Ilnterhaltmgsblatt des Dorwärts Nr. 24. DonnerStag� den 4 Februar. 1909 �Nachdruck vttbolen.> 23] Das tägliche ßrot Roman von C. V i e b i g. 12. Mino saß in ihrer Küche auf der Eimcrbank, hatte den linken Ellbogen auf den Herd gestemmt, den Kopf in die Hand gestützt und starrte in die verglimmenden Funken des offenen Aschenloches. Die rechte Hand, die ihr lässig im Schöße lag, hielt einen Brief. Der war von zu Hause. Im scheidenden Licht des Tages hotte sie ihn mühsam entziffert. Der Vater selber schrieb, wie mit dem Besenstiel gekratzt. Die Male war nicht mehr daheim, die diente seit der Einsegnung auf dem Gollmützer Vorwerk, als Kindcrmagd, um Essen und Kleidung. Es war der erste Brief, den Mine seit drei Monaten von zu Hause erhalten: sie hatte sich weiter nicht verwundert, die waren in der Ernte und hatten keine Zeit. Aber nun schalt der Vater, unverblümt gab er seiner Empörung Ausdruck, daß die Tochter nicht längst ihre Ersparnisse nach Hause ge- schickt. „Wer mochten setzte'ne Kuhe kaufen. Nu hat mer su'n großes Mensch zu Berlin, nich emal zehn Daler tut se ei'm derzue. Se sein der so gutt, wie uf der Sparkaß. Aber ne, for de Eltern is nischt übrig, die sich's vom Maule abgespart han." Und so weiter. Diistercn Blickes verfolgte Mine das langsame Vcr- löschen der Funken. Nun war die Asche ganz dunkel, ganz tot. Mit einem tiefen Seufzer stand sie auf und reckte die stcifgewordencn Arme über dem 5topf. Dann ging sie schwer- fälligen Schrittes in ihre Kammer. Hier sah es anders aus als zu Bertas Zeiten. Keine Stearintropfen auf Stuhl und Diele, keine Kolportageronianc hastig in die Schublade geworfen, daß noch der zerrissene Umschlag des Heftes Heraussteckte. Alles peinlich aufgeräumt. Nur überm Bett die beiden bunten Bilder: eine Rad- lerin in Pumphosen— für Reklame Kontinental Pneumatik — und ein Gigerl mit Riesenschnurrbart— Plumcyers unvergleichliches Mittel zur Erreichung der Männeszierde— hatte Mine zu schön gefunden, um sie zu verbannen., Nun kniete sie vor ihrem Schließkorb und schlug lanK- sam den Deckel zurück. Da war ein Knäulbehälter, tief unter allen Sachen versteckt: den zog sie hervor und drehte mit einer bedächtigen Sorgfalt den Deckel. Silbergeld klapperte heraus, dazwischen auch ein Goldstück: mit spitze« Fingern faßte sie jede einzelne Münze und zählte sie sich in den Schoß. Sie tat's mit einer gewissen Andacht: das waren auch Heilig- tümer, an jedem Groschen klebte der Schweiß saurer Arbeit. „Ein Taler— zwei— drei— vier— fünf Taler," murmelte sie. Und nun— ihr Gesicht strahlte auf— gar ein Goldstück I Wen» die Berta doch nun endlich daS ihr Geliehene wiedergeben möchte, dann wären hier mindestens zehn Mark mehr! Die Rcschke hatte sich neulich auch drei Mark geborgt: die hatte gerade kein Kleingeld in der Kasse. Und wenn sie mit dem Artur ausging, dann kostete es sie doch ans was: sie konnte sich doch von dem armen Menschen, der selber nichts hatte, nicht noch freihalten lasten. Da steckte sie ihm lieber ihr Portemonnaie zu:„Da, bezahl!" Wie sie auch zählte und die letzten Gröschchen, die noch nachklapperten, dazu rechnete, viel mehr wurde es nicht: Sechsundzwanzig Mark! Mit liebevollen Augen betrachtete sie das zusammen- gestrichene Häufchen. Und das sollte sie nun alles weggeben, es gar nicht mehr hervorholen dürfen an stillen Abenden und stolz und freudig überzählen?! Es nicht mehr in den Händen halten, in eben den Händen, die rauh und hart vom Er- werben waren. Sie biß sich auf die Lippen und blickte mit einem harten Ausdruck vor sich hin. Eine Kuh wollte sie von ihrem Gclde kaufen, von der sie doch keinen Tropfen Milch kriegte! Hatten die von zu Hause ihr denn scho�i mal was geschickt?! Keine Krume. Nein, daS Geld blieb hier! � Sie preßte es zwischen die schwieligen Handflächen unlj befühlte es mit den vom Spülwasser rissigen Fingerspitzen. Den ganzen Abend blieb sie finster und in sich gekehrt. Sie hatte kein gutes Gewissen. Was würden die zu Hause sagen, wenn sie's nicht schickte?! Unschlüssig ging sie wieder in ihre Kammer, nahm noch einmal das Geld heraus und schloß es dann doch wieder ein. Sie schwankte und fühlte sich hin und her gerissen: zer« streut deckte sie den Tisch zum Kaffee statt zum Abendbrot und stellte an den Platz des Herrn einen Kinderbecher. Als die Herrin sie anrief, schreckte sie zusammen: ihr armer Kopf war so voll von schweren Gedanken. „Es ist schrecklich." klagte die Harrptinännin ihrem Gatten, „wie zerfahren die Minna ist! Ich möchte wissen, was die in ihrem Kopfe hat, statt an ihre Arbeit zu denken. Das kommt davon, sie hat niorgen ihren Sonntag. Am Ende hat sie gar einen Liebhaber!" Der Hauptmann konnte einen Seufzer nicht unterdrücken: „Ach herrjeh! Na, dann ist nichts mehr mit ihr los!" Die Kinder hatten nichts Eiligeres zu tun, als in die Küche zu laufen, wo Mine auf den Knien lag und auf einem über die Diele gebreiteten Papierbogcn das Blankzeug putzte. Sie rieb, daß sie schwitzte: eine feuchte Haarsträhne hing ihr tief in die erhitzte Stirn, die hochgestreiften Aermel der Kattnnbluse ließen die herausgearbeiteten Muskeln an den starken, grobhäutigen Armen frei. «Du, Minna," rief das altkluge Kärtchen und pflanzte sich vor sie hin,„Du hast einen Liebhaber!" „Ich—?!" Betroffen sah sie ans: die Ofentür, die sie gerade so schön blank gescheuert, spiegelte ihr verdutztes Gesicht. „Ja, Mama hat gesagt. Du solltest lieber Deine Arbeit im Kopf haben. Und Papa hat gesagt, mit Dir wäre nichts mehr los. Ja, das hat er gesagt!" Der Junge nickte wichtig und lief dann fort, seine kleineren Geschwister hinter sich drein ziehend. Einen Liebhaber— I Ja, hatte sie denn einen Lieb- haber? Sie war doch nur ein paar Mal den Sommer mit Artur ausgegangen. Da waren sie einmal im Grüne- wald gewesen, eiftmal an der Jannowitzbrücke auf der Spree- tcrrasse und einmal bei den Stettiner Sängern. Sie hatten steif nebeneinander gesessen, ihre Biergläser vor sich: nur den Arm hatte der Artur auf ihre Stuhllehne gelegt. Ein jähes Rot übergoß sie plötzlich, es fuhr ihr wie ein Stich durchs Herz— war er nun ihr Liebhaber?! Lange war sie heute nacht wach in ihrem schmalen Bett. Sonst lag sie hier wie ein Scheit Holz und rührte sich nicht, oft hörte sie in der Morgenfrühe das Rasseln des Weckers nicht: jetzt hatte sie die nackten Arme über den Kopf geworfen und seufzte in einer seltsamen Beklemmung. Als sich endlich ihr Denken verwirrte, war es Arturs Gestalt, die sie im Traum sah. Nein, sie konnte das Geld nicht denen nach Hause schicken, wer sollte denn Sonntags die Zeche bestreiten?! Aber wie mit dumpfem Geschwirr summte c3 vor ihrem Ohr:„Ehre Vater und Mutter, auf daß dir's wohl gehe!"�— Sie saß wieder in der Dorfschule, der Kantor schlug mit dem Stecken auf den Tisch:„Noch einmal! Alle zusammen� Auf— daß— dir's— wohl gehe!"--— Mit einem jähen Schrecken fuhr sie auf. Ja, sie mußte da? Geld nach Hause schicken, damit es ihr und dein Artur recht, recht gut ginge! Im sterndurchflimmerten Bleichgrau der Sommernacht kroch sie aus dem Bett und tappte mit bloßen Füßen an ihren Korb: aus den untersten Tiefen holte sie ihren Schatz vor, klapperte mit den Geldstücken und ließ sie einzeln durch die Hände gleiten. Am Morgen früh, bevor die Post zur sonntäglichen Ruhe geschlossen wurde, trug sie all ihr Geld hin. Mit zitternder Hand schob sie s dem Beamten durch das Schalterfenster. Dann stand sie noch lange vor der Tür der Post: sie hätte weinen mögen. Fort war's und mit ihm die beruhigende Gewißheit einer heimlichen Zuflucht. Sie blieb traurig, bis am Nachmittag, gegen fünf, ein bekannter Pfiff auf dem Hof erscholl. Sie stand gerade vor dem Spiegelchen in ihrer Kammer und legte die letzte Hand an ihrem Putz: fast hätte sie die Stecknadel verschluckt, die sie zwischen den Zähnen hielt, so rasch fuhr sie mit dem Kopf zum Feusterchen heraus. Das war sein Zeichen! Hastig stülpte sie den Hut auf, ergriff Filethandschuh und Sounenschirm und polterte die Hintertreppe hinab. Im Hof war er nicht mehr, aber da, auf der Straße, am Laternen- Pfahl stand er. Den Strohhut auf ein Ohr geschoben, das Stöckchen unter den Arm geklemmt, die Zigarette im Mund- Winkel, so trat er ihr entgegen: die weiten Hosen schlotterten ihm elegant um die Beine. „Arturl" Sie wurde rot und blaß. „Tag, Mine!" Er gab ihr die Hand, und sie sah einen großen Siegelring an seinem Zeigefinger blitzen. „Neu?" fragte sie bewundernd. „Neu," wiederholte er nachlässig und stellte sich doch zugleich vor sie hin, als wollte er sagen:„Bewundre nur weiter I" Nun sah sie erst, wie fein er war! In einem hellen Anzug, den sie noch nicht kannte, und in braunen Halbschuhen: unterin Kragen flatterte ihm eiir hellblauer Seidenschlips mit Weißen Punkten, auf den Leib baumelte ihm eine Uhr- kette mit allerhand Berlocken. Wie ein Herr! Der Mund blieb ihr vor Staunen offen. „Fein, was?" sagte er mit heimlichem Stolz und klopfte mit dem Stöckchen an seine Hosen.„Alles auf Pump! Aber was hilft's, man muß doch standesgemäß auftreten. Von morgen ab schreibe ich Akten bei Rechtsanwalt Sieboldt in der Jägerstraße. Fünfundvicrzig Mark monatlich für den Anfang: dann mehr. Die schöne Auguste, die von unserer Straße dahin verzogen ist, hat mir die Stellung verschafft. Ich bin froh, endlich krieg ich doch meine Ruh. Und Rad- fahren lernen werd ich nu auch!" „Hast Du en Glücke!" Sie schlug erfreut die Hände zusammen, und gleich darauf empfand sie es wie eine be- sondere Genugtuung, daß er. der feine Herr, sie noch aus- führte.„Wohin gehn wer denn!" fragte sie verschämt und glücklich. „Ja wohin?!" Unternehmend fuchtelte er mit dem Stöckchen durch die Luft.„Irgendwohin, wo's recht fidel ist. Heut wollen wer mal leben. Weißte, Mine, kost's, was es kost!" lFortsetzung folgt.) (Ziachdruct verboten.) 21 Huf IVachtpoftcn. Erzählung aus dem Soldatcnleben von Wilhelm Hellt» ig. Zuerst ging der Marsch zu der Festungsstuben-Gefangeucn- ansialt, wo gleichfalls ein Posten aufzustellen war. Tort befand sich das Offizicrgefängnis. über welches allerlei dunkle Gerüchte umgingen. So wurde erzählt. eS säße dort schon seit 1870 ein alter. Weißbartiger Mann. Was er einst verbrochen, wußte niemand zu tagen, nur hieß es, er habe es gar nicht schlecht, sogar der Posten müsse ihm ehrerbietig begegnen. Martins Posten war aber nicht dort, sondern vorn, nahe dem Tor und dem Wachtlokal, hinter deii hohen Palisaden, die die Kasematten vom anderen Teil des Zitadclleninnern trennten. Auf ein Klingelzeichen öffnete ein Unteroffizier das" Hoftor. Der Posten erhielt seine Instruktion, pflanzte das Seitengewehr auf und trat seinen Dienst an. Es war kurz vor zehn Uhr und auf dem Hofe herrschte noch lebhaftes, fast lustiges Treiben. Die Arbcitssoldaten in ihren schwarzen Jacken tummelten sich im Hofe umher, turnten an einem Reck und vergnügten sich mit Bock- springen. Martin näherte sich ihnen, aber sie nahmen scheinbar keine Notiz von ihm. Das Leben hier drinnen erschien jedoch gar nicht so abschreckend, es sah sogar ganz gemütlich und behaglich aus, als die Leute im letzten Abendschein, der über die hohen Wälle herüberleuchtete, so heiter spielten. Aber nur kurze Zeit dauerte die harmlose Ausgelassenheit der Sträflinge. Dann ertönten die langgezogenen Klänge des Zapfen- strciches von der Torwache herüber, und gleichzeitig erscholl das Kommando:„Auf die Stuben!" Im Augenblick war der Hof leer, und Martin fand sich ein- sam in dem kahlen, öden Raum. Von drinnen her tönten noch einige Befehle, dann wurde es dort immer stiller; das Abendrot verlor sich. Dämmerung und Dunkelheit breitete sich über die Wälle. Tie Uhr am Portal meldete jede Viertelstunde. Einsam wanderte der Posten vor den vergitterten Fenstern hin und her. Drinnen schien alles zu schlafen. Er betrachtete nun das verrufene Asyl. Das Kasernement unterschied sich eigentlich gar nicht von den übrigen Kasematten, in denen gewöhnlich Fcstungöartillerie untergebracht war. Nur der hohe Palisadenzaun schloß es streng von der Außenwelt ab, wenn man das Innere der Zitadelle überhaupt als Außenwelt betrachten wollte. Vorn, dem Palisadentor gegenüber, führte ein größeres Rundbogenportal hinein in die Tiefe des Walle?. Neben diesem sah er in mehreren Stockwerken die großen, luftigen Fenster der Wohnungen beaufsichtigender Unteroffiziere. Unten aber, am inneren Wall entlang, lief eine Reihe kleiner vergitterter Fenster. Auch zwei feste Türen führten in die dahinter liegenden Räume, deren Fußboden tiefer lag als die Pflasterhöhe des Hofes. Wenn der Posten an ein Fenster trat, so schaute er in ein Souterrain hinunter. Er versuchte, einen Blick durch das Gitter nach unten zu werfen. Umsonst, tiefe Finsternis herrschte da drinnen. Doch Lispeln und Schnarchen glaubte er zu vernehmen. Plötzlich tauchte dicht vor ihm ein bleicher Kopf auf, ein paar funkelnde Augen starrten ihn an und eine gedämpfte Stimme wisperte:„Paß auf, Kamerad, daß keiner von uns ausreißt." Martin trat zurück. Seine Instruktion verbot ihm, mit den, Gefangenen zu sprechen. Er deutete schweigend auf das entblößte Faschinenmesser, das auf seinem Gewehr festsaß und blinkte.� „Du wirst doch keinen stechen, der Dir nichts tat", zischelte es drinnen wieder. Dann war!wr Kopf verschwunden und Martin setzte seinen eintönigen Spaziergang fort. Nach einiger Zeit fuhr aus einem Loche der Tür ein kleine Fahne und ein leiser Ruf ertönte:„Posten I" Der Instruktion nach mußte Martin auf dieses� Signal hin einzelne Leute hinaus und zum Brunnen gehen lassen, sie aber während dieser Zeit scharf im Auge behalten. Beim Oeffnen trat ein wahrer Riese heraus. Das Gewehr unter dem Arm ging der Wachtposten langsam hinter ihm her. und dabei drängte sich dem Soldaten die Frage auf, was er wohl tun würde, wenn der Gefangene jetzt entspringen oder ihm die Schlüssel entreißen wollte. Der Instruktion nach mußte er ihn niederstoßen. Ihn unver- sehrt festzuhalten, hätte er kaum hoffen können, der Arbeitssoldat war ungleich größer und kräftiger als er; also mußte er eventuell gleich alles auf eine Karte setzen oder ihn laufen lassen. Beides bot keine angenehmen Aussichten. Entlief der Gefangene, so saß Martin im Gefängnis. Aber einem Menschen das kalte Eisen in den Leib jagen? Wäre eS nicht doch besser zu brummen, und wenn's ein Jahr wäre? Doch Gott sei Tank, der Riese dachte wohl nicht an's Ausrücken. Auf dem Rückwege blieb er ruhig mitten auf dem Hofe stehen und blickte zum Sternhimmel hinauf. '„Eine schöne Nacht heute, nicht wahr?" Martin nickte nur. Die Unteroffiziere oben hatten noch Licht, und alle Fenster standen offen. „Hast Du schon mal von Trenck gehört?" fragte der Mann weiter. „Trenck? Trenck? Wer ist das?" Freiherr Friedrich von der Trenck, der Günstling des alten Fritzen, den Fritz zehn Jahre lang drüben in der Sternschanze fest» gesetzt hat." „Ach so! Jawohl. Aber das ist lange her. WaS hast Du mit dem?" „Ja. der saß hier nebenan hinter der Mauer, ehe sie ihn drüben in die Sternschanze brachten. Ich habe sein Gefängnis hier in der Zitadelle entdeckt, als ich vor einiger Zeit da drüben in einem Keller Kohlen und Holz verstauen mußte. Gleich hinter der hohen Mauer dort, die sich über den Holzschuppen erhebt, ist ein enger Hof. Von draußen führt eine eiserne Tür zu ihm hinein. Gerade dieser gegenüber auf der Wallseite findest Du eine andere Tür, die führt in einen engen, kleinen Keller, tief im Wall eingebaut; das ist TrenckS Gefängnis gewesen. Ich sage Dir: ein scheußliches Loch." „Aber woher weißt Du--* „Ich habe Trencks Geschichte genau studiert und irre mich nicht. Rebrigens brauchst Du es ja nicht zu glauben. Gute Nacht!" Martin trat wieder an das Fenster, hinter dem vorhin der Kopf erschienen war. Deutlich hörte tr, daß drinnen gesprochen wurde. Offenbar unterhielten sich Sträflinge. Eigentlich mußte er ja diese Unterhaltung verbieten, doch sie sprachen so leise und ruhig, daß er es nicht über sich brachte, die Leute raub anzu» fahren und den Schweigebefehl zu geben, der ihm selbst sehr über- flüssig vorkam. Er zog es vor, sich seitwärts neben das Fenster zu stellen, um zu horchen» und verstand bald jedes Wort, das drinnen gesprochen wurde. „Du, ich glaube, der Posten hört uns." „Schadet nichts, der tut uns nichts." „Er wird uns melden." „Nein, er scheint mir ein anständiger Kerl zu sein. Ich habe vorhin mit ihm gesprochen." „Na, dann erzähle weiter." „Ich hatte in meinen jüngeren Jahren davon gelesen und immer gewünscht, mal' hier in der Zitadelle und auch da drüben, in der Sternschanze, nachstöbern zu können, ob nicht noch die Ge- sängnisse des Frcihcrrn von der Trenck zu finden seien, oder doch wenigstens Spuren davon. Freilich, daß sich dieser Wunsch erst erfüllen sollte, als ich selbst Gefangener in der Zitadelle war, das hätte ich damals nicht ahnen können. Na, d i e Geschichte hier in der Zitadelle kennst Du ja. Ich will Dir jetzt also lieber er- zählen, wie ich auch da drüben in der Sternschanze mit meinen Forschungen Erfolg hatte, aber dabei leider so bösartig hinein- kiel, daß ich an den Folgen noch heute hier festsitze." „Tu hast also auch in der Sternschanze was entdeckt?" «Man immer Geduld. Also ich sagte Dir schon mal, daß ich zu dem Garnison-Domsängerchor abkommandiert war. Meiner guten Tenorstimme wegen konnte die Kompagnie auch dann nicht meine Ablösung bewirken, als mir die Geschichte mit dem Kapitulanten-Geireiten Greul passiert war, durch die ich auf vier- zehn Tage in die Dunkelzelle kam. Mittwoch und Sonnabend übten wir in der Domkaserne, und das waren allemal gute Tage für mich. Ich war der Bibliothekar des königlichen Musikdirektors, der unsere Uebungen leitete. Vor Beginn der Gesangstunden mußte ich jedesmal das Meldebuch von der Kommandantur holen und dann auch die großen Notenmappen herbeischaffen, die im Dom in einem Schrank hinter der Orgel aufbewahrt wurden. Den Schlüssel zu diesem Schrank hatte ich in Verwahrung. Nach der Uebung mutzte ich die Noten wieder einordnen und die Mappen zurück nach dem Dom bringen. Du mutzt nun nicht denken, daß ich mit diesem Extradienst große Mühe hatte. Ich war meist sehr rasch damit fertig. Aber laut Kommandanturbefehl war ich für den ganzen Nachmittag frei. Man dachte nämlich wunder, was die Notengeschichte für Arbeit machte. Das war nun ganz schön, und ich nutzte diese Freiheit aus so gut es ging. Mittwochs besuchte > ich zuerst regelmäßig die Leihbibliothek und holte mir irgendein Buch. Damit ging ich in den Friedrich-Wilhelms-Garten. setzte mich auf eine abseits stehende Bank, wo kein Offizier hinkam, und las meine Geschichte so lange, bis mich der herannahende Zapfenstreich in die Kaserne trieb." „Ich hätte die Zeit besser ausgenützt." „Mag seinl Jeder nach seinem Geschmack. Ich war aber von jeher ein Bücherwurm und hatte im ersten Dienstjahr nichts schmerzlicher vermitzt als freie Zeit zum Lesen. Also eines Tages fällt mir beim Nachschlagen des Kataloges jenes alte Buch von der Trenckschen Lebensgeschichte in die Augen, das ich vor langer Zeit schon einmal gelesen hatte; doch war mir sein Inhalt fast ganz aus dem Gedächtnis entschwunden. Sofort verlangte ich es und bekam es auch. Die abenteuerliche Lust, den Stätten längst ver- gangener, fast vergessener historischer Ereignisse nachzuspüren, überkam mich bei der Lektüre aufs neue. Am nächsten Sonnabend erhielt ich ausnahmsweise den Befehl, nach Schluß meines Singe- dienstes noch zum Schießen nach dem Biederitzer Busch zu kommen, möge es so spät sein als es wolle, tlm nicht erst noch einmal nach der Kaserne zu müssen, nahm ich die gesamte Schietz- ausrüstung, Gewehr, Helm und Patronentaschen, gleich mittags mit mir zur Domkaserne. Als unsere Gesangübung beendet war, wanderte ich mit den Noten hinüber zu dem mächtigen. Gotteshause und betrat die in nachmittäglicher Stille daliegenden weiten Hallen vom nördlichen Turm aus. Mein Weg führte ein Stück durch das Schiff der Kirche, bis zu einer kleinen Tür im inneren Portalgemäuer, hinter? der die Treppe aufwärts zu dem Gemache führte, in dem ich die Noten zu bergen hatte. Dieses Gemach hatte Anschluß an die Haupttreppe des Turmes, die zu keiner Höhe hinaufführte. Hatte ich zuerst die Absicht gehabt, wieder nach meiner Bank im Pari zu gehen und dort den Nachmittag zu verbringen, so kam mir beim Anblick der gewaltigen breiten Turmtrcppe der Gedanke, einmal dort hinauf zu steigen. Zeit hatte ich ja noch genügend, und tso besann ich mich weiter nicht. AlS ich oben auf dem Umgange unter der kurzen Helmspitze hinaustrat, war ich förmlich geblendet von der Fülle von Licht, Himmelsblau und Erdengrün ringsum. Bis zu den blau-- dunstigen fernen Harzhöhcn schweifte der Blick hinüber und der Brockenkegcl präsentierte sich in ruhiger Erhabenheit über dem gesamten Panorama. Ringsum ging ich um die eigentliche Turm- jhitze, und nach allen Seiten eröffneten sich neue wunderbare Fcrnfichten. Als sich mein Blick an den unheheuren Weiten ermüdet hatte, lenkte ich ihn auf das Näherliegende, auf die große Stadt drunten. Bald blau, bald silberglänzend wand sich dort die Elbe heran, ein »vohlgeformter Arm, von drei Armbändern, den drei' Brücken überspannt: eine ganz oben beim Herrenkrug, über die eben ein in der Richtung nach Berlin fahrender Zug hinüber eilte; dann die Hauptbrücke, vom Johannesberg zur Zitadelle und weiter zur Friedrichstadt hinüber führend; endlich die dritte, die unfern vom Dom die Stadt mit dem„roten Horn" verband, Diesseits der Elbe, dem„roten Horn" gegenüber, also meinem Standpunkte ziemlich nahe, lag die Sternschanze, das berüchtigte Gefängnis meines Helden, des Freiherrn von der Trenck. lFortsetzung folgt.j Huö dem Erwerbsleben der Slldlee-Inlulaner. Don Dr. I. Wies e. I. Die Kanaken— so lautet die Gesamtbczeichnung für die Poly- nesier— sind in ihrem häuslichen Leben höchst bedürfnislos. Wald und Meer liefern ihnen alles, was zum materiellen Wohlergehen er- forderlich ist. Den Ackerbau treibt der Kanake nur in oberflächlichster Weise. Er beschränkt fich ausschließlich auf den Anbau einiger Knollcnkrüchtc wie Süßkartoffeln, Taro") und DamS*). Besuchen wir einmal diese Naturvölker bei ihren Feldarbeiten. Wir müssen zunächst darauf verzichten, regelmäßig eingeteilte Felder zu finden wie in Europa. An Größe sind die Pflanzungen sehr verschieden und an Gestalt finden wir alle möglichen, nur keine regelmäßigen. In der einen Jahreszeit werden Taro gepflanzt, in der anderen DamS und Pik(wildes Zuckerrohr), das ganze Jahr hindurch aber Bananen und Süßkartosscln. Ist ein G'rasfeld zu einer Pflanzung bestimmt, so begeben sich die Männer mit Messern und Bambusscheiten hin und schlagen das mannshohe Gras nieder. Nach zwei Tagen Sonnenschein ist es trocken wie Heu und wird an- gesteckt, so daß alles Unkraut bis aus den Boden abbrennt. In dieses gereinigte Feld werden ohne weiteres die Bananenableger gepflanzt. Das Gras fängt aber sofort wieder an zu sprossen. Der Boden wird deshalb von den Männern umgegraben oder umgehackt. Das weitere überläßt man den Frauen, die nach und nach mit Grabstöcken die ganze Pflanzung umwühlen und die Graswurzeln entfernen. Sie liegen dabei auf der Erde, wie es bei der Kartoffelernte in Europa üblich ist. Neben sich haben die Frauen die schwarze Wasserflasche, aus der sie zuweilen ein Schlückchen trinken; in einiger Entfernung liegt das Kind und schläft oder schreit; oder es spielen mehrere Sprößlinge, die nach Herzens- lust schreien und miteinander raufen, bis es der Mutter zuviel wird. Von Zeit zn Zeit müssen die Frauen dann noch jäten, weil das Unkraut, dessen Wurzeln nicht ganz entfernt werden können» wieder neu und üppig emporschießt, viel schneller als alles andere. Zwischen den Bananen pflanzt man Setzlinge der Jngirstaude, hier und da DamS, Süßkartoffeln. Zuckerrohr oder Ingwer. Bei dem Emporschießen der Bananenblätter werden die unnötigen mit einem Stocke, an den» oben ein Messer angebunden ist. abgeschnitten. Hat der Sturmwind einen Teil der Pflanzung arg verwüstet, so richten die Kanaken die gefallenen Stämme wieder auf und binden sie an Bambusstöcke fest. Den reifenden Früchten drohen verschiedene Feinde, Papageien sowohl als fliegende Hunde, die sich die besten aussuchen und auf- fteffen. Deshalb werden die schönsten Trauben zum Schutze mit trockenen Bananenblättern umwickelt. Ist nun eine Traube reif, so schlägt man fie mit einigen Messerhieben ab und zerstört den Stamm, da er ein zweites Mal ja doch nicht mehr trägt. Unterdessen schießen schon wieder neue Sprößlinge aus der Wurzel hervor, die die Eingeborenen zum Teil als Setzlinge für neue Pflanzungen benutzen, zum Teil stehen slassen, um die abge- hauenen Stämme zu ersetzen. Bei den zu dicht wachsenden Stauden entfernt man nach und nach die überflüssigen Schößlinge. Die schönsten und ergiebigsten Ernten werden erzielt, wenn man 3 bis 4 Stämme stehen lätzt und die anderen regelmäßig schräg über den» Boden abhackt. Die Banane hat keine bestimmte Reifezeit, sondern trägt daS ganze Jahr hindurch Früchte, die verschieden sind an Größe. Form, Farbe und Geschmack. AnS den Fasern deS fleischigen Stammes wissen die Eingeborenen sehr geschickt ihre Bind- fäden und Schleuderschnllre zu drehen. Das große Blatt ersetzt Teller und Töpfe, Packpapier und Wasserbehälter, Trichter und Becher, Sonnen- und Regenschirme. Die Naturvölker pflegen die Bananen sowohl roh als auch gekocht zu genießen. Im elfteren Falle graben ste sie nach ihrer völligen Reise in die Erde ein oder hängen sie au einem schattigen Orte auf. bis sie gelb, ganz weich und zuckersüß sind. Im anderen Falle dagegen dürfen die Früchte nicht ausgereift sein, weil sie sonst beim Kochen in Brei zerfallen würden. Da eine Bananenpflanznng den Boden nach einigen Jahren vollständig aussaugt und die Kanaken eine Düngung nicht vor- nehmen, lassen fie das Feld einige Jahre brach liegen, mit Gras und Unkraut und von selbst aufschießendem Gestrüpp überwuchern und legen an einer anderen Stelle eine neue Pflanzung an. D»e Taro verlangen einen fetteren Grund als die Bananen und gedeihen weder aus sandigem, noch steinigem oder von Bananen ausgesogenem Boden. Als Tarofeld kommt vielmehr nur frischer Waldboden in Betracht. Interessant ist es zu beobachten, wie ihn die Eingeborenen urbar machen. Zuerst wird das untere Buschholz niedergehauen und, wenn es trocken ist. angezündet, so daß auch mittelgroße Bäume verbrennen. Große Waldbäume bringen die Eingeborenen allmählich zum Absterben, indem sie die Rinde kranzförmig losschäleir. Mitten auf dem abgebrannten Holzfelde stecken fie die Tarosetzlinge ohne weitere Vorbereitung in die tiefen Erdlöcher hinein. Der Waldbodcn hat den Vorteil, daß er weniger hart ist und auf ihm nicht das lange, fast unvertilgbare Gras wächst. Nur wenn die Taro schon ihre ersten Blätter entwickelt haben, sammelt mal» die größeren dazlvischen liegenden Holzstücke und schichtet sie zu großen Haufen, die im Laufe deS Jahres als Feuerholz Verwendung finden. Die Taropflanzung liefert nur dann schöne große Früchte, wenn sie von den, üppig wuchernden Unkraut stets gesäubert wird. Für DamS und Süßkartoffeln muß der Boden erst um- gegraben und fertig bearbeitet sein. Als Damssetzlinge dienen kleine Stückchen von der reiferen Knolle mit einigen Augen. Ein halbes Jahr aufbewahrt, trocknen sie fast ganz zusammen. Es werden nun in der Pflanzung Erdhäufchen gemacht und in diese die *) Taro-Wasserbartwurzel aus der Gattung der Arazeen, liefert große, fleischige KnolKn, die unsere Kartoffeln zu vertreten scheinen. Die Damswurzeln sind mchlreiche Wurzelknollen aus der Ordnung der Liliifloren. SamSsetzlinge hineingesteckt. Sobald sie anfangen zu sprossen, ranken sie an»ncterlangen Stöcken empor und geben so der ganzen Pflanzung von lveitem das Aussehen eine« üppigen Weinberges. Die Lkaollen sind meistens länglich rund, zum Teil auch langgestreckt und handsörmig. Ihre Größe ist verschieden, je nach der Güte und der Beschaffenheit des Bodens. Die größten sind jedoch nicht immer die schmackhaftesten. Süßkartoffeln sind am allerleichtesten anzupflanzen. In den bearbeiteten Boden lvcrden nur hier und da kleine Ranken- stücke eingesetzt, die sofort Wurzel fassen, den ganzen Boden bald bedecke,» und so das Unkraut von selber fernhallen. Bon Zeit zu Zeit lockert man mit der Hand de» Boden an der Wurzel und zieht die reiferen Knollen ab. Die Pflanzung selbst aber entwickelt sich jahrelang weiter, ohne besondere Pflege zu beanspruchen. Schweine sind von ihr möglichst fernzuhalten, weil auch sie das Aus- graben der Knollen gern besorgen. Die Süßkartoffeln erreichen nickt die Größe der Aams, sind aber auch untereinander sehr verschieden an Gestalt und Größe. Die Blälter kann man als Spinat zubereiten! sie sind jedoch merkwürdigerweise herbe, während die Knollen einen widerlich süßen Geschmack haben. Taro sowohl als Dams und * Süßkartoffeln vertreten bei den Europäern die Kartoffeln. Manche können sich schwer daran gewöhnen, andere aber ziehen sie in ge» wiflen Zubereitungen den europäischen Kartoffeln vor. Zuckerrohr, das hier und da in der Pflanzung gezogen wird, wächst w,e Unkraut, dient aber den Eingeborenen nur zur Stillung des Durstes oder zur Fütterung zahmer Papageien. Jngwcrknöllchen sind bei den Naturvölkern eine Hauplmedizm. Bei Leibschmerzen werden sie gegeffen, bei Anschwellungen oder rheumatischen Schmerzen vom schwarzen Doktor gekaut und dem Patienten auf den Leib gespuckt. Eine Art wildes Zuckerrohr, von den Eingeborenen„Pit" genannt. bildet zeitweise die Hauptnahrung der Kanaken. Seine Kultur verlangt nicht viel Arbeit. Einige Wurzelstöcke werden kurzerhand gepflanzt und erfordern dann weiter keine Pflege. Bevor die rispenförmige Blüte sich entwickelt, sitzt sie zusammengefaltet in 20—30 Zentimeter langen Hüllblättern. Sie wird in dieser Hülle gepflückt und auf dem Feuer geröstet. Auch manche Europäer gewinnen mit der Zeit dieses etwas fade Effcn lieb, besonders wenn mau bei der Zubereitung Butter verwendet. Was die gewerbliche Arbeit, um diesen Ausdruck zu gebrauchen, anbelangt, so bedienen sich die Kanäle» höchst primitiver Werkzeuge. DaS einzige allgemein brauchbare Handwerkszeug, das sie aus sich heraus zu ersinven vermochten, ist die Axt. Von dieser gibt es zweierlei Arten, die sich indessen nur durch das Material ihrer Schneide lMterscheiden. Zu bemerken ist, daß die Bezeichnung„Axt"' eigentlich unrichtig ist und man richtiger Bcilhackc sagen sollte, denn so nennt der Zimmermann das In- struinent. dessen Schneide wie bei der Kanakenaxt die Richtung des Stiele» kreuzt. Die Muscheloxt wird aus einer etwa 20 Zentimeter langen länglichen und in ihrer Längsrichtung gewundenen Muichel hergestellt. Diese wird so lange geschliffen, bis sie auf ihre Hälfte im LängSdurch'chnitt reduziert ist, da? breitere Ende loird jetzt noch in rundlickc, Form zugeschnitten und geschärft. Mit dem spitz zu- laufenden Teil wird nun die halbe Muschel an den kurzen Arm eines im spitzen Winkel umliegenden Stückes Holz mittels Schnüren aus KokoSfasern befestigt, und die Axt ist befestigt. Für den Europäer ist dieies Werkzeug unbrauchbar, erstens glaubt er nicht an die Harte der Schneide und fürchtet sich, kräftig zuzuschlagen, in dem Gefühle, die Muschel müßte zerbrechen; außerdem ist ihm die Stellung der beiden Teile der Axt zu einander so befremdlich, daß er zunächst nicht dahin trifft, wohin er zielt, dann aber läßt er auch die Schneide schräg statt senkrecht auf das Holz fallen, was natürlich die Lockerung der befestigenden Schnüre bewirkt, falls diese aber halten, den Bruch der Muickelscheide zur Folge haben muß. ES ist eine inter- csiante Tatsache, daß der Kanake bald das kleine Handbeil deS Europäers zu gebrauchen lernt, obwohl dessen Anwendung von der seiner Muschelaxt grundverschieden ist. niemals dagegen hat Graf Pfeil einen Kanaken getroffen, der sich die Handhabung der seinem eigenen Instrumente ähnlichen europäischen Beilhaue an- zueignen imstande war. An die Stelle der Muschel tritt vielfach ein scharf geschliffener Stein. Auf den Koralleninseln ist dieser zwar nicht zu finden, doch hat er als beliebter Handelsartikel allgemeine Verbreitung gefunden. Hauptsächlich ist ein grünlicher Diabas benutzt worden, doch findet man auch Steine von rötlicher Färbung, mutmaßlich ein feinkörniger Porphyr. Die Muschel scheint einer späteren Kulmrperiode au- zugehörcn, denn da, wo sie heute noch in Verwendung ist. findet man weggeworfene, noch durchaus nicht aufgebrauchte Steinäxte. An den Küsten der Inseln deS Archipels sieht man heurzutage kaunt noch Muscheln oder Steinäxte in Gebrauch, beide sind von dem eisernen Produkt der Kulturperiode verdrängt. Von eigentlichen Handwerlzeugen zum Gebrauche in den Primi- tiveu Gewerben kann man nicht weiter sprechen. Die Erwähnung verdient nur, selbstverständlich abgesehen von der Verfertigung von Waffen, die Muschelschleiferei, die Pcrlcufabrikalion. die Gerderei, die Töpferei und die Farbstoffbereitung. Sehr häufig sieht man in Kaiser WilhelmS-Land aus Täschchen, Armbändern und auf dem Brustschmuck kleine, unseren Stickperleu sehr ähnliche Perlen aufgereiht. Diese cnt- stammen kleinen konischen Schnecken. Sie werden, sobald sie vom Meere ausgeworfen sind, von den EiiigeborenAl, auf Tami, Rook und Berlin-Haken gesammelt, und ihre Gehäuse werden nach allen Regeln der Kunst geschliffen. Wie die Tami-Leuke Meister in der Muschelschleiferei sind, so haben es die Berlin-Hafener zu einer großen Fertigkeit in der Herstellung von Muschelarmringen gebracht, die sie ans folgende Weise anfertigen: Aus einer Tridacua oder einer andern geeigneten Muichel schlagen sie zunächst eine Platte, die sie in ein Stück weiches Holz, daS sie zwischen ihren Füßen festklemmen, eindrücken; darauf wird eine Bambus» siange mit einem gleichen Durchmesser wie der des gewünschten Ringes auf der Platte im Kreise hin und her belvegt, sodaß schließlich ein kreisrundes Stück herauskommt! zuletzt wird dk Außenseite des Ringes fein abgeschliffen. kleines Feuilleton. Geologisches. Gebirgsdruck und Tunnelbau. Die vielen Tunnel« fatastrophen der letzten Jahre und der rasch fortschreitende Ausbau des Bahnnetzes im Hochgebirge haben erneut die Aufmerksamkeit der Forscher auf die Erscheinungen hingewiesen, die durch den lastenden Gestcinsdruck hervorgerufen werden. Wir haben es hier mit Gewalten zu tun, deren Größe unser Faffungsvermögen weit übersteigt; lasten doch über vielen Tunnels und Bergwerken Mit- lionen� und abermals Millionen von Kubikmeter festen Gesteins. Verlassene Stollen in Bergwerken find oft schon nach Jahrzehnten nicht mehr aufzufinden: das Gestein ist„gewachsen", sagt der Bergmann, der Berg hat die von menschlichen Händen geschaffene Höhlung allmählich tvicder ausgefüllt. Auch bei Bohrungen hat es sich gezeigt, daß von den Vohrlöcherit oft nach kurzer Zeit schon keine Spur mehr vorhanden war. Bis jetzt war man allgemein der Ansicht, daß dergleichen Vorgänge auf einen senkrecht von oben nach unten wirkenden Druck des darüber lastenden Gebirges zurück- zuführen, seien. In der«Vicrteljahrsschrift der Naturforschendcn Gesellschaft Zürich" weift nun der bekannte Geologe Albert Heim nach, daß diese Meinung durchaus irrig ist, und daß die Tunnel- einstürze der letzten Zeit fast ausnahmslos vcrschnkoet sind durch eine auf dieser Meinung basierende Konstruktion. Bei seinen Unter- suchungen ging er von den sogenannten„Bergschlägcn" aus, die bei Tunnclbohrungcn und in Bergwerken häufig beobachtet werden. Es lösen sich dabei Gesteinsschalen von oft großer Mächtigkeit unter lautem Knall von den Wänden deS Gewölbes los. Dies gc- schieht aber ausschließlich in kompaktem, von Klüften nicht durch- setzten Gestein. Von vergessenen Dynamitpatronen, wie noch viel- fach behauptet wird, können derartige natürliche Sprengungen nicht herrühren, sonst würden die einzelnen Sprengstücke von einem Mittelpunkte aus radial wcggcschleudert werden, sie springen aber parallel de» Wandfläche» ab. Run hat A. Heim beobachtet, daß es unmöglich ist, die abgesprungene Gesteinsschale wieder an ihren Ort einzupassen, tveil sie größer geworden ist und sich auch in ihrer Krümmung verändert hat. Offenbar lvar also das Gestein vorher auf einen kleineren Raum zusammengepreßt und konnte sich nun. von dem lastenden Druck befreit, gewissermaßen erholen. Der Gc- birgsdruck verleiht dem Gestein eine gewisse Plastizität, die sich auch darin äußert, daß es sich falten, zusammenpressen und auseinander. ziehen läßt, Vorgänge, die bei der Gcbirgsbildung eine große Rolle gespielt haben. Und nun hat Heim gefunden, daß ein unter Druck befindliches, plastisch gewordenes Gestein dieselbe Eigenschaft zeigt wie eine Flüssigkeit, daß Druaänderungen in ihm sich n a ch a l l c it Seiten hin fortpflanzen und fühlbar machen. Wenn also ein Tunnel durch einen Berg gebohrt und dadurch die Druckvertcilung eine andere wird, wirkt der Gcbirgsdruck nicht allein auf die Decke, sondern auch auf die Wände und den Fußboden des Gewölbes. .Häufig hat man bei dergleichen Bauten eine Aufwölbung des Bodens, ein Zusammengehen der Wände beobachtet. Trotz dieser Erfahrungen hat man bis in die jüngste Zeit hinein die Tunnels rein nach den Prinzipien des architektonischen Gcwölbebaus ein- gelegt, die weniger die Seitenwände und den Fußboden, als viel- mehr die Decke vor dem Zusammensturz sichern sollen; daher die fortschreitenden Einbrüche infolge Nachgebens der seitlichen Aus- Mauerungen und die nie aufhörenden kostspieligen Reparatur- arbeiten, wie sie jetzt in großer Ausdehnung sich bereits an dem erst kürzlich eröffneten Simplontunncl als notwendig erwiesen haben. Nach deu Darlegungen Heims dürften nun wohl die maß- gebenden Ingenieure dazu übergehen, mehr als bisher die Ergcb- iiiffe der geologischen Wissenschaft zu beachten. Speziell Tunaclbautcn sollten nie anders als in kreis- förntigcm Querschnitt mit allseitig geschlossc- nem, auch aus der Sohle gesichertem, druck st arkem Gewölbe angelegt werden; Zudem müßte der Ausbau in dieser Weise so schnell vor sich gehen, daß der Stcinverband. schon fest verkittet ist, che der erst allmählich wirkende Gcbirgsdruck seine verderbliche Wirkung ausüben kann. Lerantw. Rcdakt.: CarlWermuth, Aerlin-Rixdorf.— Druck».Verlag; Vorwärts Buchdruckerei u.BerligSanstaltPaul Sinacr äiEo.. Berlin 2 VV.