Unterhaltungsblatt des Dorwiirts Nr. 14. Donnerstag ven 21 Januar. 190S (Naurus tsz Das täglicke Krot. Roman von C. B i e b i g. Nach und lnich fmtrmeftcn sich Kindertrüppchen auf dem Trottvir vor den Kellerwohnungen. Kleme Mädchen in Filz- Pantinen, die dünnen Haare in unzählige Zäpfchen geflochten. tiefen zum Bäcker nach frischen Schrippen. Ein halbwüchsiger Bursche nutzte die sonntägliche Morgenstille der Straßen zum Erlernen des Radfahrcnö rmS; rurgeschickt lenkte er sein Rad und wackelte unsicher hin und her. Knaben mit rotgeriebenen, lote poliert glänzenden Gesichtern, ganz wie erwachsene Lungerer die Hände tn die Hosentaschen haltend, umstanden einen Ldternenpfah! und berieteil einen Streifzirg über? Tempel hofer Feld. Spielende Hunde jagten, vergnügt tläffend, in lnstigen Sprüngen über die wagenleere Straße an einem Fenster schmetterte ein ttanarienvogel, dessen Lied sonst im Lärm deL Alltags erstarb. Roch hing ein feiner, silbriggrauer Duft wie ein Schleier den Häusern vorm Gesicht, aber schon verrieten lange, blaß- goldne Strahlen, die wie blitzende Messer daS Gewölk des Himmels zerteilten, die kommende Sonne. Alles hell, alles freudenreich. Die ganze Straße in Er- Wartung des Sonntags. Nild da— jetzt reckte Mine den HalS noch länger— da zockelte langsam eine Droschke die Straße hrnuntcr, ihrem Stand an der Potödcuner Straßenecke zu: ein weißlackicrter Hut glänzte im Solinenscheüi, ein gutmütiges, heute etwas verkatertes Gesicht lachte sie an. Sie wurde rot bis hinter die Ohren rnld zog den Mund vreit. Da fuhr..Er" hin— da drehte er sich noch einmal um lwd knallte mit der Peitsche. Verwirrt wandte sie sich in die Stube zurück. Inzwischen toar der Schlafende, vom kühlen Morgen- hauch empfindlich unuveht, aufgewacht. Die schmerzenden Glieder dehnend, schimpfte er laut auf daL verdammte Geschäft, daS ihn zum Animiertrinken nötigte. In sein Schimpfen mischte sich daS Geläut von Glocken, das vom Wind getragen, sonor und feierlich, wie aus nächster Nähe erklang. Gereizt fuhr er die Magd an und verlangte Kaffee. Sie antwortete grob. Was, vor dem sollte sie auch noch Respekt lmben?! Als er brummend sein Belt aufgesucht hatte, sah sie, verstimmt und trübselig, sonntäglich geputzte Leute vorüber- wallen. Sie fühlte sich ganz müde und zerschlagen und auch sehr verlassen. Slber ihre Miene hellte sich auf, als um elf, halb zwölf. eine Droschke vorrollte— der Weißlackierte ließ Pferd und Wagen draußen warten und betrat schweren Schrittes die Stehbierhalle. .,'ne Mürzwciße mit Luft— Mordsdurst!"< An den Schenktisch tretend blieb er sieben und sah zu, wie sie, in ungeschickter Hast, daS Bier ins Glas laufen ließ: eS schäumte über und bildete rasch einen Tümpel um den Fuß deS breiten Glases. Mit verlegenem Lachen wischte Mine die Nässe fort. Den Pfeffermünz konnte sie lange nicht finden, obgleich die Flasche dicht vor ihr stand. ,.Na, Kleene", sagte er mit gutmütigem Lachen,„mit die Fixigkeit is't noch nich weit her. was? In die Zeit fahre ick ja bis nach'n Spandauer Bock. Ah—" er wischte sich nach dem ersten langen Zug die Schnurrbartspitzen—«nich zu verachten! Besoirders nach so'ne Nacht nich. War en verfluchter Radau, was? Sic konnten wohl gar nich schlafen, Frmllem?" „Ne", sagte sie. ohne den scheu gesenkten Blick zu heben. „Det jloobe ick»voll. Se müssen sich erst jar m'ch hin- lejen, Fräulein, hübsch bei uns bleiben. Ick jarantiere Ihnen, da haben Sie mehr Fehtz, als wenn Sie so mutterwind alleene in de Klappe kriechen. I. Sie sind doch en hübsches Michen— immer'n bißken munter. Karlincken!" Sie sah ihn dankbar an. Ihre Blicke begegneten sich da schoß ihr daS Blut heiß und ror bis in die Schläfen. Er zwirbelte den Schnurrbart, stemmte den Ellbogen auf den Schenktisch»md schmunzelte sie an.>,Na, jefällt et Khnen denn hier in Berlin?" Sie schüttelte verneinend den Kopf und sah traurig drein. „Warten Sie man erst ab," tröstete er,„det kommt noch! Wenn ick Ihnen erst in die Egnepasche abhole! Mit Sie loSjondle nach'n richtigen 5!limbim, nach Treptow, nach 'n EierhäuSchen. Na, wollen wer mal?" Eigentlich hatte er nur Spaß gemacht, aber da er sah, wie sie blaß und rot wurde und vor innerein Entzücken kaum den Mund zusammenbringen konnte, hielt er ihr die Hand hin.«M. w. Was?" Sie schlug ohne viel Besinnen ein. Da lehnte er sich ganz über den Schenktisch und schlang den Ann um ihre kräftigen Hüften. Donnerwetter, war das 'ne Stramme!„Noch zu haben. Fräulein?" „Lassen Se mer!" Sie stieß ihn zwar zurück, aber der Ton ihrer Stimme verriet verschämte Freude. Ihr schwindelte. Was würde Berta sagen?! Und waS die Reschkes?! Ordentlich Respekt würden sie vor ihr kriegen— fo ei» hübscher Mensch! In einer glücklichen Erregung blieb sie zurück, als er, nachdem er noch eine Weiße„mit Luft" getrunken, vergnügt' pfeifend mit einem zärtlichen Nicker das Lokal verließ. Ver- träumten Auges und läckielnden MundeS stand sie hinterm, Schenktisch und sah anscheinend interessiert der einsame» Herbsisliege zu. die matt und taumelig an der Säieibe der Glastür auf und nieder irrte. Aber ihre Gedanken' waren bei dem rotblonden Schnurrbart und den Vergißmeinnicht- blauen Augen des Weißlackierten. Eine glücktiche Perspektive öffnete sich ihr. Das Rippespeer und das Kartoffelmus, die sie heute auf den Tisch brachte, waren noch- schlechter zubereitet, als das Esten der vorigen Tage,— und das wollte viel heißen. 7. Frau Hauptmann von Salden: war noch nicht recht wann geworden mit ihrem neuen Mädchen, obgleich dieses sich willig und sehr geschickt zeigte und von einer steten de- scheidenen Freundlichkeit war.[ „Ich weiß nicht", klagte sie ihrem Mann,„was der Peters und die Berta immer in der Küche zu lachen haben. Hör nurl Schon wieder! Was haben sie denn nur?" „Aber, liebes Kind", beruhigte der Hauptmann,„Du willst doch wohl nicht die Vertraute Deiner Dienstmagd seist k WaS geht's Dich an?!" ..Nein, aber ich möchte doch wissen. WaS sie vorhaben!" Die Herrin lauschte. daS belle Kichern der Magd drang ver- nchmlich durch die geschlossene Stubentür.„Man nmß kein so hübsches Dienstmädchen nehmen", sagte sie ärgerlich. «Tut sie denn nicht ihre Schuldigkeit?" ..O ja!" „Ist sie unbescheiden?"" „O nein l" „Ja. aber waS gefällt Dir denn nicht an ihr?" „Ich— ich tveiß nickst. Hörst Du. sie lacht schon wieder?! Du mußt Peters verbieten, sich in der Küche crnfzichalkeu. Wenn sie sich nun mit ihm einläßt!" „Na! Wenn Du keinen Schaden davon hast, kann Dir!? doch ganz gleich sein. Du hast nicht für die Moral Deiner Tienstmägde auszukommen." Der Hauptmann zuckte die Achseln.„Laß sie doch!"„ „Ja, aber sie haben immer ihre eigenen Interessen", klagte die junge Frau.«Und besonders solch eine Hübsche!" «Eine Hübsche"— das fand Berta auch, als sie sich heute nachmittag in ihrem Spiegelchen besah. Seit einer Stunde hielt sie sich in ihrer Kammer vor dem Ansturm der Kinde? verschlossen, die sonst gewohnt waren, eine immer zum Tändeln bereite Gefährtin in ihr zu finden. Sie rüstete sich zum Vergnügen: es war ihr erster sonn- täglicher Ausgang in Berlin. In der Mägdekammer, die so schmal war. daß nur em schlanker Körper sich zwischen Bett und Wand durchklemmen kennte, roch es nach starkduftender Moschnsseisv. der Chef selber drüben im Kaufmamrs laden hatte sie Berta verehrt» M si? ücirie morgen cm halb PfunS Kaffee zu siebzig, ein Pfund Reis und ein Packchen ruppentasel geholt. Bon Kopf bis zu Füßen batte sie sich abgeseift: sie hatte sich förmlich eingehüllt in diesen Wohlgeruch. Nun stand sie in Korsett und Unterrock vorm Spiegel und steckte il>r Haar auf. Lang und fein, in einem weichen, filberblonden Glanz, floß es ihr über den Rücken. Sie vergrub die Zäkne in die rote Unterlippe und be- trachtete lang und sinnend ihre frische Schönheit. Nein, es wäre schade, wenn sie hier in der beengten Wirtschaft bei Hauptmanns verkommen sollte I Hier war kein Ort für sie. Sie mußte weiter, weiter! Allerhano ehrgeizige Pläne schössen ihr durch den winn. Oh. sie würde sich schon schicken, wenn sich's lohnte, sich ducken, wenn's not tat! Das mußte man. wenn nian's zu etwas bringen wollte. Und hatte sie nicht bei Reschkcs im Keller gelernt, welche Reden den Leuten angenehm find?! Mit einem entschlossenen Blick in den Augen, der das schöne Blau zu einem stahlharten Grau veränderte, nickte sie rhrem Spiegelbild zu— hier kündigte sie in nicht zu ferner Zeit, das stand fest. Vorerst aber wollte sie sich heute einmal amüsieren. Auf dein Bett lag der ganze Sonntagsstaat ausgebreitet; kritisckwn Blickes betrachtete sie ihn. DaS perlbestickte Cape von der Freiern war noch sehr schön— die lag nun schon beinah ein halbes Jahr m der Erde, die fing gewiß bereits an zu faulen. Ohne jedes Grausen dachte sie daran, mit einem naiven Vergnügen. Hätte sie sonst das schöne Cape be- koninwa?! Das Kleid halle weniger ihren Beifall—'S war noch ihr schivarzcr Einsegnungsrock und die rosa Bluse— aber zu einem neuen hatte es noch nicht gelangt. Acht Mark mußte sie für den Fedcrhut abbezahlen, sowie sie ihren ersten Monatslohn bekam. In dem winkligen Trödellädchen bei Rosalie Grummach hatte sie den erstanden: die Minna vom Doktor hatte sie dabin rekommandiert, die all ihre Kleider dort kaufte, richtige Tamcnkleidcr. Acht Mark! Llber er war auch noch so gut wie neu, an der Seite oufgesMagen. von weichstem hellem Filz, mit langer gekrauster Straußenfeder. Lächelnd hielt ste ihn mit beiden Händen über ihr Kövf- chen: die kühne Form stand ihrem sanften Madonnenscheitel gar zn gut. Ihre feinen Nasenflügel zitterten und blähten sich in verhaltener Begier; sie schien in die Ferne zu lauschen — schon hörte sie die Tanzmusik! Unbennißt summte sie einen Walzertakt. Und wie die Leute sie anlächelten—• sie lächelte wieder— da— ein Klingeln an der Hintertür! Aergerlich griff sie nach ihrer Nallüiacke. Ne. mochten sie selber aufmackien. heute war ihr freier Samstag! Die Stimme des kleinen Kurt ertönte draußen:„Die Berta ist noch da. jawohl I" Gleich darauf klopfte es an die Kammertür.„Berta, maernst! De Mine!" Berta schob den Riegel zurück.„Du--?!" sagte sie langgezogen. Mine umarmte sie kräftig. lFortsetzung folgt.) Sin Nekrolog. Aus dem Polnischen des A.©trug. Alles spielte sich ab, wie fich'S gehötte. ES gab Kranze, rote Schleifen und Tausende von Menschen. An dem offenen Grabe wurde die„Rate Fahne" gesungen, eine Grabrede gedaltcn, und die Menge lauschte— nur konnte die Rode nicht zu Ende gehalten werden.... Kosaken stürmten ans den Friedhof, die Pferde zer- stampften mit ihren Hufen die Gräber. Ein lebhaftes Gefecht ent« spann sich, eS gab einige Dutzend Perwundete und große Begeisterung herrschte.... So etwas erhebt die Menschen immer und fegt wie eine Winds- braut dnrch die muffigen Kellerwohnungen, wo die Konspiration sich verkroch. So hast Du auch nach dem Tode genützt... Jetzt ist mir die Aufgabe zugefallen. Deine Verdienste zu schildern und Deinen unbekannten Namen ans helle Tageslicht zu tragen... Ich werde am Kasten stehen. Buchstaben um Buchstaben wählen Und aneinanderreihen. Du mußt gefeiert werden— das versiebt sich... In dickem Trauerrahnien, unter kreuzweise übereinandergelegtem Totenbein... Mögen eS nun die Menschen erfahren, daß Du ge- Wesen bist.., und alle die Dich gekannt, sie erfahren es nun, daß Du e-S gewesen bist, den fi« gekannt... Run ist ja auch di« Konspiration überffüsfig... Du wirst geleiert werden... Mehr alS einen wird Dein Leben erwännen und ein Ansporn sein— mehr als einem wird es anSdauern helfen.... Du'ollst gefeiert werden.... Co sttze ich denn über diesem Papierstreifen, fitze schon an die drei Stunden und kann doch nicht anfangen. Dabei weiß ich alles, Ivos Dich betrifft, weiß auch das. was sonst niemandem auf der Welt außer mir bekannt ist— niemandem außer mir.... Alles, alles habe ich im Gedächtnis. Doch siehst Du... Di«, nur Du. mein Herzensjunge, fehlst und wirst nimmer sein! Wie kann ich an'S Schreiben gehen, wenn ich gerade das. das Eine nicht begreife? ES wird mir schwer fallen.... Vielleicht bringe ich eS auch fertig, aber ich zögere und will Dir nur noch sagen, daß ich mich fürchte.... Kann, habe ich nämlich zu schreiben angefangen, kau-!, den ersten Buchstaben geschrieben-- so glaube ich's, so fasse ich aucb alles mit einen, Male.... Und das ist'S, wovor ich mich iürchto... ich begreife, daß nun alles zu Ende ist und daß nie- malS, niemals mehr.... Niemals... törichtes Wort... Der Mensch wird eS ja doch nie erfassen.... Wie soll denn gerade ich eS und von Dir?... Bon Dir... Die heißeste Zeit hast Du Dir gewählt. Schickte eS sich jetzt, davonzugehen? Soviel Arbeit! Wen hast Du ans Deinem Pasteil gelassen V ES schickte sich sicher nicht.... AllcS ist verwaist zurück- geblieben. Bei den Arbeiiern in der„Wola"*) heißt eS:„Wo ist denn Walter geblieben? Hai man ihn etwa erwischt? Warum kommt er nicht?" Öh. Ihr Leute von der„Wola", eS hat ihn erreicht und nimmer werdet Ihr den„Walter" erblicken.... Und sie fragen nach Dir: Was macht denn unser„MIotek"'-), daß man ihn gar nicht mehr zu Gesicht bekommt? Du. mein Mlotek. wirst nnwner über die Weichsel schleichen. Und alle Löcher, Winkel und Seilengäßchcn Warschaus werten umsonst nach Dir ftagcn und sich nach Dir lehnen.... Wieviele Stiefel hast Du dabei zerrissen— wieviel Zeit verloren I Wieviele Jahre! Nicht wenige Menschen sind vor unseren Augen auf Abwege gc- raten.... Dich haben alle immer geliebt, und wo eS am schwierigsten war~ da warst Du und hast immer alleS begriffen.... Von uns allen sind nur wenige noch an der Arbeit geblieben: Die einen sind in Sibirien zugrunde gegangen, in den Gefängnissen verfault, die andern hat die Arbeil aufgerieben, sie haben sie nicht er- tragen.... Bon den Allen sind nur wenige geblieben, und daß die Allen die Besten waren. haben wir zwei mehr alS einmal zu einander im Vertrauen gesagi.... Und jetzt, wo wir noch mehr brauchten— jetzt bist Du ans imd davon... Haben wir jetzt auch mehr Leute, so haben wir doch auch mehr Arbeit... ES heißt sich beeilen und vieles nachholen— hast eö ja selbst mehr als einmal gesagt, und dennoch bist Du da- von gegangen.... Die schlimmste Zeit hast Du Dir gewählt— hättest doch abwarten sollen.... So viele Jahre hindurch haben wir bei der Tenrelsarbeit u»S abgeschunden, haben beide unbeirrt mitten im Getüiiimel gestanden, sodaß wir nie eine freie Minute harten, in der wir nnS umschauen konnten— aber dabei hatten wir etwas vorwärts gebrach,.. Oft mußte die Arbeit von einem Tag auf den andern verschoben werden, damit wir nur etwas Zeit fanden. an uns selbst zu arbeiten, sonst hätte man lieber gleich unter den Jakuten in Sibirien verrecken können... Und wie im Urwald sahen wir nirgends die Spuren unserer Arbeit. Nur an den Mensche iwxfcn, konnten wir sie zählen, und ihrer waren nicht wenige.... Wer van uns wußte, was vorging? Weiß jemand, der Steine in die MeercStiefe wirst, wann sie den Grund erreichen? Bei jedem Wurfe spritzt die Gischt hack tuif— direkt in die Augen— das ist aber auch alles.... Wie aber sah'S in der Tiefe auS? AllcS schien endlos und miabsehbar. Allerdings hotten wir auf Wunder ine gerechnet, nie daran gedacht, selbst das Wunderbars mitzuerleben. So ist'S nun einmal bei uns; der eine säet, der andere erntet und irgend ein dritter erst wird ins Brot beißen. Gab eS mal eine freie Minute, so schwärmten wir scherzend, so werde eS fein oder so.... Es wird fein— dabei wußten wir, daß eS nur Hoffnungen ivaren; verstieg sich doch keiner von unS in seinen Träumen so weit, an schnelle Erfüllung zu glauben.... Doch der Moment kam. der daS Licht brachte, das blitzartig die Tiefen unserer Arbeit beleuchtete. ES kam der heiße Kampfes-- sommer. der denkwürdige Sommer. Er kam im letzten Jahre deZ alten Jahrhunderts. Gedenkst Du der Tage de-Z Rausches, der uns alte, geriebene, vorsich'.ige Burschen ergriff und mir sich fortriß? Die Hoffnung flatterte einem märchenhaften Vogel gleich zur Höhe-- zur Höbe und zog unsere Blicke magnetisch an sich. Dann wieder ernüchterten wir unS gegenieiiig. Weißt Du eS noch? „Was können wir? Wir sind bereit, aber wie den Anfang machen?" Sehnsüchtig schweifte uin'er Auge zur stillen, schweigenden Grenze im Osten, bis Tränen den Blick verdunkelien. Unser Frohsinn war dahin. Traurig gingst Du einher, erinnerst Tn Dich noch? •)„Sola", Arbeitervierlek in Warschau. **)„Mietet" heißt zu deutsch„Hammer�, So weh' tat mir Deine Trauer... Me Geschichten von gestern? Und Du wolltest daS Heule nicht abwarten, nur um ein WenisteS. um einen kleinen Lebensmoment handelte eS sich... Mir tut Deine Trauer so weh— so weh...— Weshalb eiltest Du so? Du hast nicht gut daran getan... Horch, Bruder, horch I eS naht die Revolution! Tie naht, lind die Erde erbebt. Nun erwachen sie schon I Ihr Erwachen ist ebenso machtvoll— wie ihr Schlaf tief gewesen— glaubst Du cL nicht? Horch I EZ ist doch wahr, daß es nun losgeht I Reue, noch nie dageivesene Zeiten brechen an. Anders blicken und atmen die Menschen. Furch: ernreist den Feind. Nun können wir unsere Schätze ans der Tiefe hervorholen und mit ihnen prahlen. Unser Morgen ist nicht mehr fern, wir werden eS noch erleben. Höre. Bruder, ans unfern unterirdischen Schlupfwinkeln werden wir hervorkommen zum Kampf gegen den Feind! Auge um Auge ihm gegenüberstehen. die Kräfte messen, uns gegenseitig anfS Korn nehmen.... Nur Dil wirft an diesem hellen Tage fehlen, wirst Deinen Schlupfwinkel nicht verlassen.... Und wäre eS für Dich nicht besser... nicht besser, diesen Tag zu erblicken, die Augen an seiner leuchtenden Pracht zu weiden, die freie Luft zu atmen? Du hattest doch davon geträumt in den Abendstunden, wenn es dumpf und schwül wurde in der Tiefe.... Da beklagtest Du Dick wohl:„ES ist doch schrecklich, sein Leben lang ewig nm sich zu spähen, sich ewig verbergen zu müssen, niemals seine Summe laut erheben zu dürfen, schrecklich ist eS-- und eine Schmach." Die Ueberfahrt dauerte lange, sie war beschwerlich und unsere Kräfte drohten uns zu verlassen... es zog uns in die Tiefe. Und nun. wo wir landen, wo schon das nahe User winkt-- da bist Du auf den: Grunde.... Wa-Z soll ich nun am hellen Ufer—•— ohne Dich? •• • Erinnerst Du Dich unserer DiSkusfionen während der Studenten zeit, unserer endlosen Referate, unserer Streitigkeiten; Heine nahmen wir Partei, knüpften Beziehungen an, morgen brachen wir sie wieder ab. Wir bildeten Gruppen und Zirkel und versagten Programme, Programme, Programme... Und alle Stadtviertel Warschau« wideihalltcn von unserem Ruhm! Und wie stolz waren wir! War ein Napoleon, war überhaupt jemand je so sicher, datz er die Welten- schickkale lenke, wie wir beide in jener Zeit! II Als wir ans der Universität herausflogen, sagten wir ttitZ: Zu höhcrem Lose find wir bestimmt! Und als man uns beide hinter Schlost und Riegel brachte, sagten wir: Seien wir mutig, die Welt blickt auf un« I MS man uns einige Mernatc später freiliefe, schämten wir uttS dessen wie eines Verbrechens.. Tann ging es in die Welt, in die weite, weite Welt, wie cZ damals alle»lachten. Erinnerst Du Dich noch unserer Pariser Jahre, der Jahre voll von Arbeit und von KSntpsen? Und welcher Stolz und welcher Dünkel erfüllte uns in Paris— weifet Du es noch? Auf der Strafee de Courcelles, hinter den Festungswerken, wo wir Hunger und Not litten, gaben wir unseren letzten Centime für den Druck polemischer Broschüren. Dann ging es nach dem falschen, unbormherztgen London mit seiner noch schrecklicheren Not. die noch unerträglicher war. Weifet Du noch, wie wir an einem nassen, kalten Herbstabende beide vor Hunger erschöpft in der ungeheizten dunNcn Stube der Vorstadt ans dem dürftigen Strohlager lagen? Und gedenkst Du der Nacht, der fternenvollen von HcimatS- düsten erfiilllen Sommernacht, als wir in die.Heimat zurücklcbrtcn und uns umherirrend über die Grenze stahlen? Wir lauschten unseren Gedanken nicht, doch jeder von ttnS gelobte sich, den hcunat- lichen Boden nicht mehr zu verlassen, sondern cutSztiharrcn bis ans Ends... (Cchlufe folgt.) (AaSdrua verboten.) Vom Sieges2ug cler)Zpfelfmeii. Von Reinhold Rcichenbach. Zu den Früchten, die fich die Welt erobert hoben, die ebenso in den Heifeen Tropen wie im hohen Norden den Menschen erquicken, zählt vor allein die Apfelsine. Wir können unS heute kaum in die Zeiten zurückdenken, da die Goldorange unseren Vorfahren noch völlig Ulibekannt war. Italien gilt uns als das Land der Orangen, und wir möchten leicht meinen dafe dieser alte, die goldenen Früchte tragende Baum dort seit uralte» Zeiten heimisch war. Die Ge- schichte lehrt aber, dafe die alten Römer und Griechen diese Frucht gar nicht kannten. Als die Heere Alexanders des Großen gegen Indien vordrangen, entdeckten die Krieger in Persien und Medien einen Wunderbaum mit goldenen Frückte». Seitdem wurden die „medischeit Aepfcl" auch in Europa gerühmt und in späteren Jahr- Hunderten auch angepflanzt, aber dieser Baum war nicht die süfe- früchtige Orange, sondern die Zitronatzitrone. Kreuzfahrer und Araber brachien später 61; saure Zitrone oder Lkmone und den Pomeranzenbauw nach den Mittelmeerländern. Immer aber blieb noch in unserem Külturkreise die Goldorange unbekannt. Sie reifte im Südosten Asiens. Ivo sie von den Chinesen schon frühzeitig in Kultur genommen wurde. In ihrer Urheimat gedeiht noch heute die Orange am besten und Wcltreisende berichten, das; diese Früchte nirgends in der Welt einen so feinen Geschmack auf- weisen wie im Reiche der Mitte. Erst als die Portugiesen auf dem Seeweg nach Indien und Südostasien vordrangen, lernten sie diese Frucht kennen. Sie brachten sie nach der Heimat, und im Garten des Grafen von St. Laurent zu Lissabon wurde der erst«: Orangenbaum in Europa gepflanzt. Portogallo nannte man darum damals diese iicueii Früchte, andere tauften sie nach detn Herkunfts lande„Sinaapfel" oder„chinesischer Apfel", und durch' Umstellung wurde daraus die uns geläufige Benennung Apfelsine. Der asiatische Fruchlbaum bürgerte sich nun ungemein rasch in den Mittelmeerländern ein, ja selbst in rauheren Ländern zog man ihn als Schmuckpflanze wegen seiner schönen Bclaubung, seineo dustenden Blüten und seiner goldigen Früchte Mit solcher Vorliebe, daß Gewächshäuser kurzweg Orangerien genannt wurden. Portugal, Spanien, Italien, die Inseln des Mitteimccrcs bedeckten sich als- bald mit Orangcuhainen; man pflückte die Früchte halbreif, vor- packte sie sorgfältig und verschickte sie nach den nördlichen Ländern, wo sie willige Abnehmer fanden, und der Absatz stieg, je mehr die Verkehrs- und Transportmittel ausgebildet wurden. Schiffe, mit Apfelsinen beladen, durchkreuzten sogar den Atlantischen Ozean» um Nordamerika mit den goldenen Früchten zu versorgen. In dec zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts bezogen aus diese Weise die Vereinigten Staaten bereits gegen 200 Millionen Stück Apfelsinen von Südcuropa. Dic� Apfelsine folgte aber auch überall den Seefahrern auf ihren Spuren. Bald leuchteten die goldenen Acpfe! anö dem dunklen Laub der Orangenbäitine auf den Azoren und auf den westindischen Inseln. Tann drang der Baum auf dem aincrika- nischen Festland vor; er gedieh in Florida und Louisiana, in Mexiko und in Zentralamertka, man setzte und pflanzte ihn in Brasilien, er blühte an den Küsten des Stillen Ozeans und fand in Kalifornien Aufnahme. Indem er scbliefelich auf den Inseln des Stillen Ozcattö, auf Hawaii, Taheiti usw. austauchte, voll- endete er seinen SiegeSzug rund um die Erde. Auch jenseits dc-Z Aequators drang er vor, wurde in Südaustralien heimisch und selbst Transvaal ist heute zu einem nicht unwickrtigen Produktions- gebiet der Apfelsinen geworden und hat bereits mit Erfolg seine Früchte auf den Londoner Markt gebracht. Im Laufe der Zeiten hat man verschiedene Spielarten des Apfelsinenbaumes herangezogen. Bei dem einen weisen die Früchte besondere wünschenswert erscheinende Merkmale auf, bei den anderen besteht der Vorzug darin, daß sie klimabärter sind und auch in Ländern fortkommen, in denen Fröste häufiger eintreten; andere wieder zeichnen sich durch besonders frühes oder auch sehr spätes Reifen der Früchte aus. Durch die passende Auswahl solcher Sorten beim Anbau kann die Apfelsincnsaison bedeutend verlängert werden. In der alten Welt hat man sich frühzeitig bemüht, dünnschalige Früchte mit einem feinen Aroma zu erzeugen. Sie werden von den Spielarten Botelha und Tulcissima geliefert, die in den Küsten» ländcrn des MittelmecrcS, besonders aber in Italien gezogen werden. Hier bildet Sizilien ein wichtiges Produktionsgebiet. Neben der Apfelsine werden auch andere Zitrusarten, wie die Zitrone und Bergamotte angebaut, und man versendet nicht allein Früchte, sondern gewinnt auch in großen Mengen Zitronen- und Bergamotteöl. Aufeer Palermo waren Eatania und daS durch das furchtbare Erdbeben zerstörte Messina seit langer Zeit bedeutende Ausfuhrhäfen, und uamcntlich die Messina-Apfelsiiteu erfreuten sich im Handel eines besonderen RufeS. Da in jenen Gegenden die Orangenhaine weit über daS Land zerstreut sind, kann der Schaden, der ihnen durch die Erdbeben zugefügt wurde, nicht groß sein. Durch die schrecklichen Verluste an Menschenleben werden ober die Ernte und der Handel gelähmt werden und die Zufuhren von Apfelsinen aus Mesfina ins Stocken geraten. Auf dem Welt- marlt wird aber dieser Ausfall leicht durch andere Produkiions» gebiete gedeckt werden. Aufeer Mesfina sind noch andere Ortschaften im Miitelmeers durch ihre Apfelsinen berühmt geworden. Auf der Insel Maltn wurde die Blutavfelsine hcrangczüchtet. Der Baum ist schwach- wüchsig, nahezu dornenlos. Die mittelgrofec, glattschalige, saftige und hocharomatische Frucht zeichnet sich durch die tiefe Röte ihreS Fleisches auS. Zuweilen tritt aber die Röte nur in Flecken ödes Streifen auf. Da die Blutapfelsine beim Publikum sich eiuev große» Beliebtheit erfreut, wurde diese Spielart frühzeitig in vielen Ländern der alten und neuen Welt angebaut. Auf den Azoren entstand die St. Michaelorange, die von dort ihren Weg in die Orangenhaine am Mittelmeer, aber auch nach Amerika und Australien fand. Die Frucht ist groß, dünnschalig, fahlgelb, sie hält sich lange und ist daher zur Verschiffung geeignet. Das Fleisch ist etwas säuerlich, aber sehr delikat. Bei allen Obstartcn, die der Mensch pstcgt, wird von ihm! angestrebt, dafe das Fruchiileisch sich möglichst üppig entwickelt, dia Samenkerne aber möglichst zurücktreten und da3 Kerngehäuse schwindet. Die Banane, wohl eine der ältesten Kulturpslanzeu, enthält überhaupt keinen Samen; ebenso sind die Beeren der fteriiiMjen und Su'tanwen fernfrpf, wir besitzen cufi eine Anzahl voi? kernlosen Aeps--und Birnensorien. Daö ist auch bei Apfel- finen der Fall, äb r wissen crne Erfahrung/ tafe bei der einen Sorte die Kerne r-chlich vorhanden, bei anderen dagegen nur spärlich sind, und wir geben den letzteren den Norzupu In dem brasilianischen Staate Bahia entstand nun eine sehr seine Spielart, die Nabelorange. Ein Auswuchs am Fruchtknoten Isa t ihr diesen Name» eingetragen. Die Frucht ist groß, von läng- licher Forn>, das Fleisch ist fein, schmelzend, süß und aromatisch. DaS Kernhaus ist schwach entwickelt und enthält nur sehr»venigen Samen. Leider ist diese sehr wertvolle Spielart gegen den Frost empfindlich und eignet sich darum nur in völlig toarmen Lagen gum Anbau. Man hat aber in der neueren Zeit in Kalifornien und in Australien Spielarten der Nabclorange gezüchtet, die bc- tcuteird kliinahärter sind. Tie kalifornische Nabelorange wird auch die Nabelorange von VHberside genannt. Der Daum ist schwachwüchsig, neigt sogar zum Zwergwuchs und ist nur mit wenigen Dornen besetzt. Die Frucht ist gross und rund, die Schale glatt und das Fleisch süss und aromatisch. Diese Apfelsine enthält nahezu gar keinen Samen und wird darum kernlose Apfelsine genannt. Allem Anscheine nach gehört dieser Spielart die Zukunft. In Norainerika beherrscht sie den Markt. In Kalifornien hat man sich etwa vor dreissig Zähren dem Anbau der Orangen im Grossen zugewandt. Die Pflanzer.mußten jedoch vorerst bittere Erfahrungen machen. Selbst als sie die richtigen Kulturmethoden fanden, war der Absatz der in Masjen erzeugten Früchte mit Schwierigkeiten verknüpft. Mau Lachte an die Versorgung des Inneren und des Osten der Ver- einigten Staaten, der am stärksten bevölkerten Gebiete. Die kalifornischen Apfelsinen mußten mit der Eisenbahn versendet tocrden. Die Fracht war aber teuer, auf dem Transport»wurden die Früchte durch Mitteln und Schütteln beschädigt, sie waren grossen Temperaturschwankungen ausgesetzt und ein grosser Teil verdarb, bevor er den Bestimmungsort erreichte. Hier aber be- gcguetc er einer alteingesessenen Konkurrenz. Florida, die westindischen Inseln, ja selbst Spanien und Italien konnten infolge des brguemercn Seetransportes ihre Waren billiger verkaufen. Am nun die Konkurrenten aus dem Felde zu schlagen, warfen sich ldie-Kalifornier aus die Zucht der kernlosen Nabelorange und trafen damit das Richtige. Die kalifornische. Apfelsine eroberte sich nach und nach den nordamerikanischen Markt. Möglich wurde«dicö aber ausserdem dadurch, daß auch ie Berschickungsarten wesentlich ver- bessert wurden. Die sauber gereinigten, sorticrien uikd einzeln in Seiden- dapicr geivickelten Früchte wurden in die Kisten so gepackt, daß die Früchte noch etwas über den Rand der Kiste vorragten. Vermittelst einer Presse wurde dann der Deckel aufgedrückt, die Apfelsinen wurden zusammengepresst, so lose zwar, daß sie keinen Schaden »'.ahmen, aber so fest, daß sie auf dem Transport durch das Rütteln kes Eisenbahnwagens nicht beschädigt»verde« konnten. Eine»veiter: Sefahr bestand für die Apfelsinentransporte darin, daß sie in der tsarmcn Jahreszeit durch die hohe Temperatur dem Verderben aus- gesetzt Ivaren; besonders schädlich erwicS sich die Fahrt durch die wüsten, von Gluthitze erfüllten Strecken von Arizona, Newada und Neu-Mexiko. Man suchte dem Ucbclstand dadurch abzuhelfen,' daß w-an die" Apfelfincnkistcn in Kühlwagen verschickte. Zur Kühlung Denutzt«»nan nach der allgemeinen üblichen Methode EiS. Es stellte sich aber harauZ, daß diese Art von Abkühlung durchaus»ficht genügte, lintersuchte man die Ladung, die von Kalifornien in Sistvaggons abgesandt lvurde, nach ihrer Ankunft in New Aork. so zeigte sich, daß die Temperatur im Innern der Kisten noch gpr nicht genügend gesunken war, um das Zersetzen der Früchte zu verhüten. Man hat darum in der jüngsten Zeit zu einem anderen Wersahrcn gegriffen. Die mit Apfelsinen vollgepackten Kisten tveroen zunächst in einen Kühlraum gebracht und hier durch und durch«ruf ch 2 Grad bis 4 Grad Celsius abgekühlt. In diesem Zustande werden sie erst verladen. Der Erfolg tvar äußerst be- sricdigend. Die Verluste durch Fäulnis während des Transportes wurden auf 4 bis 5 Prozent herabgedrückt._ Im Laufe eines Jahres Vezifferte sich der Wert der auf diese Weise geretteten Früchte auf etwa 0 Millionen Mark. Außerdem werden gegenwärtig in Nord- emenla Einrichtungen getroffen, daß man mit Früchten beladenc Eisenbahnwagen in 5iühlhäuscr schafft, hier daS Innere der Wagen oevörig abkühlt und dann erst die Fahrt antritt. Selbst auf weite Strecken ist dann Eisküblung nicht nötig, denn die vorgekühlten Früchte behalten ihre niedrige Temperatur bis zum Eintreffen am WestimwungSort. Diese Fortschritte in den Vers andmetho den wirken vorbildlich auch auf andere ProduktionSlä, der ein. Und Sank dlcsev Bestrebungen wird der Norden die Apfelsine in immer lvollkoimneneren Zustand und für billigeren Preis erhalten. Und wenn übersaure Früchte vom Markte verschwinden, so wird daS von den zahllosen Freunden des goldenen ChinaapfrlS nur mit Freude begrüßt werden.________ kleines feuiUeron. Geologisches. Besteht weitere Erdbebengefahr? Die jede menschliche Fassungsgabe überschreitende Grösse der letzten Erd» bebenkatastrophe hat in manchem die ängstliche Frage aufwuchen Derantw. Redakt.: CarIWcrmuth, Berlin-Rirdork.—Druck u. Bcriagp lassen: sind wir denn vor ähnlichen Cefahcev gefeit? Die Wissen» schaft vom Erdbeben vermag auf diese Frage einigermaßen bc» ruhigcnde Antworten zu geben; wenn sie auch mit ihren bisherigen Mitteln drohende Erdbeben nicht voraussagen kann, so sind doch ihre Feststellungen über Erdbebcngebicte um so sicherer. Die erd- bebenbedrvhtcn Zonen sind festgelegt und eS ist auch mit einiger Gewißheit zu ermitteln, in»velcher Phase sich jedes Erdbeben- gel'ict befindet. Der Vorstand deS erdmagnetischen Observatorium? in München, Dr. Messerschmitt, behandelt in Heft 3 der„Umschau" die letzten Erdbeben in Italien, Kalifornien und im sächsischen Vogtlande und stellt zum Schlüsse diesen Gebieten(die japanischen, südamerikanischen usw. find hier nicht in Betracht gezogen) folgende Prognose: Es lassen sich die Betrachtungen über die letzten Erdbeben in San Franzisko, in Süditalien und bei unS im Vogtland dahin zusammenfassen, daß bei allen tektonische Vorgänge, Zusammen» Ziehung der Erdkruste, die Hauptrolle spielen. In Kalifornien dürften die Veränderungen,»velche die Erdkruste im Laufe der Zeiten erleidet, noch im Zunehmen sein lvenn auch dazu große Zeiträume nötig sind.(In der Geologie sind 1000 Jahre nur eine tleine Grösse.) In Südftalien ist zwar der Hcbungs- und Faltungsprozcß beendet, es sucht sich aber die Erdkruste jetzt erst noch ins richtige Gleichgewicht zu setzen. Infolge seiner Lage in der Nähs eines tiefen SenkungsgebicteS deS Mittelländischen Meeres ist der Prozeß freilich noch lanaedaucrnd und es wird der Mensch dort noch manchen Kampf mit Den Elementen zu bestehen baben, ehe völlig gesicherte Verhältnisse eingetreten find. Im sächsischen Vogtland endlich und im Erzgebirge sehen wir nur»loch die letzten Zuckungen der einstigen gewaltigen gcbirgsbildenden Kräfte, die teilweise durch untergeordnete vulkanische Vorgänge noch etwas»interstützt werden. Es ist also in diesen Gegenden zu- nächst jede Gefahr ausgeschlossen. Freilich im Laufe der geolo- aischen Perioden kann auch hier wieder eine Aenderung eintreten. denn»vis früher ein Wechsel in Gegenden stattfand, die jetzt, wie Deutschland crdbe benarm sind, so wird ein solcher Wechsel auch in ferner Zukunft wieder stattfinden, bis einmal die Erde völlig er» scarrt sein lvird. Ans der Borzeit. Nutz- undNährpflanzcn deö vorgeschichtlichen Menschen in Europa. M. Much veröffentlicht über diese? Tfccma in den„Mitteilungen der anthrop. Gesellschaft in Wien" einen lleberblick. den der„Globus" im AuSzug wiedergibt. Danach wurden durch die Eiszeiten die Gewächse unseres Erdteiles, die dem Menschen zur Nahrung oder zu sonstigem Nutzen dienen konnten, keineswegs vernichtet, so daß sie sich in den Zwischeneis- zeiten, insbesondere nach der letzten Eiszeit, von ihren Zufluchtsorten aus wieder verbreiten konnten. Schon in der Evlutree- er iode, einer Epoche der älteren Steinzeit, benutzten di« Menschen en damals jedenfalls wilden Weizen und die Gerste zur Nahrung. In der neolithischen(jüngeren Stein-) Zeit finden wir bereits einen allgemeinen Anbau deS Weizens, und zwar von vier Nassen, von denen zwei im Orient und in Aegypten unbekannt sind, wo- gegen die dort vorwiegend angebauten Weizenarten in Europa nicht vorkommen. Ebenso ist auch die im Orient und in Aegypten vor- zugSioeise angebaute vierzeilige Gerste in Europa fremd,>oo da- malS nur die sechSzeilige und vereinzelt nocb die zweizeilige, der Urform nahestehende Gerste Verwendung fano. Die den neolithi- scken Getreidebau begleitenden Ackerunkräuter verweisen auf die Küstenländer am Mittelmeer. Di? in Europa damals angebaute Kolbenhirse hat ihre Stammform in der noch heute bis»n den Korden hinauf wild vorkommenden Kolbenhirse; diese und die später sich einfindende Rispenhirse schien im Orient wie in Aegyp» ten. Der kultivierte Buchtveizen hat sich auS dem in Europa eben» falls wild wachsenden Buchtveizen entwickelt. Ebenso sind Linse und Erbse Züchtungkergebnisse auS den in Europa wild borge« kommenen Formen; die letztere»var den alten Aegyptern und He- bräern fremd. Bekannt war ihnen dagegen die Saubohne, welche aber verachtet wurde. Nach Europa kam sie au» dem Sudan und von Frankreich her. Die Wassernuß ist eine schon seit der Ter» tiärzeit hier lebende und bis in den skandinavischen Norden ver- breitete und in ncolithischer Zeit vielfach benutzte Frucht. Fremd ist in Aegypten und Palästina auch der Mohn, der in den stein- zeitlichen Pfahlbauten nicht selten fit; er wurde wahrscheinlich auS dem wilden Feldmohn gezogen. Ebenso»var unser europäisches Obst den Aegtjptern und Semiten nicht bekannt. Pfirsich und Aprikose sind wahrscheinlich ein ZüchtunaSergebniS der Inda- germanen Mittelasiens; der kultivierte Apfel,»velcher in Mittel- europa in vielen Ansiedelungen erscheint, lvurde ohne Zweifel auS der einheimischen»vildcn Art gezogen und tvahrscheinlicb ebenfalls die Birne. Beide»varen im Orient unbekannt. Die Walnuß ist in Frankreich in paläolithischer Zeit einheimisch gewesen, von wo sich ihre Pflege in Mitteleuropa verbreitet hat und»vohin selbst ihr Name, welsche Nuß. noch verweist. Der in prähistorischer Zeit verwendete Lcin gehört verschiedenen Arten an, die alle von der- selben auch in Mitteleuropa verbreiteten Urform stammen, doch unterscheidet sich die in Europa gebraucht« Art wesentlich von dem ägyptischen. VorwärtSBuchsruckerci u.Vtrl«g»anitalt Paui Singer Sfiko..BcrlmLA�