Hlnterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 11. Sonnabend den 16. Jantmr. 1908 lNaessru» verholen.) »oz vas täglicke Brot. Roman von C. Wieb ig. Die Hauptmännin hielt sich die Lorgnette vor die Augen, dann faßte sie sich ein Herz:„Entschuldigen Sie, Frau Reschke, das scheint mir doch viel eher das Mädchen zu sein, von dem unser Bursche mir gesprochen hat. Suchen Sie nicht auch Stellung?" wandte sie sich an Berta. „Jawohl, gnädige Fraul" Berta hatte ein kindliches, offenes Lächeln, das sofort für sie einnahm. „Verstehen Sie Küche und Hausarbeit?" „Ich Hab meiner Mutter den Haushalt geführt, wer hatten sehr viel zu tun. Ich habe alles alleine gemacht, de Mutter brauchte sich um nischt zu kümmern." Frau Reschke war ganz starr— die wußte sich aber an- zubringen! Eine leise Bewunderung stieg in ihr auf, zugleich aber auch ein tüchtiger Aerger, daß das dreiste Ding ihre Hilfe gar nicht zu gebrauchen schien!„Berta", sagte sie scharf,„die jnäd'je Frau Hauptmann von Saldern tvill unsre Mine mieten." „Ach, ich weiß doch nicht— ich möchte doch lieber nicht", sagte die junge Frau zögernd und betrachtete unentschlossen Mine, die mit ihren linkischen Manieren und der verdrossenen Miene gctvaltlg gegen Berta abstach. Bon Saldern— Hmiptmann von Saldern! Das war WaS Feines: Bertas Lächeln wurde immer gewinnender. „Diese ist so freundlich." sagte Frau von Saldern, gleich- fam entschuldigend zur Reschke.„Ich habe so gern freundliche Leute um mich: es ist auch so gut für die Kinder." Und dann mit einer plötzlichen Entschlossenheit zu Berta:„Ich gebe Ihnen sechzig Taler." Die Reschke wurde dunkelrot. Mit Miihe nur behielt sie Biederton und Biedermiene bei. Noch schöner! Die Miene, die so schwer zu vermieten war— nicht mal die Haript- mannsche wollte sie!— blieb ihr auf dem Halse, nnd der Racker da brachte sich gleich selber an! Aber sie gönnte es der kleinen Kröte, wenn sie auf den hungerleidigen Haus- halt reinsiel. Und so bestärkte sie in geheimer Schadenfreude die junge Frau eifrig in ihrer günstigen Meinung über Berta. Nur der Lohn schien noch ein Hindernis. Berta der- langte in aller Bescheidenheit siebzig Taler und ließ ein- fließen, daß der Destillateur drüben ihr eben das gleiche geboten, und die ZVaufmannsfrau. an der anderen Ecke der Kirchbachstraße, sogar noch fünf Taler mehr. Frau Reschke zitterte vor verhaltener Wut— die Bande! Also nicht bloß, daß sie einem die Kunden»vegschnappten, auch den Nebenverdienst, durch den mal ein paar Mark erübrigte, ruinierten sie einem. Der Polizei mußte man's anzeigen, so'ne Gemeinheit! Einem die Mädchen hinterrücks wegzumietenl Aber jetzt wollte sie zu ihrem Gelbe kommen. So schwa- dränierte sie denn los:„Jeden Sie siebzig, jnäd'je Frau, Sie finden kein Mächen, det mehr for Ihnen paßte. Ja, die Berta, det is en Mächen, wie aus de Lade genommen! Un so fix— ne, einfach jroßartig! Berka, haben Sie'n Jlücke, hei so'ne Herrschaft! Da kommen immer die Mäckzens je- laufen:„Noch keene Aussicht bei die Frau Hauptmann an- zukomn'.en?" Aber von den'n würde ik Ihnen ja jar keene rekommandierem jnäd'je Frau! I wo, man sieht doch, wen man vor sich hat: det jinge mir jejent Jewissen.„Nanu", sag ik immer zu die Mächens,„ihr wollt über de Herrschast klagen? Schämt euch." Is det ne Manier, sich so ufzu- plündern? Ponnis gebrannt, alle vierzehn Tage uf'n Ball? Un en jroßes Maul haben, und faul bei de Arveet. Nn An- spräche— da iS das Ende von weg!" „Ach ja," seufzte die junge Frau,„ich Hab auch schon böse Erfahrungen gemacht." „Na, wie war's denn mit die Mathilde?" forschte die Reschke neugisrig. „Die ist eine sehr ordentliche Person. Ich hätte ihr sicher nicht gekündigt: aber sie heiratet ja." „Sieh eener den Racker an!" Frau Reschke schlug schallen? die Hände zusammen.„Die un heiraten! Nee, jnäd'je Frau� det Sie so wat jlaubenl Vermieten will se sich anderswo. Siebzig Taler, dafor dient se nich mehr: hundert will se haben. Un denn vier Treppen! I du meine Jüte, Belletaschc muh es sind und in'n Tierjartenviertell Die Zuchten kennt man schon!" Frau Reschke hatte sich in Eifer geschwatzt: sie unterbrach den Fluß ihrer Rede nicht eher, als bis Frau von Saldern, ganz klein gemacht durch die Niedertracht ihrer Mathilde, Berta siebzig Taler zusagte. Als die Dame gegangen war, fing Mine, die bis dahin in mürrischem Schweigen in einer Ecke gestanden hatte, an zu tveinen. Alles, was sich an diesem Tage von Aerger und Erbittenmg in ihr aufgespeichert hatte, floß in diesen Tränen zutage: Heimweh war auch dabei. Sie machte der Tante Vorwürfe in einer groben Art, so daß diese, über so viel Undankbarkeit ganz cutrüstet, etwas von„unjehobelte Bauern, dirne" schrie, für die sie keinen Finger mehr rühren würde, und beleidigt die Glastür hinter sich zuschmetterte. Im dunklen Laden hockte Mine auf der umgestülpten Tonne und hielt sich die Hände vor die Augen.' Berta stand vor ihr: der letzte Schimmer von Licht, der in den Keller siel, weilte auf ihrem lieblichen Gesicht. „Weene nich, Mine," sagte sie schmeichelnd und strich der Schluchzenden übers Haar.„Daß de der darum so hast! Laß doch den alten Drachen! Weeßte, ich haa'ne sehr scheene, 'ne sehr gutte Stelle for Dir, drüben bein Herrn im Restorangl" „Siebzig Taler, sagste, gibt der?" Mine hörte aus zu weinen. „Ne!" Berta lachte hell.„Wo denkste hin?! Das war nur so zu der Dame gesagt. Aber vierzig wird er der schon 'geben. Geh doch mal rüber bei ihn!" „Geh Du mit," bat Mine und faßte ihre Hand. „Na, denn komm!" Berta wollte sie cmporzielicn. aber, wie sich besinnend, schrie Mine:„Jescs, all die Wäsch! Dis muß ich erscht fertig machen?" Berta sah ihr topfschüttelnd nach, wie sie durch daS nun vollends hereingebrochene Dunkel nach der 5küche rannte. Ein mitleidig geringschätziges Lächeln spielte um ihren hübschen Mund. 6. Alle Abend nach neun war großer Kongreß in dem von Heringen, Zwiebeln und faulenden Obst durchduftcten, nach Moder und Schiinniel riechenden Raum. Da hockten sie schwatzend aus Tonnen und Körben: tunkten hier ihre Finger hinein und da, kosteten dieses und jenes, musterten gegenseitig die Kleider und die Frisuren, prahlten und strichen sich heraus. Da wurde die Herrschaft durchgehechelt wie Flachs, den man durch die scharfen Zähne der Hechel zieht. Die eine Herrschaft war zu streng, die andere zu nachsichtig: die zu schlumpig, jene zu geizig, jene zu genäschig— für drinnen auf den Tisch nichts gut genug, für die Dienstboten draußen alles zu teuer. Jene Madam war ein Zankteufel und der Herr ein Esel: die zweite Madam zu putzsüchtig, die dritte scheinheilig, die vierte dämlich, die fünfte der- gniigungstoll, die sechste hatte einen Liebhaber und der Ehe- mann belästigte die Dienstmagd. So ging es fort ins»in» endliche. Sic konnten gar kein Ende finden. Ein immerwährender Neid bebte in all diesen Herzen unterm Mägdekleid: ein dumpfer, unbewußter, aber unauslöschlicher Groll hatte sich da eingenistet. Immer dienen, dienen! Immer gehorchen, wenn die befahlen: nur alle vierzehn Tage einmal sein freier Herr sein dürfen, unkontrolliert genießen können, wie jene alle Tage genossen! Das waren Gluten, die da unten im dunklen Keller glimmten. Sie schwelten langsam in gefährlicher Stetigkeit, nur ab und zu fauchte ein Windstoß hinein, dann loderten Flammen auf und setzten neue Stellen in Brand. Die Mägde schrien alle auf in heller Entrüstung, wenn eine von ihnen eine besonders furchtbare Geschichte zum besten gab. Wie konnte man sich so etwas bieten lassen! Wegen einet angebrannten Suppe! Ein ohrenbetäubender Lärm «ltstand, ein Gezeter unö Geschnatter, ein»Wes Turchein- ander von klagenden, hohnende» und drohenden Redensarten, von spottendem Gelächter und zornigen Schelttvorten. Dazu drehte sich im Hintergrund, dumpf ratternd und quietschend, die große Rolle, als ginge es ihr gegen den Strich, das Leinen und den Damast der.Herrschaften glatt zu walzen. kZorlsepung folgt.> tZZachdruck»nSiUn.) ötadtrcife. Von H a n Z Ztanrud. Luis war setzt in die Hosen getonuneu und blieb mit den Schuhen in der Hand stehen- PotzdonneriveUer, was war turs fii: ein Kerk. der noch dabei gewesen i»,rrk Natürlich, es war noch einer hinzugetounuen, und sie hatten dann noch Bier miteinander getrunteu;— zinu, Teufel, wer das wohl gewesen war. Er stellte die Schuhe hin und zog den einen an, hielt aber Wieder iune: Ter Fremde und Haxfind Hutten wohl auch gehmidelt— es Mußte ein widerspenstuzcr Durßhe gewesen sein, den» es dauerte lang.', bi-Z sie rfnig wurden, daran erinnerte er sich ganz deutlich— jawohl, sie hatter, einen Handel geschloffen, den sie mit einem Trunk bekräftigten. Er fuhr in den anderen S.tmh und überlegte weiter Hm,«S schwebte ihs, dunkel vor. als ob sie draußen gewesen «tnd gefahren wären— aber wie war er in sein Quartier gekommen� es war dort, komistb, daß er sich daran nicht erinnern konnte. Betrunken—? Pah, so ein Unsinn! betrunken l von dem bißchen, was er getrunken hatte. Aber hatte er eigentlich Blaffen Futter zur Nacht gegeben? Wahrhaftig, er konnte sich auch darauf nicht dsfinnen. Er nahm feine Nütz« und trat heraus. Hub, es fröstelte ihn, und da-s Licht jchniit ihm in die Augen. Ja. da stand ganz richtig sein« Ladung fix und fertig— er sah nach es war alles da; ja, ja, so wollte er Blakkeu Futtrr geben und dann ja schnell wie möglich machen, daß er fortkam. Er nahm einen vsack Heu und trottete nach dem Staut), wo er Blakken eingestellt hatte. Er blickte nicht auf. bevor er dicht am Zieke war. Ta blieb er stehen und riß Mund und Augen auf. Dlaikciü war rot geworden. Er blieb leuK! auf einem Fleck stehen. Des Pferd, das das Heu im Sacke rascheln hörte, wandte den Kopf nach ihm und wieherte. Nein, wahrhastig, war das nicht Harstads Rotfuchsi Er ließ den Sack fallen und kratzte sich hinterm Chr. Es war doch nicht möglich daß er getauscht hatte, daß er es selber war, der mit Haftard gefeilscht hatte. Er dachte sauge noch. Wem, er nur hcranskricgsn könnte, was das eigentlich für ein Kerl gewesen war, der noch mit dabei war? Oder war am Ende gar keiner mehr dabeigewesen?— er vers.mk in immer tieferes Nachdenken. Hm. es lvar doch nicht ganz unmöglich, daß er getauscht hattg. Ja, ja. er konnte nicht sagen, daß er einen schlechten Tausch gemacht habe wenn er sich nur erinnern könnte, ob sie einfach getauscht hatten, oder ob er draufgezahlt hatte. Hm, es würde 5 od, merkwürdig sein. Blatten nicht mcbr zu haben; und was würde Je«sine sagen? Sie würde natürlich g!anl>cn. waS doch schlechterdings nichl wahr war, er hätte den Handel in der Betrunkenheit geschlossen l nein. Hacstad war be» trunken gewesen! Hm, das Beste würde es doch fem, wenn er den Handel rück- gängig««he» könnte.-- Es war ja möglich, daß Harffad ebenso dachte—? er hatte den Rotfuchs schon lange, med mit seiner Frau sollte nickst zu spaßen sein die Fraueuzwnner wollten über- Haupt von solchem Handel auf de, Landstraße nichts wissen. Er faßte«iuen�raschm Entschluß. Ja. er wollte Harstad in seiiwm Quartier aufsuchen! � Er gab dem Rotfuchs Heu und Waffer. darauf ging er zum Tor hinaus und dir Straße hinunter. Es war noch früb. und nur wenig Leute waren auf der Straße. Da sah er einen Mann in der Ferne daherkommen. WeißKott, es war Harstad. Also war der auch schon auf. Er sah ebenfalls recht angrgripen aus. Ra ja, das war nicht zu verwunden,, so betrunken, wie er gestern gewesen wark e-i« stießen aufeinander und bliebe» stehen. Es war nick! leicht, das rechte Wort zn finden. Bist Du auch schon auf?— cs war Harstad, der den Anfang machte. Ja, das bin ich. Hast Tu noch etwas vor? Nein, ich bin ziemlich reisefertig, ich wollte nur-in bißchen auf der Straße hernnibumineln. lind Tu, hast Du etwas vor? Nein, eigentlich niait. Ihre Blicke trafen sieb, aber beide sahen schnell zur Seite. Du bist wohl auch reisefertig? Ja, so ziemlich. Sie schtuiegtn ein« Weile. Tann warf Jens gleichgültig hin; Ich möchte wissen, wo der Fremde lvgiert f WaS für ein Fremder? Ach.«8 war einer, der gestern an mir vorüberfuhr. So. Ick, habe gestern keinen Fremden gesehen. Nein, wahrscheinlich wohnt er im Hotek. Wieder eine lange Pause. Darauf sagte Jens: Tu kommst wohl heute abend heim. Ja, ich denke. Was sagt Dein« Frau, wenn sie sieht, daß Tu gehandelt hast. Acb weißt Du, die Weider sind komisch, aber es ist ja der schlechiefte Handel nicht, den ich diesmal gemacht habe. Jens schielte zn ihm herüber und sagte vorsichtig: Nein. Tu weißt, es ist das Traufgeld» woraus es ankommt. Traufgeld? Ich habe nicht versprochen, etwa? draufzugeben — darauf bist Tn eingeMMgen. ■ Nein, urin, das sage ich auch nicht. Bereust Tu den Tausch vielleicht? O nein, das kann ich nicht sagen. Und du? i O nein, aber es macht ja nichts aus. wir find ja alte Käme- raden. Tu sollst rücktauschen dürfen, wenn Du einen Softer gibst. Jetzt wurde Harstad auf merk stun: Stein, ich finde, das käme Tir zu! Findest Tu? Ja, das finde ich wirklich. Na, meinetwegen. Es ist lalt hier auf der Straße, und eben macht Madame Svenstad auf. _ Es war ihnen beiden so leicht ums Herz, alZ sie in Madame Tvenstads Höhle krochen.� � Jens hatte bereits wieder einen kleinen Spitz, als er sich zu vorgerückter BormittagSstnnde in Cpstads Laden«infand, um fich die Reiseflasche füllen zu lassen. Cpstad stand iu der Tür zum Kontor. Als die Flasche gefüllt war, blieb Jens noch ein Weilchen stehe». Ja, da mnß ich wohl sehn, daß ich fortkommer Willst Du schon fort? Ja, das will ich. Lebwohl Senn und schönen Dank. Komm herein und trink noch einen Schnaps, ehe Dn reist, Ach danke, ich sollte es wohl lieber nicht. Er ging mit ins Kontor und bekam seinen Schnaps. In der Tür blieb er unschlüssig stehen. Ich werde doch nichts vergessen haben? Mfa Lcbwehlk Lebwohl, glücklich« Reife!' Er ging. Nach kurzer Zeit stand er wieder im Laden: Tannerwetter, e» ist wahr, ich wollte ein hübsches Seideutuch für Jeirsrne hauen. Cpstad war ganz besonders zuvorkomimnid. Er kam selber in den Loden und half ihm auswählen. Als er fertig war. zögerte er wieder ein bißchen. Willst Du mchk auch auf diesen Handel einen Schnaps nehmen? Wenn es nur nicht zuviel wird. Ach wo, wenn Tu den ganzen Tag unterwegs bist—! Er trank den Scknaps, und jetzt dauerte es noch lönger, che er fortkam. Als'er Adieu gesagt und man ihm glücklich« Reise gewünscht hatte, stand er noch eine Feitlang da, als ob er auf etwas wartete; doch plötzlich bekam er Eile: §a, jetzt muß ich aber auspaunrn. r ging in den Hof hinaus; es brauchte lange Zeit, bis er Blakken vorgespannt hatte. Als dies geschehen war. eilte er wieder in den Laden. Qpstad beobachtete ihn vom Kontor aus durch den Türspalt. Touuer weiter, ich muß ja noch für sechs Schilling Pfeffer- wüuic für Jrnsine habeiu Er erhielt es und schritt wieder nach der Tür. Tort blieb er plötzlich stehen und schnalzt? mit den Fingern. Ich Katte es doch in, Gefühl, daß ich etwas vergessen hätte. Ich bin oem Per Stetten seit Weihnachten einen Liter Brannk- wein schuldig, den muß ich ihm endlich zurückerstatten. Ja— a. sagte der Kommis. hast Du eüvas mit. wo wir es hineinfülten kömien? Rein, das habe ich nicht. Hast Tu nicht elOwS, waö Tu mit borgen könntest? Jetzt war auch Opstad hereingokommen. Was gibt's? Ach. ich wollte einen Liter BrannSvein haben, den ich dem Per Sletten schuldig bin, aber ich habe kein Gefäß mit. Kannst Du mir nicht ein kleines Einliterfäßchen leihen? Haben wir«ins? Opstad blinzelte Sem KommiS zu. Stein, es ist leider keins lec'r. Stein, ich dachte es mir, es ist leider keins da. JenS kraute sich hinterm Ohr. Ja, da weiß ich wahrhaftig nicht, was ich machen soll. Opstad war äußerst dienstbereit. Ich werde nachsehen. Er verschwand einen Augenblick, kam aber gleich wieder herein: Nein, wir haben kein anderes leeres Fäßchen. als das. was Du gestern abgeliefert hast. ES steht noch drüben im Kontor. Ja—? 'Aber ich kann es nur gefüllt verleihen— eS gibt zu viele Abnehmer. Ja. das glaube ich ltuchk. Also ist nichLZ zu machen. Nein, wohl nicht. JenS kraute sich hinterm Chr. ES ist ärgerlich, die Sache anstehen zu lasten~ Ja. dab glaub« ich. Aber wir müssen es eben auf ein anderes Ka! verschieben. Ja, es wird wohl nichts anderes übrig bleiben. Na, denn Adieu und schonen Tank. Adieu, adieu und glückliche Reise. Jens ging langsam aus der Tür. Opstad stand und wartete und sah durchs Fenster. Ja, wahrhastig. Jens ergriff die Zügel. Jetzt fuhr er auf die Striche hinaus. Nein, da hielt ert Cpstad machte sich irgend etwas zu tun. Sogleich war Jens wieder im Laden: ?u kannst mir doch das Fägchen auch diesmal wieder borgen. Es geht nicht, daß Per noch länger wartet? (Schluß folgt.) AlelcKen Cbavakter baden die „Mlden"? Bis in unsere Tage hinein, wo unter den Kolonialpoliiikcrn ein heftiger Streit um die..Seele des Negers" tobt, hat di« Frage nach dein Thararter der llrvöller, Wilden oder Barbaren bei Anthropologen, Philosophen und Geographen das größte Interesse erregt und die verschiedenste Vcantwvrtung erfahren. Besonders das VJ. und 18. Jahrhundert zeigten zwei scharf ausgeprchste Gegensätze in dieser Frage: Die Antworten des englischen Philo- sophen Thomas HobbeS und die des französischen Pädagogen Jean Jagues Rousseau. Hobbes dachte in bezug auf die Menschheit höchst pesfimistisch, sah in jedem Individuum einen schrankenlosen Egoisten und erhoffte daher in seinem Stoatsideal alles von einer kraftvollen Regierung. Sein Schlagwort lautete: Chne«taat herrscht Barbarei, und Barbarei ist der Krieg aller gegen alle(bellum ommmum contra omnee). Rousseau war ein maßloser Cptimist, hielt jeden Menschen, also jedes Kind, für ursprünglich guten EharakterS und predigt? daher eins kos« Demo- kratie.«ein Schlagwort lautete: Rückkehr zn dem ursprüngliche!: Raturzustaud, und der Naturzustand war von Anfang an ein Stand der Unschuld. Diese beiden Anschauungsweisen lverden iin großen und ganzen auch heute noch vertreten— von den Politikern sowohl wie den Gelehrten. Bon ersteren find es selbstverständlich die Ber- kreier der herrschenden Staat?» und EkgentumSordnung, die den HobbeSfchen Gedanken von der ursprünglich„schlechten" Anlage der Menschen und der ihnen darum notwendigen straffen Staats- zucht propagieren. Während auf der anderen Seite der„gute" Charakter der Wilden bisher immer nur bei den politischen Gegnern der herrschenden Ordnung, bei den revolutionären Poli- tikern seine Verteidiger gefunden hat. Schwieriger liegt die Sache bei den Gelehrten. Hier hat die Lehre Charles Darwins an- scheinend den Nachfolgern des Hobbes Recht gegeüm. Denn aus dem Darwinschen Gesetze von, Kampf ums Dasein schien zu folgern. daß aller Fortschritt innerhalb der Menschheit von Anfang an nur durch den gegenseitigen Konkurrenzkampf der Individuen möglich gewesen wäre. In der Tat zogen die meisten Gelehrten diesen Schluß. Man übertrug das, was Darwin von Pflanzen und Tieren gesagt, einfach auch auf das gesellschaftliche Leben, und ein Soziologe wie der Engländer Hnxley z. B. erklärte im Jahre 1888, daß nach seiner Ansicht die primitiven Menschen wirk- lich eine Art Tiger oder Löwen gewesen seien, daß wirklich„ab- gesehen von ein paar Ausnahmen der HobbcSsclse Krieg aller gegen alle der normale Zustand zu existieren gewesen sei". Gegen diesen— wie die Gegner sagten— mißverstandenen Darwinismus wendeten sich alsbald— ans den verschiedensten wissenschaftlichen Gründen— andere Vertreter der Naturwissenschaft und Gefell» schaftslehre, und man kann sagen, daß heute wohl die meisten Forschet diese einfache Uebertragung der Darwinschen Gesetze auf die Soziologie ablehnen. Damit ist auch den Wilden eine wissen- schaftliche Rehabilitierung ihres„guten" Charakters ermöglicht. In einem se:ner letzten Werke hat Petcr Kropotkin. selber ein hervorragender Geograph und Forscher, die Frage nach dem Charakter der Wilden vom Standpunkt dieser neuen, gegen Darwin sich spröde verhaltenden Soziologie beantwortet und ist dabei zu Rcjultatcn gekommen, die für die Wilden außerordentlich günstig find. Tie Forscher nämlich, die dem Wilden einen boshaften oder wenigstens rein egoistischen Charakter zuschieben, gingen immer von der Voraussetzung aus. daß die Menschheit ihr Leben in Gestalt kleiner, isolierter, umherstreifender Familien begonnen habe, ähnlich wie die beschränkten und zeitweiligen Familien der großen Raubtiere. Nach den Forschungen der letzten Jahrzehnte wissen wir nun aber positiv, daß das nicht so war. Eine ganz neue Wissenschaft, die der Embryologie der menschlichen Einrichtungen gewidmet ist, hat bewiesen, daß die Familie nicht der Anfang. sondern dielmehr ein sehr spätes Produkt menschlicher Eni- Wickelung ist.(Vgl. die Schriften von Morgan und Friedrich �Engels.) Die ersten Menschen haben nicht isoliert, sondern von Ansa-�z an in Stämmen, Horden usw. gehaust. Aus diesen atte ! wickelte sich allmählich die sogenannte Gentil- oder Elaiuzrgani- satwn und ans dieser erst die Familie. Wenn aber der Mensch von Ansang an in einem sozialen Ber» , bände gelebt hat, so muß er auch von Ansang an soziale Tugend«» entfaltet haben, so kann er nicht das brutale Geschöpf gewesen sein, als das ihn Thomas Hodbes und seine Nachfolger hinstellen. Daß aber der Urmensch wirtlich nicht isoliert, sondern in große:» : Horden gelebt hat, das beweisen für die früheste Periode nach dev Eiszeit dezw. für diese selber z. B. die gefundenen Fkintlverkzeuge, die man nie einzeln, sondern immer in großen Hausen traf. Fun die Steinzeit beweisen es die Felsen an der Tordogne.Frankreich?, die an einigen Stellen förmlich übersät mit Höhlen sind. Manch- mal sind diese sogar in Stockwerken übercinandergelagert, was lebhaft an die Nesftolonien der Schwalben erinnert(Luvdock), Als die Eiskappe, die sich von den Polarländern bis nach Mittel- ftantreich, Mitteldeutschland und Mittelrußland erstreckte, wegzn- schmelzen begann, rückten die Menschen in die Sümpfe und an die Seen, die zurückbliebcn, heran, und heute finden wir ganze Wert- statten mit Fliutwerkzeugcn. die von der Zahl der Arbeiter xugen, die zusamnwnzukommen pflegten. Ebenso beweisen die viele» Muschelhaufen, ans die mau in Dänemark stieß, den sozialen Tri»!» der Urvölker. Sie find so groß, daß man sie zuerst für natürliche Gebilde hielt. Aber nach Ludbock„enthalten sie nichts, was nicht auf die eine oder die andere Weise dem Gebrauch der Mensche» gedient hat." Für die Größe der Horden spricht es, das; Ladvock an einem Orte, Meilgaard, nicht weniger als litt Stein- werkzeuge und 4 Bruchstücke von Töpfereien anZgruö. Am be- kaimteitc» aber sind die Schweizer Pfahlbauten(Hl an» Genfer tote, 33 am Bodensee, 48 am Neucnburger See usw.). Sie beweisen am besten die außerordentliche Arbeitsleistung, die ein sriedsertiger Stamm gemeinsam vollorackst hat. Schon diese wenigen Andeutungen zeigen, daß der brutale Wilde einiger zurückgebliebener Gelehrten und der meisten Kolonial- Politiker nur in der Phantasie existiert. Die soziale OrdoMg sorgte ganz von selber und von Anfang für die Ausbildung sozialer Tugenden, die zum besten LcbenSerwcrb imd zur Erhaltung der Art notwendig waren. Wenn wir nunmehr zur Betrachtung der Wilde» ükx'rgehen, so zeigen schon die Buschmänner, die mit auf der niedrigsten Kulturstufe stehen, soziale Tugenden der Solidarität die höchst find. Im Jahre 1774 wurden MC, I8Q9 und l8Ön 300Q Buschmänner durch die Europäer niedergemetzelt. Daher kommt eS, daß unser Wissen, das von parteiischer, europäischer: Seite stammt, notwendigerweise beschränkt ist. Aber trotzdem wisse» wir(aus Lichtenste ins Reisen im südlichen Afrika 18U) daß, als die Europäer zu den Buschmännern kamen, diese friedlich in kleinen Stämmen(Clan?) lebten, daß sie gemeinsam jagten und die Beute verteilten, daß sie ihre Verwundeten nie verließen und starke Liebe zu ihren Genossen zeigten. Lichtcnstein berichtet ein« sehr rührende Geschichte von einem Buschmann, der beinahe in einem Fluß ertrunken wäre»nid von seinen Geführten gerettet wurde. Sie zogen ihre Felle ans, um ihn zuzudecken, und zitterte» selbst vor Kälte; sie trockneten ibn ab, riebe» ihn am Feuer und bestrichen seinen Körper mit warmem Fett, bis sie ihn zum Leben zirrückgerufen hatten. Zwei andere Reisende, Burchell und Moffat, schildern sie ebenfalls als»gutherzig, nneigeuniitzig, zuverlässig in ihren Versprechungen und dankbar, alles Eigen- schaffen, die sie nur dadurch entwickeln konnten, daß sie muerhal!» des Stammes geübt wurden. Was ihre Liebe zu den Kinder» au- geht, so braucht ein Europäer, der eine Frau der Buschmänner zur Sklavin wollte, nur ihr Kind zu stehlen; er ist sicher, daß die Mutter das Los des Kindes teilen wird." Tieselben sozialen Tugenden charakterisieren die Hotten- totten. P. Kolben hat sie als einer der ersten besucht und gründlich bcschriebett, und zwar im Jahre 1731. als der demo- ralisierendc Einfluß der sogenannten Kulturvölker sie noch nicht getroffen. Er lobt ausS lebhafteste ihre Geselligkeit und Bereit- Willigkeit zn helfen. Wenn einem Hottentotten etwas gegeben wurde, so teilte er es sofort unter alle Anwesenden. Dieselbe Gewohnheit. die bekanntlich Darwin bei den südamerikanischen Feuer- ländcrn so auffiel. Ter Hottentotte, wie Kolben ihn vorfaud, aß nie allein, tknd wenn er noch so hungrig war, rief er einen Bar- übergehenden herbei, um das Mahl»uit ihm zu teilen. Als Kolbe»» sein Erstaunen äußerte, erhielt er die Antwort:»Das ist Brauch bei den Hottentotten." Es ist auch Brauch bei viele»» andere» , Wilden. Wen» Kolben ferner ihre Friedfertigkeit und Redlichkeit, ihre pünktliche Justiz und Keuschheit rühmt, so sind das»»»cht die leicht- fertigen Aeußennige» eines oberflächlichen, moderne» Kolonie- bummlerS. sondern die ans jahrelangem Z»»sauimenleben saßenden Erfahrungen eines Gelehrten. Weitz zitiert in seiner»zroßcn �Anthropologie noch drei Gelehrte, die Kolbens Zeugnisse über die Hottentotten vollständig bestätigen. lieber den Charakter der Australier finden wir genauen Aufschluß im Bulletin der Pariser Gesellschaft für Anthropologie vom Jahre 1588. Nachdem beschrieben ist, wie auch bei den Australnegen» die oben erwähnte Clanorganisatio» herrscht, fährt der Bericht fort:„DaS Gefühl der Freundschaft ist sehr stark bei ihnen. Schwache Leute werden gewöhnlich unterstützt, Kranke sehr - 44- gut gepIzgt. Die Eltern lieben ibre Kinder, spielen mit idnen und sind zärtlich mit ihnen. Greise lverdcn sehr gut behandelt, nie getötet. Sklaven gibt es nicht." Bon den Papuas sagt G. L. Binks, der sich von 187t bis 1883 bei ihnen aufhielt:„Sie sind gesellig und heiter. Sie lachen sehr viel und sind eher furcht sam als mutig. Freundschaft ist verhältnismäßig stark unter Per sonen. die zu verschiedenen Stämmen gehören und noch stärker innerizalb deS Stammes. Ein Freund zahlt oft die Schulden seine? Freundes, wobei sie ausmachen, daß der letztere den Betrag ohne Zinsen den Kindern des Darleihers zurückzahlt. Die Kinder werden sehr zärtlich behandelt. Sie haben keine Religion, keine Götter, keine Götzen, keine Regierung. In Fällen des Ehebruchs wird Strafe bezahlt. Der älteste Mann in der Familie ist Richter. Der Boden ist Gemeinbesitz." Und Frisch behauptete 1885, daß „eö nie vorkommt, daß der Papua sein Äcrsprccbcn nicht hält/ Fehden entstehen meist aus Aberglauben. Ucöcr die Feuerländer waren zuerst die übelsten Gerückte Verbreitet. Erst ein paar französische Missionare, die lange unter ihnen wohnte«, lernten sie genauer kennen. Sie wußten sich übe: keinen Akt der Böswilligkeit zu beklagen und lobten die friedfertige Gesinnung. Die ESkimoS bieten unS in mancher Beziehung ein ungc- sähreS Bild der Eiszeitbewohner. Sic wohnen— mehrere Familien zusammen— in langen Häusern, und die deutsche Expedition, die ctncr. ganzen Winter dicht bei einem iolchen Hause zubrachte, stellte fest, daß„kein Streit den Frieden störte und kein Zank um die Benutzung dieses engen Raumes entstand." Der dänische Forscher illink schreibt:„Schelten oder auch nur unfreundliche Worte werden für ungehörig angeschen, wenn sie nickt in der offiziellen Form einer besonderen Art des Prozeßverfahrens vorgebracht werden, riämlich in Form einer besonderen Art von Gesang."„Die öffent- liche Meinung bildet bei ihnen den eigentlichen Gerichtshof, da die ollgemeine Strafe darin besteht, daß die, die sich vergangen haben, vor den Augen des Volkes beschämt werden." Selbstverständlich sind Europäer, die im Respekt vor römischem Recht aufgewachsen sind, selten imstande, diese Macht der Stammesautorität zu ver- stehen— ein Umstand, der die vielen schiefen Urteile auch, von gutwilligen Beobachtern wohl erklärt. Welch hohen Grad von (ozialem Gefühl endlich fetzt die in bestimmten Zeitabschnitten er- olgende Sozialisierung und Kommunisierung solcher Reichtümer voraus, die sich der cinzelue über das ihm bestimmte Maß hinaus erioorbeu hat! Ein sehr günstiges und auf reiche Erfahrung gestütztes Urteil tzibt der russische Missionar Veniaminoss über den sibirischen Stamm der A l e u tc n ab:„Standhaftigkcit gegenüber Strapazen ist ihr Hauptcharakterzug. Herrscht HunderSuot, so besorgt der Aleute zuerst seine Kinder. Zuweilen fastet er ihretwegen. Sie lhabeu keine Neigung zum Stehlen. Versprechen geben sie nicht .gern. Wenn aber, dann halten st« cS unter allen Umständen. Johr Moraliodex ist ebenso verschiedenartig wie streng. AIS Schande wird betrachte!: Todesangst, Flehen um Pardon, Angst bei Sturm, Gier beim Essen, Verrat eines Geheimnisses an die Frau, Renommiersucht, auf einer Jagd nicht dem Partner das Beste an- fielen, zu seinem Weibe in anderer Leute Gegenwart zärtlich sein »lsw." Dazu sei hinzugefügt, daß zu der Zeit als Veniaminoss schrieb l 1810) ein einziger Mord seit dem letzten Jahrhundert in einer Bevölkerung von 80 Ovo Seelen vorgekommen war, und daß »inter 1808 Aleutcn nicht ein einziger Verstoß gegen das gemeine Recht in 40 Jahren bekannt geworden war. Zu diesen Belegen für eine positive Moralität bei den Wilden «Nuß die Ueberlegung kommen, daß ihre sogenannten„Grausam- leiten" durchaus nicht, lvie eS oberflächliche Betrachter darstellen, auf einen Mangel an Gefühl oder Empfindung schließen lassen. Wir müssen unS vielmehr vorstellen, daß die KinderauSsctzung II. B. alS eine soziale Verpflichtung gegen den Stamm unter dem Druck äußerster Not entstanden ist. Anstatt Moralpredigten zu halten, sollten unsere Missionäre lieber dem Beispiel Veniaminoffs folgen: Er reiste in einem elenden Boot jedes Jahr über das OcholSkische Meer zu seinen Tschukschen, um ihnen Brot und Fisch- gerate zu bringen. Dadurch hatte er in der Tat dem Töten der Kinder ein Ende gemacht. Dasselbe gilt für das, was oberflächliche Beobachter als..Vatermord" schildern. Auch diese Sitte entstammt der Not.„Ich lebe anderen das Leben weg: es ist Zeit zu gehen", sagt der Wilde. Er lad seine Verwandten zum AbschiedZmahl und geht. Der Tod ist eine soziale Pflicht gegen die Gemeinschaft geworden. Wenn westeuropäische Gelehrte auf diese Dinge kommen, sind sie absolut unfähig, zu ihnen Stellung zu nehmen. Sie entrüsten sich. Aver wenn diese selben Europäer einem Wilden sagen wollten, e» gäbe Leute, die äußerst liebenswürdig seien und ihre Kinder liebten, ja die so gefühlvoll seien, daß sie weinten, wenn sie im Theater ein Unglück sähen, und diese leben Leute lebten in Europa nicht weiter als einen Büchsenschuß entfernt von Höhlen, in denen Kinder aus bloßem Mangel an Nahrungsmitteln zugrunde gehen, würde der Wilde sie etwa verstehen können? Es wäre eine ermüdende Wiederholung, wenn wir noch mehr Beispiele aus dem Leben der Wilden geben würben. Ueberall, wohin wir gehen, finden wir dieselben geselligen Sitten, denselben Geist der Calidarität. Der Wilde ist keine wilde Bestie, die isoliert ten Kampf aller gegen alle führt. kleines Feuilleton. Geologisches. Die stoffliche Zusammensetzung Her Erbe. lieber den physikalischen Zustand deS Erdinnern sind wir einiger» maßen unterrichtet; wir kennen das spezisische Gewicht der Erde, ungefähr gleich dem des Eisens, und wissen, daß der glühende, stark überhitzte Erdkern wie eine feste, starre Masse mit den Eigenschaften eines gasförmigen Körpers ist. Die stoffliche Zusammensetzung deS Erdinnern läßt sich vor allem auf Grund der vulkanischen Gesteine erkunden, die aus feurig-flüssigem Magma erstarrt sind. Hierbei fällt sofort eine große Nngleichmäßigtcit auf; zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten sind ganz verschiedene Produkte mit ganz verschiedener Zusammensetzung entstanden. Stübel war eS besonders, der diese Erscheinung darauf zurückführte, daß die vulkanischen Schlote nickt oder nur in den seltensten Fällen mit dem Erdinnern in Verbindung ständen, sondern nur in einzelne kleinere, in ihrer Zusammensetzung verschiedene Magmanester hinabreichten, die bei der Erstarrung der Erdkruste zwischen ein- zelncn Schollen zurückgeblieben seien. Daß eine solche Annahme nicht durchaus notwendig ist, sucht Prof. Alfred Bergest in einen» Aufsatz in den„Mitteilungen der Münchener Geographischen Ge» sellschaft" nachzuweisen. Nach seinen Ausführungen ist das Magma eine heiße Lösung, in der sämtliche aus der Erde vertretenen Elemente vorhanden sein dürften, in der aber schon vor der völligen Festwerdung, wenn sich Gelegenheit bietet, eine Aus- Wanderung von allerlei Verbindungen in Form von Gasen statt- finden kann, die unter Umständen den Anlaß zur Mineralbildung geben. Je nachdem infolge der Lagerungs- und Druckverhältnifse mehr oder weniger gasförmige Verbindungen vor dem endgültigen Festwerden des Magmas entweichen können, wird auch die Struktur und die Zusammensetzung des erstarrten Gesteins eine andere sein. Wenn also auch z. B. die Ausivürflinge von Vesuv und Aetna ver- schieden sind, so ist es doch nicht nötig, für jeoen dieser Vulkane einen besonderen Magmaherd anzunehmen, ihre Schlote können vielmehr das Material verschieden differenzierter Teile auö eil» und derselben Magmazone zutage fördern. So ließen sich auch die auffallenden Erzaussonderungen er- klären, die fast stets an eruptive Gesteine gebunden sind, aber in ganz benachbarten Gebieten mit denselben Erstarrungsgesteinen nicht vorkommen. Zinnerze finden sich z. B. nur im Zusammen- hang mit Granitstöcken, aber nicht alle Granite enthalten Ziim. Im sächsisch-böhmiichcn Erzgebirge und auf der Halbinsel Corn- wall besinden sich die bedeutendsten europäischen Zinngräben; aber in den gleichaltrigen und bewchbarten Gebirgsmassiven, dem Thüringerwald, Harz, Schwarzwald und Vogesen, ebenso in de» skandinavischen Graniten ist bis jetzt keine Spur dieses Metalls gefunden worden.— Gold, und Silbererzgänge erscheinen fast stets in Verbindung mit den Produkten tertiärer Vulkane, aber immer nur in gewissen Zonen, so in den jungvulkanischen Gebieten lliigarnS und Siebenbürgens, in Mexiko und dem ganzen West- lichen Nordamerika, auf Neu-Sceland und in Australien. Selten kommen aber beide Metalle in derselben Gegend gleichzeitig vor. So enthalten die Gesteine am Jnnenrand der Karpathen ziemlich viel Gold, aber nur vereinzelt Silbererz. Alaska und Kalifornien bergen reiche Eoldlager. in dem südlich anschließenden Mexiko findet sich aber— ebenso wie in Bolivia— in einer an 800 Kilo- meter langen Zone fast ausschließlich Silber. Auch die Quecksilber- lagerstätten im südlichen Toskana und in Kalifornien stehen ihrer ganzen Lagerung nach in engem Zusammenhang mit der früheren eruptiven Tätigkeit in diesen Gebieten.— AuS dem Tierreiche. Riesen unter den Ostseefischen. Das ReichSmuseum in Stockholm beherbergt ein seltenes Exemplar de» OstscedorichS, da» im September des vorigen Jahre» in einer Bucht bei Elgöfjard von der Dacht.Venus" auS auf flachem Wafler in der Nähe der Oberfläche bemerkt wurde und von einem ausgesetzten Boote ge» sangen werden konnte. Das Tier maß vom Kovk bis zum Ende der Schwanzflosse nicht weniger als 122 Zentimeter und hatte ein Gewicht von 185 Kilogramm. Wie die„Schweb. Fischerzeitung" be» richtet, ist die? Riesenexemplar das größte, da? bekannt geworden ist. Am 1. Dezember 18g6 wurde bei verbmö ein Dorsch gefangen. der bis dabin als der größte galt. Er maß 114 Zentimeter. Im Vergleich zu den Dorschen der Nordsee zeigt der Ostseedorsch gewisse Eigentümlichkeiten deS Körperbaues, besonder» in der Gestaltung der Schwanzwurzel, die bei ihm viel ausgedehnter und spitzer ist. Auch die Stellung der Bauchflosten ist für die Ostseedorsche charakteristisch. Sie liegen weiter nach vorn al» bei ihren Beuern von gleichem Körpermaße auS der Nordsee. ES ist durch diese Untersuchungen deutlich bewiesen, daß die Ostsee eine ihr eigentümliche Rasse von Dorschen beherbergt, die sich nicht durch Einwanderung rekrutiert und daß diese Rasse Exemplare von ganz bemerkenswerter Größe hervorzubringen vermag. Bisweilen mögen sich die beiden ver» schiedenen Rassen in einzelnen Kennzeichen einander sehr annähern. ES find jedoch fletS gewisse Eiaentümlichkeiten nachzuweisen, bi« beide Rassen unterscheiden. gltianin. Redakt.: Earl Mermuth, Berlin-Rixdorf.— Druck u. Verlag: Borwärt» Buchdruckerei u.VerlaglanstaltPaul Singer«cEo..BerlinLV.