrach und das Schreiben öffuere, fand er nur die Worte ver- zeichnet:„Haltet den Kopf kühl, die Füße wann und den Leib frei!" Der Käufer fühlte fich sehr enttäuscht; doch durch daL drollige Trum und Dran wurde die treffliche Gcsundheitsregel „niedriger gehängt". Sie ist zum Sprichwort geworden. Jeder- mann kennt fie und cS gibt sogar Leute, die fie befolgen. Aber weit mehr Leute befolgen es nicht. DaS beweist das chronische Kaltsein der Fuße. ES ist ein weit Verbreitetes Nebel. Ein großer Prozentsatz der Menschen, jung und alt. reich nud arm. Mann und Frau, leiden an kalten Füßen. Und zumal jetzt im Winter wird diese Klage laut. Das große Publikum hat sich an dieses Leiden gewöhnt und faßt eS als eine unvcrmcid- liche Zugabe der kalten Jahreszeit auf. Kalte Füße find, ivenngleich sie oft böses Unbehagen hervor- rufen und die Daseinösreude trüben, kein Leiden, das direkt daS Leben bedroht. Bei Konsultationen sprechen die Patienten gewöhn- lich gar nicht davon, und im Krankenexamcn stellt der Arzt keine Frage danach. Ist einmal von diesem Leiden die Rede, so wird eS von beiden Seiten wenig gewürdigt. Und doch sind kalte Fuße ein Leiden, das sehr ernst zu nehmen iß. Bemerken möchten wir nur, daß wir hier nicht die vorüber- gehende Fußläitc meinen, wenn uns im Winter bei längerem Stehen im Freien oder langen, Sitzen in ungeheizten Räumen oder auf einer Schlittenfahrt die Füße kalt werden. Diese mehr zufällige Zußkälte verschwindet nach tncküger Bewegung. Hier handelt eS sich vielnwhr um dauernd kalte Füße, die auch ün gut geheizten Zimmer und in dicken Filzschuhen kalt bleiben. Und viele baden das Gefühl, als wären die Beine und Füße mit Eis umhüllt, wie abgestorben. Dieses chronische Kaltsein der Füße hat eine wichtige Bedeutung für unser Allgemeinbesinden und steht weiter in Beziehung zu den anderen Organen. Bon den bösen Wirkungen und Störungen, die chronisch kalte Füße im Getriebe deS Organismus hervorrufen, wollen wir zunächst reden. Der Träger der Wärme ist daS Blut. Kreist es ungehindert hin und wieder durch alle Organe, auch durch die vom Herzen am weitesten entfernten Füße, so ist die Wärmederteilung eine gleich- mäßige; den ganzen Körper durchsttömt eine behagliche, wohltuende Wärme. Der Mensch ist gesund, arbeitSlustig und harmonisch ge- stimmt. Die Grundbedingung für unser Wohlbefinden ist eben die an eine ungestörte Blutzirkulation gebundene gleichmäßige Verteilung der Wärme im Körper, Treren hingegen irgendwo, sagen wir in den Füßen, Stockungen und Störungen deS BlutlaufS ein. komnrt es zu einem Blutmangel in den Füßen, hervorgerufen durch die GefäßverengerungSnerven, die das Blut auS den Fußblutgesäßen wegdrängen, werden mid bleiben die Beine und Füße kalt, dann leidet auch das Allgemein- befinden unter dieser nngkeichmäßigen Wärmebertcikung. Der Mensch wird verdrießlich und nervös, verliert die Ruhe und Stetig- keit, klagt über Kopfkongestioncn und leichte Schwindelanfälle. Und wenn er ermattet das Lager anstückt, dann fliehl ihn oft stunden- lang der Schlaf. ES ist' eine feststehende Tatsache, daß manche Schlaflosigkeit die Ursache in chronisch kalten Füßen hat. Allerhand Gedanken spuken im Gehirn, die den Schlaf noch mehr verscheuchen. Fallen dann doch endlich dem aufgeregten Grübler die Augen zu, so kann das blulüberfüllre Gehirn nichr Feierabend machen; wüsta Träume steigen ans, der Schlaf ist bleiern, und beim Erwachen fühlt fich der Mensch müde und zerschlagen statt erquickt und gestärkt. Der Mensch stellt einen einheitlichen Organismus dar. In einem solchen kann eS wohl eine isolierte Organerkrankung geben; dann aber besteht sie nur kurze Zeit isoliert, nm sehr bald auch anders Organe in Mitleidenschaft zu ziehen. DaS chronische Kaltsein der Füße können wir eigentlich nicht als eine Organerkrankung ansprechen; die Ursachen lieget» vielmehr in einer krankhaften Beschaffenheil deS Geiomlorganismus, in Blutarmut und schlechter Blurmiichung. in ungenügender Bewegung und mangelhafter Hygiene der Füße. So werden uns denn die mannig- fachen Beziehungen der Fußkälte zu den einzelnen Organen im Körverinnern leicht verständlich werden. Die bösen Vermittler sind nämlich das Blut und die Nerven. Charakteristisch ist der Zusammenhang der kalten Füße mit de>, Affeklionen der Atmungsorgane. Wer hätte nicht ichon einmal nasse. kalte Füße mit einem respektablen Schnupfen. Husten oder einer Heiserkeit gebüßt?■ Die Erklärung hierfür ist eine einfache. Jede Erkältung de» Füße mrterbindet den Blutlauf in diesen Teilen, drängt daS Blut von hier weg und verursacht demgemäß in anderen Organe» eine Stauung und Blutfülle. Daß in dem einen Falle die Nase, in dem anderen der Kehlkopf oder die großen Bronchien der leidende Teil sind, hängt eben davon ab, welches Organ sich gerade in einen» Zu- stand einer Kongestion, einer Entzündliiig befindet, das eben zufällig an» meisten belaste» ist. Gang und gäbe ist der Ausdruck:„Heißer Kopf und kalte Füße". Hier lernen wir die Beziehung zwischen der Fußkälte und dem Gehirn kennen. Ter Zusammenhang ist leich» verständlich. Js blutleeret die Füße und Beine find, desto blutübcrfüllter ist der Kopf. Die läiiigen Symptome des KopfdruckeS und Kopfschmerzes iverden im wcscinlichen durch die Blntübcrfüllung»m Gehirn vcran- laßt. Kalte Füße nun sind eine Gelegenheitsursache, die diese schmerzhaften Erscheinungen auslöst oder bis zur Unerträglichkert steigen. Sind dam» diese Menschen— und das ist das Los vieler Beamte»», Kontoristen, Gelehrten— in einem überhitzten Zimmer mit verbrauchter Luft und kaltem Fußboden, die glühende Lampe über dem Kopf, stundenlang mit geistiger Arbeit beschäftigt, be- steht dann noch Stuhllrägheit.»st gar die Ernährungsweise eine eiweiß- und alkoholreiche, also nervenpeitschende, dann bilden sich leicht die ernstesten Störungen im Zemralnervensysien» hcranö, wie dauernder Kopsdruck, hochgradige Nervosität, Schwindel- anfalle, schwere Gehirnkrankheiten und Gehirnschlag. Auch die peripheren Nerven reagieren stark auf kalte Füße. „Warilm bekleidet ein an Ischias Erkrankter seine Füße so sorgfältig mit warmen Schuhen»nid Pelzsticfeln?" Aus keinem anderen Grunde, als weil er weiß, daß ein auch nur geringer von diesen ausgehender Kältereiz da-S Ziehen und Reißen im Gefäß und den Beinen verschlimmert; ist doch eine Fußerkälmng bei geeigneter Disposition nicht selten die unmittelbare Ursache für eine Ischias überhaupt. Gerade bei diesen» Leiden darf uns solch enger Zusammenhang nicht wundern, wenn wir uns klar machen, daß die feinsten Endigltngon des Haftbeinnerven sich bis in den Fuß hin erstrecken. sDr. Winkler in der Spezialstudie„Kalte Füße".) Bei Katarrhen der Berdauungsorgane wird man in erster Linie an Diätiünden denken müssen; doch' ist es bekannt, daß ei»»e Er- kältung die Magenverdauung ungünstig beeinflußt. Und dazu gehört auch eine von den Füßen aufsteigende Durchlältung. Das so psuiigeude, ununterbrochene Schlucken, von dem namentlich Säuglinge und Kinder befallen werden, rührt oft von kalten Füßen her. Eine an die Fllßchen angelegre Wärmflasche bei Säuglingen, bei größeren Kindern ein warmes Fußbad, bringt dieses lästige Tynipton» schnell zum Verschwinden. Ferner kann eine starke Erkältung von den Füßen her oft schwere Blasen- und Nierenkrankheilei» zur Folge haben. Dringend not tut die Auf- klärung, daß die Ursache vieler ernster Frauenleiden auf chronisch kalle Füße zurückzuführen ist. lieber die mannigfachen und wahrlich nicht geringen Wirkungen der chronischen Fußkälte haben wir unS geäußert. Auch ihrer Nr- fachen haben wir kurz gedacht. Bei der Hygiene der Füße werden wir auf diese»vohl noch einmal zu sprechen kommen. In der„Er- ziehung der Jugend" sagt Locke:„Wer da bedenkt, wie tchädlich»md oft gefährlich eS für alle diejenigen ist, die weichlich erzogen sind,»äste Füße zu bekommen— und wie unvermeidlich dies gleichwohl in» mensch- lichen Leben ist—, der wird gewiß wünschen, er wäre mit den Kindern armer Leute barfuß gegangen, die sich durch Gewohnheit gegen die Näffe an den Füßen dergestalt ahhärten, daß sie ihnen ebenso »»»schädlich wird als den Händen. Wäre jemand von der Wiege an gewöhnt worden, barfuß zu geben und seine Hände nicht beständig in Muff und Handschuh zu verstecken, so würde sicherlich die Näffe seinen Händen ebenso gefährlich sein, alS sie jetzt den Füßen vieler Leute ist. Fangt daher»n» Frühjahre mit lauwarmem Wasser an, kthmi von Tag zu Tag kälteres; ihr«vcrdet bald dahin kommen, kmb ihr ganz kalte»»etmien könnt, und dann fahret Sonmrer und Winter damit fort. NM blofz uin die Leichdornen handelt es sich dabei, sondern Nor allem um Abhärtung und Gesundheit." Ter Weg der Acrbülniig und Prophylaxe ist un» hiermit gc- zeigt. Hinzufügen möchte ich noch, daß alle Anwendungen kühlen und kalten Wasser» nur dann von Ertolg begleitet find, wenn die Füße vorher gut warm sind. Kalte Füße also müssen durch Reiben mit einem Frottiertuch oder durch Veivegimg oder durch ein Fuß- dampfbad vor der kalten Abwaschung erwärmt werden. Die Fnßlälte beruht ans einein Blumiaugel in diesen Teilen. Dieser Blutmangel ist nicht immer gleichbedeutend mit Blutarmut Kberhaupt, sondern es handelt sich ost mehr um eine Blutentunschung und einen geschwächten Blutlauf. Hier kann nur eine Allgemctn- fhcorie dauernde Erfolge erzielen. Bor allem � sind diätetische Maßnahmen angebracht und Eegetavüien, insbesondere die grünen Pflanzenleile empfehlenswert. Dann winken uns fetzt im Winter rotbackige Acpfcl, saftige Apfel- finen, fettreiche Nüsse, die süßen Datieln, Feigen und der liebliche Honig. Weiter empfehlen wir namentlich in der kalten Jahreszeit mich einen vennebrien Fellgcnuß: Butter. Sahne. Pflanzenfette und Speck. Für Hmixrmablzeit ist auch Fleisch gestattet, sonst kann c» durch Milch. Eier. Fett uiw. ersetzt werden. Ein wichtiger Faktor bei der Behandlung der Blut- und Wännearmnt bildet die Bewegung. Ei» langer Spaziergang, Berg- steigen, Zimnwrnirnen und besonder» Fnßgymiiastik, Haus- und Feld- arbeit sind die besten Mittel, um eine gute Durchwärmung des Printers zu erzielen und Stauungen dauernd zu beseitigen. Von Waiieranwendmigen kommen vor allem Fnßdampfbäder undWech'el- fußbäder in Bciractn.„Wasser mt'S freilich", sagt Ransic. Mit Recht aber fügt Rikli hinzu:„Höher steht die Luft und am höchsten da? Licht." Nichts lvirlr auf die Blutzirkulation so anregend, nichts belebt so die Nerven als wie die Sonnen- und Luftbäder. Die beste Flußbelleidung ist die.— keine zu tragen; doch lvenn wir auch so wetterfest wären, um durch das Barfußgehen keinen Schaden an unserer Gesundheit zu leiden, so hielte un.3„Europas iibertünchte Höflichkeit" für Narren. Auch die Berliner Sandalen- protzen sind rasch von der Bildfläche verschwunden. Für innere Kinder indes ist dieses antike Schuhzeug im Sommer am gesündesten und auch für Große—»auf dem Lande". Der Schub hat ja schon viel die Hygieniker—„gedrückt". Eine äußere Fußbekleidung, die licht- und luftdurchlässig und dabei ästhetisch einwandfrei ist, nmß erst geswasse» werden. Gegen Gummischuhe, sofern sie nur angezogen werden, um den Fuß vor Nässe zu schützen, ist wenig cinzmvenden. Treffliche Dienste leisten im Winter Einlege- sohlen anS Kork, Luffa, Pappe und Roßhaar. Der Schuh soll weit itnd bequem sein, um de» Fuß nicht zu verkrüppeln und den Blut- kauf nicht zu unterbinden. Wer einen ordentlichen, gesunden, warmen Fuß haben will, sei also nicht so eitel, einen unnatürlich kleinen Fuß vesitzcn zu wollen. Und wen die Natur nicht groß gemacht hat, der stelze nicht ans hohen Absätzen einher, sondern bleibe eben klein. ES muß auch kleine Leute geben. kleines feuiUeton. Die Erdhedeiiulesser. Die zur Messung der Richtung und Stärke der Erdstöße bei Erdbeben benutzten Instrumente Zerfällen in drei Kategorien: SeiSmoskope. SciSmometer und Seismographen. Die EciSmoskope(vom griechischen„soismos". Erschütterung, Erd- erschütternng) melden dem Forscher, daß irgendwo, fern oder nah, ein Erdbeben, Erschütlcrung. slaiisindet. Die SeiSmontetcr. messen durch den Fall oder durck de» Wurf eines im Gleichgewicht ruhenden Körpers die Stärke der Erschütterung. Die Seismographen zeichnen «Nittels einer Spitze oder eines Farbenpinsels die Richtung sowie die Stärke der Erschütterung selbsttätig auf Papier auf. Salsano in Neapel erfand(1784) zuerst emcn solchen Erdbebenmesser, bei dem «nittel» eine» nach allen Seiten schwingenden Pendels eine Spitze im feinen Sande die Stärke der Erichiiiccrmtgen aufzeichnete. Das SciSmo- »ncter von Eaccialore verriet durch Abfluß von Quecksilber anS einem flachen Gefäß, das nach acht Richtungen de» Horizonts Oeffrnmgen besaß die Richumg der Erdstöße. Die Menge deS anSgefloffenen Quecksilbers ließ ans die Stärke de« Erdbeben» schließen. Sodann erfand 18ö5 Kreil einen Erdbebenmesser, der anZ einer »lach allen Seiten leicht beweglichen Pendelstange und einem mit dieser in Verbindung gesetzte» Uhrwerk besteht. Hier geben die Striche eines Bleistiftes Auskunft über Beginn, Richtung und Stärke der Erschütternng. In dein Observatorium auf dem Vesuv hat Palmieri wieder mittels OueckstlberauSfluffeS und in jüngerer gleit mittels elektromagnetischer SciSmometer die Erdstöße eobachtet. Bei den Erdbebenmeffern der letzten Art schließt ein nach allen Seiten leicht bewegliches Pendel Volra- ketten, die mittels damit verbundener elektromagnetischer Tele- grapheil die Weltgegenden angeben, nach denen die Erdstöße gerichtet waren. Andere zuerst von Maller konstruierte SeiSmometsr beruhen ans der Bewegung eines im Gleichgewicht ruhenden Gewichts. Doch werden ncuerdmgS für Aufzeichnung der horizontalen und vertikalen Bewegungen besondere Lnstrumeiite benutzt, für erster« meist Doppel- PendelseiSmographen. für letztere Federseismographen. DaS empfindlichste SciSmometer ist gegenwärtig das Wiechertfche astanicke PendelseiSmomcter, dessen stehendes Pendel eine Eisenmaffe von 1100 Kilo- gramm bildet. Klassisch ist das bereits erwähnte Instrument, daS sich in dem Observatorium auf dem Vesuv befindet; cS hat seit 1866, dem Jabre, i» welchem es konstruiert worden ist. sehr wichtige und sehr interessante Angaben geliefert. Einen eigenartigen Apparat hat Marchand in dem Observatorium auf dem Pic du Midi, in de» Pyrenäen aufgestellt: Ein schwingendes Pendel schlägt Holz- zapfen von verschiedenen Größen ab. Man hat auch den Vorschlag gemacht, ein Systein der Erdbebcnbeobachlung auf Beobachtung der Deklination und der Inklination der Magnetnadel zu gründen. DaS Prinzip— so schreibt ein Mitarbeiter des„TempS"— scheint gut zu sein, da die Erderschlltterungcn immer mit elektrischen und niagnc- nscben Störuilgen zusammenfallen. Durch Beobachtung der unter- irdischen Geräusche(durch daS Mikrophon) lassen sich in gewissen Fällen Erschülierungen vorhersehen. Jene Geräusche weisen nämlich darauf bin, daß in den Tiefen Einstürze durch Erd- seilkuiigcii erfolgen. Sie verkünden auch Explosionen durch komprimierte Luft, die in den natürlichen unterirdischen Gängen erfolgen, wenn eS in gewissen Gegenden, die sonst gewöhnlich trocken sind, viel geregnet hat. Das Voraussehen und Voranssagen der Erderschütterungen scheint weit leichter zu sein als die Wetterprophezeiung.(?) Solche Ankündigungen köiincn aber nur erfolgen, weiu: eine wiffeitschastliche Organisation bestände. eine Organisation, welche internationale Vereinbarungen voraus- setzte und mit großen Kosten verbunden wäre. Noch ist aber die Zahl der Observatorien nicht groß, und unter denen, die im Betriebe sind, gibt e» noch viele, die nicht einmal Seismographen besitzen. Die Gegenden, welche häufig unter Erderschütterungen zu leiden haben, müßten in'Zukunft euch gezwungen werden, auf ihrem Terrain nur eine ganz bestimmte, praktisch erprobte Häuserbauart zuzulassen. Medizinisches. A e r z t l i ch e Hilfe bei Unglücksfällen durch Elektrizität. Mit der wachsenden Häufigkeit von Unglücks- fällen durch Elektrizität eröffnet sich dem Mediziner eine ganze Reihe neuer theoretischer und praktischer Aufgaben. Die„Wiener klinische Wochenschrift" berichtet über daS besonders wichtige Gebiet der ersten Hilfe bei elektrischen Unglücksfällen. Diese ereignen sich meist dadurch, daß blanke stromführende Merallteile einer elektrischen An- läge, wie Maschinenteile, Schalter, Sicherungen, Kabel usw. berührt werden. In den Wohnungen kann unvorsichtiges Hantieren mit der Beleuchtungsanlage zu einem Eintritt des Stroms in den menschlichen Körper führen. Dabei sind zwei Fälle möglich: Eni- weder der Körper de» Berührenden ist derart iioliert, daß�dcr Strom keinen Ausweg aus ihm findet, in welchem Falle die Sache ganz harmlos ist, oder er bietet eine AblciMngSstelle und ist dann durch sogenannten„Erdschluß" in einen Stromkreis eingeschaltet. Bei der Berührung findet meist ein unsichtbarer Uebergang von Elektrizität statt, zu dem sich aber auch noch gefährliche Verbrennungen gesellen können, wenn, was bisweilen borkommt, Flammen- und Funkenbildung eintritt. Jedoch können auch bloße Funkenentladungen tödlich lverdcn. Der elektrische Lichtbogen bildet euch für das Auge bei direkter Einwirkung eine Gefahr._ Dazu kommen indirekte Wirkungen, wie Fcuersgefahr. elektrolytische Er- scheinungen, Explofionswirkungcn uiw. Was nun die SpannungL- grenze anlangt, wo der elektrische Strom gefährlich werden kann, so hängt diese außerordentlich viel von Rebensaktoren und individuellen Momenten ab.j ZMan kennt Fälle, wo swenige Hundert Volt tödlich wirkten, und andere, wo 1000 und lSOO Voll erlragen wurden. Im großen und ganzen scheint eS, daß Wechselstrom gefährlicher ist als Gleichstrom. Die nächste Maßnahme, die bei Unfällen durch Berührung vorzusehen ist, besteht in der Entfernung deS Verunglückten aus dein Stromkreise, wobei die eingreifende Person auf ihre eigene Isolierung bedacht sein muß. Entweder muß der Strom_ ausgeschaltet oder der zuführende Draht mittels einer isolierten Zange durchschnitten werden, oder man versucht, je nach den Um- ständen in vcrichiedener Weise, den an einer stromführenden Stelle Hängenden loszumachen. Der Verunglückte ist horizontal, mit leicht erhöhtem Kops zu lagern und seine Kleidung zu lockern. Licht und Luft sollen reichlich Zutritt haben. Atmung und Puls, sofern' sie im Gange sind, müssen überwacht werden. Einträufeln von Flüssigkeit ist zwecklos und bei bewußtlosen Personen sogar gefährlich. Bei anhaltender Bewußtlichkeit sind Gesicht und Brust kühl abzuwaschen, die Fußsohlen zu bürsten und Anrufe an den Kranken zu richten. Sobald er erwacht, ist absolute Ruhe erforder- lich. Sofern der Atem fehlt, ist künstliche Atmung einzuleiten, auch muß gestörter Herztätigkeit aufgeholfen werden. In verzweifelten Fällen ist als äußerstes Mittel die erneute Einwirkung tödlichen Starkstroms zu versuchen, wofür das Tiercxperimcnl spricht. Im allgemeinen ist davor zu warnen, Wiederbelebungsversuche zu siüh aufzugeben. ES sind Fälle vorgekommen, wo bei größerer Ausdauer Rettung möglich gewesen wäre. tverantwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckern u.VerlagSanscalt Paul Singer LcCo.. Berlin L W.