Interhaltungsblatt des Dorwärts Nr. 18. Mittwoch, den 27 Januar. 1909 (Nachdruck oerloim.) 17] Vas tägliche Brot. Roman von C. V i e b i g. Das wurde noch ein sehr vergnügter Abend. Mine wurde ganz eingewickelt in Freundlichkeit. Der Onkel schenkte ihr immer wieder in ihr Glas zu. es wurde gar nicht leer: die Tante gab ihr allerhand gute Ratschläge und versprach, ihr bald eine bessere Stellung zu besorgen, als die drüben beim ..ollen Schnapspantscher" war. Trude band ihr von dem Krawatteirtüchelchen, das sie sich ungeschickt umgeknüpft hatte, eine„schicke" Schleife, und Artur loechselte zuweilen einen Blick des Einverständnisses mit ihr, der ihr wohl tat. Mine war sehr vergnügt: plötzlich fiel ihr ein: wo war Grete? Draußen hörte man jetzt den Wind heulen und den Regen auf die Steinplatten des Hofes klatschen: der schöne Spätsommernachmittag hatte sich in einen bösen Hcrbstabcnd vettvandelt. Wo blieb das Kind? „Ach so, de Jrete," sagte Vater Reschke auf ihre Frage: die anderen nahmen gar keine Notiz davon. Nach einer Weile fragte Mine noch einmal, sie konnte den Gedanken an das stumme Mädchen nicht los werden. „Wo is se denn hin. de Grete?" Elli, die bis dahin in der Sofaecke gedruselt hatte, schnellte plötzlich auf.„Die Jrete? Bei de Hallclujamächens is sel Hihihi!" „Schon wieder bei de Hallclujamächens?" Vater Reschke grinste.„Die wird an'n Ende ooch noch'ne Kiepcn-Julcl" Alle lachten. „Laß ihr man," meinte die Mutter,„da is se jut ufje- hoben." „Du. Elli, sing mal das Stück— ach. Du weißt schon," rief Trude. „Ja, singe mal. Ellichen," redete die Mutter zu. Die Kleine zierte sich.„Ne! Ich bin müde!" „Ach was. linge doch!" „Singe, Ellichen. singe!" „Wenn de singst, schenke ich Dir ooch cn Jroschen." der- sprach der Vater. Elli, die bis dahin mit verdrossenem Gestcht still da- gestanden, schleuderte jetzt plötzlich mit einer gelenkigen Be- wegung die Beine in die Luft: fast hätte ihre Fußspitze die Rase des sich zu ihr bengenlden Vaters getroffen. Ihre ge- stärkten weißen Röckchen raschelten, wild flatterte ihre blonde Mähne. Schrill setzte sie ein: „Ich bin die Joscphine von oic peusarmee, Durch mich bekam die Chose erst ihr Renommee!—" Alle Mäuler zogen sich breit, mit außerordentlichem Ver- gnügen lauschte die Familie. ..Venn ich'nen Haufen Männer seh, Denn schieß ich jleich drauf loS; Als Missioneuse bin ich ja Auch im Bekehren jroß—" Immer lebhafter das Beingeschlenker, immer schriller der Gesang. Die Zuhörer starben fast vor Lachen. Trude quiekte und wand sich, alS ob sie gekitzelt würde: Herr Reschke schlug sich ein über das andere Mal aufs Knie:„Haha— hoho!" Frau Reschke hielt sich die Seiten:„Hör uf, Ellichen, hör ufl Jk Platze— Jotte doch, ik platze!" Kein Aufhören. Wie eine trunkne Mäihade raste das kleine Mädchen. Der Vater trampelte mit den Füßen den Takt, die Mutter ächzte nur mehr und wiegte sich hin und her. Immer kühner wurden die Sprünge, immer kecker die Bewegungen. Nicht mehr gesungen, ohne Atem geschrieen, stoßweise nur, kam der Refrain noch heraus: „Ich bin— die Josephine— von bie Heilsarmee"— Schallende Bravorufe, stürmisches Händeklatschen, Töne höchsten Entzückens. Da— draußen vom Hof her eine klägliche Stimme, kaum verständliches Rufen i Trude quietsche hell auf:„Die Josephine von der Heils« armee!" Vor Lachen taumelnd, stolperte sie nach der Hinter« tür, um der Schwester zu öffnen. Sie hatten alle das 5ttopfen nicht gehört. „Na kommste endlich?" rief die Mutter: noch konnte sie vor Lacken kaum ein Wort vorbringen. Die ganze Familit lachte, als Grete, geblendet vom Lampenschein, verblüfft von der unerklärlichen Fröhlichkeit, die sie empfing, starr da stand. „Steh nich so dammelig," schrie die Mutter.„Wie siehst? aus. Quatschnaß!" lind der Vater rief:„ne jebadete Kicpcn-Julet" Und alle lachten, lachten:..Haha— hoho— liehe— hihit' Einen hilfesuchenden Blick warf Grete iintl)or; ihre schinalcn Wangen bedeckten sich mit einer fliegenden Röte, ihre Lippen bewegten sich zitternd. Ein Frcudenschein glitt über ihr Gesicht, als sie Mine entdeckte. Diese zog das Kind an sich.„Warum kommste nich bek mer, Grete?" flüsterte sie ihr ins Ohr.„Komm doch!" Und Grete flüsterte wieder:„Se ließ mir ja nich, se paßte mir uf!" Ein Zucken ging durch ihren dürftigen Körper: beide Arme um den Hals der Cousine schlingend, wisperte sie in leidenschaftlicher Umarmung:„Ich Hab I h n jcsehen-- 1 E r war da— jetzt— heute— mitten unter uns! Bei uns, bei inir! Im Saal!" Mine fuhr zurück: betroffen starrte sie die kleine, vom Regen triefende Gestalt an. Ein entrückter Glanz war in Gretes Augen. 9. Die ganze Woche über dachte Berta an ihren Sonntag: schade, daß der nur alle vierzehu Tage wart Das war ein Tropfen für ihren Durst: sie amüsierte sich immer zu famos. Ganz versunken konnte sie mitunter am Herd stehen und in die Flammen starren: dann ließ sie im Geist noch einmal alle Bilder des Sonntags an sich vorüberziehen: das Gewühl der Menschen, der bunten Kleider, die lachenden Gesichter. Sie hörte die Tanzmusik und das Scharren der Füße, die Cchmeichelreden alle, die man ihr zugeraunt. Sic war sehr beliebt, man rip sich um sie. Leicht wie eine Feder, flog sie im Tanz dabin, ihre hübsche Gestalt wirbelte von einem Arm in den anderen, wie ein Blumenblatt, das der Wind treibt. Im tollsten Jagen behielt sie immer ihre gleiche kühle Frische: kaum, daß sich die zarte Röte auf ihrem blonden Gesicht um eine Schattierung vertiefte. Kein feuchter, verwirrter Schimmer kam in das klare Blau ihrer Augen, wenn sie einer verstohlen auf den Fuß trat oder ihr ein heißes Wort ins Ohr flüsterte: sie sah ihn groß an. ohne mit der Wimper zu zucken. Sie lachte nur hell, eigentümlich glashcll; das machte die Männer ganz toll. An einem ehrlichen Bewerber fehlte es ihr auch nicht: der Bursche Peters hatte seinen Dickkopf rettungslos in sie ver- schössen. War er auch keines Marschbanern Sohn— sein Vater war Halbhufncr aus der Geest—, so hatte er doch ein kleines Häuschen zu erwarten, zwei Kühe und ein Dutzend Schafe, ttnd hartnäckig schilderte er ihr sein Wandrup auf der baumlosen Heide als das Schönste auf der Welt. 5lbends kam er von seinem Burschengelaß, das fünf Treppen hoch, oben auf dem Boden neben der Waschküche, lag. zu ihr in die Küche heruntergeschlichen: dann saß er auf der Eimerbank und schnitzelte verlegen an einem Stücken Holz, während sie am Herd lehnte, die Arme über die Brust gekreuzt, die Füße in den zierlichen Ledcrpantöffelchen weit vorgestreckt. Um ihren Mund zuckte ein Lächeln— das sollte ihr fehlen, einen heiraten, der nichts hatte! Das sah man ja hier bei Hauptmanns, was nutzte es denn, daß sie sich gern hatten? 'ne pauvre Wirtschast! Immer das Billigste, und die alten Hosen vom Herrn wurden für Kurtchen zurechtgemacht. Die gnädige Frau drehte jeden Groschen um, dabei wurde sie so nervös, ganz unausstehlich und kam in die Küche gelaufen und sagte:„Das ist ja, als ob sie einen Ochsen braten ivülu?n." wenn noch ein paar Kohlen stn Herd glimmten. � Auch wollte sie's durchaus nicht leiden, daß Peters abends in der Küche saß. da wurde zu viel Petroleum verbrannt. Wenn Peters nicht da ivar. blieb die Küche dunkel, und Berta stand unten in der dämmrigen Hanstiirnische oder schwatzte im Reschkeschen Keller. Dagegen hatte die Frau Hauptmann nichts: mochte es MitierimD werden, wenn nur Lns Madchen morgen in aller Frühe wieder heraus war.— Nun war es Winter, wenigstens dem Kalender nach, dem Wetter merkte man es nicht an. Kein Frost: Regen alle Tage. Der Reschkesche Keller glich einer dampfigen Höhle, in der man Gestalten auf und nieder tauchen sah, wie höllische Wesen in einem brodelnden Hexenkessel. Frau Neschke hatte abends nicht Sitzgelegenheiten genug für alle Besucher: auch Herren fanden sich ein. Bräutigams aus der Nachbarschaft, die ihre Bräute wenigstens einen trocknen Augenblick genießen wollten. Wem, Mutter Neschke besonders guter Laune war, öffnete sie wohl einem wartenden Bräutigam ihr Privatzimmer und rief dem eiligst herbei- stürzenden Mädchen wohlwollend zu:„Machen Se man. er is schon drinel Da sind se janz unjestörtl" Nur Elli saß in der guten Stube. Aber die war ja noch ein Kind! Mine und Berta trafen sich morgens oft im Keller. Frau Neschke hatte ihrer Nichte die Empfindlichkeit gegen Berta aus- geredet.„Sei nich so tück'sch, Mine, ecne Hand wäscht de andre. Un is se denn nich en nettes Mächen?" Das fand Mine auch, und eine besondere Anhänglichkeit zog sie immer wieder zu jener hin: Berta war ihr ein Stück der Heimat, die ihr im Gewühl der Stadt, im Getriebe der Tage mehr und mehr zu entschwinden drohte. Die von daheim schrieben so selten. Neulich hatte der Vater Malen einen Brief diktiert, da stand aber weiter nichts darin, als:„Wir sind alle gesund", und dann kam eine lange Litanei von Ge° schenken, die sie sich bei ihr zu Weihnachten bestellten. Kein Wort von dem, was Mine gern hören wollte: sie ärgerte sich, als sie langsam den Brief sinken ließ, den sie voller Freude hastig aufgerissen. Sie beklagte sich bei Berta. Diese lachte:«Sei nich so geizig!" „Ne, ne. das is es nich bloß! Aber, daß se so gar nich nach wer fragen!" „Ae was!" Schick ihnen was. un denn is's gutt. Ich Hab Mutter ooch schon was geschickt: die is nu wie'n Ohr- Nürmchen." lFcrisetzuiig folgt.; (Ne.qdriick verkoken.) Der Geramenzweig. Von Ilse Frapan-Akunian. Ter Giuseppe Fumasoli war gestorben. Sein Geschäft hatte ihn nicht ernährt. ES ist kein lohnendes Geschäft, aus alten Stiefeln neue zu machen! Sie werden nicht neu, trotz aller Mühe, und der Käufer, der Trödler, der neben der Synagoge wohnt, schwört bei jedem Paar, das der Flickschuster ihm bringt, es werde reinen Abnehmer finden. Und bei jedem Paar zahlt er wieder ein paar�Centejimi weniger. So kam es, daß Giuseppe Fumasoli trotz täglicher sechzehn- pündigcr Arbeit verhungerte. Er fiel eines Tages ganz langsam von seinem kleinen Hocker herunter, nachdem er vorher nur ein paarnial hin- und hergeschwankt hatte, als ob er betrunken sei. Seine alte Mutter, die mit ihm in demselben lustlosen, licht- losen, halb kcllerartigen Loch wohnte, kam mit ihrem Sack voll alter Stiefel auf dem Rücken ahnungslos herein und fand ihn da liegen zwischen den abgeschnittenen Schäften, löcherigen Sohlen, zwischen den vertretenen Holzabsätzen, den Nägeln und dem Hand- wcrkszeug auf dem schmutzigen gestampften Boden. Er war schon tot und kalt. Dw Madre Fumasoli warf ihren Sack von der Schulter und sich selbst neben dem toten Sohn zwischen die Lcderabfälle in den Schmutz. Die Madre Pompanini, in der Nachbartür, hatte den wilden Schrcckensschrei gehört und guckte herein. Da lag der wachs- gelbe abgezehrte Kopf Giuseppes mit dem spitzen Kinn, auf dem ein dünnes schwarzes Bärtchen stand, leblos im Schöße seiner Mutter, und die Madre Fumasoli hatte ihr Gesicht mit dem losen roten Kopftuch über ihn gebeugt und gab keinen Laut von sich. Sie saß noch so, als die Madre Pompanini unter großem Geschrei das ganze Gäßchen zusammengerufen und irgendwie auch einen Arzt herbeigeschricen hatte. Der Arzt war ein ästhetisch gebildeter Herr, und als er die Gruppe am Boden sah, frappierte ihn in der Haltung der beiden der ewig alte Vorwurf der Mutter mit dem toten Christus. Und er dachte an seinen Freund, den Maler..Symbolizetti", dem dieses Modell einer modernen„Pietä" leider entging. Sonst gab es für ihn hier eigentlich nichts mehr zu tun. Schnell untersuchte er den lang hingestreckten Toten und bestätigte, daß er tot sei. Todes- Ursache:„ungenügende Ernährung". Dann machte er sich eiligst auS dem Staube, da er, vielleicht nicht mit Unrecht, vermutete, daß man ihn hier im Quartier der Acrmstcn und Elendesten an« betteln könne. Der an chronischer Verhungerung gestorbene Giuseppe wurde schon am nächsten Tage begraben. Die Madre Fumasoli begriff davon sehr wenig. Ohne die Pompanini wäre der Giuseppe wohl aar ungewaschen in den flachen Sarg gelegt worden, die gc- krümmten Finger schwarz vom Schusterpech, und in dem zcr- risjenen graukarierten Arbeitshcmd. Die Madre Fumasoli wusch ihren toten Sohn nur mit ihren Tränen und betrachtete ihn unablässig, ohne eine Hand zur Hilfe zu regen. Als der Armensarg über ihren Guiseppe geschlossen ward. da traf jeder Hammerschlag sie ins zuckende Herz, und der ästhetisch gebildete Arzt, wenn er sich noch einmal in diese Höhle des Jammers getraut, hätte sie Wohl wieder vergleichen können mit der schmerzensreichen Madonna, in deren Brust sich sieben Schwerter bohren. Sieben Schwerter! Ja, warum nur sieben? Da ist das Leid um den Sohn, daß er gestorben ist. Da ist das Weh, daß er so jung gestorben ist. Da ist die tödliche Angst um den morgigen Tag. Da ist die Sehnsucht nach dem Toten, der alle ihre Sorgen teilte. Da ist die Verzweiflung, daß er so allein sterben mußte. Da ist das Herzeleid, daß ihn die Ent» behrung'getötet hat. Da ist daö quälende Verlangen, ihn noch ein-» mal sprechen zu hören. Da ist die schwarze Stelle, wo er tot am Boden lag. Da ist der fressende Gram der Vereinsamung. Da ist-- Sieben Schwerter? Ja, warum nur sieben? Der Giuseppe wurde also begraben. In einem Massengrab, denn er hatte ja auch bei Lebzeiten zu der unterschiedslosen dunklen Masse gehört. Der Platz auf dem Friedhof sah aus wie ein neu- bestellter sandiger Acker, auf dem eine dichte Menge kleiner Holz- kreuze wuchsen, regellos verstreut, gedrängt an einigen Stellen, weitläufiger gestellt an den anderen. Zur Rechten dehnte sich eine noch größere kahle Wüste, wo die schwarzen Kreuzchcn, ganz kleine Kreuze mit weißen Nummern, sich noch dichter hintereinander drängten. Das war der Platz der Kinder jener Namenlosen. Aber nach links— oh nach links war es anders. Tort grünten Kränze und blühten Topfpflanzen hinter zierlichen schwarzen und goldenen Gittern, vor Marmortaseln mit goldenen Inschriften, vor bunten Porphyrsäulen mit den weißen Reliefbildern der Ver- storbenen. vor blinkenden Statuen niit verhüllten Gesichtern und gerungenen Händen. So ehrte man diejenigen denen es im Leben gut und behaglich ergangen, und die sich deshalb, weil es ihnen so gut und behaglich ergangen, als Ausnahmen«nporhoben und nicht verwechselt werden durften mit der dunklen, unterschiedslosen, großen Masse, selbst nicht im Tode! Ein breiter Fußsteig trennte das Villenviertel des Kirchhofes von dem Armenviertcl. Die Madre Fumasoli wußte von allen diesen Dingen nichts. Sie wußte überhaupt sehr wenig. Sie war ein armgeborenes und armgcbliebeneS. unwissendes altes Weib. War einmal ein Gedanke in ihrem Kopfe gewesen, so hatte die Not und das Elend ihn längst vertrieben. Sie verglich nicht, sie überlegte nicht. Sie sah nur. Sah mit ihren halbauSacwcintcn Augen auf das sandige Loch im gelben Boden, in das sie ihren Giuseppe gelegt hatten, und das eben jetzt der Totengräber verdrossen und eilig zuschaufelte. Und wenn der Totengräber bei seiner Arbeit zwischen sie und daS Grab trat, dann sah sie seitwärts, links, die brennend roten Geranien, die blassen Rosen und die grünen Palmivedel auf den Gräbern des Villenviertels. Endlich hatte der Totengräber die Arbeit getan. Der Mann glättete ein wenig die gröbsten Unebenheiten des Grabes, spuckte aus, schulterte den Spaten und ging. Die Madre Fumasoli richtete sich schwerfällig auf, schlug das Kreuz und verbeugte sich vor dem bluttriefenden Christus, der mitten auf dem Fußsteig an dem Marterholz Hing, nahm Weih» wasscr und sprengte es mit zitternden ftostblauen Fingern auf das frische Grab. Dann schlich sie zögernd nach der linken Seite an ein besonders reich und bunt mit Topfblumen geschmücktes Grab, griff über das niedere Gitter und brach von einem Geraniumstock einen Zweig mit Blüten, rot wie frisches Blut. Den Zweig gegen das blutende Herz gepreßt, kam sie zu dem Grabe ihres Giuseppe, warf sich nieder und steckte zärtlich und behutsam oen blühenden Zweig in den lockeren Boden, die einzige Blüte hier auf dem großen krcuzebepflanzten Massenacker. Das heißt— sie wollte das Zweiglein in das schon mit dem Finger gebohrte Loch stecken, als der Friedhofgärtner sie ertappte. Vom Ende des Fußsteigs hatte er den Raub gesehen und war mit langen Schritten herbeigeeilt. Sein Gesicht war zorngerötct, seine Gebärde wild. Das wäre eine schöne Weltordnung, wenn jeder kommen könnte und die Gräber des Villenviertels berauben, von deren Pflege er sein Brot aß! „Was hast Du gestohlen, alte Hexe?" schrie er der zitternden Diebin entgegen,„das Grab des Herrn unterprüfekten hast Du gewagt zu berauben! Ich Hab' es wohl gesehen! Aber schlecht wird es Dir bekommen." Und er stellt die Blumentöpfe, die er trägt, hasiig auf den Boden, und wie ein guter scharfer Wachthund packt er mit der einen Hand das Zwciglcin blühenden Gcraniums, mit der anderen den dürren Arm der Madre Fumasolk und schleppt die ihr Ver- brechen kaum Begreifende, vor Schrecken und vor Scham fast Sinnlose zum Fricdhofstor hinaus, hinaus auf die menschenvolle Strahe, hinüber zu der Polizeiwache, die wie«ine Fallgrube am Wege lauert. *.' ..Gestohlen? Nun also! Paragraph so und so des Strafgesetzbuches kommt hier in Anwendung, und fertig. Nichts einfacher als das." Die Madre Fumasoli ward wegen Beraubung eines Grabes zu acht Tagen Gefängnis verurteilt. Das elegante Mailand, das schöne italienisch)« Paris, ist ganz in froher Aufregung. Es feiert den Frühling mit einem Blumen- korso. Die Spiegelscheiben der Auslagen glitzern noch einmal so blank, aus den Fenstern sind bunte Teppiche gehängt, Fahnen und Fähnchen, Stangen mit Fichtengrün umwunden, an denen farbige Bänder flattern. Quer über die breiten Straßen ziehen sich Girlanden mit Inschriften, mit Versen, mit bunten schaukelnden Ballons. Der ganze Weg, den der prächtige, duftende Zug nehmen wird, ist dekoriert, bis zu den öffentlichen Gärten, wo man seit Tagen schon grast, hackt, säubert, um die Spuren des Winters zu vertilgen. Blendend flimmert die scharfe Märzsonne auf dem weihen Marmordom, schneidend pfeift die Bise durch den Korso Garibaldi herunter von den Bergen— Frühling soll sein! Wie sie sich drängen auf den Plätzen und Straßen, wie die Hahnenfedern der Bersaglieri, die beordert sind, die Straßenmitte freizuhalten, um die Wette flattern mit den weißen Schleiern und schwarzen Mantillen der Frauen— Frühling ist dal Es soll Frühling sein. Evviva, der Herold! Evviva, der Sonnenstrahl als Herold! Irgendein junger schöner Mann in goldglänzendcr Seide sprengt heran. Er eröffnet den Zug. Sein Rappe trägt vergoldete Zäume, vergoldete Hufe sogar die Mähne ist mit Goldstaub bc- streut. Ein kurzer Strahlenmantel umfliegt des Herolds Schultern, ein langes schmales goldgelbes Seidcnfähnlein schwenkt er ohn' Unterlaß. Und sein schönes schwarzäugiges Gesicht lächelt so stolz und siegreich nach allen Seiten, als war' er wirklich der Sonnengott. Und hinter ihm quillt und schwillt es von blumenüberschüttctcn, in Blumen gehüllten eleganten Wagen. Eine wahre Blumenorgie, eine Blumenflut, eine duftende, quellende, blühende Vergeudung des übermütigen Reichtums! Da wo sich die Wagen ani dichtesten drängten, wo die Blumen wie ein Regen heruntersielen zwischen die Räder und zwischen die Füße, ward gerade die Alte hinübergeführt inL Ge- sängnis, die Madre Fumasoli. Solch ein Anblick für die Festlichen alle! So ungeschickt ist diese Polizei! Zum Glück sahen sie nur wenige, und schnell kehrten sie sich ab. Die gebeugte Greisin, die in Ehren alt gewordene, und nun, im fiebenundsechzigsten Jahre noch zur Diebin entartete Madre Fumasoli! Und auch sie sah nichts von der sinnlosen Orgie jener Feiernden, die über zertretenen Blumen und zertretenen Herzen ihren Tanz aufführt. Vor ihren Augen war das Bild ihres Giuseppe, der bei sechzehn- stündiger Arbeit täglich— Hungers gestorben. Was kümmerten sie jene Wagen? Was jene fremden, in Seide und Gold gekleideten Leute? Welcher Zusammenhang war zwischen jener Welt und der ihren? Da fiel plötzlich etwas zu ihren Füßen nieder. Eine rote Geranicnblütc, aus einem Wagen geworfen und abgelenkt vom Ziel. Die Madre Fumasoli zuckte zurück, strauchelte, sah ängstlich zur Seite nach dem sie führenden Polizisten und setzte dann sorg- fältig ihren Fuß daneben, so daß er den Zweig nicht berührte. Sie bekreuzte sich wie vor einem höllischen Blendwerk— wollte der Teufel sie hier zum zweiten Male versuchen. Und gebeugt und wankenden Trittes folgte sie dem Polizisten in das Gefängnis, das die Leute des guten Gewissens für die Sünder aufgebaut haben. fdix JNIenddsrobn-ßartbolcty. (1809— 1847.) Am 3. Februar 1809 wird es einhundert Jahre sein, daß zu Hamburg ein jüdischer Bankierssohn geboren wurde, der in einem kurzen reichen Leben rasch zu der Höhe der musikalischen Großen aufstieg. Lieber, als am Gedenktage selbst, an welchem ja die all- gemeinen Erinnerungen eigentlich schon zu spät kommen, weisen wir bereits jetzt auf die Bedeutung des Tages hin. Mancherlei Aufführungen und sonstige Bemühungen werden das Gedächmis Mendelssohns wieder erwecken, obfchon die meisten Musiker andere Jubelfeiern steudiger veranstalten dürften als gerade die jetzige. Unter anderem werden am 29. Januar(mit General- probe am 28.) in der Singakademie das Oratorium„Elias" und am 3. Februar in der Kaiser-Wilhelm-GedächtniSkirche das Oratorium .Paulus' aufgeführt werden. Wir Heven diese zwei Gelegenhcite», besonders deshalb hervor, weil beide Oratorien als des Meister? vielbeliebte und vielwiederholte Hauptwerke gelten. Sie kennzeichnen jedenfalls gut sein innerstes Streben. Das wohlgepflegte Wunderkind aus einem noch jetzt musikalisch reichbcwegien Haus verlebte seine Jugend in einer Zeit, deren literarischen und künstlerischen Geist wir kurz als„Romantik" be- zeichnen: und als der Virtuose der Romantiker steht Felix wohl für immer in der Geschichte der Musik sowie der Kunst überhaupt da. Doch gibt eS kaum einen Großen, gegen desicn Beliebtheit und schier endlose Nachbildung ein solcher Ruckschlag eingetreten ist wie bei Mendelssohn. Süßlich- sentimentales Melodienspicl, Unechtheit und Oberfläche— so hört man über Mendelssohns Musik sprechen. Und von ihr selbst hörte man seit langem außer einigen großen Un- entbehrlichkeiten kaum noch etwas, am wenigsten seine jedenfalls dankbaren feinen Kabinettstücke. „Oberfläche": das stimmt zum Teil am ehesten. Weit und breit gibt eS nicht bald einen Schaffenden, der so sehr wie Mendelssohn seine Leistungen mit Leichtigkeit fix und fertig hin- gestellt hat. Zwar mühte er sich redlich. Dinge zu erreichen, für die ihm das eigentliche Organ fehlte. Abgesehen davon aber gehörte er keineswegs zu denjenigen Idealisten, die jeden Gegenstand so lauge drehen und wenden, bis sie feine rauheste, aufgabenreichste Seite sich zugewendet haben, die sich bis in daS Innerste hinein abquälen und deren Leistungen noch die Spuren des arbeitenden Ringens tragen. Mit Eleganz drüber weg: so soll Mendelssohn dirigiert haben, und so muten auch seine Kompositionen an. Er war ein vollendetes Ganzes in feiner Art. Aber er wollte mit von der Partie der musikalischen Klassiker sein und zwar gerade der älteren, wie Händel und Bach. Von dem, was er in dieser Richtung geleistet hat. kann mag kurzweg sagen, daß man derartiges doch noch lieber bei den Aelteren sucht und hört als bei dem Epigonen. Seine Leistungen darin find teils minderwertig, teils hinterlassen sie ein Gefühl des nicht ganz Wahren. StctS aber überraschen sie durch die großartige, geradezu verblüffende Kunst des Hineinlebcns. DaS alles möchten wir sogar von den eingangs genannten Oratorien trotz ihrer rührenden Schönheiten sagen. Sie enthalten eine merkwürdige Verbindung von der großen Wehnmt alttestameutlicher Tradition einerseits, von deutscher Meisterschaft und deutscher Herzensiunigkeit andererseits, mit dem Ergebnisse, daß doch nirgends eine rechte Befriedigung zustande kommt. Roch mehr gilt das Gesagte von mehreren anderen Werken, die in kirchlichein Geist gedacht sind, also von den Orgelsonaten u. dgl. Sodani» scheint eS uns auch von den Streichquartelten zu gelten. obwohl unter diesen immer ein oder das andere seinen entzückte» Liebhaber findet. Sobald aber Mendelssohn über den klassischen GrundthpuS hinausgeht; sobald wir seine unglaublich flott hinreißende Kammer» musik sür Klavier und Streicher hören, zumal die Klaviertrios; und gar erst wenn sein Streichoktett erklingt, dies üppig reiche lieblich heitere Werk, das allerdings des sorgkältigen Zusammenspieles von acht gewiegtesten Streichkünstlcrn bedarf: dann beginnt der echte Mendelssohn. Seine Höhe erreicht er in der Form des graziösen Scherzo?, die den älteren Menuett ersetzt, und die ihm fast völlig zu eigen gehört; sondern namentlich in allem, was Elsenmufil u. dergl. ist. Hier reicht schwerlich ein anderer Komponist an ihn heran. Die Zauberklänge seiner Ouvertüre zum„SommernachtStraum" entzücken immer wieder auch den, der Mendelssohns„Hochzeitsmarsch" zu dem bekannten Shakespeareschen Stücke für eine Grobheit hält. Aber nicht nur die genannte Ouvertüre, sondern so gut wie all« seine sogenannten Konzertouverturcn zeigen Mendelssohn« Eigenart auf ihrer besten Höhe. Auch die Sinfonien kommen ihnen nahe. Die„Resormationssinfonie" nimmt geradezu manches von Richard Wagner vorweg— nur darf man dies nicht sagen. Die «lavierstücke, einst sozusagen verhimmelt, gipfeln in den„Liedern ohne Worte", die allerdings wohl mehr Vorläufer haben, alS man gewöhnlich beachtet, aber für immer eine Eigenleistung bleiben. Und daS Violinkonzert verliert feinen mächtigen Eindruck wohl nur da» durch, daß es ein Alleriveltsleierstück geworden ist. Von den Vokalwerken Mendelssohns kennen wir die„Walpurgis- nacht" durch den Berliner Volischor, dagegen die wertvollen Männer» cköre und die Soloaesöuge wohl noch zu wenig. Die eigentlichen Lieder mag ein„Moderner" nicht. Einst ließen sich unsere Groß- eltern mit' Entzücken„auf Flügeln des Gesanges"„bis an die Ufer des Ganges" tragen; heute bleibt man dagegen etwas kühl. Allein man muß einseitig geworden sein, wenn man beim Durchblättern der MendelSsohnschen Lieder nichts verspürt von ihrem innigen Fühlen, selbst von ihrer Geschicklichkeit, das Musikalische der Natur darzustellen und ihr ganz besonders die FrühlingSkläuge ab» zulauschen. Doch die Entivickeluug der Liedkomposition ist zwar nicht über solche Kunst, wohl aber über manche Kunstwidrigkeit hinaus- gegangen. Ein Beispiel I Mendelssohn komponiert unter anderen Texten von Heinrich Heine auch das Reiselied„Der Herbstwind rüttelt die Bäume" als Dirigenr des.Gewandhauses" soivie seit 1813 alS Gründer und Direktor des damals grundlegenden Leipziger Kon- fervatoriums und bedeutete in seiner Person geradezu eine Zentral- stelle für Musikpflege und musikalische Bildung. Bereits am 4. November 1847 starb er. Für sein Andenken ist in früheren Zeiten nicht wenig getan worden. Noch ehe Mozart und Schubert, Schumann und Berlioz Gesamtausgaben ihrer Kompositionen betaincn, wurde Mendelssohn mit einer solchen bedacht, nachdem bis dahin erst Bach, Händel und Bethoven in ihrem Gcsanrtwerk heraus- gegeben waren. Die schwerste Arbeit scheint die Gesamtausgabe Mendelssohns gerade nicht gewesen zu sein. Schwerlich gibt''eine Erscheinung dein Forscher irgend welche Rätsel auf. Rur der Gegensatz der Richtungen stört das abschliestende Bild, daS wir uns von ihm machen können, und das die JubiläumStage wiederum zeigen werden. Darin wird aber auch die Mahnung liege», end- lich einmal bedeutende Leistungen nicht daraufhin zu betrachten, welcher „Richtung" sie angehören, sondern welche Bedeutung sie haben. Und loertvolle Musik hat Mendelssohn unter allen Umständen ge- schaffen. Er war äusterlich höchst vielseitig: doch an daS Um- fastende der eigentlichen Klassiker reichte er"nicht heran. Aber er versteht mit inniger Teilnahme das deutsche SangeSwesen. daS laute wie da? stumme, das häusliche wie daS drautzen in der Ratur. Für welches Jnstrnmeul und für welche Mufitform auch immer er komponiert: diese Freude am rührenden Gesang lebt überall und stets prunkloS. Man mag darin das letzte NuSlliiigen einer jüdischen Klage zu vernehmen glauben; dem Abendland ist eS jedenfalls so zugute gekommen, daß wir cS nicht mehr»nisten möchten. 6z. Alimerkälte und Infektenleben. Die meisten Infekten beweisen eine so energische LebcnSzähig- kelt und Widerstandskraft gegen die Kälte, dast sie fast ohne jede Erstarrung den Winter überdauern. Maiiche Insektenlarven, die kaum einen Millimeter Länge haben, b- sitzen soviel Lebenskraft, dast sie die ganze kalte Periode ohne Schaden überdauern. Der Euiwickelungszuttand freilich, in welchem die Insekten überwintern, ist ein sehr verschiedener. Tie meisten ausgewachsenen Tiere lernen nur die Sommerfreuden kennen, um zu sterben, sobald der erste Rauhwind die Blätter von den Bäumen schüttelt, aber ihre Nach- kommen harren im El oder Larvenzustand in geschützten Schlupf- Winkeln gut verwahrt des kommenden Frühlings. Es gibt auch zahlreiche Insekten, die nie ganz in unseren Behausungen fehlen und sich auch draußen in der Ratur einem aufmerksamen Be- cbachter oft zeigen. So finden wir in den Küchen oder in Wohn- zimmern, die längere Zeit kalt stehen, noch immer einige von unseren treuesten Stubengenoffen, die Fliegen. Auch viele intimere Echlnaroher führen bekanntermaßen ihr beißendes Tascin im Winter ruhig weiter. D,e Parasiten der Säugetiere find tflelfach als Puppe» an den Haaren ihrer Wirte, z. B. der Schafe und Hirsche, festgeklebt zu finden, und die auf Vögel lebenden Arten bleiben im Winter meist in deren Nestern als Puppen liegen. Da uun viele dieser Pögel. wie die Schwalben, ihre alten Nester wieder aufsuchen, so finden auch die oft nicht zum Fliegen fähigen Para- ptcn im Frühling regelmäßig wieder ihren Tisch gedeckt. Treten wir an einem klaren Wintermorgcn in ein unbewohntes Limmer, so trifft es sich oft. daß wir an sonnenbeschienenen Fenstern einen Schmetterling, meist Fuchs oder Pfauenauge, lustig umherflattern sehen. Kommen dann wieder trübe, kalte Tage, so «äffen wir lange suchen, bis wir diesen Wintcrgast in irgendeiner dunklen Ecke oder am Zweige einer Topfpflanze wiederfinden. Und in welcher Stellung verharrt er dann dortt Mit beiden Hint-r» deinen hat er sich festgehakt, zieht die Putzpfoten und das zweite Beinpaar eng an den Leib uns hängt in dieser Weise ganz mecha» nisch mit dein Körper nebst den zusammengelegten Flügeln senk- recht herunter. Seine Stellung ist also ganz ähnlich der der Fledermäuse, wenn sie schlafen oder ivenn sie ihr Winterquartier bezogen haben. Mit vier scharfen und gebogenen Krallen hält sich das Tier mehrere Monate hindurch ohne die geringste Muskel- anstrengung in seiner Ruhelage. Sobald cS jedoch Sonnenschein entdeckt, fliegt es ans Fenster, hält Ausschau, ob noch nicht dl? wärmende Frühlingssonne gekommen ist und nimmt dann wieder geduldig das frühere Versteck ein. Pfuschen wir aus übel an» gebrachtem Mitleid der Natur ins Handwerk und setzen diesen Wintergast in ein warmes Zimmer, so haucht er bald sein Leben aus. Ungefähr hundert Arten, also beinahe der dreißigste Teil aller Sck>mcttcrlingsarten Deutschlands, pflegen sich im Spätberbst auS ihren Puppen zu entwickeln und den Winter an verborgenen Orten zu verbringen, um dann im Frühjahr für die Fortpflanzung sorgend, ihre E>cr an den frisch grünenden Nahrungspflanzen der Raupen abzusetzen. Treten wir hinaus und schauen unter die Dach- rinnen und überhängenden Dächer, oder lösen die lockere Rinde der Bäume ab, so finden wir noch weit mehr überwinternde Schmetterlingspuppcn-Raupcn und-Eier. Aber auch in den Bächen und Teichen lebt und webt eS trotz Frost und Eisdecke. Da finden sich bald ruhig im Schlamme eingewühlt, bald munter unter dem Eise herumschwimmend, die Wasserkäfer. Entfernt man das Eis so erscheint der Taumel- oder Drehkäfer, der sogleich auf der Wasserfläche seine munteren Bogen zu ziehen beginnt. Nimmt man einen größeren Stein behutsam auS dem Wasser heraus, so erblickt man eine Menge kleiner Röhrchen, die fest angeklebt, iu böchst eigentümlicher Weise aus Steinchen, Schnecken und Holz- stückchen erbaut sind. Drückt man eine solche Röhre ein wenig mit dem Finger zusammen, so schaut, allerdings unfreiwillig, am Ende ein l)äßlickes Köpfchen hervor, die Larve der Frühlingsfliege. Auch die Luft wird an lvarumn Wintcrtagen belebt, besonders durch einige Mückenartcn, die dann im Sonnenschein ihre lustigen Tänze ausüben. Von den verhaßten Stechmücken pflegen nur die Weibchen eine so große Ausdauer zu beweisen, daß ein zur Er- Haltung der Gattung vollauf genügtmder Teil den Winter über- steht. Da nun die von diesem Weibchen im Frühling erstehenden neuen Generationen sich erst als Larven allmählich entwickeln müssen, so erklärt sich dadurch die Tatsache, daß bis zum Hochsommer vor den blutgierigen Schmarotzern im allgemeinen Ruhe ist. ES kommt wohl auch vor, daß sich ein Frühlingsbote in seinem Zdffinne irrt und schon au sonnigen Wintertagen aus seinem geschützten Quartier auskriecht, besonders dem Maikäfer ergeht es häufig so. Interessant ist daS winterliche Treiben und Tun aller ge- felligen und überhaupt nestbauenden Jnscttcn, die entweder direkt ihre Jungen aufziehen und wie die Vögel füttern, oder für sie daS Futter eintragen und aufspeichern. Einen größeren Schutz gegen Kälte haben diese Tiere schon durch ihre Anhäufung, wo- durch sie sich gegenseitig erwärmen. Soll ein solcher Staat den Winter überdauern, so haben die vollkommenen Tiere für sich selbst genug zu sorgen und müssen größere Mengen von Honig auf- speichern, um im Winter davon leben zu können. Deshalb er- halt sich in unseren Gegenden von den Bienen nur die Honigbiene, von den übrigen Arten gche» alle vollkommenen Tiere zugrunde. Dagegen sterben bei den Wespen, die kein Futter fiir die kalte Jahreszeit eintragen, sondern mit sorglosem Sinne nur immer der Gegenwart leben, im Spätherbst alle Arbeiter und Männchen ab und cs überwintern nur die Weibcken im Zustamde des Winter- schlafes im Reste oder an anderen geschützten Orten. Infolgedessen ist bei den Wespen die Jndividuenzahl im Frühjahr sehr gering und wächst erst gegen den Herbst hin. Ein merkwürdiges Leben führen die Ameisen im Winter. Ja ihrem Baue befinden sich während der kalten Jahreszeit Weibchen und Arbeiter und oft auch Eier und Larven, nur keine Männchen. da diese im Sommer gleich nach dem HochzeitSflug absterbe»». Als Nahrung suchen sich diese Ameisen allerhand tierische Abfälle. Treten sehr kalte Tage ein. dann schmiegen sich alle Bewohner zu einem sehr dichten Ballen zusammen und verfallen in Erstarrung. Sobald es aber wieder milder wird, erscheinen sie in Haus und Heide als beunruhigende Gesellschaft. Es gibt auch mehrere Arten von Insekten, die für die Kälte fast gar nicht empfindlich sind. Die Poduren oder Spring- schwänze leben den ganzen Winter hindurch unter Steinen und Moos oft in zahlreicber munterer Gesellschaft. Diejenigen In- selten, welche am liebsten die Schneedecke zu ihren Spaziergängen wählen und mit ihren langen Beinen gravitätisch über die von der Sonne beschienenen eisigen Gefilde streifen, kapseln sich, wie der Gletschergast. gerade während der trockenen Sommerszeit als Larven ei»», führen also eine Lebensweise, die derjenigen aller anderen Insekten vollständig entgegengesejft ist. Der Winter bedeutet also gerade für die zarteste Tierwelt keineswegs Tod und Erstarrung, wie allgemein geglaubt wird. Landgrebe Merankw. Redakt.: EnrlWcemuth, Berlin-Rirdors.— Druck u. Berlag: vorwärts Buchdrucker« u, verl«g»anstalt Paul Singer SeEo.. Berlin ZW.