Unterhaltungsblatt des Uorwärts Nr. 30. Freitag� den 12 Februar. 1909 89] (Jlaftbtuä VerVoten.) Das tägliche Brot. Roinan von G. V i e b i g. „Ne. ne, es is allens ganz gutt, nur"— sie seufzte und fuhr sich mit.der Hand über die Stirn.„Na.'s hat eben jeder sein Kreuze. Weißte, Bertchen, warum ich komm?" Mit einem etwas verlegenen Lächeln sah sie die Freundin von der Seite an.„Rat mall" „Haste nach mer Verlangen gekriegt?" Mit einem koketten Lachen wirbelte Berta ihre hübsche Gestalt auf einem Fuß herum.„Weeßte was, Mine, wollen wer nächsten Sonntag mal zusammen ausgehen— nach Halensee, scherbeln— was? Ich stell Der meinen Bekannten vor." Mine schiittelte den Kopf.„Ne, ne, das iS nischte for mir. Weeßte, Bertchen—" sie machte eine Pause, es wurde ihr augenscheinlich schwer, mit ihrem Anliegen heraus- Zurücken—„ich möcht mer gerne das Geld abholen, das ich Der geborgt Hab. Du mußt mer'sch nich for übel nehmen." „Das Geld? Was für Geld?!" „Na. Du wceßt doch: zwei Mark ganz im Anfang—'s is jetzt übern Jahr her— und dann noch mal später fünf Mark un fufzig— Du wallst bei der Grummach was ab- bezahlen— und denn Pfingsten zwei Mark— Du gingst zun Friihkonzert— un denn noch mal fufzig Pfennig sor Schoklade. Macht zehn Mark," schloß sie, ihr Zurückverlangen gewissermaßen mit der Höhe der Summe entschuldigend. Berta wurde rot.„Ach so!" Daran hatte sie gar nicht mehr gedacht. Wie unangenehm, daß sie augenblicklich nicht bei Kasse war! Sie hätte es der Mine gern gleich gegeben. ..Brauchste's denn sehr nötig?" erkundigte sie sich.„Wozu denn?" „Ich brauch's," war die knappe Antwort. „Hat's nich noch'n bißchen Zeit? So wie ich wieder Lohn kriege, sollste die erste sein. De kannst Dich drauf ver- lassen. Wecß Gott, wie das immer zugeht— eins zwei drei— der Lohn is weg, wie gepust't!" „Zehn Mark!" Berta lachte hell.„Ja, ja, zehn Mark, na wenn schon! Das is doch nich so wunder was, wie De tust! Das is gar nischt. Das gibt man leicht aus." „Ich nicht" Ein Zug von Schmerz glitt über MineS Gesicht, der selbst Berta auffiel. „Na, was haste denn nur?" Mine gab keine Antwort: die verarbeiteten Hände im Schoß zusammengelegt, sah sie starr auf den Boden. „Haste Schulden? Das is doch schnuppe!" „Ne. ne. Laß man, Bertchen! Ich muß nu gehen. Hab noch Wäsche einzuweichen, en paar Bütten voll. Adjö, Bertchen!" Sie bot der Freundin die Hand.„Nn nich wahr, so bald De kannst, krieg ich das Geld? De ver- gißt's nich?" Berta merkte, wie schwer es Mine wurde, ohne das Geld zu gehen. Schon auf der Treppe, drehte die sich noch ein- mal um und rief zurück:„Vergiß es nicht" Berta horchte, wie sie hinunterging— schwerfällig, trap, trap. Nachdenklich ging sie dann in die Küche zurück— warum war die doch so niedergeschlagen? Ja, verändert hatte sich die Mine recht. Aalten in die Stirn gekriegt und— puh, sah di« verarbeitet aus! Sie hob die Lampe und besah sich mit einem kleinen, geschmeichelten Lächeln in dem Spiegelchen, das, hinter der Gardine versteckt, am Fenster hing. Immer freundlicher wurde das Lächeln— ja, sie ivar hübsch! Sie hatten recht, alle, die es ihr sagten: der Bäcker, der Schlächter, der Kauf- mann, die Herren, die ins Haus kamen, der Portier, die Plätterin, die Reinemachefrau, Mutter Reschke, die Bettler— alle, alle! Sie konnte sich gar nicht trennen von dem eignen, lächelnden Bild, schon zitterte ihr Arm, der die Lampe hoch- hielt— da— wieder ein Pochen! Und nochmals ein rasches, ungeduldiges, heftiges Pochen. „Ja, ja, man Geduld! Ich komme schon!" Sie öffnete...Jräulen Trudchen. nanu, Sie—?!" In maßlosem Erstaunen riß Berta die Augen auf. („Still," sagte Trude Reschke mit eigentümlich leisem und doch hartem Ton.«Is Herr Selinger zu Hause?" „Ja wohl— aber—" „Sonst jemand?" Berta schüttelte verneinend den Kopf, sie war ganz sprachlos— was würde nun werden?! „Na, denn!" Trude trat näher und sah die vor ihr Stehende mit funkelnden, wie im Fieber glänzenden Augen an.„Ich muß mal Herrn Selinger sprechen. Rasch!" Hastig schob sie Berta beiseite und machte Miene, aus der Küche in den langen Gang zu eilen. „Ne, ne, Fräulein Trude, halt! Was denken Se? Ich muß Se erst melden!" „Nein!" Trude machte sich von Bertas Hand los. „Ich habe lange jenug unten jestanden und jclauert. Sein Fenster kenn ich wohl, da brannte Licht hinter. Und die Mine kam eben runter, die sagte, Sie waren alleine oben mit ihm. Da lief ich rauf. Lassen Sie mich rein zu ihm— rasch!" Ihre Hand, die Bertas Hand packte, war eiskalt. Schnee- flocken, halb schon zu Wasser zerronnen, bedeckten ihren Hut, ihr Jackett: wie ein nasser Strick hing ihr die Boa um den Hals. Ihr Kleidersaum schleppte schmutzig. Die Locken hatten sich gelöst und hingen ihr in Strähnen um das blasse Gesicht. An jeder Strähne hinter dem durchfeuchteten Schleier hing ein Tropfen und sickerte langsam nieder wie eine schwerfließende Träne. Ein kaltes Wehen ging von ihr aus: sie selber fröstelte, ihr Mund zuckte in verhaltener Er- regung. „Berta," flüsterte sie heiser,„hat er sich schon verlobt? Er denkt nicht dran— was?" „I behüte, der--!" „Na ja, allens Mumpitz!" Ein kurzes, bitteres Lachen erschütterte das zarte Figürchen.„Na, warte man!" Schon lief sie in den langen Gang hinein, Berta ihr nach.„So warten Sie doch— Fräulein Trudchen— ich will's wenigstens sagen— er reißt mir sonst den Kopf ab!" Sie gönnte Herrn Leo den Besuch, der sich gerade danach anließ, als ob er mit einem Skandal enden würde, von Herzen. Sie freute sich darauf, aber sichern mußte sie sich vor jedem Vorwurf. Sie faßte Trudes.Kleid: zu gleicher Zeit erreichten sie beide das Zimmer. „Herein!" Nun bebte Trude doch zurück: Berta zwängte den 5kopf durch die Spalte.„Herr Selinger. eS möchte Sie jemand sprechen!" Der junge Herr richtete sich halb vom Sofa auf, die Beine ließ er noch oben.„Sagen Sie. ich bin nicht zu sprechen. Und denn kommen Sie wieder— ich habe einen Auftrag für Sie." Berta verzog das Gesicht zu einer Grimasse: sie kannte solche Aufträge. Kaum konnte sie ihre Schadenfreude unter einem unterwürfigen Ton verbergen:„'s is cn Fräulein, Herr Selinger, sie will durchaus—" „Donnerwetter!" Mit einem Ruck schnellte Herr Leo die Beine vom Sofa. Da stand Trude Reschke. „'n Abend," sagte sie anscheinend ruhig. Und dann für Momente Todesstille. Das war cm Blicken hin und wieder— er so rot, sie so blaß. Geräuschlos zog sich Berta zurück; sie wollte doch lieber von außen mit zuhören. Die Tür hatte sie nicht ganz ein- geklinkt, aber Trudes Hand schloß sie mit einem festen Ruck. Nun stand Berta, den Kopf vorgeneigt, mit angehaltenem Atem und lauschte, lauschte. Drinnen ein Gemurmel— das war Trude— und dann seine Stimme mit einem gemachten Ton des Staunens:„Ich— Briefe?! Ich habe keine Briefe be- kommen!" Nun schrie sie auf:„Du hast meine Briefe bekommen! Jott, wie viele Hab ich Dir jeschrieben. Wie Hab ich auf Dich jewartet, Stunden— Tage— Wochen! Alle, alle Abend— immer, immer I Du lügst! Du hast mich überhaupt belogen. Was hast Du mir vorjeredet: Du müßtest Dich verloben, Deine Mama wollt es vartu. Dil wärst io trauria— als wenn das en Irund wäre?! Konnteste mir nidj deswegen doch jut bleiben?! Aber Du hast'ne andre auf m Strich, ja, ja,'ne andre? Los sein wolltste mich— Tu hattst mich über— oh— Du Du!" Jetzt weinte sie; Berta hörte sie krampfhaft schluchzen. Und nun ein langes eintöniges Gemurmel, ein bs- schwichtigendes, leises Sprechen. Ter war klug! Ter wurde nicht grob, der versuchte es Mit gutem Zureden! Nun wieder eine schluchzende Stimme:„Was— was Hab ich Dir jetan?! Ach, Leo! Leo!" Gott, wie die sich hatte um den Kerl! Berta kräuselte verächtlich die Lippen. Das Mädel konnte einem Wahrhaftig leid tun; aber zu dumm'.var sie doch! Bon in, reu kam jetzt kein lauter Ton mehr, nur ein leises, leises Weinen. Berta war ganz müde von, Stehen; das dauerte ja ewig! Wurde das am Ende wieder was zwischen denen?! Aber jetzt— nervös schreckte sie zusammen— das war ein Schrei, wie der eines Tieres in Todesnot, halb Wut, halb Schmerz---„Behalt Dein Geld!" Prasselnd fiel etwas auf die Diele. Die Tür wurde aus- gerissen— kaum hatte Berta Zeit, beiseite zu springen— blind vor Tränen stürzte Trnde heraus und rannte, wie ge- jagt, den Korridor hinunter, dem Ausgang zu. (Fortsetzung folgt.) Oer(Zeigerknabe. Bon H. Sienkiewicz. Uebertragung von H. Hesse. Schon bei der Geburt war er zart und schwach. Die um das Bett der Wöchnerin versammelten Basen zuckten die Sitmltern bei der Frage nach den, Befinden von Mutter und Kind. Die Frau des SchmiedcO war die crfnbrenste von allen— sie wandte sich setzt an die Kranke mit den Worten: „Nun, ich stecke eine geweibte Kerze an. ES geht mit unS zu Ende, Frau Nachbarin— macht Euch fertig fiir die Reise ins Jen- feitS. Wir lassen den Pfarrer holen, damit er Euch die Absolution fiir Eure Sünden erteilt." «Bah i" ließ sich eine andere vernehmen.«wir müssen den Kleinen sofort taufen. Er wird nicht bis zur Anlunst des Priesters leben. Ich sage Euch, es wäre ein Wunder, wenn er nicht nn- getauft stirbt." Bei diesen Worten zündete sie eine Kerze an, nahm daS Kind, das mit den kleinen A eng lein blinzelte, als sie eS nun mit Weihwasser besprengte, und sagte: „Ich taufe Dich im Namen des LaterS, des Sohne" und des heiligen Geistes, und gebe Dir den Namen Pelcr. Und jetzt, christ- lichc Seele, kehre zurück, von wo Du gekommen!" Doch die Seele des Neugeborenen konnte sich durchaus nickt für die Idee begeistern, umzukehren und ihren armen, kleinen Körper zu Verlanen— im Gegenteil, sie begann mit den kleinen Bciuchen zu strampeln und mit schwacher, sehr ichwacher Stimme zu wimmern — die Basen glaubten, das Kind sei eure verhexte Katze oder etwas Aehnliches. _ Inzwischen kam der Geistliche, vollzog die Amtshandlung»md entfernte sich wieder. Die Kranke aber erholte sich, und eine Woche später ging sie ihrer Arbeit wieder nach. Das Leben des Kleinen hingegen hing immer noch an einem seidenen Faden— er schien kaum zu atmen. Allein vom vierten Jabre an ging cS ihm besser, und so lrat er jetzt schon in das zehnte Lebensjahr. Er blieb zart und schmächtig, hatte einen starken lluterleib, schlaffe Wangen und so Helles Flachshaar, dag es fast weist erichien— die Locken hingen ihm in die Äugen mit dem weichen Glanz, die grost in diese Welt blickten, als fühlten sie sich von ihr getrennt durch eine un- endliche Entfernung... Im Winter kroch er hinter den Oken, und die Kälte liest ihn mit Üäglichcr Stimme weinen. Ein andermal wieder war es der Hunger, denn das Mütterlein hatte nicht immer Holz für den Ofen oder Suppe für den Teller. Im Sommer ging es ihn, bester— er trottele umher im Hemd, einen Gürtel um den Leib und ein kleines Strohhülcheu auf dem Kopfe. Das leinenweiste Haar quoll unter dem Hui hervor, und er hob den Kopf und blickte in die Luft Wie ein Vögelchen. Die Mutter war eine arme Haushälterin, die voi« der Hand in den Mund lebte und wie die Schwalbe unter einem fremden Dache wohnte. Sie liebte ihn vielleicht auf ihre Art. ob- wohl fie ihn zuweilen sckl'ig und ihn einen lästigen Gast nannie. Als er acht Jahre alt war, konnte er sich schon als kleiner Schäfer nützlich machen. Allerdings— wenn er zu Hause nichts zu esien fand, ging er lieber in den Wald und suchte Pilze— ohne die geringste Furcht, ein Wolf könnte rhu zerreisten. Er war übrigens gar nicht lebhaft und lustig, und wenn man mit ihm sprach, stand er mit einem Finger im Munde da wie ein Dorfkind. Die Leute prophezeiten ihm kein langes Leben und glaubten nicht, seine Mutter sei froh, ihn zu haben, denn er war kaum zu irgend einer Arbeit zu gebrauchen. Wie er eigentlich aufwuchs— das weist man nicht. Es gab nur eins, wofür er eine entschiedene Neigung erkennen liest— die Musik. Er lauschte jeder Melodie, und je mehr er heranwuchs, desto aufmerksamer horchte er auf die Töne und Lieder, die an sein Ohr schlugen. Wenn er mit der Herde in den Wald zog oder mit den Kameraden durch die Felder streifte, um Beeren zu sammeln, kehrte er stets mit leeren Händen heiin und verkündete mit seiner helle» leisen Stimme: „Mutter, wie habe ich mich in, Walde gefreut! Ich habe ge- spielt, o gespielt.. „Ich werde Dir was zu freuen geben, Du Taugenichts!" Und sie ipiette ihm mit dem hölzernen Kochlöffel eine Melodie auf dem Rücken. Der Knabe jammerte und versprach, es nicht wieder tun zu wollen. Allein er hörte nicht auf zu erzählen, wie er es vn Walde singen und spielen gehört. Singen und spielen— was verstand er darunter? Die Weiden, die Tannen, die Birken und die anderen Bäume— alle sangen und spielten. DaS Echo klang, und auch auf den Feldern sangen die Halme. Und selbst in dem Garlcheu hinter der Hütte piepte» die Sperlinge— so laut, dast die Zweige der Kirschenbäume erbebten. Am Abend vernahm er überall ein heimliches Raunen und Flüstern und er meinte, das ganze Dorf habe eine Stimme und sänge. Wenn man ihn fort- »ckickte, er solle das Heu umwenden, glaubte er zu hören, wie der Wind klingend durch die Zähne seiner Gabel strick». Der Grohknecht ober sah, wie er reglmgSIoS dastand und auf den Wind horchte— um ihn aus seinen Träumereien zu entreisten, versetzte er ihm ewige Püffe. Die Leute nannten ihn Peter, den Mufikanten. Im Frühling schlich er sich gern von Hause fort, um sich eine Flöte zu schneiden. Des NacktS, wenn die Frösche quakten, wenn die Wachteln in der Steppe schlugen, wem, die Rohrdommeln im Schilf ihre Stimme erhoben und die Hähne in den Ställen krähten— dann war eS ihm unmöglich, zu schlafen, und seltsame Melodien zogen ihm durchs Herz.... Seine Mutter wagte nicht, ihn mit in die Kirche zu nehmen, denn wenn die Orgel ihr dmnpfeS Grollen oder ihre hellen Engel- stnnmen hören liest, verdunkelten sich die Augen des Knaben— oder vielmehr fie funkelten und sprühten, als strahlten sie den Zauber einer anderen Welt wieder... Der Nachtwächter, der das Dorf durchwanderle und dabei die Sterne zählte oder mit den Hunden sprach, um sich wach zu halten, gewahrte mcbr als einmal eine Meiste Gestalt in der Röhe der Gastwirtschaft— eS war der kleine Peter im Hemd, der fem Nachtlager Verlasien. DaS Kind wagte sich nicht ins HauS hinein— eS blieb brausten stehen, lehnte sich an die Mauer und horchte. In dieser Gastwirtschaft hielt sich mehr als ein tanzendes Paar auf— mehr als eine Gruppe junger Burscheu sangen fröhliche Lieder. Man hörte von brausten die Füge über den Boden schlürfen und vernahm junge Mädchenstimmen. Die Biolinen jubelten in leichtein Tone: Lagt nuS esien, lagt unS trinken, Lasset hell die Gläser klingen! Und das Cello murmelte mit ernster Stimme:„Wie Gott eS will I Wie Gott es will I" Durch die Fenster drang ein lebhaftes Lickt— jeder Balken des Hauses schien zu beben, zu singen, zu spielen. Und das Peterle horchte... Was würde er nicht gegeben haben für eine Bioline, die gleichfalls gesungen hätte: Lagt unS esien, lastt uns trinken. Lasset hell die Gläser klingen! Wer wie sollte er daS möglich machen? Wenn er noch wenigstens hätte eintreten und die Instrumente anrühren dürfen I Doch es war nur eine eitle Hoffnung— er konnte nichts Besseres tun alS horchen. Und er horchte, bis der Nachtwächter ihn plötzlich er- schreckte: «Willst Du Dich wohl nach Hause scheren. Du ungezogener Bengel I" Dann ging er mit nassen Fügen nach Hause, und noch in seinem Bette verfolgten ihn die Stimmen der Violinen, die durch das Fenster heremdrangen und jubilierten: Lastt uns esien, lastt unS trinken, Lasier hell die Gläser klingen I Und auch die Stimme des Cello hörte er. die so dunkel ant- wortcte:„Wie Gott es will! Wie Gott eS will!" ES war für ihn ein großes Fest, wenn er bei einer Hochzeit oder am Erntefest eine Bioline hören konnte. Er schlich sich dann hinter den Ofen, wo er fich den ganzen Tag über vetsteckt hielt, ohne einen Lau: von fich zu geben— man sah nur seine Augen, die in dem Dunkel glänzte» wie die einer Katze. Endlich gelang eS ihm nach vieler Mühe, sick ans kleinen Brcltchcn eine Geige und aus Pferde- haaren einen Bogen herzustellen. Die Töne jauchzten und jubelten allerdwgS nicht, wie er es aus den Hochzeiten gehört— die Saiten erklangen nur leise, so unendlich leise... kann» so laut wie daö Summen einer Biene. Dennoch aber spielte er vom Morgen bis zum Abend, obwohl er so viele Stöße und Püffe erhielt, dag er schließlich einem Apfel glich, der vor der Reife vom Baume gefallen. Von Tag zu Tag wurde der Knabe magerer. Nur sein Unter- leib blieb stark und die Augen wurde» immer größer und glänzender. Seine Wangen aksr waren hohl und schlaff, und seine Brust würde immer flacher. Er besaß gar keine Aehnkichkeit mit den anderen Kindern, wohl aber mit seiner Violine, die eine ebenso schwache Stimme hatte als er. Kurz vor der Ernte war er sogar den, Hungertode nahe, denn er lebte nur noch von Rüben... und von der Hoffnung, eines Tages eine wirtliche Violine zu besitzen. (Schluß folgt.) Charles Darwin* I. Darwins Lebet?. Von C. The sing. Die altehrlvurdiae Nniverfität Cambridge hat wohl noch nie in ihren Mauern eine so gewaltige Schar erster Gelehrter beherbergt, wie sie am 12. Februar ans aller Herren Lander zusammeuslröms» werden. Gilt es doch die IVO. Wiederlehr des Geburtstages Charles Robert Darwins zu feiern und seinem Gedächt- nisse Donk darzubringen für alles, Ivos seine rastlose Lebensarbeit der Menschheit geleistet hat. Heute ist der KampfeSruf fast ver- stmnmt, der sich noch vor wenige» Jahrzehnten an Darwins Ranien knüpfte, heute, da sogar bei unS in Deutschland von zahllosen be- nifenen Stellen lauter m'.d lauter die Forderung erhoben wird, die so lange verpönte EntwickelungSlehre zum Gegenstande des Schul- Unterrichts zu erheben. Wahrheit und Fortschritt lassen sich wohl zeitweise unterdrücken, aber nicht dauernd henimen. Auch wir dürfen den 12. Februar nicht stillschweigend vorübergehen lasien und koniten ihn nicht würdiger feiern, als indem wir uns rück- blickend klar zu machen suchen, was uns Darwin war, ist und innner bleiben wird. Charles Darwin entstammt einer alt eingesessenen englischen Familie, deren Stammbaum fich bis ins fiinfzehnts Jahrhundert zu- rück verfolgen läßt. ES ist ein eigentümlicher Zufall, ja vielleicht mehr als Zufall, daß bereits der Großvater von Charles Darwin, der Poet und Naturforscher Dr. Erasmus Darwin, fich mit den gleichen Fragen beschäftigte, deren lvissenschaftliche Lösung den Ruhm seines Enkels bilden follre, ja, daß Erasmus bereil-S den Absiammungsgedankcn in voller Klarheit ausiprach. Wenn man die Werke dieses ManneS, besonders seine im Jahre 1794 erschienene JSoonornia, or tho laws of organio lifo(Die Gesetze des organischen Lebens) liest, so berührt es seltsam, neben zahlreichen tiefsinnigen, ja fast niöchte man sagen divinatorisch vorausschauenden Ansichten andere, direkt kindliche Borstellungen von den einfack)sten LebenSvorgängrn zu finden. Einerseits der freie Blick deS weitschauendcn Natur- foricherS. ailf der anderen Seite die engen Schenllappen des theo- logischen Dogmatikers. Doch daß schmälert nicht seine Bedeutung. Erasmus Darwin lehrte bereits die Umwandlung einer Art in die andere und die Anpassung eines Organs an seinen Gebrauch. Doch welches die Kräfte seien,'durch welche Ilmwandlung und Anpassung beivirkt werden, daS befriedigend zu erklären war er natürlich noch nicht imstande. Bereits als Knabe hatte Darwin die Z o o n o m i a seines Großvaters gelesen und wenn sie auch damals ohne besondere Wirkung auf ihn blieb, so ist eö, wie er selbst in seiner Biographie schreibt, nichtsdestoweniger wahrscheinlich,«daß der Umstand, daß ich früh im Leben derartige Ansichten habe ausstellen und loben hören, es begünstigt hat, daß ich sie in verschiedenen Formen in meiner »Entstehung der Arten" aufrecht gehalten habe." Doch wir wollen dem Gange der Ereignisse nicht vorgreifen. Der Bater Darwins, Robert Maring, widmete sich gleich dem Großvater Erasmus dem ärztlichen Berufe, doch war er im Gegensatz zu Erasmus ein Mann deS praktischen Lebens, nüchtern und kein spekulativer Kopf. Charles sagt selbst von ihn,:„Die Richtung des Geistes meines BaterS war nicht wissen- schaftlich, auch versuchte er nicht seine Kenntnisse unter allgemeine Gesetze zu vereinigen, doch machte er sich fast für alles. ivaS ihm Vorkam, eine Theorie. Ich glaube nicht, daß ich intellektuell viel von ihm gewonnen habe". Trotzdem hing Charles an dem Vater mit einer zärtlichen Liebe, die er sich bis in sein spätestes Alter bewahrte. Es ist rührend, in seinen Tagebüchern und Briefen die Stellen zu lesen, in denen er auf seinen Bater zu sprechen komnit. Oft wenn er von ihm sprach, fing er seinen Satz mit den Worten an:„Mein Vater, der der weiseste Mann war, welchen ich je gekannt habe.." Und noch als alter Mann äußerte er einmal zu seiner Tochter Mrs. Litchfield:„Ich glaube, daß so lange ich jung war. mein Vater ein wenig ungerecht gegen mich war. Später aber erfüllte es mich mit Dank, denken zu dürfen, daß ich seines Herzens Liebling wurde." In der Tat muß Robert Maring auch ein wundervoller Mensch gewesen sein, der die Anhäng- lickkeil seines Sohnes voll verdiente, gutherzig, aufopfernd und frcigicbig, Eigenschaften, die in reichem Maße auf seinen Sohn übergingen. Charles Mutter, Susannah Wedglvood, starb ftüh, als er nur wenig über acht Jahre alt war. In dem gleichen Jahre 1817 wurde Charles in Shrewsbury in die Privatschnle des Herrn G. Cafe geschickt. DaS Lernen jedoch wollte dem lebhasten Knaben nicht sehr behagen und fiel ihm auch schwer, dagegen entwickelte sich damals bereits seine starke Neigung für Nawrlvissen- schuften und besonders für das Sammeln; Pflanzen, Muscheln, Mr.�raliei' und Eier wurden zusammengetragen. Es ist ein hübscher, sympathischer Zug, daß Darwin nie mehr als ein Ei aus einein Neste forlnahm, wie er überhaupt von Kindheit an gegen alles was lebte, human war. Ein �rechender kleiner Abschnitt aus seiner Bio- graphie mag dafür zeugen:„Einmal, als ich noch ein sehr kleiner Junge war. als ich in die Sammelschule ging, vielleicht auch noch kurz vor dieser Zeit, handelte ich grausam. Jw schlug ein junges Hündchen, wie ich glaube einfach in dem freudigen- Gefühle meiner Ueberlcgenhcit. Doch kann daS Schlagen nicht arg gewesen sein, da das Hündchen nicht heulte, worüber ich ganz sicher bin, da der Ort unmittelbar am Hause log. Diese Tat hat schwer auf meinem Gewissen gelastet, wie daraus hervorgeht, daß ich mich heute noch genau der Stelle er- innere(die Selbstbiographie hat er 1876 im Alter von 67 Jahren niedergeschrieben), an der das Verbrechen geschah." Im folgenden Sommer 1818 kam Charles in die große Schule deS Dr. Butlers, in der er bis zu seinem siebzehntsn Jahre blieb. Seine Freude am Lernen muß aber auch hier' nicht sehr groß gewesen sein, so daß sein Vater einst zu ihm sagte: „Du hast kein anderes Interesse als Schieße», Hunds und Ratten fangen, und Du wirst Dir selbst imt> der ganzen Familie zur Schande". Nun, diese Prophezeiung ist nidn ganz eingetroffen; aber Darwin selbst meinte, daß nichts für die Enlwickelung seines Geistes von schlimmeren Folge» hätte sein können als Dr. Butlers Schule mit ihrem rein klassischen Bildungsgänge. Es war daher sicherlich nur richtig, daß sein Vater ihn nicht länger mit der Schule quälte. sondern ihn trotz seines jugend- lich-n Allers im Oktober 1825 zu seinem Bruder auf die Universität Edinbttrg schickte, damit er hier Medizin studieren sollte. Doch alles tu Charles Jmrern sträubte sich gegen den auf- gezwungenen Berus,»md da er wußte, daß seine Familie in ge- sicherten VennögenSverhältnissen lebte, so trieben ihn auch keine Zukunstösorgen. nm sich einem Brotstudium mit besonderem Eifer zu widmen. Wie gering sein Interesse für Medizin war, beweist wohl am schlagendttc» folgender Satz aus seiner Biographie:„Ich war auch Mitglied der Royal Medical Society, die ich auch ziemlich regelmäßig besuchte.' Da aber dort fast nur über medizinische Fragen verhandelt wurde, so kümmerte ich mich nur wenig darum". Nutzlos waren aber die beiden Edinburger Jahre für Darwin doch nicht, da er eifrig naturwissenschaftliche Studien trieb und so den Grundstock für seine späteren Arbeiten legte. Ja, in dieser Zeit machte Darloin bereits seine ersten wissenschaftlichen Entdeckungen, die in dem Nachweise bestanden, daß die sogenannten Eier eines MooStierchens, Flustra mit Namen, in Wahrheit die Larven des Tieres waren, und daß ferner die kleinen kugeligen Körper, die man bis dahin für die Jugendform einer bestimmten Algenarr gehalten hatte. nichts anderes als Eikapseln eines marinen Wurmes waren. Wenn diesen Entdeckungen auch keine große lvissenschaftliche Bedeutung imiewohme, so zeigten sie doch bereits das gute BcobachtturgS- vermögen des JünglingS. In der Ferienzeil war eS Darwins höchster Genuß, mit der Flinte auf dem Rücken und einem guten Hunde jagend die Felder zu durchstreifen, ein Vergnügen, dem er sich mit wahrer Leidenschaft hingab, daS er dann aber plötzlich ganz und für immer ausgab, als die Dual eines krank geschossenen Rebhuhnes ihm das Grausame und Unwürdige dieses Sportes zeigte. Seit dieser Zeit benutzte er die Flinte mir noch zu wissenschaftlichen Zwecken. Nachdem Darwin so zwei Jahre lang in Edinüurg Medizin nicht studiert hatte und sein Vater zur Einsicht gekommen war, wie unangenehm ihm der Gedanke war, Arzt zu werden, schlug er seinem«ohne vor, sich dem geistlichen Berufe zu widmen. Nach kurzem Sträuben willigte Darwin, der damals noch ganz bibel- gläubig war, ein und bezog im Jahre 1828 die Universität Cam- bndge. Wenn man sich erinnert, mit welch fanatischem Haß Darwin später von den Orthodoxen verfolgt wurde, so berührt eS merkwürdig, daß er selbst einst den Gedanken hatte, Geistlicher zu werden. Wie er scherzend meinte, war er aber in einer Beziehung, wenigstens soweit man sich auf die Phrcuologen(Schädelkundigen) verlassen kann, zum Geistliche» ganz passend. In einer deutschen psychologischen Gesellschaft wurde nämlich die Form von Darwins Kcpf zum Gegenstand einer öffcntlicklcn Diskussion gemacht, wobe, einer der Redner ausführte, daß der die Ehrfurcht bezeichnende Höcker bei ihm in einer für zehn Priester genügenden Enlwickelung vorhanden wäre. Zum Glück für uns sollte Darwin auch dieses Studium nicht zu Ende führen. War aber auch der Cambridger Aufenthalt für die Theologie so gut wie verloren, so wurde er doch durch die engen Beziehungen, in die Darwin dort mit dem Professor der Botanik Henslow trat, für seinen ganzen späteren Werdegang von entscheidender Bedeutung. Durch Henslow, der bald die großen Gaben des jungen Studenten erkannte, wurde Darwin nicht nur in die Botanik eingeführt sondern auch mit dem berühmten Geologen Sedgwick bekannt gemacht, den er dann auf seinen wichtige e geologischen Exkursionen in Nordwales begleitete. So wurde Darwin tiefer und"tiefer in die verschiedenen Zweige naturwissenschaftlicher Forschung cingesührt. Nicht�unerwähnt darf der große Eindruck bleiben, den in dieser Zeit Sir I. Hcrschels großzügiges Werk über das Studium der Naturphilosophie aus Darwin machte. Vor allem aber erweckten Alexander von Hum- boldts wundervolle Ncisebcschrcibungcn in ihm den brennenden Wunsch,„einen Beitrag, und wenn auch nur den allachcschesdensten für das erhabene Gebäude der Naturwissenschaften zu liefern". llnftreitig das Ivichtigste Ereignis war aber für Darwin die ?luffovdcrung des Kapitän Fibroy, als Naturforscher an Bord deZ englischen Kriegsschiffes„Beagle" eine mehrjährige Forschungsreise um die Welt initzuinachen. Auch dieses Angebot war ein Werl Henölows. Lassen mir hier wieder Darwins eigene Worte redend �Jch will nur erwähnen, daß ich sofort erpicht darauf war, das Anerbieten anzunehmen. Mein Vater freilich erhob ernste Ein-- Ivendungen und es ivar mein Glück, daß er hinzufügte: Wenn Du irgend einen Mann von gejuridem Menschenverstand findest, der Dir zu der Reise rät. so will ich meine Zustimmung nicht der- weigern." Dieser gesuchte Mann fand sich in seinem Onkel Josiah Wüdgwood, imb am 27. Dezember 1831 verließ Darwin an Bord des „Beagle" Ehland, um erst fünf Jahre später dorthin zurückzu- kehren. Sein aussehcnerregenoeS Werk„Reise eines Natur- forsche rs um die Welt" sowie zahlreiche gccllogische und zoologische Arbeite» legen Zeugnis ab von der hohen Wissenschaft- lichcn Bedeutung dieser Fahrt. Schon die von dieser Reise aus nach der Heimat gerichteten Briefe verrieten eine so große B.'obach- tnngs-- und scharfe Kombinationsgabe, daß Sedgtoick Darwins Vater gegenüber eines Tages die Prophezeiung aussprach, sein Sohn würde rasch eine führende Stelle unter den tonangebenden wissen- schaftlichen Männern einnehmen. Auf dieser Reise erwachte auch zum ersten Male in Darwin seine Ansicht über die Entstehung und Umwandlung der tierischen Arten, cm Problem, dem die ganze Arbeit seines ferneren Lebens gewidmet war. So darf man denn mit Fug und Reckst behaupten, daß diese Weltumseglung an Bord -dcö„Beagle" auch bereits die Grundlage vorbereitete für DarwinS größte Schöpfung, die Entstehung der Arten durch natürliche Zucht- wähl. Fünfzig Jahre sind gerade verflossen, seit dieses Buch der Oeffcntltchkeit übergeben Wurde, aber noch ist frisch im Gedächtnis der Sturm, der damals die ganze gebildete Welt durchtobte. Bald»ich seiner Rückkehr in die Heimat ließ sich Darwin zuerst wieder in Cambridge nieder, wo sich seine reichen Samm- hingen unter HenSlows Obhut befanden. Doch schon im März 1837 siedelte:r nach London über und vermählte sich hier zwei Jahre später mit seiner Cousine Emma Wcdgwood, mit der ihn eine lange und glückliche Ehe verband. Dieser Londoner Aufenthalt führte Darwin mit zahlreichen hervorragenden Persönlichkeiten, vor allen Dingen mit dem Geologen Lyell zusammen, der großen Einfluß auf Darwin gewann. Seine wissenschaftlichen Arbeiten nahmen aber nicht gen gewünschten Fortgang, da er während der vier Jahre in London viel unter Krankheit zu leiden hatte. So entschloß sich Darwin 1842, oas Grotzstadtleben mit dem Lande zu vertauschen und ließ sich auf dem Landsitze Down bei Beckenham in der Graf- schaft Kcnt niedre. Hier begann eine rege wisicnschaftliche Tätig- Zeit. Unermüdlich urd ohne jemals das Endziel mis dem Auge zu verlieren, war Darwin bemüht, Tatsachen auf Tatsachen zu häufen, um so einen gesicherten Baugrund für seine Anschauungen über die Entstehung der Lebewesen zu schassen. Seine Arbeits- Zraft war eine ganz erstaunliche und erstreckte sich auf die aller- verschiedensten Zweige naturwissenschaftlicher Forschung. Mit voller Berechtigung durste er daher von sich sagen:„Ich habe so gut und so angestrengt gearbeitet, wie ich nur konnte und kein Mensch kann mehr als dies tun." Der Erfolg blieb ja auch nicht aus, und Darwin erlebte die hohe Befriedigung, seine Anschauungen den Siegeszug durch die Welt machen zu sehen. Niemals aber verließ ihn seine natürliche Bescheidenheit und seine Selbstbiographie schließt mit den schlichten Worten:„Bei so mäßigen Fähigkeiten, wie ich sie besitze, ist eS wahrhaft überraschend, daß ich die Met- imngen wissenschaftlicher Männer über einige bcdeuiungsvolle Punkte in beträchtlichem Grade beeinflußt habe." In den letzten Jahren seine? Lebens hatte Darwin viel unter Kränklichkeit zu leiden, aber trotzdem Ivar er immer noch forschend tätig. Am 19. April 1882 schloß er ruhig und zufrieden für immer seine Augen. Er wußte, daß sein Ende gekommen war, aber er empfani nicht die mindeste Furcht zu sterben. l>atte er doch erreicht, lvas ein Mensch sich nur wünschen darf:„Was mich selbst betrifft, so glaube ich recht gehandelt zu haben, stets der Wissenschaft zu folgen und ihr mein Leben zu widmen, ich fühle keine Gewissensbisse, irgend eine große Sünde begangen zu haben, wohl aber habe ich oft bedauert, daß ich meinen Mitmenschen nickt mehr direkt Gutes erweisen konnte." In der Westminsterabtei wurde Englands großer Toter zu Grabe gebracht. Der Denkstein trägt die schlichte Inschrift: „Charles Robert Darwin. geboren 12. Februar 1809. gestorben 19. April 1832." Virtuolentum in der modernen JVIurik. Di« verblüffenden Leistungen des Viriuosentums auf Musik- instrumenten sind nicht etwa eine Errungenschaft der neuesten Zeit, find aber auch keineswegs ein ständiges Erbgut der Vergangenheit. Vielmehr drängen sie sich in auffallender Weise auf einen ver- I hältnismäßig kurzen Zeitraum zusammen, d. i. von der Mitte des j 18. bis zu der des 19. Jahrhunderts, ausgenommen die schon ein > wenig früher zur Höhe gebrachte Violine. Das Unsoziale, Jndi- vidualistische, das im gesteigerten Solistentum liegt, bedurfte einer besonderen Episode, während sonst das der Tonkunst geradezu ! wesentliche Zusammcnspiel, also ein sozialer Charakter der Musik. ! wenigstens in der über das Altertum hinauSlicgenden Zeit wohl � allgemein geläufig war. UeberdicS gelangte die erwähnte Episode zu ciner abschließenden Höhe durch zwei Virtuosen: N. Paganini (1782—1840) auf der Violine und F. v. L i s z t llbll— 1886) auf dem Klavier. Die Fertigkeit der beiden überbieten zu wollen, ist ein so müßiges Beginnen, daß einem wahren Musikfreunde nur bange werden kann, wenn er wiederum von jemandem hört, der seine Lebenskräste dem Solospiel, zumal auf dem Klavier, widmen will. Die zu erhoffenden Fortschritte der Tonkunst liegen anders» wo. Außerdem hat gerade Liszt(im Gegensätze zu Paganini) über das Virtuosentum, das ihm selbst mehr nur ein Handwerkszeug war. hinaus- und auf Höhere» bingewiesen. Er selbst ist wahr- scheinlich nur im geringen Maße schuldig an den zahlreichen„Liszt- Buben" und„Liszt-Mädeln", welche die Konzertsaalwände e» schüttern. Kaum irgendwo liegt die Versuchung so nahe wie hier, Aeußer- lichicitcn und Nebensachen zur Hauptsache zu machen, namentlich aber in Ilebertreibungcn zu geraten. Robert Franz, gegenüber den fingerfertigen Scheinmusikern ein wirklicher Musiker, warf den Virtuosen seinerzeit als gemeinsamen Fehler das Ucbertrciben vor. Da» Zustark-Spiclen und teilweise auch das Zuschnell-Spiclen ist in der Tat ein allgemeiner Fehler. Man konnte ihn auch dem seit Liszt vielleicht üppigsten, wenngleich durchaus musikalischen Klavier- virtuosen A. R u b i n st e i n vorwerfen und wirft ihn gegenwärtig Eugen d'A I b e r t vor, der dem Genannten heute wohl am ahn- lichsten ist und von dem auf eigentlich Musikalisches ausgehenden Hörer vielleicht am liebsten angehört wird. Dieter Doppelfehler ist um so unangenehmer, als der ohnehin schon unschöne LAavicrton. der in Läufen und Akkorden noch am erträglichsten wirkt, beim ..Dreinhaucn" viel häßlicher wird, als die daran Gewöhnte» merken, und zur Unklarheit verleitet. Während die Erkenntnis der Musik, vom Allgemein-Aesthe» tischen angefangen bis zu historischen Einzelheiten, neuerdings wirkliche Fortjchritte gemacht hat. geht davon recht wenig auf die Solisten, zumal auf die„Klavierlöwen", über. Einzig lvar darin H. v. B ü l o w— und noch immer uncrsetzt. Wir meine» vor allem die HerauSarbcitung des musikalischen Aufbaues auS kleinsten und kleinen und größeren Bestandteilen, kurz die so- genannte Phrasicrung-, sodann im Zusammenhang damit die stets eher scharf als matt zu nehmende Charakterisierung durch Akzente usw., welche die Musik als eigenartig« Aussprache eines sceliscben oder geistigen Gehaltcö würdigen läßt. Endlich die von uns schon oft geforderte Ucberwindung des höchst beschränkten Konzert- repertoires. kurz die historische, jedoch daS Neueste einschließende Erweiterung. In all dem läßt sich wirklich über 1850 oder 1909 hinausgehen. Mit Freude begrüßen wir zwei Konzerte von Richard Bur» m e i st c r:„Die historische EntWickelung der Klaviersonate", deren zweites am 12. März kommen wird: das erste hatte mit Haydn de- gönnen, also viel zu spät eingesetzt. Wenn wir sonst auS dem Alltage des KonzertlcbenS allem gerecht werden wollten, was Gerechtigkeit verdient, so würden wir kaum zu Ende kommen. Am ehesten liegt uns ein Erinnerungö- wort nahe an die soeben in verhältnismäßig frühem Alter ge- ftorbcne 51 l o't i l d e K l e e b e r g(geb. 1866), die zwar von Paris ausgegangen und in Brüssel heimisch geworden war, aber auch bei uns ein freundliches Andenken hinterlassen hat.— Nicht zu ver- gessen endlich die undankbare, doch gerade musikalisch anspruchsvolle Tätigkeit der Klavierbegleiter von Gcsangssolistenl DaS von Amateuren im Hause vielgepslcgtc Vierhändig» spiel auf einem Klavier, das den Baß und den Diskant unschön gcgencinanderstcllt und gerade die gefalligere Mittellage weniger zur Geltung bringt, reicht lange nicht an das Vierhändigspiel auf zwei Klavieren heran, daS diese Lage begünstigt und namentlich durch intimes Jneinanderspiel die reizvollsten Wirkungen ermög- licht, dem Lärmen aber wehrt. Allzu selten erscheint cS auf dem Konzertpodium. Um so mehr freute unS am vergangenen Diens- tag ein solches Zusammcnspiel zweier Armenierinnen, Helene und Eugen ic Adam tan. Keinem„dringenden Bedürfnis" hilft heutzutage ein neuer Klaviervirtuose und selbst Violinvirtuose ab. Wohl aber würde dies durch die Wahl anderer Instrumente geschehen: jegliches kann Auf- merksamkeit brauchen, und zum Teile läßt sich damit geradezu „Geschäft machen". Zum Virtuosen von heute gehört auch der„P u l t v i r t u o s'c", d. h. der das Dirigieren gleich einem Solospiel Handhabende Kapell- meister. Verlegt er sich wie der Jnstrumentalist aufs Reisen, so geht wieder ein Stück vom sozialen Wesen der Kunst verloren d. h. das gegenseitige Einleben von Orchester und Dirigent. Lieber als solche Virtuosen nennen wir den Meister des Blüthner- Orchesters, das auch an sich ein rühmendes Wort verdient. K�a r l P a n z n e r leistet in den nach ihm benannten Konzerten nach mehreren Richtungen so viel, daß wir die zum Schluß rufende Enge unseres Raumes recht sehr bedauern dürfen. sz. Leraulw. Redakt.: CarlWermuth, Berlin-Rixdorf.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u. BerlagSaustall Paul Smaer LeCo.. Berlin LW.