Mnterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 9. Donnerstag den!4 Januar. l909 lNachdruS verSolev.) Vas täglicbe Srot. Roman von C. V i e b i g. Die Mädchen kicherten: sie kannten die fixe Idee der alten Mathilde, die immer noch auf den Mann, der sie einstmals. um ihrer jüngeren Schwester willen, hatte sitzen lassen, wartete. Sie lachten ganz ungeniert, als Mathilde in ihrer Herzensfreude sie alle zur Hochzeit einlud. ..Na, was sagt denn nu die Hauptmannsche?" fragte die Reschke.„Me wird scheene drinne sitzen, die kriegt so leicht keene. Schmalhans Küchenmeister. Und denn die unjezognen Balje," .Äch Jottchenl" Mathilde schnauzte sich krampfhast. „Mathilde," sagte se zu mich,„ich sch Ihnen man unjern scheiden."„Ina Frauchen," sag ich,„ich tret ja in den Heiljen Ehstand."„Ach so," sagte sc,„na denn,is was anders, denn wusch ich Ihnen viel Jelückl" Aber man sah es ihr an, wie eS se leid tat. Na und denn rief se de„Kinderches, und dann sagt se:"Kinderches," sagt se.„de Mathildche will wegjehn." Ach und de KindercheL kamen in de Küch und hingen sich an mein Rock und denn baten se:„Bleib dock» bei uns. Ma° thildchel" Ach Jottcheu, Jottck>en, das Herz im Leib tat wer Weh.„Aber nei," sag ich,„Das Buchchen hat jesprochen." „Da feiern wir also bald fidele Hochzeit," rief die Reschke ganz ernsthaft.„Jk halte Ihnen beim Wort." Die Mädchen prusteten vor Lachen. Mathilde merkte nichts von der allgemeinen Henerkeit: ohne den zerstreuten Gcsichtsausdruck zu verlieren, erhandelte sie ein billiges Gemüse und stieg dann, verträumten Blicks, die Kellertreppe empor. Ein übermütiges Gelächter schallte hinter ihr drein. „Da schlag einer lang hin," krähte eine blasse Weiß- blonde, die recht mitgenommen aussah. Es war die Minna von Doktor Ehrlich, einem Junggesellen, bei dem sie gut kochte und während der Sprechstunden die Tür öffnete. Tic übrige Zeit, die der Doktor auf der Praxis zubrachte, ging sie spazieren. Vergangenes Frühjahr war sie in der Gäben- straße aufgetaucht— mau munkelte, direkt aus der Charit� — sehr elend und herabgekommen: nun ging sie in Lackschul)en und trug sich kokett.„Wie'ne Dame," sagten die andern neidisch. Minna konnte sich über die„Dämlichkeit" dieser Person gar nicht beruhigen. „Was wollen Se, Fräuleinchen—" Frau Reschke zuckte, mitleidig und geringschätzig die Achseln—„jede is nich so helle wie Sie. Aus Ostpreußen— lieber Jottl Hätte die sonst zwei Jahre bei'n Hauptmann jedicntl Aber da fällt mir ein, det wäre am Ende was for meine Nichte I" Als sich eben jetzt, oben am Ausgang der Kellertreppe, zwei Beine in Drillichhosen vorüber bewegten, rannte sie, so rasch es ihre Korpulenz erlaubte, die Stufen in die Höhe. „Sie, Peters, pst. Siel".... m Der Bursche von Hauptmanns, der langsam, ern Paar zu reparierende Stiefel seines Herrn unterm Arm. an der Hauswand entlang strich, drehte sofort um. Er ahnte wieder eine kleine Weiße oder einen Faustkäse. „Peters, uf'n Wort!" Frau Reschke zog ihn in den Keller und redete da in einer Ecke eifrig auf ihn ein. „Die da?" sägte er und wies mit dem Daumen über die Schulter nach Berta.„Smucke Decrnt" „Die is keen Fressen for Euchl Aber meine Nichte is var einer von den wenigen in der Straße, die nie die Destille besuchten. DaS sollte ihm fehlen, dem Kerl drüben. der ohnehin schon so viel verdiente, noch selber sein gutes Geld hintragen! Heute nachmittag, als ihn„bei's Bücherführen" nehen seiner Weißen ein Appetit auf einen Psefsermiinz ankam, schickte er Berta mit einen Fläschchen hinüber. Tie betrat die Destille und ihr Blick wurde sofort gefesselt von den Flaschen ans dem Schenktisch, die nnt wasser- klaren und grünen und roten und gelben Flüssigkeiten gefüllt. kieblich in der Sonne glänzten. Blitzschnell leckte ihr spitzes Züngelchen die Lippen— süße Liköre, ah! Mit ihrem freundlichsten Lächeln forderte sie den Pfeffer- münz, lForisetzung folgt.) Scbubert als Komponist der Gocthcfcbcn Dichtutig/) Das Lied ist urdcutsch, zum mindesten urgermmnsch und von einer solchen E-genart. daß die Romanen zu seiner Bezeichnung kein Wort, das den Sinn völlig wiedergibt, besitzen:„le lies" sagen die Franzosen, deren„romance" und„clianson" etwas von unserem Lied völlig Verschiedenes bezeichnet: die kolettc„Mar- Kuerite" gegenüber dem gemütvollen deutschen„G retchen" würde den Gegensatz annähernd treffen. Goethe, der im Gretchcn jenem sinnigen deutschen Mädchencharaktcr ewigen Ausdruck vcr- liehen, war es auch, der das deutsche Lied, jenes Aschenbrödel, das so lange verachtet und verkannt nur beim„gemeinen" Volk eine Zufluchtsstätte gefunden hatte, wiederum pflegte und ihm, bc- fruchtet von feinem wundersame» Genius, aufs neue herrliche Blüten cntspriestcn lieh. Goethes Lyrik, durchaus im Volkslied wurzelnd, mutzte so der Ausgangspunkt des neuen musikalischen Liedes werden: So Ivac cS denn auch Goethes der Romantik ge- Heiligter Name, an dessen Altäre A r n i m und Brentano ihrer wundersame Sammlung alter deutscher Lieder,„DcS Knaben Wunderhorn" genannt, niederlegten im Jahre 1806, dem Jahre der tiessten Erniedrigung Deutschlands. Die rechte» romantischen Weisen aber, die Goethes Gedichten die„Flügel des Gesanges" verleihen sollten, sie erstanden erst nach dem dcnktvürdigen Jahre, das mit der Befreiung Deutschlands zugleich die Geburt der musi- kaiischen Romantik bedeutete.„Nur nicht lesen, immer singen, und ein jedes Blatt ist dein" hatte Goethe auch dem Tondichter zugerufen: mancher, darunter ein Mozart und Beethoven, ein Zelter und Reichardt, hatten bereits das Wort beherzigt, noch aber hatte keiner von allen diesen den romantischen Geist in GocihcS Lyrik erfatzt: da kam Schubert. Am> 19. Oktober 1811 komponierte der noch nicht 18jährige Schubert Goethes„Gretchcn am S P i n n r a d". Zum ersten Male loderte der Geniefunke des jungen Meisters, entzündet am GeniuS des grötzten deutsche» Dichters, zu Heller Flamme auf: ein Meistergesang war entstanden. Vorüber waren die tastenden Versuch)« der vorhergehenden Jahre, da er sich vornehmlich an Schillcrschen und' Matlhissonschcn Gedichten versucht hatte, wo er noch in der Nachahmung älterer Muster, besonders der Lieder des feinsinnigen Zumstceg befangen war, ohne in diesen Hann- losen Schöpfungen seine wirkliche Eigenart gefunden zu haben, so überraschend auch manche Einzelheiten dieser Erstlingswerke an- muten. Nun war der Bann gebrochen durch Goethes Zauber- Zvort.„In der Umgebung, in der das Gretchenlied geschaffen ist." sagt Mandyczclvski. der ausgezeichnete Herausgeber der Gesamtausgabe.„nimmt sich dieses Stück wie eine Vifion anS."_ Scharf ausgeprägte, einheitliche Stimmung, folgerichtige musikalische Ent- Wickelung, Freiheit in der Behandlung der Tonart, Eigenart in der Melodie, kurz, fast alles, wa» Schubert später zum bedeutenden Kom- pomsten gemacht hat, tritt hier mit emem Schlage auf. Datz sich dieses Lied so fertig seinem bewegten Innern entrang, mutz ihm über sich selbst die Augen geöffnet und in ihm eine ungeheure Wandlung verursacht haben. Denn alsbald weichet er sich mit einem unheimlichen, ihm selbst noch unbelannten und nur bei einem Genie von solcher Gewalt erklärlichen F leiste der Komposition von Liedern zu. Goethe bleibt nun sein Leitstern, und wie cS in Schuberts Gewohnheit lag, serienweise die Lyrik eines Dichters in Musik zu setzen, so blieb er zunächst Goethe treu, indem er noch im gleichen Jahre fünf seiner Gedichte komponierte, darunter auch die Domszene aus„Faust" gleich in zwei Bearbeitungen. So leicht Schubert auch erfand, so wenig leichtfertig war er doch in der Ausführung. In großen Zügen entwarf er jedes Lied, doch nicht immer war er nnt dem ersten Einsall zufrieden. Die meisten seiner Lieder, namentlich jene der früheren Zeit, hat er zweimal, viele, auch spätere, dreimal, ja sogar viermal niedergeschrieben, und fast jedesmal brachte er dabei kleinere oder größere Verbeffc- rungen und Acnderungen an, die zeigen, mit ivelcher Sorgfalt, Liebe und Kenntnis er bei allem Schwünge feiner Phantasie auch das einzelne zu behandeln wußte. Auch dieser Göttcrltcbling hat •) Wir entnehmen mit Erlaubnis der Verlagsbuchhandlung B. G. Teubncr in Leipzig die obenstehendcn Ausführungen dem in der Sammlung wissenschaftlich- gemeinverständlicher Darstel- langen„Aus Ratur und GcisteSwelt" erschienenen Bande: Dre Blutezeit der musikalischen Romantik in Deutsch- k a n d von Dr. Edgar I st e l in München.(239. Bd. 8. geh. I M., in Leinwand geb. 1.25 M.) gleich Mozart die strenge Arbeit nij gescheut und erst hierdurch seinem Genius das Letzte und Höchstt abgerungen. „Gretchcn am Spinnrad", sein Erstlingswerk(später als Op. 2 erschienen— die Opuszahlen bei Schubert sind für die Entstehung keineswegs maßgebend), zeigt bereits eine Schubertsche Eigentum- lichkeit. die sich noch weiterhin anfs schärfste ausprägen sollte: der Zug zum Dramatischen. Jenes unablässig rollende Begleitmotiv des Klaviers, das nicht nur auf die Bewegung des Spinnrades. sondern fast noch mehr ans die©reichen unablässig folternde O.ual hindeutet, zaubert sofort die dramatische Szene vorS Auge, währeich das Ohr darüber jene traurigfüßc Weise, gesungen von fast tränen- erstickter Stimme, vernimmt. Einen Augenblick, beim Gedanken an die Liebeswonnen. stockt jene unruhvolle Bewegung, dann aber wieder beginnt die alte Qual, die alte Müh auss neue, unaufhörlich sich fortspinnend bis zur Verzweiflung. Datz dieses Lied nicke großartiger und ergreifender in Musik gesetzt werden könne, als es Schubert gelang, darüber herrscht heute kein Zweifel. Daß aber diese dramatische Auffasiung seiner Lyrik der vom Volkslied und dessen schlichter Weise ausgehenden Anschauung des Dichters nicht entsprach, und datz Goethe damit in mancher Hinsicht ein wohlberccktigtes stilistisches Prinzip wahrte, ist ebenso sicher. Goethe wünschte stets Musik zu seiner Lvrik, und er betonte„mit einfachen treue» Worten" dem Komponisten Tomaschek gegenüber» der manches Goethcfche Lied schlicht und sinnig vertont hatte, datz er seinen„so mannigfachen, unter den verschiedensten Anlässen entstandenen Liedern nur dann eine innere Uebereinstimmung und ideelle Ganzheit zuschreiben" dürfe,„alö der Tonkünstler sie auch in die Einheit seines Gefühls nochmals aufnehmen und. als wären sie ein Ganzes'nach seiner Weise durchführen wollte". Datz ! Goethe, der hiermit dem Komponisten gewissermaßen einen Frei- bries ausgestellt hatte, doch von dieser„Weise" ganz bestimmte. Schubert manchmal entgegengesetzte Anschauungen hatte, dies zeigte er in so mancher anderen Aeustcrung, z. B. in den Annale» 1801. So riet er einmal dem Komponisten Kayser,„das Akkom- pagncmcnt sehr mäßig zu halten, nur in der Mäßigkeit ist Lee Reichtum". Mit diesen— m vieler Hinsicht wohlbcgründeten— Anschauungen mußte aber Goethe in einen Konftikt mit dem musikalischen Zeitgeist geraten, der immer mehr auf reichere AuS- gcstaltung der Begleitung hindrängte, um in ihr alle seelischen Nnterströmungen dcS singenden Individuums anfs feinste zur Wirkung kommen zu lassen. Diesem neuen Ideal, das sich in scharfen Gegensatz zu dein der älteren, mit Goethe befreundeten Meister dcS LiedeS Zelter und Reichardt setzte, vcrhals daS Genie Schuberts gerade an Goetheschen Dichtungen zum Durchbruch, und von hier aus gingen alle jene Fäden, die das 19. Jahrhundert zu den folgenden Meistern des Liedes, insbesondere Schumann, Cornelius und Hugo Wolf spann. Diese dramatische Gc- staltung fand dann bereits im folgenden Fahre(1815) ihren gc- wältigen Ausdruck in Schuberts„E r l k ö n i g". wiederum eine jener Geineschöpfungen, denen gegenüber es nur Staunen und Be- wundcrung gibt. Ob Schubert hier den Balladcncharatter wirk- lick getroffen, ist eine relativ belairglosc Frage angesichts der voll- endeten Plastik seiner Gestaltung. Datz Schubert auch jene andere einsach-sirophenmäßige Gestaltung als Meister beherrschte, daß er nnt den geringsten Begleitungsmitteln auszukommen vermochte, hat er in unzähligen anderen Kompositionen, auch Gocthescher Dich- hingen, bewiesen. Man denke nur an das entzückende„H e i d e n- r ä S l e i n", im selben Jahre 1815 entstanden und an einem Tage komponiert(19. August) mit vier anderen Goctheliedern, darunter „Rattenfänger".„Schatzgräber",„BnndeSlied" und„An den Mond" — eine schier unbegreifliche Fruchtbarkeit l Aus der großen Zahl der Goethelieder(30) dieses Jahres seien nur noch die Gesänge Mignons und des Harfners erwähnt, die hier zum ersten Male von Schubert vertont wurden. Unablässig fühlte sich Schubert zu den beiden Gestalten des Goetyeschcn Romans hingezogen, den> gerade die Romantik über alles verehrte; 1316 versuchte er wiederum, die rechten Töne zu finden, und nochmals zehn Jahre später, aus der Höhe der Meisterschaft, lockt ihn Mignon zu erneuter Gestaltung— zum letzten Male hatte sich der Meister mit der Muse Goethes vermählt. Im ganzen hat Schubert 59 Dichtungen Goethes als einstimmige Lieder komponiert, sechs doppelt, eine dreifach und eine vierfach— die edlen S u l e i k a g e s ä n g e, deren Dichtung eigentlich von Marianne v. Willcmer stammt, als Goethesche Gedichte mitgezahlt. Aus der Fülle des Wunderbaren. das Goethe in Schuberts Tönen bietet, seien hier nur noch hervor- gehoben neben dem herrlichen„G«Heime 3"(West-östlicher Divan) die drei gewaltigen Gesänge:„A n S ch w a g e r K r o n o s" <1816),„Prometheus"(1819) und„Grenzen der Menschheit"(1821), drei Gesänge, von denen jeder einzelne bereiis genügen würde. Schubert die Unsterblichkeit zu sichern. Die Behandlung der Sprache in einer eigenartig deklamatorisch- melodischen Art, die Anteilnahme der ins feinste ausmalenden, doch nie aufdringlichen Begleitung sind hier geradezu cpoche- machend. Nur ein Genie ersten Ranges konnte z. 23. den„Schwager Kronos" in einer Weise komponieren, die gleichzeitig das reale Erlebnis einer Postkutschcnfahrt und die daraus sich ergebende rein ideelle Beziehung aus die Lebensreise so zu unmittelbarer An- schauung bringt, daß beides wie beim Dichter ineinanderfließt und die Grenze des leiblich Gesehenen und geistig Geschautcn ine zu Bewußtsein kommt.„ Unerschöpflich ist die Fülle der Lyrik aller Zeiten, die Schubert seiner Kunst zugeführt hat. und Schumann mag wohl recht SoBi'n mit kr Bchcupiung, Schubert, dieser„fleißige Künstler", �ätte„nach und nach wähl die ganze deutsche Literatur in Musik gesetzt". Bewundernswert ist die feinsinnige SluSiwchl, die Schubert aus der Fülle der Gedichte traf, die ihm in die Hände fiel; sie hätte für feine Z'.rcSr wm besser sein können. Einmal über die ersten Anfange hinaus, beurteilte er die Gedichte, wie die Gesamt- auSgabe betont, immer nur nach ihrem Grundgedanken, ihrem oll- gemeinen Charakter. Es ist'hm gleich, in welcher Form sie sich darbieten. Nachdem er mit Beherrschung der musikalischen Form gelernt hatte, ein Gedicht als Ganzes aufzufassen, so daß die Komposition gleich als Ganzes fertig vor des Schöpfers geistigem Auge steht, entwickelte er mit der Aufnahme der verschiedenartigsten Anregungen aus der gleichzeitigen Literatur die Kunst, jeder Stini- mung den richtigen Ausdruck zu verleihen, und innerhalb der Grenzen des Gangen auch dem einzelnen gerecht zu werden. Schubert hatte in ganz außerordentlichem Maße die Fähigkeit, die Gedichte seiner Wahl bis in die verborgensten Einzelheiten mitzu- empfinden, ihren Inhalt gleichsam nochmals selbst zu erleben. Diese Tiefe der künstlerischen Empfindung befähigte ihn, im Berein mit dem immer mächtiger werdenden Strom musikalischer Erfindung, für jeden Dichter neue Töne anzuschlagen, jedem Liede einen besonderen, aus der Eigenart der Dichtuna hervorgehenden Charakter aufzuprägen.>— Geber die Verdauung. Von Dr. Sl. Lipschütz. kSchluß.) Hl. Wir erinnern uns der Schein füticrung, die bewirkt, daß der nüchterne Magen zur Ausbildung von Sast angeregt wird. Während der Hund mit großer Gier frißt und das Gefressene aus der Spciferöhrenöffnung herausfällt, fließt aus der Magcnfistel Saft in großer Menge. Durchschneiden wir nun den Rcrv, der vom Gehirne zum Magen führt: bald darauf hört die Aus- fcheidung von Magensaft gänzlich auf. cS fließt kein Tropfen Saft, trotzdem der Hund mit wachsender Gier weiterfrißt. Auf den ersten Blick scheint es. daß es sich hier um eine Reizung der Schleimhaut des MundeS handelt und daß es von hier auS reflek- tonsch zu einer Erregung der Magcndrüfe gekommen ist. wie eL durch Reizung der Mundschleimhaut zur Speichelabsonderung kommt. Wir wissen nun schon seit langer Zeit, daß zuweilen das Necken eines hungrigen Hundes mit Speise genügt, um die Ab- sonderung von Magensaft aus dem leeren Magen zu veranlassen. Prüfen wir diese alte Beobachtung, die in der wissenschaftlichen Forschung ganz unbeachtet geblieben ist, an unserem Schein- fütterungshunde nach. Wir hantieren vor seinen Augen mit Fleisch und Wurst, als ob wir sie ihm geben ivolllen. Ter Hund zeigt dag lebhafteste Interesse für unsere Vorbereitungen, er dehnt und reckt sich und will aus die Speise zufahren. Fünf Minuten später erscheint auö der Magenfistel der erste Tropfen Saft, die Absonderung wird immer stärker und ist schließlich sehr beträchtlich. Ter Sinn dieses Versuches ist klar: Der äußere Reiz hat im Tier das leidenschaftliche Verlangen nach Speise, den Appetit, wach- gerufen. Und dieser hat die Magendrüsen zur Sastabsonderung angeregt. Wenn wir nun daran denken, daß Reizung der Mundschlcim- haut an und für sich keine Absonderung von Magensaft hervorruft. daß dagegen schon bloßes Necken mit Speise von größter Wirksam- keit ist. so kommen wir zum Schluß, daß eS auch bei der Schein- fütterung sich um die Wirkung des Appetits gehandelt hat. Wir haben hier ein psychisches Moment, das ein mächtiger Erreger der Magendrüsen ist. Die Wirkung dieses Momentes hört auf, sobald der vom Gehirn zum Magen führende Rcrv durchschnitten ist. Der Appetit ist der mächtigste Erreger der Magendrüscn. Wo der Appetit fehlt, da kommt es nicht zu reichlicher Absonderung deS verdauenden Magensaftes. Weiter Versuche am„kleinen Magen" ergaben, daß für die Verdauung der Speisen der Appetit und die direkte chemische Reizung der Magenschleimhaut durch die Nahrungsmittel in Be- kracht kommt. Beim Fleische liegt die Sache so. In den ersten Stunden nach der Nahrungsaufnahme, wo die größte VcrdauungL- arbeit zu leisten ist, sind die großen Saftmcngcn zur Hand die dem Appetit zu danken sind. Der Appetit gibt uns den„Zündsaft" für die Verdauung, wie sich ein Schüler Pawlows ausdrückt. Sind die ersten Breschen geschlagen, die schwerste Arbeit vollbracht, so kann der Magen sich mit geringeren Saftmcngcn begnügen, die durch die Einwirkung des Fleisches auf die Magenschleimhaut her- beigeschasft ioerdcn. Bei den Nahrungsmitteln, die selbst auch nicht die geringste Spur von Magensastabsondcrung hervorrufen können— wie Hühncrciweiß, Brot, Stärke—, liegt die Sache folgendermaßen. Der Appetit leitet die erste Verdauung ein; durch die chemische Bc- arbeitung dieser Nahrungsmittel entstehen dann Stoffe—„Abbauprodukte"—, die, wie Versuche gezeigt haben, schon selbst chemische Erreger der Magenschleimhaut sind und so die vom Appetit eingeleitete Verdauung weiter unterhalten können. Wie wir früher sahen, sind diese Stoffe nur im Fleische— zum Teil auch in der Milch— von vornherein vorhanden, können.aber auch aus dem Fleische, wenn es gesotten wird, ausgezogen werben l Sehr lehrreich ist«in Versuch, der uns die große Je» deutung des Appetits für die Verdauung vor Augen füyrt. Wir führen einem Hunde eine Portion Fleisch durch die Magenfistel in den Magen ein und achten strengstens darauf, daß der Hund nichts von unseren Manipulationen merkt. Die gleiche(genau abgewogene) Portion Fleisch führen wir einem zweiten Hunde durch die Magenfistcl ein und reizen seinen Appetit. indem wir ihn mit Speise necken. Wenn wir nun nach einiger Zeit beiden Hunden den Rest des eingeführten Fleisches aus dem Magen nehmen und wiegen, so zeigt cS sich, daß der Hund, dem wir den Appetit angeregt haben, fünfmal mehr verdaut hat, als der andere, dem wir das Fleisch unvermerkt in den Magen ge- bracht haben. Nun ist uns der Mechanismus der Magcnvcrdauung verstand- lich. Der Appetit leitet die Verdauung ein, um später einem Mechanismus Platz zu machen, der dem der Speichelabsonderung vollkommen gleicht: chemische Stoffe rufen reflektorisch eine Ab- sonderung bestimmter Mengen Magensaft von bestimmten chemischen Eigenschaften hervor. Wir müssen uns vorstellen, daß, wie in der Mundschleimhaut auch in der Magenschleimhaut verschieden- artige Nervenendigungen verlaufen, die nur durch bestimmte chemische Stoffe gereizt lvcrden und dann eine entsprechende Ab- sonderung von Saft aus den Drüsen veranlassen. Jetzt verstehen wir auch, wieso der künstlich angelegte„kleine Magen" ein Spiegelbild des Magens sein kann, das die groß- artigen Untersuchungen Pawlows ermöglichte. Wir betonien, daß bei der Operation die Rervenvcrbindung deS„kleinen Magens" mit dem Magen erhalten bleibt. Trifft- nun ein bestimmter chemischer Reiz eine Stelle der Magenschleimhaut, so wird dadurch eine Absonderung von Saft aus den in der ganzen Schleimhaut verstreuten mikroskopisch kleinen Drüsen veranlaßt— auch aus den Drüsen des„kleinen Magens", der ja nur ein aus dem Magen geschnittenes Stück ist. Tie einzelnen Nervenendigungen, die für bestimmte chemische Reize eingerichtet sind, senden ihre Befehle an die Drüsen der Magcnschlcim- haut; sie senden ihre Ordre auch an die Drüsen deS„kleinen Magens", denn die Nervenverbindung mit dem Magen bleibt ja erhalten. Ebenso wie die Magendrüscn, können auch die Bauchspeichel- drüse und die Drüsen des Mundes durch Necken, durch Anregung des Appetits zur Sastabsonderung veranlaßt werden. Die Pawlowsche Schule hat ihre Ergebnisse durch Versuche an Hunden zutage gefördert. Vor einiger Zeit haben zwei Forscher nach denselben Methoden Untersuchungen am Pavian, einem hochstehenden Affen, angestellt und gefunden, daß die Verdauungs- arbeit auch bei diesem dem Menschen so nahestehenden Tiere ganz so abläuft wie beim Hunde. Neuerdings ist es gelungen, zu zeigen, daß die Ergebnisse der Pawlowschcn Schule auch für den Menschen im vollen Umfange ihre Geltung besitzen. Bei einer Patientin, bei der man wegen einer Speiseröhrenvcrengcrung eine Operation machen mußte, die der Pmolontzchen Schein füttcrungs- operation glich, Halle man Gelegenheit, das Verhalten der Magen» drüsen zu studieren: der Ablauf ihrer Tätigkeit eil ick, in allen der beim Hunde gemachten Beobachtungen. IV. Wir haben gesehen, welch eine außerordentliche Bcdcuinng dem Appetit zukommt. Nun lernen wir auch die Sitten und Gebräuche verstehen, die viele Völkerschaften und auch wir mit der Nahrung?- ausnähme verbinden, Immer sind wir bestrebt, die Ausnahme der Nahrung zu gestalten, daß sie uns Freude macht, angenehme Gefühle in uns wachruft und damit unseren Appetit anregt. Andererseits suchen wir zur Zeit des Essens alleö fernzuhalten, was uns Kummer und Sorge macht, unsere Gedanken an unseren Beruf oder an schwierige geistige Probleme fesselt,— kurz alleö, was unsere Lustgefühle beeinträchtigen oder gar hemmen könnte.�), Auch die Sorgfalt, mit der wir die Speisen zubereiten, ist nur eine Rücksichtnahme auf den Appetit. Wir halten bei der Zubcrei» tung und Auftischung der Speisen viel aufs Aeutzere, das ästhetisch auf uns wirke», unser Interesse und unsere Neugier wachrufen soll. Durch entsprechende Zutaten(Gewürze i zu den Speften suchen wir unsere Geschmacks- und Geruchsempfindungen angenehm zu beeinflusscii, um uns sozusagen in„Stimmung" zu versetzen. Was wir über die Bedeutung des Appetits erfahren haben. macht es unS auch verständlich, warum der Arzt immer sein Augenmerk auf den Appetit seines Patienten richtet. Zur Ge- sundung bedarf es einer vermehrten Zufuhr von Nährstoffen, um den abgezehrte, i Körper wieder in die Höhe zu bringen. Tic Nahrungsmittel müssen ergiebig verdaut werden, um in den Säfte- ström des Körpers aufgenommen zu Wersen. Also der Patient braucht reichlich BcrdauungSsäftc, er braucht Appetit, denn A p p c t i t i st Saft,— Daß wir uns instinktiv auch an die chemischen Vedingungen der Verdauung halten, wie sie durch die Pawlowschcn Untersuchungen festgestellt worden sind, zeigt sich in der Sitte, bei der Hauptmahl- '■) Daß der Appetit und mit ihm die Magensastabseuderung durch einen A e rg c r direkt gehemmt werden kann, zeigt ein schönes Experiment eines Berliner Forschers. Er hielt einem Hunde, bei dem nach vorhergegangener Appetitanreguirg Saft aus der Magen- fistel floß, eine Katze, vor. Sofort versagte die Absonderung de« Saftes, er floß nicht mehr! «il des Tage? zuerst eine Suppe zn essen. Sine Bouillonsuppe stellt nämlich einen Auszug aus dem Fleische dar, der jene chemischen Stoffe in Lösung cntl>alt. die wir als die chemischen Erreger der Magenschleiinhaut kennen lernten. Wer sich keine Bouillon leisten kann, der kocht sich eine wässerige Mehl- oder Brotsuppe. Hier ist das Wasser der direkte chemische Erreger der Magenschleimhaut, wie Versuche zeigten. Durch die Suppe verschaffen wir uns eine igewisse Saftnienge, die wir für die Vcroauung der Hauptspcise — Fleisch, Kartoffel, Grütze— zugute haben: die Suppe selber stellt ja keine Anforderungen an die Verdauung. Wer die Mittel besitzt, beschließt sein Mittagessen mit einer süssen Speise, die gewöhnlich au und für sich gar keinen Nährwert hat. Aber doch kommt auch ihr eine Bedeutung zu. Wir reizen unseren Geschmack und rufen damit augenehme Gefühle hervor, welche geeignet sind, die durch den Appc it angeregte Magensaft- absondcrung weiterhin noch für einige Zeit zu unterstützen. V. Wir sprachen vom Appetit, als von einem psychischen Zu- stände, der durch Reize veranlasst wird, welche dem Gehirne von aussen zuströmen. Wir erkannten in ihm eine Einrichtung, die für den Organismus von größter Bedeutung ist. Aus dem Wege der vom Gehirn zum Magen(um den Magen als Beispiel für alle Verdauungsdrüsen zu gebrauchen) gebenden Nerven werden die Magrtidrüsen zur Tätiglcit angeregt, um die erste Arbeit der Ver- dauung in Angriff zu nehmen. Aber wir sahen, daß daS Gehirn seine Order nickt willkürlich, etwa aus eigenem Antriebe, an den Magen schickt. Nein, es empfängt von aussen ganz bestimmte Reize, die ihm mit Hilfe der Sinnesorgane— Auge, Geruch, Geschmack, auch Ohr— zugeleitet werden. Diese Reize sind es, die den Anstoß zuin Beginn der Magensaftabsonde- rung geben: die leidenschaftliche Begierde, das Verlangen nach Speise allein vcranlassi noch keine Absonderung von Saft. Die Reize gehen ihren bestimmten, ein für allemal vorgezeichneten Weg vom Sinnesorgan zum Gehirn und von hier zum Magen, einen Weg. der von Nervenbahnen gebildet wird: Wie nach der Darwin- scheu Entlvickclungslehre ein Organ von ganz bestimmtem Vau im Kampfe ums Dasein sich herausformt, so auch eine bestimmte Nervenbahn, die dem Organismus die Möglichkeit verschafft, auf äussere Reize in zweckmässiger Weise zu reagieren. Führt die Nervenbahn vom Sinnesorgan zu einem Muskel, so antworten wir auf einen das Sinnesorgan treffenden Lieiz mit einer Bewegung; führt eine Nervenbahn zu einer Drüse, so antworten wir mit einer Absonderung von Saft. Zur Anregung einer psychischen Saftabsonderung ans den Verdauungsdrüsen bedarf es also immer ganz bestimmter Reize, Zbc'timmter Nervenbahnen und Stationen(hier des Gehirns) und schliesslich cineS bestimmten ErfolgSorganS(der Drüse). Das sind die Bedingungen, an die ein jeder einfache Reflexvorgang geknüpft äst. Daß hier die Sinnesorgane, nicht die Haut, von den äusseren Reizen getroffen werden, ändert nichts an der Sache: sind ja die Sinnesorgane nur umgewandelte Hautpartien, wie die Entwickc- lungsgeschichte es ohne jegliche Lücke hat nachweisen können. Andererseits entsteht das Gehirn während oer Entwickelung des Embryos aus dem vorderen Abschnitt der Rückenmarksanlage, wobei eö der Forschung sogar gelungen ist, die Anordnung der einzelnen ein- und austretenden Nerven, die von den Sinnesorganen zum «Aehirn gehen, aus die Anordnung der Rückenmarksnervcn zurück- zuführen So können wir mit vollem Rechte der psychischen Saftabsonderung, dem Appetit, der in der Tätigkeit der Per- tianüngsdrüsen eine so grosse Rolle spielt, einen Reflexbor- g a n g zugrundelegen") All diese Erwägungen, die sich an die Erscheinung des Appetits als eines psychischen Znstandes knüpfen, das Vernunftgemäße in seinem ganzen Gebaren, die Möglichkeit, dieses Bcr- tinnftgcmässe auf einen R�sle�vorgang zurück- zu führen, der durch unsere Sinnesorgane und das Gehirn vermittelt wird— erweckt in nnZ die Vermutung, daß auch unserem vernünftigen »willkürlichen" Handeln R c f l c x v o r g ä n g e, wenn auch sehr komplizierter Natur, zugrunde liegen. In diesem Sinne ist Paivlow jetzt auf dem Wege, mit Hilfe seiner Methoden in das Gebiet der psychischen Vorgänge einzudringen. Der Leser, der unseren Ausführungen gefolgt ist, wird ohne besonderen Hinlveis erkannt Daben, daß bei dem so komplizierten Mechanismus der Verdauungsarbcit und bei dessen unmittelbarer Abhängigkeit vom Nervensystem es häufig genug zu krankhaften Störnugen der Verdauung'omincn wird— auch wenn die äusseren Schädlichkeiten nicht unmitrelbar den VcrdauungSapparat treffen werden, lind gerade auf dem Gebiete der Lehre von der Ver- bauung ist es ersichtlich, wie eng der Zusammenhang zwischen krankhaften Erscheinungen in unserem Organismus und dem ') ScheinfüiierungZversuche an neugeborenen Hündchen, die «lach der Pawlowschen Methode operiert wurden, haben gezeigt, daß bei ihnen cinc psychische Saftabsonderimg schon vorhanden ist. Ebenso erwies cö sich, daß das blosse Saugen an der Brust— ohne däss die Milch in den Magen kam— rein reflektorisch eine Magen- saftabsonderung hervorruft. Das veranlasst um so mehr, die psy- chische kRagensaftabsonderung als einen reflektorischen Vorgang auszufasse»._ sozialen Getriebe unserer Gesellschaft ist: wie tinzweckmässige En» nährung, Mangel an Müsse und an heiterem Gemüt beim Essen unsere Verdauung aufs schwerste beeinflussen müssen. Kleines f euiUeton. Die Geschichte der Guillotine. Au? Pari? wird berichtet: Die Guillotine, die nun in Frankreich schon so lange ihres mörderischen AmrcS nicht gewaltet, hat bei den jüngsten Hmrichluugcn ihre Wiederai'ferstebung erlebt und bildet jetzt unter den Franzosen wieder das Gespräch deS Tages, nicht viel anders als damals, da die„berühmte Erfindung des Dr. Guillotin" die Gemüter in Auf- regung versetzte. Aber der ziveifclbafte Ruhm, diese Köpfmaschine erdacht zu haben, gebührt gar nicht dem gutmütigen, wackeren Arzte, der aus philanthropischen Gründen für eine Reform der Hinrichtung eintrat; vielmehr ist dieses schauerliche Werkzeug schon im Mittel- aller in seinen Grundformen vielkach verwand» worden, ja lässt sich >ogar bis in die Prübistorie zurückverfolgen. Wenigstens hat man in Frankreich unter Funden aus dem S l e i n z e i t a l t e r, die zu Liniö(Aisne) 1865 gemacht wurden, ein sehr gewichtiges Hackemesser auS Kieselstein ans Licht gefördert, in dem die Archäologen eine Art mechanischen Kopfabschneider? er- kamit hoben. Nach den Erläuterungen Peignö- DelacourtS wurde die>es Stcinmesser von den Menschen der Steinzeit. mit einen, Gewicht von etwa hundert Kilogramm belastet, an einem Seil aufgehängt und dann nach Art eine? Pendels behandelt, mit dem den darunter durchgetriebenen Hammeln die Köpfe abgeschlagen wurden. Die ersten Berichte über Köpfmaschinen in der Art der Guillotine lverdcn uns aus Böhmen im dreizehnten und ans Deutschland im vierzehnten Jahrhundert- überliefert. Doch haben auch schon die alten Perser und die Chinesen HinrichMiigSwerkzeilge gehabt, die sehr ähnlich konstruiert waren. DaS erste genaue Do- kumeut über ein der Guillotine ganz ähnliches Instrument finden wir 1507 in der Chronik de? Ican dÄulhon, der eine Ein- richtung mit dieser Köpstnaschine genau beschreibt. Eine Radierung des Nürnberger KleinmeisterS Georg Pencz, die die Hinrichtung des TiluS ManliuS darstellt, führt uns dann diese vor Guillotin be- stehende Guillotine im Bilde vor. Der Delinquent kniet vor zwei Holzslützen. die einen Rammklotz tragen; sein Kopf ist zwischen zwei Breriern in die riÄ'ige Stellung gebracht; auf dem Nacken hat der Henker eine Axt aufgelegt, die er mit der rechten Hand festhält, ivährcnd er mit der linken Hand vermittelst eines Seils den Ramm- klotz herunterfallen läßt, der mit aller Gewalt auf die Axt nieder-' fällt und de» Hals durchschneidet. Ein Kupferstich AldegreverS von 1552 gibt die Hinrichtung des Titus ManliuS in etwas anderer Form, denn hier wird der Verurteilte mit einem halbmondförmigen scharfen Messer enthauptet, das in einer in den Holzstützen angebrachten Rinne herabgleitet. Ein Blatt deS Italieners Bonaione aus der- selben Zeit zeigt die„Mannaia", die vielgenannte HinrichtungS- Maschine der Italiener, die schon im dreizehnten Jahrhundert er- wähnt wird und nach einem Privileg nur bei den Adeligen und Klerikern zur Anwendung kam. Hier ist es bereit» ein gerades Messer statt deS halbmondförmigen, das henricdersauft. Schon Konradin von Schwaben war 1286 durch eine solche, von den Deutschen mit dem Namen„welsche Falle" belegte Maschine einbauptet worden; bei der Hmrichtung der Bealrice Cenci funllionierte eine Maschine, deren genaue Beschreibung sich nur in Kleinigkeiten von der Guillotine unterscheidet. Die Schotten basten ihre„Jungfrau", eine Art scharfgeschliffener und mit Blei be» lastelcr Art, die an einem Seil befestigt war und über einen Flaschen- zug rollw Der Zeichner Callot gibt diese Maschine 1593 auf einem seiner KricgSbilder wieder. Guillotin hatte also nicht nötig, seine Köpfntaschine erst zu erfinden. Er hatte denn auch mit seinem Antrag, den er am 16. Oktober 1789 in sechs Artikeln der Nationalversammlung vorlegte, nur die Absicht, eine möglichst sichere und schnelle Methode der Hinrichtung durchzusetzen. Die Worte, mit denen er seine Maschine empfahl:„Ich lasse Ihnen damit jeden Kopf in einem Wimperzucken hcrun'.crspringen und Sie haben dabo« nicht die geringste Schmcrzcmpsindnng", erregte einen HeiterkeilS- stürm und machten seinen Vorschlag populär. DaS offizielle Organ. der„Moniteur", musste sich direkt gegen die Lächerlichmachung der neuen HinrichtnngSmethode wenden:„Eine der verwerflichsten Gewohnheiten ist die, über Hinrichtungen sich lustig zu machen. Seit dem Schwerte Karls des Grossen, das man das„lustige" nannte, bis zu' den Beinamen„Die Witwe", die man dem Galgen gegeben, erkennt man in unserer Ration eine Schwäche des Geistes, deren Sitz in der Seele ist." Nachoem man von dem Dr. Anroine Louis einen motivierten Bericht über die von Guillotin vorgeschlagene Methode und Maschine eingefordert hatte, wurde daS Köpfinstrument am 20. März 1791 durcb ein Gesetz eingeführt und am 25. März vom König bestätigt. Zunächst wurde die Maschine nach dem Dr. Louis, dein Sekretär deS Kollegiums der Wundärzte, die„kleine Louilon" oder Louisette genannt. Aber durch ein Spottgedicht auf Guillotin bürgerte sich zur Verzweiflung des philanthropischen Arztes der Name Guillotine ein. Dieser Umstand hat ihm sein späteres Leben verbittert. Die Aussührung der ersten Guillotine übernahm em deutscher Mechaniker Schmitt für das Mindcsiangebot von 305 FranlS. Beraiitwortl. Redakteur: Hanö Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärt» Buchtruckerei u.V:r!»g»anstaltPaulSingsr StTo., Berlin SVt