Ilnterhaltungsblatt des'Vorwärts Nr. 21. Sonnabend den 30 Januar. 1909 m (Nachdruck verboten.) 201 Vas tägliche Brot Roman von C. V i e b i g. Im Geschäft hatte Trude„ihn" kennen gelernt. Da war er mit seiner Mutter, einer eleganten Dame, die kostbare Ein- kaufe machte, hingekommen. Trudes Blicke waren denen des jungen Mannes nicht ausgewichen, als er sie, über den Laden- tisch weg, fixierte. Sie bewegte sich doppelt gewandt, trippelte gefällig hin und her, hob, als sie die Kästen aus den Fächern an der Wand zog, die Arme höher als nötig, run die schlanke Biegsamkeit ihrer jungen Gestalt zu zeigen. Die rote Bluse mit dem kleinen schwarzen Herrenschlips kleidete sie allerliebst. Die kohlschwarzen Augen des jungen Mannes blitzten unter den schweren Lidern. Jetzt räusperte er sich— sie blickte flüchtig auf. Er lächelte— sie bückte sich über den Spitzen- kästen, ihre Finger wühlten darin, es dauerte recht lange, bis sie das Gewünschte fand. Am Abend, als sie das Geschäft verliest, Arm in Arm mit einer Kollegin, Promenierte er draußen vorbei. Leicht grüßend faßte er an seinen Hut. Sie drehte sich nach ihm um. Bis Cafs Josty ging er hinter ihnen drein: er blieb ihnen immer dicht auf den Fersen. Am nächsten Abend trat Trude Reschke allein aus der Tür des Geschäfts.— Darin war Trude zu„ulkig", wie Herr Leonhardt Sclinger es nannte, sie nahm von ihrem Leo nur Kleinig- keiten an.„Wozu?" sagte sie mit einem Ausdruck, der ihr niedliches Allerweltsgesicht bedeutender erscheinen ließ.„Jb bin Dir auch s o gut!" Ja, sie war ihm so gut. Welche Seligkeit, sich abends mit ihm unter dunklen Bäumen entlang zu drücken. Zum erstenmal in ihrem Leben wurde sie von innen heraus warm. Wenn er sie küßte, stand sie verlegen und zitternd, als sei sie nicht im Keller aufgewachsen. Jeden Morgen eilte sie an feinem Haus vorbei, ihr zärtlicher Blick streifte die stattliche Fensterreihe— er schlief noch! Und sie spitzte den Mund und hauchte einen Kuß in die Luft, ihr Herz klopfte, und ein un- gebändigter Jubel kam über sie— der reizende Mensch!� Und sie vergegenwärtigte sich seine Stimme, seinen Mund, sein Schnurrbärtchen, seine ganze elegante Gestalt. Hundertmal sah sie tagsüber nach der Uhr— war es denn noch nicht bald Abend? Eine verträumte Weichheit kam über Trude Reschke: Grete empfand das dankbar, sie wurde nicht mehr im Mchen- tischbett gepufft. Und dafür tat sie der älteren Schtnester gern etwas zuliebe: Trode konnte sich fest darauf verlassen, wenn sie noch so spät an die Blaulackierte tromnielte, wie der Wind war die Kleine da und öffnete ihr. Geduldig saß Grete im Laden auf der umgestülpten Tonne. Ringsum tiefe Dunkelheit, feuchte Kälte, die bis ins innerste Mark kroch. Ein Modergeruch stieg auf, aus den Körben mit Rüben und Kohl, aus den übereinander' geschüt- teten Kartoffeln: ein fauliger, trauriger Duft nach welkendem Grün, nach sterbendem Leben. Leise, wie zögerndes Tropfen, kam'S von den Wänden: in den schtvarzen Ecken ein Knacken und Knistern und Rieseln und Rascheln. Nebenan ertönte rauhes, sägendes Schnarchen: dazwischen Winseln wie das eines jungen Hündchens— das war Elli, die wimmerte im Schlaf. Das einsame Mädchen schauderte und faltete die Hände fest im Schoß. Seine Glieder waren erstarrt, sein Kopf schwer wie Blei. Mit überwachten Augen starrte es in die schwarze Nacht. Immer weiter, sehnender die Blicks— teilte sich nicht die Finsternis, öffnete sich nicht das Gt�völbe? Blauer Himmel glänzte nieder und tat sich auf, und mitten darin Jesus Christus im Glorienschein. ---„Siehe ich bin Dein Freund! Ich bin Dein Bruder! Für Dich bin ich gekommen, für Dich bin ich ge- starben, für Dich, für Dich! Komm zu mir, heut, jetzt, in diesem Augenblick— rette Deine Seele!"~—— Mit einem Schrei sank die Verlassene in die Knie? und streckte die Hände aus, unsägliches Verlangen ini Blick, zitternde Hingabe in jedenr Glied. „Steht mein Name dort schon Vor dem goldenen Thron?" „Hallcluja— Jesus— Halleluja! „In dem Buche des Lebens. Steht mein Name dort schon?!" Keine Antwort. Verschwunden war die Vision. Der Keller ein gähnendes Grab. Huh, so kalt, so leer, so einsam! Stärker wurde der Modergeruch, gespenstischer raunten die Stimmen der Nacht. Weinend lallte Grete Unverstandenes in unverständlicher Sprache. Eine unbeschreibliche Aufregung hatte sich ihrer be- mächtigt, ein unerklärliches Gefühl sie ergriffen— war es Jubel, war es Schmerz! Krampfhaft falteten sich ihre Hände. Dahin! Dahin, wo das Perlentor winkt, wo„Er" steht, der Freund und Bruder! Zu seinen Füßen ausnihn, sein Gclvand berühren: Rette, rette inich! Viertelstunde auf Viertelstunde, halbe Stunde auf halbe Stunde schlich dahin: Grete empfand nicht mehr das langsame Rücken der Zeit. Mitternacht war längst vorbei, als Trude klopfte: geschickt überhüpfte sie die Stufe, darunter die verborgene Klingel anschlug. Sie hatte sich im nächtlichen Cafch wo>„er" sie mit Schoko- lade und Kuchen gefüttert, arg verspätet. Nun wehten ihre Locken zerzaust. Ihr heißer, erregter Puls klopfte an die dünnen, eiskalten Hände der Schwester: ihren raschelnden Röcken entströmte ein schwerer Duft nach Zigarrenrauch. Ohne Wort leitete die Jüngere die Aeltere sorgsam durch' die undurchdringliche Finsternis. Und iminer regelmäßiger klopfte Trude so spät an die elterliche Tür, und immer gleich geduldig öffnete Grete. So ging der Winter hin.— Artur wurde seines Lebens daheim nicht froh. Da war es in der Schule noch besser gewesen: er enipfand zuweilen eine Art Sehnsucht dahin. Da hatte man doch stillsitzen und überS Buch weg in die Luft stieren können. Jetzt hieß es ewig: Artur hier. Artur da! Ohne bestinunte Tätigkeit war er Hans in allen Ecken. Die Mutter postierte ihn mit Vorliebe iir den Laden. Da mußte er zwischen den Körben stehen und Kartoffeln abwiegen und Gemüse anpreisen, vor allem aber die Mägde poussieren. Vater Reschke verstand daS zwar recht gut, aber so ein junger Kerl, der ist doch was anderes! Haare. die sich an den Schläfen voll krausen, und ein keimendes Schnurrbärtchen sind anziehender. Mutter Reschke warf ihrem Artur ermunternde Blicke zu, und wenn er nicht forsch genug tvar, bekam er Schelte.„So'n dummer Junge, der würde es nie zu was bringen, der hatte gar keinen Pli fürs Geschäft." Verdrossen hörte er sich's an, alle Tage verdrossener. Schon das Aufstehen war schrecklich. In stockdunkler Nacht klopfte ihn der Vater heraus, er mußte ihn zur Zentralmarkt- alle begleiten. Der Hinweg ging noch, da war's noch sehr früh: aber mit scheu gesenkten Blicken, abwechselnd blaß und rot werdend, kam er heim. Wenn ihm nur keiner der früheren Mitschüler begegnete! Nervös fuhr er zusammen, sowie ein Tritt dicht neben ihm erscholl— unnötige Sorge, die würden ihn neben der Hundekarre gar nicht kennen! Mit einem Gefühl unsäglicher Bitterkeit sah er an den stattlichen Häuser» fronten in die Höhe— e r wohnte im K e l l e r. Zuweilen besuchte er Mine, denn wenn sie in den Keller kam, konnten sie doch nur Blicke des Einverständnisses wechseln. Bei ihr fand er wenigstens Mitgefühl. In die Küche zu Hauptmanns durfte er nicht komnren, so schlich er denn in der Dämmerung die Hintertreppe hinauf wie ein Dieb und klopfte verstohlen an die Tür. auf der, über dem Haken zum Kleider- ausklopfen, eine Visitenkarte angenagelt war: von Saldcrn Hauptmann. Dann kam Mine zu ihm her vus. Hinter der angelehnten Tür auf dem zugigen Treppenabsatz flüsterten sie miteinander. Mit einem Ohr lauschte Mine immer in die Wohnung zurück: tönte drinnen eine Klingel, stürzte sie hastig hinein:„Artur. wart! Ich komm gleich wieder!" Und er blieb draußen stehen Md wartete. Im Zugwind flackerte die im'Hinterhans nur spärlich brennende Gasflamme, deren Licht mehr verhüllte als zeigte. Stolperte irgend ein unsicherer Tritt die Treppe herauf, so drückte er sich scheu in eine Ecke: er wollte nicht gesehen sein, wie ein Bettler hinter der Küchentür stehend. Im stillen schimpfte er auf die Herrschast, die Mine so lange zurückhielt. Und wenn Mine wiederkam, schimpfte er auch lallt ans die da drinnen, auf Vater. Mutter, ans die ganze Welt. Sic hörte ihm zu, mit einem bekümmerten Gesicht.„Ja, das is nu mal so, da mußte der drem finden. Te einen haben's besser, de andren schlechter: aber wenn mer's recht be- tracht, Zuckerlecken is's nirgendswo. Zum Beispiel, meine Madam— das is auch schwer mit die Kinder, un aussehm soll's imec nach was; Ende der Woch kriegt nur unser Herr Ueisch." „Was geht mich Deine Madam an?i Mögen sie essen, was sie wollen. Aber ich halt's nich mehr aus! Wenn das so weiter geht, ich halt's nich aus!" „Ach, Ärtur," sagte sie ganz traurig, nahm seine Hand und behielt sie in der ihren,„sei doch nich so! Versuch'» nur nech mal! Was willste denn macljcn? Es is doch nich so schlimm, nn—" Sie sprach nicht weiter, semanb kam die Treppe herauf. Wie ein ertapptes Liebespaar fuhren sie miseinonder: sie schlüpfte in ihre Küche zurück und er schlich leise die vielen Stufen hinunter. Zu Hanse mußte er gleich an die Rolle; früher war PeterS so galant gewesen, den Mädchen zu drehen, aber der war nun weg von Hauptmanns, in die Front ziirückgekommen. und der neue Bursche war„noch viel dämlichter" wie Frau Reschke sagte. Körbe, hockbepackt mit Wäsche, harrten: Artnr wurden die Arme lahm. Tie Nolle quietschte und knarrte unaufhörlich. Mit letzter Kraft drehte Artnr, Schweiß perlte ihm henuitcr. Seine blassen Wangen röteten sich. Jede an- gestrengte Bewegung schleuderte ihm die Haarlocken ins Go° ficht: Frau Reschkes mütterliche Eitelkeit litt nicht, daß er sich die schneiden ließ. Elli stimmte an: „Das ist der Arlur Mit seiner Saartour, Mit seiner Tolle, Mit seiner Wolle"— Itub der Chor der Mägde fiel jubelnd ein: »Der schöne Mann, Der alles kann!" Da Packte ihn Plötzlich eine wilde Lustigkeit, er ließ dw Kurbel fochren, mitten hinein setzte er in den Knäuel der auf- kreischenden Weiber. Zwischen den Körben hindurch jagte er sie: Vater Reschke war auch mit vom Spaß, er verstellte den Fliehenden mit ausgebreiteten Armen den Weg, während Mutter Reschke. hinterm Ladentisch, schmunzelnd auf ihren flotten Jungen sah. Das Gewölbe hallte wider vom ausgelassenen Gekreisch. rot und erhitzt verließen die Mägde den Reschkeschen Keller. Not und erhitzt auch suchte Artur sein Bett, das Blut floß ihm erregt durch die Adern. Am anderen Morgen schmerzte sein Kops, eine schwere Mattigkeit lähmte seine Glieder. (Fortsetzung folgt.) Die Tolkskunrt-HusrtcUung. Im Hause Wertheim hat der Deutsche Ll>ceum-5iluü eine Internationale Volkskunst-AuZstellcmg veranstaltet. Beim Zustande- kommen de-Z llnternehmenö ist eine schwere Masse von begüterten und einflußreichen Damen und Herren beteiligt gewesen. Die Namen der betreffenden Majestäten. Hoheiten, Exzellenzen usw. füllen nicht weniger als 14 Seilen des Katalogs. All Geldmitteln uud Protek- ttonen hat eS also nicht gemangelt, und eS ist auch nicht zu leugnen. daß eine so reichhaltige Ausstellung dieser Art in Berlin bisher nicht gezeigt wurde. Dagegen läßt das Arrangement manches zu wünschen übrig. Die Menge de» Gebotenen verwirrt und die Anordnung ist wenig sorgfältig. Ungeordnete Warenhaufen liegen wie in einem Ralnschbazar auf den Tischen umher und erschweren den Besuchern die Uebersicht. ES wäre nötig gewesen, aus der großen Fülle deS eingelaufenen Materials nur das Wertvolle und Charatteristische auS- zuwählen und darzubieten— aber eine solche Sichtung hätte freilich mehr Sachverständnis erfordert, als den Au»stellung»leitern offenbar zu Gebote stand. Die im Erdgeschoß untergebrachte historische Ab- teilung enthält altertümliche Bauernhandarbciren(die städtische BebMenmg ist bei dieser Bolkskilnst kost gar nicht vertreten) au» venchiedsiieii Teilen Deutschlands. Es findet fich darunter manches kultur- und auch kunstgeschichtlich Interessante. Den Miltelpnnkt bildet ein sogenannter K a in m e r w a g e n" vom Tegerns ee, das ist ein Gefährt, auf dem die Aussteuer der Braut(Doppelbett. Wiege, Spinnrad, Butterfaß, Kleider. Wäsche usw.) am Tage vor der Hochzeit in das Haus des Bräutigams geschafft wurde. Allerhand ländliche Kostiimstücke, Schinucksachen, Stickereien, Webereien, Tische, Schränke, Truhen, Gegenstände aus Zinn oder Messing, Töpferarbeiten usw. füllen die l4 Nischen der Abteilung. Neben Bayern sind besonders reich vertreten: Braunschweig mit schönen handgewebten Leinen. OstsrieSland niit Schmucksachen und eigen- artigen silbernen Riechdosen, die Vierlante mit Stickereien und Möbelstücken au» eingelegtem Holz, Schleswig-Holslein mit Schnitzereien, Sachien-Meiningen mit Knopsarbeiten und Baden mir bunt beinalten Möbeln und llhrenschildern. Diese Sachen waren teils Gedranchsgegenstände flir die Produzenten selber, teils Liixuswarcn iür die oberen Zehntausend. Die erste Gruppe zeugt von dem staunenswerten Konservatismus des deutschen Bauerntums. Die allen Formen der Gewänder. Möbel und Gerätschasten erhalten sich durch Jahrhunderte fast luiverändert uud unermüdlich werden dieselben ornamentalen Muster wiederholt. An Bauernmöbeln des 18. Jahrhunderts finden wir häufige Schmuckmotive, die noch au» der larolingischen Epoche, ja sogar solche, die aus der jüngeren Steinzeit stammen! Die künstlerische Erfindungsgabe der Land- bewohner ist nicht sehr rege und ihr zäher Fleiß bcwundernsiverter als ihr Genie. Dies tritt auch bei den wenigen Luxusgegenständen zutage, die sie flir den städtischen Markt produzierten und zum Teil noch beule produzieren. An erster Stelle paradieren hier die g e- klöppelten Spitzen— bewundernswerte Erzeugnisse des Knnstfleißes, bei denen ober der Fleiß fast alles, die Kunst sehr wenig bedeutet. Denn nicht die Schönheit der Entwürfe bestimmt den Wert, sondern fast einzig und allein die technische Sorgfalt und die ausdauernde Geduld, die zur.Herstellung notivendig waren. lim ein solches leicht vergängliches Produkt zu schaffen, mit dem irgendeine Kommerzienrättn oder Operetten- diva ihre Robe schmückt, ist oft jahrelanger, rinlöiiig angestrengter Fleiß einer Arbeiterin erforderlich. Das zahlungsfähige Publilum— und namentlich sein weiblicher Teil— gerät in Entzücken angesichts der hier ausgestellten Wunderwerke, aber man bedenkt nicht, welche» Minimum von eigentlich künstlerischer Arbeit und welche ungeheure Fülle von geistivlendein Slumpssiim in diesen Erzeugnissen der- lörpert ist. Im ersten Stockwerk findet man die m o d e r n e n Ar- b e i t e n. Das Ausland nimmt hier einen breiteren Raum ein als in der historischen Abteilung, wo nur ein paar exotische Länder dürstig vertreten sind. Rußland. England, Rumänien. Schweden, Norwegen und Ocsterreich-Ungarn marschieren a» der Spitze neben Thüringcn. Bayern, Schlefien und SchleSwig-Holstein. Die Gegen- stände find Töpferarbeiten. Korblvaren, Holzschnitzereien. Spielsachen, gewebte Stoffe und Tcppiche, geklöppelte, gehäkelte und gestickte Spitzen. Die alten Techniken werden durchweg weiter geübt und im allgemeinen auch die alten ornamentalen Motive beibehalten. Nur selten finden sich neue Schmucksoniien, die dann meisten», wie z. B. bei den Worbsweder Korbmöbel» und den schwedischen und Scherrebeckichen Bildteppichen, durch die Mitwirkung moderner Künstler(Otto Eckniann. Gerhardt Munthe u. a.) entstanden sind. Neben allerhand naiven, plunipcni und geschmacklosen Kuriofi- täten findet sich mancherlei reizvoll Eigenartiges, kernig Stilvolles und künstlerisch Schönes. Die Bemühmigen sentimentaler Romantiker. die in diesen hinterwäldlerischen Kunstindustrien die letzten lebendigen Zeugen längst vergangener primitiver Kulturepochen schätzen' und lieben, sowie einzelner Künstler und Acsthetcii, die die alte solide Technik bewundern und zu erhalten wünschen, sind gewiß verständlich: es stagt fich nur, ob eine solche künstlerische Konier- Vierung einen praktischen Zweck haben kann und ob ihre schädlichen materiellen Wirkungen nicht den etwaigen ideellen Rntzen über- wiegen. Denn die Frage ist nicht nur eine ästhetische, sondern auch— und dies in erster Linie— eine soziale. Die Kultur schreitet vorwärts und die Maschine verdrängt unouf- haltsam diese Art von Handarbeit, die sowohl Volks- als auch Privatwirts ckwfllich unrationell ist. Gewiß wird man die alten Techniker zur Herstellung von kunstgeiverblichen Luxuswaren noch eine Weile am Leben erhalten können, und das mag im Jnterefie einer heute herrschenden Modestrvnuing erfreulich sein, iin Hinblick auf die jainmervollen Hungerlöhne, die solche Heimarbeit er- fahrnngsniäßig abwirft, erscheint eS aber sehr wenig wünschen»- wert. UeberdieS wird die Mode— denn um etwas andere» handelt eS sich nicht— schwerlich lange dauern und sobald sie verschwunden ist, sind die zu ihrem Dienst erzogenen Arbeiter aufs Trockene aeietzt. In einigen Zweigen der kunstgewerblichen Hausindustrie ist die? be- rettS eingetroffen, z. B. in der Scherrebeckschen Bildteppichweberei. die vor etwa einem Jahrzehnt mit gewaltigem Reklametamtam ins Leben gerufen wurde und heute vollständig brach liegt. Die zahl- reichen.gemeinnützigen" Bereine, die unier der Leitung hochgestellter Damen die Erhaltung oder Wiederbelebmig der alten Boltskimst zum Ziele haben, treiben daher in Wirklichkeit einen recht gemeingesähr- lichen Bauernsang. Ter von einem offenbar etwas naiven Fräulein M. von Bunien verfaßte AuSltellungskaralog enthält in dieser Hin- ficht ein interefianteS Geständnis. Es heißt dort:„Wir bringen Heimarbeit. Das Wort hat leider seinen sympathischen Klang der- loren, hat einen schlimmen Nebei'.laut erhalten. Die hier vor- geführte» HeimatSerzeugnisfe find jedoch zum weitaus größten Teil miler der Leitung philaulhropischer Vereine entstanden. So dürfen wir. glücklicherweise, annehmen f!). daß dieser den Frauenhänden und dem Frauengeschmack zusagenden Beschäingung die entsprechende Belohnung wurde. Das Dorflebeu anregender und lohnender zu gestalten, hilft die Landflucht verringern. So ist neben dem künstlerischen Gestchtspunkte der noch inniger bewegende soziale Ge- danke unsere Triebkraft gewesen." Diese„philanthropischen" Vereine, die die Landflucht zu verringern, d. h. auf Schleichwegen den Agrariern billige Arbeitskräfte zu erhalten streben, sind allerdings ein in hohem Mage herzerfrischendes Produkt des innig bewegenden sozialen Gedankens. Neben den Luxuswaren schafft die sogenannte Volkskunst aber auch Gegenstände für den eigenen Bedarf der Produzenten, und eS ist nicht zn leugnen, dag das. Iva" nach alten guten Vorbildern in der gediegenen Handwerkstechuik hergestellt wird, an sich oft ge- schmachvoller und meistens haltbarer ist als ein wohlfeiles Maschinen- erzeugnis. Aber steht die Haltbarkeit und Schönheit in einem volkswirtschaftlich rationellen Verhältnis zu der aufgewendeten Arbeits- menge? Sicherlich nicht. Und überdies ist das Mißverhältnis zwischen der Güte der Hand- und Maschinenarbeit lediglich ein Resultat der gegenwärtigen Uebergangsepoche. Heute ist in manchen Fällen die Fabrikware, die der Landmann für billiges Geld in der Stadt kaust, gewiß minder- wertig im Vergleich zn den entsprechenden im Hause gearbeiteten Gebrauchsgegenständen. Aber die Tendenz der modernen Knlturbewegung geht eben gerade dahin, solide und geschmackvolle Maschincnerzeugniffe zu billigen Preisen für die große Masse der Bevölkerung zu schaffen, und dah fie dieses Ziel erreichen wird, ist nicht mehr zweifelhast. Die Produkte der Volkskunst können der modernen kunstgewerblichen Maschinenarbeit nicht einmal als brauch- bare Vorbilder dienen. Denn die technischen Bedingungen, unter denen die letztere entsteht, sind von denen deS Handwerks fundamental verschieden. Jene Erzeugniffe können daher heute lediglich ein historisches Interesse für den Ethnographen und den Kunstgclchrteii haben, und all« Bestrebungen, die dazu dienen, die alte absterbende Volkskunst mit frischen Lebenssäften zn ersüllcn, sind sinnlos und in ihren Wirkungen durchaus reaktionär. John S ch i k o tv s k i. VracKenflieger. Dbwohl Teutschland, und speziell Berlin, durch die grund- legenden Versuche Otto L i li c n t h a ls. der seine Lust am Fliegen leider mit dem Tode biistte, und indirekt durch dessen Schüler, die Brüder Wright, die die größten Erfolge hatten, als die Wiege der modernen dynamischen Flugapparate„Schwerer als L u f t" zu betrachten ist, tvar es in dieser Beziehung bis in die letzte Zeit ziemlich ins Hintertreffen geraten. Das Torado für die Aviatiker(Flugiechniker) war Frankreich, wo dieser Zweig der modernen Lustschissahrt die weitgehendste Förderung durch private und offiziell« Kreise findet. Auch in den letzten Tagen bat die franzöfische Regierung für das Jahr IRK von der Deputierten- kammer einen Kredit von 100 000 Frank für die Förderung der Aviatik verlangt. Frankreich ist auch deshalb von allen Aviatikern begünstigt, weil französische Fabriken, wie Levasscur, Antoinctte und andere, diese bewunderungswürdig leichten Motoren, die eine Vorbedingung für erfolgreiche Flugapparate sind, bauen. In der letzten Zeit sind auch in Teutschland Erfolge auf diesem Gebiete zu verzeichnen. Ein Magdeburger Ingenieur, Grade, hat mit seinem Flugapparate erfolgreiche Flüge ausgeführt, und in Krietern bei Breslau ist vor kurzer Zeit unter der Führung des Schlesischen Vereins für Luftschiffahrt eine Flugmaschmenfabrik zur Herstellung von Gleitfliegcrn und ähnlichen Apparaten er- richtet. In diesen Tagen finden in Berlin auf dem Tempelhofer Felde Flugversuche mit einem aus der französischen Werkstatt der Brüder B o i s i n hervorgegangenen Apparat statt, lieber den tatsächlichen Verlauf der Flugversuche wird an anderer Stelle berichtet. Es ist möglich, daß mit diesem Apparat— Gebr. Voisin lieferten mit Ausnahme der Wrightcn Maschine fast alle französischen modernen Drachenflieger— auch in Berlin schöne Resultat erzielt werden, da auch dem Lenker deS Apparates, auf dessen Geschicklichkeit und llebung«S sehr viel ankommt, ein guter Ruf vorangeht. Die Ber- liner dürfen sich aber auf keinen Fall der Hoffnung hingeben, einen Menschen hoch in den Lüsten fliegen sehen zu können, wie es bei den Flügen von Farmann und Wright der Fall war. Der Voifinfche Apparat wird sich nur wenig vom Erdboden erhxben. Man wird. wie ein Kenner, Hauptmann a. D. Hildebrandt, sagt, um überhaupt einwandfrei feststellen zu können, ob der Apparat wirklich fliegt oder mit den Rädern auf dem Erdboden schleift, mit einem Auto- mobil hinter dem Apparat fahren müssen. Die Flugapparate unterscheiden sich von den Luftballons prin- zipiell dadurch, daß sie schwerer als Luft find und sich nicht ohne weiteres in der Luft halten oder fliegen können. Bei dem Lust- ballon war in erster Linie die Frage der Lenkbarkeit zu lösen, bei den Flugapparaten handelt es sich darum, die Apparate zum Auf. steigen zu bringen, in der Lust zu halten und das dynamische Gleichgewicht zu bewahren. Am nächsten lag es. den Beispielen der Natur zu folgen und durch Nachahmung des Vogelfluges zu versuchen, sich in den Lüsten zu halten, eine Methode, die auch die Luftschiffer der deutschen und griechischen Sage— W'ieland der Schmied und Ikaros— befolgten. Praktische Erfolge haben solche Apparate bis jetzt nicht erzielt. In jüngster Zeit war auch in Tages- blättern ein Schtningenflicgcr beschrieben, den ein Tirektor eines Elektrizitätswerkes in Berlin erfunden hat. und der durch ein mit jalousicartigcn Klappen versehenes Flügelpaar gehoben werden soll, ein Apparat, der bis jetzt wohl nur auf dem Papier existieren dürfte. Auch Otto Lilienthal hatte bei seinen Gleiiflügeln, bei denen er bereits Strecken von 200—300 Meter im Fluge zurücklegte, sich den Bogelflug als Vorbild genommen. Er hatte aber seine Erfolge nur im Schwebeflug, getragen von einer großen Fläche, und nicht im Rudcrflug erzielt. Seine Schüler. C h a n u t e und später die Brüder Wright, die zuerst als Schwindler, oder zum mindesten als Phantasten angesehen wurden, heute aber den ersten Rang unter den Aviatikern einnehmen, brachten seine Mr- thode, die sie zum Trachenflug ansbilöcten, zu Ehren. Die einzig erfolgreichen Flugapparate sind heute die D r a ch c n- flieg er, zu denen auch der in Berlin befindliche Apparat gehört. Das beliebte Spielzeug der Kinder, der Drache n, ist das Vorbild zu diesen Flugapparaten gewesen. Ter Flugapparat besteht in der Hauptsache auS mehr oder weniger großen Flächen, die dem Wind schräg entgegengestellt werden und so den Apparat tragen. Der Apparat wird durch einen oder mehrere Motoren mittels Luft- schrauben nach Art der Schifsschraubcn vorwärts getrieben. Während l>ei den meisten Flugapparaten, wie auch z. B. bei dem Wrightschen Apparat, zwei solcher Schrauben vorhanden sind, begnügt sich der Voisinsche Apparat mit nur einer Schraube, die allerdings mit 1200 Umdrehungen in der Minute läuft. Bei diesen Drachenfliegern ist also oas Aufsteigen völlig gc- trennt von der Vorwärtsbewegung. Ter Aufstieg gehört zu den schwierigsten Momenten. Zwei Systeme stehen sich da gegenüber. Bei dem einen System, dem auch der Voisinsche Apparat angehört, ruht der ganze Apparat aus Rödern. Der Flieger wiro zuerst durch den in Gang gesetzten Motor auf allen Rädern rasch eine Strecke auf dem Boden gefahren, dann werden durch die hinterctt Tragflächen, den„Schwanz", die Hinterräder vom Erdboden al>gehobcn. Ist dann durch die Bewegung der Luftdruck genügend groß geworden, um den Apparat durch die Vorderflächen zu tragen, so verläßt der Flieger nach einer entsprechenden Stellung des Höhcnsteuers auch mit seinen Vorderrädern den Erdboden und stiegt in der Luft. Bei dem anderen System, das durch oen Apparat der Brüder Wright dargestellt wird, geschieht der Aufstieg im sogenannten Gleitflug. Der Apparat ruht auf einer Platt- fori», die ihrersciiS von einer 40— 50 Meter langen Schiene ge- tragen wird. Diese Plattform läßt sich in ihrer Neigung verstellen und von ihr gleitet der Apparat, der mit zwei langen, gebogenen Schlittenkufen in Verbindung steht, ab und zieht bei entsprechender Einstellung des HühensteuerS in die Luft, Beide �Systeme haben ihre Vor- und Nachteile. Die Gebrüder Wright müssen immer ihre ganze Startvorrichtung mit sich führen. Der Voisinsche Apparat ist beim Aufstieg auf eine besondere Bodenbeschaffenheit, die nicht zu sandig sein darf, angewiesen. Je nach der Anzahl der Tragflächen unterscheidet man bei den Drachenfliegern Einslächcr, Fweiflächer und Mehrflächer. Die erfolgreichsten Drachenflieger sind die Zwciflächenflieger, auch Doppeldecker genannt, bei denen zwei Tragflächen über- eincmdcr angeordnet sind. Sie erinnern in ihrer äußeren Gestalt an die Kastendrachen, die zu meteorologischen Zwecken benutzt werden. Der Voisinsche Apparat, gleichfalls ein Doppeldecker, be- steht aus zwei Haupttragslächen, die in einem Abstand von 1,5 Meter übereinander angeordnet sind und zirka 10 Meter Breite bei 2 Meter Tiefe haben. Außerdem besitzt er noch einen Schwanz- kasten von zirka 4,0 mal 2 Meter. Zum Vergleich sei angesiihrt, daß die beiden Tragflächen des Wrightschen Apparates, die gleich- falls 2 Meter Tiefe haben. 2,5 Meter voneinander entfernt und 12 Meter breit sind. Auf eine Schwanzzclle haben die Brüder Wright, im Gegensatz zu Voisin und Farmann, verzichtet. Der Apparat besitzt nur ein kleines Horizontalruder und hinten ein Höhenruder. Ihre großen Erfolge sollen die Brüder Wright Haupt- sächlich einer„Ga u ch i s s e m e n t" genannten Vorrichtung zn verdanken haben, die auf einer gleichzeitigen Verstellung der Kanten der einzelnen Tragflächen beruht, wodurch die große Sicher- heit und Manövrierfähigkeit des Apparates erklärt wird. Die Brüder Wright haben einen so großen Vorsprung vor allen Flugtechnikern, daß es sehr schwer halten wird, sie einzuholen. Welchen Eindruck ihre Versuche auf die Zuschauer machten, geht aus den Worten von Dr. Mimfuhr in der„Deutschen Zeitschrift der Lustschiffahrt" hervor:„Wer den Drachenflieger von Wright so leicht und graziös durch die Luft dahinscgeln sah, wird sich des Eindrucks nicht verschließen können, daß wir vor einer neuen Ent- Wickelungsphase der Flugtechnik stehen. Ein praktisch brauchbares Flugvehikel ist freilich auch der Wrightschc Flieger noch nicht. Er bezeichnet aber doch jedenfalls einen sehr erheblichen Fortschritt gegenüber den Konstruktionen der Pariser Flugtechniker." Ltl>, Kleines feuilleton. »inftf. Lieder und Balladen. In der täglichen Konzertflut Mhnicn einen besonders breiten Raum die Sänger und Sängerinnen Von Solostücken ein. Die„Liederabende" und die„Lieder- und Balladenabende erwecken leichl den Anschein, als gäbe» sie ein Bild von dein gegenwärtigen und auch dem früheren Stande des Liedes, der Ballade. Allein ihr Programm ist allermeistenS daraufhin zu- fammengestellt, das wirkliche oder vermeintliche Können des Konzert- gcberS zu zeige» und ihm günstige Beurteilungen einzubringen, die ihm hier oder in der Provinz z» einer Lehrtäiigkeit verhelfen sollen. Indem daS typische Liederprogramm nicist mit älteren italieniscken Arien beginnt und dann Proben auS der Kunstlyrik unserer Klassiker oder unserer Modernen bringt, zeigt es wenigstens eines: den Fort- schritt deS vom Volkslied befruchteren Kunstliedes über den italie- Nischen Bravourgesang hinaus. Wenig mehr als ein Jahrhundert alt, führt dieser Fortschritt nur allmählich durch eine gegen den Text mehr oder weniger rücksichtslose Musik hindurch zu einer wirklich dem Texte gerechten Vertonung. Robert Franz(18 tu— 1892) steht hier voran. Seiner Wärme entsprach gut die Innigkeit, mit der vor kurzem Elisabeth S ch u- nr a n n- S o n n t a g ihn und andere Komponisten sang, auch Ivenn ihr Mangel an ausgeglichenem Klang nicht die erwünschte Charakteristik des Inhaltes durch die Kunst der Klangfarben er- nröglichte. Eine llebertragung neuerer französischer Lyrik durch französische Komponisten in Harmonien von einem sozusagen schwebenden Charakter, gipfelnd in C. D e b u s s y(geb. 1862)� hörten wir am Mittwoch bei Marie Louise D e b o g i s. Mit hochdramatischer Kraft singt sie am besten grögcre Tongemälde, wie etwa„Ron Credo" von C. M. W i d o r(geb. 184a). Auch ein Programm, wie es neulich Margarete D ittma r bot, die mit früheren italienischen Sachen begann und.mit späteren deutschen(und französischen) fortsetzte, ist lehrreich; wir freuen uns, eine Sängerin von dem ernsten Können der Genannten zu hören, auch wenn ihre Energie für Schuberts ,, Junge Nonne" nicht zu- reicht, und mit Aufmerksamkeit konnten wir verfolgen, wie da neben den» viclbekannten Hugo Wolf auch ein anscheinend jüngerer Erich I. Wolf zur Geltung kam, dessen„Fäden" wirklich zarte und dem Wort angemessene musikalische Fäden spinnen. Und nun die„B a I l a d e". die gern in den Titel von Gesangs- konzcrten neben den„Liedern" eingefügt wird, nur meist wieder ohne eine Bemühung, über das Geläufigere hinauSziigreisen! Auch Dr. Hermann Brause, der vor kurzem seinen so betitelten Abend gab und am 8. März fortsetzen wird, blieb wenigstens diesmal bei dem wohl hervorragendsten deutschen Balladenkomponistcn, bei C. L o e w e. Natürlich hört man dessen Ton-Erzählungen und die Ton-Lyrik anderer Komponisten gerne wieder, wenn sie von einer so klangvollen, auch im Piano der hohen Töne tragfähigen Baryton- stimme gesungen werden. Aber wir lassen mit unserem Wunsche nach„Historischem" ein- schließlich des Neuesten nicht locker. Jüngste Komponisten scheinen die Ballade nicht zu lieben, obwohl gerade sie noch viel Zukunft hat. Hervorgegangen aus den volkstümlichen Anfängen des Dramas, also auS einer mit Tanz und Gesang dargestellten Handlung, dem Keime des„Gesamtkunstwerkes", hat das erzählende„Tanzlied", die („getanzte") Ballata. sich aus dem Mittelalter bis in unsere Zeit tveikereutfaltet. Vom lyrischen Lied ebenso wenig scharf abgegrenzt, wie sich in ihr Volks- und Kunstgesang abgrenzen, findet sie doch ihre hauptsächliche Ausprägung in dem kurz und hart geformten Sange von» düsteren Verhängnis und ihren wichtigsten Kunstgriff in dem stets gleichlautenden und doch stets anders be° deutungsvollen„Refrain". Wie dies zu Goethes Zeit bestimmtere Formen annahm, mit einem Zurückgreifen der Dichter in schottische und andere Vorzeit; ivie unter den Händen von Schillers Freund. Zamstecg, und von Späteren die Stoffe der Leonore und des Erl- königS und dergleichen ihre speziell daS„Bleibende im Wechsel" faffende Vertonung fanden, bis herauf zu den leider selten mehr ge- hörten Balladen Schumanns und nur spärlich darüber hinaus: daS könnte uns, einschließlich„Jnstrumentalballaden" von Chopin und anderen, leicht einmal eines unserer„volkstümlichen" Konzerte in anschaulicher Vergleichung vorführen. bz. Physikalisches. Sprechende Dynamomaschinen und TranS« formatoren. Zu dem bekannten vom englischen Physiker Duddell entdeckten tönenden Lichtbogen, der unter dem Namen ,, singende und sprechende" Bogenlampe eher bekannt ist, gesellt sich jetzt nach Mitteilungen von Prof. Pcukert in der„E. T. Z." die sprechende Dynamomaschine und Transformator. Daß ein Trans- forniator Töne von sich geben kann, davon kann man sich leicht überzeugen, wenn man i» die Nähe eines der z. B. in Charlotten- bürg zahlreich aufgestellten Transformatorenhäuschen kommt und ein deutliches Brummen vernimmt.(In Berlin ist dies nicht möglich, weil der in Berlin benutzte Strom Gleichstrom ist, während Transformatoren— große Blechkernen, die von einer Spule aus Kupferdraht umgeben sind— nur bei Wechsel ström erforderlich find.) Prof. Pcukert hat aber durch Experimente festgestellt, daß so ein Transformator direkt als Telephon- Hörer wirkt. Wenn also an irgend einer entfernten Stelle in ein Mikrophon gesprochen wird, so reproduziert der Transformator, der in bestimniter Weise durch die durch das Mikrophon erzeugten Ströme beeinflußt wird, klar und deutlich das Gesprochene. Ebenso verhalten sich unter gewisien Bedingungen Dynamo- Maschinen, die bei einer bestimmten Anordnung sprechen, singen. lachen, überhaupt alle? vom Mikrophon Aufgenommene wiederholen. Diese„Hörer" oder richtiger Sprecher haben gegen die gewöhnlichen Telephonhörer den Vorteil, daß ihre Töne in einem größeren Räume gehört werden, daß sie also die gegebenen Lautsprecher sind. Die Erklärung dieses interessanten physikalischen Phänomen? dürfte darin zu suchen sein, daß die Eisenmaffcn in Schwingungen geraten, die den Pulsationen der Mikrophonströme entsprechen. Diese Schwingungen teilen sich der umgebenden Lust mit und werden unserem Ohr als Schallwellen vermittelt. Prof. Peukert hat das Prinzip des sprechenden Transformator? auch zur Kon- struktion eines Fernhörers benutzt, der inr Verhältnis zu den jetzt in Gebrauch befindlichen Konstruktionen, die sämtlich auf dem Prinzip der schwingenden Membrane(dünne Haut) beruhen, eine Reihe Vorteile besitzt, die in dem Fortfall dieser Mcm- braue ihre Ursache haben. Vor allem soll die Klangfarbe der Sprache bei der Uebermittelung nicht verwischt werden, dann aber fällt auch daS besonders beim Betrieb mit Zentralbauerien lästig enipsundene und auch gefährliche Krachen der Telcphonmembrane weg. Es scheint daher, ebenso wie der sprechende Lichtbogen in der drahtlosen Tele- graphie und Telephonie praktisch verwertet wurde, der sprechende Transformator keine bloße physikalische Spielerei zu bleiben. Aus dem Pflanzenleben. Die Wirkung deS Windes auf die Pflanzen ist eine sehr mannigfache. Am häufigsten besprochen wird sie mit Rück- ficht auf die Verbreitung der Pflanzen. Millionen von Samen werden, wenn sie sich aus der mütterlichen Frucht loslösen, zum Spiel des Windes, der dadurch zu einer der gewaltigsten und bc- deutsamsten Kräfte für die Besiedelung der Erde durch die Pflanzen geworden ist und bleibt. Der Einfluß deS Windes kann aber auch in vielen anderen Eigenschaften der Pflanzen nach- gewiesen und studiert werden. Namentlich zeigt er sich an Veränderungen des Wuchses und außerdem an dem Ver- lauf der Atmung der Pflanzen. In den letzten Jahren ist eine Reihe wichtiger Arbeiten über diese intereffante Frage erschienen und hat im„Botanischen Zentralblatt" eine zusammen- fassende Würdigung gefunden. Was zunächst die Atmung der Pflanzen angeht, so mutz man sich vorstellen, daß bei vollkommen ruhiger Lust die Pflanzen von einer Atmosphäre umgeben sind, die durch ihre eigene Atmung eine Sättigung mit Wasserdampf erfahren hat. So- bald ein Wind einsetzt, treibt er diese Luftschichten fort und ersetzt sie durch andere, weniger feuchte. Dieser Vorgang ist der Pflanze zu einem gesunden Leben genau ebenso notwendig wie frische Luft für den Menschen, denn durch die Anreicherung von Wasserdampf in ihrer Untgebung wird die Atinung der Blätter beschränkt. Daraus ergibt sich freilich auch, daß ein anhaltender trockener Wind eine große Gefahr für die Pflanzen bedeutet, weil dann an ihre Atmung und an die Wasserzufuhr von unten her zu große Ansprüche gestellt werden. Wenn dies in weitgehendem Maße erfolgt, so kann durch Abnahme deS SaftdrnckeS ein allmähliches Absterben der Blattgewebe eintreten, und zioar so, daß sich kleinere oder größere Teile der Blätter braun färben und trocknen. Diese Erscheinung kann an Laubbäumen häufig wahrgenommen werden. Dem eigent- lichen Vertrockenen der Blätter geht das Welken stets voraus; dieses braucht aber nicht unbedingt zum Ab- sterben zu führen, wenn nur mittlerweile die Wasser- Versorgung von der Wurzel auS wieder einen genügenden Grad erreicht. Diese Erscheinung kann also auf der Windwirkung beruhen, aber freilich auch durch andere Einflüsse von außer her herbeigeführt iverden, insbesondere wie allbekannt, durch Hitze. In diesem Falle kommt sie natürlich im Sommmer vor und zeigt sich als..Sommerdürre", die um so stärker wird, Ivenn mit großer Wärme und Lufttrockenheit eine verhälnismäßig starke Lustbewegung verbunden ist. Ein klassisches und recht unerfreuliches Beispiel von Sommerdürre brachte, namentlich für die Umgebung von Berlin das Jahr 1904. das wenigstens den Botanikeni gestattete, am Welken und Vertrocknen der Laubblätter zu ungewöhnlicher Jahreszeit eingehende Studien zu machen. ES läßt sich aber auch ohne weitere Erklärung verstehen, daß der Wind durch seine austrocknende Wirkung einen belebenden Einfluß auf die Pflanze ausübt, indem die zur Aufiiahme und Verteilung des Boden- wasserS bestimmten Organe dadurch angereizt und leistungsfähig er- halten werden. Wenn ein Blatt infolge des WindeS gewelkt ist, so läßt sich diese Ursache daran erkennen, daß die Beschädigung der Blätter hauptsächlkch auf ihren Rand beschränkt ist. Nach den Unter- suchungcn von Hansen wird diese Folge gerade durch einen schwachen, aber beständigen Wind herbeigeführt, während starke Winde zum Zerreißen der Blätter und damit zu ganz anderen Beschädigungen stihren. ES ist sogar gelungen, diesen Vorgang durch Experimente im Laboratorium nachzuahmen und dadurch die hohe Bedeutung einer mäßigen, aber hartnäckigen Luftströmung für die Pflanzen ins rechte Licht zu setzen. kerantw. Rcdakt.: SarlWermuth, Bcrlin-R ixdorf.—Druck u. Verlag: Vorwärt« Buchdruckerei u.BerlagSanstalt Paul Singer ScEo..BerlinLVk.