Unterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 12. Dienstag den 19. Januar. 1909 (Nachdruck verdotea.) "1 Das tägliche Brot. Roman von C. V i e b i g. Und mitten im Lärm erhob Elli ihre dünne Stimme und suchte mit ihrem schrillen Gesang alles zu übertönen. Sie saß auf dem Ladentisch und ließ die Füße baumeln. „Ja, beim Souper Erlebt man tolle Sachen—* Da mußten sie alle lachen. Sie umdrängten das musita- lische Genie, liebkosten und bewunderten es. „Ellichen, nu sing das noch vom Bienenhaus!" „Ne, det nicht, Ellichen, da is ja jar nischt bei los! Det von„Ernst, Ernst, was Du mir alles lernst!"" „Ne. nel„Mein erster hieß Anton, mein zweiter hieß Fritz!"" „Ach was, das von„Riddeldideldi, das Dickerchenl" Ellichen, na man los, Ellichen!" Ellichen hier und Ellichen dal Jede wünschte etwas anderes. Zuletzt stand Elli auf dem Ladentisch, die Hände in die Seiten gestützt, das festgefrorne Lächeln der Chantant- sängerin auf dem schlauen Kindergesicht, wiegte sich in den Hüften und rasselte irgendein Stück ihres Repertoires her- unter, bei dem die Zuhörer vor Entzücken kreischten. Wenn Mutter Reschke ihrem Nesthäkchen Bonbons ver» sprach, dann ließ es sich herbei, den Gesang noch mit Gesten zu begleiten. Dann war es vollends mit aller Fassung vorbei, sie wollten sterben vor Lachen. Nee, war das'n Kind! Frau Reschke strahlte vor Mutterstolz. Herr Reschke. der zwischen den Mägden herum gestolpert war, bald diese, bald jene unters Kinn gegriffen hatte— er tat's nicht aus Pläsier, sondern aus Geschäftsrücksichten—, hob schmunzelnd sein talentvolles Töchterchen vom Ladentisch und küßte es zärtlich auf die Stirn.— Das war die Schule, in welche die beiden Landmädchen gingen. Auf Mine machte das alles weiter keinen Eindruck— „'ne dämlichte Person" nannte die Berliner Mädchen sie— sie lachte wohl, wenn die andern lachten, aber wenn es gar zu laut im Laden wurde und die schlagfertigen Mäuler nur so die Witze rissen, wurde es ihr unbehaglich: sie hatte das unsichere Gefühl, als könne so ein Witz auch auf sie gemünzt sein. Dann schlich sie hinaus in die dunkle Küche, wo der Ersparnis wegen kein Licht brennen durfte, und setzte sich zu Grete, die auf der Eimerbank am Herd hockte und mit ihren matten Augen in die verglimmenden Funken der Asche starrte. Die beiden Mädchen hielten sich dann umschlungen. Das herumgestoßene Kind, wie durstendes Land dankbar für jeden erlösenden Tropfen, saugte Mines Freundlichkeit mit Gier ein. Grete war schon ganz zufrieden, und ihre ewig trau- rigen Augen bekamen einen glücklichen Schimmer, wenn sie nur neben der Cousine sitzen durfte. Dann strich sie der mit den mageren Fingern an der Schürze auf und nieder: darin lag ihre ganze stumme, scheue Zärtlichkeit. Und Mine, die sich wie in einem Wirbel mit herum- gerissen fühlte, die nachts, vom Rasseln der Wagenräder oben auf der Straße, vom Trappeln der Füße dicht über sich auf- geschreckt, nicht schlafen konnte, an deren Herzen ein Gefühl wie banges Heimweh nagte, kümmerte sich mehr um das stumme Kind, als sie es unter andern Verhältnissen getan haben würde. Es war am letzten Abend vor Mines Eintritt in ihren Dienst. Drüben der Destillateur hatte sich nun doch bis auf fünfundvierzig Taler schrauben lassen: das war eigentlich ein schöner Lohn, dafür mußte sie aber die Klebemarkcn zur Hälfte selber bezahlen. Sie wußte nicht, ob sie sich freuen oder bangen sollte: ihren Korb hatte sie schon heute nach- mittag hinüber, auf den ihr bestimmten Hängeboden, geschafft, nun schlief sie zum letzten Mal hier unten im Keller. Da flüsterte ihr Grete ins Ohr— wenn sie so hauchte wie jetzt, hatte ihre Sprache nicht das unangenehm Gaumig« und Entstellte—;„Mine! Mine!" „Was willste?" „Ich habe die joldene Heimat jesehen und das lichthclle Land— komm, laß uns dahin jehn!" „Was meinste? Wohin? Ich versteh der nich." „Dahin," sagte Grete ernsthaft und hob das blasse Ge, ficht, das cm Feuerschein aus dem Herdloch gespenstisch be- leuchtete, zu der düstren Decke der Küche.„Weißte nich, wo die joldene Heimat is? „Dort an dem schönen Perlentor, Mein Jesus wartend steht davor."" „Von was redste denn? Ne. wat is Dich!" Mine hatte Lust zu lachen, aber eine gewisse Scheu vor Gretes Ernst- haftigkeit hielt sie davon zurück. „Haste die jesehn, die in't blaue Kleid mit die schwarze Kiepe? Die, die de Zetteln austrägt? Die hat mer neu- lich mitjenommen. In die Bahnstraße is't, in'n Hof, in't Hinterhaus! Wenn Du nu fort bist, will ich aber alle Sonn- tag hinjehn, auch abends in die Woche— hier vermißt mir doch keiner. Da singen se: un jeder kann'ne Rede halten, wer will. Da rufen se: Halleluja! Un freuen sich un klatschen in die Hände. Oh, ich versteh allens! Da lacht mir keiner aus. Wenn Mutter mir auch hier aus'n Laden pufft, da kann ich obenan kommen. Da kann ich Offizier werden, wenn Jesus mich rein wäscht!" „Du bis verrückt," platzte Mine heraus. Das aufgeregte Mädchen drückte ihr krampfhaft die Hand: „Sage es Jesu, sage eS Jesu, Er ist ein Freund wohl bekannt Du hast sonst nimmer Solchen Freund und Bruder, Sage es Jesu allein!" � „Ne," sagte Mine,„nu hör aber uf, nu wird et mer zu toll!" Aber Grete ließ sie nicht los, mit ihren schwachen Armen umschlang sie die Ungelduldige.„Du sollst nich in die Hölle kommen. Rette, rette Deine Seele!" Soviel hatte sie noch nie gesprochen. In ihren seltsamen Lauten, sich überhastend, kaum mehr verständlich vor zitternder Begier, sich jemandem mitzuteilen, erzählte sie der Cousine von ihrer heimlichen Herrlichkeit. Sie beschrieb ihr den Saal, an dessen Wänden es sich in handhohen Buchstaben auf blutrotem Grunde vor die Augen drängte:„Was ist Dein Ziel— Himmel oder Hölle?"„Du mußt sterben!"„Rette Deine Seele!"„Heil ist da für alle!" „Jesus liebt Dich!" Männer und Weiber stimmten da, wie aus einer Kehle schallende Lieder an: sie sangen so im Takt, wie die Soldaten auf dem Marsch, man konnte kaum die Füße ruhig halten. Seht die Fahne der Heilsarmee In den Lüften Wehn; Macht euch auf! Ihr sollte die Rechte Gottes siegen sehn. „Halleluja, Halleluja!" Grete sprach das Wort mit einer geheimnisvollen Wichtigkeit, wie eine beschwörende Zauber- formet.„Du sollst nich fortjehn, Mine, ohne daß Du't weißt. Du bist jut zu mir, Du sollst auch dahin kommen!" „Ae was!" Mine machte sich unwirsch los: aber als sie nachher im Küchentischbett lag und nicht gleich einschlafen konnte, fiel ihr Gretes Erzählung wieder ein. Sie ärgerte sich über das dumme Mädchen— was sie dem wohl alles vorgeschwatzt hatten?! Von einer Sternenkrone und einem goldenen Thron, von dem Perlentor und dem Tale deS Segens. Wer das glaubte! Da war es doch vernünftiger, man arbeitete wacker und verdiente tüchtig Geld, dann hatte man es sicher herrlich. Und Mine beschloß, gehörig auf dem Posten zu sein und sich so den Himmel zu bereiten. Wohl- gefällig lächelnd schlief sie ein. Ein dreimaliges Trommeln an der blaulackierten Tür weckte sie bald wieder. War die Trude denn noch nicht zu Hause? Es mußte bald Mitternacht sein. Jetzt hörte sie aus der Straße Trudes Stimme, sie klang etwas ängstlich' Macht mir auf! Macht mir doch auf!" Eben wollte Mine aufstehn, als drinnen im guten Zimmer die Bettstatt krachte— ein Gähnen und Schnaufen— die Tante rappelte siä) schon auf. Jetzt schlürfte sie durch den Laden nach der Tür. „Nanu, wo haste Dir denn so lange rumjedrehtl" dröhnte ihre grobe Stimme. lFortschung folgt.) (Nachdruck brtBoten.) Stadtrcifc. Von HanS A a n r u d. -SSIutz.) III. Es mochte gegen SWiuernocht sein. Der Vollmond schien ruhig uno klar über dem Tal, das unter einer ungeheuren Schneedecke lag, die nach dem Tauwetter der letzten Tage wieder fest zusammen- gefroren war. Durch all das Weiß schlängelten sich kleine, schmale Wege als dunklere Streifen zu den Höfen empor. Nach vielen Windungen schlüpfte jeder in seinen Hof, kroch auf der anderen Seite wieder heraus, noch schmäler als vorher, immer weiter in die Höhe bis zum letzten Häuslerplatz, ja noch weiter, als dünner Streifen, der oben im Wald bei einem Holzstapel oder auf den Wiesen bei einer kleinen, dunklen, offenstehenden Tür einer Heulade envete. Es war so hell, friedlich und still. Das?!uge konnte diese Wege durch das ganz« Tal verfolgen, nicksts Lebendiges rührte sich. bis das Auge auf den steilen Hügel unterhalb Neriftuen fiel. Dort stand ein Gaul und schielte nach rückwärts nach der schweren La- dung und sah nach, ob der Mann, der auf dem hintersten Ende des Schlittens hing, auf dem steilen Hügel nicht absteigen wollte. «Es waren Jens Oppistue» und Blakken auf dem Heimwege. Jens hing auf dem äußersten Ende der Fuhre und hielt sich gut am Tau fest, womit die Heringstonne auf dem Schlitten ver- schnürt war. Auch er starrte Blakken vorn an, als dieser stehen blieb und rückwärts blickte. Blakken, Schelm, was bleibst Du stehn, Willst wohl den schlreren Berg nicht geho Soll ich mich vielleicht selber mühn? Jens bleibt sitzen und läßt sich ziehn. Jens lachte vor sich hin und nickte Blakken scheiim>a) zu, während er den Sang wiederholte. Blakken willst Du nicht Weitergehn, Solln wir die ganze Nacht hier stehn? . Einen Griff in die Tascke, Einen Schluck aus der Flasche, Na warte nur. dann sollst Du sehnl Blakken war nicht zufrieden mit dem, wa» er sah; er legte die Ohren hinten über und zerrte ungeduldig an den Zügeln, und sah fortwährend rückwärts— tr kannte Jens, wenn er erst ein- mal so weit war. daß alles für ihn in Versen grng. Einen Griff in die Tasche, Einen Schluck aus der Flasche. Dann geht eS im Lauf Den Berg hinauf. Er fing an, nach den Taschen in seinem Mantel zu eagen. konnte sie aber in der unbequemen Stellung, die er auf dem Schlitten einnahm, nicht finden. Er liest das Tau IoS und liest sich hinuntcrglciten. Er blieb auf allen Vieren liegen und muhte erst eine Weile arbeiten, bis er sich so weit herumgedreht hatte, dast er versuchen konnte sich aufzurichten. Mit einer ordentlichen Kraftanstrengung kam er endlich wieder auf die Beine, aber beinahe hätte er gleich wieder das Uebergewicht verloren. Brr, brr, Jens, willst Tu stehen? Nur ruhig Blut! Auf diesen Augenblick hatte Vlakken gelvartet. Kaum war Jens auf den Füsten, so zog er mit einem kräftigen Ruck an, so dast der Schlitten in allen Fugen krachte, und nun ging e?"-""ter bergauf. Brr! Brr! Willst Du stehen. Du Nackerl Jens machte em paar Sätze hinterher und war so nahe, dast er meinte, er könnte das Gefährt mit den Händen erreichen. Er griff auch mit beiden Händen zu, aber Blakten ging zuTrfch, und da lag Jens so lang er war auf der Nak«, wäbrend Blakken burtig wcitcreiltc. Brrl Brr! Er kam wieder auf alle Viere und sah auswärts. Ja, da war Blakken uiitten auf dem Berge stehengeblieben und stand da und sah sich um. Jenö kam endlich auf die Beine und begann bergan zu kreuzen. Na, immer hübsch vorsichtig, und die Beine nicht verwechseln — so. so— das geht nicht schlecht. Ja, Vlakken, Du bist ein braver Kerl, Du bleibst stebcn, Du willst nicht, dast Jens den Berg hinaufkriechen soll— ja. Blakkcn sich, bis ich wieder bei Dir bin. Er griff wieder nach dem Schlitten, aber Blaffen war auf seine: Hut gewesen, und da lag Jens wieder. Er sah auf: Hollah, Heisa, Hopla. Schelm, Schuft, Dieb. Schurke! Ich kenne Dich, Du Schalk, Du bleibst von selber stehen, wenn Du oben bist; soll ich mir den Mund nach Dir wund schreien. Aha. da steht er. Oh. Tu brauchst Dich nicht umzudrehen; hier bin ich. Blakken hatte, als er den Hügel erklommen hatte, wirklich Halt gemacht, und ruhte sich in der langen Zeit, die Jens brauchte, um hinterher zu torkeln, gemächlich aus. Als er oben war, torkelte er zu Blakken hin und streichelte ihm den Hals. Blakken spitzte die Ohren und sah ganz vergnügt aus. Ja, Blakkcn, Du hast recht. Hörst Tu, ich sage. Du hast recht. Du willst, daß man sich seinen Schnaps auch verdienen soll. Und nun habe ich ihn verdient, aber Du bast keinen verdient und darum kriegst Du auch keinen. Jetzt kannst Du stehen und zusehen wie ich trinke. Er lehnte sich an Blakken und suchte in seinen Taschen. End- lich fand er die Flasche.' Sie war ohne Kork und leer; sei eS, dast er sie geleert hatte, oder daß er eS vergessen hatte, den Kork darauf zu setzen, so dast sie sich selber entleert botte. Er merkte es nicht gleich. Ha, ha. ha. siehst Du sie. Er setzte sie an den Mund. Heh, lachst Tu mich aus, Blakken? Du glaubst-oohl, ich h.üte nichts mebr? Ist auch die Flasche leer, Hab' ich im Fästchen mehr, Mach' mich gleich drüber her. Er erklomm wieder seinen Sitz auf der Ladung und machte sich daran, die Stricke zu lösen. Nach vieler Mühe glückte es ihm endlich, den Sack mit dem Fästchen hervorzuholen. Aber schwieriger war es schon, die Oeffnung zu finden. Er drehte und wendete und schüttelte ihn.. Willst Du heraus Aus Deinem HauSz Ich weist. Tu bist voll, und die Flasche ist leer. Komm, mein Freundchen, komm zu mir her. Und es kam auch, das Fästchen; er hatte den Sack schließlich am verkehrten Ende erwischt und dos Fästchen berauSgeschüttelt. Aber es kam anders, als Jens erwartet hatte. Es fiel über die Wegkante heraus auf die harte Schneedecke und sauste als dunkler Streifen den Neristuacker hinunter, machte weit unten einen ge- waltigen Satz und fuhr wie ein wildes Tier in das Gehölz unten in o«r Ebene. Jens fast«inen Augenblick sprachlos da, dann nickte er ihm nach: Lebwohl, mein Freund, Auf Wiedersehn! Kurze Zeit darauf erhov ,'.ch ein großer Lärm im Stall auf Neriftuen. Es war Jens, der sich trotz aller Hindernisse im Dunkeln vorwärts tastete, um Fredrik, den Knecht zu finden, und ihn zn veranlassen, nach dem Fästchen zu suchen. Wenn er es glücklich nach Hause zu Jens brächte, so sollte eZ ein Gelage geben, wie er eS noch nie erlebt hätte, ja vielleicht sollte er sogar um sein« Tochter freien dürfen. Frorik brauchte nicht viel Zeit, um in seine Hosen zu kommen; er wußte, es gab bei Jen? kein Aufhören, ehe nicht das Fästchen den Boden zum Himmel wandte, und da wollte er gern dabei fein; so scbnell wie möglich eilte er den schneebedeckten Abhang hinunter. Jens wollte mit seiner Fuhre inzwischen langsam weiter- trotten.— er vergast die Ladung wieder zu verschnüren. Es ging weiter btzrgan, und es kam. wie es kommen� mußte. Als Fredrik mit dem Fästchen in einem Sack nachkam, fand" er auf dem Wege erst einen Satz Hufeisen, dann einen Ranzen, und schlicstlich nahe bei den Hausern von Per Sletten einen großen Zucke rhut. Er sammelte alles auf. steckte eS in den Sack und eilt« weiter. Als er in Sletten um die Hausecke bog, sah er das letzte Ende des SchlitienS drüben beim Kuhstall, und er wollte gerade rufen, JenS solle sich in acht nehmen und anhalten, als er«in lautes Kracken hörte. Nasch lief er herzu. Da lagen das Heringsfast und Jen? beide auf Per Slettens Misthaufen. Per hatte Dünger gefahren. und der Weg war schief. 'lens schlug mit der Faust gegen das Fast. Na, ich kam, Gott sei Dank, obendrauf. Wie kam das? rief Fredrik. is kam blitzschnell, heisa Junge! Fredrik half ihm auf. Ja, was sollen wir nun machen? Wir können daS Fast doch nicht hier liegen lassen. Sollen wir es nicht ba liegen lassen! Liegt es vielleicht nicht gut dal Gelte ich etiva so wenig im Dorfe, dast man mir nicht für ein Heringsfast Unterkunst gewähren könnte? Ja. aber wäre es nicht das beste, wir weckten Per un�liester» uns von ihm helfen. Den Schleicher! Nein, wir haben unseren Freund mst unS; hei, jetzt fahren wir wie die Fürsten! Steig auf! Er wollte keinen Einwand hören, und Fredrik machte� sich daran, das Wenige, was noch übrig war. wieder fest zu schnüren. Aber Per Sletten hatte auf der Lauer gelegen, wie er immer tat, wenn Jens auf einer Reise in die Stadt war; er wollt« gern bei dem Gelage hinterher dabei sein, und plötzlich stand er, voll- ständig angekleidet, beide Hände in den Hosentaschen, da. Was macht ihr da, JnngenS? Sein Auge fiel auf das Faß. Wahrhaitig, jetzt wird es fruchtbar auf Sletten, wenn die Herings- fäffcr schon auf dem Misthaufen wachsen. Es endete damit, daß das Fäßchen liegen blieb, und daß alle drei in Oppistuen vorgcfahren kamen. Als sie in den Hof gekommen waren, wurde Jens zaghafter; er wollte durchaus nicht hineingehen, ehe die anoeren damit fertig waren, Blakken in den Stall zu bringen, und er wollte auch das Fäßchen nicht tragen; er gab Fredrik Order, es in die Kammer zu bringen. Er ließ Fredrik und Per in der Kammer draußen und ging selber in die Stube, wo Jensine lag: Bist Du wach, Jenfine? Ja. Ich habe das seidene Tuch für Dich nicht veraeffen, aber ich weiß nicht, wo ich es habe. Es hat keine Eile. Hm, ich hatte unterwegs etwas verloren, und da habe ich Fredrik einen Dokter versprochen; willst Du uns nicht«in bißchen Wasser heiß machen? Jensine biß sich auf die Lippen; dann richtete sie sich im Bett auf: Oja. Desto eher ist eS zu Ende. Ja, ich weiß, daß Du es nicht gern hast, Jensine. Aber eS ließ sich nicht umgehen. Opstad und Per Sletten sind schuld oaran; aber es soll das letzte Mal sein. Ja, das kenne ich. Jens war ganz kleinlaut, als er zu seinen Gästen in die Kammer hinauskam. Jensine bereitet« heißes Wasser und brachte eS ihnen heraus. Der Morgen war schon angebrochen, es lohnte sich nicht, sich noch einmal hinzulegen; sie hängte den Kaffeekessel überS Feuer und blieb auf der Herdplatte sitzen; sie wußte ja auch, daß sie nicht viel Ruhe haben würde. Im Anfang war es einigermaßen still in der Kamnier nebenan; sie sprachen nur mit gedämpfter Stimme. Aber allmählich wurden fie lauter und man vernahm ab und zu einen Schlag auf den Tisch. Jensine saß und hörte, wie sie anfingen von ihr zu sprechen, und sie hörte es auch deutlich Per Sletten? Stimme an, daß er aufgelegt war, Jens zu necken. Per schlug auf den Tisch: � Ja, ich sage, was ich immer gesagt habe. Ein so tüchtige? Mädchen, wie Deine Tochter, gibt eS nicht auf jedem Höfe. Rein, auch Jens verschwor sich, ihresgleichen gäbe es im ganzen Dorfe nicht. Hm. es ist schwer zu sagen, wem sie gleicht. Sic ist aus einem anderen Stoffe als Du. Als ich? Nein, kommt mir nicht damit I Ja. sie hat die Zügel. Du darfst nicht mucksen. . Ich darf nicht mucksen? Ich bin Herr in meinem Hause, das werde ich Dir und Jensine beweisen. Ja beweisen. Du wagst Dir ja nicht einmal ein Fäßchen Branntwein zu kaufen, ohne sie zu fragen. Ich wage nicht? Und das behauptest Du? Ich wage nicht; wenn Du willst, werfe ich sie augenblicklich aus dem Hause. Nein, nein, sprich nicht so. Ich meinte nichts weiter damit. Ich weiß ja, Jensine ist gut und fügsam, und tut alles, tvas Du willst, und ist einverstanden mit allem, was Du tust. Einverstanden? sagst Du. Nein, sie ist bei Gott nicht einver- standen. Sie reizt mich, sie geht herum und sagt kein Wort; sie kann einen Stein in Wut bringen. Sie tut, als kümmerte sie sich um nichts, und doch kriegt sie alles nach ihrem Willen. Ja, es nützt nichts darüber zu reden. JenS; wenn einer erst angefangen hat, wie Du, unter den Pantoffel zu kommen, so ist es vorbei. Da ist nichts zu machen. Nichts zu machen? Sagtest Du, nicht» zu machen? Sie soll heraus, jawohl, die Minute soll sie heraus. Ach, das wagst Du nicht I Sie soll heraus, sage ich, augenblicklich; kommt, Ihr werdet sehen! Er stand auf und stürmte in die Stube. Da gab es ihm einen Ruck, dort stand Jensine hoch aufgerichtet und sicher mitten in der Stube und sah ihn an; er blieb stehen und kam nicht vom Fleck. In diesem Augenblick schlug die große Wanduhr sechs. Willst Du siill sein, Racker! Ja, jetzt sollst Du heraus. Er packte die große Uhr, trug sie heraus und warf fie die Treppe hinunter, daß die Stücken herumflogen. Die beiden anderen waren nachgekommen und sahen zu. Zstn selben Augenblick kam auch Jensine heraus, mit dem Faß- chen unterm Arm. Jetzt will ich auch mein Vergnügen haben. Kommt her und seht. Sie folgten ihr. als müßte es so sein, und keiner sagte ein Wort. Sie führte sie hinter den Stall, wo eS den Berg hinunter- ging. Dort schleudert« sie das Fäßchen herab. Sie sahen alle, wie es hinunterflog, bis eS gegen einen Birken- stamm fuhr und in tausend Stücke zersprang. So, das habe ich jetzt wohl zum letzten Mal gesehen! Geh hinein, Vater, und leg Dich schlafen, und Ihr andern macht, daß Ihr fortkommt, ein bißchen schneller als sonst. Sie trollten sich alle ebenso still wie fie gekommen waren, Keiner sagt« ein Wort. R-oßlchweifc und Pfauenfedern, Schwarze Hdlcr und Gelbe Jacken Von Heinrich Wehner. Alle Titel und Würden gelten nur bis an den Rand des Grabes Die Philosophie vom zureichenden Grunde hat durch zahlreiche Heber- legungen sehr genau ermittelt, daß weoer im Himmel noch in der Holle lliitersckeioungcn dieser Art gemacht werden. Die Seligen und die Verdammten begrüßen einander nicht unter Benutzung von Titeln, etwa als Professor Archimedes, Baron Ossian, Kommerzien- rat Laban, Branddirektor Herostrai, Eminenz Petrus usw.; im Gegenteil ist oben(und unten) Fürst Bisinarck nichts als Bismarck, von Menzel bloß Menzel und Louis XV. einfach Louis. Daß es im Himmel und in der Holle auch keine Ordensauszeicvmingen gibt, ent- nehmen die Kasuisten besonders aus dem Umstände, daß jede? während der Ehe zur Welt kommende männliche Kind einer preußischen Königin vom ersten Atemzuge an Ritter des Schwarzen Adlerordens ist;— wenn es nun kurz nach der Geburt stirbt und also gar nichr reiten kann, wird es im Himmel usw. keinesfalls als Ritter behandelt nach dem Rechtsgrundsatz: ubi iactum requiritur, verba nou sufüciunt(wo eine Tat erfordert wird, genügen Worte nicht), der aus dem lllpianus übernommen ist. Das ganze ist betrüblich genug, »leinen viele. Sie mögen sich aber trösten, eS gibt eine Menge Leute, die nichts von derlei Dingen halten. Ich selbst zum Beispiel bin charakterisiert als wirklicher antarktischer Geheimrat und u. o. Besitzer des Äommandeurtreuzes vom alten Nußhäher am Bande um den Leib zu tragen, und mache dennoch sogar schon hier auf der Erde niemals Gebrauch von meinen Auszeichnungen. Zu verschiedenen Zeitaltern und von verschiedenen Charakteren wurde Titeln und Auszeichnungen nicht immer die gleiche Wert- schätzung enigegengebracht. In manchen Jahrhunderten gab man weit iveniger darauf, als beispielsweise gerade heutzutage. Es richtet sich eben alles nach dem Angebot. Doch glücklickeriveise geht unter uns jetzt schon wieder eine so große Menge von Würdenrrägern einher, daß deren Hochschätzung merklich im Abnehmen begriffen ist, ja daß es schon in manchen Staaten, beispielsweise in Preußen, als Beleidigung empfunden wird, wenn man einem Bater sagt. sein Junge habe Anlage zum Geheimrat. Es ist auch ganz klar, daß mir dein Häufigerwerden der Graduierung und Noblliticrung der mittlere Bildungöstand der Völker, selbst in Europa, nicht steigen kann. Sonst brauchte man ja nur einfach jeden zum Doktor oder Baron zu ernennen. Wenn man viel graduiert oder nobilitiert, kommt der ganz ungewollte Effekt heraus, daß z. B. die Gilde der Heuochsen, für die derartige« Futter am leckersten ist. bald vollzählig mit einem Titel herumläuft, waS viel anstößiger wirkt, als wenn es lauter einfache Heuochse» gibt. Bei Gelegenheit der Erneniwng des 60 000ften Ritters vom Schwarzen Adler, des Grafen Zeppelin, der Erhebung SchmollerS in den Adelstand und des Austausches des gelben Hemdchens gegen eine gelbe Jacke bei dem ganz neuen Baby» kaiser von China in Asien habe ich etliche wahre und verbürgte geschichtliche Anekdoten zusammengetragen, aus denen man ersehen kann, wie einzelne dem Orden- und Tilelregen besonders stark aus- gesetzte Meiffchen solchen Sachen resp. aus dem Wege oder in den Weg liefen. Ein Landsmann des zu allerletzt aus der OrdenSbäckerci ge» kommenen luflschiffenden Grafen, des größten Deutschen der letzte« i'echS Monate im 20. Jahrhundert, wird gern den Reigen beginnen. Ludwig U h l a n d war weder entzückt noch dankbar, als ihm die Preußen einst ihren Verdienstorden verleihen wollten. Er wies das zugedachte Geschenk schnöde zurück; eS war ihm von den nämlichen Preußen angeboten, die ihn der besseren Sicherheit halber auch noch in das(1856 erschienene).schwarze Buch" als.gefährlichen Demokraten" eingeschrieben hatten. Schlecht ist so ein Witz nicht, aber doch ein wenig arg-preußisch.— Der französische Nationaldichter Beranger nahni das ihm zugedachte Kreuz der Ehrenlegion ebenfalls nicht an; auch seine Muse flog zu hoch, als daß sie einen Allerweltspiepmatz hätte beachten mögen.— Originell ist das Berhalten des Malers und Karlsruher Galeriedirektors L e s s i n g. des Großneffen von Gotthold Ephraim, der vom Könige Friedrich Wilhelm IV. den hohen Orden poue Ig mörito zugesandt bekommen hatte. Er packte den unverhofft zugeflogenen Bogel sorgfältig in irgend eine Schachtel und dacht« nicht iin geringsten mehr an den Besitz, bis ihn irgend» wann einmal ein Vemcher daran erinnerte und das Schmuckstück sehen wollte. Die Ehegattin fand schließlich das Kästchen auch, und Lessing war mm ganz emzückt— von dem dazu gehörigen schönen, dicken, schwarzen Seidenbande..Davon möchte ich eine Weste haben I" rief er aus. Weiter reichten seine Wünsche nicht. Gleich einfachen Sinnes war M a n z o n i, der berühmte ita» lienische Dichter. Er entstammte einem gräflichen Geschlecht, unter- ließ es aber geflissentlich, beim Wechsel der Regierung diesen Um- stand verbriefen zu lassen, und äußerte unter anderein einmal:»Ich «»Achte alle jene Kanaillen, die nr.iü Graf nennen, auf>er Galeere angeschmiedet sehen, denn sie beweisen dadurch, das; sie meine Werke edcht gelesen haben. Ich bin kein Graf und nicb! van Adel."— Selbslbewuht und natürlich wirkt eS. wenn man hört, wie sich der hervorragende General des dreißigjährigen Krieges. Sgorck, be- trug, nachdem man ihn in den Gratenstgnd erhoben hatte: er unter- zeichnete von da an seine Schriftstücke mit«Jodann Svorck, Grat". und begründete das mit der Behauptung:„ich war eher Sporck wie Gras".— Talma, der französische große Tragöde, erwiderte seinem kaiserlichen Gönner Napoleon L, der ihm eine Auszeichnung oder einen Titel zugedacht hatte, ablehnend:„Sire, ich bedarf dessen tricht; mein Name entschädigt mich für alle? andere".— Nicht ohne Gegenwert, sondern vermittelst eines kleinen Tauschgeschäftes kam Graf N o st o p t s ch i n um die ihm vom Kaiser zugedachte Fürstung Herum, indem er diese Würde dem mehr danach geizenden Landes- Herolde überließ, der ihm dafür als Entgelt einen schönen Zobel- pelz herausgeben mußte. Wie man weiß, kann man sich die Daronisierung oder ein Sternlein auch kaufen, was zu keiner Zeit besonders schwer erschwinglich und nach den Erzählungen des ehemaligen baheri- schen Heroldes Karl Ritter von Lang(des einst hockge'chävien chmmonsten) um 1800 herum in Bayern von ganz ausnehmender Woblfeilheit war. In jener Zeit, zu welcher man(wie beute noch in Oesterreich) fast einen jeden anständigen Rock mit„Herr Baron" titulierte, mußten sich Tausend« ihren angeblichen Adel frisch ver- lbriescn lassen, weil der Staat Geld brauchte, wobei oft die unglaub- tlichsten Beiveisstücke dorgebrachl wurden. Der bayerische Oberjustiz- rar H o r n i h a l, Hamburger Israeliten Kind, nabm mit Erfolg als Zeugnis für seinen Adel ein Briefkuvert in Anspruch, das ihm einmal «nS der königlichen Kanzlei zugegangen war und auf dem er„von" Hornthal genannt wurde. Ein anderer, dessen Name von Lang leider aus zarter Rücksicht verschwiegen wird, legte dem Herold als einzigen Beweis für seine Baronschaft eine noch dazu unqnitiierle Schneider- rechnung vor, auf der geschrieben stand:„Seiner Hochfreiberrlichen Gnaden die alten Kleider ausgebessert wie folgt" usw. Die damalige bayerische Taxe für die Verbriefung angeblich bestehenden Adels vereng für die niederen Grade 15, für Freiherren 50, für Grafen 100, für Fürsten 300 Gulden; die Taxe für den Kauf -eines neuen Adelstitels war entsprechend 000, 1200. 2500 und 12 000 Gulden. Die heutigen Preise rechts und links der Elbe und i>er Donau sind bekanntlich schwankend und richten sich zumeist nach der Bedürftigkeit des Vermittlers.— Wenige denken wie der alle Rothschild, der damals noch Gbcttobcwohncr, das Geld höher als den Titel schätzte und seine hervorragend materialistische Denkart in einem 1804 an einem hessischen Minister geschriebenen Briefe verrät:„Seien Sie gesichert, wer behält mein Geld, der haltet mir meine Ehre, und meine Ehre ist mein Leben, und wer mir mein Geld nicht zahlt, der nebmt mir meine Ebre. Mein Geld steht mir höher als die Ebre und das Leben". Dieser Stammvater der -Frankfurter Finanzkünstlerfamilie hätte sich freilich niemals einen Orden oder einen Titel gekauft. Freilich auf den Visitenkarten seiner in Deutschland lebenden Nachkommen liest man: dlonsisu lo Baron et Madame la Baronno(So!) Guillaume de Rothschild; dies sind dieselben, die einstens, als ein Frankfurter Bankier namens Ärlanger den Adel erkaufte, um diesen zu ärgern, ihren Handlungkommis G o l d s ch m i d t ebenfalls adeln ließeit. Noblesse Obligo. Ganz anderer Gesinnung war der zur Zeit der Julircvolution in Frankreich sehr bekannte und wegen seiner wissenschaftlichen Bedeutung noch anderwärts geschätzte Bibliograph Joseph Maria O u e r a r d; auch er wollte absolut eine Auszeichnung haben, aber gratis. Während 35 Jahre, bis zu seinem Tode, versuchte er bei jedem vor- kommenden Ministerwechsel den Orden der Ehrenlegion zu crwiichen, und immerfort vergeblich. Offenkundig waren die maßgebenden Leute durch solche Hanswurstiade derart belustigt, daß sie de» Scherz nicht vorzeitig beendigen mochten.— Em gelungener Heiliger im Staate der Ordenssüchtigen ist der französische General T r o ch u gewesen. Oeffentlich tadelte er wiederholt und aufs fchärfste den Ordensbungcr der Franzosen; aber loäbrend seiner nur fünf Monate währenden Präsidentschaft bei der Nationalverteidigung 1870 verteilte er nicht weniger als 1171 Kreuze der Ehrenlegion, darunter 7 Großkreuze, 11 Großosfizierkreuze und 27 Kommandeur- abzeichen l— Sollte er über die Orden, den„Spott der Großen". vielleicht so gedacht haben wie Friedrich Wilhelm I. von Preußen? Dieser brauchte Geld; deshalb verkaufte er seine Auszeichnungen. worunter sich für jeden etwas und für die ganz Frugalen der sehr hillige Orden„de la Genärositä" fand. Jedesmal, wenn der König ein derartiges Geschäft gemacht hatte, notierte er eS in seinem Kalender mit den Worten:„Heute wieder einen Haien gefangen." Die Wohlseilheir des päpstlichen Ordens„Zum goldenen Sporn" machte sich der als Schriftsteller bekannte koburgische Minister v. T h ü m m e l schlau zunutze. Er erwarb ihn dutzendweise das Stück zu 0 Dukaten und löste mit diesem billigen Spielzeuge t.Bauernblender" nennen heute die Wissenden jeden Orden, vor- uehmlich die oben am Halse hängenden!) bei allen, die beschränkt genug waren, höchst bcgncm Verpflichtungen aller Art ab. Welche halb oder ganz lächerlichen, bedeutungslosen Anlässe zuweilen den Grund zum Ordcnmachcn abgeben, kennt man aus ver Geschichte des Hosenbandordens, der daber rühren soll, daß ein englisches Königsliebchen auf einem Hosballe das Strumpfband verlor, welche? ihr gekrönter Kareffeur Eduard III. mit einem artigen Sprüchlein aufhob und hurtig wieder an seinen Platz brachte. Ja. ja; honny soit qui mal y pense(„Schande dem, der schlechtes dabei denkt", lautet der Wahlipruch dieies Ordens).— Ein besseres Gebrauchsstück, ebenfalls ein Orden in seiner Art und dem englischen Mailresienbändchen auf alle Fäll« in einer sehr drastischen Wirkung weit überlegen, war das seinerzeit in den Händen des Papstes Alexander VI. befindliche angebliche Strumpfband der Mutter Gottes. Dieser Wildling von Kirchensürst verehrte es einst seiner Konkubine, der Ebefrau des Herrn Vanozza. und stattete das Geschenk mit der wichtigen Ablaßerklärung auS, jede Frau oder Jung- frau, solange sie das Band angelegt trage, bleibe von aller FlcischeSschuld befreit, betreffe die Sünde und Heiden. Mönche oder Ketzer.— Das wertvolle Band ist leider damals verschollen. Daß es die Königin Jfabclla von Spanien noch in Benutzung gehabt habe, ist eine uncrwiefene Behauptung. Was man vom B a i k a l f e e erzählt, daß er nämlich jedesmal wild werde und tobe, wenn ihn die umwohnenden Burjäten unvorsichtig nur als See und nicht, wie es sich angeblich gebührt, als Meer titulieren, braucht man nicht zu glauben, denn es handelt sich bei ihm nur um ein unvernünftiges Wasier. nicht um einen vernünftigen Menschen. Dagegen ist wiederum verbürgt, daß der römische Kaiser C a l i g u l a einst'ein kaiserliches Roß. also doch ein Tier, in den Adelstand erhoben und ihm alle Ebren eines Tribunen zu erzeigen befohlen bar.— freilich ist ein Pferd nach der Behauptung des amerikanischen Züchters John Rarey, der durch die Dressur seiner vier- beinigen Zöglinge ein Vermögen von einigen Millionen Dollar erworben hatte,„sozusagen ebenfalls ein Mensch".— Ganz die gegenteilige Auffassung, sublimste Absonderung leuchtet bei Philipp II. von Spanien hindurch, wenn er, in Verlegenheit um Perücken, nur solche für ihn anzufertigen befiehlt, die ausschließlich aus adligen Haaren verfertigt sind. Wo berühren sich hier die Gegensätze? Verständlicher als diese Streiche wird besonders je nach der Höhe der damit verbundenen Dotationen und der Besitzlosigkeit des Empfängers die Annahme von Erbämrern und Erbwürden durch vornehme„Arme" ersweinen. Hier mag man es verständnisvoll regi- strieren, daß z. B. der damals noch bedürftige B ü l o w als Reiwskanzlcr Domherr von Brandenburg geworden ist, mit welcher Würde sehr hübsche Revenüen verbunden sind.— So klug der hierbei recht verdienstvolle Staalsniann in dieser Beziehung vorkommt, so lächerlich wirkt wiederum die Nachricht über den ehemaligen Würz- vurger Bischof Grafen Schönborn, von dem man vernehmen konnte, er sei Inhaber eines österreichischen Infanterieregiments ge- weien. denn hier ist ein leerer Titel ohne jeden Sinn vergeben worden, lieber Anwandlungen von hohler Grandezza dieser Art empfindet man ungefähr das nämliche Behagen wie über jemand, der bei der Verleihung des Roten Adlerordens mit der Krone am Ringe über dem Kreuz aus dem Häuschen gerät, oder über die Tatsache, daß der birmanische Herrscher von Ava und Man- d a l a y in seinen langen königlichen Titel noch die Bezeichnung aufnahm„Herr der 24 weißen Sonnenschirme", nachdem ihm nämlich der chinesische Kollege da» Geschenk von zwei Dutzend der immerhin ganz nützlichen Gebrauchsartikel üdersandt hatte. Solche gewichtigen Titel« und Ordensfragen erinnern an die Begebenheit, daß Ferdinand II. im Jahre 1642 die heilige Jungfrau Maria zur Generalissima de? kaiserlich österreichischen Heeres ernannte, ferner an das bemerkenswerte Ereignis des Jahres 1664, als der Ebegemahl der Mutter Gottes, der heilige Joseph, durch den Kurfürsten Ferdinand Maria in aller Form zum Oberst-Landburggrafcn und LandeSvcrweser in Bayern ernannt worden ist l Die Beweggründe der Titel- und Ordenssüchtigen, Eitelkeit, Kastengeist und Dummstolz, leuchten sehr hübsch aus der Regle- mentierung deS GrüßenS hervor, mit welcher der dänische, 1864 bei Düppel getallcne General du P l a t 1850 die deutschen Bewohner dänischer Provinzen„bei Metdung strengster Bestrafung" bedachte, indem er befahl, jeden dänischen Offizier„durch Hutabziehcn bis zur Lende" und jeden gemeinen Soldaten„durch freundliches Kopf» nicken" zu grüßen.— Die im Jahre 1908 bei der deutschen Marine eingeführte Reglementierung des Hurraschreiens ist nicht mit dem du Plalh'chcn Befehle gleichzustellen; sie ist eine selbständige Leistung. Gleichfalls den Ordenssüchtigen zuzuzählen dürfte der noch zum Schlüsse zu erwähnende, 1373 in Paris gestorbene Sonderling F e m o r u S sein, der mit großem Erfolge die Verfertigung von Naturspielen betrieb und endlich, um Aufseben zu erregen, auS sich selbst ein lebendes Wnndergebilde fabrizieren wollte: er nähte sich in die aufgeschlitzte Kopfhaut den ausnehmend riefigen Kamm eines frisch getöteten Gockelhahns; der feuerrote Zierat sollte dort einheilen, was aber mißlang. Femorns starb an Blutvergiftung.— Wenn das Experiment der dauerhaften Anbringung solcher fünf- bis ncnnzinkigcn natürlichen Krönlein, mit denen man baden und schlafen gehen könnte, doch leicht und sicher gelänge I— ach. meine Herren Kollegen, gevonte und gegrafte Gehcimräte und Exzellenzen, um wie viel werlwollcr wäre es doch, wenn derartige angewachsene Rangabzeichen eingeführt werden könnten, als wenn man imS noch weiterhin Halsbänder umschnallt wie einem Pudel, mit Pferdehaarcn und Mcssingplättchen verziert und— abnehmbar. Kerantw. Rcdakt.: EarlWkrmuth, Bcrlin-Rixdorf.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlKgtanstaltPauI Singer LcCo.. Berlin LW.